Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hubertusland

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Frühlingsarbeit

   Während in den schönen Märztagen der Weidmann es Hügellandes und der Ebene auf dem Schnepfenstrich mit wechselndem Glück die Primeur des Jägerfrühlings genießt, hat der Hochlandsjäger in den verschneiten und vereisten Bergen noch harte Zeiten zu überstehen. Da heißt es alltäglich noch durch metertiefen Schnee ein paar Stunden weit zum Futterstadel waten, um dem darbenden Hochwild, dem die Not des Winters die scheue Wildheit abgewöhnte, und das in Rudeln den Futterplatz umlungert, das Heu in die Raufen zu legen und das mit Salz gemischte Kernfutter in die Tröge zu streuen. Der Jäger, der sich nicht auf den Skilauf versteht, hat gerade zu Ende des Winters unbeschreibliche Mühsal zu überwinden, denn der in unsren Bergen im Gebrauch stehende, althergebrachte Schneereif ist bei tiefem, schlecht tragendem und klebrigem Schnee eine gar zweifelhafte Hilfe. Manch ein braver, fleißiger Jäger, der es gewissenhaft mit seiner Dienstpflicht nimmt, holt sich in diesen schweren Wochen einen ‚Treff aufs Lüngerl’, den er zeitlebens nicht wieder loswird. Da wäre es eine heilige Pflicht unserer Jagdherren im Hochland, bei ihrem Personal mit allem Nachdruck die Einführung der Skier zu bewirken, die in den oberösterreichischen und steirischen Bergen zum Nutzen der Jagd schon seit Jahren heimisch wurden, während unsere konservativen bayerischen Bergler, die alles Neue mit misstrauischen Augen betrachten, dem ‚endslangen Brettlschuh’ noch immer mit widerstrebendem Gruseln und rauen gegenüberstehen1. Ich selbst konnte in meinem eigenen Jagdrevier den Gebrauch der Skier nur durch Androhung der Dienstentlassung erzwingen; jetzt freilich, wenn meine Jäger auf dem Ski, ohne ein Tröpflein Schweiß zu vergießen, den verschneiten Weg zum Futterplatz spielend in kaum einem Drittel der Zeit zurücklegen, die sie sonst auf dem Schneereif brauchten, oder wenn sie ohne Anstrengung im tiefen Schnee der Fährte eines Wilddiebs folgen und den Ertappten, der in langen Sprüngen bergabwärts flüchtet und bis an die Schultern in die ‚Gähwinden’ einbricht, mit müheloser Fahrt überholen – jetzt danken sie mir meine ‚auslandrische Bosnicklerei’.

   Aber auch in den schlimmsten Eislöchern der Berge hat der Winter nicht ewige Dauer. Föhn, Regen und Sonne beginnen ihr erlösendes Werk, und eines schönes Morgens, wenn der Jagdgehilfe vom Futterstadel heimkehrt, kann er seinem Vorgesetzten melden: „Fruhjahr wird’s, Herr Förstner! Der Zwölfer und die zwei guten Zehner sind schon dahin.“

   Er will damit sagen, dass die drei besten Hirsche seines Bezirkes bereits vom Futterplatz ausgeblieben sind, um von nun an in Freiheit ihre Äsung zu suchen. Und er spricht dabei die Hirsche nach den Geweihen an, die sie im vergangenen Jahr getragen; dass sie die ‚Stangen’ bereits vor Tagen abgeworfen haben, das kann den Jäger nicht irreführen, der seine Hirsche an den ‚Gsichtern’ kennt.

