Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Hubertusland

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Hubertusland

            Jägerfrühling
            Frühlingsarbeit
            Auerhahnfalz
            Der kleine Hahn
            Bock geschossen
            Schuss in der Nacht
            Volk und großer Herr
            Adlerjagd
            Der Falkenfang
            Hüttenleben
            Feisthirsch
            Der neue Leonhardt
            Der Graben-Teufel
            Hirschbrunst
            Der treue Geselle
            Der Biberfranzl
            Blätter färben
            Seltene Gäste
            Der Has im Kessel
           
Der weiße Leithund

Geringes Volk und sein großer Herr

   Hat der hegende Jäger im Frühjahr fleißig seine Pflicht getan, mit Eifer den Habichtsfang gestellt, die Falken- und Sperberhorste entvölkert und aus jedem befahrenen Fuchsbau die junge Mörderbrut ans Licht gehoben, um sie schleunigst in die ewige Nacht zu befördern, so mag er um die Zeit, in welcher langsam die Ähren reifen, mit lachendem Gesicht und frohem Jägerherzen über seine Felder schreiten. Da bockeln zu Dutzenden die jungen Häslein mit angezogenen Löffeln durch die Furchen, und die halb flüggen Hühnervölker, die sich auf die freien Raine wagten, huschen ängstlich in ihr Halmversteck. Liegen zum Überfluss noch große Wasserläufe, tümplige Moore, schilfdurchwachsene Teiche oder ein blau schimmernder See in seinem Revier, so blüht ihm noch vor Aufgang der heißen Hühnerjagd eine feuchte Weidmannsfreude: Die Jagd auf das junge Entenvolk. Wenn im Morgengrau der Nachen fast lautlos hingleitet über den glatten Wasserspiegel, wenn das Schilf sein leises Klaglied flüstert und der ziehende Nebel gegen die Sonne kämpft, wenn es mit Geschnatter und Geflatter plötzlich aufrauscht aus dem Röhricht, wenn der Doppelschuss hinaus kracht in den stillen Morgen und der sinkende Pulverdampf sich hineinkräuselt über das Wasser, während der Stichelhaarige mit heißem Eifer zurudert auf die schwimmende Beute – das sind köstliche Stunden für den Jäger. Seien Freude wird noch gewürzt, wenn ein glücklicher Zufall ihm den Schuss auf seltenes Wasserwild beschert, auf ein Rohrhuhn oder eine verirrte Meermöwe, auf einen Purpurreiher, einen wilden Schwan oder gar auf einen schwingenstarken Fischadler! Freilich gibt es bei solcher Wasserjagd auch unwillkommene Abenteuer, unter denen ein klares Bad wider Willen oder die schlimmste Schnakenmarter noch immer leichter zu ertragen ist als der Kummer über einen schlecht geratenen Hund, der im wichtigsten Augenblick die Arbeit verweigert und seinen fluchenden Herrn zwingt, die erlegte Ente persönlich zu apportieren.

   Der ‚Kampf’ mit jenem viel verbreiteten ‚Drachen’, der in keiner Naturgeschichte beschrieben, aber gemeinhin als ‚Hühnerhund’ bezeichnet wird, ist auch die schlimmste Bitternis der Feldjagd. Neben der Treibjagd im herbstlichen Wald und der Hasenjagd auf den beschneiten Äckern ist die Jagd auf das Feldhuhn das warm genossene, tägliche Sommerbrot des deutschen Jägers. Die kleinen Leiden und ausgiebigen Freuden der Hühnerjagd sind jedem Jäger zu wohlbekannt, als dass ich Ursache hätte, sie des langen und breiten zu schildern. Und offen will ich bekennen, dass mir die Hühnerjagd, wenigstens auf reich besetzten Feldern, mehr als amüsantes Schießvergnügen und als jagdliches Handwerk erscheint, denn als rechte, tief greifende Weidmannslust. Alles Übermaß verwässert und vergällt die Freude. Das ist auch auf der Jagd nicht anders wie bei aller sonstigen Lust des Lebens. Eine Hühnerjagd, bei der die Kunst und das Talent des Hundes zur Nebensache wird, bei der man in aufgelöster Schützenkette stundenlang über die flachen, monotonen Kartoffel- und Rübenäcker wandert, ein paar hundert Völker aufstöbert und zersprengt, um auf dem Rückmarsch die einzeln aufstehenden Hühner eines nach dem andern herunterzuholen und dabei ein halbes Tausend Patronen zu verknallen – solche Hühnerjagd hat mir stets eine zweifelhafte Freude bereitet. Was bringt man da am Abend mit nach Hause als Gewinn? Reiche Beute, die eine ganze Wagenladung ausmacht, gewiss – daneben ein vom unaufhörlichen Geknall verschlagenes Gehör, eine geschwollene Wange, eine schmerzende Schulter und ein Gefühl der Übersättigung, das uns bange macht vor dem kommenden Jagdtag. Solch ‚reicher Ernte’ – um nicht ein schlimmeres Wort zu gebrauchen – hab’ ich immer die Hühnerjagd auf schwach besetztem Feld vorgezogen, die zur Erzielung eines bescheidenen Erfolges zähe Ausdauer verlangte, eine genaue Kenntnis des Terrains und vor allem einen musterhaft erzogenen, mit Lust und Frische arbeitenden Hund. Die Freude, die der echte Jäger an einem schönen, gut veranlagten Hund von edler Rasse findet, die Beobachtung der vielseitigen Gelehrigkeit, die der treue Begleiter in der Schule des Gebrauches zeigt, und das stolze Wohlgefallen an dem tadellosen Resultat der jahrelangen Erziehung des Hundes – das erscheint mir unter allen Genüssen der Hühnerjagd als der wertvollste und schönste.

