Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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Kapitel 2

„Zu was brauchst denn du dös viele Wasser? He! Punkl! Hörst heut schon wieder nix?“, rief auf der Grottenalm die Modei durch das kleine Hüttenfenster einer alten Sennerin zu, die am Brunnen stand und Wasser schöpfte. Mit der Schulter lehnte das junge Mädel am Fensterrahmen, während es sich mit der blauen, groben Leinenschürze die Hände trocknete. Es war eine schlanke, schmuck gewachsene Gestalt in ärmlicher, aber sauber gehaltener Kleidung; der dunkelbraune Rock reichte kaum handbreit über das Knie und ließ noch die grünen Wadenstrümpfe sehen; ein schwarzes Tuchleibchen umspannte die Brust; das Hemd von ungebleichter Leinwand reichte hoch an den Hals und ließ nur die Arme nackt. Das Gesicht hatte wenig Farbe; wie Schwermut lag es in den großen, dunklen Augen, und ein schmerzlicher Zug war um den Mund geschnitten; die Stirne war hoch, und darüber lagen, schwer und schwarz, drei durcheinander gewundene dicke Flechten.

„Punkl! Punkl!“, rief Modei wieder. „Hörst denn heut gar nix?“

„Ah, Modei, du bist’s!“, klang es von draußen mit einer heißeren Altstimme. „Machst schon bald Feierabend?“

„Ja! Geh, kehr a bissl zu, eh nach deiner Hütten auffisteigst!“

Ein tiefer, mehr drollig als schmerzhaft klingender Seufzer. „Heut hab ich wieder an schiechen Tag. Alls tut mir weh, der Kopf und der Buckl und d’ Füß und alls. Aber was ich sagen will –“ Die Stimme kam näher, „weißt es schon? Der alte Veri, mit dem ich vor a zwanzg a dreißg Jahr schiergar a kleins Liebschaftl angfangt hätt, der is jetzt in der Monika ihrer Hütten droben als hüter eingstanden. So viel hat er mir zugsetzt! Vor a zwanzg a dreißg Jahr. So viel zugsetzt. Aber ent an einzigs Ruckerl hat mei’ Unschuld gmacht. Fest bin ich blieben. Fest wie an Eisenstangerl. Und jetzt komt er als Hüter da auffi. Sag mir nur grad, was sagst jetzt zu so einer Neuigkeit? Ja, ja, schau, so kommt man halt wieder zamm.“ Die Alte trat an das offene Fenster heran und reichte Modei die Hand.

Ein müdes Lächeln kräuselte die Lippen des Mädels. „No, da wirst dich aber gwiss recht freuen drüber! Ob man früher oder spater zammkommt – wann nur überhaupt amal –“

„Was?“ Punkl hob die hohle Hand hinter das linke Ohr. „Was hast gsagt?“

„Dass dich freuen wirst!“

„Heuen? Ah na, drunten sind s’ schon lang fertig mit’m Heun.“ Die Alte verschwand vom Fenster und erschien auf der Türschwelle, eine kleine, komisch unförmliche Gestalt, weiblich nur in der oberen Hälfte, in der tieferen Halbscheid ein sonderbares Mannsbild. Die Röcke waren wulstig in die blauzwilchene Arbeitshose hineingestopft, so dass die Punkl um die Mitte herum aussah wie ein nach abwärts gerutschter Riesenkropf. Nach unten hin wurde sie in den trichterförmigen Hosenschäften immer mägerer. Fromm bekreuzigte sie das braune, von wunderlichen Fältchen durchschnittene Spitzmausgesicht. „Lieber, gnädiger Vater im Himmel droben, segne meinen Eingang!“

„Du? Punkl?“, sagte Modei, seltsam erregt. „Tut’s dich net reuen?“

„Wie? Wo? Wer?“, fragte die Alte flink, mit dem misstrauischen Blick der Schwerhörigen.

„Ob’s dich net reuen tut?“, schrie ihr Modei ins Ohr.

