Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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Jochei Schuemacher

   Eine wilde Sturmnacht hat ihn von meiner Seite fortgeweht, aber eine traumhaft schöne Sonnenstunde war’s, die sein Leben mit dem meinen verknüpfte.

   Vor achtzehn Jahren, in der letzten Juliwoche, kam ich zur Gamspirsch ins Salzkammergut. Das waren Tage, so schön, als hätten sie beweisen mögen, dass die Sonne treu sein kann. Am frühen Nachmittag traf ich in dem einsam gelegenen Forsthaus ein und wollte gleich hinauf zur Jagdhütte. Der bestellte Träger, der meinen Proviant die drei Stunden hinaufschleppen sollte ins Gamsrevier, saß schon wartend auf der Hausbank – ein junger Bursch, der mir auf den ersten Blick gefiel, und der mich Fremden mit jener lachenden Herzlichkeit begrüßte, wie sie nur gute Freunde beim Wiedersehen füreinander finden. Er war nicht groß, aber breitschultrig gebaut und kräftig. Was mir gleich an ihm auffiel, war die wundervolle, geschmeidige Ruhe seiner Bewegungen. Kurzgeschnittenes Blondhaar umschimmerte den derben Kopf, und trotz seiner fünfundzwanzig Jahre hing ihm schon ein welliger Kapuzinerbart bis halb auf die Brust herunter. Wenn der Jochei lachte, ging’s immer wie ein feines Rieseln durch den Schimmer dieser seidenen Strähne. Und aus dem sonnverbrannten, gutmütigen Gesicht glänzten zwei ruhig blaue, heitere Augen heraus. Er war mir liebgeworden, noch eh’ ich ein Dutzend Worte mit ihm geredet hatte. Als die Kraxe mit dem halben Zentnergewicht auf seinem Rücken lag, stieg er so stramm bergauf, dass ich in Hemdärmeln und mit der leichten Büchse Mühe hatte, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Am Ende ließ ich ihn rennen und blieb zurück, um bei behaglichem Anstieg die Augen trinken zu lassen.

   Was war das ein Tag! Die Luft so leicht und süß, wie ein schmeichelnder Gedanke von schönen Dingen. Alle Farben durchzittert von einer milden Glut. Der Wald wie ein Lied der Ruhe, das du hundertmal schon hörtest und jetzt zum ersten Mal verstehst! Die Berge beinah unkörperlich, wie ein silbernes Gespinst hinaufgehaucht ins Blau, und Himmel und Erde getränkt mit Sonne, die nicht brannte, nur leuchtete.

   Als ich die Passhöhe erreichte – ein struppiges Weideland, von großmächtigen Felsblöcken durchwürfelt – floss durch die Sonne schon das rote Blut des Abends. Und da hörte ich leisen Gesang.

   Neben dem Weg hob sich aus dem Gestrüpp ein klobiger Fels heraus, von der niedergehenden Sonne glühend angestrahlt. Ein alter Viehhirt stand über seinen Stecken gelehnt, und Jochei, ganz rot von Sonne, saß mit baumelnden Füßen auf dem hohen Stein. Die beiden hatten wohl von allerlei ernsten oder frohen Dingen geschwatzt und waren still geworden – und was dem Jochei von diesem Geplauder noch in der Seele geblieben, das sang er jetzt in den Glanz des Abends hinaus, ganz leise, wie ein Träumender.

   „Du, dein Herr!“, sagte der Viehhirt und stupfte mit seinem Stecken nach dem Jochei. Der wachte auf, sprang lachend vom Stein herunter und hob mit einem Jauchzer die Kraxe auf den Rücken.

