Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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Der Falkenfang

   Schon seit vielen Jahren war es eine meiner weidmännischen Lieblingsideen, einmal den Versuch zu wagen, ob es mir nicht gelingen möchte, einen Falken für die Beize auf Wildgeflügel abzurichten – ihn abzutragen, wie es in der Jägersprache heißt. Nie aber hatte ich Musse und Möglichkeit gefunden, diesen Gedanken auszuführen, bis gelegentlich eines mehrmonatlichen Aufenthaltes an den Ufern eines der schönsten unserer heimischen Seen ein Vorfall, den ich bei einer Jagd auf Wildenten beobachtete, jenen Gedanken wieder in mir belebte.

   Ich hatte mich, wie schon oft an schönen, lauen Abenden, in einem lautlos gleitenden Kahn hinausrudern lassen auf das stille Wasser, immer dicht am waldigen, steil ansteigenden Ufer. In den kleinen Buchten lagen die Enten zu zweien und dreien unter den überhängenden Erlenbüschen und waren leicht zu schießen, wenn sie sich vor dem jäh um die Ecke biegenden Kahn mit rauschendem Flügelschlag aus dem Wasser hoben. Waren sie schon früher aus ihrem Versteck aufgescheucht worden, so pflegten sie sich in größerer Zahl auf der offenen Seemitte zu sammeln. Unschwer waren sie dann zu sehen, als kleine schwarze Punkte auf der im späten Nachmittagslicht weiß schimmernden Wasserfläche. Auf Schussweite an sie heranzukommen, war nicht so leicht. In weitem Bogen musste man sie umkreisen und die scheuen Vögel an den Anblick des Kahnes gewöhnen, während man sich in einer Spirale langsam näherte.

   So sah ich damals auf meiner Fahrt in weiter Ferne eine Schar von sieben Enten. Eben erklärte ich dem Schiffer, in welcher Richtung er zu fahren hätte, als die Vögel sich erhoben und dem Ufer zugestrichen kamen, fast in gerader Linie gegen meinen Kahn. Schon näherten sie sich den Wipfeln der Bäume, schon dämpften sie zum Einfall ihren Flug, und ich legte schon die Flinte in Schussbereitschaft an die Wange. Da plötzlich schwenkten die Enten kreischend wieder gegen den offenen See. Aus dem Dunkel der Bäume war da Falke mitten unter ihre Schar gestoßen, saß dem erkorenen Opfer im Nacken und lenkte mit ihm in schrägem, flatterndem Flug dem Ufer zu. Da krachte mein Schuss, die beiden Vögel klatschten in den See, und der von ihrem Einsturz gewellte Flutkreis färbte sich rot. Als ich meine Doppelbeute in den Nachen gehoben hatte, musste ich Gewalt anwenden, um aus dem Hals und Rücken der Ente die verkrampften Fänge des Falken loszulösen.

   Es war ein Baumfalke von jener Gattung, die ich schon öfters bei meinen Pirschgängen angetroffen hatte, besonders häufig auf der ebenen Höhe des steil in den See abfallenden Falkensteines, der wohl auch seinen Namen dem vielfachen Vorkommen dieser Vögel auf seinem Gebiet zu danken hat.

   Der Vorfall hatte jenen alten Lieblingsgedanken so sehr in mir belebt, dass ich gleich am anderen Tag die ersten Anstalten zu seiner Ausführung traf. Indem ich den erlegten Raubvogel als Modell benützte, fertigte ich aus steifem Leder die ‚Falkenhaube’, schnitt aus weichem Hirschleder die zum Fesseln der Fänge nötigen ‚Schuhe’, wie ich das aus einem alten, durch viele Bilder erläuterten Buch über die Falknerei abgeschaut hatte, das einen Seigneur d’Arkusia de Capre als Verfasser nennt und im Jahr 1605 zu Paris erschienen ist.

   Der zum Einfang dienende Korb wurde gebaut, auf der Höhe des Falkensteins aufgestellt, und schon nach zweitägiger Geduld hatte ich die Freude, einem beim Fang gänzlich unbeschädigten Falken Haube und Schuhe anlegen zu können. Es war ein Weibchen – und das kam erwünscht, weil bei den meisten Raubvogelgattungen das Weibchen an Stärke und Ausdauer das Männchen übertrifft.

   Als der Falke verkappt, gefesselt, mit zitternden Schwingen auf meinem Arme stand, hielt ich ihm eine fröhliche Ansprache und gab ihm den Namen ‚Hobby’. Dieser Name war in der Weidmannssprache der englischen Falkeniere für das Weibchen des Baumfalken üblich.

   Nun kamen Wochen mühevoller Geduld und geduldiger Mühe. Hobby war nicht ungelehrig; weil ich aber die Art des Abtragens nur aus Büchern kannte, verdarb ich oft wieder in einer Stunde, was meine gute Hobby in Tagen gelernt hatte. Dennoch war ich nach vierwöchentlichem Unterricht so weit mit ihr, dass sie über die Breite des Zimmers auf mich zustrich, wenn ich ihr eine ausgestopfte Wildente entgegenhielt. Da durft’ ich es in Bälde wagen, die Lehrstunden ins Freie zu verlegen und Hobby an zahme, das Gras durchwatschelnde Enten zu ‚werfen’. Ich werde wohl in Jahren nicht wieder so viele Enten speisen, als ich damals um Hobbys willen in Wochen verzehrte. Ein einziger ‚Riss’ ihrer scharfen ‚Hände’ genügte, um einer Ente den Garaus zu machen, schneller und schmerzloser, als die gefühlvollste Köchin das in ihrer Weise fertig gebracht hätte.

   So oft ich auf dem hinter meinem Haus gelegenen Wiesenplatz mit Hobby ‚studierte’, hatte ich Zuschauer, Leute der Nachbarhäuser und Sommergäste. Hobby gewöhnte sich dabei an Gesellschaft, und ich selbst fühlte meinen Eifer gemehrt, meine Geduld gefestigt.
   Nur einer war mir als Zuschauer nicht willkommen: Joseph Habach, der Forstgehilfe. Ich muss an einem Jäger schon schlimme Dinge gewahren, bis er mir unsympathisch wird; ich kenne das Jägerblut, weiß, wie leicht es überschäumt, und weiß, was ihm zu verzeihen ist. Joseph Habach war mir zuwider bis in die Seele.

   Er war in einem benachbarten Dorf als Sohn eines mäßig begüterten Bauern geboten. Drum nannten ihn auch jene Burschen, die einst mit ihm auf der gleichen Schulbank gesessen, nach dem Sprachgebrauch Ihrer Heimat kurzweg ‚Seppei’. Er hörte sich nicht gern so nennen. Um der paar Lateinklassen willen, durch die er sich durchgerutscht hatte, und dem goldgestickten Eichenlaub zuliebe, das den grünen Aufschlag seiner Joppe schmückte, spielte er sich auf den ‚Herrn Habach’ hinaus. Alles, was Bauer hieß, war ihm ekelhaft. Sogar seinem alten Vater gegenüber spielte er sich auf als ‚Herr Sohn’. Das Wort ‚Bauer’ kannte er nicht in seiner Sprache; er wusste diesen Mangel reichlich zu ersetzen durch ‚Esel, Rindvieh, steifhaxiger Heiter, gescherter Rammel’ und ähnliche Koselaute. Ich selbst habe zeitweilig Herrn Habachs Geringschätzung auf mich geladen, wenn ich gelegentlich der Jagdausflüge, bei denen er mich als Jäger begleiten musste, lange Stunden mit einem Holzknecht, einem Senner oder einem Schafhirten verplaudern konnte.

   „Ich versteh alles, aber dös versteh’ ich net, wie a gebildeter Mensch länger als zwei notwendige Minuten vor so an Viechkerl hinstehn mag.“ So ähnlich pflegte er sich zu äußern.

