Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Schloss Hubertus

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      Ludwig Ganghofer
         Schloss Hubertus
            Buch 1
               Titel
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
               Kapitel 13
               Kapitel 14
               Kapitel 15
               Kapitel 16
               Kapitel 17
               Kapitel 18

            Buch 2
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
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               Kapitel 19
               Kapitel 20

Kapitel 5

Ein Morgen in Duft und Sonne. Der Himmel ohne ein Wölklein, über den Bergen noch blaue Schatten, doch alle Häuser des Dorfes schon im goldenen Frühglanz. Die letzten Nebel kräuselten sich über die Wälder empor und zerrannen in der Luft. Vor allen Gehöften gackerten die Hühner, und auf dem Telegraphendraht, der am Haus der Horneggerin vorbeiführte, saßen in langer Reihe die alten und jungen Schwalben mit leisem Gezwitscher.

Franzl, zur Bergfahrt gerüstet, stand bei den Blumenbeeten und pflückte von den brennroten Nelken. Dann drückte er sich schmunzelnd zum Gatter hinaus und wanderte flink davon.

Er hatte, bevor es wieder zu Berge ging, noch ein Geschäft im Dorf. Sechs von den sieben Treibern, die Graf Egge verlangte, hatte er noch am vergangenen Abend bestellt, den letzten musste er noch ausfindig machen. Franzl, weil er immer an die Mali denken musste, dachte an den Bruckner. Der hatte freilich noch nie als Treiber gedient. Der alte Moser, Graf Egges abgedankter Büchsenspanner, munkelte sogar, dass der Bruckner in früheren Jahren "gegangen" wäre - das sollte heißen: als Wildschütz. Aber es war wohl nur ein Gerede; der alte Moser schwatzte gern, und was Bauer hieß, war ihm verdächtig. Franzl war überzeugt, dass man dem Bruder der Mali unrecht tat. Er meinte einen besseren Treiber nicht finden zu können, als den Bruckner, dem es in seiner jetzigen Lage wohl auch willkommen sein musste, ein paar Mark zu verdienen. Dennoch zögerte Franzl, als er das Bruckneranwesen erreichte. Der Hof war leer, die Haustür geschlossen. Hinter der Scheune ließ sich klingender Dengelschlag vernehmen. Franzl spähte nach den Fenstern, und als er da etwas Weißes flimmern sah, stieß er flink das Zauntürchen auf, klopfte ans Fenster und drückte das lachende Gesicht an die Scheibe. "Guten Morgen, Mali!"

"Jeh, mir scheint gar, der Franzl!", klang es in der Stube.

"Freilich! Kennst mich jetzt? Ich selber bin gestern auch völlig blind gwesen. Erst d' Mutter hat mir's gsagt. Und da hab ich mir gleich denkt, ich muss meiner Schulkameradin an guten Einstand in der Heimat wünschen. Geh, trau Dich a bissl aussi zu mir!"

Die Haustür öffnete sich, und Mali trat in die Sonne heraus; mit den Armen hielt sie ein geblumtes Kissen umschlungen, aus dem das wackelige Köpfchen eines Kindes hervorlugte: Ein welkes Gesichtl mit müden Augen und einem farblosen Mündchen, um dessen Winkel schon die Bitternis des Lebens gezeichnet war. Franzl aber sah nur das Gesicht des Mädels, das mit keiner Spur die durchwachte Nacht verriet. Langsam reichten sie sich die Hände und sahen sich schweigend in die Augen, als spräche zu jedem aus dem Blick des anderen die Erinnerung der längst verflossenen Kindheit und der guten Freundschaft, die einst ihre jungen Herzen verbunden hatte.

Franzl fand zuerst die Sprache: "Mali! Nobel hast Dich ausgwachsen!"

"Geh! Du!", schmollte das Mädel. "Aus Dir, scheint mir, is der richtige Schwefler worden."

"Ich sag, was wahr is! Ganz heiß wird mir, wann ich Dich anschau und sag mir: Dös is mei' Mali!"

Das Mädel machte große Augen. "Dei' Mali? Du redst Dich leicht!"

