Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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2.

   Der Ostermontag brachte Frühlingswetter. Die Bäume und Dächer troffen von dampfendem Tauwasser, die Berge wurden braun und kotig, auf den Wiesen hoben sich fahlgelbe Flecken aus dem rissigen Schnee, und die winterlichen Berge nahmen jene blaugraue Färbung an, die ein verlässliches Zeichen des nahen Lenzes ist.

   So ging es weiter, Tag um Tag. Wohl füllten die wallenden Nebel das Tal, aber die Sonne kam zu Kräften und trieb sie hinauf bis zu den Kuppen der höchsten Berge. Bald lag die Talflur ledig ihrer weißen Bürde. Wie eine Schnecke, wenn sie erschrickt, die Fühler schrumpfen lässt und sich zurückzieht ins Gehäuse, so schrumpfte der Schnee die steilen Hänge hinan und zog sich zurück in sein kaltes Felsenhaus.

   Die ersten Gräser stachen aus dem feuchten Grund, aus allen Zweigen sprangen die lichtgrünen Knospen, und in der Nähe bestrüppter Straßenraine füllte ein zarter Veilchenduft die sonnigen Lüfte.

   Im Baslerhäuschen, das neben dem Weg lag, der von Königssee nach Ilsank leitet, ging alles seinen gewohnten, stillen Gang. Vom Morgen bis zum Abend saß die alte Frau im Herrgottswinkel und ließ die Nadeln klappern, aus denen die grünen und weißen Strümpfe hervor wuchsen, kurz oder lang, eng oder weit, wie es die Wadenverhältnisse der Besteller verlangten.

   Nannei führte die Wirtschaft. Das machte wenig Mühe. Die Brennsuppe am Morgen, die ‚Nudeln mit Kraut’ oder die ‚Kaasnocken’ des Mittags und die Wassersuppe am Abend, diese Dinge kochten sich rasch – fast schneller, als es mit dem Essen ging. Daneben aber gab es harte Arbeit mit der ‚Nahterei’. Nannei musste die eng gewordenen Spenser und Janker weiter machen, musste an den verwachsenen Röcken die Querfalten auslassen, oder musste, wenn dieses Mittel nimmer fruchtete, neue, breitere Säume anstückeln, um sie wieder zu schicklicher Länge zu bringen. Auch die Bergschuhe, die der letzte Sommer übel mitgenommen hatte, flickte sie selbst zurecht, schnitzte sogar mit eigenen Händen die für die Almenarbeit nötigen ‚Holzpatschen’. Schön waren sie nicht, es wurden zwei schreckliche Flöße, aber sie waren billig, und das gab bei Nannei vor allen anderen Reizen den Ausschlag.

   Ein paar Mal in der Woche ging sie zur Taglohnarbeit. Gerne wurde sie vom Oberförster zum Jäten in die Kulturgärten gerufen; während die anderen Arbeiterinnen mit groben Händen zutappten, geschah es der Nannei nie, dass sie mit dem Unkraut auch den kleinen grünen Segen aus der Erde rupfte.

   Jede freie Stunde widmete sie der Erziehung ihres Dschapei. Das Lamm gedieh, dass es für Nannei eine Freude war. Bald lernte es, seiner Herrin auf einen Lockruf entgegenzutrippeln, bald fing es an, ihr aus eigenem Antrieb überall nachzulaufen, hinaus in die Kammer, in der die zwei Betten mit den wurmstichigen Gestellen standen, von der Kammer wieder in die Stube und von da in die Küche. Es begann auch schon Verstand zu bekommen. Wenn es nicht pünktlich seine Nahrung erhielt, mahnte es mit lautem Schmählen seine Pflegerin an ihre Pflicht. Verstand? Nun ja, das ist ein bisschen viel gesagt. Will man der Wahrheit die Ehre geben, so muss man zugestehen, dass dieses kleine Schaf in puncto Verstand was Menschliches hatte.