   Dass auch Habach bei Bauern und Bauernsöhnen wenig beliebt war, lässt sich denken; besonders bei den letzteren wurde diese Unliebsamkeit noch verstärkt durch die Erfahrung, dass sich Habach gegenüber den hübschen Töchtern der Bauern zu weitgehenden Modifikationen seiner Volksauffassung bequemte. Über die Folgen dieser Ausnahmsgefühle wusste man sich in der Gegend dicke Dinge zu erzählen. Wenn bei solchen Gesprächen auch ‚Herr Habach’ selbst mit Worten bedacht wurde, die in keinem Lexikon stehen, so entschuldigte man doch seine Opfer: „Mein Gott, d’ Weiberleut sind dumm und haben diemal den Verstand anderswo als im Hirnkastl!“ An Habachs Erscheinung war manches, was einem Mädel in die Augen stechen musste, nun gar einem Mädel, dem die lange Einsamkeit unter dem stillen Dach der entlegenen Sennhütte das unkluge Herz in geheimer Sehnsucht schwellte und das Ohr empfänglich machte für den Klang einer zuckernen Schmeichelei.

   Kraft und Stolz sprachen aus Habachs hoher Gestalt, aus seiner Haltung, wie er den Kopf in den Nacken warf und die Daumen über dem weißen Leinenhemd in die Träger der kurzen, mit grünen Seidenstickereien überladenen Lederhose eingehenkt zu tragen liebte. Die nackten Knie waren muskulös und dennoch sehnig. Die mit glänzenden Messinghäkchen besetzten Schnürschuhe reichten hoch über die Knöchel. Grüne, reich gemusterte Halbstrümpfe umschlossen die strotzenden Waden. Da war nicht alles echt. Als er einmal in der Jagdhütte nach einem verregneten Pirschgang seine Strümpfe zum Trocknen an die Herdstangen gehängt hatte, sah ich, dass sie an der Wadenseite mit dicker, dreifach genommener Wolle unternäht waren. Der eitle Mensch! Zierlich geschlungen trug er das seidene Tuch unter dem weitoffenen Hals. Die kurz geschnittenen, schwarzen Haare waren in der Mitte gescheitelt und mit stark riechender Pomade glatt an den Kopf gebürstet, was aber nicht hinderte, dass sich zeitweilig dickfettige Büschel losrissen aus dem schimmernden Spiegel der Frisur und störrig in die Höhe stachen.

   Sein Gesicht war hübsch, wenn auch die Züge zu weibischer Weichheit ineinander schwammen. Die Lippen unter dem schwarzen, spitz gedrehten Schnurrbart waren voll und schwellend; seine Wangen zeigten jene rot glänzende Fülle, die den starken Esser bekundet.

   Das stechende, scheue Misstrauen in dem Blick seiner dunklen Augen, sowie das spöttische Lächeln, das im Verkehr mit Männern auf seinen wortkargen Lippen lag, verschwand, wenn er einem schmucken Mädel gegenüberstand. Da wusste er sanft zu blicken, harmlos zu plaudern und fröhlich zu scherzen. Doch wenn ihm das Mädel den Rücken wandte, kam ein fieberhaftes Zucken in seine Nasenflügel, und eine widerliche Sinnlichkeit sprach aus den Augen, mit denen er die Davonschreitende verschlang. Zu einer Zeit, da ich ihn noch weniger kannte, diesen Herrn Habach, nahm es mich oft wunder, wenn ich nach einer gemeinsam mit ihm in einer Sennhütte verbrachten Nacht zum Abschied die kaltfeuchte Hand eines blassen, scheu tuenden Geschöpfes drückte, das mich am Abend zuvor als ein munter blickendes Mädel begrüßt hatte.

   Der Widerwille, den mir Habach umso mehr einflößte, je mehr ich ihn kennen lernte, war aber auch durch andere seiner Eigenschaften begründet. Er war boshaft, grausam und feige. Er quälte seine Untergebenen, während er gegen seine Vorgesetzten von schmalziger Unterwürfigkeit war, die er geschickt durch den Anschein eifriger Dienstbeflissenheit schmackhafter machte. Seinen guten Hund schlug er ohne Veranlassung. Und wenn das Tier wirklich einmal in der Stube oder auf der Jagd Ursache zur Züchtigung gab, wurde es von seinem Herrn über Maß gepeinigt.

   Als ich in dem seiner Aufsicht unterstehenden Jagdbezirk noch wenig mit den Standplätzen des Wildes vertraut war, führte er mich oft unter Vorspiegelung guter Jagd an schlecht passierbare Stellen. Sahen wir bei tagelangem Umherklettern kein Haar, so wusste Habach allerlei Ausreden: Da mussten die Gämsen bald wegen des guten Wetters zu hoch in den Wänden stehen, bald wegen des schlechten Wetters zu tief in den Latschenfeldern. Seine boshaften Versuche, meinen Mut in Verlegenheit zu setzen, unterließ er seit dem Tag, an dem ich bei der Verfolgung einer angeschossenen Gämse, im heißen Jagdeifer die Gefahr missachtend, über einen scharfkantigen Felsgrat weg geschritten war, über den er selbst mir nicht zu folgen wagte.

   In seinem Jagdbezirk fand man selten die Spuren eines verübten Frevels. Die Wilddiebe fürchteten nicht Habachs Wachsamkeit, sondern seine Tücke. Den Tod eines Burschen, den man mit durchschossenem Rücken in den Bergen fand, schrieb man ihm aufs Gewissen. Die Sache wurde gerichtlich anhängig gemacht, doch ohne Erfolg; eine Sennerin beschwor, dass Habach jene Nacht in ihrer vom Tatort weit entlegenen Hütte verbracht hätte.

   Gegen die erste Pflicht des Jägers, dem verwundeten Wild einen schmerzlosen Tod zu bereiten, sündigte Habach In abscheulicher Weise. Er konnte eine Gämse aufbrechen, bevor sie noch völlig verendet war. Als er einmal einen kreuzlahm geschossenen Hirsch mit den genagelten Schuhen in die Flanke stieß, während er ihm läppische Schimpfworte an die Ohren schrie, bekam ich die Sache mit dem Menschen satt und erbat mir von seinem Vorgesetzten für meine Jagdausflüge einen anderen Begleiter.

   Seit jener Zeit war Joseph Habach doppelt freundlich gegen mich. Ich wusste also, dass er mich hasste.

   Was hatt’ ich von ihm zu fürchten? Nichts. Aber es ist ein unbehagliches Gefühl, einen solchen Menschen in seiner Nähe zu wissen. Deshalb war es mir auch unlieb, wenn er bei meinen Exerzitien mit Hobby sich über den Bretterzaun beugte und die zierlichen Bewegungen des Falken mit seinem sauren Lächeln und seinem stechenden Blick verfolgte, wobei er ab und zu ein lobendes Wort vor sich hinmurmelte, so laut, dass ich es hören musste: „Zum Teufelholen! So was! Famos! So a gschelds Luder! A Teufelsvogel! Ah, ah! Ganz famos!“

   Als ich nach Wochen mit Hobby den ersten Beizversuch auf dem Wasser wagen durfte, wartete ich einen Tag ab, an welchem Joseph Habach ‚im Berg’ war – wie sie im Hochland statt ‚auf den Bergen’ zu sagen pflegen. Bei der Kahnfahrt, die den Erfolg meiner langen Mühe erproben sollte, pochte mir das Herz vor Spannung und Erregung. Mit verkapptem Haupt stand Hobby auf meiner linken Hand. Ich hatte ihr für diesen Ehrentag eine zierliche, mit bunten Seidenquästchen und weißem Adlerflaum geschmückte Prunkhaube gefertigt. Der Sohn meines Hauswirtes, der lange Uhjei (Ullrich), steuerte den Nachen.

   Wir hatten eine gute Stunde zu fahren, bis wir zur gewählten Stelle kamen. Es war die oberste Seespitze, die einen kleinen Gebirgsbach aufnimmt. Neben seiner Mündung ist die Bucht überwachsen von schütterem Schilf. Hier war ich sicher, Wildenten anzutreffen. Und ich hatte diesen Ort für Hobbys Probeflug gewählt, weil die aus dem Schilf aufgescheuchten Enten in weitem Bogen über das Wiesenland weg zu streichen und erst vor den Felswänden kehrt zu machen pflegten, um in großer Höhe gegen die Seemitte zu fliegen.
   Mit sachten Ruderschlägen fuhren wir bis dicht an das Schilf heran, das unter leichtem Windhauch schwankte. Mir zitterten die Hände vor Aufregung, als ich an Hobbys Haube die Schleifen lockerte.

