Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hubertusland

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Seltene Gäste

   Durch unsere moderne Jägerei, der die Tierwelt des heimatlichen Waldes bei aller schönen Mannigfaltigkeit nicht mehr genügen will, geht die Sehnsucht nach exotischen Jagdgenüssen. Weidmännische Exkursionen nach fernen Welten werden unternommen, man jagt den Elefanten, den Löwen und die Antilope in Afrika, den Tiger in Indien, den Steinbock in den Pyrenäen und im Kaukastis, den Wapiti in Amerika, den Bären in Russland, den Elch in Schweden und auf den Schneefeldern der norwegischen Fjordberge. Daneben mehren sich die Versuche, exotisches Wild in unserem deutschen Wald heimisch zu machen. Die Einbürgerung des wilden Truthahnes ist an vielen Orten geglückt, aber die Jagd auf diesen ebenso dummen und trägen, wie schön gefiederten Vogel scheint mir alles andere eher zu sein, als eine weidmännische Freude. Auch das aus den Urwäldern Australiens importierte Känguru will sich an den kühlen Schatten deutscher Eichen und Buchen gewöhnen – wenn es nicht gerade von einem Bauernknüppel erschlagen oder von einer Mistgabel ‚geforkelt’ wird. Und wurde auch mit dem Mufflon in unseren heimischen Bergen noch kein Versuch unternommen, so hat sich dieses wilde Bergschaf doch schon auf den grünen Höhen von Oberösterreich gut eingelebt und zu ansehnlichen Rudeln vermehrt.

   Doch höher, als die Jagd auf solch eine ‚weidmännische Treibhauspflanze’, wertet für jeden echten Jäger noch immer der Schuss auf einen jener seltenen Gäste, die als vereinsamte und verirrte Nachkommen einer längst vergangenen Zeit zuweilen noch das eine und andere unserer deutschen Reviere durchstreifen, um dann für Tage und Wochen die gesamte Jägerei der beglückten oder bedrohten Gegend in heiße Aufregung zu versetzen, bis der seltene Gast von einem weidmännischen Sonntagskind erbeutet wird oder auf Nimmerwiedersehen verschwindet.

   Dem Jäger von heutzutage läuft das Wasser im Mund zusammen und die Zähne werden ihm lang, wenn er in den fürstlichen Jagdregistern vergangener Jahrhunderte oder in den alten Chroniken jagdherrlicher Klöster blättert und aufgezeichnet findet, was da neben Hirschen und hauenden Schweinen alljährlich erbeutet wurde in Bibern und Wildkatzen, an Luchsen, Wölfen und Bären! Das hat sich gründlich geändert im Lauf der Zeiten – zum Glück für die Sicherheit des menschlichen Verkehrs und für das Gedeihen unseres Nutzwildes – aber doch auch zum Leid für manch einen Jäger, der sich bei seinem täglichen Weidmannsbrot zuweilen nach einem Extrabraten sehnt, nach einer jeden Nerv aufrüttelnden Erregung, nach einer Jagd, welche Kampf ist. Steht er bei Hubertus in warmer Gunst, so braucht er, um solche Jagd zu finden, nicht übers weite Meer zu fahren – er kann sie auch noch in der Heimat finden.

   Völlig ausgestorben in unsren deutschen Wäldern und Bergen ist nur der Luchs. Meines Wissens wurde der vorletzte 1840 zu Hindelang im Allgäu, der letzte 1846 bei Reißenstein in Württemberg erlegt. Dagegen wird die Wildkatze vereinzelt noch im Fichtelgebirge, im bayerischen Wald, im Spessart, in der Rhön und im Schwarzwald angetroffen. Seltener ist der Wolf geworden, der nur noch in grimmigen Wintern als einsamer und scheuer Wanderer an unseren östlichen und westlichen Grenzen erscheint.

