Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Schloss Hubertus

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      Ludwig Ganghofer
         Schloss Hubertus
            Buch 1
               Titel
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
               Kapitel 13
               Kapitel 14
               Kapitel 15
               Kapitel 16
               Kapitel 17
               Kapitel 18

            Buch 2
               Kapitel 1
               Kapitel 2
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               Kapitel 19
               Kapitel 20

Kapitel 6

Über dem Park von Schloss Hubertus schlummerte die schöne Nacht. Im Adlerkäfig herrschte friedliche Stille. Auch die Fontäne schien entschlafen und plauderte nur leise, wie im Traum.

Ohne Lichtschein lag das Haus inmitten der schweigsamen Finsternis. Unter seinem Dach fanden in dieser Nacht zwei Augen keinen Schlaf, und in heißer Erwartung pochte ein junges Herz dem Morgen entgegen.

Als es drei Uhr schlug, erhob sich Kitty lautlos, um sich für die Reise anzukleiden. Der gepackte Koffer stand schon seit dem Abend neben der Tür. Auf dem Tisch, für den ersten suchenden Blick berechnet, lag ein Brief an Gundi Kleesberg. Nach einem halben Stündchen war Kitty reisefertig. Sie löschte das Licht und setzte sich in Hut und Mantel an das offene Fenster. Die dreißig Minuten fieberhaften Wartens wurden ihr länger, als ihr die ganze Nacht erschienen war. Endlich klangen die vier ersehnten Schläge. Kitty huschte zur Tür. Mit jedem Augenblick hoffte sie Willys leisen Schritt zu hören. Minute um Minute verrann, und draußen im Korridor blieb alles still. "Er hat verschlafen!" Sie schlich in das Zimmer des Bruders. "Willy!", rief sie leise in den dunklen Raum. Kein Laut. Sie tastete sich zum Bett, um den Siebenschläfer aufzurütteln. Ihre Hände griffen in leere Kissen. Erschrocken machte sie Licht. Das Zimmer war leer. Eine dunkle Angst umklammerte ihr das Herz. Dann fiel ihr ein, wie energisch Willy sich am vergangenen Abend ihrem Plan zuerst widersetzt hatte. Und nun musste sie denken, dass sein Versprechen nur eine Ausflucht war: Er wollte die Schwester beruhigen, um ungestört seine Absicht auszuführen und noch in der Nacht die Reise nach München anzutreten - allein!

Kitty stand eine Weile ratlos. Dann nickte sie entschlossen vor sich hin und löschte das Licht. Mit lautloser Hast kehrte sie in ihr Zimmer zurück und griff nach dem kleinen Lederkoffer, an dem sie so schwer zu tragen hatte, dass ihre Kräfte schon versagen wollten, noch ehe sie die Ulmenallee erreichte.

Der Morgen begann zu dämmern, und leise zwitscherten die Meisen und Finken. Auch im Adlerkäfig war es schon lebendig. Emsig putzten die fünf Raubvögel ihr Gefieder. Als Kitty, mühsam atmend unter der last des Koffers, an dem Käfig vorüber kam, streckten die Adler ihre Hälse.

Ein Zufall führte auf der Straße einen Holzknecht vorüber, der seiner Arbeit nachging. Auf Kittys Bitte trug er den Koffer bis zum Mooshof. Hier musste sie lang an die Fenster pochen. Endlich erschien der Mooshofer, der sein Räuschlein erst zur Hälfte ausgeschlafen hatte. Ein Schimmel würde vor das Bernerwägelchen gespannt, und während Kitty zum Sitzbrett hinaufkletterte, tönte von den Bergen herab, aus weiter Ferne, der verwehte Hall eines Schusses. Kitty überhörte den rollenden Laut, ihre Aufmerksamkeit war mit dem Schimmel beschäftigt, der einen zweifelhaften Trab entwickelte. Im Verlauf der Fahrt hatte sie Mühe, den Mooshofer, dem immer wieder die Augen zufielen, munter zu erhalten. Schließlich nahm sie selbst die Zügel und schwang die Peitsche. Aber der Schimmel hatte eine geduldige Haut und ließ sich in seiner Gemütsruhe nicht stören.

Die Station war kaum in Sicht, da hörte man schon die Lokomotive zum Abschied pfeifen.