   „Also!“

   Der lange Uhjei griff in die Tasche und warf eine Handvoll mitgebrachter Steine in das Schilf. Ein Klatschen, ein Geschnatter, und drei Enten rauschten aus den grünen Halmen. Rasch enthaubte ich den Falken. Hobby erspähte die Vögel und duckte den Kopf zwischen die Schultern, während ein leises Fauchen aus ihren Nasenlöchern drang. Da hob ich die linke Hand, Hobby lüftete die Schwingen, und mit pfeifendem Flügelzug schoss sie durch die Luft. Bevor sie die Vögel erreichte, die vor den Felswänden dem See wieder entgegenschwenkten, zog sie kreisend in die Höhe, und als unter ihr die Enten dem Ufer zugestrichen kamen, stieß sie nieder auf ihre Beute.

   Während die zwei verschonten Vögel mit ängstlichem Gequake hart am Ufer in das Wasser plumpsten und tauchend unter dem Spiegel verschwanden, senkte sich der Falke mit schlagenden Flügeln auf seinem Opfer zur Erde.

   Rasch ging ich an Land, um Hobby zu verkappen, Ihre Fänge um dem erbeuteten Wild zu lösen – sie ‚auszubrechen’ wie es in der Falknersprache heißt – und ihr eine am Morgen geschossene Krähe als Atzung unterzuschieben.

   Der ganze Vorgang vom Aufstreichen der Enten bis zu Hobbys Verkappung hatte kaum fünf Minuten In Anspruch genommen. Dennoch hab’ ich in dieser kurzen Spanne Zeit eine weidmännische Freude empfunden, die dem Vergnügen, nach harter Pirsch einen guten Gamsbock oder einen stattlichen Zwölfender erlegt zu haben, nicht das geringste nachgab. Wie herrlich müsste das sein, auf ebenem Land den Reiher zu beizen und unter den hoch in den Lüften kämpfenden Vögeln auf flüchtigem Ross dahinzufliegen über das Heideland. Schade, dass die Lust und Kunst, das edle Federwild in solcher Art zu jagen, im Lauf der Zeiten in Vergessenheit geriet! –

   Ich plante gleich für den nächsten Tag eine Wiederholung dieser Jagd. Doch bei der Rückkehr von unserer Seefahrt fand ich einen Brief, der mich für eine halbe Woche nach München rief.

   Hobby mitzunehmen, ging nicht an. Ich musste dafür sorgen, dass sie unter verlässliche Obhut kam. Für solchen Wächterdienst wusste ich mir keinen Besseren, als den Sohn meines Hauswirts, den langen Uhjei. Er war auch einverstanden, seine ganze Zeit der Überwachung meiner Hobby zu widmen. Ich zeigte ihm, wie er den Falken zu pflegen und zu nähren hätte. Dann reiste ich ab, sorglos. Auf meinen langen Uhjei konnt’ ich mich verlassen. Den kannte ich.

   Er war leicht zu kennen. Sein Wesen lag in seinen Augen, sein Herz auf seiner Zunge. In seiner Art ein seltenes Erdenkind, war er, was man ‚eine Seele von einem Menschen’ nennt. Er hatte Sinn und Interesse für alles, was ihn umgab. Nie hab’ ich ihn zornig gesehen, nie hab’ ich ihn schelten hören. Keinem lebenden Geschöpf konnte er was zuleide tun. Ihn jammerte der Baum, den er auf Geheiß seines Vaters fällen musste. Eine traurige Geschichte, eine ernste Musik rührte ihn leicht zu Tränen. Eine Blume, ein singender Vogel, ein gutes Wort machten ihm Freude. Sein Herz war hungrig nach Freundschaft und dürstete nach dem Anschluss an ein anderes Herz. Er wusste weder das eine noch das andere zu finden. Sein Vater nahm ihn für einen Dummkopf, die Burschen hielten es unter ihrer Würde, mit dem ‚dreißigjährigen Kind’ zu verkehren, und die Weiber lachten ihn aus, weil er so entsetzlich mager war. Sein Gemüt ließ Ihn nicht fett werden.

   Dabei maß er seine sieben Schuh. Die Hose schlotterte ihm um die Schenkel, und die Joppe baumelte in Falten von seinen knochigen Schultern. Dem dünnen Hals wollte man fast nicht die Kraft zutrauen, den schweren, eckigen Kopf zu tragen. Sein blondes Haar war lang und dicht; das Gesicht aber zeigte keine Spur von Bart; nur aus einer braunen Warze am rechten Kiefer stachen ein paar weiße Borsten heraus. Seine Nase war scharf, schmal und groß, seine Wangen waren blass und hohl, seine Lippen dünn und farblos. Nur sein Auge – ja, sein Auge! Ich weiß nicht, wie ich dieses Auge und seinen Blick beschreiben soll. Diese Augen waren zwei Dolmetscher seines tiefen Herzens.

   Auch ich habe über den langen Uhejei gelacht, als ich ihn zum ersten Mal sah. Das Lachen verging mir, sobald ich ihm richtig in die Augen geschaut hatte. Immer wieder zogen diese Augen die meinen an. So oft ich die Leute über ihn spotten hörte, war es mir, als müsst’ ich ihnen sagen: „Seht ihm doch in die Augen, und ihr werdet ihn lieben!!“ Sie nahmen .sich diese Mühe nicht. Um seiner äußeren Erscheinung willen hatten sie ihm einen Spitznamen gegeben, mit dem sie vielleicht mehr sagten als sie dachten. Sie nannten ihn: Das Leiden Christi! Entkleidet mochte er auch wirklich einem jener Jammerleiber gleichen, wie ungeschickte Herrgottschnitzer sie auf ihre schwarzen Holzkreuze nageln. Ich selbst musste, wenn Ich diesen Namen hörte, mehr an Uhjeis Augen denken. Wenn die Leute ihren Witz an ihm übten, schwieg er. Aber seine Augen sagten: „Sie wissen nicht, was sie tun.“ Und er vergab ihnen. Und war den Menschen gut. Nur einem nicht. Wenn ihm dieser eine in die Nähe kam, wurde sein Gesicht wie Asche, und ein Zittern flog über seine hagere Gestalt. Dieser eine war Joseph Habach. Was Uhjei gegen ihn empfand, war nicht nur jener Widerwille, den dieser Mensch auch mir einflößte, es war ein wilder, glühender Hass. Er sprach mir nicht davon, ich las ihn aus seinen Augen. Gern hätt’ ich die Ursache gewusst. Doch ich hörte von Uhjei nur dieses Wort: „Oh, der – der!“ Und wenn er das aber die zuckenden Lippen stieß, grub er sich die Fingernägel in das karge Fleisch der verkrampften Hände.

   Ein Geheimnis seines Herzens hatt’ ich aber doch ergründet, durch Zufall – das Geheimnis seiner Liebe.

   Da hatt’ ich mich einmal hoch droben in den Bergen bei einer Abendpirsche verspätet. Der Weg bis zur Jagdhütte war weit, dazu fürchtete ich, in der Dunkelheit den Weg zu verfehlen, beschloss also, für die Nacht Unterkunft in einer Sennhütte zu suchen, deren mattes Fensterlicht mir entgegenschimmerte, und unter deren Stein belegtem Dach ich des öfteren schon in Habachs Begleitung Schutz vor dem Regen gefunden hatte. In dieser Hütte hauste die Bräundler-Mena als Sennerin; ein junges, hübsches, rundes Mädel, dem die blonden, dick um die Stirn gewundenen Zöpfe gut zu Gesicht standen. Mena war ein harmloses, fröhliches Geschöpf, lachte gern und mit lauter Stimme, wobei sie starke weiße Zähne zeigte. Und hätt’ ich nicht beobachtet, dass sie manchmal, oft mitten im fröhlichsten Geplauder, in stilles Sinnen versinken konnte, ich hätte gedacht, dass die Mühen ihres Almhaushaltes die einzigen Sorgen ihres Herzens wären.

   Als ich die Hütte erreicht hatte und mich schon der Tür näherte, gewahrte ich in der Dunkelheit einen Menschen, der sich neben dem kleinen Fenster an die Holzwand drückte und mit vorgestrecktem Hals in die Stube spähte. Er schien meinen Schritt zu überhören. Ich trat näher und puffte ihn an die Schulter.

