Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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3.

   Der Almzug ging von Unterstein über die Schönauer Wiesen gegen den Schapbacher Forst. Voraus der Bauer. Das war der richtige Hochländer, aufgeschossen, eckig und sehnig, mit einem harten Gesicht. Ihm folgte der weißhaarige Spitz, der es durchaus nicht leiden wollte, dass sich die eine oder andere der vierzehn Kühe grasend am Wegrain verhielt. Nannei drohte dem zänkischen Köter des öfteren mit dem langen Haselnussstab, den ihr der Bauer beim Auszug gereicht hatte. Und viel Sorge machte ihr das Dschapei. Gleich zu Anfang des Marsches war es von einer Kuh getreten worden. An einer Quelle kühlte ihm Nannei die schmerzende Stelle, da war’s besser. Als aber das Dschapei den blessierten Fuß erst wieder richtig gebrauchen konnte, sprang es bald rechts, bald links vom Wege. In jeden Busch musste es gucken und durch jede Staude schlüpfen. Dabei blieb es einmal mit dem Halsriemen an einem Ast hängen. Gut war’s, dass hinter Nannei noch einer nachkam, der das Dschapei immer wieder vorwärts trieb.

   Das war der alte Wofei, der auf einem Handwägelchen das Almgerät hinter sich herzog: Den kupfernen Kessel, das blank gescheuerte Butterfass, die Milchkübel und Milchgeschirre und was zur Arbeit da droben nötig ist. Dieser Wolfgang Haberecker, der an Goethe erinnerte, wenn auch nur durch seinen Namen, mochte seine sechzig Jahre zählen. Eine verwitterte, in sich geduckte Gestalt, deren landübliches Gewand bis zur äußersten Grenze der Möglichkeit abgetragen erschien. Unter dem schäbigen Hut quollen weißgraue Haare hervor; ein struppiger Bart verhüllte das Gesicht bis zu den stumpfen Augen; aus diesem Bart hob sich eine graue, bucklige Nase. Wofei hatte eine schnuffelnde Art, den Mund zu verziehen, wobei das dickfleischige Nasenende bald nach rechts, bald nach links hinüberwackelte.

   Als Dreißiger war er von irgendwoher an den Königssee gekommen und hatte zwanzig Sommer als Holzknecht in den Bergen gearbeitet. Man sah ihn während dieser Zeit nur am Sonntag, wenn er im Wirtshaus den Wochenlohn vertanzte, verspiel und versoff. Während des Winters pflegte er sich ins flache Land hinaus für Weg- und Bahnbauten zu verdingen. Mit dem Frühling kehrte er zurück und nahm die Holzaxt wieder auf den Rücken. So ging das, bis ihm für die raue Art solch eines Lebens die Kraft zu schwinden begann. Ganz plötzlich kam es, vor fünfzehn Jahren etwa. Da fiel er in sich zusammen; eine Bäuerin würde sagen: „Wie a Dampfnudl, die halb fertig aus der Pfann kommt.“ Er hielt die Berge nicht mehr aus und mietete zu Unterstein eine baufällige Hütte, die von einer Beschaffenheit war, dass sich die Ratten und Mause darin nicht behaglich fühlten. Zu allen Arbeiten, für die seine Kraft noch ausreichte, ließ er sich verwenden, als Träger, als Karrenzieher, als Botengänger, als Brotlieferant für die Almerinnen. Was er für sein dringlichstes Lebensbedürfnis verdiente, vertrank er in Schnaps. Dabei verdummte er schön langsam. Sehr übel roch er nach Unreinlichkeit, aber das merkten nur ganz feine Nasen, weil der Wofei noch viel heftiger nach Spiritus duftete, der überall in seinem Körper gärte, am bedenklichsten im Gehirn. Wenn er besoffen war – und das war fast immer der Fall – führte er wirre Reden, an denen die Leute viel zu lachen finden, besonders an seiner konfusen Art, über die Weiberleute loszuschimpfen. Ja, ein Weiberfeind war der Wofei immer gewesen. Auch in seinen früheren Jahren hatte man nie bemerkt, dass er sich mit einem Mädel eingelassen hätte. Auf dem Tanzboden tanzte er immer allein, wobei er mit den Füßen stampfte und die Hände auf Sohlen und Schenkel schlug, dass es hallte und klatschte; bei jeder Runde warf er den Fuß empor an die niedere Decke, an der die Spuren seiner Schuhnägel zurückblieben; dazu schnackelte und fauchte er wie ein Spielhahn.