„Reuen? Was?“

„Dass fest blieben bist? Vor a zwanzg a dreißg Jahr.“

Nachdenklich studierte die Alte und fing zu nicken an. „Ja ja, a bissl tut’s mich schon reuen, ja! Aber ’s Frieren hab ich halt net derlitten. Dös Luder, dös damische, is allweil bei der Nachtwachterei zu mir ans Fenster kommen, im Winter, weißt, wann’s a söllene Kälten ghabt hat, dass man scheppern hat müssen im Hemmed. Ah na, ah na! Da is mir ’s warme Bett allweil lieber gwesen. No ja, und spaternaus, wie’s a bissl gwarmelet hat, da hat sich gar kei’ Glegenheit nimmer geben.“ Ein meckerndes Lachen. „Jetzt daucht mir, ’s alte Sprüchl kunnt wahr sein: Nimmt er ihm nix, der Mensch, so hat er nix.“ Gähnend guckte die Alte in der Sennstube herum.

Modei war zum Herd getreten. Verloren sagte sie vor sich hin: „Und nimmst dir ebbes, so wird’s a Gwicht und du musst tragen dran, bis d’ müd bist an Leib und Seel.“ Sie begann mit einer Sandbürste die hölzernen Milchgeschirre zu säubern, umfunkelt von der roten Abendsonne, die einen Strahl hereinwarf durch das kleine Fenster.

Die Stirn in Falten ziehend, guckte Punkl um sich her, als hätte sie ein geheimnisvolles Rätsel dieser Stube zu lösen. „Ich weiß net, wie dös kummt: Bei dir in der Stuben schaut’s allweil nett und freundlich aus. Und bei mir droben in der Hütten is allweil a Saustall, dass eim grausen kunnt. Oft muss ich selber sagen: Pfui Teufel!“

Das schien die junge Sennerin nicht gehört zu haben. Zerstreut und müde redete sie bei rastloser Arbeit: „Heut is er hart gwesen, der Tag. Die Blässin, unser beste Kuh, is a bissl marod. Ich hab schon Botschaft abisagen lassen, dass der Doktermartl auffikommt. Und unser Geißbock, der Muckerl, muss sich verstiegen haben. Der Lenzl sucht ihn schon den dritten Tag. Allweil hat man a Sorg auf der Seel, bald mit eim Menschen und bald mit’m Vieh. ’s Leben is hart.“

Wieder gähnte die Alte und trommelte mit der Hand auf ihren kreisrund geöffneten Schnabel. „Jetzt hab ich gmeint, bei dir gibt’s an Unterhaltung. Derzeit wurstelst du am Herd umanand und redst kein Wörtl!“

„Was?“ Modei musste lachten, trat auf Punkl zu und rief ihr ins Ohr: „Ich hab ja die ganze Zeit allweil gredt!“

Verwundert sah die Alte drein. „Ah geh! Kein Wörtl net hab ich ghört. Es ist mir bloß allweil so gwesen, wie wann a Brünndl rauscht.“

„Heut hast wieder an schlechten Tag mit die Ohrwascheln.“

Draußen ein schwerer Schritt. Friedl trat in die Stube. „Grüß Gott beinand! Is verlaubt, dass man zukehrt?“

„Nur eini, nur eini!“, kicherte Punkl. „Wo Weiberleut schnaufen, is a Jager a lieber Gast. Und gar a söllener, wie du einer bist.“ Sie hatte Friedl am Arm gefasst und ihn mitten in die Stube gezogen; nun hob sie sich auf die Fußspitzen, um den kleinen Strauß frisch gepflückter Almrosen betrachten zu können, den Friedl auf dem Hut stecken hatte. „Du! Den Buschen, den auf deim Hütl hast, den musst der Sennerin schenken! Dös is Brauch auf der Alm.“

„Gern auch noch!“ Friedl nahm den Strauß vom Hut. „Da hast ihn, Modei!“

Die Alte schnitt ein langes Gesicht und brummte missmutig: „No also! Alt sein heißt allweil: Hint dran sein.“

Modei, ohne die Blumen zu nehmen, wandte sich zum Herd. „Ich dank dir schön für den guten Willen. Aber da heroben in der Einöd kunnt ich mit deim Sträußl kein’ Staat machen.“

„Wie? Was? Nimmst es ebba gar net?“, zeterte Punkl. „O du Schlauche du! Gelt, ja? An eim Buschen, den a Jager tragt, is allweil a bissl a Wildblut dran. Und ’s Blut hat a sintipadetische Kraft. ’s Blut, sagen s’, hat Einwirkung auf d’ Herzmuschkelatur. Gelt, tust Angst haben vor der Eimwirkung?“

„Ah na!“, sagte Modei ruhig. „Vor so was fürcht ich mich net. Da is ebbes gut dafür. Gib her!“ Sie nahm die roten Blumen aus Friedls Hand und steckte sie an die Brust.

