Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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Gigantenkampf

   Als die Morgensonne warm wurde, nahm ich mit meinen vielen Geschwistern die Wanderung wieder auf, um gutes und sicheres Land für die Errichtung eines neuen Staates zu entdecken. Unser angestammtes Reich war schon längst übervölkert. Den Alten gefiel die Enge nicht. Und so wurden wir jungen, ich und viele Tausende meiner Geschwister, mit einer holdseligen Prinzessin ausgesandt, um eine neue Heimat zu begründen.

   Wir waren seit vielen Tagen schon auf der Reise.

   Gleich in der ersten Sonne hatten wir Land gefunden, das uns gut und verlässlich erschien. Mag sein, dass uns die Angst vor den vielen Gefahren der Reise zu einer raschen und unvorsichtigen Wahl beredet hatte. Waren doch in den ersten Wanderstunden schon viele von meinen Geschwistern zugrunde gegangen! Ein rollender Fels hatte drei von den Unseren zu formlosem Brei zerquetscht; viele waren in klebrigen Sümpfen hängen geblieben und mussten sich da zu Tode zappeln; und ein geflügelter Riese, der auf hohen Beinen stelzte, hatte eine ganze Schar meiner lieben Geschwister hineingeschluckt in seinen gestachelten Rachen. Solchen Schrecknissen des Lebens gegenüber fühlt man brennende Sehnsucht nach einer sicheren Heimat mit wohligen Verborgenheiten. Drum atmeten wir alle auf, als die tapferen, helmköpfigen Vorläufer unseres langen Wanderzuges schon um die Wende der ersten Sonne die frohe Botschaft einher sandten: „Wir haben gefunden!“ In jagender Hast überkletterten wir Nachzügler alle Hindernisse, um uns mit den Glücklichen zu sammeln, welche die neu entdeckte Heimat schon erreicht hatten.

   Das gewählte Land erschien uns herrlich. Es hatte schöne Sonne und kühlen Schatten, war reich an Nahrung, reich an gut gedörrten Himmelsbalken, hatte trockene Stätten, feuchte Waldgründe, lockeren Boden und liebliche Sickerquellen. So lag es in gesegneter Schönheit zu Füßen einer gewaltigen Himmelssäule, die mit hundert Armen die grünen Gefilde des Paradieses tragen half, über dem, von der Welt durch den blauen Himmelsbach geschieden, die höchste Königin aller wimmelnden Völker wohnt, die hilfreiche Göttin, die uns gebar nach ihrem Ebenbild.

   Gleich begannen wir Emsigen das Werk der Heimatsgründung. Dabei wurde noch immer in erregten Gesprächen die Frage erörtert, ob der neue Wohnort auch wirklich gut gewählt wäre. Einige von unseren Kundschaftern und Pfadsuchern hatten in der Nähe der Arbeitsstätte jene großen, regelmäßig geformten Erdvertiefungen aufgefunden, deren Sinn und Entstehung mit Sicherheit noch nicht erklärt ist. Wir wissen nur, dass im Umkreis solcher Bodenlöcher immer eine dunkle, alles Leben bedrohende Gefahr zu lauern pflegt. Sie sind so groß, daß viele Hunderte der Unseren mit ihren Leibern diese Löcher nicht auszufüllen vermöchten. Manchmal findet man in ihnen die grünen Reste zerdrückter Frühlingsbäume und die flach gequetschten Leichen mannigfacher Geschöpfe.

   Vorzeiten hat ein Dichter unseres Volkes ein Lied über diese Abgründe des Grauens gesungen. Er sprach die Meinung aus: Das wären die Ruhestätten ungeheuerlicher Käfer, die keine Füße, nur Flügel hätten, und deren nackte Brust der Länge nach von einer tiefen Kerbe durchzogen wäre; sie senken sich bei Anbruch der Nacht von ihrem Tagflug auf die Erde nieder, drücken mit dem Gewicht ihres schweren Leibes diese Löcher in den Boden und fliegen wieder davon, bevor der Morgen erwacht Drum hat kein Auge der Unseren sie je gesehen.