   Während wir über das Almfeld hinüberwanderten zur Jagdhütte, ließ ich mir ein bisschen was von seinem Leben erzählen. Vater und Mutter hatte er schon verloren, und in der Militärzeit hatte er sein kleines Anwesen der Schwester verschrieben, damit das Mädel heiraten konnte. „’s hat halt a wengl pressiert!“, meinte er lachend. Und nun, nachdem er sein ganzes Eigentum der Schwester geschenkt hatte, brachte er sich so durch, wie es ging, bald als Zimmermannsgesell, bald als Holzknecht und als Träger bei den Jagden. Ein armer Teufel, aber heiter, glücklich und verliebt. Das letztere merkte ich gleich. Alles, wovon wir schwatzten, wurde für ihn zu einer Brücke, auf der er zu seinem ‚Nannerl’ hinüber sprang. Wie der Jochei von diesem Mädel sprach – mit diesem frohen Lachen, mit diesem Glanz in den Augen – musste das ein seltenes Geschöpf sein, bildsauber und klug, ein Ausbund von weiblichem Reiz und holder Tugend, ein Wesen, das aus des Herrgotts Händen als ein unverdientes Geschenk herabgefallen war auf die schlechte Erde.

   Die Liebe war da, aber mit dem Heiraten hatte es noch weite Wege. Denn die Rocktasche des Nannerl war ebenso leer wie der Joppensack des Jochei. Er sagte lachend: „Mier haben’s scho so In der Familli, dass mer allwei hinfallen, wo koa Bankl net is!“ Da hieß es eben sparen und zuwarten, bis er ein kleines Gütl pachten konnte. Vier, fünf ‚Jahrerln’ konnte das freilich noch dauern. „Aber bal oaner woaß, auf was er wart’t, da verdrießt ’n koa Zeit net!“

   Eine Woche blieb ich in der Jagdhütte. Herrliche Tage! Und das Liebste an diesen schönen Tagen war mir der Jochei. Der prächtige Bursch war von einer unverdrossenen Heiterkeit, immer gefällig, immer flink wie ein Wiesel. Galt es einen Gamsbock vor meine Büchse zu bringen, so war dem Jochei keine Wand zu steil, kein Graben zu tief. Aber am besten gefiel er mir am Abend in der Hütte. Wenn er da nach dem Kochen gespült und geputzt hatte, bis die Hütte wieder blinkte von Sauberkeit, dann setzte er sich mit baumelnden Füßen auf die Bettkante, sang seine kleinen, lustigen und schwermütigen Liedchen, blies auf der Mundharmonika, die er ‚Fotzhohel’ nannte, einen Ländler um den anderen herunter – oder während der Jagdgehilf die alte, verstaubte Zither malträtierte, auf der die Hälfte der Saiten fehlte, tanzte der Jochei ein Schuhplattlersolo mit einem Feuer und einer Grazie, dass ich mich an dem Burschen nicht sattschauen konnte.

   Wenn ich dann bei der qualmenden Pfeife mit dem Jagdgehilfen vom Weidwerk schwatzte, saß der Jochei schweigend dabei, mit großen Augen, und sagte einmal mit brunnentiefem Seufzer: „Herrgott, d’ Jagerel, dös waar so ebbes für mi!“

   Ab du schöne Woche da droben vorüber war, fiel es mir schwer, vom Jochei zu scheiden.

   Anderthalb Jahre später – ich lebte damals in Wien – übernahm ich mit ein paar Freunden eine Jagd im Wienerwald. Bei der Suche nach einem Jäger fiel mir mein Jochei ein, mit seiner Sehnsucht, Jäger zu werden. Ich schrieb an den Förster, ob der Jochei Schuemacher vielleicht Lust hätte usw. Acht Tage, und der Jochei trat bei mir an – mit einer recht zweifelhaften Büchse, die er ‚unter der Hand’ um zwölf Gulden gekauft hatte – aber mit einem Gesicht, brennend vor Glück und Freude über die Stellung, die er als Jäger gefunden. Dreißig Gulden im Monat! So was hätte sich der Jochei bei aller Verwegenheit seiner Lebenshoffnungen niemals träumen lassen. Aber bei allem Glück, das aus seinen Augen lachte, fiel mir zwischen seinen blonden Brauen eine kleine, tief geschnittene Furche auf. Die musste ich damals übersehen haben. Oder war sie neu in dieses frohe Gesicht gefallen? Und warum?

