Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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7.

   Das war der erste Morgen, an welchem Festei nicht in der Sennhütte erschien, um sich nach Dschapeis Befinden zu erkundigen. Immer wieder trat Nannei über die Schwelle und guckte hinauf zur Jagdhütte; da droben rührte sich nichts. „Kann sein, er hat seine zwei Adler abitragen in d’ Ramsau.“ Diese Rechnung stimmte. Aber da hätte Festei doch ein Wörtl sagen können; dann hätte sie nicht den ganzen Tag in Zweifel und Sorge hinpassen und immer fürchten müssen, dass – was denn? – Nun, dass ihr schuldloses Dschapei bei dieser Vernachlässigung zu Schaden käme. „Wann er kommt, heut bin ich aber bös mit ihm!“ Sie studierte sich auch gleich die Predigt aus, mit der sie den gewissenlosen Lamperldoktor empfangen wollte. Als er am Abend aber den Steig heraufklirrte, lief sie ihm lachend entgegen und tat einen Juhschrei, dass von allen Wänden ein Echo kam.

   „Is heut wer dagwesen bei dir?“ Das waren seine ersten, atemlosen Worte.

   „Kein Mensch net!“ Nannei sah, erschrocken seine tief liegenden, dunkel geränderten Augen an. „Festei? Fehlt dir ebbes?“

   „Ah na! A biss1 abzappelt bin ich halt.“ Während sie in die Hütte traten, berichtete Festei, welch ein Glück er mit den beiden Adlern gemacht hätte. „Wie ich s’ drunt in der Ramsau vorbeitrag am Wirtshaus, hat mich a Stadtherr angredt, und nimmer auslassen hat er, bis der Handel fertig war. Dreihundert Markln hat er mir hinzählt am Tisch. Da drum hab’ ich s’ geben können. Meinst net auch?“

   Nannei meinte: Gerechter wär’s noch gewesen, die dreihundert Mark bekommen und die Adler behalten dürfen. Dann horchte sie verwundert auf – während Festei seinen Rucksack auf die Herdbank legte, war ein leises Klingen zu hören. „Was hast denn da drin?“

   „Mei’Zither hab’ ich mitbracht. Weit her is mei’ Spielerei net, aber diemal a Stündl am Abend kann’s eim schon vertreiben.“

   Diese Bescheidenheit war begründet. Als Festei spielte, erwies er sich als ein schwacher Meister auf dem ‚süßen Hölzl’. Der Nannei gefiel’s. Sie konnte sich an den einfachen Weisen nicht satt hören, und auch Festei schien lieber zu spielen als zu schwatzen. So blieb’s auch an den folgenden Tagen. Er wurde immer stiller. Und wenn er am Morgen nach seinem Reviergang für eine Minute in der Hütte vorsprach, hatte er übernächtige Augen. War das ansteckend? Auch Nannei begann an Schlaflosigkeit zu leiden.

   Aber das Dschapei fühlte sich wohler mit jedem Tag und wurde bei dem andauernden Mangel an Bewegung fett und kugelrund. Die Risse auf seinem Rücken und die Schürfwunden an Brust und Kehle waren schon vernarbt; auch der verletzte Huf war des Verbandes ledig. Die Heilung des gebrochenen Fußes verlangte freilich ihre Zeit. Es ging schon die zweite Augustwoche zu Ende, als Feste! den Lehmverband endlich beseitigen konnte. Beim ersten Spazierversuch machte das Dschapei drollige Torkelknickse, die an den Wofei erinnerten. Das besserte sich rasch. Einige Tage später trippelte das Dschapei schon wohlgemut auf den Grasplätzen vor der Hütte umher.

   Nun war’s an einem Samstag. Auf dem Trischübl war bei der andauernden Sommerhitze das Trinkwasser versiegt. In der Mittagsstunde stieg die Sennerin, um frisches Wasser zu holen, in das Watzmanntal hinunter, durch das der Bartholomäer Steig heraufklettert.
   Als Nannei, die Füllung des Eimers erwartend, bei der Quelle stand, hörte sie Schritte und sah den alten Wofei einher keuchen, so taumelig, wie das Dschapei nach seiner Erlösung aus dem Lehmgefängnis.

