Ludwig Ganghofer

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Adlerjagd

   Mein erster Adler! Bei diesem Wort macht mir die Erinnerung das Blut wieder heiß. Und wie viel harte Mühsal musste ich überstehen, wie viele Jahre musste ich geduldig warten, bis das grüne Glück mir diesen heiß ersehnten Schuss bescherte.

   Wohl hatte mir die Huld Dianas bereits vor vielen Jahren diese seltene Jägerfreude zugedacht. Aber der erste Vorgeschmack jener fast unbeschreiblichen Strapazen, die der Adlerjäger zu überwinden hat, machte mich ungeduldig und betrog mich um den Erfolg.

   Es war im Sommer 1887, zu Anfang August. Ich jagte damals im Gebiet der Zugspitze auf Hirsche und Gämsen. Eines Abends hatte ich auf dem freien Grat einer Waldkappe meinen Ansitz genommen, um den Auszug ein es Zwölfenders abzuwarten. Es war Jagdwetter, wie es sich schöner nicht denken lässt. Alle Felszinnen vom Glanz des Abends übergossen, die Baumwipfel umzittert von goldigen Lichtern, der Himmel klar und in allen Farben leuchtend und die linde Luft erfüllt vom würzigen Geruch der Blumen. Die gespannte Büchse über dem Knie, saß ich regungslos und ließ die spähenden Blicke in die Runde gehen. Da gewahrte ich, dass sich – etwa zweihundert Schritte auf dem Hang unter mir – in den hohen und dichten Heidelbeerbüschen etwas bewegte. Ein Fuchs? Aber nein! Jetzt erkannte ich deutlich einen schwärzlichen Vogelkopf, der sich aus den Büschen hob und wieder untertauchte. Vielleicht ein Auerhahn, der die reifen Beeren äst? Ich nahm das Fernrohr auf, hatte aber mit dem Glas ein hartes Sehen, denn am Himmel erloschen schon die Farben, und es begann zu dämmern. Undeutlich, wie durch trüben Nebel, sah ich einen großen Vogel, der sich mit schwerfälligem Hüpfen durch die wirren Büsche schob. Ein Auerhahn? Nein! Denn der Auerhahn hüpft nicht wie ein Raubvogel, sondern schreitet. Wieder spähte ich durch das Glas, als mich der Jäger, der hinter mir in einem Felsloch kauerte, mit zischelnder Stimme anrief:

   „Aber Herr Dokter! Sakradi! Wo schauen S’ denn umeinander? Da drüben steht ja der Hirsch! Wannenbreit! So schießen S’ doch! Er äugt schon rüber.“

   In Erregung sah ich auf – und richtig, kaum hundert Schritte vor mir, klar abgehoben vom rötlichen Himmel, stand der Zwölfender frei auf dem Grat. Jetzt war der komische Vogel dort unten im Nu vergessen. Mein Schuss krachte. Mit einer hohen Flucht zeichnete der Hirsch den Blattschuss und brach nach wenigen Sätzen verendet zusammen. Mit fröhlichem Jauchzer sprang ich auf. Aber da hörte ich einen schwer klatschenden Flügelschlag. Und als ich über den Hang hinunterblickte, sah ich meinen ‚Auerhahn’, in einen ausgewachsenen Adler verwandelt, über die Büsche gegen den Waldsaum streichen. Wohl riss ich die Büchse an die Wange. Aber wo war der Adler? Mir standen Herz und Atem still und der Jäger lachte über mein verdutztes Gesicht. Die Freude an dem erbeuteten Hirsch war mir gründlich verdorben. Ich fluchte in meinem Ärger.