   Tag um Tag vergeht, und ehe noch der Bergwald bis zur Almenhöhe schneefrei ist, hat auch das letzte, von des Winters Not entkräftete Schmaltier den Futterplatz verlassen. Da kommt nun für das Will diene böse Zeit, ‚a schiechs Übergangl’! Auf den vom Schnee noch kaum befreiten Blößen, wie an den Bäumen und Sträuchern, die noch kaum zu knospen beginnen, findet es nur spärliche Äsung. Und wenn es der Hunger zur Nachtzeit in die Täler treibt, um die lockenden Wiesen und die mit Wintersaat bestellten Felder zu suchen, dann findet es hohe, stachlige Zäune, klappernde und flatternde Wildscheuchen und ‚Gauggermanndln’, kläffende Hunde, donnernde Schreckschüsse aus Bauernflinten und nicht selten, trotz aller Wachsamkeit der Jäger, auch würgende Drahtschlingen und meuchlerische Legbüchsen. Rastlos, bei Tag und Nacht, durchzieht das Wild auf stundenweiten Wegen die steilen Gehege, gequält vom Hunger und gepeinigt von den ‚Engerlingen’, von den seine Haut und sein Fleisch durchwühlenden Larven der Hirschbremse. Erst mit den wärmeren Tagen, die dem Wild kräftigere und reichlichere Äsung bringen, wird es diese Peiniger los. Nun aber erzeugt das Übermaß der Nahrung, besonders die Nachwirkung des raschen Übergangs vom trockenen Heufutter zum vollsaftigen, immer nassen Grünfutter mancherlei Krankheiten. Und wenn nun gar noch das Frühjahr trübe Meinen aufzieht und viele Regentage bringt, dann fällt so manch ein Stücklein, das den tiefen Schnee des Winters glücklich überwunden, der kalten Nässe es launischen Frühlings zum Opfer.

   Um dieser Gefahr zu begegnen, gilt es zeitlich die Salzlecken für Hochwild und Rehe frisch zu füllen. Und für die Gämsen, die auch schon die Winterstände im Bergwald verlassen haben und in die Latschendickungen empor gewechselt sind, muss man die zentnerschweren Salzsteine hinaufschleppen bis unter die ragenden Wände. Aber alle weidmännische Fürsorge vermag den Wildstand im Frühling nicht gänzlich vor Verlust zu bewahren. Mit bangem Herzen durchkreuzt der Jäger in diesen Wochen sein Revier. Und da stößt er häufiger, als ihm lieb ist, aus Zufall oder gelenkt von seinem windenden Hund, auf einen im Dickicht verwesenden Kadaver oder auf eine Stelle, an der nur Haar- und Knochenreste noch von der Waldtragödie erzählen, die sich hier abgespielt. Und steigt er unter den Wänden hin, wo auf den stielen Schutthalden der angehäufte, steinharte Lawinenschnee allmählich zerrinnt, so kann es sich auch ereignen, dass er ein Gewirr zerquetschter Glieder und gebrochener Läufe aus der schmelzenden Eisdecke hervortauchen sieht. Hier hat der mörderische Winterriese ein ganzes Rudel Gämsen von den Wänden ‚abgelahnt’ und im Schnee begraben. Da hält der Jäger nun reiche Ernte an Krickeln. Doch er denkt nicht an den Wert dieses Fundes; seine Lippen zucken, und ein grimmiger Fluch fährt aus dem dicken Bart heraus.

   Erst mit dem Eintritt des Mai, der den widerspenstigen Schnee zurücktreibt in das hohe, kahle Gestein und auf den Almen das frische Grün erweckt, beginnt für die Gämsen und das Hochwild die gute Zeit. Wenn da der Jäger die Arbeiter beaufsichtigt, welche die von den Schneebächen zerrissenen und vermuhrten Pirschwege putzen, oder wenn er am sonnigen Morgen vom Hahnverlusen zurückkehrt, sieht er das Wild in Rudeln sorglos und fleißig äsend über das Almfeld ziehen. Dann sitzt er oft lange Stunden hinter einem Felsblock oder vor einer der stillen, versperrten Sennhütten un mustert durch das scharf zeigende ‚Spektiv’ der Reihe nach die einzelnen Stücke des Rudels. Manch eine altersschwache ‚Großmutter’, manch eines von den ‚Schmalstückln’ und von den nun bald jährigen Kälbern sieht freilich noch gar ‚schiech’ und ‚schier zum Derbarmen’ aus. Aber mit jedem Tag bessert sich das Aussehen des Wildes, das schon anfängt sich zu ‚verfärben’, das dicke, schwärzlich-graue Winterkleid gegen das leichte, braunrote Sommergewand umzutauschen.