   Der Alte gewahrte das Mädel, wackelte sonderbar mit dem Kopf und murmelte: „Überall? Bist überall, du? Da kann ich nix dafür. Da net!“

   „Wo willst denn hin? Zu mir?“

   „Na! Net zu dir! Allweil suchen muss ich. Suchen! Ich bring’ dir ihn nacher schon. Aber z’erst heißt’s finden, weißt! Finden, finden!“

   „Wofei! Heut hast wieder a bissl zviel gladen! Kannst ja schier nimmer siehn! Geh, scham dich!“

   „Weiß schon, ja, dös is die ärgste Sünd, die ärgst! Drum lasst’s mir kei’ Ruh net! Aber macht nix! Ich find’ ihn schon. Ganz gnau kenn’ ich dös Platzl. Musst dich net sorgen! Sei nur stad!“ Mit zitternden Händen tastete Wofei nach dem Arm des Mädels.

   Nannei wich vor ihm zurück. Um der unbehaglichen Gesellschaft des alten, halb verrückten Trunkenboldes zu entkommen, hob sie den kaum zur Hälfte gefüllten Eimer auf die Schulter und stieg der Höhe des Trischübls zu. Als sie das Gesicht wandte, gewahrte sie, dass Wofei den Steig verlassen hatte und auf Händen und Füßen durch den steinigen Graben hinaufkletterte, der unter den Wänden des Gejaidberges endet.

   Was suchte der alte Narr da droben?

   Nanneis Weg war steil und beschwerlich. Vor der Hütte hob sie mit einem Erleichterungsseufzer ihre Last von der Schulter. Nun trat sie in die Stube. Da hätte sie vor freudigem Schreck beinahe den Eimer zu Boden fallen lassen.

   Auf der Herdbank saß die alte Baslerin.

   „Ja, Mutter, Mutter! Ja, grüß dich Gott!“, jubelte Nannei. „So a Freud! Und so a Weg! Wie hast es denn machen können?“

   „Gut troffen hab’ ich’s heut. Der Untersteiner Wirt hat im Wimbachschloss mit seim Wagerl an Gawlier abholen müssen, und da hab’ ich mit eini fahren können. Vom Schlössl auffi, da hab’ ich noch dritthalb Stündin braucht.“

   „Aber gelt, jetzt bleibst a paar Tag bei mir?“

   „Aber Nannei! Was denkst denn? Ich kann doch net morgen am Sonntag die heilige Mess’ versaumen. Na, na, dös därf net sein! Den Heimweg nimm ich aber Barthlmä, und wann ich mich da um drei auf d’ Füß mach’, bin ich bis sechse drunt, und da find’ ich leicht noch a Schiffglegenheit nach Königssee.“

   Die Aussicht auf ein so kurzes Zusammensein trübte Nanneis Freude. Aber weil ihre Bitten fruchtlos blieben, beschied sie sich. Und nun ging’s an ein Schwatzen und Plaudern!

   Die alte Baslerin hatte freilich nicht viel zu erzählen. Ihr war jeder Tag so still vergangen wie der andere, im Herrgottswinkel vor dem Gebetbuch, beim Klappern der Stricknadeln, in der Sorge um ihr Kind.

   Desto mehr wusste Nannei zu berichten – vor allem die lange Leidensgeschichte ihres Dschapei. Sooft sie dabei auf den Festei zu sprechen kam, hatte das Gesicht der alten Baslerin einen unruhig forschenden Ausdruck. Wurde Nannei von der Mutter mit einer Frage unterbrochen, so betraf diese Frage nie das Dschapei, sondern immer seinen Retter – und so kam es von selbst, dass sich alle Rede schließlich nur um Festei drehte, und dass Nannei alles bis ins kleinste berichtete, was sie von ihm und seinem Leben wusste.

