Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Hochlandzauber
            Joseph
            Der nette Kerl
            Hirschbrunft
            Weißbacher
            Seltene Gäste
            Dschapei
               1. Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            Jochei Schuemacher
            Gigantenkampf
            Hans Dauerhaft
            Drei Wilddiebe
            Der Falkenfang

9.

   Dicke Wolken umhüllten alle Bergspitzen und unfreundliche Nebel flatterten über das Griestal. Schwere Wassertropfen hingen an den Büschen und kleine Bäche gurgelten auf allen Wegen.

   Da war auf dem Pfad, der in steilem Zickzack zum Trischübl empor führt, ein gefährliches Gehen.

   Dem Wimbacher Jagdgehilfen machte das keine Sorge; aber die bunt aufgeputzte Weibsperson, die an seiner Seite täppelte, ließ, so oft sie ausrutschte, ein ängstliches Kreischen hören, das dem Blöken eines alten Schafes glich. Sie hing an den Arm des Jägers geklammert, unter einem gedehnten „Ijaaa!“, aus dessen Art zu schließen war, dass sie eine lange Rede beendet hatte.

   „Schauderhaft!“, sagte der Jäger. „Jetzt kommt dös auch noch über dös arme Madel! Als ob’s an der Gschicht mit’m Festei net schon gnug ghabt hätt!“

   „Ijaaa! Und da war halt jetzt der Almbauer bei mir. Dös hab’ ich aber gleich gsagt, dass ich am Trischübl net bleib. Jiaaa! Morgen in aller Fruh treib’ ich abi zur Griesalm. Haben wir ja eh schon Mitte September.“

   „Gelt, Wabei, sag’s ihr net grad so aussil Dös Madl kunnt arg derschrecken.“

   „Ijaaa! Dös muss ich ihr so langsam einschütten wie a pfuiteufligs Trankerl!“, beteuerte Wabei.

   „A Glück, dass ich wenigstens a bessere Botschaft bring. Mit’m Festei macht sich die Sach wieder.“

   „Dös is der Jager, den s’ droben gstochen haben, gelt? Wohin hat er ihn denn gstochen, der Lump?“

   „Von oben her übern linken Schlaf in d’Achsel. Da hat’s ihm den Knochen angsplittert.“

   „Ijaaa, mein, dös is ja gar nix! Da hab’ ich schon viel schönere Stich gsehen!“, versicherte Wabei.

   „Alles wär vielleicht in vierzehn Täg wieder gut gwesen, wann man’s gleich richtig hätt verbinden können. Aber die ganze Nacht da droben und der weite Weg bis zu mir ins Schloss abi! Was hat dös Madl da droben machen können? A bissl a Pflaster halt und an kalten Umschlag. Und da hat er jetzt ebbes kriegt – Knochenverentzündigung, sagt der Dokter. Drei, vier Wochen kann’s allweil dauern.“

   „Ijaaa, mein, dös is ja gar nix! Da hab’ Ich schon Stich gsehen, wo einer a halbs Jahr lang liegen hat müssen. Haben s’ den Lumpen schon derwischt?“

   „Na, gar nix haben s’ aussibracht!“, brummte der Jäger. „Von dem fremden Gwehr und von dem Pucksack mit dem Hirschkalb, dös der Lump hat liegen lassen, hat man nix erawieren können!“

   „Erawieren, gelt, dös heißt aussikitzeln.“

   „Ja. No freilich, an Verdacht hat er schon, der Festei, auf ein’ von Saalfelden drüben. Suttner Korbini heißt er. Wie aber d’ Schandari nachgfragt haben, hat er zwei Senner als Zeugen bracht, dass er in derselbigen Nacht am Steinernen Meer in einer von seim Vatern seine Almhütten gwesen is. Söllene Kerl schwören um zwei Maß Bier. So is halt d’ Menschheit! Was kannst machen!“

   „Ijaaa, da kannst gar nix machen!“, versicherte Wabe! nachdenklich.

 

   Die beiden hatten die Höhe erreicht. Unter der Hüttentür stand Nannei, die den Jäger erwartet hatte, seit Stunden schon und mit Schmerzen. Weil er Nachricht von Festei brachte. Still, mit dürstenden Augen, ging sie ihm entgegen.

   „Gut geht’s, Madl!“, rief der Jäger. „Er lasst dich schön grüßen. An ganzen Binkel voll Botschaften hat er mir auftragen. Aber jetzt muss ich z’erst ins Jagerhüttl auffi. Ich komm’ schon wieder abi, eh dass gehst.“

   Er nickte einen Gruß und folgte dem Steig. Nannei sah ihm schweigend nach; sie begriff sein letztes Wort nicht. Gehen? Wer ging?