   „He! Du!“

   Erschrocken wandte er sich. Der aus dem Fenster quellende Schimmer beleuchtete sein Gesicht. Es war der lange Uhjei, das Leiden Christi.

   „Du? Was machst du da?“

   „Nix!“

   „Das ist wenig.“

   Uhjei nickte. „Ja, wenig!“ Er sprach mit einer flüsternden Stimme, die mich unwillkürlich veranlasste, auch meine Stimme zu dämpfen.

   „Wenn ich du wär’, ging ich hinein in die Hütte, statt vor dem Fenster zu stehen. Drinnen siehst du jedenfalls besser, was du sehen willst. Komm!“

   „Ah na! Hab’ kei’ Zeit net, muss heim.“

   „Jetzt noch? In der Nacht?“

   „Ja, Morgen vor Tag muss ich mit’m Vater ins Heu.“

   „So?“

   „Ja.“

   „Und was hat dich heut da heraufgeführt?“

   „A Gschäft. So a bissl ebbes gibt’s allweil. Wie’s halt kommt. Und somit gut Nacht!“

   „Gute Nacht!“

   Uhjei rührte sich nicht. Wir standen eine Weile stumm voreinander.

   Plötzlich sagte er hastig und gepresst: „Ja, a Gschäft, so a Handel von meim Vater mit eim von drüben her über der Grenz. Hab’ mich halt zammbstellt mit ihm. Sie dürfen’s ja wissen, aber – gelt, der Mena müssen S’ nix sagen, dass ich da war.“ Und mit langen Schritten, als fürchtete er einen Widerspruch, stapfte er in die Nacht hinaus.

   Ich trat in die Hütte. Der alte Lotter, ein Kretin, der mit knapper Mühe noch zum Dienst eines Viehhüters zu brauchen war, lag auf einer Holzbank und schnarchte. Mena saß auf einem niederen Schemel vor dem Herd und schürte das Feuer unter der großen, kupfernen Käspfanne. Bei meinem Gruß wandte sie rasch den Kopf, und als sie sich erhob, um mir die Hand zu reichen, blickte sie an mir vorüber nach der Tür.

   Ich sagte: „Heut bin ich allein.“

   „Ja, ich merk’s.“

   „Kann ich über Nacht bleiben?“

   „Warum net? Muss sich halt der Lotter aufs Bankl strecken.“

   Mena wandte sich zum Herd, schob die Käspfanne beiseite und stellte ein irdenes Gefäß mit Wasser in die Glut. Ich wunderte mich, dass sie so nachlässig gekleidet ging. Früher war sie immer hübsch beisammen gewesen. Wir plauderten: Vom Wetter, vom Trinkwasser, das bei der anhaltenden Hitze zu versiegen drohte, von Menas Kühen und Schafen. Schließlich brachte ich die Rede auf meinen langen Uhjei.

   „So a Lapp, so a lang gstrackelter!“, kicherte Mena und machte mit dem Kochlöffel einen Strich durch die Luft. „Je weiter mir der is, desto lieber hab’ ich ihn.“

   Armer Uhjei!

   Dein alten Lotter fiel ein Fuß über die Bank; für einen Augenblick verstummte sein Schlaf; dann grunzte er weiter.

   Das Feuer knisterte, und draußen klangen die Schellen der im Halbschlaf wiederkäuenden Kühe.

 

   Am Abend des vierten Tages kehrte ich aus München zurück. Wie freute ich mich auf meine Hobby und auf den folgenden Morgen, an dem ich zum zweiten Mal mit ihr ausziehen wollte auf die Entenbeize!

   Von ferne schon sah ich den langen Uhjei unter der Haustür stehen. Zum Schutz vor den Strahlen der Abendsonne hielt er eine Hand aber die Brauen gespannt. Er blickte auf die Straße, just, als ob er jemanden erwartete. War ich dieser jemand? Es schien so. Als er mich erblickte, ließ er den Am sinken und verschwand im Dunkel des Flurs.

   Er wird hinaufgehen in meine Stube, wird Hobby holen und wird sie mir auf der Hand entgegen tragen, dachte ich. In dieser Hoffnung betrat ich den Flur. Eine Weite blieb ich wartend stehen; nichts rührte sich.

   „Uhjei!“, rief ich laut.

   Keine Antwort. Doch an mein lauschendes Ohr klang es wie dumpfes Stöhnen; es schien aus der ebenerdigen Wohnstube meines Hauswirtes zu kommen. Ich trat über die Schwelle und sah vor mir am Tisch das Leiden Christi sitzen, mit niedergeschlagenen Augen, mit einem Gesicht, das noch blässer war als sonst.

   „Was ist denn mit dir?“

   „Mit mir?“ Uhjei erhob sich von der Holzbank, wobei sein Blick den meinen zu vermeiden schien, und strich das lange Haar aus der Stirn. „Schon wieder z’ruck? Schnell is gangen, ja. Grüß Gott!“

   Kopfschüttelnd betrachtete ich den seltsamen Menschen. Plötzlich kam mir ein Gedanke, der mir heiß das Blut in die Stirn trieb.

   „Uhjei? Wie geht’s meiner Hobby?“

   „Der Hobby?“

   „Also?“

   „Also ja, also –“ Er ging mit langen Schritten der Kammer zu. Als er wieder unter der Tür erschien, hielt er mir auf den ausgestreckten Händen den leblosen Körper meines Falken entgegen.

   „So geht’s ihr, der Hobby!“, knirschte er zwischen den Zähnen. „Aber a schlechter Kerl will ich sein, wann ich ebbes dafür kann.“

   Ich glaubte seinen Worten. Und glaubte seinen Augen. Schweigend nahm ich den Vogel, der bereits starr war; die Flügel ließen sich nicht mehr vom Leib heben.

   „Kannst du dir denken, was ihm gefehlt hat?“

   „Was ihm gfehlt hat, dem Vogel? Nix hat ihm gfehlt! Wie a kleins Kind hab’ ich ihn ghalten die ganzen Tag her. Gnau so, wie mir’s gsagt worden is, hab’ ich ihm alles gricht und geben. Heut in aller Fruh is er noch munter gwesen, dass er net besser hätt sein können. Vormittags um neune hab’ ich ihn noch eingspritzt mit Wasser, hab’ ihn aber nimmer selber in d’ Sonn tragen können, weil ich mit meim Vater aussi hab’ müssen ins Feld. Drum hab’ ich ihn drin in der Kammer am Boden angmacht, wo grad d’ Sonn recht schön hingschienen hat. Wegen der frischen Luft hab’ ich d’ Fenster auflassen, hab’ s’ aber mit die Fliegengitter verstellt. Und wie ich zum Essen heimkomm, is der Vogel daglegen und hat sich nimmer grührt. Und nix mehr hat gholfen! Z’erst hab’ ich mir denkt: Was wird der Herr sagen, bald er heimkommt! Nacher hab’ ich mir denkt: Wie kann jetzt dös gschehen sein? Und da hab’ ich gsucht und hab’ umanandgschaut –“ Uhjei fasste mich am Arm und zog mich hinter sich her in die Kammer. „Da! Schauen S’ amal da hin aufs Brettl.“

   Er deutete nach dem Fensterbrett. Als ich näher trat, gewahrte ich auf der blank gescheuerten Fichtenplatte, zwar schwach aber dennoch erkenntlich, die Nägelabdrücke zweier Bergschuhe. Ich rüttelte an dem Fliegengitter – es war von außen leicht zu öffnen.
   „Und wissen S’, wie die Krankheit heißt, die dem armen Tierl ans Leben gangen is? Mausgift! Da!“ Uhjei nahm den toten Vogel aus meiner Hand, öffnete den Schnabel und hielt ihn mir unter die Nase. Ein starker Phosphorgeruch oll aus dem Schlund des Falken. „Vergeben hat ihm einer! Und schwören will ich auf den, der’s gwesen is.“

   Er nannte keinen Namen, aber ich wusste, wen er meinte. An meinem wehrlosen Vogel also hatte der Heimtücker seine Galle gekühlt. Das war ein Stück nach seiner Art.

