Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hubertusland

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Hüttenleben im Hochgebirg

   Das war so einer von den richtigen Grobwettertagen. Am frühen Morgen schon, als ich mit dem Förster zur Gamspirsch ausgezogen, hatte uns der Himmel ein bedenkliches Gesicht geschnitten.

   „Heut gibt’s noch was! Ich mein’, wir bleibeten gscheiter daheim auf der Hütten!“, hatte der Förster gebrummt.

   Aber mein Jagdeifer hatte mir die Ohren taub gemacht für diese Warnung. „Ah was! So gfährlich schaut’s net aus!“ Mit diesen Worten hatte ich die Büchse über die Schulter geworfen und war hinausgetreten unter den mit schwerem Gewölk behangenen Himmel. Brummend war der Förster hinter mir hergetrabt, hatte eine dicke Rauchwolke schief unter seinem grauen Schnurrbart hervorgepafft und geknurrt: „Natürlich! Da muss man gamsjagern! Bei so eim Wetter, wo der Wind umeinandfahrt wie a Maus im leeren Mehlsack. Aber grad freuen tät’s mich, wenn’s uns heut noch recht ghörig waschen möcht!“

   Er sollte auf diese Freude nicht lange warten müssen. Denn als wir nach erfolgloser Pirsch die Grenze des Jagdbezirkes erreicht hatten, da war’s über uns losgebrochen, „als hätt’s der Peterl schaffelweis zum abigießen“. Da hatte kein Wettermantel, kein Unterstehen mehr gefruchtet. Nach wenigen Minuten waren wir durchnässt bis auf die Haut. Mit der richtigen Nässe war uns auch der richtige Jägerhumor wieder gekommen; unter Lachen und Plaudern waren wir bei strömendem Regen den zwei Stunden weiten Weg zur Hütte heimwärts gestapft und hatten es kaum beachtet, wie das Wasser in Bächen von uns nieder rann, und wie jeder Schritt einen kleinen Springbrunnen aus unseren glitschenden, patschenden Schuhen trieb.

   Mit lachendem Gruß hatte uns der Jagdgehilf unter der Hüttentür empfangen. Wie Pudel, die aus dem Wasser gestiegen, hatten wir die gröbste Nässe von uns geschüttelt und waren in die kleine Jägerstube getreten.

   Und nun, ein halbes Stündchen später, saßen wir in trockenen Kleidern, rauchend und plaudernd, auf der Holzbank vor der Hüte und schauten im Schutz des weit vorspringenden Daches hinaus in das rastlose Strömen und Gießen. Uns zu Füßen senkte sich der gewaltige Berghang nieder ins Tal, das von dichten, wirbelnden Nebeln erfüllt war, die nur ab und zu einen kurzen Ausblick über die weit zerstreuten Häuser des tief liegenden Dorfes gewährten. Jenseits des Tales bauten sich stiele Berge empor über das Nebelmeer, aber ihre Kuppen verschwanden wieder in dem höheren Gewölk, und die farbige Zeichnung ihrer Gehänge schien von dem strömenden Regen wie von einem dichten Schleier überbreitet. Keuchende Windstöße rüttelten die triefenden Fichten und peitschten den Regen, der mit klatschendem Knattern über das Schindeldach der Hütte fiel. Von unfern tönte das dumpfe Rauschen eines Sturzbaches, und dicht von unseren Füßen plätscherten die hundert Wasserfäden der Dachtraufe über das verwaschene Gestein. Dazu klang durch die offenen Hüttenfenster das Prasseln und Knistern des Feuers, über dem das Wasser im eisernen Fleischtopf brodelte, und wir hörten die Schritte des Jagdgehilfen, hörten das Klappern der Pfanne, mit deren Hilfe er für unseren Jägerhunger seine primitive Kochkunst betätigte, während er halblaut eine volkstümliche Wiese pfiff.

