Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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Drei Wilddiebe

   Von drei Wilddieben will ich erzählen.

   Die Bekanntschaft mit dem ersten hat sich übel ausgezahlt, für uns alle beide, für den Wilddieb und für mich.

   Als kleiner Junge – damals saß mein Vater in einer Oberförsterei auf dem Land – hatte ich eine heiße Freude an allem, was Handwerk heißt. Bei Schreiner und Schmied, bei Schneider und Drechsler, bei Schuster und Sattler, beim Maler und Vergolder war ich so gut zu Hause wie in meiner eigenen Stube. Aber dann kam eine Zeit, in der mich der Schneider alles anderen ehrlichen Handwerks für eine Weile vergessen ließ. Das war die Zeit, in der die Nähmaschine ihren Weg in die Dörfer fand. Beim Schneider hatten sie eine. Und da konnte ich stundenlang stehen, mit dem Kinn über das Tischchen der Maschine gelehnt, und dem hurtigen Auf und Nieder der Nadel zugucken.

   So stand ich eines Abends wieder beim Schneiderhannes, der die Nadel der Maschine surren ließ, diesmal in ganz besonders langen Nähten, denn er baute einen Talar für den Herrn Kaplan.

   Da kam der Jäckelesveri zur Tür herein, ein junger Bursch, dem ich nicht besonders grün war, weil er mich in seines Vaters Teich die Schleien nicht wollte fangen lassen. „Du, Hannes“, sagte er, gleich bei der Tür, „morgen geh’ i mit der Latten aussi. Gehst mit?“

   „Aber Verl!“ Der Hannes warf einen Blick auf mich. „Bist denn narrisch?“

   „Ah was“, lachte der andere, „über kloane Häufln steigt man leicht ummi! Ins Brandtwaldl schaug 1 auffi. Tuast mit?“

   „In Ruah lass mi!“

   Diese Worte sind mir In Erinnerung geblieben. Aber damals wusste ich nicht, dass die beiden auch von mir redeten. Nur das Wörtchen ‚Latte’ war mir aufgefallen. Mit Latten nagelt man einen Zaun um den Hundsstall. Aber was tut man mit einer Latte im Brandtwald?

   Als ich heimkam zum Abendessen, fragte ich gleich: „Du, Papa, was macht man denn mit einer Latte im Brandtwaldl?“

   Der Vater sah mich sonderbar an. „Warum fragst du denn das?“

   Ich erzählte. Und fragte wieder: „Was will denn der Veri mit der Latte?“

   „Wart nur! Das sag’ ich dir morgen.“

   Sonst ging der Vater immer eine Stunde vor Tagesanbruch auf die Pirsch. Damals aber ging er schon um elf Uhr in der Nacht. Und am anderen Morgen – es war ein Sonntag – als wir Kinder bei der Mutter am Kaffeetisch saßen, kam er heim und brachte neben seiner eigenen Büchse noch ein altes, langes Gewehr. „Schau, Bubele“, sagte er lachend, „das ist dem Veri seine Latte!“

   Meine Mutter war erschrocken aufgesprungen. „Gustl? Hat’s was gegeben?“

   „Gott bewahrl Ich hab’ mir nur den Veri in die Kanzlei bestellt. Und wenn er kommt, dann lass uns nur schön allein!“ Der Vater trank seinen Kaffee, und bevor er aus der Stube ging, nahm er die Hundspeitsche vom Rechen. Unkas, der Hühnerhund, und die beiden Dackeln fuhren wie der Blitz unter den Ofen. Aber sie kamen mit dem Schreck davon, denn der Vater nahm die Hundspeitsche mit sich fort, ohne sich um das schlechte Gewissen zu kümmern, das der Unkas und die beiden Dackeln verraten hatten.

   Um zehn Uhr, nach dem Hochamt, als ich bei meiner Schulaufgabe saß, hörte ich aus der Kanzlei ein jammervolles Schreien und Heulen. „Das kann doch nicht der Unkas sein?“ Neugierig lief ich hinüber – und da kam der Jäckelesveri zur Tür herausgefahren, mit beiden Händen an seiner Hose zerrend, deren Bund bei den Knien hing. Sein Gesicht war so weiß wie das Sonntagshemd, das unter der Joppe herausguckte. Als er mich sah, ließ er mit der rechten Hand die Hose fahren – zog aus – und schlug mir eine Gesunde hinters Ohr. „Lausbua, drecketer!“ Dann riss er die Hose hinauf und sauste durch die Haustür in den Hof.

