Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Jäger von Fall

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      Ludwig Ganghofer
         Der Jäger von Fall
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Kapitel 1

Wer von Lenggries an der Isar aufwärts wandert, um über Hinterriß und das Plumserjoch hinabzupilgern an den blaugrünen Achensee, der hat voraus zwei gute Stunden zu marschieren, um die erste Haltstation, den Weiler Fall, zu erreichen. Eng eingezwängt zwischen ragende Berge und bespült von den kalten Wassern der Isar und Dürrach, die hier zusammenfließen, liegt dieser schöne Fleck Erde in stillem Frieden. Hier ist nur wenig Platz für Sommergäste; ein kleines Bauernhaus zuvorderst an der Straße, dann das Wirtshaus, das den Köhlern und Flößern zur Herberge dient, dahinter das lang gestreckte Forsthaus mit den grünen Fensterläden und dem braun gemalten Altan, das neue weiß getünchte Stationshaus der Grenzwache, eine kleine rußige Schmiede und einige Köhlerhütten, das war um 1880 der ganze Häuserbestand von Fall.

Im Hochsommer, zur Zeit der Schulferien, sah man wohl von Tag zu Tag ein paar Touristen, selten einen Wagen. Die Stille des Ortes wurde nur unterbrochen durch das dumpfe Poltern der Holzstämme, die, von den Hebeln der Flößer getrieben, hinabrollten über die steilen Ufer der Lagerplätze und mit lautem Klatsch in das Wasser schlugen. Hier und da durchhallte ein krachender Schuss das kleine Tal, wenn der Förster oder einer der Jagdgehilfen seine Büchse probierte. Am lautesten war es, wenn des Abends die Schatten niederstiegen über die Berge; dann füllte sich die geräumige Gaststube des Wirtshauses mit Köhlern und Flößern, die Jagdgehilfen kehrten zu und die Holzknechte, die in den benachbarten Bergen arbeiteten. Durch die offenen Fenster schollen dann vergnügte Lieder hinaus in die Abendluft, die Zither klang, verstärkt durch die schnarrenden Töne einer Gitarre oder einer Mundharmonika, und der Fußboden dröhnte unter dem Stampftakte des Schuhplattltanzes. Dazwischen tönte lautes Gelächter über ein gelungenes Schanderhüpfel, über irgendeinen derben Witz oder über den misslungenen Sprung eines Tänzers, der es vergebens versuchte, im Tanz den schwer beschuhten Fuß bis an die Stubendecke zu schlagen. Das Wirtstöchterchen und die Kellnerin hatten dann vollauf zu tun mit Tanzen und Einschenken, und erst in später Nacht endete die laute Fröhlichkeit, wenn entweder das Bier ausging oder wenn die Gäste sich daran erinnerten, dass die frühe Morgenstunde sie wieder zur Arbeit rief.

So war’s im Sommer. Im Winter liegt hier alles eingeschneit; oft reicht der Schnee bis hoch an die Fenster, zum großen Leidwesen der Jagdgehilfen, die sich dann mit schwerer Müh einen gangbaren Weg bis zur Tür des Wirtshauses ausschaufeln müssen. Nur die Isar bleibt auch in solcher Zeit noch munter und lebendig. Jahraus, jahrein, durch Sommer und Winter, rauscht das eintönige Lied ihres hurtigen Wellenlaufes. Früher, vor Jahren, suchte sie nicht so gemütlich ihren Weg. Da grollte, brauste und toste sie in ihrem steinernen Bette, warf an den starrenden Felsen ihre lauten, weißen Wellen auf, mit wilder Gewalt zwängte sie ihre Wassermassen durch die einengenden Steinklötze der beiden Ufer und stürzte sie dann hinab, schäumend und wirbelnd, über drei aufeinander folgende Fälle. Da hatten die Flößer schwere Not, wenn sie mit ihren zerbrechlichen Fahrzeugen diese Stelle passieren mussten, und mancher verlor mit seinem Floße auch das Leben. Die meisten Schiffer zogen es vor, eine Strecke oberhalb der Fälle ans Land zu steigen, die steuerlosen Flöße an den Felsen der Flussenge zerschellen zu lassen und dann weiter unten im Storm die einzeln daher treibenden Stämme wieder aufzufangen. Die Klugheit der neuen Zeit hat sich auch hier betätigt. Pulver und Dynamit haben die „Steine des Anstoßes“ zertrümmert, und ungefährdet passieren jetzt die Flöße die einst so gefürchtete Stelle der Isar.