   Dieses Hören und Sehen, die gemütliche Rast nach dem ermüdenden Marsch, das trockene Plätzchen inmitten dieses Strömens und Gießens: Das alles machte eine behagliche Stimmung. Und diese Stimmung mochte mir der Förster wohl vom Gesicht lesen, denn er lachte mich an und sagte:

   „Gelt, nach so eim Marsch und bei so eim Wetter, da tut eim d’ Hütten wohl!“

   Mit vergnüglichem Schmunzeln nickte er vor sich hin, zog an der Pfeife, blies ein dünnes Wölklein in die Luft und plauderte weiter:

   „Ja, ich sag’s allweil: Die Jager von heut, die wissen gar net, wie schön sie’s haben. Wann ich so z’ruckdenk an meine eigene Ghilfenzeit, vor a dreißg a vierzg Jahr… no, Sie, da hat fein a ganze, richtige Lieb zur Jagerei dazu ghört, sonst hätte im d’ Lust vergehn können vor lauter Müh und Plag! Jeden gschlagenen Morgen vor der Taglichten in d’ Höh und nauf am Berg, a vier, a fünf und sechs Stund weit! Und nachher auf d’ Nacht wieder heim bis ins Ort. Denn in die Sennhütten unterschliefen, das is auch net eim jeden sein Gusto gwesen. Und jede Sennerin war auch net darnach, dass sich a Jager mit ihr hätt verhaltne mögen. Höchstens, dass man auf an Schmarren oder a Milchsuppen zusprechen hat können. Aber wenn kein Kaser weit und breit net gwesen is, oder wenn d’ Sennhütten leer gstanden sind, nachher hat’s gheißen, von der Fruh bis auf d’ Nacht umeinand schieben, ohne an warmen Bissen im Magen. Und mit die Lumpen! Was hat man da erst für a Metten ghabt! Natürlich, die Tropfen, die eiskalten, die haben das auch vermerkt und ausgnutzt, dass der Jager amal heim hat müssen zum Essen und Schlafen. Allbot hast an Schuss hören können. Aber natürlich, bis der Jaager amal zum Zeug kommen is, derzeit war der Lump schon lang über alle Berg! Und Mondschein wann gwesen is, da hat er gleich Tag und Nacht nimmer heim dürfen. Wo man auf ’n Abend gangen oder gstanden is, da hat man sich hinglegt und hat sich in sein Wettermantel gwickelt. Und am allerfleißigsten hat einer beim groben Wetter auf die Füß sein dürfen. Das is gar nix Seltsams gwesen, dass man an eim und dem selbigen Tag drei viermal nass und trocken worden is bis auf ’n letzten Faden. Und so was nimmt fein an Menschen her!“

   Bei diesen Worten schnitt der Förster ein schiefes Gesicht, klemmte die Pfeife zwischen die Zähne und fuhr sich mit beiden Händen unter prüfenden Griffen über die Beine. Dann hub er wieder zu plaudern an und begann im Gegensatz zur ‚alten Zeit’ das Lob der neuen zu singen.

   „Gwiss wahr, seit in die letzten dreißig Jahr ein Schutzhäusl und Jagdhüttl ums andere baut wird, derzeit is auch von Jahr zu Jahr mit die Lumpen besser worden. Natürlich, ganz aufhören tut so was net. Aber die mehreren haben sich’s doch überlegt, seit s’ wissen, dass ihnen der Jager bei Tag und Nacht allweil auf an Katzensprung am Gnack sitzt. Und beim groben Wetter tut’s es ja schon, wenn er sich vor d’ Hüttentür aufs Bankl setzt. Da sieht er und hört er sein ganzen Bezirk aus. Und wenn er schon draußen war und kommt heim als a Nasser, so hat er sein Stübl und hat sein Ofen. Und mit ’m Essen kann er sich’s einrichten, grad wie er mag. In der Fruh hat er sein Kaffee oder a Brotsuppen. Auf Mittag kocht er sich an Schmarren oder Kaasnocken, oder was ihm sonst grad taugt. Und für’n Abend, da liegt a Flascherl Bier in der Kellergruben. In der Nacht hat er a warme Liegerstatt, und wenn’s a recht Verzogener is, der ’s Kratzen vom Heu net vertragt, der hat a Matrazen, a wollene Decken und sein Polsterkissen. Und Gsellschaft hat er auch a paar Mal in der Wochen. Und da sind nachher die lustigen Stunden daheim auf der Hütten. Ja, grad a nobligs Leben is daheroben!“

   So plauderte der Graubart weiter und wurde nicht müde, die Vorzüge und Reize des Hüttenlebens vor mir zu entwickeln. Seltsamerweise dachte er dabei gerade an einen Vorzug nicht, den er in erster Reihe hätte nennen müssen: Den Reiz der landschaftlichen Umgebung.

