Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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6.

   Die Tage vergingen. An jedem Morgen kam Festei, um zu fragen, wie das Dschapei die Nacht verbracht hätte; und an jedem Abend, wenn er heimkehrte von seinen mühsamen Wegen, musste er sich als ‚Lamperldoktor’ überzeugen, wieweit die Besserung tagsüber fortgeschritten wäre.

   Vom Frühlicht bis zur Dunkelheit empfand das Mädel immer wieder jene ‚gspassige Angst’, die jäh verschwand, wenn Festei den Fuß auf die Schwelle setzte. Dieses seltsam aufgeregte Tagesgefühl verblieb ihr auch, als das Dschapei schon so weit gebessert war, dass Nannei um den Zustand ihres Lieblings keine Sorge mehr zu haben brauchte.

   Jeden Abend wollte Nannei für den Jäger kochen. Das gab er nicht zu. „Dein Almbauer möcht a schöns Gsicht machen, wann er merkt, dass ich mitbeiß an seim Butter und Schmalz. Aber wann dir’s recht is, dass ich am Abend da bin und a bissl plausch, so stell’ ich dir mein Mehlsackl abi und d’ Schachtel mit meim Schmalz. Da kochst mir und ich kann mit gutem Gewissen bei dir speisen.“

   So hielten sie es und Festei kontrollierte streng, ob Nannei auch wirklich zu gleichen Teilen von seinem wie von ihrem Vorrat nahm und sich nicht zu Schaden brachte. War die Pfanne geleert, so saßen sie plaudernd beisammen, oder wenn Nannei noch zu schaffen hatte, guckte der Jäger zu, sein Pfeif I schmauchend.

   Eines Tages – es war der fünfundzwanzigste Juli – hörte Nannei lang vor der Dämmerung Festeis wohlbekannten Schritt. Als sie flink zur Hüttentür hinüber sprang, stand der Jäger schon vor ihr, mit erhitztem Gesicht, mit nass in die Stirn hängenden Haaren und mit Augen, die vor Erregung blitzten.

   „Jesus!“, stammelte das Mädel. „Festei, was is denn?“

   „Nannei, denk dir, zwei Adler hab’ ich ausgmacht! Mar’ und Joseph! Wann ich ein’ derwischen tät! Wär dös a Glück!“

   „Wär dös a Glück!“, stammelte Nannei, aus dem Schreck hineingestoßen in die schönste Freude.

   „Wie ich vor zwei Stund übern Grat vom Schneiber ummigstiegen bin, da hab’ ich s’ gsehen, alle zwei beinander unter die Wänd. Da drunt am Sand liegt an abgfallene Gamsgais. Die haben s’ schon halb verspeist. Und gleich hab’ ich zammpackt und bin davon, hint abi vom Schneiber und durch’n Sigerethgraben – ich sag’ dir’s, so bin ich meiner Lebtag noch nie net grennt! Und auf der Stell muss ich abisausen in d’ Ramsau und muss mir beim Oberförster ’s Legeisen holen. In der Nacht muss ich wieder auffi, weil ’s Eisen vor Tag schon liegen muß.“ Tief Atem schöpfend, fasste der Jäger die Hand des Mädels. „Nannei, schau, jetzt bin ich morgen in der Fruh net da! So viel gern hätt’ ich dir Glück gwunschen, morgen zu deim Namenstag.“

   Nannei wurde rot bis unter die Haare. „Dös freut mich aber! Woher weißt es denn?“

   „Ich hab’ halt nachgschlagen im Jagdkalender, bis ich ihn gfunden hab’, den heiligen Annentag. Musst halt heut schon anhören, was ich dir alles wünsch: Natürlich Gsundheit, fester als a Haus, und dass deiner Mutter nix fehlt, und dass deim Vieh nix gschieht! Alles Gute halt, weißt!“

   „Ich dank’ dir, Festei! Und weil in der Stund, wo eim aus gutem Herzen ebbes gwunschen wird, jeder Gegenwunsch an richtigen Kraft hat, wünsch’ ich dir gleich, dass d’ morgen alle zwei Adler mitanander fangst!“

   Der Jäger lachte. „Nur net z’viel verlangen! Sonst bschert eim unser Herrgott gar nix! Ich wär schon zfrieden mit eim einzigen. An so eim Vogel kannst alles verkaufen. Dös machet a hundertfufzg Markln aus! Plagen will ich mich wie a Schneck um sein Häusl! Aber tummeln heißt’s, sonst liegt mir am End der Oberförster schon im Bett. Pfüet dich Gott, Nannei! Pfüet dich Gott!“ Ein Händedruck und Festei sauste davon.

