Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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Hans Dauerhaft

   Ich wollte die Pirsche ins Blaueis machen. „Da kann ich Ihnen gute Jagd versprechen“, sagte der Forstmeister, „und zur Führung geb’ ich Ihnen den besten unter all meinen Jägern mit.“ Dann rief er zur Tür hinaus: „Franzi, spring hinauf zum Dauerhaft, er soll gleich kommen, einen Jagdgast führen.“

   „Dauerhaft?“ In meiner Schwäche für absonderliche Namen spitzte ich die Ohren. Aber als der Jäger in die Stube trat, meinte ich, dass sein Aussehen nicht ganz seinem Namen entspräche. Obwohl er kaum ein paar Jährchen über die Vierzig hatte, war er doch vom Leben schon übel mitgenommen. Ein magerer Kerl mit wild verwittertem Gesicht. Die linke Schläfe war von einer großen, ausgefransten Narbe bedeckt und über dem linken Auge, dessen Lid gelähmt schien, lag’s wie ein feiner, milchiger Flor. Aber das rechte Auge hatte blitzenden Glanz. Über der hohen, runzligen Stirn starrten dünne Haare von verwaschenem Braun durcheinander, ein fadenscheiniger Backenbart, der schon ergrauen wollte, hing ihm langsträhnig auf die Brust herunter, das Kinn und die schmalen, strengen Lippen waren rasiert; aus den Ohren standen zwei kleine, schwarze Schnauzbärte heraus. Und Hut, Joppe, Lederhose und Strümpfe, alles war so verbraucht und gleichmäßig grau, dass er aussah wie eine Steinsäule.

   Er musterte mit forschendem Blick meine Ausrüstung und mein Gestell. Dabei riss er das rechte Auge rund auf, während sich das weiße Lid des linken straff über den verschleierten Augapfel spannte. Zufrieden nickte er und sagte mit einer harten, langsamen Stimme: „Mit Eahne lasst si scho ebbes riskieren.“ Er meinte eine Pirsch, auf deren beschwerliche Weg man schließlich nicht jeden Jagdgast fahren durfte.

   Als wir aus dem Garten des Forsthauses hinaustraten auf die sonnige Straße, fragte ich: „Was glauben Sie, Dauerhaft, werden wir einen guten Gamsbock heimbringen?“

   „Wann S’ net patzen! Aber gelt, Sie, i hoaß fei Fest! Johann Fest! Meintwegen können S’ mi Hans hoaßen. Dös sagt si gschwinder.“

   Ich lachte. „Vom Forstmeister hab’ ich nur den anderen Namen gehört. Wie ist denn das gekommen, dass Sie den bekamen?“

   „A bissl viel übertaucht hab’ i halt!“ Er schmunzelte. „Allweil is mer’s graten.“ Mit dem Rücken der braunen Hand, die sich in ihrer Magerkeit ansah wie eine Adlerklaue, strich er über das umflorte Auge. „’s letzt Mal halt, da is mer a bissl ebbes blieben.“ Dann begann er von den Aussichten zu schwatzen, die uns der Pirschgang ins Blaueis versprach. Dabei nahm er den Mund nicht voll. Doch am Abend brachte er mich auf einen alten Schlaumeier von Gamsbock mit einer ausgetüftelten Raffiniertheit zu Schuss, die dem Spürsinn eines Indianerhäuptlings alle Ehre gemacht hätte. Es war etwas Raubtierähnliches, etwas ursprünglich Wildes in der Art, wie er lauschend den mageren Hals reckte, lautlos schleichend einen Schritt vor den anderen setzte, beim Anblick des Wildes zu zittern begann und nach meinem Schuss einen Sprung machte, als müsste er dem stürzenden Wild noch eine Kralle in den Nacken hauen.