Hier in Fall, ganz zuvorderst an der Straße, die von Lenggries einher zieht, steht ein kleines, freundliches Bauernhaus. Der ebenerdige Stock, der einen nicht übermäßig geräumigen Stall und eine Futterkammer umfasst, ist aus Felsstücken aufgeführt und lehnt sich mit seiner Rückwand gegen einen Hügel, in dem Winkel, den die Straße mit dem Strom bildet, wo sie vom Ufer sich abzweigt gegen das Wirtshaus. Über dem Unterstock erhebt sich der aus Balken gefügte Oberstock, der die Wohnräume umfasst: Neben Flur und Küche eine Wohnstube und zwei Kammern. Darüber spannt sich, weit vorspringend über den Giebel, das mit schweren Steinen belegte Schindeldach. In seinem Schatten hängen drei Scheiben an der Giebelwand. Der kleine weiße Holzzapfen, den jede in ihrem durchschossenen Zentrum trägt, verkündet, wie gut der Herr dieses Hauses die Büchse zu handhaben weiß. Unter diesen Scheiben und zwischen den beiden Fenstern des Giebels führt in das Innere des Hauses eine niedere Tür, zu der sich vom Hügel her eine kleine Holzbrücke spannt.

Es ist ein heißer Augusttag. Die Sonne brennt vom Himmel herab und zeichnet mit dunklen Schatten die Umrisse des vorspringenden Daches auf die Holzwand des Hauses.

Auf der Brücke vor der Tür steht ein schlank gewachsener Bursch in der Tracht der Jagdgehilfen: Schwer genagelte Schuhe an den nackten Füßen, dickwollene weiße Wadenstrümpfe, die kurze gamslederne Hose, ein blaugestreiftes Leinenhemd, an der Brust offen und nur zusammengehalten von einem leicht geschwungenen schwarzen Halstuch, die graue Joppe mit dem grünen Aufschlag, der als Dienstzeichen das goldgestickte Eichenlaub trägt, der Bergsack auf dem Rücken, und auf dem Kopf der kleine, runde Filzhut mit dem nickenden Gamsbart. Das Gewand des Burschen ist abgetragen und verwittert; die Büchse, die er hinter dem Rücken trägt, ist neu und blank, und die Stahlläufe blitzen in der Sonne.

Die nachlässige, vornüber gebeugte Haltung des Oberkörpers lässt kaum vermuten, welch kraftvolle und sehnige Gestalt in diesem verblichenen Gewande steckt. Das Gesicht ist sonnverbrannt, ist dunkler als der leicht gekrauste, rötlichblonde Bart, der es umrahmt. Es redet eine stille, gewinnende Sprache; die klaren, lichtblauen Augen sind es, die dem Gesicht diesen freundlichen Ausdruck verleihen.

In der einen Faust hält der Jäger den langen Bergstock, während er mit der anderen die Hand einer alten Frau umspannt, die unter der Türe steht. „Pfüet dich Gott, Mutter! In vierzehn Täg bin ich wieder daheim vom Berg. Und sorg dich net!“

„Pfüe Gott halt, Friedl! Und gib mir a bissl acht beim Steigen!“

„Ja, ja!“

„Und was ich noch sagen will –„ Die Mutter zog ihn näher an sich. „Wann droben in d’ Näh von der Modei ihrer Hütten kommst, geh lieber dran vorbei!“

„Mutter, da bin ich, wie d’ Mucken sind! Allweil zieht’s mich wieder eini ins Licht, und ich weiß doch, wie’s brennt!“ Friedls Stimme klang gedrückt, und ein Schatten von Schwermut huschte über seine Augen.