   Weinend die Backe haltend, rannte ich zu meinem Vater. Der strich mir lachend mit der Hand übers Haar. „Weißt, Bubele, man muss für seinen Beruf auch leiden können! Aber tu dich trösten! Der Veri hat’s noch viel ärger bekommen!“

   Auf dem Schreibtisch sah ich die Hundspeitsche liegen, deren geflochtener Riemen in Fransen gegangen war. Und wirklich, dieser Anblick tröstete mich!

   Seit damals weiß ich also, was eine Latte ist.

   Übrigens, weil in dieser Geschichte vom Unkas die Rede war, soll sie noch einen Nachtrag bekommen – die Erinnerung an ein charakteristisches Jägerwort.

   An jedem Mittwoch, vom Frühjahr bis zum Herbst, hatten die Honoratioren des Dorfes vormittags um zehn ihren Kegelschoppen beim Rollewirt. Das war auch immer eine Generalversammlung aller Hunderassen, denn der Doktor hatte einen Mops, der Pfarrer zwei schwarze Spitze, der Benefiziat einen melierten Pinscher, der Aufschläger einen Pudel, der Förster eine stichelhaarige Bracke, mein Vater die beiden Dackeln und den Unkas. Stellt euch vor, was da gerauft wurde! Das Bein unter dem Tisch war nie seiner Wade sicher. Unkas machte immer kurze Arbeit, beutelte als Hund eines liberalen Herrn die schwarzen Spitze und den Pinscher ab – und dann verschwand er, um das Wirtshaus nach etwas Verschlingbarem zu durchsuchen. Die Würste und Schinken im Räucherofen, die Schmalztöpfe im Keller, die Schüsseln in der Milchkammer und die Eier in den Hühnernestern waren vor seiner Spürnase nicht sicher.

   Eines Mittwochs hatte die Rollewirtin für ihre zahlreichen Dienstboten die landesüblichen Rohrnudeln gebacken und hatte die sechzig Nudeln aus drei irdenen Rainen auf das Steinpflaster der Küche gestürzt, damit sie auskühlen sollten – wenn sie warm auf den Tisch kommen, ‚schlupfen’ sie viel zu leicht und geben nicht aus.

   Den feinen Duft, den die Nudeln verbreiteten, hatte Unkas, der große Finder, bald in der Nase. Und als die Rollewirtin unter Geschrei mit dem Besen dazwischenfuhr, war nur noch eine einzige Nudel übrig. Mit kreischendem Jammer rannte das Weib zur Kegelbahn: „Jesus, Jesus, Jesus, Herr Oberförstner, Enker Unkas hat mer neunafufzig Rohrnudeln aufgefressen!“

   Da sagte mein Vater in aller Gemütsruhe: „Das tut ihm nix!“ Wie da gelacht wurde! Sogar die Rollewirtin musste mitlachen.

   Und jetzt die Geschichte vom zweiten Wilddieb. Die ist weniger lustig.

   Zu jener Zeit, in der ich das Gymnasium besuchte, hatte mein Vater einen Forstgehilfen mit Namen Thomas Bauer. Das war ein stiller, wortkarger Mensch, der mich Jungen in sein Herz geschlossen hatte. Saß er in Gesellschaft der Honoratioren, so rauchte er stumm seine Pfeife – war er mit mir allein, so konnte er stundenlang schwatzen und erzählen. Und immer, wenn ich heimkam in die Ferien, hatte er eine Jägerfreude für mich bereit.

   Da war es nun nach meinem zweiten Gymnasialjahr. Am vierten August, gegen Abend, kam ich von Augsburg heim. Der Thomas stand schon im Hof und wartete. „Ludwigle, an Rehbock woaß i! Den schießen mer heut!“ Der Vater sah es nicht gerne, dass ich gleich am ersten Abend hinauslief. Aber die Mutter sagte: „Geh, lass ihn doch!“

   Um halb sieben marschierten wir los. Wir hatten nur eine Stunde bis ins Mühlgehau, wo der Rehbock stand – da kamen wir gerade recht zur besten Pirschzeit. Wie das Wetter war, das weiß ich nimmer. Damals hatte ich noch kein Auge für die Natur. Ich sah nur immer dem Thomas ins Gesicht, der das herrliche Geweih des Bockes schilderte und den Plan für den Pirschgang entwarf. Weil der Bock auf eine große Waldwiese austrat und sich als ‚alter Schlaumaier’ gern in der Mitte der Wiese hielt, bis wohin vom Waldsaum aus ein Schrotschuss nimmer reichte, drum wollten wir’s so machen: Ich sollte von rechts her an die Wiese kommen, der Thomas von links; stand nun der Bock auf einen Schuss, dann war’s ja gut; stand er aber in der Mitte der Wiese oder weiter nach links, dann wollte der Thomas mir den Bock auf Schussweite zutreiben. Und nach der Uhr mussten wir das machen: Ich sollte meinen Weg so einrichten, dass ich genau fünf Minuten vor acht Uhr, beim letzten Büchsenlicht, an den Saum der Wiese käme.