Vier Stunden bis zum nächsten Zug! Und seine Ankunft in München: drei Uhr nachmittags! In Verzweiflung debattierte Kitty mit dem Stationsvorstand, dessen von "strengen Vorschriften" umpanzertes Herz sich endlich erweichte. Auf einer Draisine ließ er Kitty bis zur Kreuzungsstation der Hauptbahn befördern, damit sie einen Zug erreichen könnte, der kurz vor ein Uhr in München eintreffen musste.

Die Sache glückte. Kitty nahm ein Coupé erster Klasse für sich allein und ließ die Tür versperren. Der Kondukteur machte große Augen, als er in München das Coupé wieder aufschloss und an Stelle des staubgrauen Falters, der zwei Stunden früher hier untergeschlüpft war, ein schneeweißen Schmetterling ausfliegen sah.

Kittys Erscheinung erregte Aufsehen. Im Sturmschritt eilte sie zum Ausgang und rief nach einer Droschke. "Zur Frauenkirche! Schnell!" Sie sprang in den Wagen und fiel erschöpft in die Kissen. "Zwanzig Minuten nach ein Uhr!", jammerte sie und trommelte an das vordere Fenster des Wagens. "Schneller! Schneller!"

Nun kam die letzte Häuserecke, und in der Tiefe einer schmalen, zum Domplatz führenden Gasse tauchten die altersgrauen, gewaltigen Türme der Frauenkirche auf. "Endlich!", stammelte Kitty und nahm für den Kutsche rein Geldstück aus der Börse. Die Ungeduld kam ihr in die Füße, und in dem schaukelnden Wagen von einer Wand an die andere taumelnd, streckte sie bald rechts, bald links das Köpfchen zum Fenster hinaus. Nun lenkte die Droschke auf den Domplatz ein, und kaum hatte Kitty einen Blick nach dem Portal der Kirche geworfen, da erschrak sie, dass ihr das Blut aus den Wangen wich.

Die Trauung musste schon vorüber sein. Eine Reihe von drei Kutschen fuhr in raschem Trab gegen die innere Stadt. Ein letzter Wagen hielt noch vor dem Dom, und neben dem offenen Wagenschlag standen zwei Herrn, die sich mit einem Händedruck voneinander verabschiedeten. Der ältere verschwand um die Ecke der Kirche - Professor Werner. Der jüngere gab dem Kutscher eine Weisung. Da härte er seinen Namen rufen und zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen. "Herr Forbeck!" Als er sich wandte, sah er Kitty aus der Droschke springen. Von den Falten des weißen Kreppkleides umflattert, die weiten Ärmel des duftigen Schwanenpelzes aufgebläht gleich einem schimmernden Flügelpaar, so kam sie auf ihn zugelaufen und streckte die Hände.

Das Wort erstarb ihm, doch seien Augen hingen an ihr, leuchtend, mit trinkendem Blick.

Kitty fand zuerst die Sprache. "Gott sei Dank!" Das klang so freudig, als wäre alle Erregung, Unruh und Erschöpfung von ihr gewichen.

"Kontess Kitty!", stammelte er. "Und allein? Wie kommen Sie nach München?"

"Das können Sie fragen? Und stehen vor mir in Frack und weißer Bind! Glauben Sie denn, ich hätt es über mich gebracht, meinen Tas heut ohne die Schwester zu lassen?"

"Aber die Trauung ist schon vorüber!"

"Das merk ich! Und kränke mich namenlos!" Es zuckte bei dieser Beteuerung um den rosigen Mund, aber der Glanz der Augen harmonierte nicht mit dem klagenden Stoßseufzer. "Wohin sind die anderen Wagen gefahren?"

"Die anderen? Zu Frau Herwegh."

"Kommen Sie! Schnell! Ich fahre mit Ihnen!" Sie eilte auf den geschlossenen Wagen zu, der einsam vor dem Portal der Kirche zurückgeblieben war. Forbeck zögerte, aber Kitty drängte: "Schnell! Nur schnell! Im Wagen zog sie die Falten ihres Kleides an sich und rückte in die Ecke, um Platz für ihn zu machen. Schaukelnd rollte die Kutsche über das Pflaster. "Erzählen Sie! Wie war es in der Kirche?"