   Die weisen Denker unseres Volkes aber, die mit den törichten Dichtern immer im Streit liegen, sind anderer Meinung. Durch scharfsinnige Gründe, wie durch das Ergebnis zahlreicher Beobachtungen vermögen sie zu beweisen, dass diese Abgründe des Grauens die Trittspuren einfüßiger Riesen sind, die einen Körper von unermesslicher Größe besitzen und bald bei Tage, bald in der Dämmerung, bald in der Nacht mit fabelhaft weiten Sprangen über die Erde hüpfen. Dabei verursachen sie unter schaudervollen Geräuschen ein Beben des Grundes und lassen mörderische Dinge, zuweilen nass, zuweilen von halber Trockenheit, auf die erschrockene Erde und ihr bedrohtes Leben herunterfallen. Es gab in unserem Volk vorzeiten einen kühnen Forscher, der sein ganzes Leben der Erklärung dieser Abgründe des Grauens und ihrer Begleiterscheinungen widmete. Der sah eines Morgens etwas Ungeheures an seinen Augen rasch vorüber gleiten. Es glich einem schwärzlichen Felsblock und war die Sohle solch eines einfüßigen Stampfriesen. Drei seinesgleichen folgten ihm. Und wo die viere im Sprung den Boden berührt hatten, fand der Forscher die frisch entstandenen Abgründe des Grauens mit zermalmten Frühlingsbäumen und zerquetschten Leichen.

   Kein Wunder also, dass viele von den Unseren bei der emsig begonnenen Arbeit zögerten und ängstlich wurden, als unsere Kundschafter die Nachricht ihres bedenklichen Fundes unter den Scharen der Arbeiter austrommelten. Viele wollten gleich wieder wandern, um besseres Land zu suchen, doch die Bedächtigen sprachen dagegen und sagten: „Land, das ohne Gefahr ist, gibt es nicht. Überall ist das Leben umringt von Schreck und Geheimnis. Lasst uns mutig sein! Lasst uns vertrauen auf den wundertätigen Schutz der höchsten Königin aller wimmelnden Völker! Sie wird uns helfen.“

   „Jawohl!“, sagte die große Herrin unserer Schar. „So ist es. Nicht denken! Das ist überflüssig für Untertanen. Arbeitet! Ich will unter Dach kommen. Mein Schoß ist schwanger und wünscht zu gebären!“

   Diese huldvollen, viel versprechenden Worte der geliebten Fürstin befeuerten von neuem unsere Arbeitslust. Wir gruben Wege durch die Erde, höhlten die Kinderstube der Königin aus, schleppten die trockenen Himmelsbalken herbei, wölbten die oberirdischen Hallen und betrieben den Bau des Reiches mit solchem Fleiß, dass unsere neue Heimat bei Anbruch des Abends schon zu stattlicher Höhe gewachsen war.

   Zufriedenen Sinnes schlossen wir bei sinkender Nacht die jung erbauten Tore, um uns der wohlverdienten Ruhe zu erfreuen. Doch einem friedlichen Schlummer folgte ein Morgen des Schreckens.

   Schon dämmerte ein zarter Schein des erwachenden Lichtes durch das kunstvolle Balkengefüge des neuen Hauses, schon hatten die Wächter alle Tore geöffnet und trommelten die Schar der Arbeiter aus dem Schlaf zu neuer Arbeit auf. Da durchzuckte uns alle plötzlich ein lähmender Schreck. Wir fühlten, dass die Erde zitterte. Ein dumpfes Dröhnen war zu vernehmen. Wieder und immer wieder. Immer näher. Bei jedem neuen Dröhnen bebte der feste Grund immer heftiger. Und dann war’s, als fiele ein mächtiger Felsblock, ein ganzer schwarzer Berg durch das Dachgefüge unseres Reiches vernichtend herein in unsere Kammern. Dieser Fels aber roch, wie Leben riecht. Und hüpfte davon und war verschwunden. Und unser schönes, junges Haus war verwandelt in einen wüsten Trümmerhaufen, in ein Grab von vielen Toten, in eine Jammerstätte der Verwundeten und halb Zermahnten, in einen Abgrund des Grauens.

   Du höchste Königin aller wimmelnden Völker? Wo war dein wundertätiger Schutz? Wie fest auch der Glaube an deine Größe und Macht in unseren Herzen wohnt – zuweilen möchte man zweifeln!