   Ich habe nur selten mit einem Jäger so reiche Jagderfolge erzielt, wie mit dem Dauerhaft. Dennoch hab’ ich nicht gerne mit ihm gejagt. Stille Beschaulichkeit, Freude an einem leuchtenden Morgen, am Glanz eines reinen Abends – dieses ruhige Trinken aus dem Schönheitsbrunnen der Natur, das mir der liebste Reiz an allem Weidwerk ist – für so was hatte der Dauerhaft keinen Sinn. Bei ihm hatte man immer den brennenden Schweiß auf der Stirn und das hämmernde Herz bis heroben im Hals. Nach jeder Pirsch musste ‚was liegen’. Sonst war der Hans in unerträglicher Laune und fluchte wie ein Berserker. Aber wenn er am Abend bei der Heimkehr in die Jagdhütte sagen konnte: „Heut liegt ebbes, und ebbes Guts!“ – dann konnte er kreuzfidel sein und bis in die späte Nacht hinein so lustig schwatzen, als hätte er einen guten Schoppen über den Durst getrunken. Bei solchen Plauderstunden bekam ich nach und nach fast alles zu hören, was der Dauerhaft ‚übertaucht’ hatte. Und das war viel! Dreiundzwanzigmal hatte die bleierne Bohne hinter ihm hergepfiffen. Eine hat ihm das linke Ohrläppchen weggerissen, bei nächster Gelegenheit war ein fingerlanges Stück Rippe mitgegangen, dreimal hatten sie ihn ‚woach’ durch den Schenkel geschossen – „aber“, sagte er, „passiert is mer nie ebbes!“ – eine Tatsache, an die er das Urteil zu knüpfen pflegte: „Net amal schießen können s’, dö Saulumpen, dö miserabligen!“ Sein besonderer Stolz war ein alter Wettermantel. Den trug er mit einer Würde, wie ein chinesischer Vizekönig die gelbe Jacke trägt. Denn dieser mürbe Lodenfleck hatte vierzehn Kugellöcher. Dauerhaft nannte diese Löcher seine ‚vierzehn Nothelfer’. Und vom ganzen Mantel behauptete er: Das wäre ,dem Dokter Faust sein Schlafröckerl’. Allen Ernstes versicherte er: „Da bald drunter einischlupfst, da bist sicher, Bua!“

   Dass der Dauerhaft so vieles ‚übertaucht’ hatte, das war eine Folge merkwürdiger Verhältnisse. Im Anfang seiner Jägerlaufbahn war er als bayrischer Jagdgehilf in den Salforsten angestellt. Die liegen auf österreichischem Boden, aber Wälder und Jagd gehören zu Bayern. Die Forstleute und Jäger in den Salforsten sind bayrische Beamte, doch stehen sie unter österreichischer Gerichtsbarkeit – vorausgesetzt, dass sie sich nach einem Renkontre mit österreichischen Wildschützen da drüben auch erwischen lassen. Aber das tun sie nie! Rumpelt ein Jäger in den Salforsten mit einem Wilddieb zusammen, und läuft die Sache für den letzteren ungemütlich ab, so weiß der bayrische Jäger, dass er vor einem österreichischen Gerichtshof einen etwas ungnädigen Spruch zu erwarten hätte. Drum macht er flink den Sprung über die nahe Grenze, meldet sich bei dem nächsten bayrischen Forstamt, wird versetzt, und wenn es zu einer Gerichtsverhandlung kommt, wird er nach bayrischem Gesetz wegen Notwehr freigesprochen. Aber drüben ist man mit diesem Richterspruch nicht einverstanden, und es wird ein Steckbrief erlassen, der den ‚flüchtigen Mörder’ bei einem kaiserlich-königlich hierortsigen Gericht einzubringen’ befiehlt. Ob es heute noch so ist, weiß ich nicht. Aber vor zwanzig Jahren, als der gute Dauerhaft unter diesen merkwürdigen ‚Territorialverhältnissen’ zu leiden hatte, da war es so!

   Also, der Johann Fest war Jagdgehilfe in einer Wartel der Salforsten, nicht weit von Salfelden. Und war schneidig und gefürchtet im Dienst. Dabei hatte er, um mich seines eigenen Wortes zu bedienen, „a jungs Madl kennen glernt“, das heißt auf deutsch: Sie hatte ein Kind von ihm bekommen. Dieses Mädel war die Tochter eines in den Salforsten angestellten bayrischen Jagdgehilfen, dem ein Salfeldener Senn die Kugel durch den Hals geschossen hatte. Die Wittib hauste mit ihrer Tochter Monika auf einem netten Anwesen. „No also“, erzählte der Hans, „so haben mer halt gheiret, wie ’s Kindl da war!“ Und das Glück war fertig. Aber es hatte keine lange Dauer.