   „Jetzt weiß ich net“, sagte Wabei, „bist du’s oder bist du’s net? D’ Nannei?“

   Das Mädel nickte.

   „Schier hätt’ ich dich nimmer kennt. Hast allweil an apfelbackets Gsichtl ghabt. Und jetzt schaust aus, wie der Kaas, wann er grün wird, ijaaa.“

   „Wär kein Wunder!“ Nannei blickte mit feuchten Augen ins Tal. „Und du? Gelt, du bist d’ Nadler-Wabei von Unterstein? Was willst denn bei mir?“

   „Ijaaa, da setzen wir uns z’erst a bissl nieder!“ Sie machte sich auf dem Holzbänkl breit. „Gestern is dein Almbauer zu mir kommen, und ich hab’ ihm zugsagt, dass ich daheroben aushilf. Kannst gleich gehn, wann d’ magst.“

   Nanneis Augen erweiterten sich. „ls der Almbauer nimmer zfrieden mit mir?“

   „Ah na! Kei’ Red netl Aber dei’ Mutter bleibt nimmer allein, weil s’ kein’ Menschen net hat. Allweil hat sie’s gschoben, ijaaa, weil s’ gmeint hat, dö Sach kunnt sich von selm wieder einrenken. Angst brauchst keine net haben! Ah na! Dös is gar nix! Da hab’ ich schon ganz andre gsehen. Die haben vier Wochen vor’m Absterben schon ’s weiße Nasenspitzl ghabt. Da hat man sich gleich auskennt. Aber bei deiner Mutter! Ah na! Dös is gar nix1 Da hat’s noch weit bis zur kalten Himmelfahrt.“

   „Aber Wabei“, stammelte Nannei in Schreck und Sorge, „was is denn? Es wird doch um Gotts willen d’ Mutter net verkrankt sein?“

   „Verkrankt? Ah na! A bissl verkühlt hat sich dös Weibl halt. Mein, dös is gar nix. D’ Leut und der Dokter sagen freilich – aber schau, musst halt denken, dass jeder Mensch amal sterben muss, du, und ich, und a jeds von uns, amal, ijaaa! Schau mich an, mir sind schon zwei Mütter gstorben, die richtig und d’ Stiefmutter. Alls verwindt a standhafte Menschenseel. Drum sei gscheid! Pack deine Sachen zamml Bis um sechse kannst drunt sein in Barthlmä und um neue bist daheim, ganz leicht, ijaaa! Dei’ Mutter wird sich mit’m Sterben net grad auf heut kaprazieren.“

   Nannei hatte keine Tränen; ihre Augen waren heiß und trocken. Lautlos wankte sie in Kammer und Stube umher, um in den Korb zu legen, was ihr Eigentum war. Dabei kramte Wabei alle Neuigkeiten des Berchtesgadenertales aus und erzählte auch vom alten Wofei:

   „Ijaaa, du, was der für Gschichten macht! Und Sachen bildt er sich ein, dass eim grausen möcht. Die ganzen Nächt schreit er, als ob er am Spieß stecket. Morgen, sagen d’ Leut, wird er furttranspadiert, ins Narrenhaus! Ijaaa, mein, so a bissl Narrenhaus! Dös is noch gar nix. Solang sich einer net einbildt, dass er der Gott Vater is, hat er allweil noch a Quentl Verstand.“

   Nannei war wegbereit. Und der Jäger kam. Der berichtete, was Festei ihm aufgetragen: Grüße, Grüße und Grüße, eingewickelt in Sorgen um Nanneis Wohl.

   „Vergeltsgott!“, sagte das Mädel, kaum eines Wortes mächtig. „Bald gsunden soll er halt! Und sagst es ihm von meiner Mutter! Gelt?“

   Als sie aus der Hütte trat, sah sie neben dem Dschapei die Scheckin stehen, die ihr entgegen brüllte. Sie schlang die Arme um den Hals des Tieres: „Pfüe Gott, Scheckin, du gute! Und sag’s zu die andern, gelt! – – Komm, Dschapei, komm, jetzt müssen wir uns tummeln, d’ Mutter, d’ Mutter –“ Ein Sturz von Tränen erwürgte ihre Stimme.