   Der Zweck, dem diese Hütten dienen, bringt es mich sich, dass sie zumeist an Stellen erbaut sind, von denen aus ein möglichst großer Teil des Jagdbezirkes zu übersehen ist. Da steht solch eine Hütte inmitten eines weit gedehnten Berghanges auf scharf vorspringendem, stielen Felsenerker, der einen Ausblick von unbeschreiblicher Schönheit bietet, sei es über eine wild zerklüftete Waldschlucht oder einen lieblichen Almengrund, sei es über das tief liegende, bewohnte Tal oder über die waldigen Vorberge hinaus in die graue, bis in unabsehbare Ferne sich dehnende Ebene. Eine andere Hütte wieder erhebt sich auf einem schütter bewachsenen Hügel im Zentrum eines stundenbreiten Hochplateaus, das rings umschlossen ist von kahl aufstarrenden Wänden, von mächtig in die Lüste ragenden Felskolossen, über deren höchste Gehänge der ewige Schnee hernieder greift bis in die grünen Latschenfelder. Und da liegt wohl auch mit dunkelblauem Wasser ein kleiner Hochsee still gebettet. Er sieht sich an wie eines versteinerten Riesen lebendig gebliebenes Auge, das mit unergründlich tiefem, schwermutsvollem Blick den Himmel sucht.

   Was wirkt erhebender, was schleicht sich tiefer in das Gemüt eines für Naturschönheit empfänglichen Menschen? Der erste, jähe, mit einem einzigen Blick erfasste Eindruck solch einer Szenerie? Oder das tagelange, beschauende Verweilen an solchem Ort, das sinnende Betrachten des allmählichen Wandels in diesem Bild, von der frühen, dämmerigen Stunde an, in der das Auge nur mit Mühe die grauen Schatten durchdringt, bis zum Erwachen des gebrochenen, in allen Tönen spielenden Morgenlichtes, bis zum rosigen Erglänzen des ersten Sonnenstrahls, bis zu der drückenden, alle Konturen verwischenden Schwüle des Mittags, bis zum lauen, klaren, herrlichen Abend, an dem unter dem Scheidegruß der Sonne die kahlen Felsen in dunklem Purpur erglühen, bevor die sternenhelle Nacht mit ihren schwarzen Schleiern die letzten Farben löscht.

   Und solch einem Tag gegenüber nun ein anderer, mit seinen jagenden Wolken und flatternden Nebeln, mit seinem Gießen und Strömen, mit seinen triefenden Bäumen und tropfenden Wänden, mit seinen rasch entstandenen und rasch wieder verrinnenden Sturzbächen, mit zuckenden Blitzen und mit krachendem Donner, unter dem die Erde schüttert und die Berge zu erzittern scheinen.

   So wechseln die Bilder der Tage und fügen Zug an Zug zum Gesicht des Jahres, von jenem Morgen, an dem der Jäger nach ‚harber’ Winterszeit zu der vom Schnee erlösten Hütte steigt, vom Frühling an mit seinem brausenden Föhn, mit seinen stürzenden Lawinen, mit seinem licht und schüchtern ersprossenden Grün, bis zur prunkenden üppigen Pracht des Sommers, bis zum Herbst, in dem das Tierleben der Berge seinen regsten Pulsschlag zeigt. Und da lächelt ein immerklarer, tiefblauer Himmel herunter auf den grellen, buntfarbigen, fast koketten Aufputz der alternden Natur, bis jählings eines Morgens der erste, blendendweiße Neuschnee die steilen Gehänge deckt, die geduldigen Bäume drückt, das Wild in die tieferen Gehege treibt und den Jäger von der Hütte heimwärts schickt in das winterliche Dorf.