   „Gengen S’, Herr Dokter“, tröstete mich der Jäger, „so ein Zufallsschuss hätt Ihnen gar net die richtige Freud gmacht! Ein Adler muss hart verdient sein, nachher erst freut er ein’!“

   Während der Jäger noch sprach, sah ich den Adler außer Schussweite über die Baumwipfel emporsteigen, und ruhigen Fluges schwebte der königliche Vogel über ein tiefes Waldtal hinweg und den kahlen Felsen zu. Trotz der sinkenden Dämmerung konnten wir noch gewahren, dass sich der Adler über der ‚Aschenwand’ auf eine dürre Zirbe niederließ. Und der Jäger sprach die Vermutung aus, dass der Adler dort oben wohl ein Stück Beute liegen hätte. Da war auch mein Entschluss gefasst: Jetzt haben die Gämsen und Hirsche Ruhe vor mir, jetzt gilt es dem Adler!

   Die Nacht verging mir in schlafloser Ungeduld. Früh am Morgen, ehe der Tag noch graute, stiegen wir von der Jagdhütte zur Aschenwand hinauf und nach vierstündigem Suchen und Umherklettern fanden wir auf einem Vorsprung der Felswand ein abgestürztes Schaf, das der Adler schon zur Hälfte verspeist hatte. Die Stelle war für den Ansitz so ungünstig wie nur möglich – auf sichere Schussweite weder ein bequemer Ruheplatz, noch eine Deckung. Mühsam schleppten wir ein paar buschige Latschenzweige in die Wand hinauf, klemmten sie in die Steinschrunden, und während mir der Jäger „Weidmannsheil!“ wünschte und den Heimweg antrat, ließ ich mich, gedeckt von den Zweigen, auf einem Felsband nieder, so schmal und unbequem, dass mir das regungslose Sitzen schon nach der ersten Stunde zur Qual wurde. Der Himmel hatte sich bewölkt, ein nasser Guss um den andern ging über mich nieder. Dann wieder stach die Sonne wie mit Nadeln. Dazu dieses martervolle Sitzen mit baumelnden Füßen, der unbehagliche Blick in die Tiefe und der abscheuliche Geruch des verwesenden Schafes! Trotz dieser üblen Pein harrte ich in brennendem Jagdeifer bis zum Abend aus. Alle Glieder waren mir mürbe geworden, und auf dem langsamen Heimweg schmerzte mich jeder Schritt.

   Ein Schlaf von wenigen Stunden, dann ging’s wieder hinauf in die Aschenwand. Erfolglos vergingen mir so zwei weitere Tage. Ein paar Mal sah ich wohl den Adler gemächlichen Fluges über die Felswand hin streichen, doch außer Schussweite. Hatte mich sein Falkenauge in meinem Schlupf entdeckt? Oder hatte er an anderem Ort frische Beute gefunden, die ihm besser mundete als dieses übel duftende Schäflein? Meine Ausdauer ermüdete mit jeder Stunde, und ich begann am Erfolg zu zweifeln. Der vierte Morgen brachte wieder klares Wetter. Doch als ich bei erlöschendem Sternenschein mühselig zu meinem Versteck hinaufkrabbelte, wusste ich schon im Voraus, dass ich bei der Erschöpfung meiner Knochen diesen vierten Tag nicht mehr überstehen würde. Solange der kühle Morgen währte und der Schatten über der Felswand lag, ging es noch leidlich an. Als aber die Sonne zu brennen begann, kamen Stunden, deren Folter ich nicht zu schildern vermag. Wie krabbelnde Ameisen lief es mir durch die toten Glieder, und die Düfte des nahen Kadavers wurden unerträglich. Schließlich stumpfte wohl die Erschlaffung meine Geruchsnerven ab. Aber da begann nun der Kampf gegen den Schlaf. An solcher Stelle einzunicken, das ist eine bedenkliche Sache. Um mich wach zu halten, malte ich mir immer wieder mit allem Aufgebot meiner Phantasie das herrliche Bild aus: Wie der Adler einher schwebt über die Felswand, wie er einen Augenblick mit ausgebreiteten Schwingen über seiner Beute verharrt, wie mein Schuss kracht und der mächtige Vogel mit gebrochenen Flügeln rauschend in die Tiefe stürzt! Diese Vorstellung brachte immer wieder mein Blut in Fluss, doch auf die Dauer konnte sie mir nicht helfen. Immer schwerer wurden meine Lider und von der sengenden Hitze schwollen mir die Hände an wie gebratene Apfel. Noch dazu musste ich unter mir im Latschental bei jedem Blick den kleinen ‚Stuibensee’ gewahren, dessen kühle, kristallene Flut so verlockend winkte, dass mir vor Sehnsucht nach einem erfrischenden Bad das Wasser im Mund zusammenlief. Bis elf Uhr mittags hielt ich noch aus. Dann musste ich hinunter, wenn ich nicht einschlafen und purzeln wollte.

