Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hubertusland

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„Exlenz haben einen Bock geschossen!“

   Der Bürodiener des Herrn Justizministers machte einen tiefen, sehr tiefen Bückling. „Wünsche Exlenz einen vergnügten Urlaub!“ Der sonst so gestrenge Herr Minister nickte gnädig. Und lautlos schloss der Diener hinter ihm die Tür. Eine Weile noch lauschte er, bis die Schritte seines Herrn auf den Steinplatten des Korridors verhallt waren, dann nahm er mit vergnügtem Schmunzeln eine Prise aus der silbernen Dose und begann den Schreibtisch des Herrn Ministers in Ordnung zu bringen. Hier lagen die Akten unterschiedlicher Gesetzentwürfe, und ganz zuoberst der umfangreiche Akt für die Revision des Jagdgesetzes. Die vielen Notizen und zahlreichen Fragezeichen, die am Rand der Folioblätter angebracht waren, bewiesen, wie eingehend der Herr Minister gerade mit diesem letzteren Akt sich beschäftigt hatte. Er machte dieser wichtigen Arbeit sogar seinen Urlaub dienstbar. Statt das gewohnte und geliebte Bad zu besuchen, nahmen Seine Exzellenz einen vierwöchentlichen Aufenthalt in der Waldeinsamkeit eines schmucken Forsthauses, in dem eine Schwester des Ministers, die Gattin des Forstmeisters, als heitere Hausfrau waltete. Eine bessere Gelegenheit, Material für die Revision des Jagdgesetzes zu sammeln, Erfahrungen über den praktischen Jagdbetrieb, über das Verhältnis der Jagd zur Landwirtschaft usw., hätte der Herr Minister nicht finden können.

   Als er an einem herrlichen Sommerabend nach mehrstündiger Waldfahrt vor dem Forsthaus anlangte, winkten ihm Tannenkränze und Girlanden aus Eichenlaub von allen Türen und Fenstern entgegen, das Geläut der Jagdhunde begrüßte ihn, und zu echt weidmännischem Willkomm krachten die Büchsen der Forstgehilfen. Umweht von der frischen, würzigen Waldluft, in gehobener Stimmung, betrat der Herr Minister das Forsthaus und die trauliche, mit zahlreichen Jagdtrophäen geschmückte Stube. In fröhlicher Laune wurde getafelt, und als nach überstandenem Mahl die steinernen Krüge wieder gefüllt und die Pfeifen in Brand gesteckt waren, da war auch die Debatte über die Revision des Jagdgesetzes schon in vollem Gang. Der biedere Forstmeister hatte hundert Schmerzen auf der Seele, unermüdlich besprach und erwies er alle Forderungen, die ein braver Jäger an ein gutes Jagdgesetz zu stellen hat, und immer wieder fanden Seine Exzellenz Veranlassung, das Notizbuch hervorzuziehen und eine Bemerkung einzutragen. Mit besonders heißem Eifer kämpfte der Forstmeister gegen den Abschuss der Rehgeißen, den er vom weidmännischen Standpunkt als ‚unsühnbares Verbrechen’, aus nationalökonomischen Gründen als ‚gräuliche Misswirtschaft’ bezeichnete. Mit allem, was er über diesen Punkt zu sagen hatte, brachte er es schließlich dahin, dass der Herr Minister in das Notizbuch die dick unterstrichene Bemerkung schrieb: „Abschuss von Rehgeißen höchst verwerflich und schädlich, permanente Schonzeit dringend notwendig, Strafe nach Möglichkeit verschärfen!“

   Für den nächsten Tag war eine Treibjagd angesagt, die nach Ankunft der geladenen Schützen mit einem lustigen Frühstück eröffnet wurde. Der Herr Minister nahm natürlich an der Treibjagd teil, ‚studienhalber’ und der gesunden Bewegung zuliebe. Durch keine Zurede ließ er sich bewegen, als Schütze zu debütieren; er hatte noch nie in seinem Leben eine Flinte losgebrannt. Übrigens, er besaß ja auch keine Jagdkarte. Ein Justizminister, der, im Widerspruch zum Gesetz ohne Jagdkarte jagt? Nein! Das wäre denn doch eine gar zu bedenkliche Sache gewesen. Aber ein klein wenig nützlich wollte er sich bei der Jagd doch machen. So schloss er sich den Treibern an und kämpfte sich unverdrossen durch das dichteste Gebüsch. Die Sache machte ihm Spaß, mehr und mehr heiterte sein ernstes Antlitz sich auf, der fröhliche Humor der Jäger wirkte ansteckend, und als am Abend die Strecke gelegt wurde und die Jäger ins Erzählen gerieten, da hatte auch der Minister Abenteuer über Abenteuer zu berichten. In köstlicher Laune und mit einem unbezahlbaren Humor kehrte er in as Forsthaus zurück.