   Und als der seltenste dieser seltenen Gäste ist der Bär zu bezeichnen. Seit der letzte am 24. Oktober 1835 auf einer Treibjagd zu Ruhpolding bei Traunstein erlegt wurde, galt der Bär in den bayerischen Bergen als ein für alle Zeiten verschwundenes Wild. Doch im Winter 1896 wurde ein Bär im Karwendelgebirge zwischen Riß und Mittelwald gespürt. Und so mag
auch heute noch jeder Hochlandsjäger, wenn er auf Hirsch oder Gämsen pirscht, allstündlich gewärtig sein, dem braunen Gesellen im dürsteren Bergwald oder im stielen Gewänd zu begegnen. Vor kurzer Zeit erst wurde ein Bär bei Pfunds im Oberinntal von einem Bauern erlegt, und es mehren sich seitdem die Nachrichten von Bären, die in den Tiroler Bergen gespürt und gesehen wurden. Da wär’ es wohl möglich, dass der Bär vom Karwendelgebirge bald einen Nachfolger fände, der über die deutsche Grenze wechselt, ohne beim Zollamt vorzusprechen – und wenn ich in meinem schönen Bergrevier zwischen Wetterstein und Zugspitze auch strenge Hege führe, so möchte ich doch ein paar Hirschkälber verschmerzen für die Aussicht, dem seltenen Meister Petz eine Kugel aufs Blatt zu setzen.

   War mir auch das Jagdglück, solch eine stolze Beute zu erringen, bis heute nicht beschieden, so hatte ich doch vor Jahren Gelegenheit, von den Aufregungen der Bärenjagd einen Vorgeschmack zu kosten. Meine Phantasie würde ausreichen, um dieses Erlebnis zu einem Abenteuer auszuschmücken, bei dessen glücklichem Ende ein gewaltiger, mit einem Meisterschuss gestreckter Bär vor meine Füße rollt. Aber ich will als Jäger eine Ausnahme von der lateinischen Regel bilden und streng, bei der Wahrheit meiner Geschichte bleiben. Um sie erleben zu können, musste ich, der Einladung eines Freundes folgend, eine weite Reise tun – bis in die beschneiten Karpathenberge.

   Es war an einem nasskalten Märztag, als ich, stolzer Hoffnungen voll, zu Illava dem Coupé entstieg. Ein leichter Wagen mit flinken Pferden brachte mich, nach schwerem Kampf gegen Regen, Sturm und Schneegestöber, in die inmitten eines großen Slowakendorfes gelegene Oberförsterei, in deren gemütlicher, mit weidmännischen Trophäen geschmückter Jägerstube mir ein freundlicher Empfang bereitet wurde. Unsere Jagdaussichten wären die besten gewesen, denn die Nachricht, weiche die Heger brachten, lautete: „Sieben Stück Schwarzwild und zwei Bären eingekreist!“ Aber der wolkenschwere Himmel machte einen dicken Strich durch diese schöne Rechnung. Immer dichter fielen die Flocken, so dass auf zwanzig Schritte die Bäume nur noch wie nebelhafte Striche zu sehen waren. Da musste wohl oder übel die Fahrt in die Berge für den nächsten Morgen verschoben werden. Gegen Abend ließ endlich das Gestöber nach, und aus den ziehenden Nebeln tauchten die silberglänzenden Berge hervor. Wie sauber und appetitlich sieht ein Slowakendorf aus, wenn über seinen Schmutz und Unrat der Schnee die weißen, reinlichen Tücher zog!

