Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Schloss Hubertus

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      Ludwig Ganghofer
         Schloss Hubertus
            Buch 1
               Titel
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
               Kapitel 13
               Kapitel 14
               Kapitel 15
               Kapitel 16
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               Kapitel 18

            Buch 2
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               Kapitel 19
               Kapitel 20

Kapitel 6

Graf Egges Lieblingshütte zeichnete sich, von ihrer günstigen Lage abgesehen, nicht durch besondere Eigenschaften aus, am allerwenigsten durch Bequemlichkeit: Ein kleines, roh gezimmertes Blockhaus mit winzigen Fenstern und so niederer Tür, dass Graf Egge, wenn er rasch aus der Hütte laufen und nach Gemswild ausspähen wollte, häufig mit dem Querbalken in unangenehme Berührung geriet. Die Folge war eine Beule auf der Stirn - oder wie die Leute in den Bergen sagen: Ein "Dippel". Statt den Zimmermann zu rufen und das Übel an der Türe bessern zu lassen, begnügte sich Graf Egge damit, der Hütte den Ehrentitel "Palais Dippel" zu verleihen.

Die Tür führte in die kleine Jägerstube, die zugleich als Küche diente, und aus der eine steile Leiter den Aufstieg zum Heuboden, zum Schlafraum der Jäger ermöglichte. Neben der Küchenstube lag das "Grafenzimmer", ein bescheidener Raum, dessen Decke und Balkenmauern mit Brettern verschalt waren; um die Ecke zwischen den zwei kleinen Fensterchen zog sich eine Holzbank, davor ein Tisch mit zwei dreibeinigen Sesseln, und in der Ecke ein Kruzifix mit verblühten Almrosen. In der gegenüberliegenden Ecke stand der eiserne Ofen und daneben das Bett mit grauer Lodendecke und zerlegener Matratze, unter der die Heufäden hervor hingen; an der Wand ein plumper Schrank, ein Jagdkalender und ein Rechen mit Gewehren, mit Feldstecher, Fernrohr, Wettermantel und allerlei Riemenzeug. Der einzige Überfluss, der sich in diesem Raum gewahren ließ, bestand in einem Dutzend Paar Bergschuhe der verschiedensten Art, die frisch gefettet rings um den eisernen Ofen standen. Ein braun und schwarz getigerter Schweißhund lag auf dem Bett und ließ sich in seiner Nachmittagsruhe nicht stören, obwohl die zornige Stimme seines Herrn die kleinen Fensterscheiben des Stübchens zittern machte.

Noch ehe Franzl zu dem die Hütte umschließenden Stangenzaun gekommen war, hatte er diese scheltende Stimme schon vernommen. Neben der Tür sah er eine Büchse und einen Bergstock an die Balkenmauer gelehnt. Da war wohl ein Jäger aus einem anderen Jagdbezirk mit einem Anliegen zu seinem Herrn gekommen und hatte ihn zu übler Stunde getroffen. Franzl konnte die Worte verstehen, die in der Stube hallten. Er zog die Brauen auf und kraute sich hinter dem Ohr: "Sakra! Heut raucht er kein' guten, weil er stadtisch redt!" Franzl wusste aus Erfahrung: Wenn Graf Egge in der Jagdhütte hochdeutsch redete, stand der Barometer seiner Laune auf Sturm. Franzl zögerte. Sollte er eintreten oder das Ende des Gewitters abwarten, das sich in der Stube entlud? Er entschloss sich für das letztere und setze sich auf die neben der Tür angebrachte Holzbank.

In der Stube klang die wuchtige Stimme des Grafen: "Das muss ein Ende nehmen. Oder ich verliere die Geduld. Dein Bezirk hat eine Lage, wie man sie schöner im ganzen Gebirg nicht findet. Da sollten die Rudel nur so umeinander stehen. Und wie sieht es in Wirklichkeit aus? Dass einem grausen könnte! Mir scheint, Du hast die Schussliste vom letzten Jahr schon völlig vergessen? Armselige drei Hirsche und sieben Gamsböcke, einer schlechter wie der andere! Glaubst denn Du, das ist mir die sieben Zentner Salz und das ganze Winterfutter wert? Von Deinem Gehalt schon gar nicht zu reden! Das ist ohnehin zum Fenster hinausgeworfen!"

"Aber ich bitt, Herr Graf," stammelte eine scheue Stimme, "ich lauf mir bei Tag und Nacht schier d' Füß ab! Mein Bezirk liegt halt an der Grenz. Und drüben die Bauernjagd! Die Gams und 's Wildbret kann ich net anbinden, und was halt 'nüber wechselt, wird drüben nieder gschossen. Wie soll ich denn da an Wildstand in d' Höh bringen? Da weiß ich mir wahrhaftig kein' Rat nimmer."