   Als ich am Fuß der Felswand anlangte, vermochte ich nicht mehr aufrecht zu gehen und konnte es kaum erwarten, bis ich den See erreichte. Am Ufer legte ich die Büchse nieder, schälte mich mit zitternden Händen aus meinen Kleidern und watete in das kalte Wasser. Wie das wohl tat! Diese erquickende Frische! Neues Leben rieselte mir durch die lahm gewordenen Glieder. Ich konnte das Plätschern und Tauchen gar nicht satt bekommen. Da – als ich wieder einmal mit triefendem Kopf aus dem Wasser tauchte – vernahm ich über mir einen wehenden Flügelschlag. Erschrocken blickte ich auf. So nahe, dass ein Steinwurf ihn hätte erreichen können, sah ich den Adler über meine felsige Badewanne hinweg gegen die Aschenwand hin streichen. Durch das aufspritzende Wasser sprang ich zu meiner Büchse – und schoss ein Loch ins Blaue. Pfeilschnell, mit einer eleganten Wendung, sauste der Adler über das Latschental hinunter, hob sich außer Schussweite wieder in die Lüfte, zog immer höhere Kreise und verschwand im sonnigen Blau auf Nimmerwiedersehen. Wie ich dastand, ein triefender Adam, mit der rauchenden Büchse in den Händen, und wie ich ratlos und trauernd dem verschwindenden Vogel nachblickte – das sollte man auf eine Scheibe malen! Ich müsste wohl selbst darüber lachen.

   Aber allem Misserfolg zum Trotz hab’ ich von jener viertägigen Adlerjagd doch Eines mit nach Hause getragen: Einen heiligen Respekt vor der zähen Ausdauer, dem tollkühnen Mut und der eisernen, alle Strapazen überwindenden Gesundheit jener Hochgebirgsschützen, die sich den Ehrennamen ‚Adlerjäger’ erwarben. Es gibt nicht viele, die diesen Namen mit Recht verdienen. Wem ein glücklicher Zufall bei der Gamspirsch den Schuss auf einen Adler bescherte, oder wer ein paar Adler im Eisen fing, der ist noch lange kein Adlerjäger. In früheren Jahren verdiente man sich diesen Namen leichter als heutzutage, wo diese gefiederten Räuber, zum Glück für den aufblühenden Wildstand in unsern deutschen Bergen eine große Seltenheit geworden sind. Wenn man die Wirtschaftsrechnungen der Klöster Berchtesgaden, Tegernsee, Benediktbeuren und Ettal nachliest, findet man in den Schusslisten des 17. und 18. Jahrhunderts mehr Gamsgeier und Steinadler verzeichnet als Gämsen und Hirsche. Hans Duxner, von 1640 – 1670 Klosterjäger in St. Bartholomä am Königssee, erlegte 127 Gamsgeier und eine noch größere Zahl von Steinadlern. Sein Nachfolger Urban Fürstmüller brachte, neben 25 Bären, in Gemeinschaft mit seinen beiden Söhnen 74 Geier zur Strecke.

