Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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8.

   Mit dem Seelenlachen eines glücklichen Menschen war Festei durch den steilen Watzmanngraben hinaufgestiegen.

   Es zog ihn zu Nannei; aber seine Dienstpflicht schrieb ihm eine Begehung der Grenze vor.

   Als er zu den Sigerethwänden kam, war ihm, als vernähme er von irgendwo den Hall einer menschlichen Stimme. Jetzt bog er um eine scharfkantige Wandecke und hatte einen seltsamen Anblick.

   Unter der Felswand zeigte sich auf dem Geröll ein kreisförmiger Wall von Steinen aufgeworfen. Aus der Mulde, die er umschloss, flogen immer neue Steine heraus. Manchmal tauchte der graue Kopf eines alten Mannes auf. Und aus der Grube klangen abgerissene Worte, untermischt mit Stöhnen und Wehrufen. Der Jäger erkannte den verrückten Wofei. „Mensch! Was treibst denn da?“

   Wofei hob das Gesicht, das blutige Flecke zeigte. Wie in Zorn über die Störung, schüttelte er das wirre Haar, beugte sich in die Grube, warf mit beiden Händen wieder Stein um Stein heraus und brummelte: „So viel Steiner! Aber macht nix! Dös Platzl kenn’ ich gut! Ich find’ ihn schon! Da drunt muss er sein! – Jesus Maria! ‘s Blut!“ Schaudernd schleuderte er einen Stein davon, den er mit dem Blut seiner eigenen, zerschundenen Hände befleckt hatte. Mit dem ganzen Körper warf er sich zu Boden. Wie ein Hund in einem Maulwurfshaufen scharrt, begann er mit beiden Händen im Geröll zu graben. „Jetzt kommt er! Es is ja ‘s Blut schon da! Gelt, ich hab’s gsagt, ich find’ ihn! Noch allweil net? Wo bist denn? Bist denn gar so weit drunten? So viel Steiner! Und so viel Blut!“

   Festei konnte den schrecklichen Anblick nicht länger ertragen. Er beugte sich über den Steinwall und riss den Alten in die Höhe. „So hör doch auf, du Narr! Zerreißt dir ja deine ganzen Händ!“

   „Lass mich aus!“, kreischte Wofei. „Jetzt muss er kommen! Lass mich aus!“

   Rasch legte Festei Büchse und Bergstock beiseite und zog den Alten aus der Grube. Wofei taumelte gegen die Felswand, mit starren Augen, mit lautlos sich bewegenden Lippen, das Gewand mit Blut überströmt, zitternd am ganzen Leib. Den Jäger überkam ein tiefes Erbarmen mit diesem Menschen, in dessen Gebaren er den aberwitzigen Ausfluss eines gestörten Geistes sah. Er hob den Hut des Alten von der Erde und drückte ihn über Wofeis Stirn. „Geh weiter“, sagte er gutherzig, „komm, ich führ’ dich –“

   „Führen?“, unterbrach ihn Wofei mit wirrem Gestammel. „Führen willst mich? So einer bist du? Dich kenn’ ich! Ah na, nur net so gschwind!“ Von Wort zu Wort hatte sich Wofeis Stimme zu wildem Geschrei gesteigert. Dabei versuchte er den Arm aus Festeis Händen zu winden. „Lass mich aus! Gelt, einführen willst mich? Einführen? Lieber stirb’ ich, als so viel Schand – so viel Schand! Im guten sag’ ich dir’s, lass aus – oder –“

   Da fühlte Festei an seiner rechten Schulter den Schmerz eines Bisses. Er ließ die Arme des Alten fahren, der unter Gelächter über das rasselnde Geröll dem Tal entgegenstürmte und mit lallender Stimme kreischte: „Hast es gemerkt? Mit mir is net zum spassen. Frag den andern! Der hat gschaut, wie’s ihn abigrissen hat über d’ Wand. Jetzt schlagt er mich nimmer! Der net! So fang mich halt! Fang mich! Was macht’s denn aus? Keiner kann ebbes sagen! D’ Steiner sind’s gwesen! D’ Steiner!“

   Der Alte verschwand. Immer noch klangen seine schrillenden Worte vom Tal herauf, und sein Gelächter widerhallte an den Felsen.