   Ich nahm den Falken wieder und fuhr ihm mit den Fingern durch den weichen Flaum der Brust. „Arme Hobby!“

   „Oh, der!“ Uhjei ballte die Fäuste. „Für jedes Gschöpf, dös ihm, in d’ Näh kommt, hat er Gift! Der! So oder so! Wann ich nur heut net fort wär aus’m Haus! Wann ich nur net fort wär!“

   „Mach dir keinen Kummer deswegen!“, tröstete ich den Burschen. „Morgen am Nachmittag steigen wir miteinander hinauf zum Falkenstein und fangen uns einen neuen Vogel. Den werden wir dann in Numero Sicher halten.“

   „Dem wird er nix mehr anhaben! Dem net!“ Uhjei neigte flüsternd seinen Mund zu meinem Ohr: „Fortkommen tut er. Er is Förster worden, da draußen wo im Niederbayrischen. Übermorgen geht er, ja! Keim Menschen hat er a Wörtl gsagt davon. Er wird schon wissen, warum. Ich hab’s aber doch erfahren, vom Schwaiger-Lenzl, der übermorgen dem neubachenen Förster sein bissl Hausrat führen soll. Dem Lenzl is der Handgaul marod worden, und drum is er gestern zu mir kommen, mein’ Schecken ausleihen. Da wird er sich aber jetzt brennen, der saubere Herr, der! Mit seiner Verschwiegenheit! Gestern auf d’ Nacht bin ich noch umanand grennt. Jedem von seine Weibsbilder hab’ ich’s z’wissen gmacht, der Huberwabi, der Kräutlerstasi, der Burgei drunt vom Rottmeister, der Lisei draußen, dem Meßner seiner Lenei und – und –“ Uhjeis Worte erloschen, und ein Schauer rüttelte seine lange Gestalt.

   Ich betrachtete den Burschen, und seltsame Gedanken stiegen in mir auf. „Komm, Uhjei! Wir wollen Hobby in den See versenken.“

   Wir gingen ans Ufer, banden dem toten Vogel einen Stein an die Fänge und warfen ihn weit hinaus in die Flut.

   Als ich ein paar Stunden später das Wirtshaus aufsuchte, um meinen Abendimbiss zu nehmen, fand ich Habach am Stammtisch der Forstleute. Er war von buttriger Freundlichkeit und bedauerte, neulich durch einen dienstlichen Gang verhindert gewesen zu sein, dem Probeflug meiner Hobby beizuwohnen. Er hätte das interessante Schauspiel für sein Leben gern gesehen.

   „Nun, wenn Ihnen die Sache so besonderen Spaß zu machen scheint“, warf ich hin, Habach scharf beobachtend, „ich fahre morgen mit Hobby wieder hinaus auf den See. Kommen Sie mit!“

   Ein stutzender Blick – und ich wusste, dass weder ich noch der lange Uhjei falsch geraten hatte.

   „Ja, ja, wird mir Vergnügen machen, dank schön! Wann fahren Sie?“

   „Nach Tisch, gegen drei Uhr.“

   Habach zögerte mit der Antwort. „Hm, schad, da bin ich verhindert. Morgen am Nachmittag muss ich a paar Bäum ausmessen, da hint droben.“ Er winkte mit dem Kopf nach irgendeiner Richtung. „Schad! Ich wär’ gern dabei gwesen.“ Dann stopfte er in seiner Pfeife die Glut nach. Den von der Asche beschmutzten Finger wischte er an das weiße Tischtuch.

   Weiter sprach ich kein Wort mit Habach und grüßte nimmer, als ich nach der Mahlzeit die Wirtsstube verließ. Beim Überschreiten der Schwelle wandte ich noch einmal das Gesicht und sah ein höhnisches Lächeln auf Habachs Lippen. Als mein Blick den seinen traf, hob er die Augen zwinkernd zur Stubendecke und paffte den Pfeifenrauch in die Höhe.

   Am folgenden Nachmittage stieg ich in Uhjeis Begleitung den schmalen, steilen Pfad zur Höhe des Falkensteines hinauf. Uhjei schleppte den großen Fangkorb, während ich den mit einem dunklen Tuch verhüllten Käfig trug, der die weiße Locktaube barg.

   Es war ein herrlicher Weg, den wir gingen. Uns zur Rechten zog sich der Berghang steil empor; klüftige Felswände oder sonnbeschienene Steinklötze schoben sich aus dem Wald hervor, in dem sich das lichtere Laub der Buchen wohltuend zwischen das tiefere Grün der Fichten mischte. Je mehr es in die Höhe ging, desto seltener wurden die Buchenkronen, bis sie endlich ganz verschwanden; dann zeigte sich schon da und dort das sanfte Blaugrün zierlich schlanker Lärchenwipfel, die schließlich, näher und näher aneinander rückend, die dunkle Farbe der Fichten überwanden. Uns zur Linken senkte sich der Berg, bald in wildem Geschröf, bald in steilen Laubgehegen. In der Tiefe lag der See wie ein großer, klarer, glatt geschliffener Saphir. Einige Boote schwammen gleich winzigen, braunen Hölzchen auf dem Wasser. Drüben am anderen Ufer bauten sich die Berge wieder empor, die im Sonnendufte ferner schienen als sie waren. Und je höher wir stiegen, desto zahlreicher tauchten die weißen, glänzenden Kuppen und Spitzen hervor über den ebenen Grat der jenseitigen Seewände. Wurde in einem der Kähne da drunten ein Echoschuss abgefeuert, so rollte und grollte der donnernde Hall minutenlang zwischen den Bergen hin und her, bis er in weiter Ferne sacht erlosch.

   Nun waren wir an Ort und Stelle. Mit einem Seufzer der Erleichterung setzte Uhjei seine zwar nicht schwere, doch unbequeme Last zur Erde; dann wischte er mit dem Rockärmel über die schweißbetropfte Stirn, lüftete den kleinen Hut und lockerte mit den Fingern das nasse Haar.

   Die Locktaube wurde in den aus dünnem Drahtgeflecht gebildeten Falkenkorb gebracht und der Korb an jenem Platz, der sich bereits bei Hobbys Fang als günstig erwiesen hatte, fängig aufgestellt.

   Als das geschehen war, rückte Uhjei seinen Hut und sagte: „Ich mein’, dass ich nimmer nötig bin? Oder?“

   „Warum fragst du?“

   „No, weil ich schon grad heroben bin, hätt’ ich halt a kleins Gschäftl, wichtig grad net, aber doch. Da droben hat mein Vater bei der letzten Versteigerung a paar Lärchenstämm kauft. Die kunnt ich mir a bissl anschauen, wann S’ nix dagegen haben?“

   „Gott bewahr! Geh nur!“

   „Mit Verlaub!“ Er reichte mir die Hand. Ruhig wandte er sich ab und tappte den schmalen Steig empor. Als er hinter den Bäumen verschwunden war, hörte ich, dass sein Schritt sich verschnellerte; fast schien es, als ob er liefe.

   Ich wusste, wohin er ging. Die Lärchenstämme seines Vaters lagen ihm gut. Aber eine Wegstunde bergaufwärts war die Alm gelegen, auf welcher Menas Hütte stand.

   „Zeit lassen!“ So grüßen im Hochland die Leute, wenn sie einen zu Berg steigen sehen.

   „Zeit lassen!“, hätt’ ich ihm gerne nachgerufen, dem guten, dummen Uhjei.

   Aber nun auf meinen Posten.

   Etwa hundertfünfzig Schritt von der Stelle, wo der Falkenkorb aufgestellt war, lehnte sich ein dichtes Buchengestrüpp an zwei mächtige Steinklötze. In diesem Gebüsch hatte ich mir schon beim ersten Falkenfang einen kleinen Raum unter dem Laub frei geschnitten und aus Steinen und Moos einen bequemen Sitz bereitet. Einzelne Lücken Im Laub gewährten genügenden Ausblick nach verschiedenen Seiten, während ich selbst von außenher im Dunkel des Gebüsches nicht gesehen werden konnte, nicht einmal von dem scharfen Auge eines Falken.