"Natürlich! Du hast eben andere Dinge im Kopf. Dein Bezirk wird schlechter von Jahr zu Jahr, und dafür soll ich Dir noch das Gehalt aufbessern? Erlaub mir, Patscheider, das ist eine starke Zumutung!"

"Ich schau mich halt mit meine sechshundert Markln nimmer naus, Herr Graf! Sieben Kinder daheim -"

"Was geht denn das mich an! Muss denn der Mensch sieben Kinder haben? Wärst du bei Nachtzeit fleißiger im Dienst gewesen, so hättest Du mehr Gamsböcke in Deinem Revier und daheim weniger Kinder."

"Aber Herr Graf?"

Ein Faustschlag dröhnte auf der Tischplatte. "Fertig! Wir haben ausgeredet. Bring Deinen Bezirk so weit, dass ich im Jahr sechs gute Hirsche und ein Dutzend Gamsböcke schieße, und ich bessere Dein Gehalt nicht nur um die fünfzig Mark auf, die Du haben willst, sondern um volle zweihundert. Und jetzt kein Wort mehr. Nimm Dich zusammen, Patscheider, ich sag es Dir heut noch im Guten. Oder es sitzt übers Jahr ein anderer in Deiner Hütte."

Schweigen folgte diesen Worten; dann wurde die Stubentür geöffnet, schwere Tritte ließen sich hören, und im Eingang der Hütte erschien ein schwarzbärtiger Jäger mit bleichem Gesicht und verstörten Augen. Als er den Hornegger Franzl gewahrte, nickte er einen stummen Gruß.

In der Stube begannen die Saiten einer Zither zu klingen. Graf Egge liebte die Zither und spielte sie meisterhaft; sie war in den Mußestunden der Jagdhütte sein einziger Zeitvertreib und sein Heilmittel wider jeden Ärger.

Franzl legte die Hand auf Patscheiders Arm und fragte flüsternd: "Michel? Brauchst Du was für daheim?"

"Vergelts Gott, Franzl, hast ja selber net viel übrig!" Patscheider atmete schwer und deutete über die Schuler. "Hast es ghört, was er verlangt? Sechs Hirsch und a Dutzend Gamsböck! Bei mir! Dös möcht unser Herrgott selber net zwegen bringen. Und der Graf versteht doch so viel von der Jagd, dass er's wissen müsst! Aber der Schipper hetzt halt! Der Herr Schipper!" Er griff nach seiner Büchse. "'s gscheideste wär, man springt amal wo nunter über d' Wänd, nacher hätt man sei' Ruh für ewige Zeiten!"

"Aber Michel! Denk doch an Deine lieben Leut daheim!"

Patscheiders Augen wurden feucht. "Ich sag Dir's, Franzl, es wird mir hart! Ich renn mir d' Seel aus'm Leib. Aber von der Grenz müssen mich ja d' Lupen überall sehen." Er spähte nach dem Fenster und dämpfte die flüsternde Stimme noch mehr. "In vier Wochen haben s' mir drei Gams davon! Wann ich's dem Grafen sag, der jagt mich zum Teufel. Jetzt muss ich schon lügen, wann ich für meine Kinder dös bissl Brot erhalten will!" Er hob die Faust. "Aber soll's unser Herrgott geben, dass mir einer übern Weg lauft! Da gibt's an Unglück, Franzl!" Mit eisernem Griff umklammerte er den Lauf der Büchse und schritt ohne Gruß davon.

In der Stube sangen die Saiten der Zither einen heiteren Ländler, während Franzl bekümmert dem Jäger nachsah, blies er die Backen auf, als könnte er sich den schwülen Druck, der auf ihm lag, von der Seele blasen wie einen Mund voll Pfeifenrauch. Dann knöpfte er die Joppe zu und trat in die Hütte. Langsam öffnete er die Stubentür und zog den Hut. "Grüß Gott, Herr Graf!" Der Hund auf dem Bett hob den Kopf und vergrub, als er den Jäger erkannte, die Schnauze wieder zwischen den Beinen.

Graf Egge saß hinter dem Tisch, hemdärmelig, in abgewetzter Lederhose und mit schief getretenen Filzpantoffeln. Ohne das Spiel zu unterbrechen, blickte er auf.

"Aaaah! Der Herr Hornegger! Schau nur, schau! Dös is ja wie der Wind gangen? Also, der Herr Hornegger is auch schon da!"

