Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hubertusland

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Der Biberfranzl

   Der Name ‚Biberfranzl’ ist ihm seit jener Geschichte geblieben. Freilich, er hört ihn gar nicht gern. Und wer ihn so nennt, der ist Franzl Freund am längsten gewesen. Franzl wird sogar schon fuchsteufelswild, wenn der Bader in seiner dunklen Weisheit von einem Mittel spricht, welches Bibergail heißt, oder wenn man erzählt, dass der Herr Forstmeister bei seinem letzten Besuch einen Pelzmantel mit Biberkragen getragen hätte.

   Wie aber der Franzl zu jenem Spitznamen kam, das hat sich auf folgende Weise zugetragen.

   Da saßen sie spät im Herbst eines Abends beim Rieschenwirt um den Ofentisch: Der Förster, die beiden Jagdgehilfen, der Wirt, ein paar Holz- und Floßknechte, und auch der Franzl. Ein Mordskerl, dieser Franzl. Gewachsen wie ein Baum, mit Armen und Fäusten wie von Eisen, bei der Holz- und Floßarbeit der tüchtigste Schaffer, bei den Treibjagden auf Gämsen der verwegenste Steiger, bei allen Raufhändeln der protokollierte Sieger. Was Wunder also, wenn sich in Franzls Kopf eine Art von hoheitsvollem Selbstbewusstsein festsetzte, so eine Art ‚Holzknechtsgefühl von Gottes Gnaden’. Er konnte so vieles – warum sollte er nicht alles können! Da wurde von keiner irgendwie merkwürdigen, bestaunenswerten Leistung erzählt, ohne dass Franzl gering schätzend die Achseln zuckte und mit breitem Mund lachte: „Dös kon i aa!“

   An jenem Abend also saßen sie im Wirtshaus um den Stammtisch. Hier führte der Förster das große Wort. Und etwas ganz besonders Interessantes wusste er heute zu berichten. Die letzte Nummer des ‚Weidmann’, dessen Abonnent er war, hatte einen Artikel über die Biberkolonien an er Elbe gebracht. Und so erzählte der Förster frei nach diesem Artikel die wunderbarsten Dinge von den Bibern, von ihrer Lebensweise, von ihren geselligen Neigungen, von ihrem Eheleben usw., so dass alle Lauscher voll des Staunens waren. Namentlich die Holzknechte machten große Augen und offene Mäuler, als sie hörten, mit welcher Geschicklichkeit die Biber ihre Wohnungen bauen, und wie ein einziges dieser Tiere in wenigen Stunden mit seinen scharfen Zähnen den stärksten Baum zu fällen vermöchte.

   Friedl, der jüngere Jagdgehilfe, stieß den Franzl mit dem Ellbogen in der Seite und lachte: „Gelt, Franzl, Du kannst alles, aber das kannst halt doch net: Ein ganzen Baum umbeißen mit die Zähn!“

   Franzl machte im ersten Augenblick ein dummes Gesicht, dann aber wurde er puterrot, feuerte die Faust auf die Tischplatte und schrie: „Was? Dös kön i net? Was so a Viech, so a dumms, firti bringt, dös kon i aa!“

   Schallendes Gelächter war die Antwort. Und besonders der Förster lachte.

   „Franzl! Aber Franzl! Jetzt geh mir aber weiter! Du Renommist!“

   Dem Franzl quollen vor gerechter Empörung die Augen aus den Höhlen.

   „Was? I a Rennamist! Den stärksten Baum im Holz draußen beiß i um. Wetten tu i, glei wetten. An Banzen Bier soll’s gelten! Wer hat a Schneid?“ Und herausfordernd streckte er die schwielige Hand über den Tisch.

   „Gilt! Gilt schon! Gilt!“, rief man lachend von allen Seiten, und alle Hände schlugen ein.

