Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hubertusland

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Der kleine Hahn

   Er ist der ausgesprochene Liebling aller Jäger, die ihn kennen, jagen und hegen, sei es im Laub- oder Föhrenwald der deutschen Mittelgebirge, sei es im Moorland der Ebene, oder in den wirr verwachsenen Latschendickungen der Berge. Aber nicht nur die Jäger haben dem kleinen ‚schnackerlfidelen’ Birkhahn ihr Herz geschenkt; er ist auch, besonders im Hochland, die heiße Sehnsucht jedes halbwüchsigen Burschen, dem der erste Bart auf der Lippe sprosst, und auch noch manch eines alten Hallodri, dem schon das erste ‚Schneeberl’ aufs Haar gefallen. Der Wunsch, das selbst erbeutete ‚krummbe Federl’ aufs Hütl stecken zu können, hat schon manch einem, der um keinen Hirsch oder Gemsbock zum Wilddieb geworden wäre, die Büchse zu einer heimlichen Pirsch in die Faust gedrückt. Aber solch ein lustiger Auszug zum ‚Hoh’falz’ hat auch oft schon ein trauriges Ende gefunden, bei dem es nicht mehr um ein ‚Federl’ ging, sondern um Tod und Leben. Und wenn dann die Schleier der Morgendämmerung über den beschneiten Graten zerflossen und die Frühlingssonne warm und goldig empor tauchte über die Zinnen der Berge, leuchtete sie nieder auf einen kalten Mann, der still gebettet lag im rot gefärbten Schnee. Und das war nicht immer der Wilddieb.

   Nach solch einem Morgen haben wohl die Hähne des Reviers, in dem die Tragödie sich abspielte, eine Zeitlang Ruhe vor unberufenen Schützen. Aber das Grauen, das die blutgetränkte Stätte umwittert, hält selten länger an als bis zur nächsten Balz. Und wer das Leben, den Charakter und das ‚roglige’ Blut unserer Bergler kennt, wird ihre nimmerstille Sehnsucht nach dem ‚Hoh’ mit’n krummbn Federl’ auch begreifen. Der einsiedlerische, scheu im dunklen Tann versteckte Auerhahn steht bei weitem tiefer in ihrer Wertschätzung. Tausend ‚Schnaderhüpfln’ und ‚Gstanzeln’ aber wurden schon dem lustigen Spielhahn gesungen, diesem flinken, unermüdlichen Frühlingssänger und kampfdurstigen Don Juan, in dem der junge, rauflustige und leichtlebige Bergler gleichsam ein Ebenbild seiner selbst erblickt. Und der Tanz, den er am meisten liebt, der Schuhplattler, er ist nichts anderes, als eine ländlich sittliche Nachahmung der Spielhahnbalz und ihres drollig fidelen Minnewerbens. Diese Ähnlichkeit ist auch dem Volk der Berge klar bewusst; denn wenn ein gewandter Tänzer bald schnackelt und stampft, dass Boden und Fenster zittern, bald wieder lautlos schleifenden Schrittes die mit fliegenden Röcken sich wirbelnde Tänzerin umkreist und dabei die Arme nach rückwärts streckt, wie der falzende Hahn seine zitternden Schwingen trägt, so singen ihm wohl die Zuschauer das rühmende ‚Gstanzl’:

„Der draht si’ und plattelt,
Wie’s koaner net ko(n),
Und rodelt und grugelt
Und blast wie-r-a Hoh(n)!“

Was Wunder, dass zu solchem Tanz auch das ‚krummbe Federl’ aufs Hütl gehört – und wär’s nur deshalb, dass der jauchzende Tänzer, wenn er zum letzten Geigenton sein Dirndl hochauf ‚geschwungen’ hat, im übermütigen Vollgefühl seiner Kraft das Hütlein drehen und mit rauflustiger Herausforderung die gebogene Feder nach vorne stellen kann, wie einen zum ‚Hackln’ gekrümmten Finger!