"Is doch wahr, dass wir zwei allweil zammghalten haben wie der Vogel und d' Federn! Bis wir grupft worden sind alle zwei." Aus dem Gesicht des Jägers schwand der lachende Frohsinn. "Aber jetzt bist ja wieder da!" In Franzls Augen ging die Sonne wieder auf. "Und gar net begreifen kann ich's, dass ich Dich gestern net gleich wieder kennt hab. Schaut Dir ja 's liebe Kindergsichtl noch allweil aus die Augen aussi."

"Und die Deinigen sind noch allweil die gleichen Haselnusskern!", sagte Mali lächelnd.

"No also, nachher stimmt ja alles! Da fangen wir gleich die alte Kameradschaft wieder an. Und schau," Franzl nahm den Hut ab und löste die Nelken aus der Schnur, "da hab ich Dir zum Einstand gleich was mitbracht."

Malis Wangen brannten, als ihr der Jäger das Sträußchen reichte. Sie wollte die Nelken ans Mieder stecken. Da streckte das Kind verlangend die Ärmchen aus dem Kissen und griff mit den bleichen Fingerchen nach den roten Blüten. Mali hatte nicht das Herz, dem kranken Kind die kleine Freude zu stören. "Gelt, Nettele, schöne Blümerln!", plauderte sie zärtlich. "Und alle ghören dem Netterl, alle!" Die Händchen des Kindes zupften und rissen an den Blüten, dass die roten Flocken zu Boden fielen. Mali wurde unruhig. "Gelt, Franzl, bist net harb?"

"Aber geh, was redst denn!" In herzlichem Erbarmen hingen Franzls Augen an dem welken Gesichtchen des Kindes. "Dös arme Hascherl!"

"Der Doktor meint, 's Herzl wär schwach. So a Kindl, so a guts! Wann nur ich ihm was geben kunnt vom meinigen, ich hab eh so an Brocken in mir drin, der allweil schlögelt wie net gscheid!" Um dem Kind das Spiel mit den Blumen zu erleichtern, setzte Mali sich auf die Hausbank; und während das Netterl in den Blüten wühlte, plauderte sie mit dem Kind und glättete ihm die dünnen, gesträubten Härchen.

Schmunzelnd betrachtete sie der Jäger. "Dös schaut sich gut an: Du als jungs Mutterl!"

Sie guckte so drollig erschrocken zu ihm auf, dass er lachen musste. Und da schalt sie: "Tu net so laut! Unser Stadtherr droben schlaft noch. Der kann's heut brauchen. Was er ghabt haben muss? Die ganze Nacht is er auf und ab marschiert über der Decken."

Franzl sah zu dem großen Fenster hinauf. Da hörte er hinter sich ein leises Klirren, und als er sich umwandte, sah er den Bruckner stehen, in der einen Hand die gedengelte Sense, in der anderen den Hammer. Die Gestalt ds Bauern war gebeugt, und misstrauisch musterte er den Jäger. "Was suchst denn Du bei uns?"

"Grüß Dich Gott, Bruckner! An Treiber tät ich brauchen für acht Täg. Hast net Lust? Der Graf zahlt net schlecht, vier Markln für'n Tag."

"Ich? Und treiben? Wie fallt Dir denn so was ein?" Die Furchen im Gesicht des Bauern verschärften sich. "Oder hat Dich der Schipper gschickt?"

"Der Schipper?" Franzl schien die Frage nicht zu begreifen. "Gott bewahr! Bist mir schon selber eingfallen. Also? Magst?"

"Na!" Bruckner prüfte die Schneide der Sense und ging auf die Haustür zu.

"No, no, no! Ich hab mir halt denkt, es kunnt Dir a bissl Verdienst net zwider sein."

"Ja, Lenzi," fiel Mali ein, "sei gscheid! Dreißg Markln sind net von Holz!"

"In Ruh lass mich!" Der Bauer trat auf die Schwelle, musterte den Jäger über die Schulter und sagte grob: "Willst noch was?"

Franzl bekam einen roten Kopf, blieb aber ruhig. "Red, wie d' magst, ich nimm Dir nix übel." Er wandte sich ab und strich mit der Hand über das Köpfl des Kindes. "Pfüet Dich Gott, Mali! An anders Mal!" Mit dem Ellbogen die Büchse rückend, ging er davon.