   „Ja, Mutter, dös war a Glück, dass ich selbigs Mal den Festei troffen hab’!“, beteuerte Nannei, während sie die dampfende Mahlpfanne neben der Mutter auf die Holzbank setzte.

   „So? Warum denn a Glück?“

   „Wann der Festei net gwesen wär, hätt mein Dschapei z’grund gehn müssen! So a guter und lieber Mensch, der Festei!“

   „So, so?“

   „Heut, am Abend, da kommt er wieder. Schad, dass d’ net bleiben kannst. Der tät dir gfallen, der Festei!“

   „Meinst?“ Nach diesem kummervoll klingenden Wort geriet die Baslerin in einen wunderlichen Zorn und polterte: „Jetzt red net allweil! Da setz dich her und iss! Wird ja alles kalt! So a fetts Essen, wann’s net richtig warm is, tut eim net gut. Da kann man sich die schönsten Zuständ einwirtschaften.“

   Nannei setzte sich lachend zur Pfanne. Bald aber ließ sie den Löffel wieder ruhen, erzählte von Festeis glücklichem Adlerfang, berichtete von dem einträglichen Verkauf der beiden Vögel und sprang in die Kammer, um der Mutter die kostbare Hutzier zu zeigen, mit der ihr Festei eine so ‚fürchtige Freud’ gemacht hatte.

   Die alte Baslerin hörte schweigend zu. Als die Pfanne geleert war, sagte sie: „Komm! Setzen wir uns aussi aufs Bankl! Ich muss a bissl Luft schnappen!“

   Es war schön da draußen! Rings um die Hütte lag der Sonnenschein, während das vorspringende Dach die Bank mit kühlem Schatten überwob. „Schau, Mutter“, sagte Nannei, „da droben steht ’s Jagerhäusl. Da haust der Festei.“

   „So, so? Der Festei? Aber der hat doch sein’ Dienst. Da wird er net oft zu dir in d’ Hütten kommen.“

   „Uijegerl, Mutter, da kennst ihn schlecht. Der kommt jeden Morgen und Abend nachschauen, wie’s meim Dschapei geht.“

   „Ja, ja! Aber jetzt is ja dein Lamperl gsund?“

   „Deswegen kommt er grad so. Und ich bin recht froh drum. Man hat doch an Ansprach. Mit’m Festei is a guts Reden.“

   „Von was redts denn nacher allweil, wann er da is?“

   „No, von der Jagd halt und von meiner Almerei. Und viel reden wir von dir, Mutter! Ja! Und jetzt hat er sei’ Zither heroben. Arg gut kann er’s net. Aber so viel Gmüt hat er in seim Gspiel.“

   „No ja, Zithern, dös is a recht a schöns Instrament, aber – wie redt er denn so von dir? Gelt, er sagt dir allweil, dass d’ a liebs und a saubers Madl bist?“

   „Gott bewahr!“, versicherte Nannei. „So ebbes hat er noch nie net gsagt. An so ebbes denkt er gar net, der Festei! Ah na, der net! Aber weißt, da hat mich amal einer angsprochen –“ Und Nannei erzählte der Mutter von den beiden Begegnungen mit Korbini.

   „So an unverschämter Lackel, so an unverschämter!“, brauste die Baslerin auf. „Und da soll ich mich net sorgen, dass d’ so allein daheroben bist, ohne Schutz und Hilf!“

   „Aber Mutter! Es ist ja der Festei da!“

   Dieser Einwurf brachte die alte Frau ganz aus der Fassung. Den grauen Kopf schüttelnd, rückte sie näher zu dem Mädel heran. „Schau, Nannei, du hast bald deine achtzehn Jahr und bist in eirn Alter, dass man von so ebbes zu dir reden kann.“ So mild ihre Stimme war, sie klang sehr eindringlich. „An dem Lackel von Saalfelden hast es gsehen, wie so a Kerl sein kann zu eim Madl. Aber die so grob dreingreifen, sind noch lang net die gfahrlichsten. Viel gfahrlicher is einer, der lauter Sanftmut is und Freundlichkeit, und allweil so heilig daherredt, als ob er keiner Fliegen an der Wand ebbes anhaben kunnt.“