Die Mutter legte ihm die Hände auf die Schultern. „Geh! So a Mannsbild wie du! Und so an unsinnige Narretei! Schau, ich setz den Fall, ’s Madl kunnt dich gern haben, so wär’s doch allweil nix mit enk zwei. Du weißt schon, wegen was! – Jetzt geh! Sonst kunnt der Herr Förstner schelten, weil dich so lang verhaltst. Pfuet dich Gott, mein Bub!“ Dabei schob sie ihn über die Brücke und durch die niedere Zauntür, die sie hinter ihm ins Schloss drückte.

Ohne ein Wort der Erwiderung hatte Friedl das mit sich geschehen lassen und stieg nun, den Blick zu Boden gerichtet, über den Hügel hinab zur Straße.

Er musste sich beim Förster abmelden, bevor er auf die Berge stieg, um nach den paar Ruhetagen, die er genossen hatte, dort oben seinen vierzehntägigen Aufsichtsdienst wieder anzutreten. Der Weg zum Förster führte am Wirtshaus vorüber. Vor der Tür, auf einer erhöhten Backsteinterrasse, stand im Schatten der aus dem Giebel vorspringenden Holzaltane ein Tisch. Hier saß ein junger Mann; während er mit beiden Händen den vor ihm stehenden Bierkrug umspannte, lauschte er aufmerksam den Worten des neben ihm sitzenden Wirtes, der seine Rede mit lebhaften Armbewegungen begleitete.

Der Wirt – von allen, die bei ihm aus und ein gingen, kurzweg „Vater Riesch“ genannt – verkörperte mit seiner breiten, gedrungenen Gestalt und dem verschmitzten Faltengesicht, in den langen Schlotterhosen, dem weißen Hemd und der offenen Weste den landläufigen Typus der Hochlandwirte; auch der große Kropf fehlte nicht, dem ein braunseidenes Halstuch zur bequemen Schlinge diente. Sein Zuhörer trug ein Gewand, das der Tracht eines Jagdgehilfen glich; es war verwittert und abgetragen, zeigte aber doch eine bessere Art und einen feineren Schnitt. Die nackten Knie waren wohl auch gebräunt und von mancher Narbe durchrissen, aber die Stirne war weiß, und der wohl gepflegte blonde Bart wie die goldene Brille vor den blauen Augen verriet den Städter. Der Förster und die Jagdgehilfen nannten ihn „Herr Doktor“. Sein Vater, der einst Oberförster gewesen, amtete seit einigen Jahren in der Residenz als Forstrat; den Sohn zog es mit jedem Sommer in die Berge, und gerne saß er mit Flößern und Holzknechten beisammen, plauderte und sang mit ihnen in ihrer Art und Sprache, oder zog, das Gewehr auf dem Rücken, mit einem der Jagdgehilfen hinauf ins Gamsrevier, wo er an Ausdauer und Handhabung der Büchse keinem gelernten Hochlandsjäger nachstand, oder er saß, wie eben jetzt, mit dem Wirte hinter dem Bierkrug und ließ sich alte Geschichten von Jägern und Wildschützen erzählen.

So eifrig waren die beiden in Schwatzen und Lauschen vertieft, dass sie den Jäger nicht bemerkten, bevor er nicht dem Doktor auf die Schulter klopfte mit den Worten: „Sie sind ja schon ganz blau! Was hat er Ihnen denn schon wieder für a grausige Gschicht aufbunden, der Vater Riesch?“

„Gehst net weiter, du Kalfakter!“, schalt der Wirt. „Willst mir leicht gar mein’ besten Kunden abspenstig machen? Da, trink lieber, is gscheider!“

Friedl fasste den Krug, den der Wirt ihm geboten hatte, und tat einen festen Zug.

„Gehst du in Dienst? Wohin?“, fragte der Doktor.