Nach einer Nacht voll wachender Ungeduld und banger Wettersorge traten wir am frühen Morgen mit langen Gesichtern vor die Tür. Es schneite wieder, was in der Luft nur Platz hatte. Und ein paar Fuß hoch lag der Schnee bereits. Dazu ein starrender Frost, der den Atem vor den Lippen in stäubende Kristalle verwandelte. Aber zu weiterem Abwarten verblieb nun keine Zeit mehr. Mit Peitschenknall und klingenden Schellen fuhr der Schlitten vor, wir wickelten uns in die dicken Pelze. Erst noch ein Gläschen des nationalen Wacholderschnapses Borowiczka, der die Kehle in ein Katzenfell verwandelt und das Zwerchfell in schmerzliche Falten zieht, wie ein meuchlerischer Kalauer – dann hinaus in Schnee und Gestöber. Eine Stunde ging es durch verschneite Waldschluchten, vorüber an einsamen Hütten und armseligen Dörfchen. Dann war, inmitten eines lang gestreckten Bergtales, das Jägerhaus erreicht, um dessen Tür die Treiber standen, etwa zwanzig Slowaken, in ihre weißen, schwarz verschnürten Kapuzmäntel eingemummelt, die Füße mit Filzlappen klumpenartig umschnürt. Jeder von ihnen trug eine leichte Holzaxt, die als Stock benützt wurde, und eine schwarze, mit Messingknöpfen beschlagene, Ledertascbe; fettige Haarzotten hingen unter den mürben Hüten hervor über die furchigen, abgezehrten Gesichter und über die kleinen, blitzenden Augen. Ein Chorus malerischer, aber auch erbarmungswürdiger Gestalten! Man hätte diesen hageren, schwächlichen Menschen die zähe Ausdauer und geschmeidige Kraft nicht zugetraut, die sie im Verlauf der beiden Jagdtage zu meinem Erstaunen bewiesen.

   Während das Frühstück eingenommen wurde, kamen die bereits vor dem Morgengrauen zum Abspüren ausgegangenen Heger zurück, schweißtriefend von der schweren Strapaze, bis an die Brust mit angefrorenem Schnee behangen. Ihre Nachricht lautete weniger günstig, als am vergangen Tag; nur drei Stück Schwarzwild waren mit Sicherheit bestätigt, und von den beiden Bären war nur die frische Fährte des Schwächeren aufgefunden worden. Demgemäß wurde Beschluss gefasst: Der erste Tag für die Schwarzröcke, der zweite für den Bären.

   Nun ging die Wanderung los; das war eine verwünschte Arbeit, zwei volle Stunden steil, bergan durch metertiefen Schnee; voraus im Gänsemarsch die zwanzig Slowaken, und wir hinter ihnen in der schmalen Gasse, die sie mir ihren Klumpfüßen getreten hatten. Achtsam musste man in die Fußspur des Vordermannes treten; wer nur eine Handbreit daneben trat, stak im gleichen Augenblick bis in die Brust im Schnee, der die Glieder festhielt wie mit klebrigen Polypenarmen. Man kann sich zärtlichere und angenehmere Umarmungen denken als diese. Endlich war, auf einer steilen Höhe, das Tannendickicht erreicht, in dem ein starker Keiler bestätigt war. Die Treiber überstiegen das Dickicht in weitem Bogen, lautlos wurden die Schützen angestellt, und als die Treiberwehr sich zu bewegen begann, wurden die Brackierhunde auf die frische Fährte gesetzt. Es währte nicht lange, da erhob sich im Dickicht ein wahrer Höllenlärm, ein Rumoren, Umschlagen und Grunzen, dazu ein Ohr zerreißendes Gekläff der Hunde. Immer näher kam der Spektakel, der das Jägerherz zu hastigen Schlägen befeuerte. Aber je unruhiger die Pulse wurden, desto fester legten sich die Hände um Lauf und Schaft der gespannten Kugelbüchse. Jetzt schwankten am Rand des Dickichts die kleinen Tannen, dass die weiße Last von ihren Ästen niederklatschte, und durch den aufstäubenden Schnee kam’s herangewirbelt wie eine riesige schwarze Pelzkugel. Krachend hallte der Schuss durch den winterlichen Wald, das Echo brach sich an den Berglehnen, und mit heiserem Geläut stürzten die Hunde dem talwärts flüchtenden Keiler nach. Ein paar Minuten voll banger Sorge. Getroffen oder nicht? Triumph! Auf dein Schussplatz hatte der Keiler ein
Büschel Borsten als Not gezwungene Visitenkarte zurückgelassen, und schon nach etwa fünfzig Schritten begann die reichliche Rotfährte, deren dunkle Färbung einen Weidwundschuss vermuten ließ.