   Bei einer Pirsche stieß der Festen-Hans mit einem Wilddieb zusammen, der auf den Jäger Feuer machte, aber vorbeischoss. „Wart, Brüaderl!“, dachte sich der Hans. „Bums! Und den andern hat’s über’n Haufen grissen! Koan Schnaufer nimmer hat er gmacht: A bissl z’tief einigfahren bin i, woaßt! I hab’ bloß auf d’Haxen antragen. Aber es grat’t eim halt net a jedsmal, wia ma’s haben möcht. Sakra, sakra, da hab’ i mi nobel hinter die Ohrwaschln kratzt! Und hoam in oam Sauser! Jöises, Jöises – ’s Weib hat gjammert, und der Buab hat gflennt in der Wiegen, und d’ Schwiegermuatter hat aufrebellt wia narrisch! Aber was hab’ i denn machen können?“

   Der Hans konnte nichts anderes machen, als den flinken Sprung über die nahe Grenze. Beim nächsten bayrischen Forstamt meldete er den Vorfall, wurde versetzt, und das Gericht zu Traunstein sprach ihn frei, weil er in Notwehr gehandelt hatte. Drüben aber wurde der übliche Steckbrief gegen den ‚sicheren Johann Fest’ erlassen. Freilich, sicher war der Festen-Hans – aber nicht sonderlich zufrieden mit dieser Wendung der Dinge. Seinem jungen Weib war er gut, und sehen ‚nudelfetten’ Buben hatte er lieb. Die beiden hausten da drüben in dem netten Anwesen – und der sichere Festen-Hans saß einsam da herüben und musste sich hüten, der Grenze zu nahe zu kommen, bei der die österreichischen Postenführer und Grenzaufseher lauerten. Die dachten: Den Hans wird’s gahlings amal ummireißen zur Moni. Lang halt er’s in der Zölibari net aus!

   Diese Rechnung stimmte bis auf den kleinen Fehler, dass die schlauen Rechner den Hans nie erwischten, wenn es ihn ‚ummiriss’ zur Moni. Das bei Tag und Nacht überwachte
Haus aufzusuchen – diese Dummheit machte der Hans nicht. Immer fand er einen verlässlichen Liebesboten, der die Moni irgendwohin in den Wald oder in eine nicht weit von der Grenze gelegene Sennhütte bestellte. Manchmal brachte sie dabei auch das ‚nudelfette’ Bübchen mit. Aber nicht immer.

   Der ungestörte Erfolg dieser Zusammenkünfte machte den Hans übermütig. Er bildete das zu einem Sport aus: Bei hellem Tag die Landesgrenze aufzusuchen, sich auf die bayrische Hälfte des Grenzsteines zu setzen und die patrouillierenden Postenführer zu hänseln: „Wia, probiert’s es und schießt’s ummi! Da kunnt’s wegen meiner zwischen Deutschland und Östreich an Krieg geben!“ Denn der Festen-Hans hatte sich über alle Paragraphen des Völkerrechts genau informiert.

   Aber die Strafe für seinen Übermut blieb nicht aus. Drüben begann man die Spaziergänge der Moni schärfer zu überwachen. Und eines Abends, bei schönem Vollmondschein, erwischten sie das zärtliche Pärchen in einer Sennhütte. Aber während die Postenführer die verriegelte Hüttentür aufzubrechen versuchten, sauste der Festen-Hans durch das Schindeldach hinaus und jagte der nahen Grenze entgegen. Vier Kugeln pfiffen hinter ihm her. Dabei ging dem Festen-Hans das linke Ohrläppchen flöten, und sein Wettermantel bekam die ersten sechs Löcher. Drüben über der Grenze tat der Hans einen Juhschrei. Und die Moni, nach überstandenem Schreck, sagte zu den Postenführern: „Os müaßts mit die Mistgabeln schießen! Da kunnts ’n ebba treffen, mein’ Hans! Mit enkere ärarialischen Schießprügeln derlangts ’n net!“ Dann schüttelte sie lachend die Röcke und strich die Schürze glatt.

   Vier Wochen später bekam der Wettermantel wieder zwei Löcher. Aber als der Hans seinen Juhschrei getan hatte, spürte er ‚ebbes Warms hinterm Haxen’. Und als er hingriff, hatte er die Hand voll Blut. Die Sache war nicht gefährlich. „Bloß a bissl woach haben s’ mi derwuschen!“ Während mir der Hans das erzählte, fuhr er mit der Hand nach rückwärts. „Da greifen S’ her! A kloans Grüberl is mer blieben vom Einschuss.“ Aber ich bin kein Mediziner und war nicht neugierig auf dieses Dokument einer Geschoßwirkung.

   Damals fingen die bayrischen Jäger mit Lachen an, dem Johann Fest den Namen Hans Dauerhaft zu geben.