Mit schwermütigem Blick hing Friedl an der Gestalt des Mädels. Dann ging er schweigend zur Tür, wo er das Gewehr an einen Holznagel hängte und den Bergstock in die Ecke stellte. „Was is denn“, sprach er die Alte an, als er zum Herd zurückkehrte, „warum bist denn auf amal so stad? Was hat dir denn d’ Red verschlagen?“

„Was hast gsagt? Wen hab ich gschlagen?“

Friedl, ein Lachen erzwingend, ließ sich auf eine Bank nieder. „Hörst heut schon wieder nix? Mit dir is a Kreuz.“

„Kein Wunder, wann eim’s Kreuz weh tut. A Sennerin hat a schlechte Liegerstatt. Dös schlagt sich aufs Kreuz. Jaaa! Aber allweil kann man von Glück sagen, solang man noch eins hat, a Kreuz. Sunst müsst der Mensch sei’ Schattenseiten in der Schling tragen.“

Wieder lachte Friedl und streckte die Beine. „Heut tut mir ’s Rasten gut!“

„Hast schon an weiten Weg gmacht?“, fragte Modei.

„Ah nah, grad a paar Stund bin ich auf die Füß.“

„Dank schön“, fiel Punkl ein, „mit meine Füß geht’s gottlob noch allweil gut!“

„Aber mit’m Ghör“, schrie Friedl, „gelt, da lasst’s a bissl aus!“

„Ah bewahr! Hören tu ich ganz gut, aber halt bloß auf einer Seit. Auf der anderen muss mir ebbes zugwachsen sein!“

„Da bist net amal schlecht dran! Wann man dir zu eim Ohr ebbes einischreit, kann’s zum andern nimmer aussi.“

Modei war hinter der niederen Kammertür verschwunden; nun kam sie mit einer Schüssel voll Milch und reichte sie dem Jäger. „Musst halt verliebnehmen mit dem, was ich hab!“

Mit bitterem Lächeln hob er das Gesicht zu ihr. „Ich bin keiner von die Ungnügsamen.“ Er sah in ihre Augen und erschrak. „Madl?“, fragte er in Sorge. „A bissl blasselen tust. Was hast denn?“

„Ich? Nix.“ Modei ging zum Herd und nahm die Arbeit wieder auf.

Lachend puffte Punkl den Jäger mit dem Ellbogen an die Schulter. „Wärst bei mir einkehrt, da hättst an Schmarren kriegt. Schwimmen hätt er müssen im Schmalz.“

„Daherinn gefallt’s mir auch bei der magern Milli.“ Friedl zog seinen Blechlöffel aus der Tasche und begann zu essen. „So a Hüttl! So ebbes Liebs und Saubers!“ Lachend sah er auf. „Is schon wahr, in dö alte Hütten bin ich ganz verliebt.“

Über das Gesicht der Alten hsuchte das Grinsen einer holden Freude. Verschämt begann sie mit der Schürze zu spielen. „Geh weiter! Jesses! Freilich ja, dreißg Jahrln wann ich jünger wär!“ Sie guckte an sich hinunter. „Und ausschauen tu ich, o mein, o mein!“ In dem Bestreben, etwas weiblicher zu erscheinen, streifte sie flink die blaue Zwilchhose hinunter und schüttelte die Röcke. „Ja, a fünfazwang, bloß a zwanzg Jahrln jünger! Und a gute Glegenheit! Da kunnt ich net einstehn dafür, ob ich festbleiben tät. Freilich, ’s Unschuldskranzerl is ebbes wert. Aber du gfallst mir! An Burschen, wie du einer bist, gibt’s kein’ zweiten nimmer. So viel gute Eigenschäften hast, dass ich vierazwanzg Finger haben müsst zum Aufzählen.“

Ein kurzes Lachen klang vom Herd herüber. „Geh, lob ihn net gar a so! Andere Buben sind auch noch ebbes wert!“

„Waaaas hast gsagt?“, fuhr die Alte wütend auf. „Ah na, so ebbes därfst fein von mir net glauben! A bissl alt bin ich freilich. Aber sittenbestrebsam bin ich leider Gottes noch allweil gwesen.“

„Drah dich um, Punkl!“, rief Friedl lachend. „Dösmal hast auf der falschen Seiten ghört!“