   Sie fing zu laufen an und lief, bis Ihr der Atem ausging. Das Dschapei hopste und bimmelte hinter ihr her. Und als die kleine Glocke verstummte, merkte es Nannei nicht. Erst auf der Unterlahnerahn vermisste sie ihr Dschapei. Sie rief und rief. Eine Strecke rannte sie zurück und schrie und lockte. Umsonst. Die quälende Sorge um die kranke Mutter verbot ihr ein langes Suchen, und während sie zu hetzen anfing, um die verlorene Zeit wieder einzuholen, hoffte sie, dass ihr Dschapei den Weg zur Alm wieder finden würde. Als sie atemlos den See erreichte, war das letzte Schiff bereits abgefahren. Der Förster, um ihrer verzweifelten Augen willen, gab ihr seinen eigenen Kahn und einen Fischer. Die beiden ruderten, dass die Wellen am Kiel hinaufrauschten.

   Als Nannei vor dem Schiffermeisterhaus zu Königsee ans Ufer sprang, begann es dunkel zu werden. Keuchend lief sie die Straße hinaus.

   Ein jäher Schreck bannte ihren Schritt. Sie sah eine lohende Flamme emporschlagen in die Luft und sah den nebligen Himmel zu trüber Röte sich färben.

   Im ersten Entsetzen meinte sie schon – – aber nein, das Feuer war zu nah, ihrer Mutter Haus lag weiter zur Linken. Gott sei Dank!

   Sie lief und lief. Als sie die ersten Häuser von Unterstein erreichte, sah sie die Leute rennen. Aufgeregte Stimmen kreischten: „Wo brennt’s? Wo brennt’s?“ Andere Stimmen antworteten. „Beim narrischen Wofei!“

   Da war die Brandstätte.

   Nannei konnte sich nur mühsam einen Weg durch das Gedränge der Menschen bahnen, die lärmend das Feuer umringten. Aus den Flammen klang ein wildes Gelächter.

   Von Grauen gepackt, hetzte Nannei davon. Jetzt kam der schmale Fußpfad, der sie heimwärts führte über die nassen Wiesen, dort hob sich schon der stille dunkle First über einen Hecken besetzten Hügel, und nun stand sie vor der niederen Tür. Die war verriegelt. Nannei rüttelte. Als die Tür geöffnet wurde, stand eine alte Frau vor ihr, eine Nachbarin.

   Die Stube war finster; ein matter Lichtschein dämmerte aus der offenen Kammer.

   „Mutter?“

   Eine dünne zitternde Stimme gab Antwort.

   Das lockende Grün einer Gemskresse, eine seltene Köstlichkeit für Krickelwild und Schafe, hatte das Dschapei im Watzmanngraben festgehalten.

   Nicht weit davon war ein zweites Stäudl, ein drittes – und als das Dschapei diese Leckerbissen aufgeknuspert hatte und zurückhüpfte auf den Weg, sah es nur Felsen und Bäume in der stillen Runde.

   Es sprang und stand und guckte, wandte sich und rannte über den Pfad zurück, verlor den Weg und geriet in wirres Latschengebüsch.

   Schmählend irrte das Tier zwischen den Stauden und Steinen umher, bis die Nacht über die Berge sank. Mit dem Glockenriemen verfing es sich an einem dürren Latschenast und riss und zerrte, bis der Riemen entzweiging. Noch atemlos von dem würgenden Druck, beguckte es in der Dunkelheit den Ast, studierend wie ein Philosoph, der hinter das Wesen der Welträtsel kommen will. Ob es sich erinnerte, dass es so was Ähnliches schon einmal erlebt hatte? Nicht auf festem Boden, sondern in der Luft, mit seiner ersten Kindheitsschelle?

   Lang suchte es nach einer trockenen Lagerstätte. Es fand keine. Alle Fremdenbetten der Berge waren nass. Und die Nacht war rau und kalt. Als sich das Dschapei beim ersten Tageslicht erhob, fiel ihm das Gehen schwer. So steif waren ihm die Glieder geworden.

   Wieder verging ein Tag, wieder eine Nacht.

   Am dritten Abend gelangte das Tier mit Äsen und Suchen auf die Höhe des Rauhenkopfes und sah zu seinen Füßen die wohl bekannte Hütte liegen. In freudigen Sprüngen hüpfte es hinunter, von Stein zu Stein. Als es den Almenplatz erreichte, sah es verwundert die geschlossene Hüttentür an und blinzelte hinauf zu dem Stein belegten Dach, aus dessen Lucken nicht wie sonst der blaue Rauch sich in die Lüfte kräuselte. Keine menschliche Stimme klang, keine Almenglocke war zu hören. Nur die Holzbank stand noch da. Unter ihrem Sitz verbrachte das Tier die kommende Nacht.

   Am nächsten Morgen vernahm es das Läuten der Glocken, fern aus dem Griestal.

