Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
            Titel
            Vorspiel
            Kapitel 1
            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
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            Kapitel 13
            Kapitel 14
            Kapitel 15

Kapitel 3

Als Friedl vom Heustadl zurückkehrte, in dem er Benno untergebracht hatte, und wieder zu Modei in die Hütte trat, war’s in der niederen Stube schon dunkel geworden. Das Mädel hatte die Bank aus Fenster gezogen, durch das die letzte Helle des Abends hereinfiel, und war damit beschäftigt, in einem Holzgeschirr die kleinen Flanelltücher zu waschen, die zum Läutern der frisch gemolkenen Milch dienen.

„Bist noch allweil bei der Arbeit?“, fragte Friedl. „Siehst ja nix mehr.“

„Grad tut’s es noch.“

„Wann amal gstorben bist, ich glaub, da muss man deine fleißigen Händ extra totschlagen, damit s’ endlich amal zur Ruh kommen.“

„Es is net so arg.“

„Dein Almbauer hat’s neulich selber gsagt: Wie er seim Herrgott net gnug danken kunnt, dass er dich zur Sennerin hat. Schaffen und arbeiten tätst für zwei.“

„Wird wohl so sein müssen, weil daheroben auch zwei vom Bauern seim Sach essen. Und wann auf der Alm net die richtig Freud zur Arbeit hast von Fruh bis auf d’ Nacht, nacher bringt dich d’ Langweil um.“

„Zeitweis spricht doch a Bauer oder an Almer zu. Oder a Bursch?“

Modei schüttelte den Kopf. „Ich kann schon gar nimmer denken, dass wer heroben gwesen is. Du halt! Und der Hies.“

In scheinbarer Ruhe guckte Friedl zum Fenster hinaus. „Grad heut, hätt ich gmeint, wär einer dagwesen. Drunt am Steig hab ich frische Trittspuren gmerkt. Hab mir halt denkt, es war dein Bauer.“

„Ah na! Bei mir is kei’ Menschenseel net gwesen. Und ich will dir’s frei raus sagen: Froh bin ich, wann niemand auffikommt zu mir. Wann eins so dran is wie ich, muss man allweil ebbes hören, was eim weh tut.“

„So a schiechs Wörtl muss man halt abischlucken und nachher fest zu halten, dass ’s nimmer in d’ Höh kann.“

Modei seufzte. „Du tust dir bei so was leichter, weil kei’ stille Arbeit net hast, wo allweil sinnieren musst, und wo so a harts Wörtl Zeit hat zum Drucken und Nachwurmen. Du steigst umanand im Wald, allbot siehst ebbes anders, und allweil ebbes Schöns, dös gar kein’ schwarzen Gedanken aufkommen lasst. Ich sag’s, a Jager hat a nobels Leben!“

„Ah ja – wann d’ Lumpen net wären!“ Ein harter Zug senkte sich in die Stirn des Jägers. „Kei’ Stündl bist sicher, dass dir net einer a Kügerl auffibrennt auf’n Buckel, so a Spitzbub, so a verfluchter!“

„Schimpfst halt, weil a Jager bist! A jeds Gschäft hat sein’ neidischen Unverstand. Der Schmied schimpft auf’n Schlosser und der Pfarr auf die Luthrischen. Deswegen kann a Wildschütz a ganz an ehrenhafter Bursch sein, der halt ’s Jagern net lassen kann, weil er d’ Leidenschäftlichkeit im Blut hat. Und weil’s ihm in die Finger juckt, wann er an Wald sieht und an Berg anschaut.“

Langsam hatte Friedl den Kopf gehoben und blickte forschend in Modeis erregtes Gesicht. „Du? Was für ein’ meinst denn du?“

Jähe Röte flog über die Wangen des Mädels. „Kein’ Bsondern. Ich hab mir’s halt grad so denkt.“

„So? Aber ich sag dir: Net wahr is, dass ’s an söllenen Burschen gibt. So einer möchte weidgrecht jagern und net niederschießen, was Haar am Leib hat. Freilich, ich weiß, wie d’ Leut of reden. Daheim hab ich a Büchl, so a dumms. Da stehen söllene Gschichten drinn von die heiligen Wilderer. Und allweil is a schlechter Jager dabei, so einer, wie s’ der Teufel braucht ins unterste Schubladl. Der miserablige Kerl von eim Jager schießt von hinterrucks den heiligen Wildschützen abi über d’ Wand. Hunderttausend Fuß fallt er über d’ Felsen in die grausige Tief und bleibt am Leben, bis ihn sein treus Daxhundl findt und auffitragt im Maul, gradhin vor d’ Sennhütten von seim gottsfürchtigen Madl. Dö pflegt ihn nacher. Und wann er gsund is, macht ihn der König zum Förstner und gibt ihm a Gnadenzulag. Den Jager holt der Teufel. Ja, ja! So steht’s drin. Derlebt hab ich’s noch nie. D’ Wahrheit is anders. Einer, der’s im Blut hat, findt allweil sein’ richtigen Posten als Jager. Aber da heißt’s, eiserne Knochen haben. Wer kein Richtiger is, der plagt sich net gern. Und jede Wochen amal a Gamsgeiß stehlen, dös is allweil noch leichter, als sechs Tag lang in der Werkstatt schwitzen. Und gar so a nixnutziger Bauernbursch! Der wildert am Werktag, dass er am Sonntag mehr Geld hat zum Verspielen und Versaufen. Und gewildert, meint er, is allweil nobliger als gradweg gstohlen. So a Tropf, so an eiskalter!“