   Ein Heger und ein Treiber wurden dem angeschossenen Stück nachgeschickt, die übrige Gesellschaft machte sich auf den Weg zum zweiten Treiben, über den Kamm des Berges hinüber, hinunter ins Tal und wieder eine geschlagene Stunde empor durch dicken Schnee. Hier wies mir der Förster auf einer befahrenen Straße meinen Posten unter Versprechungen an, die stark an jene alte Jägeranekdote erinnerten, nach welcher ein graubärtiger Weidmann seinen Jagdgast auf einer Landstraße mit folgenden Worten anstellte: „Da müssen S’ gnau aufpassen, an dem Platzl kann alles mögliche kommen, a Hirsch, a Wildsau, a Rehbock, vielleicht streicht gar a Auerhahn daher, a Has kommt gwiss! Wenn aber gar nix kommt, nachher kommt der Postwagen, und dem geben S’ den Brief da mit!“ Sprach’s, überreichte dem verblüfften Hubertusjünger ein dick versiegeltes Schreiben und schlug sich seitwärts in die Büsche. Die ominöse Erinnerung an diese Anekdote sollte recht behalten. Drei volle Stunden hielt ich in der grimmigsten Kälte auf meinem Posten aus. Dann kamen zwei ächzende Holzfuhrwerke. Sonst nichts.

   Es dämmerte, als wir nach dem resultatlosen Trieb heim wanderten zum Försterhaus. Wie nach solchem Marsch das Essen schmeckte! Der knurrende Hunger schnappte wie ein ungeduldiger Pudel die Bissen aus der Hand. Während wir in der angenehm durchwärmten Stube aufs eifrigste damit beschäftigt waren, den begehrlichen Gesellen zu befriedigen, kehrte der Heger zurück, den wir nach dem angeschossenen Wildschwein ausgeschickt hatten. Er kam ohne den Keiler, aber mit blassem Gesicht und einer langen Geschichte. Er hatte nach vierstündigem Waten im Schnee und nach unterschiedlichen Abenteuern den Keiler, einen Burschen von seltener Wildheit und Stärke, in einem Wacholderdickicht aufgespürt. Mit gespannter Büchse kroch er unter den Büschen auf der Fährte nach und sah den Keiler nicht früher, bevor er sich nicht unmittelbar vor dem Bett des angeschossenen Schweins befand. Dieser kecke Besuch ging dem Schwarzrock, der sich begreiflicherweise ohnehin nicht in der rosigsten Laune befand, doch über den Strich. Mit zornigem Grunzen fuhr der schwarze Einsiedler aus seinem rot gefleckten Nest, und im gleichen Augenblick lag unser Held auch schon kopfüber im Schnee und streckte die Füße in die Höhe, wahrend die beiden Läufe seiner Büchse sich in die Luft entluden. Er schilderte uns diese Katastrophe in seinem Slowakendeutsch mit den Worten: „Hot mich Sau umworfen und hot mich dorten lassen.“ Wir mussten lachen. Dem Heger aber kam die Sache nicht besonders lächerlich vor. Er erzählte uns die Geschichte eines Kollegen aus dem angrenzenden Jagdbezirk, den vor wenigen Wochen ein alter Keiler aufgespeist hatte bis auf die Stiefelröhren. Die wilden Schwarzröcke in den Karpaten sind eben ganz andere Kerle, als die zur Sanftmut aufgemästeten Bewohner eines Wildschweinparkes.

   Nach einer Nacht, in der mir, trotz der brennenden Gedanken an die Bären, die Müdigkeit einen gesunden Schlaf bescherte, erwachten wir an einem herrlichen Morgen. Der Himmel blau und sonnig, die Luft wie Gold, der Grund und alle Berge wie gleißendes Silber – eine Pracht und Schönheit, die keine Feder zu beschreiben vermag, die man gesehen haben muss mit eigenen Augen, um zu glauben, dass die Bergnatur in Tod und Winter fast noch herrlicher und wundervoller erscheinen kann, als im blühenden Leben des Sommers.