   Während der Gams- oder Lämmergeier (Gypaëtos barbatus) aus unseren Bergen vollständig verschwunden ist – der letzte wurde 1855 zu Königssee geschossen – ist der Steinadler (Aquila chrysaëtos) im ganzen bayerischen Alpenzug ein jährlich wiederkehrender Gast, wenn er auch nur ausnahmsweise noch in unseren Bergen horstet. Bei der Seltenheit dieses geflügelten Raubwildes muss der Jagderfolg, den der berühmteste Adlerjäger des bayerischen Hochlandes, Leo Dorn von Hindelang, mit unermüdlicher Ausdauer errang, als ein ganz beispielloser bezeichnet werden. Er hat schon vor vielen Jahren das Jubiläum seines 50. Adlers gefeiert.

   Um als Adlerjäger solchen Erfolg zu erzielen, dazu gehört aber auch eine so glühende Liebe zum Weidwerk, eine so reiche Erfahrung als Jäger und eine so eiserne, allem Sturm und Wetter trotzende Gesundheit, wie sie Leo Dorn besitzt, der als Oberjäger das Allgäuer Jagdrevier des Prinzregenten von Bayern verwaltet. Dorn ist ein Mustertypus des prächtigen Menschenschlages unserer Berge: Eine hohe, breitschultrige Gestalt, Glieder wie aus Stein geschnitten, sonnverbrannte Fäuste, die beim Handschlag die Finger des Grüßenden wie mit stählernen Schrauben umspannen, ein in gesunder Röte lachendes Gesicht mit schneeweißem Vollbart, mit scharf gekrümmter Hakennase und blitzenden Augen, deren jugendhellem Blick man die 70 Jahre nicht anmerkt, die Leo Dorn auf seinem breiten, ungebeugten Rücken trägt. Keck und lustig sitzt ihm auf dem weißen Zaushaar der kleine, verwitterte Filzhut, dessen aufgebogene Krempe von einer langen Adlerfeder durchstochen ist. Jahraus und jahrein, bei Schnee oder Hitze geht Leo Dorn in der gleichen, leichten Lodenjoppe, in der kurzen Lederhose mit entblößtem Knien. Und die Füße stecken nackt in den schweren Nagelschuhen. „Denn weißt, i bin so viel zartli1 an die Füß“, versicherte er mir, „wollene Söckeln vertrag i nit, die beißen mi allweil gar so viel!“ Wenn Leo Dorn von seinen Adlerjagden und ihren Strapazen erzählt – die meisten Adler erlegte er im strengen Winter, wenn metertiefer Schnee die Berge deckte – dann mischt sich in sein Geplauder kein einziges Wort, das nach Latein und Übertreibung klingt. Knapp und ehrlich bleibt er bei der Wahrheit und lächelt vergnügt zu dem Bericht der überstandenen Beschwerden, die auch in so schlichter, schmuckloser Schilderung dem Hörer ein kaltes Gruseln über den Rücken jagen. Man schaudert, aber man lacht auch, oft und herzlich. Denn das ernsteste Abenteuer in den Bergen hat immer auch seine lustige Seite. Und der Allgäuer Dialekt, der die Diminutivform liebt, verleiht den Schilderungen Dorns zuweilen einen originellen Gegensatz zwischen Form und Inhalt, einen Anhauch von unwillkürlicher Komik. Es hört sich drollig an, wenn er die Erzählungen einer seiner gefährlichsten Adlerjagden mit den Worten beginnt: „Woltern o fests Schneele hat’s gschniebe ghatt im selle Winter, und bis ans Brüstle rauf bin i allweil drin umeinander gstapfet. Aber wie i den Adler amal hon gsehe ghatt, hon i nimmer auslasse. Fleißi hon i umeinander gucket mit’m Spektivle, und wie i seine Weg amal hon ausspekuliert ghatt, hon i a Lämmle aufs Wändle naufgschleppet, und da hon i mir denkt: Wart, du Luedersvögele, jetzt hock i mi aber eini in Schnee und bleib sitze, wenn mir au glei alle Knöchele wegfriere von die Händ!“

   Ein Adler mit fingerlangen, dolchscharfen Waffen und mit dritthalb Meter Spannweite in den Flügeln, deren Schlag einen Menschenarm zerbricht wie Glas – das heißt bei Leo Dorn ein ‚Vögele’. Da soll man nicht lachen, während einem das Gruseln durch alle ‚Knöchele’ rieselt!