Modei war au feinen Stuhl gestiegen, um die Milchtücher zum Trocknen über die Herdstangen zu hängen. Eben wollte sie die Arme heben, ließ sie aber wieder sinken und wandte das Gesicht: „Du? Wen meinst denn du jetzt?“

„Ein’, den ich öfters spüren muss, als mir lieb is. Den wann ich amal derwisch, dem gnad unser Herrgott! So an Haderlumpen gibt’s kein’ zweiten nimmer. Ich und der ander Jagdgehilf, wir heißen ihn allweil den Neunnägel.“

Die Milchtücher hingen über die Stangen, und Modei trat vom Stuhl herunter. „A gspassiger Nam!“

„Der kommt von seiner Fährten. Jeder von seine Schuh is in der Mitten mit neun Nägel bschlagen. Wo dö Fährten hinführt, möchte’s eim grausen! Alles bringt er um, jahrige Gamskitzeln, Rehgeißen, Hirschkälber. Und an neumodischen Hinterlader hat er, dass er sich beim Stehlen leichter tut. Fünf abgschossene Patronen hab ich schon gfunden.“

„Gelt, mit so eim Hinterlader schießt man gschwinder?“, fragte Modei, während sie mit der abgebundenen Schürze die Wasserflecken von der Bank wischte.

„No freilich“, lachte Friedl, „weil man halt gschwinder laden kann! Jetzt hab ich mir auch so an Leffoschee kaufen müssen, dass ich als Jager net schlechter dran bin als wie der Lump.“ Er nahm sein Gewehr vom Haken, hielt es dem Mädel hin und zog den Verschlusshebel auf, so dass der Lauf sich öffnete. „Schau, da musst grad so a Druckerl machen. Nacher kannst die verschossene Patron aussizeihen und die ander dafür einischieben.“

Modei war näher getreten und beugte aufmerksam das Gesicht. Als Friedl den Lauf wieder einschnappen ließ, erschrak sie ein bisschen. „Geh, fuchtl net so umanand mit’m Gwehr! Wann ebbes passiert!“

„Ah na! Was ich in der Hand hab, macht kein’ Schaden. Da geht schon ehnder dein Millikübel los, als mir mei’ Büchs!“ Friedl ging zur Tür, um das Gewehr wieder an den Holznagel zu hängen. Da sprang der Lenzl in die Stube und tuschelte aufgeregt der Schwester was ins Ohr.

„Is wahr?“, fuhr Modei auf. „Hast ihn du –“ Sie verstummte, die Augen auf Friedl gerichtet, der neben der Tür stand. Lenzl flüsterte immer weiter. „Sei stad!“, raunte ihm die Schwester zu und umklammerte mit zitternden Händen seinen Arm. Wär’ es nicht so dunkel gewesen in der Hüttenstube, so hätte sie sehen müssen, wie bleich der Jäger geworden war. Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund, als er das Gewehr über die Schulter warf. Dann griff er nach dem Bergstock. Seine Stimme klang rau: „Pfüe Gott, Sennerin!“

„Was is denn?“, stammelte Modei. „Warum willst denn auf amal so gschwind davon?“

„Finster wird’s!“, klang Friedls Antwort von der Tür. „Ich hab noch an weiten Weg bis in Pirschhäusl.“

Mühsam rang das Mädel nach einem Wort. „Gelt, gib fein acht – kunntst leicht fehltreten bei der Finstern.“

Mit erzwungenem Lachen sagte der Jäger: „Da brauchst dich net sorgen! Ich schau fest hin auf’n Weg, kein’ Blick nach rechts oder links – verstehst?“ Das war wunderlich betont. „Und somit gut Nacht!“

Modei brachte keinen Gruß heraus. Und plötzlich huschte Lenzl dem Jäger nach, drängte sich an seine Schulter und flüsterte: „Du! Ich kunnt dir an Wildschützen verraten!“

Forschend spähte Friedl in das Gesicht des Alten, der mit lauerndem Blick an seinen Augen hing. „Ich dank dir schön! Dös braucht’s net.“ Er drückte Lenzls Hand und schritt hinaus in die Nacht.

Noch waren Friedls Schritte nicht verklungen, als Modei in Zorn und Sorge auf ihren Bruder zusprang. „Lenzl? Was hast du dem Friedl gsagt?“

Unwillig riss der Alte seinen Arm aus Modeis Händen. Seine Stimme klang gereizt: „Was ich ihm gsagt hab? Dass er mir besser gfallt als der ander!“ Er spähte hinaus in die Nacht. Es war schon zu dunkel, als dass er Friedls Gestalt noch hätte unterscheiden können. Die Tritte des Jägers klangen noch vom Steig herüber, wenn auch kaum vernehmbar. Als sie ganz verhallten, tat Lenzl einen kurzen Pfiff, trat zurück in die Stube und ging zum Herd, an Modei vorüber, die auf der Bank saß, mit den zitternden Händen im Schoss.

Auf dem Herd blies Lenzl die Asche von den Kohlen, legte kurze Späne über die glimmenden Reste und fächelte mit einem Rabenflügel Luft in die Glut. Knisternd züngelte ein Flämmchen auf, an dem der Alte eine Kienfackel entzündete. Als sie brannte, steckte er sie in den eisernen Ring, der neben dem Herd in der Holzwand befestigt war.

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