   Diese Schnackelzeit war freilich für den Wofei schon lang vorüber. Jetzt war er froh, wenn er gemächlich mit hängenden Knien den einen Fuß vor den andern brachte.

   Der Nannei war es lieb, wenn er zurückblieb. Sie hatte einen tiefen Widerwillen gegen diesen Menschen; er starrte sie immer so eigenartig an und sprach mit Worten auf sie ein, in denen sie keinen Sinn zu finden wusste.

   Zwei Stunden hatte der Marsch bereits gedauert, und die Wimbachklamm war überstiegen. Die Sonne glänzte schon über die Berge her.

   „Grüß Gott!“, hörte Nannei den Bauer in der Spitze des Zuges sagen. „Grüß Gott auch!“, klang eine kräftige Stimme zur Antwort.

   Nannei hob den Kopf; sie sah keinen Menschen, gewahrte nur den Futterstadel, von dessen lang gestreckten Raufen das Hlochwild im Winter seine Nahrung holt.

   „Grüß dich, schöns Madl!“, scholl es seitlich vom Weg her. Im Schatten der Wildscheune sah Nannei einen feiertäglich gekleideten Burschen im Gras liegen. Unmutig gab sie den Gruß zurück und schritt vorüber. Schön? War sie denn schön? Zum ersten Mal hatte ihr das einer ins Gesicht gesagt, dazu noch einer, den sie zeit ihres Lebens nie gesehen hatte. So eine Keckheit!

   Da löste sich eine Kuh aus der Herde und stieg vom Weg bis zum Bach hinunter. Nannei lief ihr nach, und die Begegnung von soeben war vergessen. Das Dschapei aber schien an dem Wegelagerer was Merkwürdiges zu finden und streckte schnuppernd die Nase. Lächelnd richtete der Bursche sich auf, lockte das Tier durch leise Zungenschläge, griff in die Joppentasche und hielt ihm auf den gestreckten Fingern ein Häuflein Salz entgegen. Das Dschapei kam hurtig näher und löffelte gierig die Salzkörner von der sonnverbrannten, fremden Hand. „Gelt, dös schmeckt! Da kriegst noch mehrer, wann’s amal an der Zeit ist!“ Der Bursche drückte den Hut mit der weiß gesprenkelten Weihenfeder über das braune Kraushaar und sprang aus dem Gras.

   Das Dschapei guckte hinauf zu dein fremden Gesicht mit dem aufgedrehten Schnurrbart und den verwegenen Blitzaugen und sprang in bockenden Sätzen über die grasdurchwachsene Straße bis an Nanneis Seite, wo es rückwärts blickend wieder stehen blieb. Das Gebaren des Tieres veranlasste Nannei, den Kopf zu drehen, und da sah sie den Burschen kommen. Er holte sie ein und nickte lächelnd. „Hast ebbes dagegen, schöns Madl, wann ich gleichen Schritt halt mit dir?“

   „Der Weg is frei für an jeden.“

   „Ich mein’ halt, lieb verplauscht, da wird er eim kürzer.“

   „Da wird er dir lang bleiben müssen.“

   „Hast net a bissl Zutrauen zu mir?“ Lachend drückte der Bursch seinen Ellbogen an den Arm des Mädels. „Da kannst ebbes lernen.“