„Was hast gsagt? Ah na! So ebbes lass ich mir net gfallen!“

Friedl zog sie am Arm zu sich herunter und schrie ihr ins Ohr: „D’ Modei hat ’s Allerbeste gredt von dir. An Ausbund von aller Tugend hat s’ dich gheißen. Is schon wahr! Dir hat’s der Landrichter zuprotokolliert, dass d’ amal von sechs weiße Jungfern tragen wirst, wann d’ auffifluderst ins Himmelreich.“

Die Alte wurde dunkelrot vor Ärger. „So? So?“, schrie sie auf die junge Sennerin ein. „Freilich, wann du amal stirbst, da musst dich z’erst für dein Kind um an Vatern umschauen. Damit ein’ hast, der dir’s letzte Hemmed zahlt!“ Sie fuhr zur Tür hinaus, und eine Weile noch klang ihre scheltende Stimme herein in die Stube.

Bleich, an allen Gliedern zitternd, lehnte Modei an der Herdwand. Und als das Schelten und Krieschen da draußen verhallte, schlug sie den Arm vor die Augen, und ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihre Brust.

Auch aus Friedls Gesicht wich alle Farbe, als er die Folgen seines harmlos gemeinten Spaßes erkannte. „Himmel Herrgott –“ knirschte er vor sich hin. Ratlos stellte er die Milchschüssel fort, ging auf Modei zu und versuchte ihr den Arm vom Gesicht zu ziehen.“Geh, tu dich net kränken, weil die narrische Nocken im Zorn ebbes Unguts daherplauscht hat! Schau, in eim Viertelstündl weiß dö alte Hex ja nimmer, was ihr übers Radl glaufen is.“

Ruhig befreite Modei ihren Arm. Dann sagte sie, schon wieder bei der Arbeit: „Was hast aber auch mit so einer unsinnigen Red daherkommen müssen!“

„Ich hab mir nix Unrechts denkt dabei.“ Friedl setzte sich wieder auf die Bank, hob die Milchschüssel auf die Knie, zog ein Stück Brot aus der Joppentasche und brach es in kleine Stücke, die er in die Milch warf und mit dem Löffel herausaß. Es schien ihm nicht zu schmecken. Und das Essen musste für ihn eine harte Arbeit sein. Ein ums andere Mal fuhr er sich mit dem Ärmel über die Stirn. Dabei spähte er immer zu Modei hinüber, die zwischen Herd und Kammer hin und her ging, um die gespülten Milchgeschirre zu verwahren. Und plötzlich fragte er: „Wie geht’s denn deim Büberl?“

„Ich dank schön, gut!“

„Is a liebs Kindl! Wie ich ’s letzt Mal draußen war in Lenggries, hab ich’s gsehen. Gsund und rund wie an Apfel. Und ’s ganze Köpfl voll braune Schneckerln. Wie alt wird’s denn schon sein?“

„Auf d’ Fasnacht wird’s zwei Jahr.“

Friedl nickte. „D’ Almkinder kommen allweil um d’ Fasnacht rum auf d’ Welt. ’s Fruhjahr auf der Alm hat halt so ebbes. Da muss der Mensch nachgeben.“ Eine Weile schwieg er. „’s Büb erl wird wohl gut aufghoben sein bei dö Leut, die’s in Pfleg haben?“

„Da muss ich glauben dran.“ Das war ein schwerer Seufzer. „Viel zahlen kann ich net. Vater und Mutter hab ich nimmer. Heimat hab ich auch keine. Bei der Arbeit auf der Alm kann ich ’s Kind net haben. Was will ich denn machen?“ Müder Kummer sprach aus ihren Augen, als sie nun schweigend stand und zum Fenster hinausblickte.

Friedl erhob sich. „Madl! Schau, mei’ Mutter hat drunt in Fall ihr kleins Häusl, in dem s’ allein umanandwurstelt. Viel Plag macht ihr dös bissl Hauswesen ent. Und da hat s’ allweil Zeitlang. Wie wär’s, Modei, wann ihr dein Büberl in Pfleg geben tätst? D’ Mutter hätt a damische Freud damit.“

Schwer atmend ließ Modei die Hände fallen und stand unbeweglich.