Friedl setzte den Krug auf den Tisch. „Zur Lärchkoglhütten muss ich heut auffi. Was is? Nix mit? Im Luderergwänd wär a guter Gamsstand. Ich mein’, da schauet was aussi, wann wir morgen durchsteigen möchten.“

„Oho! Gleich bin ich fertig!“, rief der Doktor erfreut, sprang auf, steckte die auf dem Tisch liegende Zigarrentasche zu sich, auf deren Leder in Silber der Name des Eigentümers, Benno Harlander, eingepresst war, bot dem Wirt einen hastigen Gruß und rannte zum Forsthaus hinüber.

„Pressiert net so!“, rief ihm Friedl nach. „Ich muss sowieso noch beim Herrn Förstner fürsprechen!“

Benno war bereits in der Tür des Forsthauses verschwunden. Den Krug, den er auf dem Tisch hatte stehen lassen, zog der Wirt an sich und untersuchte ihn auf seinen Inhalt. „Hat wirklich wieder ’s ganze Bier vergessen!“, brummte er. „Is dös a Herr! Grad reden därfst von eim Gams, nacher is er schon in der Höh. Geh zu, Friedl, trink’s aus, wär schad um dös gute Bier.“

„Muss net so arg gut sein, sonst tätst es selber abischlücken.“

„Red net lang, trink!“

Friedl leerte den Krug und setzte ihn auf den Tisch, dass der Deckel klappte. „So! Vergelts Gott! Und pfüet dich Gott!“

„Halt a bissl!“, rief der Wirt und fasste den Jäger an der Joppe. „Was ich sagen will – a Neuigkeit, ja! Weißt es schon? Der Huisenblasi is dagwesen, a Stündl mag’s her sein.“

Friedls Gesicht wurde hart. „So? Ich hätt gmeint, der Weg nach Fall wär ihm a bissl verleidet worden, seit er Isarwasser hat schlucken müssen, der Lump!“

Der Wirt zuckte die Achseln. „So einer vergisst leicht! Er wird sich halt denken, dass daheraußen in Fall die Hirschen und die Gams a bissl gar z’viel geschont werden, und da meint er wohl, er kunnt dem abhelfen, dass in der nächsten Brunst die Hirschen wieder dutzendweis auf meiner Wiesen schreien.“

Friedl lachte kurz und rückte den Hut aufs Ohr. „Es scheint, der Blasi hat Langweil nach seinem Bruder, der in Fall den letzten Schnaufer gmacht hat? Wann er wieder zuspricht, der Blasi, kannst ihm ausrichten, dass ihm z’helfen wär. Adjes!“ Kurz wandte Friedl sich ab und ging auf das Forsthaus zu.

„Oho, oho!“, brummte der Wirt. „Meintwegen derschieß ihn heut oder morgen! Is grad a reicher Tagdieb weniger auf der Welt.“

Als Friedl in den Flur des Forsthauses trat, kam ihm Benno bereits entgegen, Rucksack und Büchse hinter den Schultern und den Bergstock in der Hand. Noch ein kurzer Plausch mit dem Förster. Dann wanderten die beiden über die Wiesen hinaus.

Durch junge Pflanzungen zog der schmale Weg, näherte sich der zur Isar hinabrauschenden Dürrach und führte über den lang gezogenen Rammsteg, an dem zur Zeit des Tauwassers und der Regengüsse das vom Berge niedergeflößte Scheitholz aufgefangen wird. Enge und hohe Stufen leiten von hier aus hinauf über die Höhe, die zur linken Seite der Dürrach stiel emporsteigt; droben führt ein bequemes Sträßchen bergan, immer die viel zerrissene Schlucht begleitend, in deren dunkler Tiefe das Bergwasser rauscht.

„Gelt, Friedl, der große, saubere Bursch, der vorhin drunten im Wirtshaus war, das ist der Blasi?“

Friedl nickte.

„Was ist denn das mit dem Blasi eigentlich?“

„A Lump is er, a gottvergessener! A Lump, der mir alles gstohlen hat, was –“ Mitten im Worte brach Friedl ab, und als Benno zu ihm aufsah, flog eine dunkle Röte über das Gesicht des Jägers, der die gesprochenen Worte zu bereuen schien. Benno merkte, dass er mit jenem Namen eine wunde Stelle im Herzen des Jägers berührt hatte, und schwieg, so gern er auch weiter gefragt hätte. Wortlos schritten die beiden eine Weile nebeneinander her. Dann sagte Friedl: „A Wildschütz is er, der Blasi! Oder is wenigstens einer gwesen, bis ihn ’s End von seim Bruder abgschreckt hat.“

„Wieso das?“

Der Jäger streifte mit forschendem Blick das Gesicht seines Begleiters.