Dem Jäger schlug bei diesem Empfang das Blut ins Gesicht, und doch atmete er erleichtert auf, als er den breiten Dialekt hörte, der auf mildere Stimmung zu deuten schien. Er begann sich damit zu entschuldigen, dass ihn bereits beim Niederstieg ins Dorf die Begegnung mit der "gnädigen Kontess und dem alten Fräuln" aufgehalten hätte.

Ein Schatten des Unbehangens glitt über das Gesicht des Grafen. Er schob die Zither fort und erhob sich. "Bist du der Kammerdiener meiner Tochter, oder bist Du mein Jäger?"

Franzl schwieg, denn er kannte die Wirkung, die jeder Widerspruch auf den Grafen zu üben pflegte.

"Aber natürlich, das ganze Jahr füttert man seine Leute, und wenn man sie braucht, sitzen sie weiß der Teufel wo! Wenn ich den Bock nicht bekomme, bist Du schuld! Seit acht Tagen sitz ich und warte mir die Seel heraus. Richtig, heute Mittag steht der Bock, wo ich ihn brauche. Aber wo ist der Herr Hornegger? Ja, der Herr Hornegger! Der schlaft sich schön aus. Der lasst sich gemütlich Zeit, damit er keinen Schuhnagel verliert. Und der Graf kann warten. Der kann sich den Bock in der Wand drin anschauen und kann sich die Gelbsucht an den Hals ärgern." Graf Egge trat dicht vor den Jäger hin. "Hornegger!" Er betonte jede Silbe: "Wenn ich den Bock nicht bekomm, dann spukt's in der Fechtschul. Dann waren wir die längste Zeit gut Freund mit einander, und ich könnte sogar vergessen, dass der beste Jäger, den ich je gehabt habe, Dein Vater war."

Nun konnte Franzl nicht länger schweigen. Seine Gestalt reckte sich. "Herr Graf! Ich hab den einzigen Ehrgeiz, dass ich dem Vater nach schlag. Und ich glaub, ich hab dazu noch allweil den richtigen Willen mitbracht. Wann ich heut was versäumt hab, bitt ich um Entschuldigung. Ich gsteh's ein, ich hätt flinker wieder heroben sein können. Aber so harte Wort hab ich deswegen net verdient."

Das freimütige Bekenntnis schien den Unmut des Grafen schon zu beschwichtigen; aber die letzte Wendung versalzte die Suppe wieder. "Das ist doch eine unerhörte Keckheit! Soll ich mir vorschreiben lassen, wie ich mit meinen Leuten reden muss? Und was hast Du nicht verdient! Du bist noch lang nicht Jäger genug, um zu begreifen, was Du mir angetan hast." Die Wände hallten vom Zorn dieser Stimme. "Neunhundertvierzehn Gamsböck hab ich in meinem Revier geschossen. Aber kein einziger ist drunter, wie der in der Wand da droben! Der Bock ist mir ein Vermögen wert. Sechs Jahr lang kenn ich ihn schon und wart auf ihn. Heut hätt ich ihn haben können. Aber der Herr Hornegger -"

Da wurde die Tür aufgerissen, und Schipper stürzte in die Stube. "Herr Graf! Der Bock steht am richtigen Fleck! Wann der Franzl sei' Sach jetzt in der Ordnung macht, muss der Bock am Wechsel her springen auf den schönsten Schuss!"

Bei Graf Egge war plötzlich aller Zorn verraucht. Fiebernde Aufregung befiel ihr, wie einen jungen, grünen Jäger, in dem noch das leidenschaftliche Feuer brennt. Im Nu hatte er die Bergschuhe an den Füßen, und während ihm Schipper die Riemen band, wusste er vor Erregung an der abgeschabten und geflickten Joppe, die ihm Franzl reichte, kaum die Löcher für die Arme zu finden. Mit zitternden Händen stülpte er das verwitterte Hütl über die weißen Haare, packte die Büchse und den Feldstecher und eilte zur Stube hinaus.

"Die Tür, Herr Graf!", wollte Franzl noch warnen. Aber man hörte schon den dumpfen Schlag. Das "Palais Dippel" hatte seinem Namen wieder einmal Ehre gemacht. Graf Egge vergaß in seiner Hast den üblichen Fluch und drückte nur die Hand an die Stirn, während er rasch das Latschendickicht zu gewinnen suchte. Franzl und Schipper folgten.

Als sie die Blöße erreichten, wo der Tubus stand, warf Schipper einen Blick nach der bereits im Schatten der Nachmittagssonne liegenden Felswand und sagte flüsternd: "Er steht noch am gleichen Flech, Schauen S' ihn an, Herr Graf!"