   Häufig geschah es, dass sich das unerfahrene Dschapei an den heißen Eisenplatten des geheizten Ofens die Schnauze oder die Ohrlappen verbrannte. Es wollte, genau wie die Menschen, in der Schule des Lebens nicht lernen und machte immer aufs Neue wieder die gleichen Dummheiten. Eines Tages zog es mit dem Maul das blau gefärbte Tischtuch herunter und verbrühte sich am siedheißen Inhalt der niederstürzenden Suppenschüssel den halben Rücken. Die Stubenschwelle überschritt es mit Vorliebe in dem Augenblick, in dem ein Windzug die Tür zuwarf. Wenn es versuchte, der Nannei über die Bodenstiege nachzuklettern, fiel es entweder herunter oder klemmte einen der Füße in die Bretterklumsen. Und als es erst hinaus durfte in den Hof, auf die Straße, auf die Wiesen – ach, du lieber Himmel! Da stand es unbeweglich auf einem Fleck und guckte verwundert in die schöne Gotteswelt; in solch einer beschaulichen Stunde wär’ es einmal auf der Straße fast überfahren worden. Von allen Hunden der Nachbarschaft wurde es abgerauft und gebissen. Um ein Gras, ein eben erst aufgeschossenes Kräutl zu holen, zwängte es den Kopf in die Lücken der Zäune und würgte sich an den unnachgiebigen Stäben halb zu Tode. Einmal stürzte es in einen Tümpel, weil es mit seinem Spiegelbild scherzen wollte, und wäre jämmerlich ertrunken, wenn ihm nicht die Nannei noch zur rechten Zeit aufs Trockene verholfen hätte.

   „O du Dschapei, du Dschapei du!“

   Das zu rufen, hatte Nannei an jedem Tag dutzendfachen Grund. Und so kam es, dass für das Lämmchen zum klagevollen Namen wurde, was zuerst als zärtliches Schmeichelwort gegolten hatte: Dschapei!

   Woche um Woche verging. Die ersten Junitage brachten warmen Reggen, der die Fluren im Tal noch grüner färbte und auch die hoch gelegenen Almhänge zu sichtlichem Leben erweckte.

   Eines Freitags kehrte Nannei, die am Morgen in Taglohn gegangen war, lange vor Feierabend nach Hause. Im Hofraum kam ihr das Dschapei entgegengelaufen. „Uijegerl!“ Nannei fasste das Tier bei den Vorderfüßen und hob es an ihre Brust empor. „Du! Morgen geht’s auf d’Alm auffil Da wirst aber spannen! Du, da is schön! Da kannst abi schauen ins Tal, weitmächtig weit! Und da gibt’s Hirschen und Gamsln! Du, da musst obacht geben, dass dich keins erwischt mit seine spitzigen Hackerln!“

   In der Stube wiederholte das Mädel die Neuigkeit mit etwas gedrückten Worten. „Morgen wird auftrieben. Zwei Wochen bleiben wir –“ Nannei meinte sich und die Kühe, „im Wimbachtal auf der Griesalm, und nacher geht’s auffi am Trischübl. Morgen in der Fruh um fünfe muss ich drunt sein beim Almbauer.“

   Ein tiefer Seufzer war die Antwort der alten Baslerin.

   Nach einer Weile sagte Nannei: „Vierzehn Küh krieg’ ich mit.“

   „Viel! Für eins allein!“, erwiderte die Alte. „Aber jetzt is nix mehr z’machen. Jetzt geh halt und richt deine sieben Zwetschgen zamm!“

   Langsam wandte sich Nannei vom Tisch und trat in die Kammer.

   Wieder seufzte die alte Baslerin und klapperte mit den Nadeln. In Sorge hatte sie seit Wochen dem Tag entgegengesehen, an welchem Nannei zu Berg ziehen sollte. Die Ursache dieser Sorge war nicht der Umstand, dass sie nun für Monate ihr Nannei missen und allein bleiben sollte. Das musste so sein, das ging nicht anders. Aber –

   Ja, dieses aber! Schon damals am Ostersonntag war es ans Licht gekommen, was hinter der großen Freigebigkeit des Almbauern steckte. Der pure Geiz! „Du, Mutter“, hatte Nannei gesagt, als sie den Korb mit dem Ostersegen heimbrachte, „der Almbauer hat gmeint, droben am Trischübl wär ’s Hüten leicht, weil ’s Vieh net weit auskann, von wegen die Wänd. Und da kunnt er mich allein auffischicken, ohne Hütermadl. Zwanzg Mark tät er mir zulegen, hat er gsagt, und da kunnt er ebbes sparen, und ich käm’ besser weg. A bissl mehr Arbeit hätt’ ich halt. Aber schau, ich bin jung und stark und hab’ an guten Willen.“