„Geh, Friedl, wirst dich doch vor mir nicht scheuen!“, mahnte Benno. „Ich bin selber ein halber Jäger, in meinem Herzen ein ganzer.“

„Ich war net dabei bei der selbigen Geschicht“, begann Friedl nach kurzem Zögern, wobei er seine Stimme zum Flüstern dämpfte, „und weiß halt alles bloß vom Erzählen her. Zu der Zeit, wo der Vater Riesch, der jetzt drunten ’s Wirtshaus hat, noch der Förstner war, da is in Lenggries a Bauer gwesen, ‚beim Huisen’ heißt man’s auf seim Haus. Der Bauer is noch allweil draußt – aber selbigs Mal hat er zwei Söhn ghabt, den Toni und den Blasi. Der Toni war a Wildschütz, der’s grob trieben hat. Glauben S’, der wär zfrieden gwesen, wann er für sich allein an Gamsbock hätt stehlen können? Ah na, gleich fünf oder sechs Burschen hat er noch mitgnommen, und auch sein’ jüngern Brudern, den Blasi, hat er verführt. Und da haben s’ ganze Treibjagden angstellt auf die Berg droben, heut im Bayrischen und morgen im Tirolerischen, und alle Revier haben s’ unsicher gemacht auf zehn Stund in der Gegend, und schockweis haben dö Lumpen ’s Wild auf die Flöß abigführt nach Tölz und München. Amal, da hat’s ihnen fehlgschlagen. Da is dem Förstner gsteckt worden, dass die Huisenbuben drüben im Tirolerischen jagern und wahrscheinlich am andern Tag auf der Isar daherkommen mit’m Floß. Und am andern Tag auf d’ Nacht war an der gfahrlichsten Stell von der Isar und handbreit unter’m Wasser a Drahtseil gspannt, und in die Stauden drin sind d’ Jager gstanden auf der Pass! A Nacht war’s, so stockfinster, dass man kaum drei Schritt weit sehen hat können. Bis lang nach Mitternacht haben d’ Jager passt. Da hat’s Käuzl grufen. Einer von die Jager war weiter oben auf der Pass, und wann er ebbes hört am Wasser, so war’s verabredt, nacher sollt er den Känzlruf nachmachen. Der tut’s – a paar Augenblick dauert’s – nacher macht’s im Wasser an Krach, wie wann a Floß anrennt und ausanandreißt. D’ Jager pulvern eini in d’ Nacht, a paar Schrei werden laut, und alles war stad, mäuserlstad. Grad ’s Wasser hast noch rauschen hören.“

„Und?“, fragte Benno, als Friedl keine Miene machte, weiter zu sprechen.

„Wer außer die Huisenbuben dabei war, hat man nie erfahren. Abgangen is keiner von die Burschen, und dass einer krank gwesen wär von dem Tag an, da hat man nix ghört davon. Der Huisenblasi aber, so haben d’ Leut verzählt, wär in der selben Nacht zum Rauchentaler kommen, der a Stund unterhalb Fall an der Isar sein Haus hat, und hätt bei ihm Einlass begehrt, weil er nimmer weiter kunnt. Tropfnass wär er gwesen am ganzen Leib, hat’s gheißen. Er selber hat nacher überall rumgredt, als hätt er an Kuhhandel in Tirol drin ghabt, und am Heimweg wär er so viel müd gwesen, hätt beim Marschieren allweil halber gschlafen und wär über die Böschung abikugelt ins Wasser. Glaubt hat ihm dö Gschicht freilich keiner, umso weniger, als man zwei Tag später bei der Sägmühl unterhalb Lenggries sein’ Brudern, den Toni, tot aus’m Wasser zogen hat, und an drei Zentner schweren Hirsch dazu, der mit’m Gweih im Toni seim Janker einghakelt war.“