   „Also, Weidmannsheil, Ludwigle!“

   Wir trennten uns. Und ich hielt mich an meine Vorschrift wie ans Schnürl. Sechs Minuten vor acht Uhr. Mit klopfendem Herzen, die Schrotflinte schussfertig in den Händen, pirschte ich durch den dunkelnden Wald auf den Saum der Wiese zu, die ich in ihrer Dämmerung schon zwischen den Bäumen schimmern sah.

   Da kracht ein Schuss. Jetzt hat der Thomas den Bock selber geschossen! Denke ich mit enttäuschtem Jägerherzen, spanne die Flinte ab und nehme sie auf den Rücken. Draußen, im halben Licht der Wiese, seh’ ich einen Menschen laufen. Natürlich den Thomas! Wen denn sonst? Und den Rehbock muss er haben, weil er sich niederwirft ins Gras. Ich fange zu rennen an, und wie ich hinauskomme auf die Wiese, rufe ich: „Aber geh, Thomas, jetzt hast du mir –“

   Beim Klang meiner Stimme springt der Mensch dort auf und reißt ein Gewehr an die Wange, im Anschlag gegen mich. Nur verwundert war ich, nicht erschrocken. Im gleichen Augenblick feuert’s vom anderen Waldsaum her, der vermeintliche Thomas schlägt ein Rad in die Wiese, und vom Waldsaum herüber kommt ein Zweiter gelaufen – Thomas der Wirkliche! Keuchend reißt er das Gewehr des Wilddiebes an sich. „Lump, miserabliger!“ Seine Stimme schrillt wie eine Weidenpfeife. „Auf so a Büable taatst schießen!“ Während der Wilddieb aufstand und sich wimmernd wieder ins Gras setzte, kam der Thomas auf mich zugegangen, den Rehbock hinter sich herschleifend, die beiden Gewehre auf dem Rücken. Er warf den Bock in eine dichte Staude und fasste meine Hand. „Komm, Ludwigle!“

   Ich war vom Schreck wie versteinert. Und hörte gar nicht, was mir Bauer erzählte, während er mich an der Hand in den finstern Wald hinauszog. Als mir die Sprache kam, sagte ich: „Thomas! Wenn er stirbt!“

   „Ah was! Der stirbt net! I hab’ eahin bloß d’Haxen a bissl gsalzen.“

   Auf der Landstraße schlugen wir einen Laufschritt an. Als wir das Dorf erreichten, rief der Thomas gleich bei einem der ersten Gehöfte über den Zaun: „Bäuerin! Auf der Mühlwiesen konst dein Bauern holenl Gwildert hat er.“

   „Jessas, Jessas“, fing das Weib zu jammern an, „aber allweil hab’ i’s eahm gasagt! Jetzt hat er’s! Hast’n gfahrli auffipelzt?“

   „Ah na! Aber schau, dass d’ aussi kommst! Dös is von die Wehleidigen oaner!“ Und an der Hand zog mich der Thomas mit sich fort, zur Post, die im nächsten Haus war. Hier schickte er an die Gendarmeriestation ein Telegramm, dessen Wortlaut ich mir gemerkt habe: „Einen Lumpen hinauf geschossen, ich selbst gesund, Gendarm soll kommen, Forstgehilf Bauer.“ Weil es mit der Adresse vierzehn Wörter waren, korrigierte er ‚hinauf geschossen’ in ‚angeflickt’ und strich noch drei Wörter: ‚einen’, ‚selbst’ und ‚soll’. Also lautete die Depesche: „Lumpen angeflickt, ich gesund, Gendarm kommen, Forstgehilf Bauer.“

   Als wir ins Freie traten, sahen wir die Bäuerin mit dem Ochsenfuhrwerk gemütlich die Straße hinauskutschieren. Auf dem Leiterwagen hatte sie Pechen und Sense, als führe sie so spät noch auf den Acker, um Klee zu holen.