"Eine stille, kurze Feier, schön und ergreifend! Wir zehn Menschen, ganz allein in dem gewaltigen, ernsten Bau! Es war wie ein heiliges Geheimnis. Ich hatte ein Gefühl, als sähe ich vor meinen Augen ein Wunder werden."

"Ein Wunder?"

"Gibt es ein Wunder, das schöner wäre, als das Glück zweier Menschen, die von der Natur füreinander geschaffen wurden wie das Licht für den Tag? Sie hätten das sehen müssen: Wie sie die Ringe tauschten und die Hände verschlangen, als wollten sie sich nimmer, nimmer lassen. Zwei Menschen, die eins geworden für das Leben!"

"Wie schön!" Kittys Augen träumten ins Leere, und ein sehnsüchtiges Lächeln spielte um den halbgeöffneten Mund. "Und das hab ich versäumen müssen! Aber nun bin ich da! Wie ich mich freue auf Tas und Anna! Ich will mich satt sehen an ihrem Glück!"

"Sie hoffen Ihren Bruder noch hier zu finden?", stammelte Forbeck erschrocken. "Sie wissen nicht -"

"Was?"

"Das junge Paar ist von der Trauung zur Bahn gefahren."

In Entsetzen schlug Kitty die Hände zusammen.

"Sie reisen an den Rhein und fahren heute bis Stuttgart, mit dem Zug um zwei Uhr zehn." Als Forbeck die ratlose Bestürzung sah, die aus Kittys Augen redete, zerrte er die Uhr hervor. "Es wäre möglich -" Er riss das Fenster auf und schrie: "Zum Bahnhof! Schnell! Nur schnell!"

Während der jähen Schwenkung, die der Wagen machte, jammerte Kitty: "Wir müssen zurechtkommen! Ich kann doch diese Reise nicht gemacht und Papas Unwetter über mich heraufbeschworen haben, ohne Tas und Anna zu sehen!"

"Bitte, Kontess, beruhigen Sie sich!", tröstete Forbeck, mit der Uhr in der Hand. "Wir haben noch zwanzig Minuten Zeit!" Er öffnete die Coupétür; den einen Fuß im Wagen, den anderen auf dem Trittbrett, debattierte er mit dem Kutscher. Ein knallender Peitschenschlag, die Pferde fielen in Galopp.

"Gott sei Dank!", stammelte Kitty. "Und wer hat Tas und Anna zur Bahn begleitet? Willy? Oder sind sie allein gefahren?"

"Allein."

"Und Willy? Wo ist Willy?"

Forbeck verstand die Frage nicht.

"Willy! Mein Bruder Willy! Sie müssen ihn doch heute kennen gelernt haben! Bei der Trauung!"

"Nein Kontess! Ihr Herr Bruder war bei der Trauung nicht zugegen."

Kitty erschrak, dass ihre Wangen sich verfärbten. "Das ist doch ganz unmöglich! Er ist doch eigens hergefahren, damit Tas am heutigen Tag nicht allein wäre!" In jagenden Worten erzählte sie von der Verabredung, die sie mit Willy getroffen hatte, von seinem vermeintlichen Wortbruch, von ihrer Vermutung, dass er in der Nacht gefahren wäre, allein, um ihr den Unwillen des Vaters zu ersparen. "Und nun ist er nicht hier! Und nicht daheim! Wie soll ich denn das begreifen?"

Forbeck suchte sie zu beruhigen; dabei empfand er eine Sorge, die ihm die Worte durcheinander wirrte. Das bemerkte Kitty, und nun begann sie selbst nach einer Möglichkeit zu suchen, die Willys Abwesenheit erklären konnte. Vielleicht hatte er in der Eile einen falschen Zug bestiegen und die Versäumnis nicht wieder einholen können? "Da machen wir uns das Herz schwer," sagte sie, "und mein Bruder Leichtfuß sitzt, der Himmel mag wissen, wo, und ist kreuzfidel! Wenn ich wieder daheim bin, wird sich alles aufklären! Wir beide wollen miteinander noch lachen über die Sorge, die wir uns gemacht haben. Wann kommen Sie wieder nach Hubertus? Ihr Bild dürfen Sie nicht warten lassen. Nun haben Sie meinem Bruder Tas den Freundschaftsdienst geleistet, um den er Sie gebeten hat, und sind Sie wieder Herr Ihrer Zeit. Wann kommen Sie?"