   „Der is verruckt! Der is ganz verruckt! Der arme Häuter!“, murmelte Festei; dann griff er nach Bergstock und Büchse und stieg, dem Fuß der Felswand folgend, der Höhe zu.

   Es war ein mühsamer Weg, den er gehen musste, bis er den Hundstodgipfel erreichte. Bei jedem Schritt begleiteten ihn die Gedanken an den verrückten Wofei. Doch als er die luftige Zinne gewann, hatte er an andere Dinge zu denken. Ihm zu Füßen in der Tiefe lag die Trischüblhütte wie ein winziger Silberpunkt auf grüner Matte. Er zog das Fernrohr auf, sah die grasenden Kühe, gewahrte sogar das Dschapei, das äsend über eine kleine Weidefläche zog. Nur das einzige, nach dessen Anblick ihn dürstete, sah er nicht, trotz allem Suchen und Spähen. In Unmut schob er das Rohr zusammen, erhob sich und wanderte über den schmalen Grat. Als er den Sattel erreichte, der die Rotleitenschneid mit dem Hundstod verbindet, wandte er sich talwärts und umstieg auf dem brüchigen Felsenhang die Hundstodgrube. Plötzlich verhielt er den Schritt. Es war aus dem Griestal herauf der Hall eines Schusses an sein Ohr gedrungen.

   Das wird der Jagdgehilf vom Wimbachschloss gewesen sein. Der wird einen Rehbock geschossen haben! So dachte Festei. Da rappelten über ihm in der Wand die Steine. Er blickte zur Höhe und sah auf einer vorspringenden Platte einen Gamsbock stehen. Flink riss er die Büchse an die Wange, der Schuss krachte, und dröhnend rollte das Echo über den weiten Felsenkessel, während der verendete Gemsbock sich überschlug und herunterkollerte bis vor die Füße des Jägers.

   Wegen der heißen Jahreszeit musste er die Jagdbeute gleich hinunterliefern ins Wimbachschloss. Der Abend mit Nannei, auf den er sich wie auf das Heiligste seines Lebens gefreut hatte, fiel in die Dienstpflichtkiste. Er lud den Bock, nachdem er ihn aufgebrochen, seufzend auf den Rücken. Aber den Umweg über Nanneis Hütte wollte er sich nicht gereuen lassen. Als er über den Rauhenkopf hinüberstieg und die Ahnhütte sah, meldete er, wie an jedem Abend, sein Kommen mit einem Juhschrei. Keine Antwort. Er sprang und rief. Nur das Dschapei kam auf ihn zugehüpft und wollte gestreichelt sein.

   Die Hütte stand offen. In der Almstube fehlte der Wassereimer – Nannei war zur Quelle gegangen. Das war ein weiter Weg. Es konnte eine Stunde und länger dauern, bis Nannei zurückkehrte. Da durfte er nicht warten. Er löste ein Blatt aus seinem Jagdkalender und schrieb:

   „Libe Nanneil Ich hab’ ein Gams geschosen und muss es nuntertragen. Grüß Gott biß morgen. In der Fruh bin ich widder da. Mit achtungsvohlem Grusse

dein aufrichtiger Freind                                      

Sylvester Hindammer.“              

   Mit einem gespitzten Hölzchen heftete Festei diese Botschaft an die Hüttentür. Dann stieg er noch flink zur Jagdhütte hinauf und befreite seinen Teckel, dessen winselnde Freude über das Wiedersehen mit seinem Herrn kein Ende nehmen wollte.

   Als Festei den talwärts führenden Steig erreichte, kam das Dschapei wieder auf ihn zugetrippelt und wollte ihm das Geleit geben, so dass er das anhängliche Tier zuletzt mit scheltenden Worten zurückscheuchen musste.

   Je tiefer Festei hinunter kam ins Tal, desto schwerer wurde die Last auf seinem Rücken und desto schwerer sein Herz. Als er bei sinkender Dämmerung die Griesalm erreichte, meinte er Schritte zu hören. Da trug wohl der Jagdgehilf vom Wimbachschloss seinen Rehbock heim? Festei rief den Namen des Kameraden mit halblauter Stimme. Sein Ruf wurde nicht erwidert. Und kein Schritt mehr. War ein Stück Hochwild über den Weg gewechselt? Windend hob der Teckel die Nase gegen die dunklen Büsche.