   Nach dem ersten Schreck begannen wir Überlebenden ein irrsinniges Rennen, um zu helfen, zu retten und neu zu bauen. Viele liefen in verstörter Angst zum Saal der Herrin. Weich ein Glück in allem Elend! Die geliebte Fürstin war unversehrt. Doch sie befand sich in sehr gereizter Laune und sprach: „Während des Wochenbettes will ich Ruhe haben. Wir ziehen aus, bevor ich beginne. Flink! Sucht besseres Land für mich!“

   In treuem Gehorsam begannen wir sofort die neue Wanderung. Um die Leiden der Verwundeten abzukürzen, rissen wir ihnen rasch die Köpfe von den Schultern. So zu tun, ist das verlässlichste Mittel wider alle Schmerzen.

   Erst nach vielen, vielen Reisetagen fanden wir das ruhige, sichere Land, dessen unsere Königin bei ihrem segensreichen Erneuerungswerk bedurfte.

   An einem dieser Reisetage, als die Morgensonne warm wurde, war ich Zeuge eines grandiosen und entsetzlichen Vorganges. Als ich den weisen Denkern unseres Volkes dieses schauerliche Erlebnis berichtete, schüttelten sie die Köpfe, lächelten über mich und behaupteten: Ich litte seit der unerklärlichen Weltkatastrophe, die unser jung begründetes Reich vor dem ersten Morgen seines Lebens vernichtet hatte, an einer krankhaften Überreizung aller Sinne und wäre des törichten Glaubens, erlebt zu haben, was ich im Angstfieber meiner Seele nur geträumt hätte.

   Aber bei der höchsten Königin aller wimmelnden Völker sei es mit den heiligsten Eiden geschworen, dass ich gesund und wach, mit eigenen Augen, wahr und wirklich gesehen habe, wie zwei Giganten der Erde miteinander kämpften.

   Am selben Morgen, in der warmen Sonne, wanderte ich mit vielen Geschwistern über einen jener kahlen, steinigen Wüstenstriche, die an vielen Stellen die grünen Haine des Lebens durchziehen, ein höchst unnatürliches Aussehen haben und auf irgendeine ganz undenkbare Weise künstlich entstanden sein müssen.

   Unsere Denker erklären sie als ausgetrocknete Wasserströme, glatt gewaschen von den verschwundenen Fluten. Doch unsere Dichter besingen sie als die blank getretenen Laufgänge unserer göttlichen Urahnen, einer riesenhaften Art unseres Geschlechtes, das in grauen Zeiten aus dem Schoß der Himmelskönigin entsprang.

   Als wir den von Sagen umsponnenen, von der Sonne geheizten Wüstenstrich überwandert hatten, sollten wir über eine hohe, steile Berglehne empor klimmen, die mit kopfgroßen Steinkugeln überschüttet war. Droben auf der Höhe ließ sich zwischen gewaltigen, in großen Zwischenräumen stehenden Himmelssäulen ein lieblicher Hain jener wirr durcheinander gebogenen Frühlingsbäume erkennen, die nur einen grünen Stamm, doch keine Äste haben. Da droben musste es herrlich sein! Aber die Reise da hinauf? Eine gefährliche Sache! Man musste bei jedem Schritt gewärtigen, von diesen lose liegenden Steinkugeln verschüttet zu werden. Die Bedächtigen machten lieber einen weiten Umweg. Doch ein paar waghalsige Bergsteiger, unter denen auch ich mich befand, begannen unter ermutigenden Zurufen die schwierige und höchst bedenkliche Kletterei.

   Das wurde eine Arbeit, bei der man keuchen musste und Herzklopfen bekam. Bei jedem Schritt ging es um das kostbare Leben. Wohin wir mit den Händen griffen oder mit den Füßen traten, gerieten diese verwünschten Kugelfelsen ins Rollen, und wo sie zu gleiten, zu stürzen und zu springen begannen, kollerten die höher liegenden hinter ihnen her, unsere Glieder pressend, unsere Leiber halb verschüttend. Jede hüpfende Kugel gab einen zischenden, schnaubenden Ton von sich, und diese vielen, schauerlichen Töne vermischten sich zu einem Ohr betäubenden Sausen, bei dem wir unsere eigenen Stimmen nicht mehr vernehmen konnten.

   Während ich blindwütig und mit Todesverachtung kletterte, sah ich bald zur Linken und bald zur Rechten eines um das andere meiner Geschwister sich überschlagen, rückwärts rollen, verschüttet werden, sich herausarbeiten und von neuem stürzen. Schließlich war ich völlig einsam inmitten dieser ruhelos rollenden Gefahr. Doch ich sah schon die erlösende Höhe des Berges winken und hatte nur wenige Schritte noch aufwärtsklimmen müssen, um die Spitze eines grün hernieder hängenden Frühlingsbaumes erfassen zu können.