Mali sah den Bruder an: "Aber Lenzi? Was hast denn?"

Langsam trat der Bauer auf die Schwester zu. "Was willst denn du mit dem Jagerischen da?"

"Warum denn? Was is denn?"

"Gelt, Du! Da fang mir nix an! Es kunnt mir net taugen."

Mali erhob sich und schlang das Polster um das Kind, aus dessen kraftlosen Händchen die Nelken zur Erde fielen. "Ich will Dir was sagen, Lenzi! Bei der Schwester hab ich's net schlecht ghabt. Aber aufs erste Wörtl, dass mich der Bruder braucht, hab ich den Kufer packt. Deine drei Kinder sollen net merken, dass ihnen d' Mutter fehlt. Im übrigen hab ich meine ausgwachsenen Jahr und bin Freund, mit wem ich mag. Was gegen den Franzl hast, da frag ich net drum. Mir war der Franzl mein Kamerad. Und dös weißt, Lenzi: So bin ich allweil gwesen, dass ich meine Sachen net versauen lass." Sie drückte das Kind an sich und ging am Bruder vorüber ins Haus.

In ratloser Bestürzung sah ihr der Bauer nach. Wie von einer Schwäche befallen, tappte er zur Hausbank hin und ließ sich niedersinken.

Vom Nachbargehöft herüber klang die Stimme Franzls, der einen jungen Burschen anrief. In ihm fand der Jäger den Treiber, der noch zu bestellen war. Und nun ging's den Bergen zu, hinauf zur Jagdhütte, in der Graf Egge an liebsten hauste, weil sie mitten im besten Gemsrevier gelegen war.

Franzl hatte einen fünfstündigen Marsch vor sich, zuerst durch Buchenwälder, in deren Laub schon gelbe Blätter leuchteten, dann durch dunkeln, kühlen Fichtenwald und über breite Almen. In einer Sennhütte rastete Franzl und löffelte zu bescheidenem Mittagsmahl eine Schüssel Milch. Dabei fand er Gesellschaft.

In die Hütte trat ein junges Mädel, das hübsche, runde Grübchengesicht von der Hitze gerötet. Ihr schmuckes, zur Üppigkeit neigendes Figürchen in der halb städtischen Kleidung ließ erkennen, das sie gute Freundschaft mit dem Spiegel hielt. Das schwarze Haar war nicht in Zöpfe geflochten, sondern zeigte eine "Frisur". Das grüne Lodenhütchen, das sie in der Hand trug, war mit Bergblumen besteckt, und ein Sträußlein Alpenrosen war an die Spitze des Bergstockes gebunden. Sie schien den Jäger nicht ungern zu gewahren. Während sie Hut und Stock auf die Holzbank legte, grüßte sie mit einem zutraulichen Wink ihrer schwarzen Augen.

"Grüß Gott, Lieserl!", nickte Franzl und löffelte weiter.

Die alte Sennerin, die beim Herdfeuer stand, drehte das Gesicht über die Schulter; der neue Gast schien ihr nicht zu gefallen. "Wo kommst denn her?", brummte sie.

"Man muss net allweil an der Maschin sitzen. Luftschnappen muss der Mensch auch. D' Stubenluft taugt mir net. Jetzt bin ich auf der Bergpartie."

"Geh?", fragte die Alte anzüglich. "Und ganz allein?"

"Ja, gelt, dös is schad!" Lieserl lachte, dass man zwischen den roten Lippen die kleinen blinkenden Zähne sah. "Es hätten sich schon a paar zur Begleitung anboten. Aber jeder passt mir net. Ich bin anspruchsvoll." Sie setzte sich an Franzls Seite, drückte den Arm an seinen Ellbogen und guckte in die Schüssel. "Hast alles aufschnabuliert? Gar nix hast übrig für mich?"

"Na, gar nix!" Franzl erhob sich und stellte die leere Schüssel auf die Bank.

"Was rennst denn? Bleib doch sitzen und lass a bissl plauschen!"

"Mir pressiert's." Der Jäger griff nach seiner Büchse und ging.