   Dem Jäger, dem es nicht um den Schuss allein zu tun ist, bietet wohl auch die Hühnerjagd ihren stimmungsvollen Naturgenuss, besonders im Erwachen des Tages und beim abendlichen Verglühen der Sonne. Da hat auch ein flaches, monotones Feld seinen Reiz. Was aber dazwischen liegt – namentlich in den Stunden, in denen die Hühner am besten ‚halten’ – ist schweißtreibendes Wandern in dunstiger, von Hitze zitternder Luft oder ein zähes Waten in dem vom Regen aufgeweichten Kot der Äcker. Da mag der Geschmack nicht zu tadeln sein, welcher der Jagd auf alle Waldhühner den Vorzug vor der Feldjagd gibt. Ich denke da nicht an die Jagd auf den Urhahn und das lustige Spielgeflügel. Denn dass der wundersame Reiz eines einzigen Balzmorgens im lenzenden Bergwald die gesamten Sommerfreuden der Feldjagd aufwiegt, bedarf wohl keiner ausdrücklichen Bestätigung. Aber auch das scheue Haselhuhn und das schwer zu jagende Schneehuhn wertet dem Jäger höher, als eine Feldstrecke, bei der man die Rebhühner nach Hunderten zählt.

   Wenn ich zur Maienzeit heimkehre vom Spielhahnfalz und nach dem Niedersteig über die noch von Schnee bedeckten Almen den sonnig durchleuchteten Wald erreiche, in dem schon die ersten Blumen duften, dann halt’ ich gerne im lauschigen Morgenschatten ein Stündlein Rast und hole zur Übung die aus dem Röhrenknochen eines Schneehasen gefertigte Hahnenlocke und das metallene Hennenwusperl aus dem Rucksack hervor. In dieser Zeit, die auch die Balzzeit des Haselwildes ist, steht der Hahn am hitzigsten auf das Locken zu – aber es ist Schonzeit, und der in seiner Liebeserwartung Getäuschte ist sicher vor dem Schuss. Doch bietet diese Zeit dem Jäger die günstigste Gelegenheit, um das sonst so scheue Haselwild mit Muße zu beobachten und das zarte „Bisten“ der Henne, wie das feine, mannigfach modulierte „Spissen“ des Hahnes nach dem Vorbild der Natur zu üben. Der Lockruf der Henne ist mit dem Wusperl ohne besondere Schwierigkeit täuschend nachzuahmen; eine lange und geduldige Übung aber verlangt der schwer zu treffende Hahnenruf, dessen Ton und Melodie ein altes Jägersprüchlein mit den Worten auszudrücken sucht: „Zieh, zieh, bei der Hitz in der Höh!“ Während der Schusszeit, im August und September, steht der Hahn lieber auf das Spisseen als auf das Bisten zu, und wer sich da nicht perfekt auf das Locken mit dem Hahnenruf versteht, wird trotz aller Ausdauer und Geduld nur geringen Erfolg erzielen.