   „Mutter?“ Nannei hatte große Augen. „Du meinst doch net den Festei?“

   „Ah, woher doch!“, beteuerte die alte Baslerin. „Dem fallt so ebbes net ein! Der will dir nix! Aber du musst bloß denken, dass d’ a jungs Madl bist, ohne Kenntnis von der Welt und von die Leut. Und kommt da einer angsäuselt, der sich allweil auf’n Guten und Braven aussispielt, und so schmalzig daherredt – Madl, da hat’s es gleich, und so a Gansl is verschossen bis übern Hals. Hat ein’ der Liebsteufel beim Zwickel, da überlegt man net lang und rennt bocksteif mit’m Köpfl und mit’m Herzen eini ins Elend. Schau, Madl, dös kenn’ ich, dös hab’ ich selber derlebt. Ich bin auch so droben gwesen am Berg, allein, und hab’ mein’ Muckei kennen glernt. Und grad so is einer kommen und hat so schmalzig dahergredt – kennst ihn ja, den alten Wofei, den versoffnen – selbigs Mal is er Holzknecht gwesen, und kei’ Ruh hat er mir lassen, bis ihm der Muckei den Buckl amal ordentlich verdroschen hat!“

   „Der Wofei?“ Nannei meinte nun manche von den wirren Reden des Alten zu verstehen. Sie wollte davon erzählen, aber die Mutter sprach schon weiter:

   „Schau, dein Vater is a Mensch gwesen, wie’s auf der Welt kein’ zweiten nimmer gibt. Drum haben wir net grechnet dass er nix hat und ich nix hab’. Ich müsst’ lügen, wann ich sagen wollt’, dass ich’s an einzige Stund bereut hab’. Und wie ihn d’ Leut selbigs Mal bracht haben, da hab’ ich gmeint, es reißt mir alles ausanand in mir.“ Die Baslerin schwieg eine Weile und nickte vor sich hin. „Wann ich heut so ummischau an d’ Sigerethwand, da steigt wieder alls in d’ Höh. Und viel lebendiger, wie ’s Linde, wird alles Harte. Alls wär anders und leichter gwesen, wann dein Vater und ich net so narret einigheiret hätten in’ Tag. Grad rennen und schaffen hat er müssen von der Fruh bis in d’ Nacht, der arme Kerl, dass er drei hungrige Mägen hat fällen können. Wer bei uns in die Berg nix hat, der muss sich zu jeder Arbeit schicken, wann’s gleich an Arbeit is, wo ’s Sterben mit eim Hand in Hand geht bei jedem Schritt und Tritt. Und ’s Weib daheim hat kei’ ruhige Stund vor lauter Angst. Und legt der Herrgott sei’ gwichtige Hand auf ein’, so sitzt man drin in der Kümmernis, dass man gar nimmer drüber aussischaut. Und da hast so a kleins Hascherl am kalten Ofen hocken und kannst ihm nix geben als wie ’s Fremdeleutbrot – und wie hart dös zum beißen is, dös weißt ja selber. Gwiss wahr, ich bin keine von die Mütter, die obenaus wollen mit ihre Kinder. Aber schau, Madl, dir möcht’ ich halt verspart wissen, was der Vater und ich haben schlucken müssen an Sorg und Elend. Sei gscheid, Madl! Und häng dein Herz net gleich an ein’, bloß weil er schmalzig daherpfeift und a seidengstickts Edelweiß auf der Lederhosen hat. Wann sich amal ebbes rührt in dir, so schau halt a bissl zu, ob dö Sach a gutgflochtens Brotkörbl hat, und denk net an d’ Süßigkeit, vor net weißt, dass d’ Säuernis ausbleibt.“

   Regungslos hielt Nannei den Kopf an die Hüttenwand gelehnt. Unter den gesenkten Lidern tröpfelten langsame Tränen heraus.