Mit zerdrückter Stimme sagte Friedl: „Was die Kösten anbelangt – mein, was braucht denn so a Schnaberl, so a kleins? D’ Mutter tät’s wegen der Freud. A Kindl is allweil ’s Liebste, was man haben kann. – Modei? Was meinst?“

Langsam hatte Modei das Gesicht gewandt und sah dem Jäger lang in die Augen. Ein leichtes Rot stieg ihr in die Wangen. Dann schüttelte sie den Kopf mit dem leisen Wort: „Ich dank dir schön!“

Er bettelte: „Geh, Modei, gib ihr’s!“

„Na, Friedl! Dös geht net.“

„Schau, gar so kurz sollst mich net anlassen! Dass ich dir’s gut mein’, dös weißt doch net erst seit gestern. Denk zruck an die alten Zeiten: Wie ich zu dir als a kleiner Bub schon allweil –“

„Sei stad!“, fuhr Modei auf. „Es kommt wer!“ Bleich werdend, lauschte sie auf den Schritt, der sich der Hüttentür näherte.

„Dös is bloß der Herr Dokter, weißt, der junge Herr, der ’s letzt Mal dagwesen is mit mir. Ich hab ihm gsagt, er soll sich vom Almspitz d’ Aussicht anschaun. Hab denkt, er verhalt sich länger. Schad drum, dass er schon kommt!“

„Oder besser – wer weiß!“, flüsterte Modei.

Benno trat ein. Mit herzlichem Gruß drückte er Modeis Hand und floss über vom Lob der schönen Fernsicht, die er genossen hatte. Als er sich setzen wollte, mahnte Friedl zum Aufbruch, weil die Dunkelheit käme, ehe sie die Jagdhütte erreichen könnten. Enno hatte keine Lust zum Weiterwandern; es gefiel ihm in der Hütte. Er stellte Gewehr und Bergstock in die Ecke, warf den Rucksack ab, zog die Joppe aus und machte sich’s am Herd bequem.

„Wissen S’ was, Herr Dokter“, sagte Friedl, „bleiben S’ da über Nacht! Morgen in der Fruh hol ich Ihnen nacher ab. Wir haben von da aus a leichters Steigen zum Gamsberg auffi, und der Weg zur Jagdhütten und zruck is Ihnen verspart.“

Benno war einverstanden. „Modei? Willst du mich behalten?“

„Ja, schon, warum net? Zum Heustadl müssen S’ halt auffisteigen! Da haben S’ a ganz a guts Liegen droben. Herin in der Hütten können S’ net bleiben. Im Kreister is grad Platz für mich und mein’ Brudern.“ Sie deutete nach einer Brettertruhe, die in Mannshöhe vom Boden die ganze Breite der hinteren Stubenwand einnahm und quer durch die Mitte von einem bis an die Decke reichenden Verschlag abgeteilt war; die eine Hälfte, mit getrocknetem Berggras angefüllt, diente als Schlafstätte für Modeis Bruder; in der für die Sennerin bestimmten Hälfte war über das aufgeschüttete Heu ein grobes Leintuch gebreitet, und darüber lag noch ein bauschiges, blau überzogenes Kissen und eine wollene Decke. Unter dem Kreister, den drei plumpe, in den Lehmboden eingerammte Pfähle stützen, lag dürres Scheitholz aufgebeugt; die vorstehenden Scheite wurden beim Aufsteigen zum Bett als Trittsprossen benützt.

Benno betrachtete den Kreister; diese Brettertruhe kam ihm vor wie ein an die Wand genagelter Sarg, den der Herr der Gräber seinem Zwillingsbruder, dem Schlaf, zur Benutzung überlassen hatte. Nein! Lieber ins Heu!

An den Kohlen, die auf dem Herde glühten, steckte er einen Holzspan in Brand und zündete sich eine Zigarre an. Dann trat er hinaus ins Freie.

„Soll ich dem Herrn noch ebbes kochen?“, wandte sich Modei an Friedl.

„Ah na! Für’n Abend hat er schon selber ebbes im Rucksack. Aber morgen in der Fruh kunnt ihm ebbes Warms net schaden.“

Frield hatte noch nicht ausgesprochen, da schie im Freien draußen eine zerbrochene Stimme: „Modei, Modei, ich hab ihn gfunden!“ Hastig schlorpende Tritte näherten sich der Hütte, und in der Tür erschien ein weißhaariger Mensch: Lenzl, der Bruder Modeis. Ein zerrissener Strohhut, dicht besteckt mit Alpenblumen, bedeckte den Kopf und überschattete das von einem struppigen Weißbart umrahmte Gesicht. Eine verwetzte Lederhose umhüllte die mageren Beine bis zu den Knöcheln, um Brust und Arme hing in Falten ein grobes Hemd, und darüber trug der Alte eine kurze Jacke, die weder Knöpfe noch Ärmel hatte. Keuchend lallte er auf der Schwelle: „Ich hab ihn gfunden!“ Dann presste er die Fäuste auf die arbeitende Brust.