„Von Königssee bis Garmisch nauf
Is grad so a Trumm,
Und hon i a krummbs Federl auf,
So stößt ma’s koaner um!“

   Dass solch ein viel umsungenes ‚Federl’ sich nicht beim Krämer um ein paar Nickel kaufen lässt, das ist wohl selbstverständlich. Es muss im kalten Schnee mit heißer Mühe verdient werden, sei es auf erlaubter Jagd oder auf verbotenen Wegen. Die Strapazen, die in den Bergen mit der Spielhahnjagd verbunden sind, schrecken solch einen wetterharten, federsüchtigen Burschen nicht ab, und im übrigen wird ihm die Sache manchmal gar leicht gemacht, besonders in den Revieren bequemer Jagdherren, die sich mit dem Abschuss der Auerhähne begnügen und den schwer zu jagenden Spielhahn großmütig ihrem Personal überlassen. Da bleiben in der ersten Maiwoche, wenn der Auerhahn schon seine letzten Lieder schnackelt und der Spielhahn seinen Liebesreigen beginnt, die Falzplätze des kleinen Hahnes oft tagelang ohne Aufsicht; denn ein verspäteter ‚Gawlier’ ist in die Jagdhütte eingerückt und nimmt das Personal in Anspruch.

   Wenn dann der Jäger eines Morgens, früh um vier Uhr, seinen Herrn hinauflotst durch den steilen, finsteren Bergwald, lauscht er wohl in Sorg’ und Freude dem Grugeln eines Spielhahns, der hoch auf einem fernen Schneegrat salzt, und klopfenden Herzens genießt er die Weidmannslust voraus, die ihm nach wenigen Tagen dort oben blühen wird. Es dämmert kaum – da rollt von jenem fernen Grat der verschwommene Hall eines Schusses über die Berge hin, und der Spielhahn schweigt. Dem Jäger gibt’s ‚an völligen Riss’ – aber weil er seinem Herrn den ohnehin schon halb vergrämten Auerhahn nicht verderben darf, verbeißt er seine Wut und flucht nur innerlich:

   „Himmelkreuzteufi no amal! Jetz hat ma richti oaner den Hoh’ davo’, so a Lump, so a gottvermaledeiter!“

   Ein paar Minuten später, wenn der schlecht angeplänkelte Auerhahn davon geritten ist, macht der Jäger freilich ohne ‚Schenierer’ seinem Ärger Luft:

   „No also! Jetz haben ma alle zwoa an Schmarren! Jetz is der Auerhoh’ verpatzt, und der Spielhoh’ is aa beim Teufi! Himmikreuzdivi…“ Das Ende dieses ellenlangen Fluches verliert sich zwischen den knirschenden Zähnen.

   Der ‚Gawlier’, der noch immer mit verdutzten Augen den leeren Ast betrachtet, auf dem der Auerhahn gesessen, hat nur für die erste Hälfte dieses doppelten Jägerschmerzes das richtige Verständnis. Wenn er nur seinen Auerhahn hätte! Was geht ihn der Spielhahn seines Jägers an! Und da bleibt man gerade in gutem Einvernehmen mit der Gemeinde, wenn man zuweilen die Augen ein bisschen zudrückt und einem Vetter des Bürgermeisters das krumme Federchen vergönnt. Der Jäger freilich denkt anders vom Wert eines Spielhahns. Und wenn er am nächsten Sonntag beim Kirchgang unter den hundert Bauernhüten den einen entdeckt, der mit der frischen ‚Schaar’ geschmückt ist, dann blitzen seine Augen bei dem stillen Gelöbnis: „Wart, Brüderl! Wir zwoa wachsen zamm mitanand! Für alles kummt a zahlende Zeit!“ Dieser Augenblick hat eine Feindschaft auf Leben und Tod erweckt. Und über Jahr und Tag wird der Schnee wieder blühen. Rot! Und um ein ‚Federl’! Das mag wohl traurig sein, aber es ist nun einmal so. Und wer es ändern will, muss ein anderes Volk in die Berge setzen.