   Der mit den Stunden geizende Tourist, der die Täler durchhetzt, im Schweiß seines Angesichtes hinter den Fersen des Führers eine Hochtour abkeucht, in der Almhütte eine Schüssel saurer Milch auslöffelt und sich von der Sennerin belächeln lässt – er trägt von der ‚Bergnatur’, die er zu ‚studieren’ gekommen, wohl auch ein Bild mit fort. Wie weit entfernt aber ist seine flüchtige Vorstellung von der gewaltigen Wirklichkeit! Wer die Bergwelt, die mit jeder Stunde ein anderes Antlitz zeigt, seinem Verständnis erschließen will, der hat vor allem Zeit, Geduld und Ruhe vonnöten. Dieses tage- und wochenlange Verweilen ‚auf der Hütte’, das ist eine der richtigen Hochschulen für die Erkenntnis der Bergnatur. Hier sitzt sie selbst in ihrer tiefernsten Würde auf dem Dozentenstuhl und öffnet dem geduldig Lauschenden ihr innerstes Herz. Hier lernt man so recht ihre Sprache verstehen, die sich zusammensetzt aus dem dumpfen Poltern der stürzenden Steine und dem Grollen der Lawinen, aus dem Brausen des Sturmes, dem Ächzen der Bäume und dem Raunen der zitternden Blätter, aus dem Rauschen und Murmeln der Gewässer und aus den hundertfachen Stimmen der scheuen Geschöpfe. In jeder Jahreszeit, in jeder Stunde des Tages hat diese Sprache einen anderen Klang, eine andere Färbung. Und am tiefsten greift sie jenem ins Herz, der sie hört in dunkler Nacht, wenn die Sterne nieder blitzen über die finster ruhenden Berge. Man sitzt auf einem moosigen Steinblock und starrt in Gedanken empor zu den leuchtenden Augen des Alls. Wie ein tiefes, lang aushaltendes Atmen geht es durch den schwarzen Wald. Da plötzlich trifft ein unbeschreiblicher, hell vibrierender Ton das Ohr. Man weiß nicht, woher er kommt, und errät nicht, was ihn erzeugt hat. Er kommt wie aus weiter Ferne, wie aus der Tiefe der Erde – man hört ihn – und leise verzittert er in der finsteren Nacht. Es ist, als schliefe die Natur, als hätte sie im Traum gesprochen.

   Wie manche solcher Stunden hab’ ich schon genossen, und immer wieder wirken sie auf mich in gleich ergreifender Weise. Da ist es mir nach und nach zur lieben Gewohnheit geworden, in der letzten Nacht vor dem Verlassen der Hütte lange Stunden unter freiem Himmel zu verbringen, bis mich die mahnende Stimme des Jägers oder das ungeduldige Knurren meines Hundes aus dem Sinnen und Schauen weckt und mich zurückruft in die Hütte, zur letzten Rast auf dem weichen, knisternden Bergheu.

   Wie wird mir dann am anderen Morgen das Scheiden von der kleinen Hütte schwer! Geht es aber nach Tagen oder Wochen wieder zu Berge und winkt mir nach langem, ermüdendem aufstieg das in der Sonne blinkende Balkenhaus über die Tannenwipfel entgegen, dann ist mit einem Schlag alle Müdigkeit vergessen. Da kräuselt sich der bläuliche Rauch aus den Schindeln; mit hellem Laut begrüßt mich der rote Schweißhund, und nun tritt der Jäger unter die Tür und streckt mir lachend die sonnverbrannte Rechte hin.

   „Grüß Gott, Herr Dokter! Wieder amal beim Zeug? Wie geht’s denn, han? Aber wie dumm als ich frag! Wie kann’s denn schlecht gehen, wann’s auf d’ Hütten geht! Jetzt kommen S’ nur gleich eini! Die zwei Träger sind schon da. Der ein’ mit Ihrem Sach, der ander mit ’m Bier. Ich hab ’s Fassl gleich aufgstellt. Wann S’ an Durst haben, kann ich anzapfen auf der Stell.“