   Da hörte ich ein fernes Wehgeschrei der Unseren und jene schrillen Warnungspfiffe, welche bedeuten: „Gefahr und Grauen! Rette sich, wer kann!“

   In rasender Eile wollte ich quer über die steile Berglehne entspringen. Die Kugelfelsen begannen zu rollen, überwarfen mich und drohten mich zu verschütten. In Verzweiflung klammerte ich mich an etwas Festes, das über die gleitenden Felsen herausragte, und glaubte, schon gerettet zu sein. Da vernahm ich über mir ein wüstes Gerappel und Gepolter, die Luft vor meinen Augen verfinsterte sich, als wäre inmitten des hellen Morgens die dunkle Nacht gekommen, und während ich mit Grausen entfliehen wollte, sah ich bei halb erlöschenden Sinnen noch, dass etwas schreckhaft Ungeheures, gleich einem rollenden Berge mit roten, scheußlich sich ringelnden Gliedern, über mich herstürzte und mich in nasser, stickender Finsternis begrub.

   Jetzt war die Helle wieder da. Ich wurde hoch empor gerissen in die Lüfte und erkannte mit Entsetzen, dass ich an einer wild bewegten Fleischmasse in einem zähen Schleim gefangen hing. Mit dem Körper des kämpfenden Giganten, an seinem Blut schwitzenden Leib klebend, schlug ich schaudervolle Räder zwischen Himmel und Erde. Und jählings wurde Ich ins Leere hinausgeschleudert, stak in einer weißen, dicken Masse, fühlte, dass ich zu Boden stürzte, arbeitete mich mit schon versagenden Kräften aus diesem zähen Mantel heraus und klammerte mich an harte Dinge, die ich nicht zu erkennen vermochte.

   Während ich dieses Widerliche, das mir in alle Tore des Lebens gequollen war, aus dem Munde herauswürgte und mit den Händen die trüb verschleierten Augen zu säubern versuchte, hörte ich ohne Unterlass und nahe vor mir das fürchterliche Getöse des Gigantenkampfes. Kein Schrei und keine Stimme. Nur das schwere Klatschen der kämpfenden Riesenleiber, wenn ihre ungeheuren Fleischmassen und Glieder gegen die Erde schlugen. Und ein grauenhaftes Stöhnen, Ächzen, Knirschen und Fauchen.

   Nun endlich konnte ich sehen. Und ein fürchterlicher Anblick lähmte mir in Schreck und Staunen alle Glieder, so dass ich völlig regungslos verblieb.

   Am Saum des öden, glatten, steinigen Laufganges unserer göttlichen Vorfahren lagen die im Kampf von der Berghöhe herabgestürzten Giganten bei schaudervollem Todesringen ineinander verbissen. Ich sah es gleich: Der Stärkere von den beiden war der weißgraue, fußlose, schäumende Waldriese, der seinen Rachen unter dem Bauch hatte und einen ungeheuren steinernen Helm auf seinem Nacken trug. Um beim Kampf besser zu sehen, hatte er die kleinen Augen aus diesem fürchterlichen, unförmigen Kopfe herausgenommen, hielt sie in den plumpen Händen der langen, baumdicken Arme hoch empor und betrachtete so von oben herab, aus schwindelnder Höhe, mit schwarz funkelndem Blick die blutrote, gewaltige Erdschlange, die er mit seinem unsichtbaren, von Schaum und weißem Geifer quellenden Rachen in der Mitte ihres Leibes gepackt und unentrinnbar umbissen hatte.