„Is wahr?“, rief Modei in Freude.

„Ja! Ja!“

„Wen hast gfunden?“, fragte der Jäger.

Lenzl blickte auf. „Jeh, du bist da!“ Er legte die Hände auf Friedls Schultern. „Ich freu mich jeds Mal, sooft als kommst. Bist a guter Mensch, und ich hab dich gern.“

Friedl zog den Alten an sich. „Und mir geht’s grad so mit dir! Hab allweil mei’ Freud, wann ich a Stündl plauschen kann mit dir.“

„Ich weiß schon, ja!“, murmelte Lenzl und sah mit irrendem Blick an Friedl vorüber. „Völlig anders bist als wie die anderen, die allweil spötteln und ihren Narren haben mit mir. Aber wart nur – “ Der Alte schien sich in ein anderes Geschöpf zu verwandeln. Das Gesicht erstarrte, die Augen erweiterten sich, und seine Stimme, die tief geklungen hatte, bekam einen hohen, fast knabenhaften Klang. „Es gibt an Zahltag, wie’s an Gott im Himmel gibt. Der hockt da droben und passt, bis ’s richtige Stündl schlagt! Nacher – nacher –“ In wortlosem Brüten sank ihm der Kopf auf die Brust. Dann sah er verwundert auf, strich langsam mit dem Daumen über die Augenbrauen, war der gleiche wie früher, hatte wieder die tief klingende Stimme und rief seiner Schwester lachend zu: „Weißt, wo ich ihn gfunden hab?“

„Wen denn?“, fragte der Jäger.

„Den Muckerl, unsern Geißbock! Zwei Tag is er uns abgangen, und d’ Modei hat sich schier d’ Augen ausgweint. Drum bin ich heut den ganzen Tag umanandgstiegen. A Stündl kann’s her sein, dass ich ihn gfunden hab, droben im Luderergwänd, auf eim Steinspitzl, wo er sich nimmer rühren hat können, der arme Teufel!“

Modei war näher getreten und sah nun erst, dass Lenzls Ärmel zerrissen und die Hose an Hüfte und Schenkel zerschunden war. „Jesus, wie schaust denn aus!“

„Wie ich den Muckerl aussitragen hab, da hat’s a kleine Schlittenfahrt geben. Macht nix, macht nix! Ich stirb net im Gwänd.“ Wieder verwandelte sich sein Gesicht, seine Stimme. „Für mich gibt’s kein Sterben. Ich muss warten bis zum Jüngsten Tag. Wann nacher mein Lisei aufsteht aus’m Grab, nacher wird Hochzet gmacht, juhu!“ Lenzl schnalzte mit den Fingern und bewegte die Arme wie zum Tanz. Dann hatte er die Augen eines Erwachenden, warf den blumenbesteckten Hut auf die Bank, und während er zum Herd ging, strich er mit zitternden Händen die langen, weißen Haare glatt, die ihm bis auf die Schultern hingen.

Modei setzte sich an seine Seite, und während sie ihn liebkoste gleich einem Kind, fragte sie in Sorge: „Tut dir auch gewiss nix weh? Hast dich net aufgrissen an eim Felsen oder an die Latschen?“

„Na, Modei, gwiss net! So a kleins Rutscherl is lustig. Dös tut eim nix.“ Er schloss die Augen und lehnte den Kopf an die Brust der Schwester. Still war’s in der Hütte. In Lenzls tiefe, wohlige Atemzüge mischte sich nur das leise Knistern der auf dem Herde glimmenden Kohlen, und von draußen klang das Läuten der Schellen und das Gemurmel des Brunnens.