   Als der Hans dann im Herbst wieder vierzehn Tage liegen musste, um den abermals ‚woach’ durchschossenen Schenkel auszuheilen, entschloss sich die Moni doch, das nette Anwesen unter dem Wert herzugeben. Denn sie hatte Angst vor dem langen Winter, der mit tiefem Schnee den Weg über die Grenze sperren würde. Und das Kind, das sie unter dem Herzen trug, sollte ‚boarisch’ werden. Der Hausrat wurde auf einem Leiterwagen über die Grenze spediert, und die Moni übersiedelte zu ihrem Hans ins sichere Bayerland.

   Im Frühjahr, drei Tage nach der Taufe eines ‚mudelsauberen’ Dirnleins, bekam der Wettermantel wieder zwei Löcher. Die Salfeldener Wilddiebe hatten dem Hans ein ‚Kügerl’ zugeschworen, und weil er nicht mehr hinüberkam über die Grenze, drum kamen sie jetzt zu ihm herüber.

   So wurden die ‚vierzehn Nothelfer’ vollzählig.

   Da saß er eines Morgens in einem weiten, öden Felskar und beobachtete die Gämsen. Und hört einen Schuss. Und fährt natürlich auf wie der Teufel, für den es eine arme Seele zu holen gibt. Doch bei der nötigen Vorsicht kommt er in dem ungedeckten Felskar nur langsam vorwärts. Und plötzlich sieht er auf sechshundert Schritte drei Kerle mit Büchsen gegen die Grenze steigen. Die Wilddiebe einholen? Das ist unmöglich. Die Gauner ohne Denkzettel entlassen? Das ist für den Hans noch unmöglicher! Sieben Patronen hat er bei sich. Der Wettermantel mit den ‚vierzehn Nothelfern’ wird als lindes Polsterl auf einen Stein gelegt, die Büchse drüber, und dann geht’s los: Bumm, bumm! „Herrgott! Dö haben Sprüng gmacht!“ Und wieder: Bumm, bumm! „Z’ erst hab’ i allweil z’ kurz gschossen um an Bauernschuah. Aber beim vierten Schuss is mer’s gwesen, als hätt oaner a Zoachen gmacht – mit’m Haxen hat er so gspassig gschlenkert.“ Dann drücken sich die Wilddiebe hinter einen Felsblock und beginnen ein Schnellfeuer nach der Stelle, wo sie die Pulverwölklein des Festen-Hans aufrauchen sahen. Und da spürt der Hans wieder ‚ebbes Warms’ – ein Streifschuss, der unter dem Arm durchgegangen, hat ihm die Haut zerrissen und eine Rippe zerschlagen – das lose Stück der Rippe klunkert ihm unter der blutenden Wunde. Aber der Dauerhaft lässt sich durch solche Kleinigkeiten nicht stören. „Bumm, bumm!“ Als sechs Patronen verschossen sind – die letzte muss für alle Fälle gespart werden – duckt er sich hinter den Stein, reckt am Bergstock den Wettermantel In die Höhe und pfeift durch die Finger, sooft er eine Kugel pfeifen hört. Der Mantel bekam kein Loch mehr. Aber nach einer Welle sieht der Hans die Wilddiebe Reißaus nehmen und in wirrem Felsgeklüft verschwinden. Mit dem Fernrohr beobachtet er die Steige, die zum Grat hinaufführen, der die Grenze bildet. Doch niemand erscheint da droben. Die Wilddiebe müssen sich irgendwo ‚niedertan’ haben – und da geht’s nicht anders: Der Hans muss nachschauen!

   Zuerst untersucht er seine Wunde. „So a Brüserl tuat mer nix.“ Er lässt die zerschlagene Rippe klunkern – denkt sich: Der Adam hat aa um oane z’weni ghabt! – und klebt ein Stück von dem Heftpflaster, das er als vorsichtiger Mann immer im Rucksack führt, auf die Wunde – „weil i gschwoaßt hab’ wie a Sau!“ Dann los! Mit nackten Füßen natürlich. Bei dem Felsblock, hinter dem die Wilddiebe herauspulverten, findet er ‚a paar liachte Spritzer’. Und jetzt weiß er, wohin. Diese roten Tropfen führen den Dauerhaft. Schon will er in die Schrofen einsteigen – da hört er leise Stimmen. Lautlos steigt er über den Platz hinaus, mit gespannter Büchse, und guckt über eine Felskante hinunter. In einem dusteren Steinloch sieht er die drei ‚Brüaderln’ einträchtig beisammen. Der eine sitzt links auf einem Stein und verbindet sich den Schenkel – der andere sitzt rechts auf einem Stein und zieht gerade mit den Zähnen über dem Handgelenk einen Knopf an das blutige Taschentuch. Und der dritte, schön gesund und ahnungslos, steht zwischen den beiden, gibt den Blessierten gute Ratschläge und empfiehlt ihnen – um mich appetitlich auszudrücken – die Anwendung eines von der menschlichen Natur destillierten Antiseptikums. „Dös is fel ebbes Hoalsams!“, behauptet er.