Graf Egge legte die Büchse ab und spähte durch den Tubus. Es stieg ihm heiß ins Gesicht, und er schob den Hut zurück. "Herrgott! Herrgott! Is das ein Bock! Hundertmal hab ich ihn schon angschaut, und allweil reißt's mich wieder." Er atmete tief. "Kinder! Wenn das jetzt gut ausfallt -" Er nahm sich nicht die Zeit, das Versprechen, das er geben wollte, in Worte zu fassen. Vor allem schob er die Patronen in seine Doppelbüchse. Dann wurde mit leisen Stimmen Rat gehalten.

Inmitten der hohen lang gestreckten Felswand stand der Gemsbock, dem freien Auge nur wie ein winziges Figürchen erscheinend; kaum merklich bewegte er sich äsend auf einer vorspringenden Kuppe hin und her; manchmal hob er den Kopf, um auszuspähen über das Latschental. Vielleicht hatte er auch die Jäger schon gewahrt? Aber er war es gewöhnt, tief unter ihm in den Tälern diese kleinen lebendigen Pünktlein schleichen zu sehen, die sich Menschen nennen; vielleicht wusste er aus Erfahrung, dass sie seine Feinde waren; doch er schien sich in seiner schwindelnden Höhe sicher zu fühlen: Von den tiefer liegenden Almen herauf klang der Jodelruf einer Sennerin - lange stand der Gemsbock unbeweglich und äugte in die Ferne; dann begann er wieder sorglos zu äsen, während ihm zu Füßen im Versteck der Latschenbüsche um sein Leben gerechnet wurde.

Unter dem südlichen Abfall der Wand sollte Graf Egge seinen Stand nehmen. Franzl von der nördlichen Seite her in die Felsen steigen, um den Gemsbock gegen den Stand zu treiben. Wohl führten von der Stelle, wo der Bock sich aufhielt, zwei Wechsel aus der Felswand, der eine niederwärts gegen den Wald, der andere gegen den Grat empor.

"Aber es kann net fehlen!", meinte Schipper. "Wann der Franzl sei' Schuldigkeit tut, muss der Bock auf'm unteren Wechsel kommen!"

"Also, Franzl, was meinst Du?", fragte der Graf Egge und hing gespannt auf dem Gesicht des Jägers.

Franzl schwieg eine Weile und spähte zu den Felsen hinauf, dann schüttelte er den Kopf. "Herr Graf! Herr Graf! Es kann gut gehen, aber es muss net. Ich kenn den Bock, ich weiß, wie er is, und ich fürcht schier, eh ich den Bock ins Treiben bring, machen ihn die andern Gams lebendig, und da nimmt er den oberen Wechsel an."

"Die andern Gams?", fragte Graf Egge erschrocken. "Wo?"

"Da droben stehen s', drei Stück beieinander!"

Franzl deutete mit dem Bergstock nach den Gämsen, die sein scharfes Auge entdeckt hatte. Schipper schoss einen wütenden Blick auf ihn und nagte an der Lippe.

Langsam wandte sich Graf Egge nach ihm um. "Aber Schipper!" Die beiden Worte klangen nicht freundlich.

Der Jäger lächelte. "Ja glauben S' denn, Herr Graf, ich hab die Gams net gsehen? Dö machen uns nix. Im Gegenteil. Dö springen gegen d' Latschen abi, und der Bock muss nach - dös heißt, wann der Franzl in der richtigen Höh einsteigt."

Graf Egge fuhr mit beiden Händen in den Bart und zerrte. Die gute Laune war ihm vergangen. "Am liebsten ging ich gleich wieder heim in d' Hütten. Denn eh ich den Bock net sicher hab, fang ich nix an mit ihm. Sonst is er beim Teufel für den ganzen Sommer!"

Schipper wurde Feuer und Flamme. "Aber Herr Graf! Jetzt haben S' den Bock im Sack und wollen ihn wieder auslassen.

Wieder begann die flüsternde Debatte, und Graf Egge führte sie mit einem Ernst, wie ein Feldherr den Kriegsrat am Abend vor der Entscheidungsschlacht. Nach langem Schwanken und Zögern entschied er sich, die Jagd zu wagen. Seine Bedenken waren nicht völlig beschwichtigt, aber die Leidenschaft brannte in ihm. "Also, Franzl, weiter!"

Der Jäger zögerte, sein Gesicht war bleich. Er wusste, dass es böse Stunden setzen würde, wenn die Sache misslang. Obwohl er nicht misstrauisch war, regte sich doch in ihm ein Instinkt der Vorsicht. "Ich bitt, Herr Graf, ich möcht bei dem Bock nix verfehlen. Sagen S' mir gnau den Weg, den ich machen muss."