   Wie schön sind solche Sommerstunden! Der frühe Morgen hat der Pirsch auf den Feisthirsch oder einem einsiedlicherischen Latschenbock gegolten. Dann hältst du, vielleicht mit dem grünen Bruch auf dem Hut, ein Weilchen behagliche Rast, und wenn die Sonne steigt, wird die Pirschbüchse mit der Schrotflinte vertauscht, und nun wanderst du lautlos hinein in den flüsternden Wald, in dem das sonnige Laub der Buchen metallisch zwischen dem dunklen Grün der Fichten schimmert. Ein bequemer Platz wird ausgewählt. Denn es gilt ein geduldiges Sitzen. Mit der Locke zwischen den Zähnen, die Flinte schussfertig in den Händen, verhältst du dich regungslos, je länger, umso besser, damit das in der Nähe weilende Haselwild, das bei deinem Kommen vielleicht einen unvorsichtigen Tritt vernahm, wieder völlig vertraut wird. In dieser lautlosen Stille beginnst du mit dem kräftigsten Ton, den die Locke gibt, zu spissen:

„Tsiu, Tsitseri, tsitsi, tsuui!“

   Zuweilen meldet sich der Hahn schon auf das zweite und dritte Locken, kommt von einem Baum zum anderen streichend immer näher und bietet sich schließlich für einen sicheren Schuss. Das ist aber der seltenere Fall und zumeist nur die Art der jungen Hähne. Die scheuen, älteren Hähne kommen lautlos, vorsichtig und immer gedeckt herbeigelaufen, oft bis dicht vor die Füße des immer leiser lockenden Jägers. Oder sie sausen hitzig herbei, um blitzschnell wieder davonzuhuschen, wenn nicht im Augenblick des Aufbaumens der sicher treffende Schuss gefallen ist.

   Eine kleine Beute! Aber wie viel Freude bereitet sie dem Jäger als Lohn für seine Geduld! Drei oder vier Hähne, das gilt schon als eine reichliche Tagesstrecke. Denn auch in guten Haselwildbeständen ist die Zahl der Völker eine bescheidene. Der raue Winter in den Bergen, Fuchs, Marder, Habicht und die verruchte Schlinge sorgen dafür.

   Nun gar ein Steinhuhn zu erlegen! Das ist ein seltener, ganz außergewöhnlicher Glücksfall. In unseren deutschen Bergen kommt das Steinhuhn nur vereinzelt vor. Mir selbst ist in den dreißig Jahren, seit ich im Hochland jage, nur ein einziges Steinhuhn, nicht zu Schuss, nur zu Gesicht gekommen.

   Häufig jedoch begegnet man auf der Gamspirsch dem schönen, zierlichen Schneehuhn, das zum Aufenthalt die zu höchst liegenden Latschenfelder und die öden Schuttkare wählt. Einmal zur Zeit der Gamsbrunst, in den letzten Tagen des November, als ich einen treibenden Bock anpirschte, sah ich plötzlich etwas vor meinen Füßen sich bewegen. Ein Schneehahn mit weißem Gefieder, aus dem sich die kleinen ‚Rosen’ wie zwei leuchtende Blutstropfen abhoben, lag etwa drei Schritte vor mir in den Schnee geduckt. Immer ängstlich zu mir aufäugend, machte er kaum merkliche, ruckweise Bewegungen, um die Höhe einer nahen Schneewehe zu erreichen. Augenscheinlich war es seine Absicht, sich so wenig als möglich vom Schneegrund zu unterscheiden. Diese scheue, vorsichtige Rettungssorge des schönen Vogels zu beobachten, das war für mich ein so reizvolles Vergnügen, dass ich meines Gämsbockes, völlig vergaß. Schrittlein um Schrittlein ging ich dem langsam rückenden Schneehahn nach. Doch als er die Höhe der Schneewehe erreicht hatte, guckte ich zu spät über den Grat. Der Hahn war spurlos verschwunden, ohne dass ich – auf einer völlig ungedeckten Schneefläche – gehört oder gesehen hatte, wie er davonstrich.