Friedl saß auf der Bank. Er hatte die Pfeife angezündet und blies den Rauch vor sich hin. Die blauen Fäden schlangen sich in den roten Sonnenglanz, der durch Tür und Fenster hereinfiel in das Halbdunkel der Hütte. Da sagte Lenzl mit der hohen Knabenstimme: „Grad so, wie d’ Schwester, hat mein Lisei allweil schmeicheln können.“ Ein schrilles Lachen. „Wie, Jager? Kann’s ebba dein Schatz auch so gut?“

„Schatz? Ich hab kein’!“, sagte Friedl ruhig und griff nach Lenzls Hut, um die aufgesteckten Blumen zu betrachten.

„Gelt! Schöne Blümeln!“, kicherte Lenzl und richtete sich auf. „So a Blümel is ebbes Liebs! Und a jeds verzählt, wie viel der Herrgott kann! Dö saubern Farben, dö s’ haben! So rot und so frisch wie ’s Almröserl, so rot und so frisch war mein Lisei sein Göscherl! Und Äugerln hat s’ ghabt, so samtbraun wie’s Gamsrogerl. Und so fein und so schlingig wie d’ Fäden von der Steinrauten sind ihre Haar gwesen. Aber auf der Welt, da gibt’s kein Blüml, dös so falsch sein kunnt, als wie mein Lisei war!“ Mit zitternden Händen zerknüllte Lenzl den Hut, riss die Blumen aus dem Band, zerrupfte die Blüten, warf sie zur Erde und trat sie mit Füßen. „Weißt, Jager, da is amal a Sonntag gwesen. Und beim Wirt, da haben s’ a Musi ghabt. Und ich kein’ lucketen Kreuzer im Sack. Drum is meim Lisei mit’m Grubertoni tanzen gangen. Und gsungen haben s’ und gjuchezt. Und tanzt haben s’ allweil –“ Lenzl klatschte in die Hände und stampfte im Tanztakt mit den Füßen. „Grad zittert hat alles. Und auf amal, da kracht’s Und der ganze Tanzboden bricht ein. Und sechs junge Leut hat’s derschlagen. Und den Grubertoni!“ Ein gellendes Lachen. Weiß traten dem Alten die Augen aus den Höhlen. „Alle hat’s derschlagen – den Grubertoni – und ’s Lisei –“ Das Lachen verstummte. Nun ein leises, klagendes Weinen.

Da klang von ferne der lang gezogene Juhschrei einer Sennerin. Lenzl fuhr lauschend auf. „’s Lisei kommt!“ Er sprang zur Tür und taumelte ins Freie. „Lisei! Lisei!“, hörte man ihn schreien. Dann wieder sein Wimmern: „A Narr – ich bin a Narr, a verruckter – alle hat’s derschlagen –“

Schweigend saß Modei auf dem Herd, das Gesicht in die Hände gedrückt. Friedl nagte stumm an der kalt gewordenen Pfeife, bis ein Geräusch ihn aufblicken machte. Benno stand bei der Tür und winkte ihm. Der Jäger stand auf. Als er vor die Tür trat, fasste ihn Benno am Arm und zog ihn zu einem Grashang, von dem man hinuntersah nach Fall und in das weite, von den Schatten des Abends umflossene Tal.

Durch das Fenster hatte Benno das Gebaren des Alten mit angesehen und wollte wissen, was die Worte des Irrsinnigen zu bedeuten hätten.

Friedl seufzte. „Man kann net sagen, dass er verruckt wär. Und kann net sagen, dass bei ihm unterm Hirnkastl alles in Ordnung is. Die meiste Zeit is er ganz beinand, und da redt er gscheider als mancher andre. Aber diemal kommt’s halt so über ihn. Verargen kann man’s ihm net, dem armen Teufel! Was der schon durchgmacht hat im Leben! Über die zwanzg Jahr mag’s her sein – d’ Modei war selbigs Mal noch a Kindl und der Lenzl a Bursch in die besten Jahr –“

„Ist das möglich?“, unterbrach ihn Benno. „Ich hätte den Alten auf Siebzig und darüber geschätzt.“

