Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Hubertusland

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Hubertusland

            Jägerfrühling
            Frühlingsarbeit
            Auerhahnfalz
            Der kleine Hahn
            Bock geschossen
            Schuss in der Nacht
            Volk und großer Herr
            Adlerjagd
            Der Falkenfang
            Hüttenleben
            Feisthirsch
            Der neue Leonhardt
            Der Graben-Teufel
            Hirschbrunst
            Der treue Geselle
            Der Biberfranzl
            Blätter färben
            Seltene Gäste
            Der Has im Kessel
           
Der weiße Leithund

Der treue Geselle

   Zahlreich sind die Bilder und Vergleiche, welche die Phantasie der Dichter und mehr noch er Volksmund aus der weidmännischen Zoologie zu wählen pflegt. Allerdings sind diese Vergleiche zumeist Vergleiche nach dem Sprichwort – sie hinken.

   Es mag wohl angehen, wenn ein Verliebter das blondköpfige Ziel seiner Sehnsucht schlank wie ein Reh und schüchtern wie eine Turteltaube nennt, oder wenn er behauptet, seiner Liebsten Hände waren so weiß wie das Schneehuhn – obwohl das Schneehuhn im Sommer scheckig und nur im Winter weiß ist, also zu einer Zeit, in der die Liebste ganz sicher dunkelfärbige, warm gefütterte Handschuhe trägt.

   Schlimmer steht die Sache schon, wenn wir von einem Menschen sagen hören, er wäre faul wie ein Dachs. Der brave ‚Meister Grimmbart’, der in langer Sommerszeit unermüdlich an seinem unterirdischen Schloss baut, vom Abend bis zum Morgen auf der Käferjagd über die Felder streift – und faul? Wenn er im kalten Winter die Wärme im eigenen Pelz sucht, statt hinterm geheizten Ofen, das kann von einer gerechten Kritik och höchstens nur als Anspruchslosigkeit bezeichnet werden. Ein anderes Beispiel: „Furchtsam wie ein Hase!“ Wenn er Hase vor Hund und Jäger Reißaus nimmt, das ist doch sicher nur ein Zeichen von Klugheit. Wer aber einmal einen verliebten Hasen mit seinem Nebenbuhler kämpfen, oder eine Häsin ihre Jungen gegen eine Schar von Raben verteidigen sah, wird nicht mehr sagen: Mutig wie ein Löwe – sondern: kühn wie Bruder Lampe.

   Nicht besser steht es mit vielen anderen Vergleichen. Nur ein einzige runter ihnen besteht vor jedem Urteil – der jeder Menschenzunge geläufige Vergleich: „Treu wie ein Hund.“ Und niemand weiß die Wahrheit dieser Worte höher zu schätzen als der Jäger. Für ihn hat der Hund nicht nur Knochen, Fleisch und Haare, sondern auch Seele und Gemüt. Es hat aber auch jeder echte Jäger für seinen Hund ein Herz. Und wenn schon dem Flachlandsjäger der schlaue, schneidige Teckel und der flüchtige, wohl geschulte Feldhund weit mehr ist als nur ein nötiges Jagdrequisit, so gestaltet sich in den Bergen das Verhältnis zwischen Jäger und Hund noch weit inniger. Hier machen die beiden zusammen ein einziges aus, hier ist der Hund gleichsam des Jägers lebendig gewordener Schatten. Dem Hochlandsjäger ist der Jagdhund nicht nur Geselle im Sinn eines immer willigen Begleiters, er ist ihm Kamerad und Genosse. Und es ist kein Zufall, dass gerade der Name ‚Söllmann’, d.h. Gesellmann, für Gebirgsschweißhunde am häufigsten gebraucht wird.

   Wenn solch ein Jäger von den langen Sommermonaten erzählt, die er hoch oben in entlegener Jagdhütte einsam zu verbringen hat, kann man ihn häufig sagen hören, dass in dieser Zeit für ihn sein Hund die einzige ‚Ansprach’ wäre. Da haben die beiden nun freilich Gelegenheit und Muße, einander zu studieren und einander so nahe zu treten, dass hier die Scheidewand fast zu schwinden scheint, die zwischen Mensch und Tier zu stehen pflegt.

   Wer mit solchen Dingen nicht vertraut ist, dem mag es wohl komisch erscheinen, wenn er gelegentlich einen Gebirgsjäger in Ernst und Scherz mit seinem Hund sprechen hört, gleichwie mit einem Menschen. Da ist jeder Zweifel, ob der Hund diese Sprache auch versünde, übel angebracht. „Was? Mein Bürschl, meinen S’, der versteht mi net? Der versteht a jede Silben, akrat wie wann er in d’ Schul gangen wär. Grad, dass er selber net reden kann!“ Und solchem Glauben vermag man schwer zu widersprechen, wenn man beobachtet, mit wie klugen, verständnisvollen Augen das treue Tier auf seines Herren Worte lauscht, wie es Scherz und Ernst schon im ersten Ton der Stimme unterscheidet, jeden Augenwink und jede Bewegung des Jägers begreift, und wie es sogar mit den Gewohnheiten, Launen und Stimmungen seines Herrn zu rechnen weiß.