   Und da legt der Dauerhaft die Büchse fort und zerschneidet die Hundsleine, die an seinem Rucksack hängt, in drei Stücke. Die nimmt er zwischen die Zähne. Dann springt er in das Steinloch hinunter, mit den genagelten Schuhen dem gesunden Heilkünstler mitten auf den Kopf – und die beiden ‚Marodibrüaderln’ packt er an den Hälsen, so kräftig, dass wie blaue Gesichter bekommen. Und ehe die drei sich von ihrem taumelnden Schreck erholen, sind ihnen die Hände gebunden. Dann geht’s hinunter zum Forsthaus, in behaglichem Tempo, denn auf die beiden ‚Spitaler’ muss der Festen-Hans Rücksicht nehmen. Mit den gebundenen Händen müssen die Wilddiebe bei dieser schönen Bergpartie noch die Hosen festhalten, weil ihnen der Dauerhaft, um jeden Fluchtversuch unmöglich zu machen, die Hosenträger abgeschnitten hat. Und hinter den dreien marschiert, sein Pfeifl schmauchend, der Hans mit den vier Büchsen – und manchmal greift er an die zerschlagene Rippe, um zu fühlen, ob sie noch klunkert.

   Zwei Jahre später kamen die drei ‚Brüaderln’ gebessert, doch etwas abgemagert, aus der ‚blauweißen Stub’ in die schwarzgelbe Heimat zurück. Und der Dauerhaft hatte vor denen da drüben endgültig Ruhe.

   Bei der letzten Geschichte, von der ihm ‚a bisserl ebbes blieben’ war, hatte er’s mit einem bayrischen Wilddieb zu tun.

   Da war ein Jagdgast im Revier – ‚die alt Exlenz’. Für den Dauerhaft eine harte Zeit! Denn da musste er kurze Schrittlein machen und schön auf dem Steig bleiben.

   Bei solch einer Steigpirsch hörten die beiden ganz in der Nähe einen Schuss. Und der Hans – mit der feinen, englischen Büchse, die er dem bequemen Jagdgaste voran getragen – rennt auf und davon, trifft bei einer Wendung des Steiges mit dem Wilddieb zusammen – und weil die Gegner einander zu nahe waren, um noch schießen zu können, schlägt Hans Dauerhaft mit dem Kolben zu. Ein Knax – und die feine, englische Büchse der alten Exlenz ist mitten entzwei. Im gleichen Augenblick hängen sich Jäger und Wilddieb schon an den Hälsen – der Steig ist schmal – und holterdiwolter fährt der raufende Knäuel über das steile Gehäng hinunter, an die zwanzig Meter.

   Als die alte Exlenz sich endlich mit Mühe hinunterkrabbelte zu der Stelle, von der das Keuchen und Stöhnen zu hören ist, liegt der Wildschütz mit dem Rücken auf der Erde, und Hans Dauerhaft hockt ihm auf der Brust und drückt ihm mit den Knien den Hals zusammen. Recht übel sieht der Festen-Hans aus! Sein Gesicht ist von Blut überströmt, und der linke Arm hängt regungslos von der Schulter herab. Doch mit der rechten Faust hält er einen Stein umklammert und schlägt auf das Schädeldach des Wildschützen los, der noch um seine Freiheit ringt. Bei jedem Schlag erkundigt sich der Dauerhaft. „Gibst bald a Ruah oder net?“

   Aber der Wildschütz will keine Ruhe geben, und dem Festen-Hans schwinden die Kräfte. In halber Ohnmacht trommelt er noch immer zu und schreit: „Ja, Herrgott, Exlenz, a bissl taat i mi halt aa rühren!“ Dann macht er einen Plumps und liegt dem Wilddieb auf dem Gesicht. Auch dem anderen sind die Sinne vergangen, und da liegen sie nun alle beide still und friedlich übereinander.