Erschrocken sah Forbeck zu ihr auf. Er schien sprechen zu wollen und brachte keinen Laut heraus. Jedes Wort war auch überflüssig. Die ratlose Pein, die ihm das Herz bedrückte, redete deutlich aus seinen Augen.

Kitty wurde von einem ihr ganzes Wesen verstörenden Schreck befallen. "Herr Forbeck?", stammelte sie. "Warum geben Sie mir keine Antwort? Sie sind doch nur gegangen, weil Tas Sie darum gebeten hat?" Sie wurde heftig. "So sagen Sie doch Ja! Oder ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich denken soll."

Er versuchte zu lächeln, wollte sich zu einer Ausflucht zwingen und konnte nicht lügen. Durch Kittys angstvollen Blick um den letzten Rest seiner Fassung gebracht, schlug er die Hände vor das Gesicht.

Bestürzt, an allen Gliedern zitternd, saß sie in der Ecke des schaukelnden Wagens.

Sie hatte verstanden.

Der Wagen machte eine jähe Kurve und hielt. Lachend öffnete der Kutscher den Schlag: "So bin ich schon lang nimmer gfahren. Drei Schandarm haben mich aufgschrieben!"

Die beiden im Wagen erwachten, als hätte eine derbe Faust sie aufgeschüttelt. Forbeck stammelte: "Noch fünf Minuten. wir müssen den Zug noch im Bahnhof finden!" Er sprang aus dem Wagen und reichte Kitty die Hand. Dankend nickte sie, stieg aus und eitle über die Stufen des Portals hinauf. Als sie die riesige, von Menschen, von Geschrei und rollendem Getös belebte Bahnhalle betrat, blieb sie stehen und sah zu Forbeck auf. Ihre Wangen glühten, doch keine Spur von Verwirrung oder Scheu war an ihr zu bemerken. "Nicht wahr," sagte sie mit strengem Ernst, "zu Tas und Anna kein Wort wegen Willy! Das ist nicht die Stunde, um ihnen Sorge zu machen. Was mich betrifft, da muss ich eben lügen, wenn ich Tas nicht die Freude verderben will. Und Ihnen muss ich Mühe verursachen, Herr Forbeck! Bitte, sehen Sie auf dem Fahrplan nach, welchen Zug ich zur Heimreise benützen könnte? Bitte - genau! Ich bin keine Freundin von Irrtümern."

Ohne seine Antwort abzuwarten, huschte sie davon. Ein Schaffner führte sie zu dem Gleis, auf dem der Kurierzug stand. In einem schon geschlossenen Wagen erster Klasse gewahrte sie den Bruder. "Tas! Lieber Tas!" Sie riss die Coupétür auf und sprang in den Wagen.

Ehe Tassilo ein Wort fand, hing sie schon an seinem Hals, unter Küssen und sprudelnden Glückwünschen. Und sie gab den Bruder nur frei, um diese stürmische Zärtlichkeit bei Anna zu wiederholen.

"Kind! Kind!", stammelte Tassilo. "Was hast Du da für einen Streich gemacht!"

Kitty fuhr sich mit der Hand über die Augen. "Streich? Na also, in Gottesnamen! Aber Du, Anna? Nicht wahr? Du freust Dich mit mir?"

Die junge Frau umschlang das Mädchen. "Im stillen hab ich es gehofft. Nun hast Du es wahr gemacht. Ich danke Dir!"

Tassilo, dem ein froher Strahl aus den Augen glänzte, nahm das Köpfchen der Schwester zwischen die Hände. "Kleiner Spatz, Du bist ein lieber, lieber Kerl! Aber das hättest Du nicht tun sollen! Ich kann mir doch unmöglich denken, dass Papa -"

"Ob er weiß? Natürlich nicht! Sonst säß ich hinter Schloss und Riegel. Aber mach Dir keine Sorge! Mit Papa komm ich schon wieder auf gleich."

"Mit wem bist Du denn gereist? Doch nicht allein?"

"Gott bewahre! Tante Gundi war natürlich einverstanden. Sie hat mir die Beschließerin mitgegeben."