   Aber auch der Jäger versteht die stumme und laute Sprache seines Hundes, den flehenden Blick des hungrigen oder dürstenden Tieres, sein Scharren und Trippeln, sein Knurren und Murren, sein Winseln und Klagen. Und er hat ein feines Ohr für das Hundegebell, so dass er genau zu unterscheiden vermag, ob der treue Wächter die Nähe eines Fremden meldet; ob der Hund ‚verloren’ bellt, wenn er bei der ‚Schweißarbeit’ in Dickicht oder Gestein sich verirrte oder verstieg; ob er, auf der Fährte hängend, das ‚aufgestochene’ Wild mit hellem Läuten begrüßt; ob er vor dem gestellten Hirsch scharfen ‚Standlaut’ gibt oder den verendeten Recken ‚tot verbellt’. So hat jeder von beiden Teilen seine Sprache, die der andere versteht, und sie reichen damit aus für alles, was sie einander zu sagen haben.

   Hand in Hand mit der Zuneigung, die der Jäger seinem vierbeinigen Kameraden schenkt, geht der Stolz. Da hält ein jeder seinen Hund für den Ausbund des Geschlechtes, und wer einen Jäger recht ins Herz hinein kränken will, der braucht ihm nur zu sagen, dass sein Hund keinen Schuss Pulver tauge. Man muss sie nur hören, diese braunen, wetterharten Berglandssöhne, wenn sie beieinander sitzen und das Lob ihrer Hunde singen. Da will einer den anderen übertrumpfen, und wenn sie mit der Wahrheit nicht mehr ausreichen, nehmen sie ihre Zuflucht zu dickem Latein.

   Da kommt dann wohl die Geschichte von jenem schneidigen Hund aufs Tapet, der mitten im Dorf eine Haustür ‚stellte’, weil über ihr eine Firmentafel angebracht war: „Schneidermeister Fuchs“ – oder die Geschichte von jenem Schweißhund, der acht volle Tage vor einem verendeten Hirsch vergebens auf den Jäger harrte und schließlich dem Hirsch ein Stück Ohrwaschl – die Jäger sagen: Lauscher – abbiss, um es ins Forsthaus zu apportieren, gleichsam als Visitenkarte der wartenden Beute – oder die Geschichte von jenem beharrlichen Pirschmann, der seinen Herrn spurlos verloren ging, bis der Hund ein volles Jahr später vor den Knochenresten einer Gämse als ‚stehendes’ Skelett gefunden wurde.

   Ehrliche Burschen sind sie alle, diese Hochlandsjäger, aber so ehrlich ist dennoch keiner, dass er die Mängel seines Hundes eingestehen möchte, nicht einmal im Wald draußen, wenn der Hund vor Zeugen schlecht auf der Schweißfährte arbeitet oder durch knurrige Unruhe den Pirschgang verdirbt. „Na, jetzt da schau, was der Hund heut hat“, brummt wohl der Jäger in solchem Fall unter rastlosem Kopfschütteln, „jetzt das is aber gspaßig! So was tut er doch sonst nie!“ Natürlich ist der Jäger auch um Ausreden nicht verlegen, und da muss es bald der ‚elende’ Wind sein, der den sonst so verlässlichen Hund ‚fexiert’, oder der brave Bergmanndl, der ‚halt gar so viel selten an Menschen siecht’, ist durch die Anwesenheit eines Fremden ‚verschüchtert’.