   Der richtige, leidenschaftliche Spielhahnjäger muss im Hochland geboren sein. Wohl schickt auch die Stadt aus ihrer echten, grünen Weidmannsgilde tüchtige und ausdauernde Hahnenjäger in die Berge. Ich übrigen aber ist es manch einem ‚banlwoachn stadtlerischen’ Jagdherrn gar nicht zu verdenken, wenn er vom Spielhahn der Berge redet, wie der Fuchs von den sauren Trauben. Wohl kommt es auch in den Bergen vor, dass ein Spielhahn auf niedrig gelegenem Almfeld oder sonst an bequemer Stelle falzt, die von der nahen Jagdhütte aus mit einem gemächlichen Morgenspaziergang zu erreichen ist; der Jagdgast kriecht unter den vom Jäger erbauten Latschenschirm, wickelt sich in seinen Pelz, und kaum ist der Hahn im Morgengrau heran gestrichen – paff! – bevor er sein erstes Liedlein noch ausgesungen hat, liegt er schon verendet auf dem Schnee oder empfiehlt sich mit Hinterlassung von ein paar abgeschossenen Federchen.

   Aber die ‚kammodn Platzln’ gehören zu den Seltenheiten. Für gewöhnlich liebt der Spielhahn hochgelegene, selten von einem Menschenfuß betretene Grate, auf denen Mitte Mai die Latschen noch unter metertiefem Schnee versunken liegen. Keine Almhütte weit und breit, kein Jagdhaus in der Nähe. Da heißt es lange vor Mitternacht aufbrechen, und nach einer schönen Wanderung durch en schlummerstillen Talwald und unter funkelnden Sternen, bei deren Schein das lichte Maigrün der jungen Buchenblätter kaum als mattes Gau zu erkennen ist, beginnt durch wachsenden Schnee ein mühseliger Anstieg, auf den das variierte Wort der Bibel anzuwenden wäre: „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Deinen Hahn verdienen!“ Wenn es doch nur das ‚Angsicht’ wäre, von dem die heißen Tropfen rinnen! Aber nach solchem Schneemarsch steckt der Körper in den Kleidern, als wäre er just aus einem Dampfbad gekommen. So kauert man hinter einem Felsblock, in einem spärlich deckenden Latschenbusch oder gar nur in einem Schneeloch, wehrlos angeblasen vom schneidenden Morgenwind. Da hilft kein Aufstülpen des Rockkragens, kein ‚Halstüechl’ und Wettermantel – kaum dass ein ausgiebiger Schluck doppelt gebrannten Enzians oder sonst eines scharfen Tropfens, der ‚einhoazt wia Buechnscheiter’, die Unbehaglichkeit dieses ersten ‚dämpfigen Viertlstündls’ mildert, das schadlos nur von einer wetterharten, robusten Natur überwunden wird. Schauer um Schauer rüttelt den Leib, und schon nach wenigen Minuten eröffnet ein erster ‚Niasezer’ das obligate ‚Falzkatarl’. Aber da klingt von irgendwo die schüchterne Stimmprobe eines erwachenden Hahnes – dem Jäger wird heiß, und Mühsal und Kälte sind vergessen.

   Der Himmel lichtet sich, zwischen ziehenden Wolken leuchten in weiter Ferne gelbe Streifen auf, blaugrauer Schimmer zittert über allem Schnee, ein Teil der Wände liegt noch im Schatten der Nacht, mit pechschwarzen Wäldern, doch auf einzelnen Gipfeln, die gegen Osten blicken, beginnen schon die Ferner ihr reines Weiß aus der weichenden Dämmerung hervorzulösen.