"Wo ist sie?"

Mit gut gespieltem Erstaunen guckte Kitty zur Coupétür hinaus. "Weiß der Himmel, wo sie herumwimmelt! Ich bin natürlich wie ein Windhund voraus gerannt, und die Alte hat langsame Beine." Um über das bedenkliche Thema wegzukommen, warf sie sich wieder an Annas Hals. "Wie schön Du bist! Ich kann mich nicht satt sehen an Dir! Und wie ich mich freue an Eurem Glück! das ist ein Tag für mich -" Wie in seliger Trunkenheit presste sie die Hände auf die Brust. "In mir ist alles aus den Fugen gegangen! Das ist so schön, so groß - es hat nimmer Platz in mir! Ich möchte schreien, grad hinausschreien!" Da fühlte sie die Perlen unter ihren Fingern. "Allmächtiger! Jetzt hätt ich fast vergessen -" Mit zitternden Händen löste sie die Schnur. "Nimm, Anna! Das hab ich Dir mitgebracht. Mein Bestes! Diese Perlen hat meine Mutter getragen. Nimm, Anna! Das gibt Dir meine Mutter. Das wird Dir Glück bringen. Dir und meinem Tas!"

Da wurde die Coupétür zugeschlagen. "Fertig!", rief eine laute Stimme, und ein gellender Pfiff durchschrillte die Halle. Erschrocken öffnete Tassilo die Türe wieder. "Schnell! Nur schnell!" Er sprang auf den Perron, hob die Schwester aus dem Wagen und küsste sie. Zwei Kondukteure kamen gelaufen, Leute drängten sich herbei, Köpfe tauchten aus allen Wagenfenstern. Tassilo hielt mit der Hand die Griffstange des langsam in Gang kommenden Wagens umklammert, mit der anderen hielt er die Schwester fest. "Wo ist Rosa?" Er meinte die Beschließerin. "Wo ist Rosa? Ich lasse Dich nicht allein."

"Aber Tas! Um Gottes willen!", stotterte Kitty. "Dort ist sie ja!"

"Wo?"

"Dort! Dort!" Sie deutete nach irgendeiner Richtung.

Die Kondukteure schimpften. Der eine wollte die Wagentüre schließen, der andere Tassilos Hand von der Stange lösen. Hinter den Leuten tauchte die rote Mütze eines Bahnbeamten auf, während Forbeck mit stoßenden Ellbogen die dichte Menschengruppe zu durchbrechen suchte.

"Aber Tas! Tas!", jammerte Kitty. "Steige doch ein! Deine Frau im Wagen -"

Anna war in der Tür erschienen und griff mit beiden Händen nach Tassilos Arm.

"Zurück, Anna! Du fällst!", stammelte Tassilo, und um die junge Frau vor dem drohenden Sturz zu bewahren, gab er die Hand der Schwester frei und schwang sich auf das Trittbrett. Die Kondukteure drängten ihn in das Coupé, der eine schlug, am rollenden Wagen hängend, die Türe zu, und der andere schloss die Messingklappe.

Kitty sah dem rascher und rascher gleitenden Zug nach. "Da reisen sie jetzt! Mit ihnen das Glück. Weil sie den Mut hatten, ihr Glück zu erkämpfen."

"Mut?", sagte Forbeck mit bebender Stimme. "Wenn das Herz nach Glück verlangt, ist der Mut eine billige Sache. Wer Mut zeigen und ein Glück erkämpfen will, braucht noch ein besseres Recht als nur das Recht seiner Sehnsucht. Ihr Bruder hatte dieses Recht. Er nahm, indem er gab, und opferte, um zu gewinnen."

In Erregung schüttelte sie das Köpfchen: "Das ist mir zu hoch, das versteh ich nicht." Sie sah die brennende Röte, die ihm über Stirn und Wangen schlug, und wurde verlegen. "Ich habe Sie doch nicht verletzt? Was ich sagte, war kein Vorwurf für Sie - eher für mich!" Die Augen senkend, zog sie den Schwanenpelz enger um die Schultern und begann am Gleis entlang zu gehen. Wortlos ging Forbeck neben ihr her. Da sagte sie leise: "Bitte! Erklären Sie mir, was Sie gemeint haben?"