   Der kommende Morgen sah ihn schon wieder im grünen Forst. Es erwies sich an ihm die geheimnisvolle Kraft des Waldes. Wer dem Wald nur einmal fest in die grünen Augen blickte, den hält auch schon die Sehnsucht fest, immer tiefer und tiefere inzudringen in die schönen Rätsel seins stillen Lebens. Auch die Jagd ist wie ein leckeres Mahl; wer einmal kostete, der möchte ausgiebig zugreifen.

   Aber wer jagen will, muss schießen lernen. Diese Einsicht veranlasste Seine Exzellenz, einen regelrechten Kursus in der Schießkunst zu nehmen. Der junge Forstwart Ostler fungierte als Lehrer, und der Herr Minister war ein so gelehriger Schüler, dass er nach Ablauf einer Woche schon den Raben im Flug aus den Lüften holte. Mit der Kunst kam der Ehrgeiz.

   „Ostler? Was meinen Sie? Ich möchte meinen Schwager mit einem guten Rehbock überraschen.“

   „Bravo, Exlenz, bravo! Draußen bei der Spindlerwiese steht ein Kapitalblock. Den holen wir morgen.“

   In aller Stille und Geheim wurde die Jagdkarte gelöst, und das Wetter war mit im Bund, denn es bescherte Seiner Exzellenz einen wundervollen Pirschabend. Die Spindlerwiese lag mitten im Wald, zur Hälfte von herrlichem Hochholz, zur Hälfte von üppigem Dickicht umsäumt. Zu Füßen einer mächtigen Fichte wurde ein bequemer Sitz bereitet, und als die Sonne zur Neige ging, saßen Seine Exzellenz an Ort und Stelle, die Büchse mit gespannten Hähnen quer über den Knien.

   Die sinkende Sonne wob einen rot leuchtenden Schimmer um alle Baumwipfel und Zweigspitzen. Duft und Glanz erfüllte die Lüfte. Dann sank die Sonne; alle Farben des Waldes vertieften sich, über das dunkle Blau des Himmels spannten sich die zarten Schleier der Dämmerung, ein feines Silbergrau legte sich über das Gras der Wiese, und die zwitschernden Vogelstimmen begannen zu verstummen.

   Seine Exzellenz waren ganz versunken in Betrachtung der unvergleichlichen Schönheit des entschlummernden Waldes.

   „Exlenz!“, klang eine flüsternde Stimme, und der Minister fuhr auf wie aus einem Traum. „Exlenz! Da steht schon die Geiß. Jetzt muss der Bock bald kommen.“

   Friedlich äsend zog das schöne, zierliche Tier vom Rand der Dickung gegen die Mitte der Wiese. Plötzlich verhoffte es und blickte sichernd zurück gegen das Gebüsch. Ein leises Brechen kleiner Zweige ließ sich vernehmen, und zwischen den dunklen Fichtenboschen erschien das gehörnte Haupt des Bockes. Ein paar energische Sprünge, und der alte Bursch stand mitten in der Wiese.

   „Jetzt!“, flüsterte der Forstwart.

   Mit hastigem Ruck riss der Minister das Gewehr an die Wange.

   „Schauen S’ ihn nur sauber zamm, Exlenz!“, mahnte die leise Stimme des Jägers. „Und ziehen S’ schön langsam ab, dann S’ den Schuss net verreißen!“

   Seine Exzellenz zielten und zielten – der Gewehrlauf baumelte hin und her wie eine Wetterfahne – ein tiefer, stockender Atemzug, die Büchse sank wieder, und Seine Exzellenz stammelten: „Ich kann nicht schießen!“ Den neu gebackenen Jäger hatte das Jagdfieber befallen.

   „Schauen S’ ein bissl in’ finstern Wald eini, Exlenz! Das macht ein’ ruhiger.“

   Der Minister folgte dieser Weisung und bohrte die starren Blicke in das dunkle Grün der Fichten.

   „So! Und wann S’ ein bissl ruhiger sind, Exlenz, nachher schießen S’ flink! Sonst kommt ’s Fieber wieder.“

   Wohl eine Minute währte es noch, bis die fliegenden Atemzüge des angehenden Jägers sich zu beruhigen begannen. Dann wurde die Büchse rasch gehoben, und fast im gleichen Augenblick krachte der Schuss.

   „Liegt er?“

   „Er? Ja, schön! Kruzitürken noch amal! Exlenz! Was haben S’ denn gmacht?“

   „Was denn?“, klang es kleinlaut.

   „Die Geiß haben S’ gschossen!“

   „Aber das ist ja nicht möglich!“, stammelte die Exzellenz und eilte, das rauchende Gewehr in der Hand, der Wiese zu.