   Ich fragte: „Was macht denn das Nannerl?“

   In seinem Gesicht ging ein Glanz auf, wie wenn an hellem Abend der Vollmond steigt. „Aaaah, mei Nannerl!“ Mehr sagte er nicht. Aber aus Dankbarkeit far meine Frage drückte er mir die Hand, dass ich eine Stunde lang die Finger nicht mehr rühren konnte.

   Seinen Dienst packte der Jochei an, wie man Bäume umreißt. Freilich fallen sie nicht immer. Auch beim Jochei blieben die meisten stehen. Von der heiter zugreifenden Frische, die mir damals so gut an ihm gefallen hatte, war etwas ausgelöscht. In seinem Wesen war jetzt was Bedächtiges, das ihn zumeist den Moment verpassen ließ, in dem es galt, zu handeln. So unermüdlich er auch mit den Beinen bei seinem Dienst war, es wollte ihm nie was glücken, und die beiden anderen Jäger begannen ihn als minderwertig anzusehen und derb zu hänseln. Ich musste für den Jochei manche Lanze einlegen, um ihm Ruhe zu verschaffen. Aber zuweilen hab’ ich auch mitgeholfen, um den guten Kerl zu quälen. Die Jäger hatten es herausgebracht, wie leicht man den Jochei zu Tränen rühren konnte. Und da musste ich, wenn wir in der Jägerstube beisammen saßen, allerlei traurige Geschichten erzählen, von einem lieben, unschuldigen Mädel, das von ungerechten Menschen drangsaliert wird, oder von einer tragenden Rehgeiß, die sich in der Schlinge zu Tode zappelt, oder von einer tapferen Häsin, die ihre Jungen nutzlos gegen eine Rabenschar verteidigt. Wenn solch eine Geschichte zur tragischen Wendung kam, durfte ich nur die Stimme ein bisschen tremolieren lassen – „dös aaarme Haserl“ – dann ging dem Jochei plötzlich ein Zucken über das bärtige Gesicht. Er drehte den Kopf auf die Seite, krümmte die Schultern unter der Joppe und ballte die Fäuste, um sich gegen die aufsteigenden Tränen zu wehren, Es half nichts, sie kollerten ihm schließlich doch über die Backen In den schimmernden Kapuzinerbart. Und dann ging das Gelächter los.

   Trotz mancher Dummheit, die er im Dienste anrichtete, hielt ich meinem Jochei die Stange. Wenn ihm auch nichts glückte, sein Fleiß blieb unermüdlich, sein Wort verlässlich bis aufs Haar, und anständig und ehrenhaft war er bis zu seinem Nachteil.

   Als er drei Monate bei uns war, kam er einmal mitten in der Nacht und trommelte mich aus dem Schlaf. Keuchend vor Aufregung und das bleiche Gesicht von Schweiß überronnen, stand er vor meinem Bett.

   Ich erschrak, weil ich glaubte: „Der hat einen Wilddieb erschossen!“ Aber da quetschte er meine Hand und stotterte: „Herr Doktor! Herr Doktor! Lassen S’ mer mei Nannerl heireten!“ Ein würgendes Schluchzen fuhr ihm in die Kehle. „Gestern hat’s mer gschrieben, dass unser Kinderl da is! Herrgott, muaß dös a liabs Dingerl sein!“ Seine Augen tröpfelten. „Und da kon i dös brave Madl do aa net dahoam sitzen lassen!“

   Nach einigen Tagen konnte ich dem Jochei mitteilen, dass ich bei der Jagdgesellschaft den Heiratskonsens und eine Gehaltsaufbesserung für ihn herausgeschlagen hätte. Er heulte vor Glück und wollte die paar Gulden, die wir ihm zur Reise schenkten, gar nicht nehmen. Den Blick der Freude, die in seinen Augen brannte, als er zur Stube hinaustorkelte, hab’ ich nie vergessen. Aber hundertmal hab’ ich schon diese Stunde seines ‚Glückes’ verwünscht! Hätt’ ich ihm damals nicht den Willen getan – wer weiß, vielleicht wäre der Jochei Schuemacher heute ein froher, brauchbarer Mensch!