   „Komm, Bella! Lass dös Wildbret in Ruh!“ –

   Als Festei eine halbe Stunde später den Flur des Wimbachschlosses betrat, kam ihm der Jagdgehilf entgegen, eine stämmige Gestalt mit rotblondem Vollbart, in erhobener Hand ein brennendes Kerzenlicht. „Was bringst denn, Festei?“

   „An guten Gamsbock!“ Festei ließ seine Weidmannslast auf die Diele nieder. „Und was hast denn du gschossen?“

   „Ich?“

   „No ja, du hast doch gschossen! Zwischen fünfe und sechse, im oberen Gries?“

   „Da war ich drunt’ beim Futterstadl!“

   Festei erblasste. „Heilige Mutter Gottes! Der Schuss da droben – und dieselbigen Tritt – ich muss wieder fort! Fort!“ Er raste keuchend in den dunklen Abend hinaus.

 

   Lange war das Dschapei droben auf dem Steige stehen geblieben und hatte verdutzt dem Jäger nachgeblickt. Scheltende Worte aus diesem freundlichen Mund? Das war ihm eine neue, verblüffende Erfahrung.

   Mit nachdenklichem Hängekopf trollte es der Hütte zu, kroch unter die Holzbank und zupfte von den Gräsern, die aus den Fugen des groben Steinpflasters herauswuchsen. Als
im Bereich seiner Halslänge das letzte Gras verschwunden war, grub das Dschapei die Schnauze in seine Wolle und schloss die Augen.

   Nach einer Weile kam Nannei mit dem Wassereimer und gewahrte den weißen Zettel an der Tür. Als sie die Schrift entziffert hatte, schob sie den Zettel hinter das Mieder. Still ging sie an die Arbeit, die ihr keine Freude machte. Sie kochte ihr Nachtmahl, das ihr nicht schmeckte. „Was so an Abend im Sommer für a Läng hat!“, grollte sie. „Net zum derleben!“

   Die letzte Arbeit war getan. „In Gottsnamen, geh’ ich halt schlafen!“ Sie lockte das Dschapei in die Stube, schob an der Hüttentür den hölzernen Riegel vor und untersuchte den Verschluss des Fensters, wie sie das jeden Abend zu tun pflegte.

   Das Dschapei hatte sich auf sein Lager niedergestreckt. Nannei kauerte sich zu dem Tier auf den Boden hin. Heut schwatzte sie nicht mit ihm wie sonst; sie fuhr ihm nur langsam mit den Fingern immer und immer wieder durch das lockige Fell.

   Endlich erhob sie sich und ging in ihre Kammer. Eine Weile stand sie an den Kreister gelehnt und blickte sinnend in das dämmerige Fensterlicht. Nun löste sie das Brusttuch und legte das Mieder ab. Den Zettel des Festei schob sie an dem in der Wandecke befestigten Kruzifix hinter die Füße des Heilands. Seufzend streifte sie die Schuhe und Strümpfe von den Füßen, schmiegte die Wange an die verschlungenen Hände und begann zu beten. Das dauerte lang. Nannei hatte für viele zu beten, für den Festei, für die Mutter und für das Dschapei.

   Stirne, Mund und Brust bekreuzend, stieg sie auf den Kreister, streckte sich aus, drückte die Augen zu und erwartete den Schlaf.

   Der wollte nicht kommen.

   Nannei war sonst nicht furchtsam. Aber heut war etwas Sonderbares in ihr; Angst war es nicht – so was Wunderliches.

   Eine Stunde mochte ihr schlaflos vergangen sein. Da stand sie auf, holte das Dschapei in die Kammer herein und verriegelte die Tür. „So, Dschapei, sei stad und schlaf!“, sagte sie und legte sich wieder hin.

   Die Nähe eines lebenden Wesens schien ihre Beklemmung zu lösen. Bald verspürte sie jene wohltuende Erschlaffung, die den kommenden Schlaf verkündet.