"Aber Franzl!", fiel Schipper ein. "Halt den Herrn Grafen doch nimmer auf! Dös liegt auf der Hand, wie man da steigen muss."

Graf Egge lächelte; die Vorsicht des Jägers gefiel ihm. "Recht hat er! Er will sich für alle Fäll den Buckel sauber halten. Also pass auf!" Mit umständlicher Genauigkeit beschrieb er den Weg, auf welchem Franzl in die Felswand steigen und dem Gemsbock die Höhe abgewinnen sollte. "Hast du verstanden?"

"Ja, und ich mach kein' andern Schritt." Franzl zog den Hut. "Weidmanns Heil, Herr Graf!"

Sie trennten sich; noch einmal blieb Franzl stehen. "Ich bitt, Herr Graf, verlieren S' die Geduld net! Ich hoff, dass ich den Bock herbring, aber lang wird's dauern. Mein Weg hat schlechte Plätz, und ich darf beim Steigen kein' Laut net hören lassen, wann ich die andern Gams bis zur richtigen Zeit halten will."

Sein Herr nickte ihm freundlich zu. "Das Sitzen verdrießt mich net. Wenn er nur kommt!"

Nach verschiedenen Seiten schlichen sie durch die Büsche davon. Graf Egge und Schipper hatten einen halbstündigen Weg, bis sie den Stand erreichten. Im Schutz eines Latschenbusches nahm der Graf seinen Platz auf einem Stein; Schipper drückte sich hinter seinen Herrn, zog das Fernrohr auf, legte das Ledertäschchen mit den Patronen auf seinen Schoß und lud die Reservebüchse. Auf hundert Schritt vor ihnen stieg die Felswand auf, aus der ein Gemswechsel über Klippen und Grasbänder gegen die Latschen herunterführte. Jener Teil der Wand, in dem der Bock und die anderen Gämsen standen, war durch eine vorspringende Steinrippe verdeckt, doch sah man in der Ferne die steilen Kuppen, über welche Franzl seinen Weg zu nehmen hatte.

Kühler Schatten und tiefes Schweigen rings umher, nur zuweilen schwamm durch die stillen Lüfte der verlorene Klang einer Almglocke aus dem sonnigen Tal herauf.

Eine Stunde verrann. Graf Egge rührte sich nicht. Nur manchmal fühlte er mit dem Daumen, ob die Hähne der auf seinem Schoß ruhenden Büchse auch wirklich gespannt wären. Schipper spähte nach den fernen Kuppen der Felswand. "Jetzt steigt er ein!", flüsterte er. Wie ein kleiner dunkler Strich, der sich langsam bewegte, war Franzls Gestalt im grauen Gstein zu erkennen. "Aber ich weiß net, er steigt mir a bissl z'langsam."

"Ganz richtig steigt er!", zischelte der Graf. "Er mag außer Dienst ein junger Schüppel sein, aber wenn's ernst wird, ist Verlass auf ihn. Da ist er sein ganzer Vater." Keine Antwort kam; doch Graf Egge hörte, wie Schipper hinter ihm den schweren Atem durch die Nase blies. "Schnauf net so laut!" Nun war Stille.

Franzls Gestalt verschwand in den Schluchten der Felswand, und wieder verrann eine halbe Stunde. Dann tönte, noch weit entfernt, das dumpfe Gepolter fallender Steine.

"Die anderen Gams!", flüsterte Graf Egge. Fester spannten sich seine Hände um die Büchse, und brennend hingen seine Augen an dem Felszacken, auf dem der Bock erscheinen musste. Von Minute zu Minute verschärfte sich die Spannung seiner Züge, aus dem erstarrten Gesicht wich der letzte Tropfen Blut, die herb geschlossenen Lippen färbten sich bläulich, und immer heißer flackerte das Feuer seiner Augen. Was aus diesem Gesicht herausfunkelte, war nicht die helle, frohe Lust am Jagen, nicht die stolze Männerfreude, die das edle Weidwerk bietet. Es war eine wilde, verzehrende Leidenschaft, die im Verlangen und Genießen weder Maß noch Schranke kennt, den ganzen Menschen an Leib und Seele erfasst wie die Flamme das dürre Holz, in ihm das Gefühl für jeden anderen Wert des Lebens erstickt, ihn immer nur das eine sehen und begehren lässt, das ihn berauscht und niemals sättigt, das ihn selbst zerstört und andere mit ihm! Und wie das Mal eines Gezeichneten brannte auf Graf Egges Stirn die rote Beule, die ihm der Balken der Hüttentür geschlagen.