   Dabei nimmt er mir den Bergstock aus der Hand und die Büchse von der Schulter, und erleichtert aufatmend tret’ ich unter die Tür, während mein Teckel mit dem Schweißhund ein schnupperndes Wiedersehen feiert. Ein kleiner Vorraum empfängt mich, der als Speisekammer und zuweilen als Küche dient. Eine Klapptür führt zur Kellergrube. Fast den vierten Teil des Raumes nimmt der selten benutzte offene Herd ein, auf dem jetzt das Bierfass steht, mit nasskalten Tüchern umwickelt. Eine niedre Tür führt in die Stube, die durch zwei kleine, vergitterte Fenster ihr Licht empfängt. Die Balkenwände und die Decke sind mit hellen Brettern verschalt. In einer Ecke steht der eiserne Kochherd, in der anderen das für drei Schläfer knappen Raum gewährende Heubett mit zwei groben Wolldecken und einem zerlegenen Polster. In der Fensterecke steht der kleine Tisch vor der in die Wände eingelassenen Winkelbank. In der vierten Ecke ist hoch an der Wand ein Brett befestigt, das die blecherne Kaffeemaschine, die Zuckerdose, einige Gläser und ein paar eiserne Töpfe trägt. Darunter ist die Zapfenreihe für die Gewehre, Ferngläser und Rucksäcke angebracht. Nicht weit davon hängt ein Rahmen mit einigen Holz- und Porzellantellern, mit zwei irdenen Schüsseln und drei oder vier Kaffeetassen, von denen sich nicht mehr alle eines Henkels erfreuen. Über dem Ofen hängen die beiden Pfannen, die sauber gefegte Wasserpfanne und die fettglänzende Schmarrenpfanne. Ein paar Geweihe schmücken die Wände. Aus dem Tischwinkel grüßt das niemals fehlende Kruzifix, neben dem zwei Heiligenbilder mit dem von einer dünnen Goldleiste umrahmten Bild des Königs einträchtige Gesellschaft halten.

   Dieser einen Hütte, deren Hauptzweck die Erleichterung des Schutzdienstes ist, gleichen die meisten im Gebirge. Manche Hütten, die in erster Linie als Jagdhäuser und nur nebenbei als Schutzhütten dienen, besonders solche in den königlichen Leibgehengen und in den Jagdbezirken reicher Standesherren, enthaltne wohl mehrere Räume und bieten größeren Komfort.

   Aber je enger die Hütte, desto lieber ist sie mir. Je kleiner der Tisch, desto näher rückt man zusammen, desto gemütlicher plaudert sich’s. Und was gibt es da am ersten Abend bei Krug und Pfeife alles zu plaudern und zu fragen! Wo steht der gute Zehnerhirsch mit dem kapitalen, weit gespannten Geweih? Da drüben also auf dem neuen Schlag? Und schon verfegt? Und der alte Schlaumeier von einem Gamsbock, der mir im vergangenen Herbst zweimal aus dem Schuss blitzte? Er hält auch heuer wieder den alten Stand. Und auch die Rehböcke treiben schon lustig drauf los. Hurra, da gibt’s Weidmannsarbeit übergenug! Also munter ausgetrunken und hurtig eingeschenkt, dass wir beizeiten aufs Heu kommen! So flink geht’s aber doch nicht vonstatten; mit dem Austrinken und Einschenken wohl, aber nicht mit dem Ausplaudern. Zum Kuckuck, schon Mitternacht? Wo ist denn die Zeit hingekommen? Nur rasch die Fenster ein wenig aufgerissen, denn in der Stube liegt der Rauch zum Schneiden. Die Hunde schlafen schon und knurren im Traum. Und jetzt die Fenster zu, das Licht gelöscht und mit einem Satz auf den Kreister! Wie tut das Strecken wohl und wie fühlt sich das Heu so weich!

   Nun gilt’s, durch die Festigkeit des Schlafes seien Kürze wettzumachen. Denn gegen die dritte Morgenstunde ist mein Jäger schon wieder in der Höhe. Ich zwinkere noch ein halbes Stündchen weiter, während der Jäger die Pfanne über das Feuer setzt. Mit einem Ruck aber bin ich auf den Beinen, sobald die Löffel klappern. Schwarzer Kaffee und dazu eine Pfanne voll Schmarren, das ist in den Bergen das richtige Jägerfrühstück; das pflastert den Magen und hält die Rippen fest.