   „Deswegen brauchst net d’ Salzbüchseln austranzen!“, mahnte die Mutter, während sie selber heimlich die feuchten Augen trocken legte. „Allweil is mir dös auf der Seel glegen, dass ich’s amal aussibring. Drum hat’s mich heut auffitrieben zu dir.“ Leis fügte sie bei: „Hoffentlich bin ich net schon z’spat kommen!“ Sie erhob sich und schüttelte die Röcke. „So! Und jetzt bsuchen wir deine Küh. Haben sie sich gut ausgspeist auf der Alm? Kann dein Bauer a Freud haben, wann’s zum Abtreiben kommt?“

   „Ja, mit die Küh bin ich zfrieden!“, nickte Nannei. „Bloß der Scheckin is a bissl ebbes passiert. Die hat sich a Flaxen aufgrissen an eim Stein.“

   „Geh?“

   „Ja!“

   Die beiden wanderten dem Weideland entgegen, von dem die Almenglocken herübertönten.

   Als eine Stunde später die alte Baslerin sich auf den Heimweg machte, wollte Nannei sie ein Stück Wegs begleiten. Das litt die Mutter nicht; sie meinte, Nannei hätte schon zu viel von ihrer Arbeit versäumt.

   Der Abschied dauerte noch ein halbes Stündl.

   Während die alte Frau langsam über den Steig hinunter täppelte, guckte sie immer wieder mit feuchten Augen zu den Sigerethwänden hinauf.

   Bei der Quelle, wo Nannei den alten Wofei getroffen hatte, verweilte sie und schöpfte mit der hohlen Hand einen Trunk des kalten Wassers. Dann pilgerte sie sinnend weiter, bis sie lauschend den Schritt verhielt. Schwere Tritte klangen. An einer Biegung des Steiges sah sie einen jungen Jäger erscheinen, dessen Gestalt und Gesicht ihr gefielen.

   Nun stand er vor ihr. „Grüß Gott, Weiberl!“, grüßte er freundlich.

   Die alte Baslerin vergaß, den Gruß zu erwidern. Immer blickte sie dem Jäger in die Augen. „Du? Bist du der Jager vom Trischübl?“

   „Ja.“

   „Der Festei?“

   „Ja. Und wer bist denn du?“

   „Ich bin der Nannei ihr Mutter.“

   Es huschte heiß über Festeis Wangen. Er bot der Alten die Hand und sagte: „Dös freut mich. D’ Nannei hat mir schon oft von dir verzählt. So viel gleichschauen tust ihr! Und dö Freud, dö d’ Nannei ghabt haben muss! Aber wo willst denn jetzt hin?“

   „Heim wieder, über Barthlmä abi.“

   „Jesses, Mutterl“, sagte Festei erschrocken, „da bist aber weit vom Weg. Dös is ja der Steig zum Fundensee ummi. Da drunt, wo ’s Wasser lauft, hättst links ausbiegen sollen.“

   Die alte Baslerin war trostlos.

   „No geh, so viel macht’s net aus!“, begütigte Festei. „Da vorn führt a Jagdsteigl zum richtigen Weg. Wann’s dir recht is, geh’ ich mit, bis d’ nimmer fehlen kannst.“

   „Vergeltsgott, ja!“, nickte die Alte dankbar. „Musst doch a guter Mensch sein! An alts Weib spazieren führen – da ghört viel dazu.“

   Die beiden wanderten über den schmalen Pfad, und die Baslerin wurde nicht müd mit Fragen und Fragen über Festeis Herkunft, über Stellung und Gehalt.

   „Achthundert Markln im Jahr?“, kalkulierte sie. „Ah ja, da kann eins schon leben davon.“

   „Zwei und drei und viere auch. ’s Hausen muss man halt a bissl verstehn. Und nacher die vielen Schussgelder! Da läppert sich allweil a bissl ebbes zamm.“

   Auf das, was sich zusammenläppert, fiel die Baslerin nicht herein. Als aber Festei von seinem mütterlichen Vermögen sprach, von den elfhundert Mark, die als erste Hypothek auf einem großen Bauerngut lagen, hellte sich das Gesicht der Alten auf, und ein zufriedenes Schmunzeln spielte bei ihr um die langen Grübchen, die man Falten nennt.

