Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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10.

   „Allezeit ist sie eine in der Furcht Gottes lebende Frau gewesen! Wie auch, wäre es sonst zu erklären, dass sie die harten Prüfungen, mit denen die liebevolle Hand des Allerhöchsten sie bedachte, so geduldig und standhaft hätte ertragen können? Wie, meine christlichen Zuhörer? Sagt mir das! Und was sie auf Erden als Mutter gewesen ist, das könnt ihr an ihrem doppelt verwaisten Kind sehen, das seine bitteren Zähren hinunterweint in der geliebten Mutter offenes Grab. Mein armes, trauerndes Kind! Zu deinem Trost will ich dir die Worte sagen, welche der Herr in seiner Güte und Weisheit verkündigt hat: ‚Es gibt Eines, und das ist schlimmer als der Tod!’“

   So und so weiter sprach im Untersteiner Friedhof der hochwürdige Herr Kooperator vor dem Grab der alten Baslerin. Dabei zeichnete er bald mit dem rechten Arm, bald mit dem linken, bald auch mit beiden Händen zierliche Paragraphenlinien durch die neblige Schneeluft.

   Die Nachbarn und Nachbarinnen der Verblichenen, die das Grab mit Frösteln umstanden, glaubten ihm alles aufs Wort. Sie hätten es Ihm noch lieber geglaubt, wenn er’s kürzer gemacht hätte.

   Eine einzige stand am Grab, die den Hochwürdigen gar nicht hörte, so schön rhetorisch er auch die Stimme hob. Sie hielt die hängenden Hände verschlungen und sah mit rot verschwollenen Augen immer hinunter auf den schwarzen Sarg mit dem lang gestreckten, gelben Kreuz. Und als die schneedurchfrorene Erde zu fallen und sich im Grab zu häufen begann, fühlte sie jedes Poltern und jeden Schaufelwurf wie einen Stich und Riss im Herzen.

   So gewahrte sie auch nicht, dass den Friedhof noch ein verspäteter Trauergast betrat.

   Die Leute, die ihn kommen sahen, betrachteten verwundert sein dick verbundenes Gesicht und dachten, dass heute kein Wetter wäre für einen, den das Zahnweh plagt. Zu weiteren Gedanken blieb ihnen keine Zeit mehr, denn eben sagte der Herr Kooperator sein seufzendes Amen. Rasch verließ er die Begräbnisstätte, mit hurtigen Fingern die blaue Nase reibend.

   Nun traten die Leute zu dem Mädel und brachten ihre Tröstungen vor. Alle waren sehr betrübt, solange sie mit Nannei redeten. In dem Augenblick, in dem sie sich abwandten, verflog die Trauermiene, und die Gesichter wurden freundlich.

   Jetzt war der letzte gegangen – nein, hinter einem dicken Holzkreuz stand noch jener Spätgekommene mit dem verbundenen Backen.

   Zu Füßen des Grabes ließ sich Nannei auf beide Knie nieder und faltete die Hände. Da hörte sie hinter sich einen Schritt. Sie blickte nicht auf, rückte nur ein wenig, um für seine Knie noch Platz zu machen auf dem kurzen Brettchen, das man für den Herrn Kaplan in den Schnee gelegt hatte, damit er keine kalten Füße bekäme.

   Eine Welle beteten sie miteinander, dann suchten sich ihre Hände.

   „Ich soll dich recht schön grüßen von ihr – hat s’ gsagt.“ Nanneis Stimme zerbrach. „Die hat dich kennt. Dös is ’s letzte von ihre guten Wörtln gwesen: Der kommt!“

   Er nickte nur.

   Dann erhoben sie sich und verließen den Friedhof. Solange sie zwischen den Häusern waren, schritten sie nebeneinander her, getrennt durch einen Zwischenraum; beim ersten Schritt In die schneebedeckte Wiese fassten sich ihre Hände.

   „Wie geht’s dir denn?“, fragte sie.

   „Es tut’s schon. Da schau her!“ Festei schob den weißen Verband vom Gesicht. Der linke Backen war von einer roten, noch schlecht vernarbten Schramme durchrissen.

   „Jesus!“, stammelte das Mädel und berührte mit zitternden Fingerspitzen die wunde Stelle. „Geh, tu ’s Tüchl wieder drüber, es is kalt.“

   „Ja, der Doktor hat’s auch net verlaubt, dass ich an d’ Luft geh. Aber wärst ja sonst allein gwesen!“

   Sie wanderten und schwiegen. Dann sagte Nannei: „Gelt, der Wimbacher Ghilf! Hat er dir’s schon verzählt? Gestern is er dagwesen bei mir.“

   „Auf den hab’ ich a schöne Wut! So a blinder Heß! Den Fuchs fehlen und –“

   „Dös arme Viecherll Was muss dös ausgstanden haben! A christgläubiger Mensch, wann er stirbt, hat sein’ Himmelstrost. Was hat denn so a Viecherl?“

   Als sie das kleine Haus erreichten und die heftig nach Wachskerzen riechende Wohnstube betraten, musste Nannei weinen. „Schau“, sagte sie und öffnete die Kammertür, „da drin hat s’ glegen.“

   Er nahm den Hut ab und blickte mit ehrfürchtiger Trauer auf das leere Bett. „Um die is schad!“, sagte er. „Aber komm, Nannei, jetzt tu dich a bissl niederlassen. Es muss dir ja in alle Glieder liegen. Und a bissl ebbes z’reden hätt’ ich.“

   Sie gingen in der Stube zur Fensterbank, rückten dicht aneinander und saßen eine Weile schweigend, bis er sagte: „Mit meiner Frau Oberförsterin hab’ ich gredt. Da kunntest den Winter über im Dienst sein, bei ihre Kinderln. Da hättst es gut! A Maderl is da mit fünf Jahr und a kleins Bübl, a lieber Kerl. Der muss dir gfallen. Was meinst?“

   „Wie d’ willst! Du wirst ’s Rechte schon wissen!“

   „Und im Fruhjahr, so gegen Pfingsten, hätt’ ich gmeint – oder meinst, erst spater naus? Dispens wär leicht zum kriegen, weil so allein bist! – – Geh, Schatzl, red doch a Wörtl! Bei so ebbes muss man selbander reden.“

   „Heut net – an anders Mal!“, stammelte Nannei und presste das unter Tränen glühende Gesicht an die Brust des Jägers, der den Arm um ihren Nacken schlang. „Wie kunnt ich mich erst freuen drüber, wann d’ Mutter noch dabei wär!“ Sie hob den Kopf und fuhr mit den Handballen über Augen und Wangen. „Und mein Dschapei! Wann uns dös gute Viecherl so sehen kunnt, so zammghörig! Meinst net? Dös hätt doch gwiss die größte Freud dran!“

   „Freilich, ja“, nickte Festei, „aber weißt, mich selber, mich freut’s halt schon am besten!“

   Sie sah zu ihm auf und konnte lächeln.

   Er hätte sie gerne geküsst; aber da streifte sein Blick die offene Kammertür und das Fußbrett des leeren Bettes. Er legte nur die verbundene Wange an ihr Haar und sagte leise:

   „Heut net – an andermal!“ – – –

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