   Ich verbarg mich wieder in meinem Schlupf. Als ich eine halbe Stunde lautlos verbracht hatte, begann ich von Zeit zu Zeit auf einem kleinen Stück Birkenbast den Ruf des Sperbers nachzuahmen. Es stößt der Sperber, wenn er Beute gemacht hat, beim Zerreißen seines Mahles in gewissen Zwischenräumen einen scharf gellenden Schrei aus; durch diese schrillen Laute lässt sich der stärkere Falke herbeilocken, um seiner Kampflust zu genügen und dem schwächeren Räuber die Beute abzujagen.

   Eine Stunde war mir so verstrichen. Eben hob ich wieder zwischen den gespreizten Fingern meinen Birkenbast an die Lippen, als ich unter mir auf dem Steig die eiserne Spitze eines Bergstockes klirren hörte. Man kann das auf weite Strecken vernehmen, noch ehe man das Schrittgeklapper des Steigers hört.

   Still verharrte ich eine Welle. Dann unterschied ich, schon näher, den schweren Gang eines langsam bergansteigenden Mannes. Ich war über diese Störung ärgerlich und blickte durch das Laub nach einer Bodenwölbung, über die der Steig empor führt zu der ebenen Hochfläche. Jetzt tauchte ein Hut mit einer Spielhahnfeder auf, jetzt ein Gesicht – Joseph Habach, den Bergstock in den Händen, die Büchse hinter der Schulter, den brennroten Schweißhund an der in den Rucksackriemen eingeknüpften Leine.

   Als er die Höhe erreicht hatte, blieb er stehen. Seine Augen suchten. Nun schritt er weiter; der Hund, der mit erhobener Nase nach meinem Versteck windete, folgte ihm nicht gleich, so dass sich die Leine spannte.

   „Was hast denn schon wieder, Viech, dumms!“, knirschte Habach, riss den Hund an der Schnur in die Höhe, schleuderte ihn vor sich hin auf den Pfad und schlug ihm den schweren Bergstock an die schlanken Füße.

   Außer einem dumpfen Röcheln hatte das Tier bei dieser Misshandlung keinen Laut ausgestoßen. Mit eingekniffenem Schweif umkroch es seinen Herrn und schlich hinter ihm her, ab und zu noch scheu nach meinem Schlupf herüberschielend.

   Wieder blieb Habach stehen, blickte zwischen die Bäume, und nach einem kurzen Pfiff neigte er den Kopf auf die Seite, als lauschte er einer erwarteten Antwort.

   Alles blieb still. Nur ein leises Knistern ließ sich neben dem sachten Rauschen des Windes in den Baumwipfeln vernehmen; das war meine Locktaube, die mit dem Schnabel über das Drahtgitter des Fangkorbes streifte. Habach schien es nicht zu beachten.

#“Natürlich, jetzt kann ich wieder herwarten!“, hörte ich ihn unwillig vor sich hinbrummen.

   Nun stieg er vom Pfad auf den grünen Waldgrund, und schritt an mir vorüber einem Mooshügel zu, der, meinem Versteck kaum zwanzig Schritt entlegen, von einer weitästigen Buche überschattet war.

   Hier lehnte er Büchse und Bergstock an den weißgrauen Stamm, warf den Hut ins Moos und streckte sich gähnend auf die Erde. Der Hund ließ sich neben ihm nieder und legte den Kopf mit der Kehle zwischen die Vorderfüße.

   Während Habach von dem kleinen Hasenklee pflückte und die winzigen Blättchen zerkaute, lauerte sein Schweißhund herüber nach meinem Versteck. Sehen konnte mich das Tier gewiss nicht, sonst würde es wohl lange schon Laut gegeben haben; aber es witterte meine Nähe.

   Einmal, als ich einem besseren Ausblick zuliebe mit den Fingernägeln etliche Blätter von den Stielen zwickte, ließ der .Hund ein leises Winseln hören.

   „Luder! Sei stad!“, brummte Habach und schlug dem Hund die Faust an den Kiefer, dass es klapperte. Dann verschlang er die Hände hinter dem Nacken, ließ sich zurücksinken in das Moos und blickte gähnend hinauf in das dichte Laub der Buche.

   Plötzlich hob er den Kopf und spähte horchend dem Berg zu; ein Gleiches tat der Hund.

   Droben auf dem Steig waren Steine gegangen – (es sagen die Leute in den Bergen nicht: „die Steine rollen“, sondern: „die Steine gehen“) – und leichte Tritte wurden vernehmbar.

   Habach tat einen leisen Pfiff. Ein schüchternes Husten klang zur Antwort.

   Die Tritte kamen näher, jetzt verstummten sie auf dem weichen Moos, und zwischen den Bäumen erschien ein junges Mädel – Mena, der rundliche Gegenstand von meines langen Uhjeis verschwiegener Sehnsucht.

   Mena und Habach? Armer Uhjei!

   Das Mädel war in halber Feiertagstracht und hatte den Hut mit Blumen besteckt, wie sie droben auf den Almen wachsen. In der Hand trug die Mena ein weißes Bündel. Nun stand sie vor Habach und blickte eine Welle auf ihn nieder; er rührte sich nicht; nur der Hund rutschte schweifwedelnd näher und beschnüffelte den Rocksaum des Mädels. „Grüß Gott!“, sagte Mena leise.

   Habach wandte ihr den Rücken und brummte ein paar Laute, die ein wohlmeinender Hörer für eine Wiederholung des Grußes hätte nehmen können.

   „Bist schon lang da?“

   „Natürlich, gwiss anderthalb Stund.“

   „Geh!“ Bedauern und furchtsame Sorge sprachen aus diesem Wort. Neben Habach sich niederlassend, legte Mena begütigend die Hand auf seine Schulter. „Schau, musst net harb sein, ich hab’ mich sowieso noch tummelt. Um kei’ Minuten hätt’ ich ehnder kommen können. Und schau, ich hab’ dir ebbes mitbracht.“ Bei diesen Worten knüpfte sie ihr Bündel auf. Als sie die Zipfel des weißen Tuches über das grüne Moos breitete, kam ein Häufchen goldgelber Krapfen zum Vorschein, die appetitlich zu mir herüberglänzten. „Geh, lass dir’s schmecken!“

   Das ließ sich Habach nicht zweimal sagen. Er griff mit gnädiger Miene zu und schob einen Krapfen nach dein anderen zwischen die Zähne.

   Eine Welle sah ihm Mena schweigend zu; dann sagte sie: „Lang hab’ ich dich nimmer gschen.“

   „Passiert schon!“

   „Morgen wird’s drei Wochen.“

   „So? Ja, ja, kann sein. Mein Gott, der Dienst! Hab’ halt allweil viel zum schaffen jetzt. Wird mir selber bald z’dick.“ Habach runzelte verdrießlich die Brauen, und als Mena das sah, wollte sie ihm mit der Hand über die Stirn streichen. Er bog den Kopf zur Seite und brummte: „Vertu mir meine Haar net! Dös weißt: ’s Angreifen kann ich net leiden.“

   „Seit wann denn?“

   Habach kniff die Lider ein und schielte über die Nase nach dem traurig ernsten Gesicht des Mädels. Dann seufzte er, wie ein Lehrer über einen unfähigen Schüler zu seufzen pflegt, und griff nach dem letzten Krapfen. „Übrigens“, sagte er, kauend und schmatzend, „was is dir denn jetzt auf amal in’ Kopf gstiegen, dass d’ mich heut da auffi sprengst, mitten unterm hellichten Tag? Warum denn?“

   Mena glättete auf ihren Knien das von Habach sauber geräumte Tuch, faltete es sorglich zusammen und schob es in die Tasche Dabei sagte de. „Du kannst aber gspaßig fragen. Ich mein’, da braucht’s kein’ andern Grund als den, dass ich dich wieder amal sehen möcht.“

   „Ja, ja! Aber wann ich überall hingehn müsst, wo mich eine sehen möcht, da hätt’ ich den ganzen Tag zu rennen.“

   „Ah so! Dös hab’ ich mir net denken können, dass ich dir net mehr bin als wie jede ixbeliebig andere.“

   „Kreuz Teufel, fang solche Redereien auch noch anl So ebbes Dumms! Beleidigt1 Dös kann ich grad’ noch brauchen! Aber ich sag’s allweil: Bloß mit eim Madl musst dich einlassen, nacher bist gschlagen für deiner Lebtag!“

   „So?“, schluchzte Mena. „Jetzt, gelt? Und z’erst, da -“ Sie brach in lautes Weinen aus.