„Und du? Warst du damals schon in Fall?“

„Ah na! Ich war zur selben Zeit Jager beim Herzog von Nassau, der hinter Lenggries dös schöne Schloss hat. Aber wissen S’, die Burschen vom Ort haben damals an argen Hass auf alles gworen, was Jager gheißen hat. Drum war für mich kein Bleiben nimmer in Lenggries. Da is noch dazu kommen, dass im selben Jahr mein Ahnl und mein Vater gstorben sind. So hat halt d’ Mutter unser Häusl in Lenggries verkauft und hat sich nach Fall verzogen, weil mein Herzog so gnädig war und hat mir’s erwirkt, dass ich in’ königlichen Dienst hab eintreten därfen. Ja, und so bin ich halt jetzt in Fall.“

Die beiden hatten während dieses Gespräches die Stelle erreicht, an welcher rechts vom Sträßchen der Fußweg abzweigt, der hinabführt zum Dürrachsteg und drüben hinauf zu den Almen und zur Jagdhütte. Stufen leiten hinunter über eine kleine Lichtung, von der aus man ein gutes Stück des gegenüberliegenden Berghanges überschauen kann. Hoch oben auf dem Berge sah Benno eine breite Almfläche liegen, in deren Mitte das sonnbeglänzte Dach einer Sennhütte blinkte.

„Was ist das für eine Hütte?“, fragte er.

„Dö Hütten da droben? – Dös is d’ Hütten von der Modei!“ Friedl machte flinkere Schritte.

„Die Modei? Das ist doch das hübsche junge Mädel, bei dem wir neulich einkehrten? Ich hätte die Alm von hier aus nicht erkannt, weil wir neulich auf der anderen Seite, gegen den Grottenbach zu, abgestiegen sind.“ Benno hatte den Steg erreicht. Mit einem lauten Ausruf der Überraschung blieb er stehen und schaute, über das Geländer gebeugt, hinunter in die Tiefe der Schlucht. Ihre Ränder waren breit auseinandergespannt, und auf vorgeschobenen Erdpolstern schwankte in dicken und langen Bündeln das Berggras über den steil abfallenden Wänden. Die am Saum des Absturzes aufragenden Fichten waren aus ihrer senkrechten Stellung geraten und neigten ihre Wipfel der Schlucht entgegen, als wollten auch sie neugierig hinunterblicken in die Tiefe. Je mehr die Schlucht sich senkte, umso näher traten die Wände zueinander, und weil von beiden Seiten massige Felsklötze nach der Mitte zu hervorsprangen, bildete die Schlucht ein zerklüftetes Zickzack. Überall sah man Reste von geflößtem Holz; in den Felsspalten lagen Scheitstücke eingeklemmt, und dicke, rindenlose Baumstämme kreuzten sich zwischen den Wänden. Unter ihnen Floss das Wasser der Dürrach, blad niederrauschend über kleine Fälle, bald tiefe, stille Kessel bildend, blad wieder hinplätschernd über leicht geneigte Kiesgründe. Im Schatten der Felswände lag das Wasser mit smaragdgrüner Farbe; an einer Stelle nur, wo bei einer Wendung der Schlucht das Sonnenlicht hell hereinbrach, war das Wasser durchsichtig wie Glas, und da sah man auf dem Grund die Forellen spielen, die manchmal nach einer Mücke heraussprangen über den glatten Spiegel.

Friedl war schon ein Stück voraus den Berg hinaufgestiegen; Benno konnte sich nicht losreißen von dem schönen Bild, in dessen Betrachtung er versunken war.

„Herr Dokter!“, mahnte die Stimme des Jägers. „Wir haben noch an weiten Weg, und der Tag dauert net ewig.“

Einen Blick noch warf Benno in die Tiefe, dann folgte er dem Jäger. Eine gute Stunde stiegen sie empor mit gleichmäßigem Schritt. Kein Wort wurde gesprochen, und außer dem eintönigen Klappen der Schuhe, dem Einsetzen der Bergstöcke an beschwerlicheren Stellen und dem Kollern der kleinen Steine, die sich unter ihren Tritten lösten, hörte man nur die tiefen Atemzüge der beiden Steiger.

