Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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4.

   Für das Dschapei kamen gute Zeiten. Wenigstens hätte man das nach dem friedlichen Verlauf der zwei ersten Wochen seines Almaufenthaltes glauben mögen.

   Rings um die Griesalmhütte lag das herrlichste Weideland und da hatte das Dschapei vom Morgen bis zum Abend keine andere Mühe als die saftigen Kräutchen zwischen dem zähen Berggras heraus zu knappern und dann den Schatten eines Latschenbusches aufzusuchen.

   Sank- die Sonne und kam die Nacht über den Watzmann hergezogen, so trollte das Dschapei der Hütte zu und suchte in der Almstube seine Liegerstatt zu Füßen von Nanneis Kreister.

   Seiner jungen Herrin war es in der ersten Zeit wohl schwer geworden, mit der vielen Arbeit zu Recht zu kommen. Das Eintreiben der vierzehn Kühe kostete Zeit und Atem. Doch lernten die Tiere bald ihre Stimme kennen, und als Nannei merkte, dass sich die Scheckin niemals weit von der Hütte zu entfernen pflegte, nahm sie der braunen Leitkuh die große Glocke ab und hängte sie der Scheckin um den fetten Hals. Nun brauchte sie vor Einbruch der Dämmerung nicht mehr hinauszulaufen in das Gries, nicht mehr empor zu klimmen in die wirren Latschenfelder. Sie trat nur vor die Hütte, trommelte die Holzschuhe gegeneinander und rief mit schallender Stimme in die abendliche Luft hinaus: „Hoi, hoi! Küh da! Hoi, hei!“ Schon immer bei ihrem ersten Ruf erklang die Glocke der Scheckin, das Geläut der anderen Schellen mischte sich dazu, näher und näher, bis alle vierzehn Tiere brüllend und eifersüchtig die junge Sennerin umdrängten.

   Freilich verschlimmerte sich die Sache wieder auf kurze Zeit, als Nannei in den ersten Tagen des Juli den Umzug nach dem eine Wegstunde höher gelegenen Trischübl vollführte, nach jenem kleinen Almtal, das eingesenkt liegt zwischen die Hundstodgruppe und das Tabakmanndl, einen kahlfelsigen Vorberg des Großen Watzmann.

   Gleich an dem Morgen, der dem Umzug folgte, pilgerte Nannei in Begleitung ihres Dschapei über die grobsteinigen, von dichtem Latschengestrüpp überwucherten Rauhenköpfe nach jener Schlucht, aus der die Sigerethwand emporsteigt zu steiler und gewaltiger Höhe.

   Als Nannei die Schlucht betrat, vernahm sie ein Sausen und Prasseln von stürzenden Steinen; da droben musste wohl eine Gemse flüchtig geworden sein.

   Eine Weile blickte Nannei mit feuchten Augen an den Felsen empor. Dann schritt sie über die Breite der Schlucht und kniete nieder auf das raue Geröll. Den Kopf an die kalte Steinwand lehnend, faltete sie die Hände zu einem Gebet für die arme Seele ihres Vaters, der an dieser Stelle sein Leben hatte lassen müssen.

   Inzwischen kletterte das Dschapei über die brüchigen Felsen empor und zupfte von den Grasbüscheln, die über die Wandvorsprünge herunterhingen.

   Wer kann es wissen – vielleicht hatte das Blut des Gestürzten den mageren Wasen gedüngt, dein jene Gräser entsproßten.

   Als Nannei sich erhob, das Gesicht und die Brust bekreuzend, fühlte sie sich leichter im Herzen, das ihr auf dem Herzen schwer und traurig gewesen war.

   Die Tage vergingen, einer fast wie der andere.

   Kam die Feierstunde, und war nicht schlechtes Wetter, so setzte sich Nanni auf die kleine Holzbank neben der Hüttentür und flickte ihr Gewand; oder sie schäkerte in kindlichem Frohsinn mit dem Dschapei; oder sie lehnte, die Hände hinter dem Nacken verschlungen, den Kopf an die verwitterte Hüttenwand und blickte empor zum Fels umgrenzten Himmel, an dem das Blau erstickte und die Sterne erglühten. Da kam der Abendwind gezogen, strich summend über die Steine und flatterte geheimnisvoll durch die Zweige der Krüppelföhren; da klang von den ragenden Wänden ein rätselhaftes Brummen, ein gedämpftes Knattern, wohl auch der schrille Pfiff einer Gämse; da tönte ferneher der späte Ruf eines Spechtes, leise in der Ferne wieder verschwebend – – und da erwachte in Nanneis Brust ein seltsames Bangen, und in ihrem Herzen erwuchs die Sehnsucht nach menschlichem Verkehr.