   „Natürlich!“, schimpfte Habach. „Jetzt wird gheult! Allweil rinnt ’s Wasser bei die Weibsbilder! – – Hör amal auf! – – Du! Aufhören sollst mit deim dappigen Gflenn!“

   Das ging nicht so schnell, als der gestrenge Herr befahl. Unwillig zog Habach mit beiden Händen den einen Fuß über das Knie. Als er die Sohle betrachtete, gewahrte er, dass er einen Nagel aus dem Beschlag verloren hatte. „Jetzt da schau her, jetzt fehlt da schon wieder a Nagel! Und heut in der Fruh erst hat er mir d’ Schuh bracht, der Lumpenschuster! No wart, den wann ich erwisch, den nimm ich bei den Ohren, dass ihm d’ Haar umfliegen!“

   Mena hatte das weiße Tuch wieder aus der Tasche genommen und die Augen getrocknet. Nun schneuzte sie sich, und während sie das Gesicht neigte, um den Schaden an Habachs Sohle zu betrachten, sagte sie: „’s Leder wird halt schlecht sein, dass d’ Nägel net halten.“

   Habach hatte aus der Westentasche ein Zündholz genommen, das er mit seinem großen blitzenden Weidmesser zuspitzte. Achtsam klopfte er das Hölzchen mit dem Hirschhorngriff in das Nagelloch der Sohle und schnitt das vorstehende Ende hart am Leder ab.

   „Musst halt net vergessen, wann d’ heimkommst, dass gleich an Nagel einischlagst!“, sagte Mena, während sie ein paar Mal noch durch die Nase schluchzte. Und an die früheren Worte anknüpfend, sprach sie leise weiter: „Ich hab’ schon noch an andern Grund auch ghabt, weswegen ich gestern vor der Taglichten den Lotter abigschickt hab’ zu dir: Du sollst heut wieder amal da warten auf mich, und ganz gwiss!“

   „Auf den Grund bin ich neugierig.“

   „Fürgestern auf’n Abend, ich hab’ grad abgmolken ghabt, da kommt einer eini zu mir in d’ Hütten. Ich hab’ ihn net gleich kennt, weil’s im Kaser schon ganz finster gwesen is. Aber an seiner Läng hab’ ich’s nacher gmerkt, es kunnt kein andrer sein als wie ’s Leiden Christi.“

   Habach wandte plötzlich den Kopf und blickte forschend unter die Bäume. Ein Geräusch war hörbar geworden, wie das Knacken eines dürren Astes.

   Mena musste dieses Geräusch überhört haben. Der hastigen Bewegung des Jägers mit verwunderten Augen folgend, fragte sie: „Was is denn?“

   „Ghört hab’ ich ebbes.“

   „Meinst, es könnt wer kommen?“, stammelte das Mädel erblassend.

   „Bewahr! Wer soll denn jetzt da auffi kommen? An Eichkatzl wird ’s halt gwesen sein! Aber sag, was hat denn dieselbig Hopfenstang bei dir droben zum schaffen ghabt?“

   „Der Uhjei? Gar nix! Auf der oberen Alm hat er a Gschäft ghabt, hat er gsagt, und da is er am Heimweg in meiner Hatten zukehrt, um a bissl z’rasten.“

   „Ich hätt’s ihm net graten, dass er ebbes anders mögen hätt!“, drohte Habach.

   „Geh, was redst denn jetzt da!“, schmunzelte das Mädel, dem dieser Ausbruch von Eifersucht die verlorene Laune wiedergab.

   In mir hatten Habachs Worte eine seltsame Erinnerung geweckt – die Erinnerung an einen Jagdhund, den ich vor Jahren besaß. Das war ein bissiges, knurriges Vieh. Wenn ich ihm am Abend nach erfolgreicher Jagd eine Schüssel mit gekochtem Aufbruch reichen ließ, fraß der Hund sich den Wanst an und blieb, wenn er voll war bis zum Hals, geifernd und zähnefletschend vor der Schüssel stehen, damit nicht einer der anderen Hunde noch am Rest sich gütlich täte. Er hatte auch sonst unleidliche Unarten; wäre er Mensch gewesen, so hätte er Konfessionen à la Strindberg machen können; ich war öfters daran, das entartete Biest zu erschießen. Ein Gamsbeck hat mir diese Mühe erspart; er stieß den Hund über eine turmhohe Wand hinunter; da haben die Füchse mit ihm abgerechnet.

   „Aber gelt“, sagte Habach, „recht loszogen wird er wieder haben auf mich?“

   „Der Uhjei? Ah na!“, beteuerte Mena, während sie an Habachs Seite rückte. „Kein Sterbenswörtl hat er gsagt über dich. Ich selber hab’ d’ Red auf dich bracht. Weil ich dich so lang nimmer gsehen hab’, is mir’s a Freud gwesen, dass ich von dir hab’ reden können.“

   „Dazu hättst dir an andern aussuchen können.“

   Sie schüttelte den Kopf. „Weißt es ja selber, dass die andern, was Bauernleut sind, net arg viel Guts von dir auf der Zung haben. Dös plagt mich allweil schiech, wann ich d’ Leut so reden hör von dirl“ Leiser fügte Mena hinzu: „Und was mir am ärgsten is – sie haben diemal an guten Grund, d’ Leut.“ Das Mädel stockte und fuhr sich über die Augen.

   Habach lachte.

   „Aber der Uhjei“, sprach Mena weiter, „freilich, loben hab’ ich dich grad auch noch net hören von ihm, aber gschimpft über dich hat er gwiss noch net. Wenigstens net zu mir. Net vielleicht, weil er ebbes weiß. Dass wir zwei ebbes haben mitanand, da hat kei’ Menschenseel an Gedanken davon. Er is halt so a guter Kerl! Nie noch hab’ ich von ihm an unbschaffens Wörtl über wen ghört. Aber so viel dumm is er halt! Dös kann ich net leiden an eim Menschen, der an Verstand haben soll. Also, ja, und wie wir so gredt haben von dir, da sagt der Uhjei: ‚Jetzt wird er froh sein, jetzt is er Förstner worden, und übermorgen zieht er um, ins Niederbayrische naus.’ Wie der Uhjei dös sagt –“

   Weiter konnte Mena nicht sprechen. Die beiden Fäuste auf die Schenkel schlagend platzte Habach zornig los: „Jetzt möcht’ Ich nur wissen, wie der langhaxige Schnufler dös wieder aussibracht hat! Und grad zu dir –“

   Habach hielt inne und sah verlegen auf Mena, die erblasst war und mit weit geöffneten Augen auf seine Lippen starrte.

   „Joseph!“

   „No ja, natürlich – was hast denn?“

   Joseph! Joseph!“ Leise weinend barg Mena das Gesicht in die Hände.

   Habach blickte mit gerunzelter Stirn hinunter in den See. Sein Hund sprang auf Menas Schoß, drängte sich an ihre Brust und beleckte ihr den Hals und das Ohr. Da riss ihn Habach an der Leine zurück und schlug ihm die Faust in die Flanke. „Kannst net liegen bleiben, du Schindviech!“

   „Was schlagst denn jetzt dös gute Hundl?“

   „Dös Viech soll liegen bleiben, wo ich’s haben will.“

   „Oder sag lieber: Weil dich ärgerst, dass dein Hund a Mitleid kennt! Joseph! Joseph! Schau, wie der Uhjei dös gsagt hat, is mir’s an Augenblick gwesen, als ob in mir drin alles ausanand ging! Aber gleich wieder hab’ ich mir gsagt: Na! Wann’s wahr wär, dass er Förstner worden is, da hätt’ ich doch die erste sein müssen, zu der er kommt und sagt: Jetzt, Mena, jetzt bin ich Förstner worden, jetzt lasst sich alles noch gutmachen, jetzt –“

   „No ja, Ich wär schon noch kommen.“

   „Na, Joseph! Ich glaub’ dir’s nimmer. In der ersten Stund hättst kommen müssen.“

   „Müssen! Müssen! Dös is a bissl viel gsagt. Ich hätt’ dir von draußt auch schreiben können.“