   Und nun den Hut aufs Haar, die Büchse über die Schulter, den Bergstock in die Faust, und hinaus in den dämmerigen Morgen, dessen klarer Himmel einen herrlichen Tag verheißt.

   Fünf Stunden später kehren wir zurück von erfolgloser Pirsch. Wohl stand mir ein guter Achterhirsch, dem schon die Bastfetzen von den Sprossen hingen, auf Schussbereich vor der Büchse – aber schief. Und solch einem Edlen die Kugel auf die weiße Scheibe setzen? Nein! Ich habe Zeit, ich kann’s erwarten, bis mir ein anderer das rote Blatt zu gutem Schuss zeigt.

   Nun sind wir wieder in der Hütte. Eine halbe Stunde Rast, dann beginnt die ‚höhere Kocherei’. Statt Schmarren und Kaasnocken gibt’s zur willkommenen Abwechslung für den Jäger heute ‚Gawliersmenasch’ – Fleischsuppe mit Fleisch. Im Stubenofen wird das Feuer angeschürt. Und was für ein Feuer! Dass die Platte glüht und eine schweißtreibende Hitze die Stube füllt. In der Jagdhütte hat das Holz keinen Sparer. Und gegen die Hitze lassen sich Tür und Fenster öffnen. Der scharfe Zug, der die Stube durchfährt, erfrischt nur bei dem schweren ‚Werk’, das man ‚ernst bereitet’ – er schadet nicht. In der Hütte schadet überhaupt nichts. Nun wird im eisernen Topf mit ‚Grünzeug’ und einer Handvoll Salz das Fleisch in einem Meer von Wasser zugesetzt. Und gerät das Wasser erst ins Brodeln – mit welchem Eifer wird die Suppe behütet un ‚abgschaumt’, und welche Summe von Aufregung bringt die Sorge mit sich, dass nur ja das Fleisch nicht aus dem Sieden kommt!

   Der Ofen wird mit frischen Scheiten angepackt. Dann verschnauft man und hält eine Kunstpause von einer halben Stunde. Dann geht’s an das Putzen und peinlich akkurate Schneiden der gelben Rüben, die in der Wasserpfanne nach einem etwas dunklen Rezept eingebrannt werden. Zum ‚Luxus’, wie der Jäger meint, werden in einem Blechhafen noch Kartoffeln zugesetzt, um später in der Schmarrenpfanne geröstet zu werden. Während auf dem glühenden Ofen ein unaufhörliches Dampfen, Brodeln und Zischen herrscht, wird auf der Bank das Brot zur Suppe in eine Schüssel geschnitten und ein Ei darüber geschlagen. Und nun denke man: Das Brot in der Schüssel, die Kartoffeln im Hafen, die gelben Rüben in der Wasserpfanne, das Fleisch im Topf, und schließlich wieder die Kartoffeln in der Schmarrenpfanne – welch ein Kochgenie gehört dazu, um das alles zu übersehen, um in des Wortes wörtlichster Bedeutung nicht das eine in das andere zu bringen!

   Endlich! Das Mahl ist fertig, und der Tisch ist gedeckt. Vorzüglich ist die Suppe geraten. Der Jäger meint: „Ah, so a Süpperl, das is a Süpperl! Da muss sich fein a Wirtshaussuppen dagegen verstecken.“