"Denken Sie: Ihr Bruder wäre nicht gewesen, was er ist, der Träger eines adligen Namens, reich, unabhängig, ein Mann, der seine Zukunft in festen Händen hält - sondern ein junger Mensch ohne Namen, ohne Vermögen, ohne Familie, mit der Heimat auf der Straße. Und denken Sie: Eine grausame Laune des Schicksals hätte es gewollt, dass er sein herz an ein Mädchen verlor, von dem alles ihn schied, was in der Meinung der Welt als Schranke gilt. Glauben Sie, Ihr Bruder hätte auch dann den Mut gehabt, sein Glück zu erzwingen?"

"Gewiss! Dann erst recht!"

"Nein, Kontess! Und sicher nicht, wenn seine Neigung von jener Art gewesen wäre, die jede Lebensfaser bewegt wie eine rein klingende Saite und den ganzen Menschen erhebt, auch wenn sie jede Hoffnung in ihm zerdrückt, Wie hätte er das lachende Spiel missbrauchen dürfen, mit dem sich Jugend zu Jugend findet? Und wenn ein Schimmer von Neigung im Herzen jenes Mädchens für ihn erwachte? Hätte er diesen Funken mit einem Sturmhauch der Leidenschaft zum Feuer anfachen sollen, das auflodert, um wieder zu erlöschen, wenn die Ernüchterung kommt? Hätte er versuchen sollen, im ersten Rausch die Geleibte an sich zu reißen? Hätte er sie bereden sollen, ihm Namen und Rang zu opfern, die sorglose Behaglichkeit im Elternhaus und die Liebe des Vaters, der einer solchen Verbindung seine Zusage nie erteilt hätte? Und was hätte er zum Tausch für dieses Opfer bieten können? Den seligen Taumel einer kurzen Zeit. Und hinter den rosigen Wochen eine Reihe von Jahren, voll von jenem bitteren Kampf, der die beginnende Laufbahn jedes ernsthaft strebenden Künstlers erfüllt! Es führt nicht jeder Kampf zum Sieg. Wenn ihm vor der Zeit die Kraft versagte? Wenn in diesem aufreibenden Kampf sein Talent in Stücke fiele? Wenn das einzige unterginge, was er der Geleibten als Dank für alle Opfer gerne geboten hätte: Den Stolz auf das Können ihres Mannes, den Glauben an ihn, die Hoffnung auf eine Zukunft in Ruhm und Ehre? Was dann? Über die Geliebte die Möglichkeit eines solchen Glückes heraufzubeschwören - nein, Kontess, das ist nicht 'Mut der Liebe', das wäre der Mut eines Diebes!"

Die Wangen in heißer Glut, jeden Zug gespannt in lauschender Erregung, war Kitty neben Forbeck hergegangen. Nun hob sie den Blick. "Ja, Herr Forbeck! Jetzt versteh ich! Alles!" Ihre Stimme schwankte. "Aber dann? Das ist doch kein Ende? Ich will wissen, was mit ihm geschieht?"

"Sein Leben wird hart sein, nicht hässlich." Er vermied ihre Augen. "Liebe ist ein Glück, auch wenn sie einsam bleibt. Er hat den Trost seiner Arbeit, seiner Kunst. Vielleicht erfüllt sie ihm doch eine Hoffnung seines Lebens und trägt ihn auf stolze Höhe, so dass er nach Jahren von sich sagen kann: Ich habe den Kampf nicht gescheut, in dem nur ich allein verlieren konnte, ich hatte den Mut auch für den steilsten Weg, und in diesen Jahren der Wandlung ist in mir nur eines sich gleich geblieben."

Kitty nickte. "So wird es kommen. Mit ihm! Das weiß ich. Aber was soll mit ihr geschehen? Das ist doch verzeihliche Neugier? Nicht? Also! Sie haben doch selbst den Fall gesetzt, dass sie ihm gut war - wenn Sie auch vermuten, dass es nur so ein kleines, winziges Feuerchen wäre?"

"Die Zeit wird es löschen. Sie wird vergessen."

"Vergessen? So? Das wäre allerdings bequem. Da hätte sie Geschichte freilich ein Ende."

Die Bahnuhr schlug die halbe Stunde, und tönend schwammen die beiden Klänge durch die weite Halle.