   Scheu wich Nannei zur Seite. „Für a söllene Schul hab’ ich an schwachen Kopf.“

   „Einbilderisch bist aber gar net! Dir tät man a bissl Stolz verzeihen, dir mit deim lieben Gsichtl! – – Geh weiter!“ Die beiden letzten Worte galten dem Dschapei, das die Joppentasche des Burschen beschnupperte. Es wurde von einer hartknochigen Hand unsanft beiseite geschoben. Nach dem vertrauenerweckenden Beginn seiner Freundschaft mit dem Fremden schein es eine solche Abfertigung nicht erwartet zu haben und blickte verdutzt zu dem launischen Freund empor.

   „Wohin willst denn?“, fragte Nannei den Burschen, um zu hören, wie lange sein Weg ihn noch an ihrer Seite hielte.

   „Ich hab’ noch an saubern Marsch vor die Füß: Am Trischübl auffi, von da zum Fundensee ummi und übers Steinerne Meer nach Saalfelden abi.“

   „Da musst dich aber tummeln. Sonst kommst in d’Nacht eini. Dös is a Weg von zehn, zwölf Stund.“

   „Du bist es schon wert, dass man sich a bissl verhalt! Muss ich’s halt nacher umso gschwinder machen. Was an andrer mit Müh in zehn, zwölf Stund derkraftet, dös mach’ ich in achte und neune. Schmalz musst halt haben in die Füß.“

   Einen flüchtigen Blick warf Nannei über die hohe, geschmeidige Gestalt des Burschen. „Bist a Holzknecht?“

   „Na, dös Gschäft is mir z’pechig.“

   „Bist a Senn?“

   „Na, dös is mir z’milchig.“

   „Du hast aber an heiklen Gusto. Was bist denn nacher so bsonders?“

   „Ich hab’ mir a Gschäft ausgsucht, bei dem a guts Auskommen is, ohne dass man sich plagen muss: Ich bin der einzig Sohn von eim Bauern, der seine fufzg Küh im Stall hat.“ Er schien sich zu wundern, dass diese Mitteilung auf Nannei so wenig Eindruck machte.

   „So, so!“ Das war ihre ganze Antwort.

   „Ja, ich bin der Suttner Korbini von Saalfeldern.“

   „Korbini?“, kicherte Nannei. „Dös is aber a seltsamer Nam! Steht denn der im Kalender?“

   „No freilich! Aber a gspaßiger Heiliger is dös gwesen, auf den ich tauft bin, der heilige Korbinian. Dös muss a geduldige Seel gwesen sein! Hat sich bei lebendigem Leib d’Haut abiziehen lässen! So ebbes tät ich mir net gfallen lassen.“

   „Wie kann man denn so reden von eim heiligen Märtyrer? Du musst a feiner Christ sein!“

   „Am Sonntag halt, auf a paar Stund.“

   „So a Wörtl! Da tät ich mich schamen!“, zürnte Nannei.

   Korbini lachte und zog aus der Joppentasche eine kleine Pfeife, die er aus einem Katzenbalge mit Tabak zu füllen begann.

   „Geh weiter, Scheckin, was bleibst denn allweil stehn!“, rief Nannei, während sie einer braun und weiß gefleckten Kuh die Hand auf den breiten Rücken klatschte.

   „Du!“, sagte Korbini. „Die tut ja ganz verliebt zu dir. Allbot schaut s’ um, ob du noch da bist.“

   „Ja, die hängt an mir. Schon im letzten Sommer hab’ ich s’ kein’ Schritt von meiner Seiten bracht. Da is mit der Sennerin allweil d’ Eifersucht gwesen. Und wie ich heuer selber Sennerin worden bin, hab’ ich meim Almbauer so lang zugetzt, bis er mir s’ mitgeben hat, d’ Scheckin.“