   Ein leises Sausen huscht durch die graue Luft. Und plötzlich gewahrt der Jäger, etwas hundert Schritte unterhalb seines Schlupfwinkels, auf dem weißen Schnee einen schwarzen Fleck. Es ist der Hahn, der auf dem Falzplatz eingefallen. Kaum noch erkenntlich, steht der Vogel eine Weile regungslos; dann streckt er den Hals und äugt mit scheuer Vorsicht nach allen Seiten. Sobald er sich sicher glaubt, beginnt er sein Minnelied mit dem ‚Blasen’: Tschju huischschd – tschju huischschd! Erst klingt es nur halblaut und schüchtern, als wäre sein Misstrauen noch nicht völlig beschwichtigt, oder als wollte er vorerst nur seine Stimme probieren. Nach einigen Minuten erst beginnt er hitziger zu werden; er bläst und bläst und führt dabei absonderliche Tänze auf – bald streckt er den Schnabel starr auf den Schnee und steht ein paar Sekunden wie hypnotisiert, bald wieder springt er mit schlagenden Schwingen hoch empor oder flattert unter rüttelndem Zischen mehrere Schritte weit bergan. Es ist Rasse und Leidenschaft in diesem Spiel – aber Leidenschaft, die nicht blind macht. Auch der hitzigste Hahn verliert nicht seine vorsichtige Scheu, immer wieder sichert und äugt er während des Blasens nach allen Seiten, und es währt geraume Weile, bis er, völlig sorglos, den eigentlichen Minnegesang beginnt, das ‚Rodeln’ oder ‚Grugeln’. Das ist ein Lied, das sich mit sprachlichen Lauten nicht wiedergeben lässt – es erinnert in manchen Tönen an das Rucksen und Gurren eines Taubers, doch klingt es lauter, mannigfacher und energischer, wohl auch melodiöser. Dass der falzende Spielhahn einen veritablen Wälzer sänge, wie ein begeisterter Jagdschriftsteller behauptete, ist freilich poetische Übertreibung. Aber ein bisschen Wahrheit steckt dennoch in dieser Behauptung. Ich konnte im Grugeln einzelner Spielhähne – besonders wenn sie auf Bäumen sangen, und häufiger noch bei der ruhigen Herbstbalz – immerhin einen gleichmäßig wiederkehrenden Rhythmus unterscheiden, der sich musikalisch etwa folgendermaßen darstellen ließe:

   Doch bei der Bodenbalz im Frühling, in der ersten Hitze seines Minneliedes, ist der Hahn zu toll und ungestüm in seinem Sangeseifer, um sich an strenge Kunstform zu halten und nach Noten zu singen. Da hat jede Strophe seines Liedes anderen Laut und andere Melodie. Dazu schreitet er und dreht sich im Kreis, flattert und springt, unterbricht sein Rodeln und Blasen mit so drollig wirkenden Tönen und führt dabei Bewegungen von so drastischer Komik aus, dass es den Jäger in seinem Versteck oft Mühe kostet, ein lautes Auflachen zu unterdrücken.

   Das sind köstliche Minuten für den echten Weidmann, der seine beste Freude an der Beobachtung des sangberauschten Hahnes findet und durch kein ‚Hahnenfieber’ sich verleiten lässt, einen voreiligen Schuss zu tun. Noch ist es auch nicht licht genug, um sicher zu zielen, und noch steht der Hahn zu weit. Doch er nähert sich mit jedem Blasen und Grugeln, Schritt um Schritt – und bald wird es Zeit sein, die Büchse zu heben.

   Da saust es wieder in der Luft, und jählings, ohne dass der Jäger ihn kommen sah, steht ein zweiter Hahn auf dem Schnee. Einige Sekunden betrachten sich die beiden Rivalen so erstaunt, als hätte noch keiner von ihnen seinesgleichen gesehen. Dann aber heben sie ein Blasen und Springen an, ein Tanzen und Gaukeln, immer heiße rund erregter – und plötzlich fahren sie mit gesträubtem Gefieder aufeinander los. Ein Kampf beginnt, dass die Federn umherfliegen. In der Hitze des Gefechtes überkollern sich die beiden Streiter und springen wieder auf, Flügelschläge und Schnabelhiebe werden ausgeteilt, sie schnellen sich Brust an Brust in die Höhe wie ein einziger Knäul, der Stärkere bekommt seinen Gegner mit dem Schnabel zu fassen, zerrt ihn im Kreis und drückt ihn nieder auf den Schnee. Und das ist ein so ergötzlicher Anblick, dass der Jäger völlig seiner Büchse vergisst. Kommt es ihm endlich zum Bewusstsein, dass sich hier mit einem Schuss zwei Hähne erbeuten ließen, so ist es bereits zu spät. Der schwächere Hahn ist abgekämpft und hat mit sausendem Flug das Weite und seine Rettung gesucht.