   An einem Regentag kam er angerückt, mit dem Nannerl und mit dem Kind. Ein Schreck fuhr mir durch die Knochen, als ich dieses Frauenzimmer sah – eine magere, widerliche Person, verschlampt vom Halstuchzipfel bis zum Rocksaum hinunter, mit dünnem, strohfarbenem Haar, mit schlierigen Augen und einem großen Maul, dem man die Gefräßigkeit schon ansah, noch bevor es aufklaffte, um die gelben Hamsterzähne zu weisen. Und auf dem Arm dieses Weibsbildes lag ein rachitisches, hässliches Kind, das fünf Wochen alt war und schon mit den Augen stumpfer Lebenstrauer in den Tag guckte. Aber der Jochei? Der war unentwegt glücklich! Und lachte: „Jetzt haben mer’s! Gott sei Lob und Dank! Jetzt haben mer’s! Vergeltsgott tausetmal, Herr Dokter!“

   Beim Anblick dieser Freude, die ich schaffen geholfen, dachte ich mir: „Vielleicht irrst du dich! Du siehst nur das Äußerliche, er aber kennt sein Glück. Und es gibt doch auch hässliche Menschen, die Berge von Gold in ihrem Herzen verhüllen und gute, Glück schaffende Hände besitzen.

   Aber das ‚brave Nannerl’ hatte solch ein Herz nicht, und nicht diese Hände. Sie hatte nur dieses Maul, vor dem ich erschrocken war.

   Schon nach wenigen Wochen gab es zwischen den Jägerfamilien einen Verdruss um den anderen. Das Nannerl legte Feuer unter alle Herde, auf denen man nicht kochen wollte. Und machte Schulden beim Krämer und in den Wirtshäusern – denn sie naschte gern und liebte die süßen Liköre, weil sie behauptete, dass man von süßen Likören schöne Kinder bekäme – eine Hoffnung, zu der sie schon wieder Ursache hatte.

   Bei allem Hader, den es absetzte, verteidigte Jochei sein Nannerl, wie ein Held seine Burg. Wenn ich ihn um der Schulden willen, die bei der Jagdgesellschaft angemeldet wurden, ins Gebet nahm, gab er nur zu, dass sich das Nannerl halt nicht so recht aufs Hausen verstände. Aber sonst! „Aaah, mein Nannerl!“

   Die reine, treue, gläubige Seele, die in diesem blinden, schwachen, verlorenen Menschen glänzte, bezwang mich immer wieder. Als Jagdleiter konnte ich ihm mancherlei Vorteile zuschanzen, die ihn über Wasser hielten, von einem Monat zum anderen. Aber es wurde mit seiner Wirtschaft und mit dem Nannerl immer schlimmer. Doch dem Jochei gingen die Augen nicht auf. Ein Jahr lang brauchte er, bis sie das Gröbste sahen. Da wurde er nachdenklich, führte geheimnisvolle Reden und rannte mit dem Gesicht eines tödlich Beleidigten in Wald und Feld herum. Alle anderen Leute waren schuld an seinem Unglück, nur nicht das Nannerl.

   Manchmal, wenn wir nach guter Jagd in lustiger Gesellschaft beisammen saßen, taute er bei einem Schoppen Heurigen aus seiner chronischen Schwermut auf, wurde für ein paar Stunden wieder der prächtige Jochei von damals, sang seine kleinen Liedchen und tanzte den Schuhplattler mit einer Grazie, dass die Wiener Jagdgäste applaudierten.