   „Treibst auf d’ Griesalm? Und in vierzehn Täg am Trischübl?“

   „Ja.“

   „Kriegst nacher spaternaus Schaf auf d’Alm auffi?“

   „Na! Grad dös einzige Lamperl hab’ ich mit.“

   Korbini betrachtete das Dschapei mit wägendem Blick. „Is der alte Krackler dahint dein Hüter?“

   „Na, ich bin ganz allein auf der Alm.“

   „So, so?“ Korbini maß die Gestalt des Mädels. „Bist jung und wirst a bissl hart zrecht kommen da droben. Was meinst, wann ich dich diemal bsuchen tät und tät dir helfen – melchen und kaasen.“

   „Brauchst dich net strapazieren wegen meiner.“

   „Deine stolzen Reden nach möcht man schier glauben, du wärst dem Bauer da vorn sei’ Tochter – wann gleich kein Federl am Hut hast.“

   „Es kann net jeder Mensch so hoch geboren sein wie du. Es muss arme Leut auch geben. Sonst hätten die reichen Bauern kein’, der ihnen d’ Stiefel schmiert.“

   „Ja, ja! Aber einipassen tätst gut in an Bauernhof, du mit deim süßen Gsichtl! Halt dich an mich! Mein Weib kriegt’s amal schön bei mir. So a Hof! Und so a Vieh! Und was erst an mir kriegst! Dös kannst dir gar net denken, du Schneckerl, du liebs!“

   Der Unwille über diese Worte machte Nannei bis in den Hals erröten. „Viel halten musst net von dir. Sonst tätst net am Kuhweg mit dir hausieren. Für diene dalketen Gspaß, da aknnst dir an andre aussuchen! Du kecker Mensch du!“

   Korbini lachte. „Warum bist so sauber! Da muss man ja keck werden. Ich mein’ allweil, dass mir im heurigen Sommer d’Steiner am Trischübl mehr als a paar Schuh verschleifen.“

   „Wär schad drum! Und schad um a jeds Stündl, dös versaumst dabei, für nix und wieder nix!“

   „Für nix? Meinst? Wirst schon noch anders denken, wann mich amal von der richtigen Seiten kennst. Gelegenheit zum Bekanntschaftmachen will ich dir oft gnug geben. Ich bin allweil auf die Füß, allweil am Berg umannad. Mein Vater will’s net begreifen, dass a gwachsener Mensch ebbes braucht und sein Vergnügen haben möcht. Wann’s dem Vater nachging, kunnt ich mir am Sonntag ’s Wirtshaus von weitem anschauen. Drum such’ ich mir unter der Woch a bissl ebbes zamm für’n Sonntag. Ich kenn’ mich aus in die Berg.“

   „Machst an Führer?“

   „Ah na! Dös passet mir grad, dass ich mich mit dene notigen Stadtleut abgeben müsst! In der Ramsau rauchen die Bauern und Burschen gern an guten Tabak. Wer den bei uns drent in Saalfelden kauft und da herent verhandelt, der macht an guten Schnitt. Und springt mir a Gamsl übern Weg, so nimm ich’s mit. Schlau muss man halt sein und Kurasch haben! Kurasch wie der Tuifi! Und da kann ich aufwarten!“

   Nannei wich so weit von seiner Seite, als es die Breite des Weges gestattete. „Du bist der Richtige! Brav!“

   Krobini lachte. „Wann grad für dien Hütl an Gamsbart haben möchst, da därfst mir bloß a guts Wörtl geben und a Busserl als Zuwag – du! Dich kunnt man ja fressen!“ An Nannei dicht herantretend, kniff er sie mit seinen braunen Fingern in die blühende Wange.