"Bist a Feiner! Dös muss ich sagen?", schmollte Lieserl, während die Sennerin vergnügt vor sich hinkicherte. Dann lief die Alte dem Jäger nach. Hinter der Hütte holte sie ihn ein, laut in die Schürze lachend. "Die hast schön abfahren lassen! So eine! Ihr Vater muss rein nix wissen, und der Zauner-Wastl is doch sonst an ehrenwerter Mensch! Was d' Leut über dös Madl alles reden! A söllene Unmoreulidätt, wie dös Mädl hat! wirst sehen, es dauert net lang und es kommt einer daher, so a städtischer Heuschniggl, mit dem sie sich a Ranzwuh eben hat!"

Franzl wurde verdrießlich. "Lass mich in Ruh, Du alte Ratschen!"

"No ja, hab ich net recht? Und allweil muss sie's mit die Fremden haben. Es taugt ihr keiner von unsere Buben mehr, seit im letzten Sommer der junge Herr Graf a bissl mit ihr scharmiert hat. Dös Gansl, dös dumme, hat dran glaubt! Als ob die Herren Grafen fürs Zauner-Lieserl gwachsen wären!"

"Du!" Franzl wurde grob. "Mei' Herrschaft lass in Ruh!"

"Hab ich denn was über d' Herrschaft gsagt?", staunte die Alte unschuldig. "Ich red vom Zauner-Lieserl. Sie is ihm nachglaufen wie 's Hundl dem Jager. Und glaubst mir's net, so schau, da kommt der alte Herr Moser, den kannst ja fragen."

Aus einer Senkung des Almfeldes tauchte ein bejahrter Mann hervor, in abgetragener Jägerlivree, mit weißem Schnauzbart im roten Gesicht.

Franzl ging dem Alten entgegen: "Hat er ihn schon?"

Verschnaufend schüttelte Moser den Kopf und nahm den Hut ab; seine mit Schweißperlen besäte Glatze schimmerte in der Sonne. "Nix hat er! Und fuchsteufelswild is er, weil ihn der Gamsbock zum Narren halt. Hätt er mir gfolgt, er hätt ihn schon lang! Aber natürlich, jetzt is der Schipper in Gnaden, und der alte Moser kann Brieferln tragen. Der Schipper! Ja, der Herr Schipper!"

Franzl wurde ernst, als er diesen Namen hörte. Nur um etwas zu sagen, fragte er: "Gehst heim?"

"Der Kontess muss ich a Brieferl nunterbringen, weil der Herr Graf net fort mag von der Hütten. Ich kann's ihm net verdenken. So a Trumm Bock mit söllene Krucken hab ich meiner Lebtag noch net gsehen!" Der Alte wandte sich gegen die Berge. "Ich sag, er kriegt ihn net. Hätt er mir gfolgt! Aber der Herr Schipper natürlich! Der is der Gscheidere. Und der alte Moser wird ausglacht. Es gibt kei' Grechtigkeit mehr auf der Welt!" Die Stimme des Alten zitterte.

"Tu Dich net kränken!", tröstete Franzl. "Gnau hinschauen muss man, nacher kommt man drauf, dass alles mit Grechtigkeit verteilt is. Schau uns zwei an: Ich bin der jünger, dafür bist Du der gscheider, ich hab die mehreren Haar, dafür hast Du die schönere Glatzen."

Der Alte lachte. "Ja, Franzl, Du haltst noch zu mir! Aber der Schipper - lassen wir's gut sein, ich will nix reden! Und tu Dich nimmer verhalten, Franzl! Der Herr Graf hat eh schon gscholten, weil so lang ausbleibst."

Franzl erschrak. "Pfüet Dich Gott, Moser!" Er fing zu rennen an.

Die Sennerin, die den Schatten des Hüttendaches nicht verlassen hatte, machte vor dem alten Büchsenspanner einen Bückling. "Hab die Ehre, Herr Moser! Freuen tut's mich, dass der Herr Moser wieder amal zuspricht." Zwinkernd deutete sie mit dem Daumen über die Schulter. "Gsellschaft haben wir, 's feine Lieserl is da."

"Was? Unser Lieserl? Ah, dös is aber lieb!" Der Alte trabte zur Hüttentür.