"Herr Graf, da kommt er!", lispelte Schipper.

Die Gestalt des Wildes tauchte aus dem Gestein. Graf Egge hob die Büchse nicht. "Das ist ein anderer. Ich will den meinigen." So leis diese Worte gesprochen waren, das Tier hatte sie vernommen. Mit gestrecktem Hals stand es und äugte auf die beiden Jäger nieder; sie saßen regungslos, und die Gämse erkannte in den zwei grauen Klumpen die Menschen nicht. Langsam begann sie über den Wechsel herabzuziehen. Da krachte fern in der Felswand ein Schuss, das prasselnde Gepolter fallender Steine ließ sich hören, und rings über alle Wände rollte das Echo. Die erschreckte Gämse machte ein paar ziellose Sprünge im Gestein, und Graf Egge verlor seine Ruhe; ein zittern befiel seine Hände, und in bebendem Zorn raunte er durch die Zähne: "Schlecht geht's! Das war ein Schreckschuss, der Bock nimmt den oberen Wechsel an. Hol Dich der Teufel, Schipper! Ich hätt dem Franzl folgen sollen. Jetzt komm ich um meinen Bock. Die anderen Gams haben alles verdorben."

Die Worte waren laut geworden, und nun erkannte die Gämse ihren Feind. Mit wilden Sprüngen suchte sie einen Weg in das höhere Gestein; sie fand kahle Felsen, musste sich wenden und kam in sausender Flucht über den Wechsel heruntergestürmt.

"Wart, Bestie, du sollst mir büßen!", zischte es von Graf Egges Lippen. Er hob die Büchse - nicht, um als Jäger das Wild zu erbeuten, sondern um seinen Zorn an dem Tier zu kühlen, das ihm die ersehnte Freude verdorben und durch seine vorzeitige Flucht vor dem treibenden Jäger den erwarteten Bock gewarnt hatte.

Der Schuss krachte, und im Feuer stürzte die Gämse. Während sie verendend noch mit den Läufen schlug, kamen zwei andere Gämsen in voller Flucht über den Wechsel herunter, eine Geiß mit ihrem Kitz.

Graf Egge Streckte die Hand nach rückwärts. "Gib her!"

"Aber Herr Graf? A Kitz!", stotterte Schipper.

Sein Herr stampfte mit dem Fuß. "Gib her, sag ich!" Mit zornigem Ruck fasste er die Reservebüchse - zwei Schüsse - und die Geiß lag verendet am Boden, während das klagende Kitz mit zerschmettertem Rückrat in die Latschenbüsche kroch und auf dem Geröll eine rote Bahn zurückließ. Noch war das Echo der beiden Schüsse nicht verhallt, da tönte von der Höhe der Felswand ein klingender Jauchzer.

"Herr Graf, der Bock muss kommen!", stammelte Schipper, der die Bedeutung dieses Rufes erkannte. Er griff nach der abgeschossenen Büchse und reichte seinem Herrn das frisch geladene Gewehr. Ein Zittern befiel den Grafen, sein Atem ging schwer, und in kalkiger Blässe erstarrte sein Gesicht, während sein Blick empor flog über den Wechsel. Da fühlte er ein Zupfen an seiner Joppe und hörte die wispernde Stimme des Jägers. "Da droben steht er! Grad über Ihnen! Schießen S'! Schießen S'!"

Hinter dem Felsgezack musste der Bock den gewohnten Wechsel verlassen haben und stand, hoch über den beiden Jägern, in einer breiten Steinrinne, eine stolze, kraftstrotzende Tiergestalt, deren selten schöner Hauptschmuck sich mit zwei schwarzen, scharf gekrümmten Linien von dem grauen Felsen abhob.

Graf Egge saß wie versteinert.

"Herr Graf, so schießen S' doch!", zischelte Schipper. "Der Schuss is verteufelt weit, gute zweihundert Gäng. Aber wann S' net schießen, is der Bock dahin für den ganzen Sommer!"

Graf Egge konnte die Waffe nicht heben, das Fieber begann ihn zu schütteln.

"Aber Herr Graf! Herr Graf!"

Der Gemsbock pfiff und setzte mit hoher Flucht über die Wasserrinne. Ein paar Sprünge noch, und er musste verschwinden. Da ging ein Ruck durch die Gestalt des Grafen, und die Büchse flog an seine Wange. Schipper hob das Fernrohr, um die Wirkung des Schusses zu beobachten, und kaum hatte er das Wild im Glas, da krachte der Schuss. Der Gemsbock wankte, doch nur einen Augenblick, dann verschwand er hinter zerklüftetem Gestein.