   „Jesus, Jesus, Jesus, wann er ihn nur kriegen tät!“, seufzte Nannei, als sie wieder an die Arbeit ging.

   Vielleicht ließ sich diese Freude vom lieben Herrgott für den Festei herunterbeten? Sie sprach ein Vaterunser ums andre. Dann fiel ihr ein, dass die Mithilfe eines Heiligen förderlich sein könnte. Gleich dachte sie an den heiligen Antonius. Der ist zwar gewöhnlich nur fürs Finden gut – aber keiner sucht vergebens, wenn er beim Suchen andächtig betet:

„O heiliger Antoni, kreuzbraver Mann,
Ich bitt’ dich gottstausendmal, führ’ mich dran!“

   Der Gewinn an solch einem Adler wäre am Ende doch auch gefundenes Geld, dachte Nannei, und so kam ihr der heilige Antonius nicht mehr aus den Gedanken. Mit Scharfsinn änderte sie das alte Sprüchlein für den neuen Fall:

„O heiliger Antoni, kreuzbraver Mann,
Schau, dass der Festei den Adler kriegen kann!“

   Mit diesem Seelenschrei ging sie zur Ruhe und nahm ihn mit hinein in Schlaf und Traum. Und da sah sie Hunderte von Adlern in Haushöhe durch die Lüfte kreisen, dass die Sonne von ihnen verfinstert wurde. Und Festei schoss und schoss, dass die getroffenen Vögel herunterprasselten wie schwarze Hagelschloßen. Immer höher häuften sich die Adlerleichen und drohten den Jäger zu begraben! ‚Nannei’, schrie er Hilfe heischend, ‚ich muss dersticken’. Sie rannte. ‚Ich komm schon, Festei!’ Keuchend suchte sie sich über den Berg der im Todeskampf zuckenden Vögel hinwegzuarbeiten. Schon griff sie nach dem unter einem Federwust versinkenden Jäger. Da fühlte sie sich grob und schmerzend am rechten Arm gepackt. ‚Langsam! Ich bin auch noch da!’, gellte Korbinis höhnende Stimme. Hurtig haschte sie Festeis Hand und lachte nur, als ihr Korbin! mit wütendem Ruck den rechten Arm aus der Schulter riß – – und da erwachte sie und lag auf dem Kreister in ihrer Schlafkammer, durch deren kleines Fenster schon die helle Sonne hereinguckte. Den rechten Arm konnte sie nur mit Mühe bewegen; er schlief noch immer, während Nannei schon munter war.

   Sie sprang aus den Decken und machte Windmühlenbewegungen mit dem langsam erwachenden Arm. Dann begrüßte sie ihr krankes Dschapei. Mit fürsorglicher Achtsamkeit legte sie das geduldige Tier auf die andere Seite und plauderte zu ihm. Als sie hinaustrat in die frische Morgenluft, erblasste sie vor freudigem Schreck. An die Holzklinke der Hüttentür war ein großer Strauß blühender Alpenrosen angebunden. Mit zitternden Händen löste sie die Schnur und drückte das Gesicht in die Blumen. So närrisch war die Freude in ihr, dass sie einem lebenden Wesen davon erzählen musste, und wenn es auch nur ihr Dschapei wäre. Lachend sprang sie in die Herdstube und jubelte: „Schau nur, Dschapei, was ich kriegt hab’! Jetzt hat er halt doch an mich denkt! Und z’mittelst in der Nacht! Der Festei! Ich sag’s halt, der Festei! Dös is einer!“

   Sie holte ein Blechgeschirr, holte frisches Wasser, gab die Blumen hinein und stellte sie ans Fenster. Hundertmal bei der Arbeit huschte ihr Blick hinüber zu den roten Blütenglocken. Sie hatte viel zu schaffen; neben der täglichen Mühe musste sie heut die Butterballen und Käslaibe, den Almgewinn der Woche, zurecht legen, weil sie gegen Mittag den Knecht des Almbauern erwartete, der an jedem Sonnabend kam, um abzutragen.