   So häufig man auch dem Schneehuhn begegnet, ebenso selten wird es erlegt. Wenn die kleinen Ketten, die zumeist nur aus drei bis fünf Hühnern bestehen, vor dem pirschenden Jäger aus den Latschen aufrauschen, führt er gewöhnlich den Kugelstutzen, oder er will sich, wenn ihm auch ein Schrotlauf zur Verfügung steht, durch einen unsicheren Schuss auf die pfeilschnell abstreichenden Hühner nicht die Pirsch auf einen braven Hirsch oder Gamsbock verderben. In der Paarungszeit, zwischen März und Mai, zu welcher Zeit der dumpfe Balzruf des Hahnes den Jäger zu sicherem Schuss leiten würde, ist das Schneehuhn in der Schonzeit. Und während des Sommers mit der Schrotflinte eigens zur Jagd auf das Schneehuhn auszuziehen, das ist undankbare Arbeit. Nur im Zufall wird eine Kette gefunden; bei dem stundenlangen Umherklettern in dem groben Steingeröll ist man gewöhnlich nicht fertig zum Schuss, wenn die Hühner zum ersten Mal aufstehen; und sieht man sie auch deutlich an bestimmter Stelle einfallen, so werden sie doch selten wieder gefunden, da sie nicht leicht ein zweites Mal zum Aufstehen zu bringen sind, sondern sich zerstreut so gut zu drücken wissen und in ihrem dunkel gesprenkelten Sommerkleid sich so wenig vom Gestein unterscheiden, dass man sie trotz Schauen und Spähen nicht gewahrt, auch wenn man dicht an ihnen vorübergeht. – Unter solchen Umständen genießen die Schneehühner in unseren Bergen eine Hege, wie sie selbst eine bessere sich nicht wünschen könnten. Dennoch vermehrt sich ihre Zahl nicht. Der rothaarige Schleicher, der in den Felslöchern der hohen Schutthalden während des Sommers ein sicheres Refugium findet, weiß den leckeren Braten sicher auszuspüren. Neben diesem Todfeind auf der Erde hat das Schneehuhn einen weit schlimmeren Feind noch über sich: Den großen Herrn der Lüfte, den schwingengewaltigen Steinadler, der mit seinem Falkenblick hoch aus dem Blau herunter das kleine Huhn erspäht, und dessen starken Fängen es rettungslos zum Opfer fällt.

   Die bedenkliche Ehre, das ‚tägliche Fleisch’ für die Königstafel des Adlers zu liefern, teilt mit dem Schneehuhn noch der scheue, immer misstrauische, melancholisch veranlagte Schneehase und das harmlose, die Sonne liebende Murmeltier – das ‚Mankerl’, wie die Jäger in den Bergen sagen. Wenn ich sicher gedeckt und bei gutem Wind in einem Felsenkar sitze, um die Murmeltiere bei dem Sonnenbad zu beobachten, das sie vor dem Eingang ihres Baues zu halten pflegen – und ich höre plötzlich ihren gellenden Pfiff und sehe sie wie vom Teufel gejagt in ihre Röhren fahren, dann gleitet mein Blick zur Höhe und sucht im Blau. Beim blendenden Glanz der Sonne ist er für den Menschenblick nicht leicht zu finden: Dieser kleine, schwarze, im Äther kreisende Punkt, der bald verschwindet hinter einem Felsengrat, bald wieder auftaucht über dem Kamm einer fernen Wand.

   Wer die Entfernungen schätzt, die ein kreisender Adler in wenigen Minuten durchmisst, bekommt einen Maßstab dafür, wie leicht ihm das Jagen wird und welchen Schaden er einem ausgedehnten Revier zu bringen vermag. Ein horstendes Adlerpaar, das den eigenen Magen zu füllen und daneben noch für die gefräßige Brut zu sorgen hat, bejagt alltäglich ein Revier von vielen Meilen in der Länge und Breite. Und wenn auch jene unglückseligen Drei – das Schneehuhn, der Berghase und das Mankerl – die bequemste Beute des Adlers bilden, so holt er sich doch zur Abwechslung auch einen Spielhahn aus den Latschen, greift eine aufgebaumte Auerhenne von der dürren Lärche und stößt ein junges Gamskitz aus der Felswand, um das zerschmetterte Tier aus der Tiefe heraufzuholen und stolzen Fluges davonzutragen. Da ist es nicht zu verwundern, dass sich ein Jäger, der in seinem Revier einen Adler kreisen sah, durch Tag und Nacht keine Ruhe mehr vergönnt. Aber so leicht, wie der gefiederte Räuber seine Beute hinaufträgt ins Blau, wird er nicht heruntergeholt aus den Lüften. Gelingt es aber, dann bietet solch ein Schuss eine Weidmannsfreude, mit der sich kaum eine andere vergleichen lässt.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.