Erschrocken sah Forbeck auf. "Verzeihen Sie, Kontess, ich habe vergessen - Sie schickten mich doch, um nach dem Fahrplan zu sehen. Wir müssen eilen, wenn Sie noch zurecht kommen wollen. Da drüben, ganz am Ende der Halle, steht Ihr Zug, er geht in wenigen Minuten."

"Ich weiß. Zwei Uhr achtunddreißig!", sagte Kitty und beschleunigte ihren Gang.

"Sie wissen?"

"Natürlich! Es war doch ein Vorwand, als ich Sie wegschickte. Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel. Aber Tas, und wir beide zusammen, das hätte doch Veranlassung gegeben zu allerlei unbequemen Fragen. Und da wäre doch jetzt nicht die Zeit gewesen, um das aufzuklären. Nicht wahr?" Sie blieb stehen und bot ihm die Hand. "So! Jetzt ist alles klar zwischen uns. Jetzt flink, oder ich versäume den Zug!"

Rasch durcheilten sie die Breite der Halle. Das zweite Zeichen war schon gegeben, als sie den Zug erreichten. Der Schaffner, mit welchem Kitty vor einer Stunde in München angekommen war, begleitete auch den Zug, mit dem sie die Rückreise antrat. Er erkannte sie und lief, um einen Wagen erster Klasse zu öffnen.

Forbeck war in nervöser Erregung. "Es wird Nacht, bis Sie in Hubertus ankommen, und es macht mir Sorge, dass Sie allein reisen."

Sie lächelte halb erfreut, halb verlegen. "Ich muss allein reisen, gerade jetzt. Und was sollte mir zustoßen? Fünf Stunden sitz ich ruhig im Coupé, dann nehm ich mir einen Einspänner und kutschiere gemütlich nach Hause."

Forbeck schien nicht beruhigt. "Wenn Sie gestatten wollten, dass ich in einem anderen Coupé -"

"Ach, Unsinn! Das am allerwenigsten! Das wäre noch unbehaglicher. Aber ich danke Ihnen!" Sie wollte ihm die Hand reichen.

Der Schaffner mahnte: "Höchste Zeit, gnädiges Fräulein!"

Kitty sprang so flink in den Wagen, dass die jähe Trennung fast den Anschein einer Flucht gewann. Forbeck benützte diesen Moment, um dem Kondukteur ein Goldstück in die Hand zu drücken: "Bitte, nehmen Sie sich der jungen Dame an und sorgen Sie dafür, dass niemand sie stört!"

Der Schaffner machte eine tiefe Reverenz und schloss mit auserlesener Vorsicht die Wagentür.

In der einen Hand den Hut, mit der anderen an der Uhrkette nestelnd, sagte Forbeck tonlos: "Darf ich bitten, Fräulein von Kleesberg zu grüßen und ihr zu sagen, dass ich die viele Freundlichkeit, die sie mir erwiesen, nie vergessen werde!"

"Ja, Herr Forbeck, das sag ich ihr! Und das wird ihr Freude machen. Tante Gundi hat Sie sehr lieb gewonnen, sehr! Für Ihren Gruß wird sie sich persönlich bei Ihnen bedanken, sobald wir nach München kommen, in drei bis vier Wochen." Kitty verschwand, erschien aber gleich wieder am Fenster, mit dem Jammerschrei: "Um Gotteswillen! Wo ist denn mein Koffer?" als sie das fassungslose Entsetzen gewahrte, von welchem Forbeck befallen wurde, fing sie herzlich zu lachen an: "Na also, da haben Sie jetzt ein bisschen Arbeit! Das wird Sie wohltuend zerstreuen!"

Der Pfiff der Lokomotive und ein rasselnd durch die Wagenreihe zuckender Stoß unterbrachen ihre Worte. In jäher Bestürzung streckte sie die Hand aus dem Fenster. "Herr Forbeck!" Das klang wie verzehrende Angst. "Auf Wiedersehen!"

Er brachte kein Wort heraus, als er hastig ihre Hand erfasste. Kittys Finger klammerten sich um die seinen, und während er neben dem rollenden Wagen herlief, hing sein dürstender Blick an ihrem verstörten Gesicht.

Der Wagen bekam es eilig, die beiden Hände mussten sich lassen.

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