   Daheim im Forsthaus erstattete Thomas den Rapport. Mein Vater sah mich mit einem Blick des Vorwurfs an: „Siehst, Bub, wärst du am ersten Abend daheim geblieben, so hättest du dir ein bösen Merk fürs Leben erspart!“

   Dann wurde zum Bürgermeister marschiert, um das Protokoll festzulegen, bevor die Gendarmerie käme. Und der Doktor wurde gebeten, nach dem angeflickten Wilddieb zu sehen.

   So weit wäre die Sache nicht bedenklich gewesen – Thomas erklärte, dass der Wilddieb nur eine leichte Verwundung hätte, ein Pflaster von Hühnerschroten auf Quartier und Beinen. Aber eine Stunde später lag im Nachbarhaus der Post ein toter Mann. Die halbe Komödie war durch den Unverstand der Bäuerin zum Trauerspiel geworden. Sie hatte den Mann gefunden, wie er schon auf dem Heimweg war, hatte ihn auf den Leiterwagen gehoben – und um kein Aufsehen im Dorf zu verursachen, hatte sie noch ein Stück ihres Ackers gemäht und den Verwundeten mit dem frisch gemähten Schober gründlich zugedeckt. Bis sie ihn heimbrachte, war der Wilddieb unter dem schwerrn, nassen Klee erstickt.

   Fünf Monate später war die Schwurgerichtsverhandlung. Ich musste auf Handschlag aussagen und Thomas Bauer wurde freigesprochen. Man versetzte ihn nach einem anderen Forstamt und ich hab’ ihn im Leben nicht wieder gesehen.

   Nun die letzte Geschichte. Wieder eine heitere!

   Ich jagte damals in der Nähe der Jachenau, und saß eines Abends mit dem führenden Jäger, dem Gasteiger-Toni, auf den Griesfeldern unter der Benediktenwand, um den Auszug eines Gamsbockes zu erwarten. „Der muaß kemma“, schwor der Toni, „und her muaß ’r, dass koa Büchs net brauchst! Mit’m Bergstecken konst ’n abstechen!“ Richtig sahen wir auch, bevor es noch zu dämmern begann, den Bock auf zweihundert Meter durch ein Latschenfeld heranziehen. Plötzlich pfiff er und sauste in den sicheren Wald hinunter.

   Der Toni fing zu fluchen an. „Da hocken mer im besten Wind! Ja Himi Herrgott, was muaß ’r denn ghabt haben?“

   Steine rollten unter der Benediktenwand, und der Toni riss mich hinter eine Latschenstaude. „Ducken S’ Eahna! Da kummt oaner!“ Auf dem Bauch liegend, spannte der Jäger die Büchse. Aber weil in mir die Erinnerung an den Schmiedbartl noch lebendig war, den ich zwei Jahre früher das ewige Bad hatte nehmen sehen, legte ich meine Hand auf das Rohr des Jägers. „Toni! Geschossen wird nicht!“ Doch diese Mahnung war überflüssig. Denn der Jäger machte ein verdutztes Gesicht, und während er den Wilddieb musterte, der gemütlich über das Griesfeld einher spazierte, schien ihm die Lust zum Lachen näher zu sein als der Zorn und die Jägergalle.

   Ein merkwürdiger Kerl, dieser Wildschütz! Sein Gewehr war lang und dünn wie eine Araberflinte. Und ein Gewand trug er, das an den Habit der Pilger in Wagners Tannhäuser erinnerte. Auch den braunen, breitrandigen Hut mit der aufgebundenen Krempe hatte er. Und auf dem Schultermäntelchen blinkten zwei weiße Muscheln.

   „Meiner Seel, dös is der Moosmillersepp vom Wackersberg! Der hat’s Fußbadergwand von seim Vater an!“ Der Toni meinte das Pilgerkleid, das der dreiundachtzigjährige Moosmiller zu München in der Karwoche bei der ehrwürdigen Zeremonie der Fußwaschung getragen hatte.

   Dem Volk ist das Heilige nicht immer heilig!

   Also – Sepp, der fromme Pilger, übernahm die Rolle, die der Toni dem Gemsbock zugedacht hatte: Er spazierte uns so knapp vor die Stiefel her, dass man ihn mit dem Bergstock hatte abstechen können.