   Meist verschlief sie in der Nacht eine solche Stimmung wieder; manchmal blieb das aber auch am Tage – und Nannei empfand es als Beruhigung, wenigstens einen Menschen in ihrer Nähe zu wissen, wenngleich er sich kein Bröselchen um sie bekümmerte.

   Etwas fünfhundert Gänge von ihrer Hütte stand auf einem höher gelegenen Hügel das aus Balken gefügte Jägerhäuschen, in dem ein alter, mürrischer Jagdgehilfe stationierte, der abwechselnd vom Zipperlein und Hexenschuss geplagt wurde und täglich seine Pensionierung erwartete, um die er längst schon nachgesucht hatte.

   In den vierzehn Tagen, seit Nannei auf dem Trischübl war, hatte sie von dem unfreundlichen Alten kaum einen Gruß erhalten, geschweige denn, dass er einmal in ihrer Hütte zugesprochen hätte. Drum war es ihr einmal in ihrer Hütte zugesprochen hätte. Drum war es ihr wunderlich, als sie eines Mittags schwere Tritte gegen ihre Schwelle poltern hörte. Was mochte der Alte wollen? Und das musste er sein – wer sonst hätte kommen können?

   „Jetzt pass auf, Dschapei“, rief sie ihrem Liebling zu, „jetzt kriegen wir an seltenen Bsuch.“

   „So? Hat’s dich verdrossen, Madl, dass ich net schon lang amal kommen bin?“, klang eine lachende Stimme.

   Nannei erschrak und wandte das Gesicht der Tür zu.

   Korbini stand vor ihr. „No also, grüß Gott! Wie geht’s dir denn allweil auf der Alm?“

   „Bis heut bin ich zfrieden gwesen!“, erwiderte Nannei, die dargereichte Hand übersehend.

   „Uijegerl! Du bist ja leicht daheroben noch stolzer worden?“, spottete Korbini und ging auf die Herdbank zu. Um Platz zu machen, puffte er mit dem Knie das Dschapei beiseite.

   Das machte ein paar erschrockene Sprünge, sah den Burschen an, schüttelte die Ohren und hüpfte mit klunkerndem Schweif zur Tür hinaus.

   Wie war’s da draußen so schön, in der warmen, lachenden Sonne! Lauschend blickte das Dschapel umher und als es vom Rauhenkopf die Glocke der Scheckin hörte, sprang es dem Steige zu, der In vielen Windungen da hinauffahrt über die klotzigen Felsen. Äsend verließ es den Weg, zwängte sich durch dichte Stauden, sprang über eine schmale Steinkluft und fand sich vor dem Absturz des Rotleitengrabens. Als es verwundert hinunteräugte in das tief liegende Griestal, sah es auf dem Pfad, der von da unten zum Trischübl empor führt, einen Menschen kommen, dessen Gewand und Mütze von der Farbe der dunkelgrünen Latschenbüsche war. Weiße Metallknöpfe blitzten auf seiner Brust und über der Schulter hatte er eine Büchse hängen gleich einem Jäger.