   Ah sie um da Mittagsmit vor die Hütte trat, schlug der Hall eines fernen Schusses an ihr Ohr. „Jesus! Am End hat der heilig Antoni gholfen!“, dachte Nannei klopfenden Herzens; nach der Richtung des Halles zu schließen, musste der Schuss in der Gegend des Schneibers gefallen sein. Während sie noch immer lauschte, hörte sie das Klirren eines Bergstocks und das Klappern schwerer Schuhe. Die Kraxe auf dem Rücken, kam der alte Wofei über die Steine getorkelt; mummelnd und mit den Händen fuchtelnd, spähte er hinüber zur Höhe des Gejaidberges.

   „Wofei? Wie kommst denn du daher?“, rief Nannei den Alten an, der beim Klang ihrer Stimme den wackligen Kopf aufrichtete und ein stotterndes Gelächter hören ließ.

   Langsam schlurfte er näher und starrte dem Mädel mit gläsernem Blick entgegen. „Schön Wetter, gelt? Geht’s dir gut, da heroben?“

   „Ja, net schlechtl Und wie geht’s denn dir allweil?“

   „Mir net, da heroben! Ich kann’s net leiden. Lauter Steiner, lauter Steiner.“

   „Was willst denn?“

   „Abtragen, weißt abtragen.“

   „Du? Warum kommt denn der Knecht net?“

   „Arbet weißt Arbet, hat er gsagt der Bauer. Jetzt gehst, hat er gsagt. Ich? Na, nie neti Ich kann’s net dermachen. D’Steiner, so viel Steinerl So? Aus und gar is, hat er gsagt. Kein Verdienst nimmer, gar nix, kein Geld, kein Schnaps. Da muss einer, weißt, da muss er!“ Er hatte in die Riemen der Kraxe gegriffen, um sie vom Rücken zu laden, wäre aber nicht damit zustande gekommen, wenn ihm Nannei nicht geholfen hätte.

   „So, setz dich her aufs Bankl und tu rasten! Ich bring’ dir gleich ebbes z’essen.“ Sie nahm die Kraxe mit hinein in die Hüttenstube. Als sie am Herd stand, um die Pfanne mit dem Schmarren, den sie für den Knecht warm gehalten hatte, von den Kohlen zu nehmen, ging hinter ihr die Tür. „Warum bleibst denn net draußen? In der Sonn is schöner, als in der dumpern Stub.“

   „Draußen net! Na! Draußen mag ich net!“, stotterte Wofei und schlich zur Herdbank. „Allweil der verfluchte Berg da! Ich mag net. Na! Herin bei dir, da gfallt’s mir besser, du schöne Sennerin!“ Unter blödem Kichern zog er den Kopf zwischen die Schultern. „So viel schön bist, so rund und so feinboanlet, grad so, wie die ander. Mein’ schier, du bist’s! Aber stolz halt? Allweil stolz! Es is halt net jeder wie der ander.“ Wieder das dünne Kichern.

   „Wann so unsinnig daherredst, därfst mir net herin bleiben!“, zürnte Nannei und schob dem Alten die Pfanne auf die Bank. „Iss lieber und sei stad!“

   „Recht hast! Nix reden! Gar nix! Ich weiß nix davon. Keiner kann’s wissen. Was d’net tust, da kannst nix sagen. Dumm wär ich, dumm –“ Kichernd krümmte Wofei den Rücken, zog die Pfanne heran, griff mit den Fingern in die Speise und schob die Schmarrenbrocken unter den borstigen Schnauzer.

   „Die Pfann muss ich heut ordentlich fegen!“, dachte Nannei.

   Sie begann die Kraxe mit den Vorräten zu beladen und schnürte die Last mit einer Leine an das Holzgestell. Jetzt fuhr sie lauschend auf. Was war das aber auch ein fröhlicher Juhschrei, der von der Höhe der Rauhenköpfe herunterhallte zur Hütte. „Jesses, da kommt er!“, jubelte Nannei und sprang zur Tür. Hinter ihr ein klirrendes Poltern. Wofei hatte die Pfanne zu Boden geworfen. Die Augen aufgetrieben wie von verzehrender Angst, umklammerte er mit beiden Händen Nanneis Arm und wimmerte: „Sag’s ihm net, ich bitt’, ich bitt’ dich, sag’s ihm net, dass ich wieder dagwesen bin. Auf Ehr und Seligkeit, jetzt komm’ ich nimmerl Nur sag’s ihm net!“

   „Lass mich aus, du wüster Kerl du!“ Nannei, der unheimlich zumut wurde, suchte mit Gewalt ihren Arm aus Wofeis krallenden Händen zu winden.