   Nun beginnt auch schon bei den geringeren Hirschen, die sich zum Rudel halten, die Bildung des neuen Geweihes. Die ‚guten’ Hirsche, die gleich nach dem Verlassen des Futterplatzes einsiedlerisch ihre alten Stände suchten, haben inzwischen schon wacker ‚geschoben’, so dass sich an den wulstigen, grau behaarten ‚Kolben’ bereits die untersten Enden zeigen, die ‚Augensprossen’. Selten bekommt man während der ersten Kolbenzeit solch einen alten Herrn zu Gesicht. Die jungen Gräser im Dickicht und die frischen, weichen Blätter bieten diesen Einsiedlern vorerst genügende Äsung; auch scheuen sie jede andauernde und flüchtige Bewegung, da der linde Kolben mit feinen, zarten, von Blut zum Strotzen geschwellten Geweben gegen die Berührung mit Zweigen ungemein empfindlich ist. Vielleicht schämen sich auch die stolzen Recken ein klein wenig ihres Schmuck beraubten und entstellten Hauptes und halten sich aus Eitelkeit versteckt. Aber nicht nur die guten Hirsche suchen die Einsamkeit – bald kommt auch die Zeit, in der sich die ‚hoch beschlagenen’ Muttertiere vom Rudel abstehlen; und wenn sie nach Wochen wieder zum Rudel stoßen, tummeln sich unter ihren sorgenden Blicken die erst wenige Tage alten, weiß gesprenkelten Kälber mit lustig spielenden Sprüngen über das Almengras. Wohl hat die Büchse des Jägers und die kalte Mörderfaust des Winters klaffende Lücken in den Wildstand der Berge gerissen; aber die freundliche Mutter Natur hat wieder für doppelten Ersatz gesorgt.

   Inzwischen ist die weidmännische Frühlingsarbeit draußen in der Ebene weit flinker und lustiger vonstatten gegangen. Wohl hat auch hier der Winter seine Opfer gefordert, aber s schlimm wie in den Bergen sieht es doch nicht aus. Ein kundiger Jäger, der in den weißen Monaten seine Rehe mit Eifer betreut, mit dem Salz nicht spart und ihnen das rechte, zuträglichste Futter reicht, bringt seine Rehstand auch über einen strengen Winter fast ohne Verluste hinweg. Bedenklicher wurde freilich das Kleinwild dezimiert. Ein Teil der Fasanen, in denen anhaltender Schneefall und Frost alles Heimatgefühl gefrieren macht, hat sich verstrichen und ist auf angrenzenden Bauernjagden den Aasjägern zum Opfer gefallen. Und wenn der besorgte Weidmann über seine Felder wandert, findet er zu Dutzenden die eingegangenen Hühner und die von den Füchsen angerissenen Hasen. Aber schon haben sich die überlebenden Hühner zu neuem Brutgeschäft gepaart, und bringt der März ein paar schöne, sonnige Wochen, so sieht man bald die kleinen Märzenhäslein durch die sprossenden Wintersaaten bockeln, als willkommene Verkünder eines guten Hasenjahres.

   Da gilt es nun, die junge Generation nach Möglichkeit gegen ihre behaarten und gefiederten Feine zu verteidigen. Gegen die Marder ist der Jäger, wenn er im Winter mit ihnen nicht aufzuräumen vermochten, freilich machtlos geworden, seit der Schnee verschwand. Auch der Fuchs, der unter dem entkräfteten Niederwild bequeme Beute findet, lässt sich nicht durch die berühmteste Witterung, nicht durch den appetitlichsten ‚Brocken’ mehr zum Fangplatz kirren. Doch seine Stunde wird wieder schlagen, wenn die Fehe nach den Liebesfreuden, die sie im Februar genossen, den säuberlich ‚geputzten’ Bau bevölkert hat. Vorerst aber lässt sich nur das gierige Wiesel und der Iltis noch überlisten und zur Falle locken. Daneben wir mit Eisen, Schlagnetzen und Blei ein ruheloser Krieg gegen die gefiederten Räuber geführt, die im Gefolge der Zugvögel wieder erschienen sind. Wären sie doch lieber geblieben, wo der Pfeffer wächst!