   Fünf Stunden später, als die Exlenz das Forsthaus alarmiert hatte, fanden sie den Dauerhaft noch bewusstlos. Der linke Arm war nicht gebrochen, nur aus dem Schultergelenk heraus gefallen. Aber vom Ohr lief über die Schläfe eine klaffende Wunde gegen die Stirne hinauf.

   Der Wilddieb war verschwunden. Es half ihm nicht viel, dass er dauerhafter gewesen als der Dauerhaft! Weil er den Bader brauchte, spürte die Gendarmerie ihn aus.

   Eine Woche lag der Hans zwischen Leben und Tod. Dann hatte er noch zwei Monate ‚Lazaari und Krankenkost’ zu übertauchen. Die Wunde heilte; aber die Sehkraft des linken Auges blieb geschwächt, das Lid gelähmt. „Ah, ’s linke, dös macht mer nix“, meinte der Dauerhaft, „zielen tuast ja mit’m rechten!“

   Nur Haut und Knochen war der Hans noch, als er aus dem Spital nach Hause kam – doch er wäre mit allem zufrieden gewesen. „Bal koan Speck hast, woaßt, da steigst di leichter!“ Wenn er nur nicht die böse Entdeckung hätte machen müssen, dass der unrichtig eingesetzte Arm nur halb zu gebrauchen war! „Teifi, sakra, was mach’ i denn da?“

   Zum Bezirksarzt und zur Krankenkost hatte er kein Vertrauen mehr. Und ich will ihn mit seinen eigenen Worten erzählen lassen, wie er von einer Wunderdoktorin kuriert wurde.

   „Weil i halt allweil umananderghockt bin und gfluacht hab’ über mein’ Arm, da haben mer d’ Nachbarsleut verraten, dass in Salzburg a Schuasterin waar, dö si auf söllene Sachen verstund. Dö taat an jeden kurieren, den der Dokter scho aufgeben hat – und dö hätt scho amal an Oxen wieder auf gleich bracht, der si an Haxen derfallen hat. Zu der gehst eini, hab’ i mer denkt! Probierst es amal! Schlechter kann’s net werden! Guat! Bin i halt eini auf Salzburg. Himi sakra, dö Schuasterin, dö hätten S’ sehgn sollen! Dö muaß ihre vier Zentner gwogen haben! So an Endstrumm Weibets hab’ i meiner Lebtag net gsehgn! Dö hat a Fetten ghabt wie d’ Sau auf Weihnächten! Und zwoa Schunken wia Krautfässerl Aber a verstandsams Weibsbild! Dö hat si fei gschwind auskennt, wo ’s mer fehlt. Und hat gsagt: Dös haben mer glei! Und fünf Lehrbuaben hat s’ ghabt. Dö haben her müassen! Und z’ erst hat mer d’ Schuasterin an Schoppen Schnaps geben, recht an scharfen, woaßt, dass mer der Widerstandskraft net auslasst! Und nacher hat s’ mi mit feste Strick an’ Ofen anbunden. No, denk’ i mer, dös is ja grad, als sollt’ i köpft werden! Und derweil i no allweil so schau, haben die fünf Lehrbuaben in d’ Händ gspieben und haben mi packt beim steifen Arm. Und d’ Schuasterin fangt zum zählen an: Ooans, zwoa – Obacht, drei! Und da haben d’ Lehrbuaben anzogen, und d’ Schuasterin druckt am Arm, und an Schnackler hat ’s gmacht, und d’ Armkugel is einigrutscht ins Glenk. Ja, is scho wahr! Dö hat si verstanden aufs Leutkurieren. Da schauen S’ her!“

   Der Dauerhaft ließ den geheilten Arm kreisen und Räder schlagen, wie beim Sturm der Flügel einer Windmühle herumsaust.

   Dabei lachte der Hans, dass er sich aus dem rechten Auge die Tränen seines Vergnügens fortwischen musste. Das linke blieb ihm trocken. Und die große Narbe an der Schläfe wurde, während er lachte, so rot wie Scharlach.

   Nachträglich erfuhr ich aber, dass der Dauerhaft die Salzburger Kurgeschichte – vermutlich aus Dankbarkeit – zu idealisieren pflegte. Denn auch die Wunderdoktorin hatte dem Festen-Hans den ausgekegelten Arm fürs erste Mal nicht richtig eingesetzt. Vierzehn Tage später hat er die Kur bei der nudeldicken Schusterin und ihren fünf Lehrbuben ein zweites Mal durchmachen müssen. Dann war ihm aber geholfen! Gründlich!

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