   Elfhundert Mark! Dazu noch die dreihundert Mark von den zwei Adlern – das war schon was!

   Auf der Unterlahner Alm, von der auch ein Blinder den Weg nach Bartholomä gefunden hätte, mahnte die Baslerin den Jäger zur Umkehr. Mit allen zehn Fingern umspannte sie Festeis Hand und sah ihm in die Augen: „Gelt, grüß mir halt mein Nannei recht schön! Und kannst ihr ausrichten: Es hat mich gfreut, dass ich dich troffen hab’. Du gfallst mir!“ Sie lachte ein bisschen. „No? Was sagst denn zu meim Nannei?“

   „Was soll ich da sagen!“, stammelte Festei mit brennendem Gesicht.

   „Gfallt s’ dir?“

   „Schau, Mutter, dös hab’ ich mich noch gar net gfragt. Aber eins weiß ich: Dass ich versterben müsst, wann ich d’ Nannei net krieg’!“

   Der Ton dieser Worte trieb der Alten das Wasser in die Augen. „Seit ich dich kenn’, hab’ ich nix mehr dagegen. Und d’ Nannei, mein’ ich, is dir arg gut. Wissen tut sie’s halt noch net. Musst es net drängeln! Sie is halt noch a jungs Gansl. Aber wann sie’s nacher weiß amal – gelt, Festei, gelt, ich kann mich verlassen auf dich? Schau, haben tut s’ net viel, mein Madl. Dös bissl Häusl halt! Aber ’s Madl is brav und hat a saubere Seel. Und da musst halt schauen, dass ihr dös bleibt! D’ Lieb macht so a jungs Weibl verruckt und dumm. Und gelt, Festei, da sei halt du der Gscheider!“

   Ruhig sagte der Jäger: „Mutter, da kannst dich verlassen auf mich. Ich halt’ mei’ Sach allweil sauber, meine Hemmeder und meine Schuech. Da wirst mir doch net zutrauen, dass ich versauen kunnt, was mir ’s Liebste auf der Welt is.“

   „Gott sei Lob und Dank! Wieder amal a Mensch, wie er sein muss.“ Die Baslerin zog ihr Tüchl aus dem Unterrock und schneuzte sich mit großem Geräusch. „Und jetzt pfüet dich Gott, Festei!“

   „Pfüet dich Gott, Mutterl Und komm gut heim!“

   So schieden die beiden.

   Die frohe Aufregung ließ die alte Frau viel schnellere Schritte machen, als es gut war für ihre Kräfte. Der Atem ging ihr aus, und sie musste rasten. Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, sann sie und rechnete. Ein wohliges Rieseln ging ihr durch die Glieder, und schließlich fielen ihr die schwer gewordenen Lider zu.

   Als sie aufwachte, erschrak sie vor den dunklen Schatten.

   Nun musste sie hurtig zappeln, wenn sie drunten am See noch eine Schiffgelegenheit erreichen wollte.

   In Schweiß gebadet, kam sie nach Bartholomä und sah gerade den letzten Nachen von der Lände stoßen. Die Schiffer ließen sich durch Rufen und Winken bewegen, nochmal anzulegen.

   Als die Baslerin in der Zille saß, wischte und wischte sie immer mit ihrem Tuch, bald übers Gesicht, bald rings um den Hals.

   Der Abendwind blies über die hüpfenden Wellen und bekam für die Baslerin etwas Messerscharfes.

   Die alte Frau begann zu frieren. Als der Nachen nach dreiviertelstündiger Fahrt um die Ecke der Falkensteiner Wand herumbog, wo der Wind noch schärfer zog, rüttelte ein jäher Schauer ihren Rücken, und sie fing zu husten an. Das klang wie der bellende Schrecklaut eines Rehbocks. Gleich dachte die Baslerin: Dös schlagt sich aufs Lüngerl! Dös kunnt mich reißen! Und ebenso flink war der Gedanke da: A Mutter, dö ihr Madl gut unter Dach weiß, stirbt net hart.“

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