   Lang konnte diese Erscheinung Dschapeis Interesse nicht In Anspruch nehmen. Schafe haben keinen ausgeprägten Sinn für staatliche Einrichtungen, für Zollwesen und Grenzschutz. So trollte das Dschapei am Rande des Abgrundes hin, hüpfte seitwärts über die Moos bewachsenen Steine und immer so fort, bis sich der Felsgrund vor ihm in eine Mulde von der Gestalt eines riesigen Kessels senkte. Das war die Hundstodgrube. So weit hatte sich das Dschapei bei seinen Äsungsgängen noch nie gewagt. Nun stand es und studierte. Zu seiner Rechten spannte sich in weitem Bogen das rotsteinige Leitengeschröff um den Kessel; zur Linken baute sich, gegen Norden die Sigerethwände bildend, in massigen Formen der Gejaldberg empor, auf dessen Höhe in den Freinächten der wilde Jäger mit seinem johlenden Trosse stundenlange Rast zu halten pflegt. Vor hundert Jahren einmal, da hatte ein Hochlandsschütze das Wagestück unternommen, in solch einer Nacht den Gejaidberg zu besteigen. Er ist nie wieder zum Vorschein gekommen; seinen Schweißhund fanden die suchenden Leute des anderen Tages tot auf dem Gipfel der Felsgruppe liegen, die sich zwischen dem Gejaidberg und der Rotleiten, dicht vor dem steilen Schneiber erhebt, und die nun den Namen Hundstod führt.

   Noch immer stand das Dschapei und guckte. Da vernahm es über sich ein seltsames Rauschen. Es hob den Kopf und sah ein dunkles, großes Etwas in den Lüften kreisen.

   Was war das?

   Das Dschapei wusste es nicht. Seine ornithologischen Schulkenntnisse waren bescheiden und beschränkten sich auf die Bekanntschaft mit Hennen, Tauben, Enten und Gänsen. Anschauungsunterricht vor dem Raubvogelkäfig eines großstädtischen Tiergartens hatte es nie genossen und im Baslerhäuschen zu Berchtesgaden fliegen die Steinadler nicht aus und ein. Was da so schwarz und herrlich über der Hundstodgrube in den Lüften schwebte, war für das Dschapei eine Lebensneuigkeit, die ihm noch niemals eine böse Erfahrung beschert hatte. Doch unter den klugen Schafen scheint es auch ungebrannte Kinder zu geben, die das Feuer scheuen. Das Dschapel wurde beim Anblick dieser neuen Sache von einer so grauenvollen Furcht befallen, dass ihm die Haut zu schaudern und die Füße zu zittern begannen. Nur eine kurze Weile dauerte diese Erstarrung, dann sprang das Dschapei mit jähem Satz empor und stürmte in rasender Flucht den Hang hinunter. Drunten sah es ein großes Latschengebüsch, dem es in jagendem Lauf entgegensteuerte. Schon stieß es mit der Schnauze an die Schutz bietenden Zweige. Da vernahm es dicht hinter sich ein fauchendes Sausen, fühlte auf seinem Rücken einen heftigen Schlag, fühlte einen brennenden Riss und flog, vom Schwung des Laufes vorwärts getrieben, kopfüber in die Latschen, deren wirres Geäst ihm die Wolle in dicken Flocken vorn Leib riss. Wie es lag, so blieb es liegen, regungslos, mit gläsernen Augen, mit hängender Zunge und fiebernden Flanken. Und während der Räuber, der sich um seine Beute betrogen sah, mit rauschendem Gefieder durch die Luft entschwebte, sickerte dem wunden Tier das warme Blut durch die rot werdende Wolle.

   So verharrte das Dschapei geraume Zeit, bis es den Mut und die Kraft fand, sich aus dem Busch herauszuwinden. In schmerzender Mühe zog es den Rücken auf und suchte mit der Zunge die wunde Stelle zu erreichen. Dann schlich es der heimwärts führenden Höhe zu, ängstlich immer empor spähend in die Lüfte und ab und zu sein Fell beleckend. von dem die Blutstropfen niederfielen auf die Steine.

   Nun kam es auf einen betretenen Pfad, der am Rand einer Schlucht dahinführte. Es war der Weg, auf welchem Nannei vor vierzehn Tagen die Sigerethwand besucht hatte. Das Dschapei schien den Steig zu erkennen. Es schlug eine raschere Gangart an.

   Da klirrten genagelte Schuhe. An der Biegung des Pfades erschien Korbini, den Bergstock in den Händen. Als er das Dschapei gewahrte, stutzte er. Und lachte: „Du kommst mir grad recht! Die soll sich ärgern heut, die hochmütige Rotznas!“

   Wie damals vor dem Futterstadel im Wimbachtal, griff er auch jetzt in die Joppentasche. Mit der Zunge schnalzend, bot er dem Dschapei eine Handvoll Salz.