   Richtig! Da lag die Geiß! Ein Zittern ging noch über den Körper des Tieres, dann streckten sich die Läufe, und das Reh war verendet.

   Seine Exzellenz waren kreidebleich. „Ostler! Was machen wir jetzt?“

   „Mein, was is da Z’machen!“, brummte der Jäger und kraute sich hinter den Ohren. „Heimragen müssen wir das Frauenzimmer halt. No, der Herr Forstmeister wird Augen machen. Fix noch amal, das gibt ein Putzer!“

   Dem unglücklichen Schützen versagte die Sprache. Wie stand er nun da vor dem unerbittlichen Urteil seines Schwagers! Aber das war noch nicht das Schlimmste. Wenn die Sache ruchbar wurde und ins Gerede kam! Eine Geiß in der Schonzeit geschossen! Vom Herrn Justizminister! Vom Schützer und Wahrer der Gesetze! Das gab einen Skandal, dessen Folgen nicht abzusehen waren.

   Die Verzweiflung, welche Seien Exzellenz erfüllte, ergoss sich in jammernden Worten.

   „Ostler! Ich gehe nicht mehr nach Hause, wenn Sie mir nicht helfen. Vergraben Sie meinetwegen das verwünschte Tier, machen Sie, was Sie wollen, aber helfen Sie!“

   Der Jammer Seiner Exzellenz rührte den Jäger. „Tun S’ Ihnen nur net so aufregen, Exlenz! Wir müssen halt schauen, wie wir die Gschicht ein bissl vermankeln.“

   Der Einbruch der Nacht wurde abgewartet, ehe man den Heimweg antrat. Zu Hause verschwand der Forstwart mit dem ‚Bock’ im Ökonomiegebäude, während die Exzellenz ungesehen das Zimmer zu erreichen wusste. Der Herr Minister machte an diesem Abend sehr, sehr lange Toilette. Und durch die angelehnte Tür lauschte er immer wieder über die Treppe hinunter in den Hausflur. Nun hörte er Schritte, und die Stimme seines Schwagers fragte:

   „Was gibt’s, Ostler?“

   „Und die Antwort lautete:

   „Exzelenz haben einen Bock geschossen!“

   „Mein Schwager? Einen Bock! Ah! Bravo! Das freut mich! Wo denn? Wann denn? Kommen sie doch herein und erzählen Sie!“

   Als der Herr Minister einige Minuten später in etwas unsicherer Haltung das Speisezimmer betrat, empfing ihn heller Jubel. Er traute kaum seinen Augen: Auf dem Tisch stand, mit Blumen bekränzt, ein frisch vom Haupt eines Rehbocks abgeschlagenes Gehörn! Die fröhlichen Komplimente es Herrn Schwagers, die lachende Freude der Frau Schwester, die Gratulationen des Personals – das alles nahmen Seine Exzellenz mit verlegenem Lächeln entgegen. Zuweilen aber glitt ein heimlich fragender Blick zum Forstwart Ostler hinüber, der sich vergnügt in die Ofenecke drückte. Die ‚Manklerei’ war glänzend gelungen, begünstigt durch einen Zufall. Ostler selbst hatte am Morgen einen Bock geschossen, einen wirklichen, und das Geweih dieses Rehbockes, das der Herr Forstmeister noch nicht gesehen hatte, galt nun als unanzweifelbarer Beweis für das Jagdglück seiner Exzellenz.

   Am anderen Tag war wieder Treibjagd. Unter den anwesenden Schützen verbreitete sich die Kunde vom ersten Jagderfolg des Herrn Ministers mit rapider Schnelligkeit. Ein Schütze um den anderen trat auf den Herrn Minister zu und fragte mit komplimentierender Höflichkeit:

   „Exlenz haben einen Bock geschossen?“

   Je häufiger diese Frage gestellt wurde, desto entschiedener und selbst bewusster klang das Ja des Herrn Ministers. Und abends, als an lustiger Tafel die Rehleberknödel mit Sauerkraut verspeist wurden, erzählte er bereits unter lautlosem Schweigen der übrigen Gäste: „Und wie der Bock so dasteht, leg ich an, schau ihn sauber zusammen, zieh ab… und paff… im Schnall ist er dagelegen. Ein Prachtkerl!“

   Doch die für die Revision des Jagdgesetzes bestimmte Bemerkung im Notizbuch Seiner Exzellenz: „Abschuss von Rehgeißen höchst verwerflich und schädlich, permanente Schonzeit, Strafe nach Möglichkeit verschärfen“ … hatte einen Zusatz erhalten: „Milderungsgründe nicht ausgeschlossen.“

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