   Stolz und befriedigt puddelt der Platzhahn das zerzauste Gefieder und beginnt mit lang gestrecktem Hals eine Siegeshymne zu blasen. Da hört er Antwort und äugt betroffen umher. Ist der Besiegte zurückgekehrt, um einen neuen Kampf zu versuchen?

   „Tschju huischschd!“ So zischt es aus dem Versteck des Jägers, der, das Blasen des schwächeren Hahnes nachahmend, den vom Gefecht noch erregten Sieger in neue Hitze bringen und näher locken will.

   „Tschju, huischschd!“ Laut blasend springt der getäuschte Hahn hoch auf, und getrieben von Siegeszorn und Eifersucht flattert er gleich um ein Dutzend Schritte näher. Da kracht der Schuss. Und während das Echo hinrollt über die vom ersten Sonnenstrahl vergoldeten Ferner, hebt auf gerötetem Schnee der verstummte Sänger noch ein letztes Mal die Schwingen, Sie sind gebrochen und tragen ihn nicht mehr.

   Doch nicht immer liegt der Hahn, wenn der Schuss gefallen. Streicht er mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte krank davon, so ist er gewöhnlich verloren und deckt für Fuchs und Marder die Tafel. Auch gelingt es dem Jäger nicht immer, den Falzplatz so glücklich zu erraten, wie es hier geschildert wurde. Der lebhafte Spielhahn hat unstetes Blut in seinen Adern, und wenn er auch zu Beginn seiner Sangeszeit den einmal gewählten Falzplatz leidlich einhält, so wird er doch unpünktlicher mit jedem neuen Morgen. Und diese ‚leichtsinnige Schlamperei’ kostet den Jäger manch einen nutzlosen Anstieg durch Schnee und Latschen. So erinnere ich mich eines alten Hahnes, der vor Jahren auf einem stielen Latschengrat des Kleinen Watzmann falzte. Es war ein Prachtkerl von seltener Größe und Schönheit, dessen weit ausgelegte ‚Schaar’, als ich sie erst einmal durch das Glas gesehen hatte, mich ganz versessen machte auf ihren Gewinn. Den Hahn, den musste ich haben! Doch saß ich hoch oben auf dem Grat, wo der Hahn am verwichenen Morgen gesungen hatte, so falzte er ein paar hundert Schritte tiefer, ohne sich ‚anblasen’ und locken zu lassen. Und saß ich am nächsten Morgen herunten, so sang er droben. Siebzehn Mal, einen Tag um den anderen, bin ich ihm zuliebe gegangen. Bekommen hab’ ich ihn nicht. Statt des Hahnes bekam ich aber ein ‚Reißen’, das bis in den heißen Sommer hinein nicht mehr aus meinen Knochen weichen wollte.

   Hat man den Falzplatz nicht auf Schussweite erraten, so bietet ein Versuch, den rodelnden Spielhahn anzupirschen, nur schwache Hoffnung auf Erfolg. Der ‚kleine Hahn’ ist auch im tollsten Liebesreigen noch vorsichtig und aufmerksam – ‚wie der Haftlmacher’, sagt ein Volkswort – und falzt zumeist auf kahlem Schneefleck, der dem anschleichenden Jäger nicht die geringste Deckung bietet. Sind aber einzelne Deckungen vorhanden, so ist das Schleichen durch die wirr verwachsenen Latschenbüsche, das ‚Bauchschlangeln’ durch den aufgeweichten Maienschnee und das lautlose Kriechen über Geröll und kleine, überhängende Wände gar ‚a hoaklige Sach’, die ihr ‚Nisi’ hat! Eher noch gelingt es bei der ‚Sonnenbalze’, einen Hahn, der den Falzplatz schon verlassen hat und lustig im Wipfel einer Zirbe rodelt, bis auf einen ungewissen Kugelschuss anzupirschen. Da wird dann lang und haargenau gezielt. Der Schuss kracht, der Spielhahn purzelt, doch während der Jäger jauchzend sein Hütl schwingt, breitet der Hahn mitten im Sturz die Flügel und segelt flink und gesund davon auf Nimmerwiedersehen – die zu kurz gegangene Kugel hat den Wipfelzweig getroffen und der so jählings seines gemütlichen Sitzes beraubte Hahn hat nur für einen Augenblick das Gleichgewicht verloren. Unter der Zirbe findet der Jäger den abgeschossenen Zweig, betrachtet ihn kopfschüttelnd und brummt mit langem Gesicht: „Auf dem is er gsessen, ja!“