   Die Schlange – wohl zehnmal so dick wie mein eigener Leib und länger als vierzig und fünfzig meiner Geschwister – krümmte und ringelte sich vor Wut und Schmerzen, zog sich krampfhaft zu einem kurzen, dicken Knäuel zusammen, um den Rachen des Waldriesen entzwei zu sprengen, und streckte plötzlich wieder alle braunroten Ring ihres Leibes zu dreifacher Länge auseinander. Mit dem langen, spitz gewordenen Kopf und mit dem langen, spitz gewordenen Schwanz, die einander zum Verwechseln glichen, führte sie unter Geringel und knirschenden Zuckungen wütende und verzweifelte Schläge gegen den unförmigen Kopf, gegen die hoch gestreckten Augenarme und gegen den ungeheuren Steinhelm des Waldriesen. Wenn sie mit diesen Schlägen einen seiner sehenden Arme traf, steckte der Waldriese schnell das bedrohte Auge in seinen Kopf hinein, um es gleich wieder herauszuholen und die Todeskämpfe seines Opfers aus der Höhe zu betrachten. Während sein unsichtbares Maul immer heftiger geiferte und sein plumper, gliederloser Leib immer dicker schwitzte, schob er den steinernen Riesenhelm zum Schutz seines Kopfes immer weiter aus dem Nacken nach vorne, bis die peitschenden Körperschläge der Gigantenschlange immer nur diesen harten Panzer trafen. Nach jedem Schlag der Schlange gegen diesen unzerbrechlichen Steinhelm schien sie matter und matter zu werden. Und so oft sie mit einem klatschenden Hieb den grausamen Panzer des schäumenden Waldriesen getroffen hatte, blieb sie ein kleines Weilchen regungslos, wobei ein schmerzvolles Zittern durch alle Ringe ihres langen Leibes rieselte.

   Immer müder wurde der Verzweiflungskampf des schlangenförmigen Giganten. Und als der behelmte Waldriese die Erschöpfung seines Opfers gewahrte, verbarg er die Augen im Kopf, versteckte die baumlangen Arme – ich weiß nicht wo – klammerte diese grässlichen Hautlappen seines Bauches breit über die Erde hin und ließ den ganzen Leib der Riesenschlange langsam durch seinen unsichtbaren Rachen gleiten, ihren Körper umwickelnd mit einem dicken Geifermantel, ihre Fleischmassen und Leibesringe mörderisch zermahnend, so dass ich immer ein fürchterliches Ächzen, Krachen und Knirschen vernahm. Und als er den ungeheuren Schlangenkörper so zerbrochen und mit zähem Schaum umwickelt hatte, begann er den bezwungenen, wehrlos gewordenen, doch immer noch lebenden Feind bei der Kopfspitze aufzufressen – und fraß und fraß, mit malmenden Bauchbewegungen unter dem wackelnden Felsenhelm. Als Kopf und Brust der Schlange schon gefressen waren, zuckte und zitterte, verkürzte und verlängerte sich der unverspeiste Gigantenschwanz noch immer unter dem Blasenschaum dieser zähen Geiferhülle. Der Riese fraß vom sonnigen Morgen bis zum kühlen Abend. Und als er die besiegte Schlange völlig, verzehrt hatte, kroch er langsam, plump und schwer davon, ließ hinter sich eine feuchte, widerliche Sumpfgasse seines Schweißes zurück und verschwand im Gewirr grüner Frühlingsbäume.

   Als die Nacht auf mich herabsank, löste sich der Bann des Entsetzens, der meinen Leib und meine klebrig gewordenen Glieder starr umwickelt hielt. Mühsam, von Grauen geschüttelt floh ich in die gesegnete Finsternis hinein und verbarg mich unter den Schuppen einer Himmelssäule. Kein Schlummer wollte meine Seele von ihrem Schreck erlösen. Ach, wie schaudervoll sind die Dinge der fremden, unerklärlichen Welt! Und ach, wie schön, wie reich an Glück und Friede ist unser Leben im Gnadenschein der geliebten Königin!

   So erzählte eine Ameise, nachdem sie den Kampf einer Waldschnecke mit einem Regenwurm gesehen hatte.

   Bei dieser grauenvollen Waldtragödie, die sich auf einem Jägersteig in den Tiroler Bergen abspielte, war außer der erschrockenen, ein bisschen in Mitleidenschaft gezogenen Ameise noch ein zweiter Beobachter zugegen!

   Ich!

   Und ich sah auch die Ameise. Ob sie mich gesehen hat? Dann hielt sie vermutlich meine aus braun gefärbter Hasenwolle gestrickten Wadenstutzen für Himmelssäulen. Hätte sie recht mit dieser Meinung, dann müsste die Grille, die sie für die höchste Königin aller wimmelnden Völker hält, ihren Wohnsitz in meinem Kopf haben.

   Seit jenem Sommertag, an dem die beiden Giganten miteinander kämpften, muss ich immer an diese Ameise denken, so oft mir ein belesener Mensch die Welträtsel erklären will.

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