   Ganz freundlich sagte der Toni: „Grüaß di Gott, Sepp! Was machst denn da?“

   Im ersten Schreck ließ der Wilddieb die Araberflinte fallen und stotterte: „Sssso? Seids aa mitanand a bissl auffi?“

   Dieser Humor der Verlegenheit weckte im Toni einen Zorn, dessen psychologische Motive mir dunkel blieben. Er fuhr mit einem Fluch vom Boden auf, packte den braven Pilger an der bemuschelten Brust und fing mit der Faust ein so derbes Dreschen an, dass ich als Friedensengel intervenieren musste.

   Kaum hatte der Sepp ein bisschen Luft bekommen, da raffte er mit beiden Händen die lange Kutte in die Höhe, rannte über das Griesfeld hinunter und schimpfte dabei wie ein Rohrspatz.

   Das gab für uns beide einen lachenden Heimweg!

   Und dann im Herbst – ich dachte schon nimmer an den frommen Pilger von Wackersberg – bekam ich eine Vorladung zum Gericht in Tölz. Bei einem Rechtshandel ‚wegen Körperverletzung’ sollte ich als Zeuge eine Aussage machen! Resultatlos zergrübelte ich mir den Kopf mit der Frage, um was es sich bei dieser Vorladung handeln könnte? Ich war doch nirgends Zeuge einer Schlägerei gewesen, bei der es blutig zugegangen!

   Nun denkt euch meine Verblüffung, wie ich in der Tötzer Gerichtsstube den Moosmillersepp als Kläger vorfinde, der behauptete, dass ihm der Gasteiger-Toni auf der Benediktenwand drei Stockzähne ausgeschlagen hätte. Am Morgen nach erlittener Misshandlung wäre der Moosmiller wieder zum Tatort hinaufgestiegen, hätte die ihm fehlenden Zähne gesucht und unter Anrufung des heiligen Antonius – der bekanntlich fürs Finden gut ist – auch wirklich gefunden. „Wissen S’“, sagte er zum Richter, „i bin oaner, der nix hint lasst!“

   Unter meinem Eid musste ich zugeben, dass der Toni sich schon ein bisschen gerührt hätte. Aber so gefährlich wäre die Sache nicht gewesen. Und von ausgeschlagenen Zähnen wüsste ich nichts. Da hätte der Sepp doch bluten müssen!

   Aber die drei Stockzähne lagen als corpora delicti auf dem Tische der Gerechtigkeit.

   Ich wagte die Frage: Ob denn die drei Zähne dem Moosmillersepp auch wirklich fehlen – und ob das seine Zähne wären?

   Vor Richtern und Zeugen musste der Pilger aus Wackersberg den Rachen aufsperren. Und wahrhaftig – drei unbestreitbare Zahnlücken, in denen sich das Zahnfleisch noch nicht völlig geschlossen hatte, schienen die Wahrheit der Klage zu beweisen. Zur exakten Konstatierung des Sachverhaltes wurde noch der Doktor gerufen. Nach genauer Untersuchung erklärte er: Das wären drei schöne, beneidenswert gesunde Stockzähne, unleugbar auch die Zähne, die zu den Zahnlücken des Moosmillersepp gehörten – aber merkwürdig an diesem Befund wäre die Tatsache, dass sich deutlich an jedem Zahn die Spur des Schlüssels erkennen ließe, mit dem der Dorfbader die kurzlederne Menschheit vom Zahnweh zu erlösen pflegt.

   Um den Gasteiger-Toni einzutunken, hatte sich der Sepp drei tadellose, blinkweiße Zähne reißen lassen – mit dem Erfolg, dass er wegen falscher Anzeige und Irreführung des Gerichtes zu drei Wochen Arrest verknurrt wurde – eine Woche für jeden Zahn! Eine wahrhaft biblische Gerechtigkeit!

   Natürlich wollte er seine Unschuld beschwören, aber aus triftigen Gründen zündete man dem frommen Pilger aus Wackersberg die geweihten Kerzen nicht an.

   Tief gekränkt, mit der Miene eines Märtyrers die Achseln zuckend, brummte er: „Unseroam glaubt man halt nix! Da müassen bald andere Zeiten kumma!“

   Als man ihm die drei Zähne zurückgab, schob er sie vorsichtig in die Westentasche. „Jetzt lass i mer s’ wieder einsetzen! Mir wachsen s’ schon wieder an! ’s Blüat la guat bei mir!“

   Vom Erfolg dieses Pflanzversuches hat mich der fromme Pilger aus Wackersberg zu meinem Bedauern nicht verständigt.

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