   Freilich kratzt der allzu reichlich genommene Pfeffer ein wenig im Hals. Aber ‚Pfeffer macht Kurasch’, und Kurasch kann man brauchen in den Bergen. Nun erst das Fleisch! Es sticht sich wie Butter. Da ist kaum ein Messer vonnöten, es zerfällt schon unter der Gabel. Wunderbar goldbraun sehen die gerösteten Kartoffeln aus. Allerdings kostet es einige Mühe, sie von der Pfanne los zu bringen. Die gelben Rüben schauen sich einwenig dunkel und runzlig an, und von mancher ist nur noch ein verkrümpeltes Häutlein übrig, aber die ‚Soßßß’, in der sie schwimmen, reißt alles heraus. Wie das schmeckt! In der Jagdhütte schmeckt überhaupt alles – und doppelt gut das ‚feine’ Mahl, das man selbst bereitet, bei dem also jede Kritik von vornherein ausgeschlossen ist. Nun ein Krug Bier darauf, und eine gute, leichte Zigarre. Der Jäger schmunzelt schon übers ganze Gesicht, während ich das Ledertäschchen aus der Joppe zeihe. Und dennoch sträubt er sich ein paar Sekunden lang, die gebotene Zigarre anzunehmen. Nun ein paar Rundgänge um die Hütte, in Hemdärmeln unter der warmen Sonne. Dann kommt für mich ein Stündchen Schlaf unter dem nächsten schattigen Baum, während am plätschernden Brunnen der Jäger sich diese ganze Stunde müht, um die Schmarrenpfanne von den Kartoffeln, die Wasserpfanne von den gelben Rüben rein zu bekommen. Gegen drei Uhr gibt’s Kaffee. Und gegen solchen Hüttenkaffee steht schon gar nichts auf. Schwarz wie die Nacht und wunderbar duftend rinnt er aus der Kanne, und mit dem dicken süßen Rahm gemischt, den der Jäger von der nächsten Sennhütte holte, liegt er schwer wie Öl und goldig in der Tasse.

   Um vier Uhr wird zur Abendpirsch aufgebrochen. Über lichte Rodungen und über weite, belebte Almflächen wandern wir der Grenze des Jagdbezirkes zu, um die Pirsch, wie es der Gang des Windes fordert, von da draußen gegen die Hütte her zu machen. Die erste Hälfte des Rückweges soll jenem Schlaumeier von Gamsbock gelten, und gegen sieben Uhr will ich dann noch den Ansitz auf dem ‚neuen Schlag’ gewinnen. Kaum aber ist in der Nähe der Grenze die Pirsch begonnen, da raschelt’s im Unterholz, und ein Rehbock mit prächtig ausgerecktem Sechsergewichtl trollt über den grasigen Zeihweg, den Windfang suchend zur Rede gesenkt. Beim Knacken des Hahnes stutz er und hebt den schönen Kopf. Da kracht mein Schuss. Mit einer hohen Flucht überfällt der Bock den Wegrain – stürzt – und liegt verendet zwischen den Stauden. Einen Jauchzer ins Tal und einen grünen Bruch auf den Hut!

   Der Bock wird auf den Weg gezogen und aufgebrochen. Während wir ihm die Läufe verschränken, tönt’s hinter unserem Rücken:

   „Gratalier! Und grüß Gott beinand!“

   Es ist der Jagdgehilfe von der nächsten Hütte. Beim Begehen der Grenze hat er meine Schuss gehört und ist dem Hall nachgegangen. Und weil er schon einmal da wäre, meint er, könnte er auch noch das ‚Katzensprüngl’ bis zu unserer Hütte mitmachen. Mein Jäger blinzelt mich an und stuppt mir den Ellbogen in die Seite. „Der hat ’s Bierfassl im Wind!“

   Gemächlichen Schrittes wird der Heimweg angetreten. Während wir das Almfeld überschreiten, begegnet uns die Nannei, unsere Rahmspenderin. Sonderlich hübsch ist sie nicht, aber lustig, jung und ‚gsund’. Kaum sieht sie die Läufe des Rehbocks über die Schultern des Jägers ragen, da stemmt sie die Fäuste in die Hüften und ‚lasst ein’ aussi, aber scho an sakrischen Juchezer’.

   Für die Salutierung unseres Jägerglücks sucht sie sich auch gleich bezahlt zu machen. Mit lustigen Worten verspricht sie ihr tüchtiges Mithalten bei der sauren Rehleber oder bei den Leberknödeln, die es wohl am Abend im Jagerhäusl absetzen würde.

   Und richtig! Kaum dämmert’s vor der Hütte, kaum brodelt auf dem Glut sprühenden Ofen die Leber in der Pfanne, da tritt die Nannei lachend unter die Tür. Sie hat sich ‚schön’ gemacht. Und hat die Sennerin vom Nachbarkaaser, die Resl, auch noch mitgebracht. Es wäre nur wegen dem Heimgehen in der späten, dunklen Nacht, sagt sie, und dabei schmunzelt sie verdächtig.