   Hoch in den Lüften kreisen sie und erspähen mit ihrem Falkenblick das Huhn, das sich angstvoll in die spärliche Deckung drückt, und das Häslein, das sich mit heiligem Schreck in den nahen Wald, in eine Feldremise oder in die Obstgärten es Dorfes zu retten sucht. Ein Glück nur, dass dieser gleiche scharfe Mörderblick den Habicht, den Falken und Sperber aus seiner blauen Höhe auch auf unglaubliche Entfernung den ‚Auf’ erkennen lässt, der, auf der Krücke sitzend, in der Morgensonne sein zerzaustes und winterschäbiges Gefieder puddelt, während der in der Uhuhütte versteckte Jäger schon die Flinte hebt, um den ‚hassenden’ Falken mit einer gesunden Schrotladung zu empfangen.

   In alten Jagdbüchern pflegt man die ‚Falkenjagd in der Uhuhütte’ als eine ‚anmutige Kurzweil und Ergötzlichkeit’ geschildert zu finden. Das mag wohl für eine Zeit gegolten haben, in der das gefiederte Raubwild noch zahlreicher vorhanden war, als es glücklicherweise heutzutage in gut beaufsichtigten Revieren der Fall ist. Wenigstens habe ich für meinen Teil die Erfahrung gemacht, dass dieses stundenlange Sitzen und Warten in der Uhuhütte, wobei die Füße bis über die Knöchel im Schlamm oder Wasser stecken, viel weniger ein Jagdvergnügen als eine schwer zu leistende Geduldprobe bedeutet, bei der man aus den vier kalten, triefenden Lehmwänden häufiger einen für Wochen ausreichenden Schnupfen mit nach Hause bringt, als einen Habicht oder Falken. Das Bewusstsein, ein Dutzend Hühner, Fasanen oder Junghasen vor einem Räuber gesichert zu haben, tröstet freilich für die ausgestandene ‚Ergötzlichkeit’. Aber die Erinnerung an die Langeweile, die ich bei solcher Jagd erduldete, lässt mich fast jene unterhaltungsbedürftigen Sonntagsjäger entschuldigen, welche die Uhuhütte immer nur zu vieren besuchten und abwechselnd zu dreien ihren Skat trommelten, während der vierte ‚passte’ – beim Spiel und mit der Schrotspritze am Guckloch.

   Nur ein einziges Mal bescherte mir der Besuch der Uhuhütte wirkliche Jägerfreude. Aber das war außerhalb unserer deutschen Grenzen, am Ufer des Neusiedlersees. Da saß ich eines schönen Morgens in meiner notdürftig aus Schilfgarben zusammengestellten Hütte und wurde von tausend sumsenden Seeschnaken bis aufs Blut gemartert. Aber ich lieferte in drei Stunden neben einem Dutzend Krähen und Elstern noch drei Sperber, einen Habicht, fünf Rohrweihen, einen Wanderfalken, zwei rote Milane und einen Seeadler zur Strecke. Beim Anblick der seltenen Beute an die vor diesen Fängen und Schnäbeln gesicherten Fasanen, Hasen und Hühner zu denken – in der Tat, das war eine ‚anmutige Kurzweil und Ergötzlichkeit’!

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1 Das hab’ ich im Jahre 1896 geschrieben. Inzwischen ist der Ski von Berchtesgaden bis Immenstadt ein unentbehrliches Requisit aller bayerischen Hochlandsjäger geworden. ^

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