   Beinahe wortlos wanderten wir in diesem die Augen blendenden Glanz und Schimmer durch die Waldschlucht, die in mäßiger Steigung zu unseren Ständen führte. Dreimal kreuzten wir bei diesem Marsch die frische Bärenspur. Sie ist anzusehen, als wäre da ein menschlicher Riese mit nackten Füßen gegangen. Entlang einem Bach, in dein ein rauchendes Quellwasser leise murmelte, wurden die Schützen aufgestellt. Zuerst die Weisung: Jeder Schütze hat auf den Schuss seines Nachbars sofort auf den Schussplatz zu eilen, um im Notfall Hilfe zu leisten. Dann ein halblautes „Weidmanns Heil!“ Und man blieb allein, mit seiner hochgespannten Jägerhoffnung und seinem ungeduldig klopfenden Herzen. Die erste Bärenjagd! Der Jäger wird den prickelnden Reiz dieses Wortes nachfühlen. Für den Nichtjäger ist er auch in langen Spalten nicht zu schildern.

   Man säubert eine kleine Stelle vorn Schnee, drückt den Jagdstuhl in den harten Boden, man lässt sich nieder, lockert das scharf geschliffene Fangmesser in der Scheide, nimmt die schussfertige Büchse quer über den Schoß und stellt die gespannte Reservebüchse aufrecht in den Schnee, so dass sie mit einem raschen Griff handlich zu fassen ist. Die Ohren sind gespitzt und die Augen gehen auf die Reise. Unermüdlich bohren sich die Blicke in das dämmerige Licht des winterlichen Waldes, in dessen dicht vernetzten Ästen der dicke Schnee gleich einer fest geschlossenen Decke liegt.

   Da geben die Hunde Laut. Eine heiße Blutwelle schießt vom Herzen in die Stirn. Im nächsten Augenblick ist die Ruhe wieder gewonnen, und mit verhaltenem Atem lausch’ ich dem Geläut der Hunde, das meine Spannung zu brennender Erregung steigert, wenn es sich nähert, und mich mit ungeduldigem Ärger und bitterer Enttäuschung erfüllt, wenn es sich langsam wieder entfernt.

   Hin und her geht die kläffende Jagd der Hunde, nun verstummt sie ganz, um nach halbstündiger Pause wieder aufzuklingen und allmählich im fernen Wald zu verhallen. Der Trieb ist zu Ende, die Treiber kommen, und in erregten Worten wird der Gang des Jagens besprochen. Die Hunde haben den Bären aufgestöbert , sie haben seine Spur wieder verloren, und während der Bär unbeschossen über den Kamm des Berges hinüberwechselte, fielen die Hunde ein Stück Schwarzwild an.

   Nun gilt es, dem Ausreißer nicht Zeit zu lassen, das Weite zu suchen. Die Slowaken setzen sich in Trab, um den Waldberg im Tal zu umgehen. Für uns aber kommt ein zweistündiges Klettern im Schnee, gegen das der anstrengende Marsch vom vergangenen Tag der reine Erholungsbummel war. Um zwei Uhr mittags hatten wir den Grat erreicht. In mühsamer Wanderung, oft bis an die Arme im Schnee versinkend, suchen wir dem Grat entlang unsere Stände zu gewinnen. Man keucht, man ist in Schweiß gebadet, aber jede Minute ist kostbar. Endlich sind wir zur Stelle – das ist der beste Stand, ein mit niederem Gebüsch überstreuter Abhang, dicht neben den steil abfallenden Felsen, unter denen der Hauptwechsel des Bären liegt. Dort drüben unter einem vorspringenden Felsblock ist deutlich das Lager zu erkennen, in dem der Bär die letzte Nacht verbrachte, und kreuz und quer zeichnen sich die frischen Fährten gleich dunklen, Silber gesäumten Streifen in den Schnee. Warm und goldig liegt die Sonne über Hang und Wald, und rings, bis in weite Ferne, wölbt sich Kuppe um Kuppe in schimmerndem Glanz. Nach abwärts dringen die Blicke ungehindert in den Buchenwald, und in der Tiefe liegt das Tal, von dessen Dörflein der gedämpfte Lärm eines bescheidenen Lebens empor quillt.