Die Sennerin kicherte: "Net schlecht! So an alter Stieglitz! Und geht auch noch auf d' süße Leimruten!"

Inzwischen hatte Franzl den Rücken des Almfeldes überstiegen und erreichte einen Lärchenwald. Der Weg war rau, so dass dem Jäger bei seiner treibenden Eile der Atem in hastigen Zügen ging. Die Gedanken, die ihn drückten, sprachen aus seinen Augen. "Wie därf er denn schelten? Ich kann doch net fliegen!" Die kurze Rast in der Sennhütte war ihm doch nicht zu verdenken? Man wird sich auf einem fünfstündigen Marsch auch einmal niedersetzen dürfen? Und drunten hatte er doch den letzten Treiber besorgen müssen. Und es war nicht seine Schuld, dass er den Gang zum Bruckner umsonst getan. Umsonst? Als Franzl zu diesem Gedanken kam, begannen seine Augen sich aufzuhellen. Jetzt hatte er an was anderes zu denken als an das Gewitter, das ihn in der Jagdhütte erwarten mochte.

Zerklüftestes Gestein begann sich über den Wald zu erheben, und der Fußpfad lenkte in eine enge Schlucht. Bald traten die Wände wieder auseinander, und vor dem Jäger lag ein breites Hochtal, in dessen Mitte zwischen Latschengebüsch und Zirbelkiefern das silbergraue Schindeldach der Jagdhütte leuchtete. Auf drei Seiten war das Tal umgeben von steilen Bergzinnen, während gegen die Seite, von welcher Franzl kam, sich ein Ausblick ins Weite öffnete; dort unten, in unsichtbarer Tiefe, lag der See, und drüben stiegen die Berge wieder auf, Gipfel hinter Gipfel, in immer zarterem Blau.

Als Franzl sich der Jagdhütte näherte, sah er zwischen den Latschen etwas blinken wie Goldschimmer. Einen Augenblick zögerte er, dann bahnte er sich durch die wirren Äste einen Weg und kam zu einer kleinen Blöße, auf der ein hohes Rohrstativ mit ausgezogenem Tubus stand. Vor dem großen Fernrohr, das gegen die Mitte einer rau geklüfteten Felswand gerichtet war, saß auf niederem Stein ein Jäger: Jochel Schipper, Graf Egges Büchsenspanner. Er trug die Tracht der Berge, was er am Leib hatte, war so grau verwittert, dass die regungslose Gestalt einem Felsblock ähnlich sah. Auch das Haar wie Asche; man konnte nicht unterscheiden: War es noch blond oder schon ergraut? Der Nacken von der Sonne so braun gebrannt, wie die hageren Knie, über deren Kehlen sich fingerdicke Sehnen spannten. Als hinter ihm die Zweige rauschten, wandte er langsam das Gesicht. Man sah diesen Zügen die vierzig Jahre an. Die Stirne weiß, soweit der Hutrand sie beschattete, Nase und Wangen gebräunt. Die eine Seite des Gesichtes war dicht mit farblosem Bart bewachsen, die andere nur dünn behaart und mit veralteten Narben gefleckt - vor Jahren einmal, im Rausch, war Schipper mit dem Gesicht gegen die glühende Ofenplatte gefallen. Seine Züge schienen wie versteinert; nur die Augen lebten, diese kleinen, grauen Augen, und sie hatten den scharfen Blick des Habichts.

"Wo steht der Bock?", fragte Franzl mit gedämpfter Stimme.

Flüsternd, kaum merklich die Lippen bewegend, erwiderte Schipper. "Sorg Dich um den Bock net! Der kommt mir net aus'm Aug. Schau lieber, dass zur Hütten findst. Der Graf wartet schon lang. Ich hab ihm gsagt: Du kannst net früher da sein. Aber weißt ja, wie er is!" Langsam wandte er das Gesicht zum Tubus, kniff das linke Auge zu und spähte mit dem rechten durch das Fernrohr.

Franzl schob schwer atmend den Hut in die Stirn und drückte sich durch die Büsche.

Nun sah ihm Schipper nach; ein dünnes Lächeln glitt um den schiefbärtigen Mund, und in den grauen Augen funkelte die Schadenfreude des Hasses.

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