Sie hatten eine jener weit ausbiegenden Felskanten umgangen, die von der Höhe des Grates niederliefen über den ganzen Berg, als Friedl plötzlich innehielt und die Büchse von der Schulter riss. „Wer da? Reden, oder –“

„Oho!“, klang eine tiefe Bassstimme, und lachend, so dass man trotz der Entfernung die weißen Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart blinken sah, trat Hies, der zweite Jagdgehilf der Wartei, aus dem Dickicht heraus. „Ich glaub, du wärst imstand und tätst mich als Wildschütz niederpulvern?“ Während er seine Büchse, die er in der Hand getragen, über die Schulter hängte, stieg er den Hang herunter: Eine hagere, knochige, nicht übergroße Gestalt in einem Gewand, dessen Farben durch Zeit, Wetter und Felsen in ein gleichmäßiges Grau zusammengestimmt waren. Der schwarze buschige Vollbart, der ihm bis über die Mitte der Brust herunterhing, ließ ihn älter aussehen, als er war; auf vierzig Jahre hätte man ihn schätzen können, und doch stand er fast im gleichen Alter mit Friedl.

Überall war Hies beliebt als lustiger Sänger und Zitherschläger, und gerne saß alt und jung an seiner Seite, wenn er vom Kriege gegen Frankreich erzählte, den er als junger Bursch mitgemacht hatte.

Nun trat er zu den beiden auf den Steig. „Grüß Gott, Herr Dokter! Und grüß dich, Friedl! Wann mir jetzt der Schrecken d’ Stimm verschlagen hätt, ich glaub, du hättst mir eins auffibrennt auf’n Pelz, dass ich an Purzlbaum hätt machen können wie a Schneehas. Aber hast schon recht, dass a bissl scharf aufmerkst. Heut hab ich den Neunnägl wieder gspürt.“

Friedl hob den Kopf.

„Ja! Drüben wieder, am alten Fleck! Es waren bloß drei oder vier Trittspuren, aber ganz gnau hab ich’s gmerkt, dass er’s gwesen sein muss und kein andrer. Weißt was! Es ist noch Zeit bis auf d’ Nacht, machst halt den kleinen Umweg über der Modei ihr Hütten und fragst so nebenbei, ob ’s Madel kein’ gsehen hat. Vielleicht kannst ebbes erfahren.“

Friedl rückte den Hut in den Nacken und fuhr sich mit der Hand über die Stirne. „No ja, muss ich halt auffi und nachschauen! Da bleibt nix anders übrig.“ Er wandte sich an Benno. „Herr Dokter, jetzt müssen S’ Ihnen den Umweg gfallen lassen.“

„Macht nichts!“ Benno lachte. „Bei der Modei haben wir ein gutes Einkehren. Pfüet dich, Hies! Mach nur, dass du flink hinunter kommst. Drunten haben sie frisch angezapft.“

Dös is recht! Da leg ich mich eini mit alle zwei Knie!“

Benno und Friedl stiegen weiter bergan. Hies stand noch, und während er den Schuhriemen, der sich gelockert hatte, fester band, hörte er Benno fragen: „Du, Friedl, wer ist denn der Neunnägel?“

Hies lachte vor sich hin. „Da wird er umsonst fragen, der Herr Dokter! Dös möchte ich auch schon lang wissen: Wer der Neunnägel is!“ Nun folgte er dem Pfade bergabwärts und sang im Niedersteigen mit halblauter Stimme:

„Da drunten im Tal,
Wo d’ Isar tut gehen,
Da weiß ich a Häusl,
Im Garten tut’s stehn.

Und drin in dem Häusl,
Mein Eid, es is wahr,
Da haust a jungs Madl
Mit schwarzbraune Haar.

Und d’ Sonn, dö geht unter,
Und d’ Stern, dö gehen auf,
Da klopf ich ans Fensterl:
Liebs Herzl, mach auf!“

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