   „Jetzt brauchst ja net schreiben. Jetzt kannst ja redenl Ich bitt’ dich mit aufghobene Händ! Jetzt red, wie d’ reden musst aus gutem Gwissen!“

   „Mein, an Haken hat die Gschicht allweil! So ebbes geht net so gschwind! Wann ich da aussi komm als junger Förster, kann ich mir doch net gleich an Hausstand auf’n Hals laden. Haben tust nix – da wird net viel aussischauen mit uns. Gliebt is gleich, aber net glebt! Musst halt a bissl Verstand haben und musst denken, dass man’s in der Welt net allweil so haben kann, wie man’s möcht! Da muss man allweil mit der Halbscheid z’frieden sein!“

   Mena hatte die Hände in den Schoß sinken lassen und nickte müd’ vor sich hin. „Ja! Gschieht mir ganz recht! Was ich jetzt in mir drin spür – und was mir noch zusteht –“

   „No, mein, dös is noch net ’s Ärgste.“

   Mena schien diese Worte zu überhören. „So hat’s kommen müssen. Es hat nix anders ghört auf mein’ Hochmut. Gwusst hab’ ich’s, so gut wie die andern, was d’ für einer bist! Und alle kann ich dir hersagen, die drunt umanandlaufen so – ’s Burgei und d’ Stasi und ’s Wabei und d’ Liesl und d’ Lenei! Und ich hab’ mir einbilden müssen, dass ich die einzig wär’, mit der du’s ehrlich meinst, und die dich richten kunnt zu eim graden Menschen. Und jetzt! Den Blick von deine Augen, dem ich glaubt hab’, den soll unser Herrgott – – Na! Ich darf dir nimmer fluchen!“ Sie brach in Schluchzen aus.

   „So? So? Schöne Sachen sagst du von mir! Aber bist halt jetzt a bissl aufgregt und obenaus. Natürlich, schau, ich kann’s begreifen, wie schwer als dir’s ankommt. Ich weiß, dass d’ mich gern hast. Aber was is da z’machen? Es is halt wie’s is.“

   Ein Schauer rüttelte das Mädel. „Mir is völlig zum ersticken!“ Mena riss mit zitternden Händen das buntgeblumte Tuch von Brust und Schultern und presste mit den Fäusten das schwarze Mieder, dass die Haken leise krachend aus den Heften sprengen.

   „Drum schau, Mena – wär’s net gscheiter, wir gingen in Lieb und Güt ausanand, statt in Streit und Hader?“ Habach schlang den Arm um Menas Hüfte. „Warum sollen wir uns denn die letzte Stund verderben? Wär’s net schöner – schau, so viel gern haben wir uns ghabt, und jeds war z’frieden dabei. Schau, Mena, ich kann dir’s net sagen –“ Mit schmatzendem Kuss drückte er sein Gesicht an den runden Hals des Mädels. „Schau, kannst doch auch net so sein – geh, komm halt her –“

   Mir wurde unter meinem Laubdach unbehaglich zumute. Schon griff ich, um mich zu erheben, mit den Händen in die Äste, als mich ein erstickter Zornschrei aufblicken machte.

   Mit den Beinen in der Luft, Menas Tuch in Händen, taumelte Habach ins Moos, und vor ihm stand das Mädel mit kalkweißem Gesicht.

   „Joseph! Pfui Teufel! Bist du a schlechter Kerl!“

   Sie bückte sich, riss ihr Tuch aus den Fingern des Jägers und verhüllte die halb entblößte Brust. Winselnd sprang der Hund an ihr hinauf; mit beiden Händen fasste sie den Kopf des Tieres und drückte ihr Gesicht an seine Schnauze. Als sie sich aufrichtete, streifte sie Habach mit einem Blick des Ekels, wandte ihm den Rücken und schritt unter den Bäumen dem almwärts führenden Steig zu.

   Habach sah ihr nach, mit einem Gesicht, aus dem Verblüffung, Wut und sinnliche Gier in komischer Mischung sprachen. „Meintwegen, geh zum Teufel!“ Er versetzte seinem Hund einen Fußtritt, der das Tier aufheulen machte. „Gelt, dös hast gspürt!“ Mit der Faust den Rücken reibend, erhob er sich, griff nach Büchse und Bergstock, setzte den Hut schief über ’s Ohr, und einen Ländler pfeifend, stapfte er talwärts.

   Als in der Tiefe der Hall seiner Tritte verklang, erhob ich mich, teilte mit den Armen das Gebüsch und trat hervor auf den offnen Waldgrund.

   Da sah ich den langen Uhjei stehen, dicht neben dem Abgrund an den Stamm einer Fichte gelehnt. Sein Gesicht schien wie aus grauem Stein gehauen, und weißumrändert ballten sich die Augen aus den verquollenen Lidern.

   Ich rief seinen Namen. Er rührte sich nicht. Rasch ging ich auf ihn zu und rüttelte ihn am Arm. „Mensch? Wo kommst du her?“

   Mit der Hand deutete er hinunter nach der steil abstürzenden Felswand.

   Ich erschrak. Seine Kleidung war weiß bestaubt, seine nackten Knie waren zerschunden, und an seinen Fingern quoll das Blut unter den Nägeln hervor.

   Nun kam Leben in seine Gestalt. Mit zitternden Armen suchte er mich beiseite zu drängen. „Lassen S’ mich – ich muss fort – ich hab’ a Gschäft!“

   „Uhjei! Mach keinen Unsinn! Er hat seine Büchse.“

   „Er? Ah na! Dem will ich nix! Der is kein Bröserl Sünd nimmer wert.!

   „Wohin willst du?“

   „Zu der Mena ihrem Vater.“

   „Und willst ihm sagen –“

   „Ja! Ihrem Vater will ich sagen, dass ich d’ Mena haben will – zum Weib.“

   „Bist du verrückt?“

   „Verruckt? Na! Bloß verliebt.“

   Es war in diesem Wort ein Ton, der mir an die Kehle griff. „Uhjei? Du bist wohl in der letzten Stunde nicht weit von dem Platz da gewesen?“

   „Gar net weit. Und mehr hab’ ich ghört, als ich gwusst hab’! Ehnder wann ich mir dös alles hätt’ denken müssen – ich glaub’, es hätt’ mich umbracht. Jetzt muss ich an ’s Madl denken. Wie ich halt schon bin – so a guter Kerl – aber halt so viel dumm! Wer weiß, vielleicht kann’s jetzt an Dummen brauchen? Da muss ich herhalten. Ich muss, Herr, ich muss! Ob ich mag oder net. Ich muss! Es is so mit der Lieb. Haben will s’ ebbes. Und wo s’ ihr Sach net kriegt, wie sie’s möcht, da nimmt sie’s halt, wie sie’s kriegt. Oder sie frisst ein’ auf. Leben will jeder. Und bin ich’s denn anders gwöhnt? Der Vater wirft mir den Brocken Fleisch auf’n Teller, den er nimmer mag. D’ Arbeit, die keim net passt, die hat man allweil mir noch gschafft. Im Wirtshaus, der Wirt, die letzte Neiglhalbe, die er keim nimmer z’geben traut, die stellt er mir noch hin. Ich kenn’s net anders. Warum soll mir’s in der Lieb anders fürgsetzt sein?“ Uhjei schwieg eine Weile. Schwer atmend hob er den Kopf. „Jetzt muss ich fort! In einer halben Stund bin ich drunt. Z’reden is net viel. Da kommt er grad noch auffi vor der Nacht, der alte Bräundler – auf d’ Alm zu seim Madl. Ich denk mir, sie wird sich leichter schlafen, d’ Mena, wann ihr der Vater heut noch sagt, sie kunnt in vierzehn Täg schon Hochzeit machen – wann’s auch bloß mit mir is!“

   Er mied meinen Blick, als er taumelnd davon schritt. Je mehr er sich entfernte, desto fester streckte sich seine Gestalt.

   Plötzlich vernahm ich aus den Wipfeln der Bäume ein heftiges Flattern, ein lautes Zerren und Rütteln.

   Ein Falke hatte sich gefangen.

   Ich gab ihm die Freiheit wieder.

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