   Franzl erhob sich, ernst und würdevoll wie ein Feldherr, der sich sagt: Morgen muss ich eine Schlacht gewinnen! „So! Und jetzt gut Nacht miteinand! Heut schlaf i mi aus! Denn morgen in der Fruh heißt’s beißen. Um Fünfe bin i da, und da kann mir der Förster den Baum anweisen. Umbissen wird er! Da därf kein Haar net fehlen. Und wenn er fallt, am selbigen Abend muss der Banzen Bier austrunken werden! Dös is mei Bedingung!“

   Er nickte mit dem Kopf, rückte den mürben Filzhut, streifte die lachende Tafelrunde noch mit einem stolzen Blick und stapfte langen Schrittes zur Tür hinaus.

*                *
*

   Am anderen Morgen, pünktlich zur festgesetzten Stunde, erschien Franzl vor dem Wirtshaus. Der Förster, die beiden Jagdgehilfen und der Rieschenwirt hatten sich als ‚hohe Kommission’ zusammengetan. So wanderten sie zu Fünft dem Wald zu.

   Franzls Begleiter vermochten trotz der redlichsten Mühe nicht jenen Ernst zu zeigen, dessen die Sache würdig war. Er aber schien gewappnet wider alles Gelächter und alle Stichelreden; er zuckte nur die Achseln und meinte, dass ihnen das Lachen schon vergehen würde, wenn es einmal ans Zahlen ginge. Dabei wies er ihnen ein Gebiss, so blank, gesund und kräftig entwickelt, dass sich in der Tat ein amerikanischer Urwaldsbiber solcher Zähne nicht hätte zu schämen brauchen.

   Als der Wald erreicht war, hatte der Anderl mit verblüffender Eile einen ‚geeigneten’ Baum gefunden – eine mächtige Fichte, deren Stamm zwei Männer mit ihren Armen nicht umspannt hätten. Das ging dem Förster denn doch über den Spaß – zwar, Franzl blieb stolz und verzog keine Miene, er spuckte sogar in die Hände und zeigte alle Lust, sofort mit dem Beißen zu beginnen – aber der Förster ließ Gnade für Recht ergehen und wählte einen etwa dreißigjährigen Baum, der freilich zwei unangenehme Eigenschaften hatte: Er stand dicht neben einem viel begangenen Weg und war an seinem Fuß von dicken Pechwülsten überronnen.

   „Also, Franzl, jetzt beiß drauf los!“

   Das ließ sich unser Franzl nicht zweimal sagen. Er warf die Joppe fort, legte sich seitlich auf die Erde, packte den Stamm wie einen mächtigen Brotlaib mit beiden Händen und schlug seine Zähne in die Rinde, dass es nur so krachte. Mit jedem Biss brachte er ein faustgroßes Rindenstück vom Baum, so dass nach wenigen Minuten bereits ein breiter Ring des weißen Holzes bloßlag. Aber ein Hustenanfall unterbrach ihn bei der Arbeit; ein Rindensplitter war ihm in den ‚unrechten Hals’ gekommen; dann musste er auch das Pech aus seinem Schnurrbart zupfen, da ihm die gepichten Haare immer wieder den Mund verklebten.

   Die ‚hohe Kommission’, die lachend den oberbayerischen Biber umstand, blieb nicht allein. Alle Holzbauern, die des Weges kamen, die Senner, die von den Almen heimkehrten, alle, alle blieben stehen und schüttelten sich vor Lachen. Und aus dem Dorf, in dem sich die Kunde von der sonderbaren Wette rasch verbreitete, kam, wer Zeit hatte, um den zweibeinigen Biber beißen zu sehen. Der sonst so stille Wald widerhallte von hellem Gelächter, ein ganzer Regen von Witzen und Stichelreden ging über den Franzl nieder. Der verlor am Ende nun freilich seine Ruhe, aber wenn ihm auch vor Zorn die Adern schwollen, und wenn er mit den aufschielenden Augen auch gallengiftige Pfeile auf die lachenden Spötter schoss – er ließ sich im Beißen nicht stören. Er biss und riss, dass die ausgenagte Furche rings um den Baum immer tiefer wurde. Der Rücken und alle Glieder schmerzten ihn von dem einseitigen Liegen, aber er rutschte so unermüdlich hinter seinen arbeitenden Zähnen her und stemmte die genagelten Schuhe so zornig gegen den Boden, dass er das Moos und die Erde von allen Wurzeln fegte. Der Platz war anzusehen, als hätte hier ein Stier gekämpft.