   Ein Geräusch ermunterte sie wieder. Mit unruhigem Getrippel stand das Dschapei an der Tür und ließ sich durch Nanneis Zurufe nicht mehr beschwichtigen; es hatte sich in seiner Leidenszeit an das Lager da draußen gewöhnt. Wem Nannei zur Ruhe kommen wollte, musste sie dem eigensinnigen Dschapei den Willen tun. Sie öffnete die Tür und schmollte: „Geh weiter, ich mag dich nimmer!“

   Als das Dschapei sich auf seinem gewohnten Fleckl niedertun wollte, stutzte es vor dem weiß schimmernden Streifen, den das Mondlicht durch eine Klumse der Hüttentür über den Lehmboden warf. Vorsichtig umging es diese verdächtige Sache und streckte sich neben dem Herd auf sein kleines Heubett.

   Jetzt war Stille. Das Dschapei hielt sich ruhig, aber es schlief nicht; der flimmernde Lichtschein beschäftigte seinen neugierigen Lammsverstand.

   Plötzlich hob es lauschend den Kopf.

   Vor der Hütte hatten sich leise Tritte vernehmen lassen. Nun folgte ein Geräusch, als würde eine schwere Last vorsichtig zur Erde gesetzt. Auf dem Lehmboden der Herdstube erlosch jener helle Schimmer, und die Tür knirschte wie unter einem von außen kommenden Druck. In der Klumse erschien eine blinkende Messerklinge, und Ruck um Ruck verschob sich der hölzerne Riegel. Langsam fiel die Tür in die Stube. Auf der Schwelle stand, umrahmt vom Mondschein, eine dunkle Gestalt mit geschwärztem Gesicht.

   Kannte das Dschapei die Gespensterfurcht? Wie von grauenvollem Entsetzen gejagt, sprang es von seinem Lager auf, rannte durch die Stube, warf die Holzgeschirre durcheinander, stieß die Bank um und fuhr, das Freie suchend, gegen die Beine des nächtlichen Gastes, der unter zornigem Fluch das schmählende Tier mit einem Fußtritt über die Schwelle beförderte.

   In der Kammer ein gellender Schrei. Der Schwarzgesichtige sprang in die Stube, aber da flog schon die Kammerfür ins Schloss und klirrend fuhr innen der Riegel vor.

   Zitternd stand Nannei in dem engen, finsteren Raum, ohne recht zu wissen, ob das alles wirklich wäre oder nur ein böser Traum.

   Jetzt hörte sie die dünnen Bretter ächzen unter wuchtigem Druck. Die nackten Sohlen gegen den Fuß des Kreisters stemmend, presste sie die Arme unter Schluchzen und Beten mit der ganzen Kraft ihres jungen Körpers gegen die Türbretter. Was half ihr Beten? Was half ihre Kraft7 Der Riegel bog sich und sprang aus der Öse. In die Spalte der weichenden Tür schob sich ein Fuß, ein Knie, ein tastender Arm.

   Da klang an das Ohr des verzweifelten Mädels das Gebell eines Hundes. „Festei! Festei!“, flog es ihr mit Herz zerreißendem Schrei aus der Seele. An der Tür wich die drückende Kraft, polternd fielen die Bretter zurück und unter dem jähen Ruck schlug Nannei mit der Stirn gegen das Holz. Noch war sie nicht wieder auf den Füßen, da hallte draußen ein röchelnder Laut. Aufkreischend flog Nannei hinaus in die Stube, und während das heulende Gebell des Hundes von der Hütte sich entfernte, sah das Mädel vor der Schwelle im Mondlicht den Jäger stehen. In erhobenen Händen hielt er die Büchse, welche krachend ihren Feuerstrahl in die Luft entlud; nun sank ihm der Kopf in den Nacken, es sanken ihm die Arme, die Büchse fiel klirrend auf die Steine, und lautlos brach der Jäger zusammen.

   Einen Augenblick lähmte das Entsetzen Nanneis Glieder. Dann klang es mit gellendem Wehschrei: „Festei! Mein Festei!“ Sie warf sich vor dem Hingestreckten zu Boden, hob seinen Kopf von den Steinen, und unter Schluchzen und Stammeln überströmte sie sein Gesicht mit Tränen und Küssen.

   Der Hund kam zurück und umkreiste winselnd die beiden Menschen.

   Unter schrillenden Hilferufen hielt Nannei den Jäger umschlungen. Sein heißes Blut quoll ihr durch das Hemd an die Brüste.

   „Festei!“ Das war ein Laut in Freude.

   Sie sah beim Mondlicht seine Augen offen, sah an seinem Blick, dass er sie erkannte, und sah ein glückliches Lächeln um seinen blassen Mund.

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