„So schaut er aus. Und is noch net amal in die Fufzg. Und selbigs Mal is dem Lenzl sein Haus niederbrennt. ’s ganze Anwesen und ’s Vieh, alles ar hin. Und Vater und Mutter sind ihm verbronnen. ’s kleine Modei hat a Bauer in Pfleg gnommen, der keine Kinder ghabt hat. Dös wär a guts Platzl gwesen, wann net der Bauer a bissl gar z’fruh gstorben wär. Wie d’ Verwandten den Hof übernommen haben, war’s für d’ Modei aus mit der guten Zeit. Kaum fufzehn Jahr war s’ alt und hat sich als Hütermadl verdingen müssen. Herr, dös is a sauers Brot. No, wenigstens hat s’ nacher keine Schläg und schiechen Reden mehr leiden müssen. Und den Bruder hat s’ bei ihr haben können und hat den Burgermeister net allweil jammern hören, was der Lenzl der Gmeind für Unkösten macht. Wissen S’, der Lenzl der Gmeind für Unkösten macht. Wissen S’, der Lenzl is selbigs Mal nach der Brandnacht in a schwere Krankheit verfallen. Ich weiß net, wie s’ der Dokter gheißen hat. Lang hat’s dauert. Z’erst is der Lenzl bei meim Vater im Haus glegen. Aber wie’s allweil ärger worden is, hat er nach Tölz ins Krankenhaus müssen. Wie er aufgstanden is, hat er ganz weiße Haar ghabt. Und alls, was früher gwesen is, war ihm aussigfallen aus’m Köpfl. Erst nach und nach is ihm diemal wieder ebbes eingfallen.“

Friedl klopfte an einem Stein die erloschene Pfeife aus und steckte sie in die Joppentasche.

„In die ersten Jahr hat’s mit’m Lenzl so ausgschaut, als ob’s aus und gar wär mit seim bissl Verstand. Und wie ihm ’s Köpfl hab wieder licht war, is dös ander Elend kommen. Sie wissen ja, wie d’ Leut oft sind – schlechter als schlecht oder dümmer als dumm. Die Burschen und Madln haben allweil ihren unguten Gspaß mit’m Lenzl trieben und haben ihn zum Narren ghalten. Am ärgsten hat’s dem Rudhammer sein Madl mit ihm gmacht. Dö hat Lisei gheißen und war der Schatz vom Grubertoni. ’s Madl is sauber gwesen, aber boshäftig wie drei Katzen. Sooft d’ Lisei den Lenzl gsehen hat, hat s’ ihre Dummheiten mit ihm trieben und hat ihm fürplauscht, wie arg er ihr gfallen tät. Und schön hat s’ ihm tan, wie wann er richtig ihr Gspusi wär. Dass dem Lenzl dös gfallen hat, können S’ Ihnen denken! So ebbes glaubt man leicht.“

Die ernsten Augen des Jägers glitten hinüber zu Modeis Hütte.

„Alls hat der Lenzl für Ernst gnommen und hat von der Lisei gredt und träumt bei Tag und Nacht. Die andern haben ihn aufzogen und gspöttelt. Und d’ Lisei selber am allerärgsten. Unser Herrgott hat s’ aber auch gstraft dafür. Amal, wie Kirta war und Musi beim Wirt, da is d’ Lisei mit’m Grubertoni zum Tanz gangen. Dös hat er gmerkt, der Lenzl. Auf der Straßen vor’m Wirtshaus hat er s’ gstellt. Da hat ihn d’ Lisei an Narren gheißen, an verruckten Deppen, und hat ihm ins Gsicht gspieben. Und der Grubertoni hat ihn packt und hat den krankhaften Menschen so verdroschen, dass der Lenzl schier liegen blieben is am Platz. Wie für die andern zwei dö Lustbarkeit ausgfallen is, dös haben S’ ja grad vom Lenzl selber ghört. Wort für Wort is alles wahr!“

„Armer Kerl! Schau, da drüben steht er!“, flüsterte Benno und deutete nach einer Felsplatte, die frei hinausragte über den waldigen Hang. Regungslos stand der Alte da drüben. Im ziehenden Bergwind flatterten seine langen weißen Haare und die Fetzen des zerrissenen Ärmels.

Friedl blickte sinnend hinunter ins dunkel gewordene Tal und sagte langsam: „A bissl hart zum verstehn is so a Herrgottsstraf. A Menschenunsinn, dümmer als boshaft! Und deswegen gleich auf’m Tanzboden sechs junge Leut derschlagen und vier Unschuldige mit einireißen? Wann einer weiß, wie gut unser Herrgott is, möchte man gar net glauben, wie grob als er sein kann.“

„Der Herrgott?“ Benno lächelte. „Ob man das nicht dem Maurer und Zimmermeister auf die Rechnung schreiben muss? Hoffentlich ist das Dach, unter dem ich jetzt schlafen will, besser gebaut als der gottssträfliche Tanzboden von Lenggries.“

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