   Nun sitzen wir beim zweifelhaften Licht einer Hänglampe eng um den kleinen Tisch und löffeln unter Lachen und Plaudern die saure Leber aus der Pfanne. Dann wird der Tisch geräumt und der Bierkrug macht die Runde. Während ich meinen Platz verlasse, um die Zigarrentasche aus dem Rucksack zu holen, stecken die viere wispernd hinter mir die Köpfe zusammen. Und nun kommt’s heraus: Ich soll meine Zither aus dem Kasten nehmen.

   „Meinetwegen! Also her mit der Klampfern!“

   Lautloses Schweigen herrscht schon, während ich die Zither stimme. Und der Ausdruck einer naiv gefühlvollen Andacht malt sich auf den sonngebräunten Gesichtern, wenn ich von den halb schwermütigen, halb fröhlichen Volksliedern, die ich da und dort aufschnappte, eines nach dem anderen mit meinem bisschen Können aus den Saiten bringe. Kaum aber gerät mir der ‚Neubayrische’ in die Finger, da fahren die viere von den Bänken; der eine Jäger fasst die Nandl, der andere die Resl um die Mitte, und durch die enge Stube geht ein Schleifen, drehen, Stampfen, Klatschen, Springen und Jauchzen, dass Tisch und Ofen wackeln udnd ie ganze Hütte zittert. Unverdrossen spiel’ ich drauf los und schaue lachend auf die zwei wirbelnden Paare, von denen keines in den Ellbogen des anderen oder an den Ecken des Kreisters eine verdrießliche Härte zu spüren scheint.

   Da plötzlich trifft mein Aug im Zufall an der hellen Bretterwand auf einen kleinen, dunklen Punkt. Und mir vergeht das Lachen. Jener dunkle Punkt da drüben rührt vom Einschlag einer Kugel her. Und ehe die meuchlerische Kugel dort den Balken traf, ist sie durch die Stirn des Jägers gegangen, der hier am Tisch, gerade meinem Platz gegenüber, unter der brennenden Lampe sein Pfeiflein schmauchte. Den Jäger haben sie als einen ewig Stummen zu Tal getragen, die zerschmetterte Fensterscheibe haben sie durch ein neues, blinkendes Glas ersetzt – aber der kleine, dunkle Punkt dort an der Bretterwand ist geblieben.

   Gar manch eine Hütte hat solch ein finsteres Mal an ihren Balken aufzuweisen.

   Das ist die Tragik des Hüttenlebens. Aber ihr Verweilen in der Hütte ist so flüchtig wie die Dauer eines Kugelfluges. Und dann verkriecht sie sich im Gebälk, schrumpft in solch einen kleinen, dunklen Punkt zusammen und überlässt die ganze, freie Stube wieder dem neu über die Schwelle schreitenden Humor und der lachenden Lebensfreude, die an der Gegenwart ihr volles Genüge findet, an kein Gestern denkt und an kein Morgen.

   Lustig schwirren unter meinen Fingern die Saiten der Zither, jauchzend drehen sich die beiden Paare und durch die Stube geht ein schnalzen, Klatschen, Stampfen und Springen, dass der Staub zur Decke wirbelt und der Boden dröhnt.

   „Ja, grad a nobligs Leben si da heroben auf der Hütten!“ So urteilte der graubärtige Förster, als ich damals an seiner Seite draußen auf der Holzbank saß – und er hörte doch auch schon einmal, dicht vor der Hüttentür, eine Wildschützenkugel hart sein seinem Ohr vorüber pfeifen.

   Warum ist es ‚auf der Hütte’ so schön? Ein Jäger sagte mir einmal: „Weil man sich halt in der Höh viel leichter schnauft als in der Tief. Und weil man so schön weit is von die Menschenleut und ihrer Narretei. Haufenweis san d’ Menschen allweil Hammeln und Rösser. Aber einer allein is allweil a feiner Kerl!“

   Und in der Jagdhütte hat man immer Einen für sich allein, solch einen feinen, prächtigen Kerl der Schöpfung.

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