   Leichter als in den Bergen macht sich die Pirsch auf den falzenden Spielhahn im Mittelgebirge und in der Ebene. Natürlich denke ich dabei nicht an das Moos und Moorland, dessen Tümpel, Pfützen und Schlammbecken dem Jäger die Pirsch ebenso gründlich verleiden, wie die Latschen und Wände im Hochgebirge. Aber in Birkenschlägen mit trockenem Boden, oder in reich mit kleinen Blößen durchsetzten Föhrenbeständen ist die Pirsch auf den rodelnden Spielhahn manchmal eine nicht allzu schwere Mühe – aber nicht, weil der Hahn der Ebene weniger scheu und vorsichtig, oder mit minder scharfen Organen ausgestattet wäre als der Berghahn, sondern nur, weil die Pirsch eben durch das minder beschwerliche Terrain erleichtert wird und weil in der Ebene ein Waldgebiet vom Umkreis einer Stunde oft reicher mit falzenden Hähnen besetzt ist, als ein zehn Meilen langer Bergzug im Hochgebirge.

   Ich hatte an der böhmischen Grenze durch einige Jahre ein Hahnenrevier in Pacht, wo in dem verwahrlosten Kiefernwald einer einzigen Gemeinde zur guten Balzzeit gegen zweihundert Hähne sangen. Da saß ich eines schönen Aprilmorgens schon eine Stunde vor Anbruch der Dämmerung in dem auf freiem Feld errichteten Schirm. Von den zerstreuten Feldgehölzen kamen die Hähne herbei gestrichen und begannen, noch in halber Finsternis, rings um den Schirm her ihren fröhlichen Falzgesang. Ehe der Tag noch zu grauen anfing, konnte ich nach dem Gehör etwa fünfzehn balzende Hähne zählen. Doch immer neue Sänger versammelten sich auf dem Falzplatz, und schließlich tönte um den Schirm her ein so wirres Konzert von Blasen und Gerodel, dass ich nicht mehr wusste, wohin ich horchen sollte. Zuerst, als es matt zu dämmern begann, konnte ich durch den Ausguck meines Schirmes nur ein undeutliches Durcheinanderhuschen grauer und schwarzer Schatten gewahren. Doch als es heller wurde – welch ein köstlicher Anblick war das! In Schussnähe vor mir, auf einem kaum zwanzig Schritte breiten Acker, zählte ich siebzehn Hähne, ungerechnet die Sänger, die hinter meinem Rücken ihren munteren Spektakel trieben. Die einen balzten phlegmatisch und unter gemütlichen Schreiten, andere wieder kollerten wie toll, rauften und sprangen meterhoch von den Schollen auf. Es war ein so lustiges Schauspiel, dass ich mit dem Schuss von Minute zu Minute zögerte. Während des Balzens rückte die ganze Gesellschaft immer näher gegen den Schirm – und plötzlich stand ein Hahn, der von der Seite gekommen, dicht vor meinen Füßen. Ich muss wohl bei diesem Anblick eine unvorsichtige Bewegung gemacht haben, denn mit zischendem Laut streckte er den Kragen und äugte starr in das Gezweig des Schirmes. Im gleichen Moment verstummten alle andere Hähne und standen regungslos. Überall sah ich hoch gestreckte Köpfe mit rot flammenden Rosen über den kleinen, funkelnden Augen. Und ich selbst war durch die Erstarrung, welche die ganze Sängerschar befallen hatte, einige Sekunden wie hypnotisiert. Als ich endlich, tief aufatmend, einen Versuch machte, das Gewehr zu heben, kam plötzlich Leben in diese Versteinerung. Mit Rauschen und Sausen stoben alle Hähne auf einen Schlag davon, und lautloses Schweigen lag um den verödeten Schirm her.