   Es folgte dem Ton und fand den Pfad, der ins Tal führte. Wo linker Hand die Felsen zur Tiefe sich senken und rechts die Wände steil zur Höhe steigen, sah es den schmalen Weg versperrt durch ein fest geschlossenes Gatter. Hier stand es den ganzen Tag und fuhr mit der Schnauze über die Stäbe. Bei Einbruch der Nacht lief es zurück zur Hütte und streckte sich wieder unter die Holzbank.

   So ähnlich ging es dem Dschapei Tag um Tag

   Weil es bei der Hütte nimmer viel für seinen Hunger fand, nahm es seinen Aufenthalt auf dem Rauhenkopf, wo zwischen dichtem Latschengestrüpp die Gräser sich länger hielten und in den kalt werdenden Nächten ein windstiller Schlupf zu finden war.

   Eines Morgens erwachte das Dschapei, kroch aus seinem dunklen Versteck heraus und sah mit verdutzten Augen umher. Hatte es Salz geregnet in der Nacht? Alles war weiß in der Runde, und weiße, große Flocken wehten noch immer in Menge aus der stürmischen Luft.

   Neugierig stieß das Dschapei die Schnauze in den Schnee, fuhr erschrocken zurück und schüttelte die kalte, nasse Sache von der Nase. Als es hinaustrat auf den weißen Teppich und bei jedem Schritt so linde versank, als die Flocken ihm auf die Wimpern fielen und um die Ohren wirbelten, fing es an, die Sache lustig zu finden, sprang in munteren Sätzen umher, wälzte sich mit schlagenden Füßen im Schnee und trieb alle Possen, die ein Dschapei zu treiben weiß.

   Es ging mit dieser Freude, wie mit allen Freuden der Welt. Das Dschapei wurde müd und fühlte sich unbehaglich nass am ganzen Leib. Und der Hunger kam. Weder Gras noch Kraut. Nur Schnee. Es fing zu scharren und zu kratzen an und kam auch auf den Grund; das Ergebnis war ein mageres.

   Gegen Mittag wurden die fallenden Flocken ‘dünner und verschwanden. Manchmal blinzelte die Sonne durch die zerklüfteten Wolken, und ihre Strahlen machten den Schnee glitschig, dass er sich in schweren Klumpen an die Füße des watenden Tieres hängte oder an steilen Hängen unter ihm wegrutschte, Im Fall das Dschapei eine Strecke mit sich reißend. Zuerst war auch das eine lustige Sache; sie endete nur leider mit Beulen und Wunden. Häufig gewahrte das Dschapei in seinen Schneestapfen kleine rote Punkte, die wie Frühlingsblümchen aussahen und wie süßliches Wasser schmeckten, wenn man sie fraß.

   Als die Sonne sich hinüberneigte über den Grat der Palfenhörner, kam das müde, blutende Dschapei bei seiner Suche nach Äsung in die Gegend der Hundstodgrube.

   Da sah es in der Tiefe des Kessels einen Menschen wandeln, der über den Schnee hinweg schritt, als wäre sein Körper ohne Schwere. Quer in den Händen hielt er den Bergstock, hinter der Schulter hing ihm die Büchse, und unter jedem Fuß trug er einen dünnen, mit Schnüren übernetzten Holzreif. Beim Anblick dieses Menschen begann das Dschapei zu zittern. Nicht vor Schwäche und Frost, sondern aus Angst vor diesem Menschen, den es dreimal schon gesehen: An sonnigem Morgen im Wimbachtal, zur Mittagsstunde am Rande jener Schlucht, in deren Tiefe das Dschapei um dieses Menschen willen qualvolle Stunden hatte durchleben müssen, und das dritte Mal bei Mondschein in Nanneis Hütte.

   Über dem zitternden Tier lag’s wie ein Bann, der seine Glieder lähmte. Erst, als jener Mensch in einer Mulde verschwand, fing das Dschapei zu flüchten an und arbeitete sich mit seiner letzten, müden Kraft durch den tiefen Schnee. Es kam auf seiner Flucht in den Sigerethgraben. Hier hielt es lauschend inne. Nichts war zu hören, nur das dumpfe Klatschen der Schneeklumpen, die von der Wand herunterfielen. Die trieben das Dschapei aus dem Graben; es kletterte, immer rutschend, den der Sigerethwand gegenüberliegenden Hang des Rauhenkopfes empor. Hier zwang die Müdigkeit das erschöpfte Tier zur Rast.

   Noch lag es nicht lange, da sah es den Gefürchteten am Eingang der Schlucht erscheinen. Von neuem begann es zu flüchten. Unter seinen Sprüngen klirrte ein Stein, und dieses Geräusch machte den Menschen dort unten aufblicken.