"Hat ihn schon!", lachte Schipper. Er warf das Fernrohr zu Boden, fasste den Bergstock und sprang durch die Büsche davon, um hinter der Biegung der Felswand den Bock noch einmal zu sehen und die Richtung seiner Flucht beobachten zu können.

Graf Egge war aufgesprungen, in der Hand die rauchende Büchse. Er starrte nach der Stelle, wo der Bock gestanden, und lauschte; doch er hörte nichts als die Sprünge des Jägers, die sich immer weiter entfernten. "Er muss die Kugel haben!", murmelte er, stellte schwer atmend die Büchse nieder und griff mit der Hand an seine Stirn. Wohl lag das seltene Wild noch nicht, das ihm seit Wochen schlaflose Nächte bereitet hatte, aber Graf Egge war seiner Kugel sicher; der Sturm seines Blutes und die Spannung seiner Nerven begann sich zu lösen, fast wie Schwäche befiel es ihn, und nun plötzlich fühlte er auch den Schmerz der Beule an seiner Stirn. Sein Blick streifte die zwei verendeten Gämsen; die zuerst gefallene war ein guter Bock, daneben aber lag die Muttergeiß, und hinter den Latschen rührte sich noch immer das todwunde Kitz. Graf Egge wandte sich ab. Ihn ekelte vor der unweidmännischen Arbeit, die er im Zorn geliefert, und dieses Gefühl verdarb ihm die Freude des letzten Schusses.

Inzwischen hatte Schipper die Biegung der Wand erreicht. Hoch in den Felsen sah er den Gemsbock langsam vorüberziehen und wieder im Gestein verschwinden. Schipper sprang eine Strecke weiter und sah, dass der Bock sich talwärts wandte, ein Zeichen, das den tödlichen Schuss verriet. Auf einer vorspringenden Platte bleib der Gemsbock mit hängendem Kopf stehen und begann zu schwanken; seine Läufe brachen, einen letzten Sprung noch versuchte er, dann taumelte er über den Rand der Felsen hinaus und stürzte, ein rostbrauner Klumpen, durch die Luft herunter. In einem Latschenbusch verschwand er und lag so gut versteckt, dass den Jägern das Suchen schwer geworden wäre, hätte Schipper den Bock nicht fallen sehen. Hastig stieg er zu der Latsche hinauf, denn er wusste, dass klingender Dank zu verdienen war, wenn er seinem Jagdherrn diese Beute brachte. Nun erreichte er sie, und die Augen wurden ihm groß, als er das selten schöne Gehörn betrachtete. Graf Egge hatte kein ähnliches in seiner reichen Sammlung. Schipper schätzte, dass ein Sammler für dieses Krickel tausend Mark und darüber geben würde. Zwei rote Flecken erschienen auf seinen fahlen Wangen. Schon streckte er die Hand, um den Bock aus der Latsche zu ziehen. Da tönte fern in der Felswand die rufende Stimme Franzls, und Schipper hörte, wie Graf Egge dem Jäger die Weisung hinauf schrie, nicht weiter vorzugehen, sondern den Abstieg gegen die Hütte zu nehmen.

Ein böses Lächeln glitt über Schippers Mund. "Mir tausend Mark! Und dem andern an festen Tritt auf'n Magen, den er spüren soll!" Er zerrte das Messer aus der Tasche, schlug dem verendeten Wild das Krickel mit der Hirnschale aus dem Kopf und warf das Gehörn in weitem Schwung hinaus über das Latschenfeld. Mit funkelnden Augen spähte er nach der Stelle, an der es fiel, dann glitt er lautlos über die Felsen hinunter und suchte laufend den Rückweg. Als er die Biegung der Wand erreichte und aus den Latschen hervor kroch, sah er unerwartet den Grafen vor sich, der auf einem Felsblock saß und mit beiden Händen das rechte Schienbein rieb.

"Schipper? Was is mit dem Bock?"

Der Jäger konnte nicht gleich Antwort geben; im Schreck versagte ihm die Stimme. Er drückte die Fäuste auf die Brust, als hätte der rasche Lauf ihn atemlos gemacht. "Der Bock, Herr Graf? Den hab ich mit keim Aug mehr gsehen. Aber sorgen S' Ihnen net! Da kann nix fehlen. Der hat den Schuss mitten auf'm schönsten Fleck. Ganz gnau hab ich mit'm Spektik den Einschuss gsehen, kurz hinterm Blatt. Der liegt keine hundert Schritt vom Platzl, wo er gstanden is. Soll ich gleich auffisteigen?" Schipper konnte diese Frage ohne Sorge stellen, denn er wusste die Antwort seines Herrn voraus.