   Nach solchen Abenden machte bei ihm der Lebenswille einen Ruck nach aufwärts. Er redete seinem Nannerl ‚im Guten’ zu, gewöhnte sich das Rauchen ab, tat keinen Schritt in ein Wirtshaus, sparte an Kleidern und Schuhwerk bis zum äußersten und hungerte, um die Schulden bezahlen zu können, die das brave Nannerl wieder einmal gemacht hatte. Stiegen ihm die Sorgen bis an den Hals, so setzte er dieses gekränkte Gesicht wieder auf und begann wieder dieses verlorene Rennen durch Wald und Feld. In solchen Zeiten nahm er eine merkwürdige Gewohnheit an: Er redete reines Hochdeutsch. Wenn ich von Wien herauskam, und der Jochei Schuemacher stellte sich stramm vor mich hin, ließ den vorgestreckten Kapuzinerbart zittern und sagte: „Herr Doktohr, ich bitte, heute gäb es einen feinen Pirschgang zu unternehmen!“ – dann wusste ich gleich, dass mir draußen im Wald ein trauriges, tränennasses Stündchen bevorstand, und dass der Jochei ein paar Zentner Sorgen vor mich hinschütten würde, die erdrückend auf seinen Schultern lagen. In Gottesnamen, dann half ich halt wieder. Aber auf dieses Weibsbild hatte ich eine Wut – zehn Rosse hätten mich nicht mehr in Jocheis Stube gebracht, in diesen Schweinekotter seines Glückes, in dem ein braver Mensch verwahrloste und zwei Kinder zwischen Schmutz und Lumpen hungerten, während das Nannerl gemütlich mit den Hamsterzähnen kaute, vom Morgen bis zum Abend.

   Da kam es, dass ich Wien verließ und nach München übersiedelte. Die Jagd im Wiener Wald blieb meinen Freunden, und mit der Jagd blieb ihnen auch der Jochei Schuemacher – und das Nannerl.

   Zwei Jahre hörte ich nichts mehr von ihm. Als ich dann im Hochgebirge eine Jagd übernommen hatte, war eines Tages ein verzweifelter Brief vom Jochei da. Im Wiener Wald hatten sie ihn mit dem Nannerl vor die Tür gesetzt. So nahm ich ihn halt wieder zu mir, ins Hochgebirge. Als er kam, tat mir das Herz weh vor Erbarmen um diesen braven Menschen. Ein Dreißigjähriger! Und wie grau schon! Wie ein Fünfziger sah er aus. Sein bleich durchschossener Kapuzinerbart zitterte, als er mir die Hand hinstreckte: „Melde mich gehorsamst zur Stelle, Herr Doktohrl Und sage vielmals Dank!“ Jochei Schuemacher redete jetzt nur noch hochdeutsch. Und wie ich bald erfahren konnte, lautete eins von seinen hochdeutschen Lieblingswörtchen: „Dieses verfluchchchte Weib!“

   In dem kleinen Gebirgsdorf lief die Wirtschaft mit dem Nannerl auf den gleichen Füßen weiter, wie sie im Wiener Wald gegangen war. Aber der Jochei – der hatte jetzt offene Augen bekommen. Und wenn ihn der Jähzorn packte, redete er mit dem Nannerl nicht mehr ‚im Guten’, sondern prügelte sie, bis sie winselnd vor ihm auf die Knie plumpfte und Besserung gelobte. Aber dieses Versprechen hielt nur immer so lange an, bis die blauen Flecken vergangen waren. Schließlich bekam der Jochei das Prügeln satt, und stumpf ergab er sich in sein Schicksal. Auf seine Bitte ließ ich ihn vom Frühjahr bis zum Winter einsam in einer Jagdhütte hausen. Da tat er ruhig und gleichmäßig seinen Dienst, schickte jeden Monat von seinem Gehalt, der fünfundvierzig Gulden betrug, vierzig Gulden für Weib und Kinder ins Dorf hinaus und lebte vier Wochen mit den restlichen fünf Gulden. Wie er das fertig brachte, weiß ich nicht. In unserer Küche hatte ich den Auftrag gegeben, dass immer etwas bereit stehen sollte, wenn der Jochei zum Rapport ins Jagdhaus käme. Er behauptete dann immer, keinen Hunger zu haben, und aß erst nach langem Zureden – nur um nicht ungefällig zu erscheinen.