   Aber diese Stille währte nicht lang. Schon nach wenigen Minuten kam wieder ein Hahn dem Falzplatz zugestrichen, um diesen Fürwitz mit dem Leben zu büßen. Und ein Viertelstündchen später leisteten ihm zwei Kameraden Gesellschaft bei seinem stillen, schmerzlosen Schlaf. Dann ging es einem nahen Gehölz zu, wo mich der Jäger erwartete, und nun begann die Pirsch im Wald, auf dessen Blößen die zerstreuten Hähne ihren Huldinnen das Morgenständchen sangen. Nach einer Stunde hatte ich zwei weitere Hähne erbeutet und drei Fehlprischen gemacht.

   Gegen acht Uhr, als es im Wald still geworden war und die Sonne über die Wipfel stieg, kehrten wir auf die Felder zurück, zu einer Art von Pirsch, auf die mich die Beobachtung der Hähne und ihrer Gewohnheiten gebracht hatte. Vielleicht ist in ähnlichen Revieren diese Erfindung auch schon von anderen Jägern gemacht worden – sollte dies aber nicht der Fall sein, so stelle ich meine Erfindung, ohne dafür ein Patent zu nehmen, der gesamten Jägerei zur Verfügung. Doch will ich bekennen, dass ich selbst diese Art der Pirsch nicht als völlig weidmännisch betrachte, denn streng genommen sollte der Schuss nur auf den balzenden Spielhahn abgegeben werden. Aber in einem reich besetzten Revier ist der im Interesse eines geregelten Bestandes nötige Hahnenabschuss auf der Balz allein unmöglich zu vollziehen.

   Ich hatte beobachtet, dass die Hähne, die im Lauf des Vormittags auf den sonnbeschienenen Saatfeldern einfielen, stets die gleiche Flugrichtung gegen den zunächst liegenden Waldsaum nahmen, wenn sie von den arbeitenden Bauern aufgesprengt wurden, und sich mit Vorliebe auf bestimmten, besonders hohen Bäumen einschwangen. Diese Beobachtung nützte ich auf folgende Weise. An einer Waldecke, von der sich ein weiter Ausblick über die Felder bot, legte ich mich mit dem Jäger auf den Ausguck. Gewahrten wir Hähne auf den Feldern, so ließen wir Gewehre und Stöcke zurück, machten einen weiten Umweg, und unauffällig über die Äcker hin und her bummelnd, gingen wir die Hähne langsam an. Näher als auf dreihundert Schritte ließen sie uns selten kommen; dann strichen sie dem Wald zu. Ich merkte mir die Bäume, in deren frei ragende Gipfel sie sich eingeschwungen hatten; langsam traten wir wieder den Rückweg an, und während sich der Jäger in den Feldstauden oder in einer Wegschlucht verbarg, kehrte ich auf großem Umweg zu der Waldecke zurück und wartete, bis die Hähne wieder auf die Felder strichen. Das geschah oft schon nach einer halben Stunde – manchmal hat es aber auch eine lange Geduldsprobe gekostet. Fühlten sich die Hähne auf dem Feld sicher, so holte ich das Gewehr aus dem Versteck und eilte durch den Wald, um die Stelle zu suchen, die ich mir gemerkt hatte. Immer fand ich sie nicht, denn von innen sieht sich der Wald ganz anders an, als von draußen. Fand ich mich aber zurecht, dann kam ich fast immer zu Schuss, sobald der Jäger auf dem Feld die Hähne wieder anging. Wenn die Sache möglichst unauffällig gemacht wurde, schwangen sich die Hähne regelmäßig auf die gleichen Wipfel ein, und häufig hatte ich schon beim Einfall einen freistehenden Hahn in Schussnähe vor dem Lauf. War mir aber der Wipfel mit dem Hahn durch anderes Gezweig verdeckt oder außer Schussbereich, so galt es, lautlos Schrittlein um Schrittlein seitwärts oder näher zu rücken, wobei mich zuweilen der versteckte Hahn durch einen Laut, den ich bei Gebirgshähnen niemals gehört habe – durch ein leises „öhg“ – zur rechten Stelle leitete. Wurde ich des Hahnes ansichtig, so konnte ich beobachten, dass er diesen Laut nur hören ließ, wenn er mit gestrecktem Kragen eifrig nach dem auf den Feldern umherbummelnden Jäger äugte. Sollte die Pirsch gelingen, dann durfte der Jäger dieses Wandern über die von den Hähnen bevorzugten Felder auch nicht einstellen, bevor der Schuss nicht gefallen war. Heikel gestaltete sich die Sache immer, wenn sich mehrere Hähne in meiner Nähe eingeschwungen hatten. Da setzte es qualvolle Minuten mit Herzklopfen und schwerem Atem, bis ein unbeachteter Hahn, den ich vertreten hatte, die anderen mit sich fortnahm. Hatt’ ich es aber nur mit einem einzigen Hahn zu tun, und machte der Jäger draußen auf dem Feld seine Sache gut, so war ich regelmäßig des Erfolges sicher.