   „Lass mir mei’ Ruh!“ Nannei wollte schon den Almbauer anrufen, als der Bursche plötzlich von ihr abließ, lauschend stehen blieb und die funkelnden Augen nach einem dichten Gebüsch richtete, an dem sie vorübergewandert waren. Er bückte sich und spähte durch das Laubwerk. Kopfschüttelnd richtete er sich wieder auf und folgte dem Mädel. „Hab’ gmeint, ich hätt’ ebbes ghört. Wird wohl a Reh gwesen sein. Gibt ja gnug im Wimbachtal.“

   Korbinis Gebaren hatte auch die Aufmerksamkeit des Dschapei auf jenes Gebüsch gelenkt. Während der Bursch und das Mädel hinter einer Biegung des Weges verschwanden, stand es noch immer und musterte die Kräuter des Wegrains. Nun gewahrte es ein Büschel Gemskresse und begann davon zu äsen, wobei das Glöckl an seinem Hals bimmelte. Da raschelte das Laub im Dickicht. Das Dschapei schrak zusammen und machte einen Seitensprung. Vor ihm, die hohen Kräuter kaum überragend, stand ein braun und gelb gefleckter Teckel, der das Dschapei ernst betrachtete und ein gedämpftes Knurren vernehmen ließ.

   „Bella!“, klang aus dem Gebüsch eine halblaute Stimme.

   Hurtig wandte der Teckel den spitzen Kopf und blickte schweifwedelnd zu dem jungen Jäger auf, der sich durch die dichten Zweigen einen Weg ins Freie bahnte.

   Sein Erscheinen schien dem Dschapei Vertrauen einzuflößen. Es trippelte neugierig ein paar Schritte näher und kaute an den Gräsern, die es noch im Maul hielt.

   Das war auch eine Vertrauen erweckende Erscheinung: Die schlanke Gestalt des jungen Jägers, der kaum das zwanzigste Jahr überschritten haben konnte. Seine kurze Lederhose war verwittert und die graue Joppe zeigte sich an vielen Stellen mit geringer Kunst, doch mit reichlichem Aufwand von schwarzem Zwirn geflickt und gestoppt. Um die Schultern hing ihm die spiegelblanke Büchse und das Fernrohr in einem abgegriffenen Lederfutteral. Das gebräunte Gesicht hatte feine Züge und wurde durch die drei lichten Pockennarben auf der rechten Wange nicht verunziert. Über der Oberlippe deutete ein weißer Schimmer den werdenden Schnurrbart an und zwischen hell glänzenden Wimpern schauten zwei klare, wasserblaue Augen ernst in die Welt.

   Während der Jäger einen forschenden Blick über den Weg hinaus gleiten ließ, schob er über dem leicht gekräuselten Blondhaar den von den Zweigen verrückten Hut zurecht, über dessen Rand ein Gemsbart nickte, dem Sonne und Regen den schwarzen Glanz in ein fahles Braun verwandelt hatten.

   Nun kehrte sein Blick zurück und blieb am Dschapei haften. Als er sich dem Tier mit leisem Locklaut näherte, glaubte auch der Teckel zur Eröffnung einer Freundschaft in seiner Art ermächtigt zu sein und tollte mit spielenden Sprüngen auf das Dschapei zu. Das hatte bei früheren Hundebekanntschaften böse Erfahrungen gemacht, missverstand die freundliche Absicht und suchte unter ängstlichem Schmählen das Weite. Verblüfft sah ihm der Teckel nach und als es um die Wegecke verschwand, wandte er, wie zu stummer Frage, den Kopf nach seinem Herrn.

   Der Jäger achtete des Hundes nicht: Er blickte dem tieferen weg zu, über den der sauer duftende Wofei ächzend den Almkarren heraufrappelte: „Grüß Gott!“

   Dieser Gruß war für Wofei genügende Veranlassung, die Karrendeichsel sinken zu lassen und seine Schnapsflasche aus der Joppe zu ziehen.

   „Geht’s nach der Griesalm?“

   Wofei nickte, bohrte den Flaschenmund durch eine Lücke des struppigen Bartes und ließ nach glucksendem Zug die dürre Hand wieder sinken.