   Aber nicht nur heiteren Gewinn, auch weidmännischen Nutzen brachten mir die Plauderstunden mit dem Adlerjäger von Hindelang. Seine Erfahrung und der Bericht seiner Erlebnisse wurden mir eine nützliche Schule für jenen Tag, an dem ich mir selber den ersten Adler holte.

   Als ich eines Tages auf dem Südhang des Wettersteins mit einem Arbeiter durch die Latschen kroch, um einen neu zu bauenden Jagdsteig auszustecken, hört’ ich es plötzlich rauschen über mir und als ich aufblickte, sah ich aus einer schattigen Kluft einen mächtigen Adler steigen und majestätisch hinsegeln über das Almfeld. Noch eh’ ich nach der Büchse greifen konnte, war er längst schon außer Schussweite. Ich konnte nur mit dem Fernrohr noch erkennen, dass der Adler ein Männchen war, braunschwarz mit silberweißer Haube.

   Von dieser Stunde an waren alle anderen jagdlichen Sorgen und Wünsche in mir erloschen, und nur diesem Adler galt mein ganzes Jägerdenken. Jeden Morgen, vor dem Grauen des Tages, stieg ich zu den Wänden des Wettersteins hinauf und setzte mich in guter Deckung bis zum Abend auf die Lauer. Manchmal wurde mir das Ausharren bitterschwer. Es war im Mai, und Sonnenschein wechselte mit Sturm und grimmiger Kälte, klarer Himmel mit Regenschauer und Schneefall. Eine Woche hindurch sah ich täglich, bald in den Vormittagsstunden und bald gegen Abend, den Adler aus der Ferne einher schweben, über die Wände streichen und in der Ferne wieder verschwinden. Manchmal stieß er auf ein Rudel Gämsen nieder, die in scheuer Flucht auseinander stoben, ein andermal holte er sich ein Schneehuhn oder ein Häslein aus den Latschen. Er jagte wie im Spiel. Aber ich wollte ihm die Sache noch leichter machen. Die Methode Leo Dorns befolgend, ließ ich dem Adler auf der Höhe eines Joches ein ‚Lämmle’ als Köder auslegen. Ein paar Mal sah ich den Adler hoch über der Kirrung in den Lüften kreisen, doch bevor er vertraut wurde, hatten die Kolkraben das Lamm bis auf die Knochen verspeist.

   Eines Tages hatte der Adler Gesellschaft gefunden – ein Weibchen, wie mir mein Fernrohr zeigte. In zärtlichem Getändel kreisend, stiegen sie auf und nieder im Blau, bis sie in ziehenden Wolken meinem Blick entschwanden.

   „Sie horsten!“ Das war mein erster hoffnungsfreudiger Gedanke. Während der folgenden Tage sah ich das Männchen immer allein – also hatte das Weibchen, das schon beim Brutgeschäft war, nur einen Erholungsflug gemacht!