   Dachte das Tier an den Puff, den es vor einer Stunde von Korbini erhalten hatte? Oder war ihm von der zoologischen Lehrstunde in der Hundstodgrube ein entschuldbares Misstrauen verblieben? Statt der lockenden Hand des Burschen entgegenzutrippeln, wich es scheu zurück, umso scheuer, je mehr Korbini ihm folgte.

   Der Bursch verlor die Geduld. „Wart, dich will ich gleich zahm haben!“ Er warf das Salz über den Weg hinaus, fasste den Bergstock mit beiden Händen und hob ihn zum Schlag.

   Wohl sprang das Dschapei, das an den Besenstiel der Baslerin dachte, so flink auf die Seite, dass ihm der niedersausende Stock nur die Wolle streifte; aber es verlor bei dem Sprung mit dem einen Hinterfuß den Boden. Das Erdreich bröckelte unter ihm weg und als Korbini sprang, um das Tier zu fassen, glitt es schon hinunter über den Felsrand und stürzte der Tiefe zu. Prasselnd schlug es in einen Latschenbusch, der in halber Wandhöhe seine knorrigen Äste aus einer Steinschrunde reckte. Und weil ihm auch die physikalischen Gesetze des Falles und der Schwere aller irdischen Körper eine ungeläufige Sache waren, zappelte und rappelte das erschrockene Tier mit den Füßen, bis es zwischen den nachgebenden Zweigen hindurchrutschte. Wieder fühlte es sich aufgefangen und baumelte In der Luft, mit dem Glockenriemen an einem Storren hängend, am Hals geschnürt und gedrosselt. Nun riss der Riemen und das Dschapei plumpste auf die Steine des tiefen Schluchtengrundes.

   Eine Weile war Stille. Dann klang von droben eine lachende Stimme: „Schaf, dumms! Da hast es jetzt!“ Ein Schritt, der sich flink entfernte.

   Nun wieder Stille; nichts rührte sich in der Runde; nur die Zweige jenes Latschenbusches schwankten noch ein bisschen und seine dicken Nadeln zitterten.

   Drunten im Dämmerschein des schmalen Schachtes lag das Dschapei regungslos auf dem Blut beträufelten Geröll; seine Augen waren geschlossen; zwischen den geöffneten Zähnen hing ihm die zerbissene Zunge hervor. Eine lange Zeit verstrich. Dann schlug es die Lider auf und ein heftiges Zittern rann über seine Glieder. Es suchte den Kopf zu erheben und ließ ihn kraftlos wieder auf die Steine fallen.

   Stunde um Stunde verging; schon begannen die Schatten sich zu dehnen und langsam erblasste das Himmelsblau.

   Irgendwo das Geläut der Almglocken; kaum es hörbar geworden, verhallte es hinter den talwärts gestuften Felsen.

   Auch in die Tiefe des Schachtes waren diese Töne gedrungen. Lauschend hielt das Dschapei den Kopf erhoben. Als das Geläut verstummte, warf das gequälte Tier mit Röcheln und Ächzen den Hals umher, reckte die schmerzenden Glieder und suchte mit verzweifelter Kraft sich aufzurichten. Es gelang ihm, den Rücken zu erheben. Die Vorderfüße versagten den Dienst. Stumm sank das Dschapei auf die Steine.

   Dunkler und dunkler wurden die Lüfte; die Nacht kam leise gezogen und deckte ihren taukühlen Mantel über das leidende Tier.

   Ein Wiesel durchhuschte in der Finsternis die Schlucht und sprang vor dein Dschapei erschrocken auf die Seite. Aus irgendeinem Felsenloch flatterte ein Nachtvogel hervor und strich mit wimmerndem Ruf dem Tal zu. An den umliegenden Wänden rollten und polterten die fallenden Steinsplitter; ab und zu, bald ferner, bald näher, klang das kurze, heisere Bellen eines Beute suchenden Fuchses.

   Die Nacht in den Bergen ist seltsam belebt. Stille wird es erst da droben, wenn der Glanz der Sterne zu schwinden beginnt, wenn die Nachttiere schon wieder in ihren Schlupfen liegen und die Tiere des Tages im Schlaf noch die Augen geschlossen halten.