   An jenem Tag, dessen Morgen ich eben geschildert habe, holte ich mir auf der Feldpirsch noch vier Hähne, so dass wir am Abend mit neun Hähnen im Jagdhaus einrückten. So reiche Ernte hab’ ich freilich nur ein einziges Mal gehalten, aber an guten Balztagen brachte ich doch in der Regel meine drei oder vier Hähne heim. In der ersten Zeit hatte ich meine helle Freude an diesem üppigen Jagderfolg. Nach zwei Jahren aber gab ich das Revier wieder auf. Der leichte Gewinn minderte für mich den Reiz der Jagd, und reumütig kehrte ich, um der drohenden Blasiertheit zu entrinnen, zu meinem einsiedlerischen Berghahn zurück, der hart verdient sein will, dafür aber auch dem Jäger größere Freude bereitet, als ein Dutzend Flachlandshähne. Es ist ja die Jagd an sich nur immer halbe Freude. Sie wird erst ganz durch den Mitgenuss der Natur, in deren Rahmen sie sich abspielt.

   Ein Morgen im Moorland, mit den dunstig zerfließenden Farben, mit der blutrot auftauchenden Sonne, mit dem Rauch der Heide, mit dem bald verschleierten, bald wieder grell aufblitzenden Spiegellicht der hundert Tümpel, mit dem schwermütigen Unkenruf und dem Kreischen der ziehenden Wasservögel – oder ein Morgen im freundlichen Hügelwald, mit seinem sanften Tageserwachen beim Gezwitscher der Meisen, beim Gurren der wilden Tauben und bei fernem Glockengeläut, mit seinem goldigen Frühlicht und den Stimmen des auf den Feldern beginnenden Tagwerks – solch ein Bild hat auch seinen Reiz, der zum Herzen redet. Aber gut ist gut, und besser ist besser – ich ziehe den Morgen in den Bergen vor, mit der stillen, wundersamen Größe seines Bildes, mit dem keuschen, ungetrübten Schimmer seiner Farben bei klarem Himmel, oder mit dem Kampf seiner ziehenden Nebel, durch deren Lücken ein siegender Strahl der Sonne bricht und hellen Goldglanz hinwirft über die düster versunkenen, rauschenden Wälder. Wenn Du an solchem Morgen, mit der frisch erbeuteten Feder auf dem Hut, über die steilen Latschenfelder niedersteigt oder in langen Sprüngen hinuntertrollst über den mürben Schnee, den Blick hinausschickend über ungemessene Weiten, da kommt Dich die Lust zum Jauchzen an, und mit heller Stimme magst du hinaus singen über das tiefe, grüne Tal:

„Hui auf! Mei Büchsl hat lusti kracht
Und hat den Hoh(n) ums Federl bracht!
Dös krummbe Federl auf’m Haut,
Hui auf, dös steht mer sakrisch guat!
Hui auf! I grüaß di, Du liabe Welt,
Weil i gar a so guat bin gstellt!
Weil mer ’s Leben gar a so gfallt!
Hui auf! I grüaß di, du greaner Wald!“

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