   Erst als man aus dem Dorf die Mittagsglocke läuten hörte, vergönnte sich Franzl eine kurze Rast. Er wischte den Schweiß von seinem zerkratzten Gesicht, stocherte mit den Fingernägeln die Holzfasern aus den Zähnen und setzte sich dem schon zur Hälfte abgebissenen Stamm zu Füßen. Die lachenden Zuschauer waren Luft für seine Augen. Aus dem Rucksack holte er den Brotlaib, das kalte Fleisch und die Schnapsflasche hervor. Aber die von den Holzsplittern zerstochenen Lippen schmerzten ihn so sehr, dass er kaum zu essen vermochte, und der Schnaps brannte ihn wie Feuer. Wütend warf er die Reste seines qualvollen Mahles in den Rucksack und macht sich wieder ans Beißen.

   Er hatte die Arbeit kaum begonnen, als ein dralles, hübsches Mädel herbei gerannt kam – sein Schatz, die Modei. Als das Mädel den Burschen so liegen und am Holz knuspern sah, wie eine Maus am vergifteten Speck, da schlug es die Hände über dem Kopf zusammen und brach in Tränen aus.

   „Ja Franzl! Jesus Maria! Franzl! Was treibst denn? Bist denn narrisch worn?“

   „Mein Ruh lass mir!“, knurrte Franzl, schlug mit den Füßen aus und biss und riss am Holz.

   Modei packten den Burschen am Arm und suchte ihn vom Boden emporzuziehen. Das wäre ihr wohl schwerlich gelungen. Aber Franzl sprang endlich von selbst auf die Füße, packte die Dirn am Arm und zog sie seitwärts in den Wald. „I merk schon selber, was i mir da für a dumme Suppen einbrockt hab“, brummte er das Mädel an, das erschrocken auf seine blutenden Lippen guckte, „aber jetzt muss i’s ausessen. Wann der Baum net fallt, könnt i’s ja nimmer aushalten vor Spott und Glachter. Mei ganze Ehr hängt dran! Und drum sei gscheid, Madl, mach mir ’s Herz net schwar… und geh hoam!“

   Weinend schlich das Mädel davon, und Franzl fing wieder zu beißen an. Das Mitgefühl seiner Liebsten schien ihn gestärkt zu haben; er biss drauf los, dass seine Zähne im Holz knirschten. Und richtig! Als es zu dämmern begann, da war der Stamm so weit durchnagt, dass der Baum, als Franzl sich mit dem Aufgebot seiner im Zorn gesteigerten Kraft dagegenstemmte, langsam zur Seite schwankte und krachend niederfiel.

*                *
*

   Eine Stunde später wurde im Wirtshaus der ‚Banzen’ angezapft, den die Tafelrunde bezahlen und laut der Bedingung, die der Franzl selbst gestellt hatte, noch am gleichen Abend austrinken musste. Er wurde auch ausgetrunken, bis auf das letzte Tröpfl. Nur einer fehlte – der Franzl. Der lag zu Hause, der Bader war bei ihm und zog und schnitt ihm die Holzsplitter aus den Lippen, die einem Paar gebratener Äpfel glichen.

   Franzl wimmerte und fluchte. Und dass er niemals in seinem Leben wieder sagen würde: „Dös kon i aa!“ – das beteuerte er mit heiligem Schwur. Aber als ihm der Bader den Mund mit dicken Pflastern verklebte, musste er schweigen.

   Stumm noch hob er die Schwurfinger: Niemals wieder!

   Doch Menschenschwüre leiden an einer Krankheit, die man ‚kurzen Atem’ nennt.

   Ein paar Minuten später, als Franzls Mutter und mit ihr sein Schatz, die Modei, in den Bau des kranken Bibers trat – und als das Mädel unter Tränen jammerte: „Jesus, Franzl, Bua, wie schaust denn aus? Wie hast di denn zugricht’! Net amal a Bussl kannst mir geben!“ – da riss sich Franzl das Pflaster vom Mund und schrie:

   „Sakra! Dös kon i no! Her mit’m Schnabel!“

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