   Aus der Versunkenheit in den Zauber dieses Bildes reißt mich der Hall eines fernen Schusses; er verkündet, dass die Treiber an Ort und Stelle sind und das Klopfen beginnen. Mit einem Schlag gewinnt der Jagdeifer die Oberhand über die Freude an der Natur. Aber nur wenige Minuten vergehen in angestrengtem Lauschen und Spähen – dann plötzlich klingt aus dem Tal herauf der wirre Lärm von einem Dutzend schreiender Stimmen. Eine bange Ahnung beschleicht mich. Die Büchse wird beiseite gelegt, das Fernrohr aufgezogen, und durch das scharfe Glas zeigt sich auf der Straße im Tal eine Gruppe von Holzfuhrwerken, deren Führer in aufgeregtem Disput beieinander stehen. Ihre gestikulierenden Arme deuten nach dein Hang des jenseitigen Berges, ich folge mit dem Fernrohr dieser Richtung, und ... hol dich der Kuckuck ... im Glas zeigt sich eine frische Bärenspur, und wahrhaftiger Gott, auf einer kleinen Blöße, recht behaglich, sitzt Meister Petz und äugt in aller Gemütsruhe mit schief gehaltenem Kopf zu uns herüber.

   Zuerst ein gut deutscher Fluch, dann ruf’ ich in einer Anwandlung von Galgenhumor dem Bären, der doch sicherlich nicht Deutsch versteht, mit Aufgebot meines ganzen slowakischen Wortschatzes über das Tal hinüber zu:

   „Dobre noc! Dobre noc! … Gute Nacht, Bärenjagd!“

   Recht schweigsam traten wir den Heimweg an. Aber die Verstimmung hielt nicht lange vor. Der herrliche Tag mit aller Schönheit, die er geboten hatte, entschädigte für die schnöd getäuschte Jägerhoffnung. Und bei der Ankunft im Jagdhaus erwartete mich eine ‚schwarze’ Überraschung: Neben der Haustür lag der Keiler, den ich tags zuvor angeschossen hatte – er war verendet von einem Holzfuhrmann gefunden worden, mitten auf der Straße. Ein wahres Ungetüm von einem ‚hauenden Schwein’, aus dem man drei Parksauen hatte herausschneiden können! Die ‚Gewehre’ über eine Spanne lang, und scharf geschliffen wie venezianische Dolche.

 

   Wenn ich späterhin zur Winterszeit in einem Park- die schwarzen Rudel beobachtete, die sittig und vertraut zur Schütte trollten, hab’ ich gar oft unter mitleidigem Lächeln an meinen Keiler aus den Karpaten gedacht. Das Wildschwein des Parks ist fast kein Wild mehr, es ist ein halbes Haustier geworden, und der Heger, der ihm die Kartoffeln in die Tröge schüttet, ist sein Hirte. Wohl hausen noch in so manch einem deutschen Revier, wie im Spessart und in den Rheinlanden, die Schwarzröcke als freies Wild und bescheren dem mutigen und unverdrossenen Jäger unvergessliche Jagdtage, reich an Aufregung und stolzer Weidmannslust. Aber auch in diesen letzten Zufluchtsstätten muss die fortschreitende Kultur dem Schwarzwild den Krieg auf Tod und Leben erklären, und die Zeiten werden kommen, in denen die Erlegung eines wilden Keilers als eine so seltene Nachricht durch die Zeitungen läuft wie heutzutage das Auftauchen und die Erlegung eines Wolfes oder Bären.

   Darf nun auch ein Jäger, der den Fortschritt und die Kulturforderungen unserer Zeit begreift, die Jagdherrlichkeiten vergangener Jahrhunderte nicht zurückwünschen, so mag er doch eine heiße Träne dem aussterbenden Biber nachweinen, der an der Elbe nur noch in wenigen Exemplaren ein ängstlich behütetes Dasein fristet!

   Wie eine mystische Heldensage aus längst versunkenen Zeiten noch heraufklingt in die Gegenwart, so hat sich auch ein gewaltiges Urwild, welches Eiszeit und Sintflut überdauerte, noch erhalten bis auf unsere Tage – der Elch in den Mooren von Ibenhorst. Aber man muss auf einem Thron oder in der Nähe desselben geboren sein, um die seltene Jägerfreude kosten zu dürfen, diesen Riesenhirsch der Vorzeit, von dem das Nibelungenlied zu singen weiß, auf deutschem Grund und Boden zu jagen.

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