   Wie anders aber, wenn Bergmanndl mit prompten Fleiß arbeitet und etwa gar ein Meisterstücklein liefert, indem er nach stundenlanger Suche einen erbärmlich angeplänkelten, nur in seltenen Tropfen schweißenden Hirsch ausmacht, den ‚unter hundert Schwoaßhund net an oanziger mehr z’stand bracht hätt!’ Da leuchten dem Jäger vor Stolz und Freude die Augen, da weiß er gleich mit einem Dutzend ähnlicher Geschichten aufzuwarten, und zärtlich tätschelt er mit den braunen Händen den Kopf des Lieblings, an den ‚in der ganzen Welt schon gar kein Hund nimmer hin kann’. Für Bergmanndl aber setzt es in den folgenden Tagen gute Zeiten und gute Bissen. Darben muss er freilich auch sonst nicht. Redlich teilt der Jäger die karge Hüttenkost mit seinem treuen Gesellen, breitet ihm den weichen Wettermantel zum Lager neben den kleinen, eisernen Kochherd, behütet ihn nach Möglichkeit vor Nässe und Kälte, und wenn eine Krankheit das Tier befällt, oder wenn es bei einem Sturz sich verletzte, widmet er seinem kranken Gesellen eine so ausdauernde und achtsame Pflege, wie er sie kaum sich selbst in unpässlichen Zeiten angedeihen lässt. Der Hund versteht und fühlt diese Sorge, und er lohnt sie seinem Herrn durch schmeichelnde Anhänglichkeit und nicht selten durch Treue bis in den Tod. Die viel erzählte Geschichte des Hundes, der bei der Leiche des von einer meuchlerischen Wildschützenkugel ins Moos gestreckten Jägers ausharrte, bis er vor Hunger verendete, ist ebenso wenig eine Fabel, wie die minder bekannte, zum Gegenstück solcher Tragik recht lustige Geschichte des braven ‚Haßl’, den ein alter Förster des Oberisartales sein eigen nannte. Der fidele Graukopf liebte einen guten Trunk, und da trank er dann häufig ein paar Krüglein über den Durst. Das ‚bisserl’ Zuviel spürte er nur immer in den Knien, und so war es in finsterer Nacht mit dem Heimmarsch vom Wirtshaus eine böse Sache. Da wäre es ihm gar häufig übel ergangen, wenn er seinen ‚guatn’ Haßl nicht gehabt hätte. Der diente ihm als Führer und Laterne. Der Förster brauchte ihn nur unter der Wirtshaustür beim Schweif zu packen, und dann zog der gute Haßl an, leitete seinen Herrn im Schlepptau heimwärts über die pechschwarze Straße und zu guter Letzt noch über die steile Treppe hinauf ins Kämmerlein, wo der Förster nur ins Bett zu fallen brauchte.

   Da mag es nun wohl begreiflich sein, wenn es im Volkslied der Berge heißt:

„Und das is dir a Lieb,
Ohne Falsch, ohne End,
Und das is dir a Lieb,
Dö koan Eifersucht kennt!
Und i und mei Hundei
Mier zwoa halten zamm,
Wie d’ Stern mit ’n Himi,
Wie der Wald mit die Baam!“

   Keine Eifersucht, aber wohl einen Schmerz kennt diese ‚Liebe’. Einem Jäger, wie der einer war, der diese Zeilen gesungen, geht mit dem unausbleiblichen Verlust des gealterten Hundes immer ein Stück eigenen Lebens mit weg vom Herzen. Und es ist eine harte Sache für solch einen Jäger, wenn er dem treuen Gesellen, mit dem er in einsamer Höhe Leid und Freud geteilt durch lange Jahre, die Kugel geben muss, um das von Alter und Strapazen gebrochene Tier doch wenigstens vor elendem Siechtum zu bewahren.

   Da kommt mir die Erinnerung an einen Oktobertag, an dem ich zur Hirschbrunft auf die Berge stieg. Der Jäger, der mich führen sollte, erwartete mich in der Jagdhütte. Ich freute mich schon auf den lustigen Alten, machte aber verdutzte Augen, als ich seine trübselige Miene sah und den mürrischen Gruß hörte, den er mir bot.

   „Was is denn los? Was machst Du denn heut für an Kopf? Mir scheint, heut hast an schiechen Tag?“

   „Ja! Recht an schiechen Tag! Mein’ Söllmann hab i derschießen müssen, weißt, weil’s halt gar nimmer mit ihm gangen is! Den ganzen Sommer hab ich ihm noch ’s Gnadenbrot geben. Aber den Winter hätt er nimmer überstanden. Auf eim Aug hat er schon nix mehr gsehn, und ’s Schnaufen hat er nimmer dermacht. No mein, da hat’s schon ihm z’lieb sein müssen, wann’s mich gleich so viel hart ankommen is. Denn so an Hund gibt’s nimmer. Wie der an eim ghängt is, das kann i keim Menschen net sagen! Aber no… heut in der Fruh, da hab ich ihm fürs letzte Mal noch a Fleisch aufkocht, und dernach hab ich ihn auffigführt ins Holz, an a recht a schöns Platzl ihn. Dreimal hab ich auffahren müssen mit der Büchs, so viel haben meine Händ zittert. Und wie ich’s endlich zammbracht hab, da hat er sich gstreckt im Schnall. A kloanwunzigsbissl hat er noch gwedelt. Und grad a wengerl hat er sich umgschaut nach meiner, mit zwoa traurige Augen, wie wann er im letzten Schnaufer noch hätt sagen mögen: So? So machst es Du mir?“

   Dem Alten versagte die Stimme. Schnüffelnd fuhr er sich mit dem Ärmel über die Nase und wandte sich ab, damit ich nicht sehen sollte, was ihm dick über die furchigen Backen niederkollerte in den grauen Bart.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.