   Grau färbte sich der Himmel. Zwischen den Kuppen der östlichen Berge erwachten die ersten zarten Lichter; sie zogen höher und höher, wurden voller und leuchtender und bald erglühten alle Spitzen und Felsenhörner im roten Frühglanz des erstandenen Tages.

   Horch! Was war das? Der Schrei einer Mädchenstimme? Eine Welle war Schweigen. Dann wieder klang, schon näher, der lang gezogene Ruf der jungen Sennerin: „Dschaaaaaaapei!“

   Das Tier vernahm seinen Namen und erkannte die Stimme. Es wollte den Kopf erheben. Das gelang ihm nicht; nur den einen Ohrlappen konnte es rühren, während es mit mattem Schlag den dickwolligen Schweif gegen die Steine klopfte.

   „Dschaaaaaaapei!“, klang Nanneis Stimme ganz in der Nähe.

   Droben auf dem Steig ein Schritt. Das konnte die Nannei nicht sein. Es war ein fester, kräftiger Männerschritt. Jetzt kamen auch Tritte von der anderen Seite her, leichte, flüchtige Tritte.

   „Grüß Gott, Sennerin!“, hörte das Dschapei da droben eine freundliche, doch ihm fremd klingende Stimme sagen.

   „Grüß Gott auch!“

   Ja, das – das war die Nannei!

   „Sennerin, suchst ebbes?“

   „O mein Gott, ja! Mein Dschapei geht mir ab, mein Lamperl, so a liebs Viecherl. Mei’ ganze Freud hab’ ich dran ghabt. Und jetzt kann ich’s nimmer finden. Am End haben sie’s mir gar gstohlen, so schlechte Menschen! Und dös Lampl is alles gwesen, was ich ghabt hab’! Jetzt hab’ ich gar nix mehr.“

   „Aber Madl! Geh, was weinst denn! Schau, dös Lampl hat sich halt verloffen. Oder es is wo einigstiegen und traut sich nimmer aussi. Da musst net weinen. Dös wird sich schon wieder finden lassen! Wann nix dagegen hast, hilf Ich dir suchen. Magst?“

   „Ja! Bist a guter Mensch, du! Wer bist denn?“

   „Jagdghilf in der Ramsau bin ich, und gestern auf d’ Nacht bin Ich da auffikommen am Trischübl. Weißt, der alte Ghilf – – Höi? Bella? Was hast denn? Sei doch zfrieden! – – Ja, weißt, der alte Ghilf is pansaniert worden. Drum hab’ ich sein’ Bezirk übernommen. Gestern am Abend hab’ ich schon zugsprochen in deiner Hütten, bist aber net daheim gwesen.“

   „No ja, wie’s so spat am Nachmittag zugangen is, und ich hab’ mein Dschapel nimmer gsehen, da hab’ ich gleich ’s Suchen angfangt und hab’ gsucht bis in d’Nacht ein!. Gfunden hab’ ich’s aber net. Ich hab’ gmeint, ich muss mir d’ Augen aussiröhren aus’m Kopf. So gern hab’ ich dös Viecherl ghabt!“

   „Komm, jetzt suchen wir mitanander! Wo hast denn schon – – – Aber Bellal So hör amal auf! Da gibt’s nix für die’ Nasen, du Schnufflerin du!“

   „A netts Hundl!“

   „Ja, aber grad so viel hitzig tut’s allweil!“

   „Geh, Bella, komm, geh her a bissl zu mir!“

   „Jetzt da schau! Sonst geht’s zu keim Menschen und mit dir macht’s gleich Bekanntschaft. Aber jetzt komm, jetzt suchen wir dein Dschapei. Wie heißt denn, Madl?“

   „Nannei.“

   „Nannei? So hat mein Mutter gheißen.“

   „Hat s’ gheißen? Lebt s’ nimmer?“

   „Na! Im letzten Frühjahr hat s’ sterben müssen, unser Herrgott hab’ s’ selig.“

   „In Ewigkeit Amen! Und wie heißt denn nacher du?“

   „Hindammer Festei1.“

   „Festei? Dös is a seltner Nam!“

   „Jetzt schau nur grad, was mei’ Bella hat! Die zieht wie auf der Schweißfährten! No, so lauf halt a bissl zu! Wirst es gleich sehen, dass nix da is! – Also, Nannei, wo hast denn schon überall gsucht?“

   „Gestern am Abend –“

   „Ja, was is denn? Da schau! Da is Schweiß! Bella! Herrrrrein! Bella, Bella! So is schön, Bellele, sooooo! Da such, schön such, Bellele, schön such! Was hast denn? Was schaust denn in d’Luft abi? Da drunten la nix –“

   Das Dschapei, das nur unter schmerzender Mühe das eine Auge nach der Höhe richten konnte, sah am Rand der Schlucht ein Gesicht erscheinen und wieder verschwinden.