   Nahm ich ihn als Begleiter mit auf eine Pirsch, so philosophierte er mit mir im drolligsten Hochdeutsch über die Erschaffung der Menschen, über das Wesen des Todes und den ,unexplizierlichen’ Zweck des Lebens, über die unsterbliche Seele, über ‚Gottes Wohnort’ und über das ‚erhoffenswierdiche’ Drüben, „wo es aber vermutttlich auch ganz anderster aussieht, als man sich das denkt mit seinem dalkichten Menschenverstehstmich!“ Dieser sein Hang zu spekulativen Gesprächen verleidete den anderen Mitgliedern der Jagdgesellschaft die Lust, mit dem Jochei zu pirschen. Auch unsere Gäste schossen lieber ihren Hirsch und Gamsbock, als dass sie zusammen mit dem Jochei die Welträtsel lösten. Er wurde überflüssig, und man hätte ihm gerne den Dienst gekündigt. Ich hielt ihn.

   So ging es ein paar Jahre mit ihm weiter. Und mit Schreck begann ich zu merken, dass seine beiden heranwachsenden Mädchen ganz dem braven Nannerl nachgerieten und dem armen Jochei das Leben noch um ein paar harte Pfunde schwerer machten.

   Als ich eines Frühjahrs nach langem Winter wieder hinauskam ins Jagdhaus, führten die Jäger ganz merkwürdige Gespräche über die Schuemacherin und den Jochei, von dem sie nur immer per ‚dummer Lapp’ und ‚Schaf’ und ‚Esel’ redeten. Und schließlich sagte mir’s einer, dass das brave Nannerl mit dem Knecht eines Nachbarn ein ‚Gspusi’ angefangen hätte, das augenscheinlich nicht ohne Folgen wäre.

   „Um Gottes willen! Dieses Scheusal! Findet denn die noch einen?“

   „Ah ja!“ Der Jäger lachte. „Jedes Haferl kriegt sein Deckerl!“

   Ich ließ den Jochei kommen und sagte ihm, dass er diesen Redereien ein Ende machen müsse. Stramm, ohne einen Laut zu reden, stand er vor mir und ließ den Bart zittern. „Aber Jochei? Können Sie denn nicht wegen Verleumdung klagen? Ist denn wirklich was Wahres dran?“

   „Man sagt es, Herr Doktohrl Und es dürfte auch kaum ein Zweifel hiewegen zu erheben sein.“

   „Aber warum werfen Sie denn das Weibsbild nicht aus dem Haus?“

   „Nichts Gewisses weiß man nicht von wegen dem Kind. Kann auch von mir sein.“

   Gegen diese Philosophie war nichts einzuwenden.

   Im Laufe des Sommers kam das Kind; es war ein Buberl mit pechschwarzen Haaren. Und der Jochei, der früher einmal blond gewesen, erzählte jetzt mit Vorliebe, dass seine Großmutter und sein Urahnl ‚kohlrappenschwarze’ Haare gehabt hätten.

   Die Leute vergaßen den Skandal, und ein Jahr war äußerlich wieder Ruhe. Nur dass der Jochei immer schlechter aussah, immer verwahrloster umherging, kein ganzes Hemd und keinen brauchbaren Schuh mehr hatte und immer konfusere Reden über ‚Gottes Wohnort’ führte. Als Jäger wurde er völlig untauglich, niemand wollte mehr mit ihm pirschen, auch ich nicht. Und die anderen Jagdgehilfen sagten: „Der Jochei spinnt!“

   Eines Tages kam er mit aschfahlem Gesicht und meldete, dass er in einem Revierteil, in dem jeder Abschuss dem Personal aufs strengste verboten war, den stärksten Hirsch, einen Zwölfender, niedergeschossen hätte.

   „Aber Jochei!“

   „Mich hat so ein Rappsch gepackt, Herr Doktohr! Da hab’ ich mich was umzubringen für verpflichtet gefunden, und sozusagen gleich das Allerbeste.“

   Diesen ‚Rappsch’, in dem er hatte morden müssen, verstand ich. Und damit der unglückliche Kerl nicht brotlos würde, verschwieg ich die Sache vor den Mitgliedern der Jagdgesellschaft. Aber nach einigen Tagen kam der Jochei selber: „Herr Doktohr, es tut keinen Guttt mehr mit mir! Ich bitte gnädigst, mich zu kündigen.“

   Mit Mühe war er zu beruhigen. Ich begann im Flachland draußen einen Posten für ihn zu suchen, auf dem er leichteren Dienst hätte – für den verantwortungsvollen Beruf eines Hochgebirgsjägers war dieser zerrüttete Mensch nicht mehr zu brauchen. Auch bedrückte mich immer die Sorge: Der Jochei springt im ‚Rappsch’ einmal wo hinunter!