   Nun wurde mit zähem Eifer die Suche nach dem Horst begonnen. Während ich bei diesem rastlosen Wandern und Spähen eines Nachmittags mit dem Fernrohr eine stelle Felswand absuchte, hörte ich das erregte Gekrächze einer Rabenschar, welche die noch vom Schnee bedeckte Höhe eines Almbuckels umflatterte. Als ich mein Glas nach der Stelle richtete, sah ich das Adlermännchen auf dem Schnee sitzen. Ohne sich viel um das Gezänk der Raben zu kümmern, putzte der Adler gemächlich seine Schwingen. Jetzt flog er auf, stieß in eine Grube nieder und versuchte eine Last zu heben. Aber das gelang ihm nicht. Immer von neuem wiederholte er den Versuch und schleifte seine Beute, die ich mit dem Fernrohr als ein totes Gemskitz erkannt hatte, auf die Kuppe eines kleinen Hügels. Nun ein zorniger Griff, ein gewaltsamer, Flügelschlag – und mit dem Kitz in den Fängen, ruderte der Adler senkrecht in die Lüfte. Turmhoch war er schon emporgestiegen, als er die Beute wieder fallen ließ. Es hatte den ganzen Vormittag schwer geregnet, und die durchnässten Schwingen hatten wohl nicht die Kraft, eine Last zu bewältigen, die sie sonst ohne Mühe tragen. Während die Raben dem fallenden Kitz bis auf die Erde nachsausten, ließ sich der Adler, ohne sich weiter um die entronnene Beute zu kümmern, zur Rast auf eine dürre Zirbe nieder und begann wieder sein Federkleid zu putzen. Wenige Minuten später fing es dick zu regnen an.

   „Jetzt hält er aus! Im Regen streicht er nicht ab!“ Mit diesem Gedanken machte ich mich flink auf die Beine, um durch die triefenden Latschen gegen die Höhe des Joches hinaufzuklettern. Der Weg nahm eine halbe Stunde in Anspruch. Es war ein abscheuliches Gekraxel. Und dazu immer die bange Sorge: „Wird er aushalten?“ So war ich dem Adler auf etwa dreihundert Schritte nahe gekommen, als der Regen versiegte und roter Sonnenschein durch die Wolken brach. Da begann ich zu klettern, dass mir der Atem ausging. Denn ich wusste: Ein paar Minuten Sonne und der Adler streicht davon. Nur hundert Schritte noch, nur fünfzig – dann erreicht ihn die Kugel!

   Da steht vor mir ein Spielhahn aus den Latschen auf. Durch das wirre Netzwerk der Zweige seh’ ich, wie der Adler sausend von der Zirbe wegstreicht und im Flug den Spielhahn greift. Atemlos und erschöpft, von den dichten Latschen gefesselt, kann ich die Büchse nicht heben und muss es in ohnmächtigem Grimm mit ansehen, wie der Adler mit der Beute, die ich ihm zugetrieben, über das Tal hinwegschwebt und hinter dem Grat der jenseitigen Felswände verschwindet.

   Als ich bei sinkender Nacht todmüde und nass bis auf die Haut in das Jagdhaus zurückkehrte, erwartete mich die tröstende Botschaft eines Jägers: Der Horst ist gefunden! Meine erste Freude wurde aber bald wieder gedämpft. Denn der Horst lag in einer überhängenden Felswand, die ein Beikommen auf Schussweite nicht gestattete. Da blieb nur eines übrig: Die beiden Jungen, die aus dem weißen Flaum schon das braune Gefieder zu schieben begannen, mussten delogiert werden!

   Das war eine harte Arbeit, aber sie gelang. An einem starken Glockenseil ging’s vom Kamm der Felswand hinunter zum Horst, die beiden Jungen wurden ausgehoben und dann in der Nähe einer Stelle, zu der ein Zugang möglich war, in einem Felsloch untergebracht und mit guten Stricken angebunden, so dass sie bis zum Rand des Felsloches vorhüpfen, aber nicht über die Wand abstürzen konnten.

   Während der Horst ausgenommen wurde, hatte sich keiner der alten Adler blicken lassen. Erst gegen Abend, als alle Arbeit schon getan und auf einer vorspringenden Felsplatte das dichte Versteck, das mich aufnehmen sollte, aus Latschenzweigen schon geflochten war, kam das alte Weibchen durch das Tal einher geflogen. Als die Jungen beim Anblick der Mutter in ihrem neuen Quartier zu rufen begannen, machte der Adler im Flug eine jähe Schwenkung, stand ein paar Sekunden regungslos in der Luft, und dann strich er hastig davon.