   „Sag’s ihm net! Sag’s ihm net!“

   „Was hast denn, du Narr? Der tut dir ja nix!“

   „Gschlagen hat er mich, ’s letzte Mal hat er mich gschlagen. Ich bitt’ dich, sag’s ihm net! Ich versprich dir’s, auf Ehr und Sehgkeit –“

   Mit Ringen und Zerren war es Nannei gelungen, sich zu befreien, und als der Alte unter angstvollem Gewimmer ihren Arm wieder haschen wollte, stieß ihn das Mädel mit beiden Fäusten von sich und sprang über die Schwelle.

   Um die Ecke der Hütte biegend, lief Nannei dem Steig zu, auf dem der Jäger kommen musste – und da bannte sie ein Anblick, der die Erinnerung an den Auftritt mit dem verrückten Schnapsbruder ihr erlöschen machte. Sie hätte vor Freude schreien mögen und brachte kein Wort über die Lippen. Unter einem Lachen, das ein bisschen an den verwirrten Verstand des Wofei denken ließ, blickte sie zum Steig hinauf, über den der Jäger achtsam niederstieg, die Büchse vor der Brust, quer über dem Nacken den Bergstock, an dessen Enden zwei mächtige Adler hingen. Immer bellend, sprang der Teckel um Festeis Füße und schnappte nach den zwei riesigen Vögeln, deren niederhängende Schwingen die moosigen Steine streiften.

   Nun stand der Jäger vor dem Mädel. Ein glückliches Lächeln strahlte um seine Wangen und aus seinen Augen leuchtete ein froher Weidmannsstolz. Den Bergstock mit der gefiederten Last emporhebend über den Kopf, lachte Festei: „Nannei! Was sagst! Gelt, da schaust!“

   „No also, no also“, stammelte das Mädel, „jetzt hat er gholfen, der heilig Antoni! Gestern hab’ ich betet den ganzen Nammittag und bis in d’ Nacht eini.“

   „Jetzt versteh’ ich alles. Dein Beten war’s, dös mir gholfen hat!“ Der Glaube an diese Worte sprach aus Festeis glänzenden Augen. „Sonst wär’s ja gar net zum denken, dass ich so a
fürchtigs Glück hätt’ haben können! So ebbes gibt’s kein zweits Mal nimmer!“

   „So verzähl doch, geh, so verzähl doch!“

   „Ja, Nannei, alles! Aber komm, z’erst schauen wir in d’ Hütten eini!“ Er senkte den Bergstock und ließ die beiden Adler auf die Erde gleiten.

   „Geh, Festei, lass mich ein’ tragen!“

   „Ja, Madl, da hast ein’!“ Er lachte. „Brauchst dich net fürchtenl Der beißt jetzt nimmer!“

   Sie hob den Adler empor und sprach den toten Vogel an: „Am End bist es du gwesen, der mein Dschapei so zugricht hat, du schlechter Kerl du! Da sei nur froh, dass d’ schon kapores bist, sonst tät’ ich dir gleich den Hals umdrahn, du Sapperlot!“

   Festei nahm den zweiten Adler von der Erde, und so gingen sie zur Hütte, wo der Teckel schon rastend beim Dschapei lag.

   Als Nannei durch das Fenster in die Stube guckte, war kein Wofei und keine Kraxe mehr zu sehen. „Mir scheint, er hat sich aus’m Staub gmacht!“

   „Was?“, brauste der Jäger auf. „Is er dagwesen?“ Er dachte an die frischen Spuren eines Männertrittes, die er auf dem Sandgefäll unter dem Hundstod wahrgenommen.

   „Wen meinst denn du?“, fragte Nannei verwundert.