   Wenige Wochen später gab’s wieder ein Getuschel – über das Nannerl und einen alten Taglöhner, der im Armenhaus wohnte. Eines Abends, als Jochei zum Rapport ins Jagdhaus kam, brachten ihm die Jäger das bei. Und spät in der Nacht erschien er bei mir, in einer Aufregung, dass sich an seinen Augen das Weiße herausdrehte. „Herr Doktohr, ich bitte gnädigst um Urlaub bis morgen.“ Und wie ein Irrsinniger rannte er über das Almfeld davon, in die sternhelle Nacht hinaus, dem zwei Stunden entfernten Dorf entgegen.

   Am folgenden Mittag kam er, mit dem Gesicht und den Bewegungen eines Betrunkenen. „Herr Doktohr! Jetzt ist die Angelegenheit über allen Zweifel erhaben. Heute Nacht habe ich das Luder erwischt.“

   „Und hinausgefeuert?“

   „Jawolll, Herr Doktohr! Aber das verfluchchchte Weib ist wieder herein und hat sich am Ofen angesprissen, dass ich gar nichts nicht mehr habe machen können.“ Sein Bart zitterte. „Weil die Kinder auch so geschrieen haben.“

   Dem Jochei war nicht mehr zu helfen. Und doch versuchte ich noch einen letzten Weg. Zuerst riet ich ihm zur Scheidung. Aber da schüttelte der Jochei Schuemacher hartnäckig den Kopf. „Herr Doktohr, da Ist keine Aussicht nicht vorhanden. Ich bin ein guttter Christ, und die Ehe ist ein allerheiligstes Sakrament. Nach diesem elendiglichen Leben will ich mindestenfalls zu Gottes Wohnort kommen.“

   Als ich dann eine gute Stelle für ihn gefunden hatte, sagte ich ihm, dass er sie nur antreten dürfe, wenn er das Nannerl von sich wegschöbe. Er solle sie heimschicken zu ihren Verwandten und ihr jeden Monat zehn Gulden geben. Brauche sie mehr, so müsse das brave Nannerl eben arbeiten. Der Rest seines Gehaltes wäre ja bei seiner Sparsamkeit für ihn genügend, um eine ordentliche Magd ins Haus zu nehmen, die seine Wirtschaft aufrecht halten und ihm helfen sollte, seine beiden verwilderten Kinder zu erziehen.

   Er streckte den Bart vor. „Bitte, Herr Doktohr, ich habe drei Kinder!“

   „Natürlich, ja, ich habe mich nur versprochen.“

   Ich nahm seine Hand, zog ihn zu mir auf die Bank, stellte ihm vor, wie das mit seinen Kindern werden müsse, wenn es das brave Nannerl in der gleichen Couleur so weiter triebe, und suchte ihn zu überzeugen, dass es für ihn keinen anderen Ausweg aus seinem Elend gäbe, als die Trennung von seinem Weib, wenn auch ohne kirchliche Scheidung. Er schien das einzusehen, nickte zu allem, was Ich ihm riet und gab mir schließlich Wort und Handschlag, dass er alles genau so machen wolle, wie ich es ihm vorgeschlagen hatte.