   „Ui jegerl, du bist da? No, meintwegen, Lamplbraten is mir allweil lieber als an alter Gamsbock!“ Lachend hob er die Büchse.

   Der Schuss krachte, und der von der Kugel getroffene Steinblock sprühte dem verschonten Tier seine Splitter in das Fell. Das Echo rollte. War die Natur In Zorn geraten über diese Störung ihres weißen Friedens? In der Höhe der stummen Felsen begann sich ein seltsames Leben zu rühren. In verzweifelten Sätzen suchte der Störenfried dem Graben zu entrinnen. Da prasselte, sauste, dröhnte und donnerte die Vernichtung herunter über die Wände: Schnee, Geröll, Rasen, Steine und wieder Schnee und Schnee.

   Noch ein leises Grollen und Summen in den Lüften. Dann tiefe Stille.

   Wo war der Gefürchtete?

   Die Augen des Tieres fanden ihn nimmer. Lange stand es und spähte hinunter in den mit trübem Wust erfüllten Graben. Da rührte sich kein Steinchen mehr. Schwer wie Blei lag der gehäufte Schnee.

   Taumelnd mühte das Dschapei sich vollends hinauf zur Höhe.

   Die Nacht kam heute früher als sonst. Finstere Wolken zogen von Westen über die Berge her und verschlossen den abendlichen Himmel. Wieder begannen die Flocken zu fallen, immer dichter, und der Wind umfuhr mit gellendem Lied die Felsen und Schrofen.

   Die Nacht war da. Das Dschapei tappte immer zu, ohne zu sehen, wohin seine Schritte führten. Hier brach es mit den Füßen in eine Steinschrunde, dort rollte es über einen Hang, und wo es rastete, blies ihm der Wind den Frost in die Glieder.

   Sein Vorwärtskommen war kein Gehen mehr, sondern ein Fallen von Schritt zu Schritt. Oft blieb es unbeweglich stehen und ließ sich einwehen vom Schnee, bis es ans Ersticken ging. Dann zappelte es sich mühsam aus dem kalten Federbett heraus.

   In dem eintönigen Grauweiß unterschied es nimmer, was Boden oder Leere war. Als es den Grund unter den Hufen weichen fühlte, machte es keine Anstrengung mehr, um sich zu halten. Gehüllt in eine stäubende Masse, kollerte, stürzte das Dschapei ins Tal hinunter und lag in der Tiefe, gepresst und gequetscht. Bei jedem Atemzug fuhr ihm der Schnee in die Nasenlöcher.

   So verblieb es lang, bis es stöhnend den Hals zu rühren begann und mit den Füßen stieß. Immer leichter wurde die weiße Decke über ihm; sie teilte sich, und das Dschapei sah empor an einer schiefen Felswand, sah über sich den morgendämmerigen Himmel und sah vor seinen Füßen flach und weit gestreckt das überschneite Griestal.

   Umsonst versuchte es, den halb erstarrten Leib aus der drückenden Umhüllung völlig los zu winden. Als ihm die Kraft versagte und seine Glieder, zerschunden und erstarrt, keiner Bewegung mehr fähig waren, ließ das Dschapei den Kopf zur Seite fallen, so dass es nur mit dem linken Auge noch wegschauen konnte über den Schnee.

   Lichter und lichter hob sich der Morgen. Auf dem Schnee erwachte ein Gefunkel, dass dem Dschapei das Auge fast erblindete. Dennoch gewahrte es jenes sachte Leben, das langsam näher kam und sich herauswand aus überschneiten Zweigen: Ein rötliches Tier, schlankleibig und mit spitzem Kopf, halb wie ein Hund und halb wie eine Katze, mit dicht behaartem Schweif, der gestreckt war und in Erregung zitterte.

   Nun hob der Schleicher witternd die Nase; es zog ihn näher, mit klaffenden Zähnen, mit funkelnden Augen. Jetzt duckte er sich zum Sprung. Da schob sich zwischen den weißen Büschen lautlos die Gestalt des Wimbachjägers hervor, der seine Büchse hob.

   Wohl sah das Dschapei den Schuss noch blitzen. Den Hall und Widerhall vernahm es nimmer. Es war von allen Leiden seines Lebens schon erlöst, als der Wimbachjäger wie ein Wilder fluchte: „Himmelherrgott und Bluatsakrament überanand! Was bin denn ich für a Hornochsenschaf! Hab’ ich keine Augen nimmer? Oder hab’ ich Dreck im Gsicht? Ziel auf an Fuchs und derschieß a Lampl! O du heiliger Strohsack!“

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.