   „Den von Saalfelden!“

   „Gott sei Dank, den hab’ ich mit keim Aug net gsehen! Aber der Wofei is dagwesen.“

   „Der Wofei?“

   „Musst ihn doch gsehen haben selbigs Mal, wie wir auftrieben haben? Der Alte, weißt! Heut is er dagwesen zum abtragen. Und aufgführt hat er sich wieder, ganz verruckt! Du hättst ihn gschlagen, hat er gsagt, weil ich dir ebbes verraten hätt von ihm.“

   „So a Narrenseppl! Keine zwanzg Wörtln hab’ ich gredt mit ihm.“

   „Ja, weißt, bei dem is nimmer ganz richtig.“ Nannei rieb mit dem Finger die Stirn.

   „Dös hab’ ich selbigs Mal schon gmerkt!“, lachte Festei.

   Nun traten sie In die Stube, Nannei voraus. Kaum sah das Dschapei den großen Vogel, als es anfing, mit den Füßen zu strampeln und den Kopf hin und her zu werfen. Nannei ließ den Adler zu Boden fallen und beruhigte den erschrockenen Patienten mit schmeichelnden Worten. Als sie sich wieder erhob, sah sie den Jäger auf der Erde vor den beiden Adlern knien, und sah, wie er aus dem Stoß eines jeden die längste, schönste und wolligste Flaumfeder zog. Er legte die zwei weißen Federbäumchen sorgsam aneinander und reichte sie lächelnd dem Mädel hin. „Da, Nanneil Die ghören dein! Schöner kann ich dir s’ net geben, weil die Adler keine schöneren haben!“

   Nannei erschrak. Mit beiden Händen schob sie das kostbare Geschenk zurück. „Na, Festei! Freuen tut’s mich schon, wann mir a Federl schenkst – net weg’m Hochmut, dass ich eins auf’m Hütl hab’ – bloß weil’s von dir is und von deine Adler. Aber schau, ich bin schon zfrieden mit’m kleinsten, dös net verkaufen kannst. Die zwei da? Gwiss net! Dös wär sündhaft! Zwei söllene Stammerln! Da kriegst ja gwiss a vierzg, a fufzg Markln dafür!“

   „Und wann ich tausend krieget und hunderttausend – die zwei sollst du haben und sonst kei’ Menschenseel! Und nimmst es net, so tust mich verzürnen, dass ich kein Wörtl nimmer red mit dir!“

   „Jesses! Da muss ich ja zugreifen!“, stammelte Nannei. Als sie die selten schöne Hutzier in der Hand hatte, brach ihr die Freude aus den Augen. Und unter glücklichem Lächeln sah Festei zu, wie sie ihr Hütl holte, mit zitternden Fingern den Flaum hinter die grünen Schnüre schob, den geschmückten Hut auf die blonden Zöpfe drückte und sich schmunzelnd in einem winzigen Spiegel besah.

   „Herr Jesus, Jesus, da muss die reichste Bauerntochter an völligen Neid auf mich kriegen! Und d’ Leut! Mein! Die werden reden! Leicht sagen s’ –“ Sie verstummte. Dunkel schoss ihr das Blut in die Wangen. „Pfui Teufel, was bin ich für a Weiberleut!“ sagte sie leise und ging in die Kammer, um den kostbaren Hut zu verwahren.

   Als sie wieder in die Stube kam und still zu kochen begann, erzählte Festei in seiner ruhigen, schmucklosen Art:

   „Dös war a tüchtiger Marsch, heut in der Nacht! Allweil hab’ ich mir denkt, was am Spiel is, und so hab’ ich’s zwegen bracht, dass ich um zwei in der Fruh schon droben war unterm Schneiber. Dö Gams hab’ ich bald gfunden und wie am Himmel ’s Licht aufzogen is, hab’ ich ’s Eisen glegt, bin fort und hab’ mir a versteckts Platzl gsucht, wo der Schatten bleibt, wann d’ Sonn kommt. Gleich hat mich der Schlaf packt, vor lauter Müdigkeit. Oft sagen d’ Leut: ’s Glück kommt im Schlaf. Meiner Seel, dös muss wahr sein! Wie ich aufwach, hör’ ich a schauderhafts Reißen und Fludern. Kannst dir denken, wie gschwind als ich mit’m Schädel in d’ Höh gfahren bin. Und wie ich aussi schau durch d’ Latschen am Sand – ich hab’ gmeint, dass mich d’ Freud schier umbringt – da hängt der Adler schon drin im Eisen mit alle zwei Fäng! Den hab’ ich gschwind beim Krawattl ghabt! Und derweil ich den Adler aussi nimm aus’m Eisen – ich hab’ schier gmeint, es lasst mir der Herzschlag aus – da streicht der ander schon her über d’ Rotleitenschneld. Mit eim Satz war ich drin in die Latschen, hab’ mein Hundl zwischen die Knie gnommen, damit ’s kein’ Muckser net tut – und da war der Adler schon da, hat sich a bissl verhalten in der Höh und is pfeilgrad einigfallen aufs Gams, ich hab’ gmeint, er derhaut sich. Da kracht’s aber schon bei mir, und im Schnall hat’s ihn hingrissen am Sand. A paar Rackler noch hat er gmacht. Nacher is er daglegen, maustot. No, und da hast es jetzt, Madl, alle zwei!“

   „So a Glück!“, lachte Nannei. „Ich sag’s, der heilig Antoni, über den geht nix!“

   Nun aßen sie miteinander; dann steckte Festei sein Pfeifl an. Nannel tat ihre Arbeit, und dazu plauderten und lachten sie, bis es Nacht wurde.

   Plötzlich hob der Jäger lauschend den Kopf. Auch der Teckel schien ein verdächtiges Geräusch vernommen zu haben; knurrend fuhr er vom Lager des Dschapei auf und surrte bellend zur geschlossenen Tor hinüber.

   „Was is denn da draußen?“ Festei trat ins Freie- DenHund zurückdrängend, umschritt er die Hütte und horchte hinaus in die Nacht. Alles war still. Das machte den Jäger nicht ruhig. Er dachte an die frischen Trittspuren, die er unter dem Hundstod im Sand wahrgenommen hatte.

   In der Stube fragte Nannei: „Was war’s denn?“

   „Wird halt a Stückl Wild vorbei gwechselt sein. Grad gut, dass ich aufgstanden bin – heut können wir ’s Schlafen brauchen, alle zwei.“

   „Geh, bleib noch a bissl!“

   Er schüttelte den Kopf, hängte die Büchse um die Schulter und schob die gekreuzten Fänge der beiden Adler wieder über den Bergstock.

   „Festei?“, fragte das Mädel. „Hat dich ebbes verdrossen?“

   „Gwiss net! Aber müd’ bin ich halt.“

   „Freilich, da därf ich dich nimmer verhalten.“

   Mit festem Händedruck nahmen sie voneinander Abschied. Und wieder blieb Nannei auf der Schwelle stehen, bis sie droben an der Jagdhütte die Tür poltern hörte.

   Eine stille Weile verging. Dann öffnete sich droben die Tür wieder. Vorsichtig und lautlos stieg Festei durch die Nacht herunter, bis er nahe der Sennhütte zwischen zwei Steinklötzen in gedeckter Stellung sich niederließ.

   Durch das kleine Fenster der Almstube schimmerte mattes Licht. Nun erlosch es.

   In tiefem Schweigen verrannen dem Jäger die Stunden.

   Mitternacht war schon vorüber. Da war ihm, als hätte er ein Geräusch vernommen wie das Knirschen einer Sohle auf lockerem Kies. Er bohrte die Augen durch die Finsternis und gewahrte, im Dunkel kaum noch erkenntlich, eine Mannsgestalt, die sich lautlos an der Hüttenwand entlang tastete, gegen die Tür hin. Fester spannte der Jäger die Fäuste um seine Büchse und sprang auf.

   „Wer da?“

   Keine Antwort. Die schwarze Gestalt stand regungslos eingedrückt in den finsteren Schatten des vorspringenden Daches.

   Der Jäger hob die Büchse. „Reden! Oder –“

   Da löste die Gestalt sich aus dem Schatten, huschte in flinken Sprüngen an der Hüttenwand hin und verschwand um die Ecke. Nach einer Weile hörte Festei die flüchtigen Tritte auf dem talwärts führenden Steig verklingen. Leise lachend, ließ er sich zwischen den Steinen nieder. Hier blieb er, bis auf den Bergspitzen das Frührot erwachte.

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