   Einige Tage vor seiner Abreise kam er: „Bitte, Herr Doktohr, nehmen Sie mich heut noch einmal mit auf die Pirsch.“ Seine Stimme schwankte. „Eine Freid muss der Jochei Schuemacher noch haben!“

   „Aber Jochei, schauen Sie doch zum Fenster hinaus, wir bekommen ja grobes Wetter.“

   Ruhig, in seiner sinnierlichen Art, sah er die treibenden Wolken an. „Nichts Gewisses weiß man nicht, es kann auch wieder guttt werden.“

   Da tat ich ihm den Gefallen. Aber es wurde nicht gut. Ein schauerliches Unwetter überfiel uns, und ehe wir die Jagdhütte erreichten, gerieten wir unter Blitz und Donner in eine Finsternis, in der man bei jedem Schritt den Hals hatte brechen können. Der Jochei kam in einen Zorn, wie ich ihn nie gesehen. Seine ‚letzte Freid’ war ihm verdorben! Wenn ein Blitz über die Felswände hinzuckte, hob er die geballte Faust und schrie in das Brausen des Sturmes und in die schwarze Finsternis hinauf: „Derschlag mich halt! Derschlag mich, du! Wirst doch einen braven Weidmann derschlagen können, der eh schon umbracht is! Derschlag mich! Halleluja! Du da droben!“ Er tat einen Juhschrei. Und mit kreischender Stimme begann er im strömenden Regen eines von seinen heiteren Liedchen zu singen.

   In der überheizten Jagdhütte, an deren Ofen wir unsere Kleider trockneten, betäubte mich der schwüle Dunst, dass ich in einen Schlaf mit widerlichen Träumen fiel. Mitten in der Nacht erwachte ich. Der Hüttenraum war kühl geworden, draußen wehte der Sturm, und drüben auf dem anderen Bett hörte ich den Jochei Schuemacher in der Dunkelheit leise weinen. Ich ging zu ihm hinüber, setzte mich auf das Bett, packte ihn am Kapuzinerbart, redete ihm eindringlich zu und ließ mir wieder Wort und Handschlag von ihm geben, dass er alles so machen würde, wie ich es ihm geraten hatte. Ganz ruhig schwatzte er mit mir, und in seinem Herzen schien ein warmes Fünklein von Hoffnung und Zuversicht zu erwachen.

   Drei Tage später reisten die Schuemacherischen ab. Das bisschen Hausrat das sie in ihrer ewigen Not noch nicht verkitscht hatten, füllte kaum das leichte Wägelchen. Der Jochei hielt das kleine Buberl mit dem schwarzen Haar auf seinen Armen, und das brave Nannerl kaute mit den gelben Hamsterzähnen, grüßte zum Abschied lachend ihre guten Freunde und versicherte jedem: „Jetzt kriegen mer’s nobel! Jetzt weard mei Jochei a Baronischer!“

   Nach ein paar Wochen hörte ich von einem meiner Jäger, dass das Nannerl nicht daheim im Salzkammergut, sondern draußen im Flachland beim Jochei wäre. Ich wollte das nicht glauben. Aber der Jäger meinte. „Dö hat si halt wieder angsprissen am Ofen! So oane woaß, wo Gottes Wohnort is!“

   Mir schrieb der Jochei nie. Die letzte Nachricht, die ich von ihm hörte, brachte mir der Förster, dem der Jochei eine bunte Ansichtskarte geschickt hatte – mit einem Fasan drauf,
der im Feuer aus den blauen Lüften stürzt. Auf der Karte stand mit zitteriger Hand geschrieben:

   „Gelibter Bruhder in Huberto! Filmaligen Dank für deine libe Karde mit den sönen Hirsch. So einen Statzkerl mecht ich halt widder einmahl in natuhribus sechen aber bei uns hir ist das nichts. Nuhr Hassen und sole kleinwunzichte Vicherln übereinand. Aber sonst gets mir gutt. Das Nannerl is schon widder fest bein Zeig, hat schon wüder ein Schbusi, lasst nicht aus! Dein ergehbener Freind

Jakob Schuemacher,                                                   

baron Maudnerischer Refirjäger und Fasannwärder.                      

   Gris mir den Herrn Dogter filmalich und sag ihm, halt nichts für ungutt! Gelt!“

   Dann hab’ ich keinen Laut mehr vom Jochei gehört. Wie es ihm geht, ob er noch lebt, ob er noch. leidet – ich weiß nicht. Aber ich vermute: Das Nannerl lasst nicht aus!

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© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
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