   Am nächsten Tag wurde die Horstwand vom gegenüberliegenden Berg aus beobachtet. Zweimal kam das alte Weibchen über die Wand entlang gestrichen, doch ohne sich dem geleerten Horst oder der neuen Behausung der schreienden Jungen zu nähern. Aber schon am folgenden Morgen ließen sich die beiden Alten gleichzeitig vor dem Felsloch auf eine Steinkante nieder, und am Abend brachte das Weibchen frischen Fraß für die Brut – einen jungen Dachs. Jetzt war es Zeit für die Jagd!

   In der Nacht um zwei Uhr brach ich auf. Heller Sternenschein beleuchtete zur Genüge meinen Weg, und als der schöne Junimorgen zu grauen begann, lag ich schon in meinem Versteck, dessen kleiner Ausguck nach dem Felsloch gerichtet war. Einen sonderlich bequemen Aufenthalt bot das winzige Hüttlein auf der schmalen Felsplatte freilich nicht. Man konnte nur auf allen vieren kriechend zu dem Versteck gelangen, das ein aufrechtes Sitzen nicht erlaubte, nur ein ausgestrecktes Liegen auf dem Bauch. Von der unbequemen, durch keinen Wechsel gemilderten Lage wurden mir schon nach einer Stunde alle Knochen lahm. Dazu marterte mich, als die Sonne aufging, eine bratende Hitze, und Hunderte von Ameisen krochen ‚emsig’ über meinen Körper auf und nieder, um sich in alle Schlupfwinkel meines Gewandes zu verirren. Trotz dieser fast unerträglichen Pein hielt ich geduldig und erwartungsheiß sechs volle Stunden aus, immer mit dem schussbereiten Gewehr im Anschlag.

   Schon wollten meine schwach gewordenen Kräfte zu Ende gehen, als plötzlich, ein viertel nach zehn Uhr, die angebundenen Jungen zu rufen begannen, die Ankunft eines Alten verkündend. Wie elektrisiert hob ich die Büchse an die Wange. Der Schatten des Adlers huschte über die Felswand, und ich hörte den Vogel über meinem Versteck auf einem Baum aufhacken. Qualvolle Minuten vergingen, infolge der ausgestandenen Marter und der beginnenden Erschöpfung befiel ein heftiges Zittern meinen ganzen Körper, und ich glaubte schon, nicht länger mehr aushalten zu können. Aber da hörte ich das Rauschen der mächtigen Fittiche, abermals glitt der Schatten des gewaltigen Vogels über die Wand, und einige Sekunden später erschien der Adler, fast bewegungslos in der Luft schwebend, vor meinem Ausguck. Es war ein herrlicher Anblick, wie er die Schwingen hoch streckte und die Fänge vorschob, um sich lautlos auf die Steinkante vor dem Felsloch niederzulassen. In dem Augenblick, in dem er die Schwingen schloss und auch schon einen scharfen, misstrauischen Blick gegen mein Versteck sandte, krachte mein Schuss. Und der Adler rollte von der Felskante in die Wand hinunter.

   Man konnte nur angeseilt zu der Stelle gelangen, wo der Adler zwischen Gestein und Latschen in eine Scharte gefallen war. Die linke Schwinge war ihm zerschmettert, doch er lebte noch und musste einen Fangschuss erhalten. Es war das Weibchen – ein Adler von seltener Stärke und Größe, mit Schwingen, deren Spannung weit über zwei Meter maß.

   Selten hab’ ich mir einen grünen Bruch mit solcher Weidmannsfreude auf den Hut gesteckt wie den Latschenbruch für diesen, meinen ersten Adler.

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1 Verzärtelt, empfindlich. ^

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