"Aber Schipper! Wo hast Du Deinen Verstand? Hat der Bock den richtigen Schuss, so liegt er mir gut bis morgen. Ist der Bock nur krank, so treibst Du ihn wieder auf, und wir können ihn suchen, zwei, drei Tag lang. Nix da! Lass Du den Bock in Ruh bis morgen!" Stöhnend fasste Graf Egge nach seinem Bein.

"Was is denn?", fragte Schipper wie in Sorge.

"Mein Bock hat mir keine Ruh lassen, ich hab Dir nachsteigen wollen, und da hat's mir auf einmal im Haxen einen Riss gegeben. Und jetzt spür ich im Knochen einen ganzen Ameishaufen. Mir scheint, die verfluchte Gschicht fangt wieder an."

"O Mar und Joseph! Aber sehen Sie's, Herr Graf, weil S' mir net folgen und keine Unterhosen tragen wollen! Jetzt haben S' Ihnen wieder verkühlt."

"Lass mich aus, Du Lapp!", brummte Graf Egge. "Ich, und Unterhosen! Ich müsst mich ja rein vor mir selber schenieren."

"Schenieren oder net! Gleich morgen schreib ich dem Moser a Briefl abi, dass er Ihnen wollene Unterhosen auffischickt."

"Das wird sich hart machen. Ich hab keine Unterhosen im ganzen Vermögen. Hab meiner Lebtag noch keine gebraucht."

"Jetzt muss eine her! Ich tu's nimmer anders! Soll halt der Moser beim Kramer a halbs Dutzend kaufen!"

"Was?" Graf Egge erhob sich. "Du tust Dir leicht mit ander Leut ihrem Geld! Ein halbes Dutzend! Den schau an! Ein Paar is gnug! Aber was ich sagen will - die Gschicht mit der Kitzgeiß steigt mir in d' Nasen und verdirbt mir die ganze Freud an meinem Bock."

"Aber Herr Graf! Es si ja nur in der Wut gschehen! Und für so an Bock, wie der is, kan man sich schon a bissl Ärger gfallen lassen."

Graf Egges Miene heiterte sich auf. "Hast recht! Wenn ich an die Kruck denk, die der Bock droben hat, vergess ich alles. Die kriegt ein silbernes Schildl! Und nachher sperr ich sie erst noch in die eiserne Kasse. So eine hab ich noch nie erwischt, und so eine krieg ich auch meiner Lebtag nimmer!" Schmunzelnd blinzelte er zu der Felswand hinauf. "Gelt, Böckerl, lang hat's dauert mit uns zwei? Jetzt hast Du doch den kürzeren zogen!" Er blickte in Schippers Gesicht, und vergnügt lachten die beiden einander an. "Aber die Gschicht mit der Kitzgeiß is mir zwider. Wie steh ich denn vorm Hornegger da!"

Schipper zögerte mit der Antwort. "Wann der Herr Graf befehlen? Der Franzl braucht ja nix z'wissen davon."

"Hast recht, Du Gauner! Verräum die alte Mutter, dass kein Mensch mehr was findt von ihr. Da komm her!" Graf Egge griff in die Tasche und zog ein rotledernes Beutelchen hervor, wie es die Bauern führen, wenn sie auf den Markt gehen. Er drückte ein Goldstück in Schippers Hand. "Halt 's Maul! Da hast ein Pflaster."

"Vergelts Gott, Herr Graf! Aber was sagen wir dem Franzl wegen die vier Schuss?"

"Drei auf den ersten Bock und zwei davon gfehlt, in Gottesnamen!"

"Sie, Herr Graf? Und fehlen? Dös wird der Franzl schwerlich glauben. Es tät auch dem gnädigen Herrn Grafen an Abbruch in seiner Jägerehr."

Graf Egge lachte zufrieden. "Du Teufelskerl! Du denkst aber doch an alles! So studier Dir halt was Feineres aus!"

Schipper wusste eine bessere Ausrede flink zu finden; und als er ging, um den in der Nähe des Standes liegenden Gemsbock auszuweiden und die Geiß mit ihrem Kitz für ewige Zeiten in einem Steinloch verschwinden zu lassen, trat Graf Egge den Heimweg zur Jagdhütte an. Während des ganzen Weges beschäftigte ihn der Gedanke an das herrliche Krickel, das ihm der kommende Morgen bescheren musste - nebenbei aber auch die schmerzende Beule auf der Stirn und das leise Gekribbel in seinem Knie und Schienbein.

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