   „Jesses! Nannel! Da drunt liegt dein Lampl!“

   „Heilige Mutter Gottes!“, klang Nanneis Stimme und ihr Gesicht neigte sich über den Felsrand. „Dschapei, mein arms Viecherl! Dschapei! Dschapel! Lebst denn noch?“ Ein Auflachen unter Schluchzen und Nanneis Kopf verschwand. „Festei! Es lebt noch! Es hat sich grührt!“

   Die Stimmen verklangen unter enteilenden Schritten und wurden nach einer Weile wieder vernehmbar, von einer tiefer gelegenen Stelle her, an der ein Abstieg leichter zu bewirken war.

   „Bella, komm, du därfst voraus!“

   Mit ungeduldigem Winseln hüpfte der Teckel über die Steinabsätze herunter, eilte in flinken Sprüngen auf das Dschapel zu, stutzte, beäugte das Tier mit witternd vorgestreckter Nase und fing zu bellen an. Nun umkreiste er ein paar Mal das Lamm, näherte sich langsam dem Kopf des Dschapei und beleckte ihm schüchtern den Backen und die Kehle.

   Inzwischen war Festei dem Mädel beim Niederstieg behilflich gewesen; er hatte, um sich die Mühe zu erleichtern, Büchse und Bergstock am Rande der Schlucht zurückgelassen.

   „Mar’ und Joseph! Dschapei! Was hast denn gmacht? Was hast mir denn angstellt?“, rief Nannei, die sich niederließ auf das Geröll; achtsam hob sie mit beiden Händen den Kopf des Lammes in ihren Schoß.

   Festei kniete an ihrer Seite und untersuchte die Glieder des gestürzten Tieres. Die Wunde am Rücken erkannte er für den Fangriss eines Adlers; darauf gründete er die Vermutung, als wäre das Dschapei von dem gefiederten Räuber herunter gestoßen worden oder selbst in die Tiefe gestürzt, sei es in unbedachter Flucht, sei es in einem Taumel, der das Tier bei dem starken Blutverlust überkam.

   Als Festei die Füße des Lammes musterte, nahm sein Gesicht eine kummervolle Miene an. „Madl“, sagte er zögernd, „da schaut’s schlecht aus! Dös bissl am Buckel machet nix. Aber d’ Füß halt, d’ Füss! Der eine is völlig brochen, grad oberrn Knie, den ganzen Huf hat’s versprengt, und am andern Fuß is d’ Schulter ausprellt! Madl, da wird nimmer viel z’helfen sein! Da wird wohl nix anders übrig bleiben, als –“ Er brachte das Wort, das er sagen wollte, nicht über die Lippen, als er die Tränen sah, die über Nanneis Wangen rollten.

   „Mei’ ganze Freud is dös Tierl gwesen!“

   „Probieren wir’s!“, sagte Festei nach einer Weile. „Probieren kost ja nix. Probieren wir’s halt!“

   „Ja! Ja!“

   „Komm! Steh auf! Ich nimm ’s Lampl und trag’s in d’ Hütten.“

   Festei hob das Lamm, das alles willig mit sich geschehen ließ, auf seine Arme. Als er dem Aufstieg entgegen schritt, ging das Mädel voraus, während der Teckel bellend an seinem Herrn hinauf sprang.

   „Steig nur zu, Nannei!“, sagte Festei, weil sie vor den aufwärts führenden Steinen halt machte.

   Nannei wurde brennend rot. „Steig du voraus!“, bat sie schüchtern.

   Auch über Festeis Wangen huschte eine heiße Röte. Schweigend ging er an dem Mädel vorüber, um über die steilen Felsstufen hinaufzuklimmen, achtsam seine Last bewahrend vor jedem Stoß.

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1 Sylvester. ^

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