   „Wer is denn dös junge Madl da vorn?“

   „D’Sennerin.“

   „Dös hätt’ ich mir selber denken können.“

   „Warum fragst nacher?“, knurrte Wofei. „Gfallt’s dir, gelt?“ Ein blödes, wieherndes Gelächter. „Gfallt mir auch! Aber d’Weiberleut mag ich net leiden. Pfui Teifi! Es is nix dran. Gsagt hab’ ich’s ihr. Sie hat’s ihm verraten, weißt! Mit dem is kein guts Essen net! Na! Mit dem net!“

   „Meinst leicht den Burschen, der da vorn mit ihr geht?“

   „Bursch? Was Bursch? Nix Bursch! Das is aus und gar! Hast ebbes gsagt? Ah so? Na, na! Ich weiß nix. Kenn’ ich net, kenn’ ich net! Da gibt’s nix. Wer kann so ebbes sagen? Bin ich a Stein? Kennst an Stein? Keiner bleibt, keiner! Alle müssen abi. Alle, alle, alle!“ Wofei reckte den mageren Hals aus den Schultern und lauschte gegen die Erde.

   „Nobel! Du hast ja in aller Fruh schon z’viel?“

   „Jesus, Mar und Joseph!“, stöhnte Wofei. Jäh hob er den Kopf und starrte mit rollenden Augen um sich her, bis sein wirrer Blick an dem Jäger haften blieb.

   „Was hast denn, Alter?“

   „Nix hab’ ich, nix, nix! Jesses, jesses, jesses!“ Wofei tastete nach der Karrendeichsel und schleppte keuchend das ächzende Gefährt über den rauen Weg.

   Kopfschüttelnd sah ihm der Jäger nach, bis die Büsche den Alten verdeckten. Dann winkte er den Teckel hinter seine Füße, verließ den Weg, übersprang den rauschenden Bach und schritt durch das schmale Tal dem lichten Waldgelände zu, das sich in leichter Hebung hinan zieht bis zum Fuß der steilen Stanglahner-Wände. Im Schatten einer Fichte ließ der Jäger sich nieder. Von hier aus konnte er das Tal übersehen bis zu jener Stelle, wo der Almweg hinwegführt über das von den gewaltigen Schneewasserstürzen des Frühjahrs breit angeschwemmte Kiesgeröll.

   Achtsam lehnte er die Büchse an den Baum und richtete sein Fernrohr nach jener offenen Wegstelle, welche die Almfahrenden passieren mussten.

   Nun kamen sie: Zuerst der Bauer mit dem weißen Spitz, dann die Kühe, einzeln und paarweise.

   Der Jäger konnte das Glas nicht ruhig halten; seine Hände zitterten. Er musste die Schulter an den Baumstamm lehnen und die Knie aufziehen, um die Ellbogen drauf zu stützen. Nun ging’s mit dem Halten. Ein leiser Zornruf klang von den Lippen des Jägers. Er gewahrte durch das Glas, wie der Bursch da drüben den Arm der jungen Sennin fasste, wie er sein Gesicht ihrer Wange näherte, und wie das Mädel mit beiden Fäusten den Frechen von ihrer Seite stieß.

   „Wart, Hallunkl“, murmelte der Jäger und ließ das Fernrohr sinken. „Wir zwei wachsen noch zamm!“ Regungslos über das weite sonnige Tal hinwegspähend, sprach er flüsternd vor sich hin: „So a jungs Madl!“

   Da ließ sich aus den Lüften ein sausender Flügelschlag vernehmen und ein mächtiger Schatten huschte über den Moosgrund.

   Wohl hatte der Jäger blitzschnell die Büchse gehoben – und doch zu spät. Als sein Auge den königlichen Vogel erspähte, war der Adler schon aus dem Bereich der Kugel und schwebte durch die Länge des Tales, kleiner und kleiner werdend, bis er in weiter Ferne hinter dem wild zerrissenen Grat der Palfenhörner als ein winziger Punkt dem Auge des Jägers entschwand.

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