   Da hatte die Alte gepoltert: „Nix da! Da wird nix draus! Dös wär mir’s Wahre! Du? Und allein? Nix da! Gleich packst die ganze Wirtschaft wieder zamm, die altbachenen Wecken, den schmecketen Schunken und dein bockbeinigs Lampl! Alles tragst wieder abi zu dem Siebengscheiden und sagst ihm, er soll sein’ Pfifferling bhalten. Und sagst ihm, dass du ohne Hütermadl net almen gehst! Gar nie net! Dös is nix! Dös taugt nix!“

   „Mutter, dos lasst sich nimmer umschustern!“, hatte Nannei verlegen erwidert. „Ich hab’ an den schönen Verdienst denkt und hab’ dem Bauer zugsagt auf Handschlag und Angeld.“ Sie hatte aus der Tasche einen Preußentaler hervorgeholt und ihn auf zitternder Hand der Mutter entgegengehalten.

   „Jesses na!“ Die Mutter hatte den Taler gepackt und auf den Tisch geworfen, dass er klingend aufsprang. „Wie hast dir denn so was unterstehn können! Bin i nimmer die’ Mutter? Net amal fragen tut man mich mehr? Bei so ebbes!“ Mit beiden Händen war sie sich in die grauen Haare gefahren, ganz verzweifelt. „So allein da droben! Weiß Gott, was eim da passieren und zustoßen kann!“

   „Geh! Wer wird denn gleich an so ebbes denken! Da droben is mir unser Herrgott näher als im Tal, und der Vater selig is mir auch net weit. Die zwei hüten mich schon.“

   „Ich will’s hoffen, ja!“, hatte die alte Baslerin geseufzt. Aber die Sorge nagte an ihr, umso unermüdlicher, weil sie schweigen musste, um ihres Kindes Gedanken nicht gerade auf das zu leiten, was sie von ihm fern halten wollte. Da droben! Sie kannte das. Sie hatte das an sich selbst erfahren; sie war auch da droben gewesen – ganz allein.

   Im letzten Sommer hatte sie Nannei sorglos zu Berge ziehen sehen; da war Nannei noch ‚das’ Nannei, noch ein halbes Kind gewesen. Und die Sennerin, zu der sie als Hütermädl kam, war eine alte, gottesfürchtige Person, herzensgut, aber glücklicherweise so hässlich, dass die almfahrenden Buben einen weiten Bogen um ihre Hütte machten. Seit dem Winter war Nannei im Mund der Leute ‚die’ Nannei geworden. Und nun sollte sie da hinauf, so allein! In stiller, schöner Einsamkeit, die nur von der Natur und ihrem scheuen Getier belebt ist, schwillt dem einsamen Menschen das Herz, wie zu lenzender Zeit die Keime schwellen. Da droben, wo die Natur nur herrscht, muss auch der Mensch ihrem Zwang und Drang sich unterwerfen, und aus der jungen Seele steigt ein Wünschen und Sehnen, von dem noch kein Menschenmund zu ihr gesprochen. Es kommt, man weiß nicht woher und weiß nicht, wohin es zielt, bis – ja, bis!

   Die alte Baslerin kannte das. Sie war auch da droben gewesen und hatte Almfenster ihren Muckei gefunden – Gott hab’ ihn selig, den Armen! Ihr war es zum Glück geraten, der Muckei war ein ehrlicher Bub. Freilich, ein kurzes Glück, aber doch ein Glück! Noch immer wurden der alten Baslerin die Augen hell, wenn sie zurückdachte ans Vergangene. Aber so, wie ihr Muckei war, so sind sie nicht alle. Und einem, der zufällig des Weges kommt, wenn das Herz offen steht, dem kann man nicht in die Seele schauen, nur ins Auge, und das ist ein schwindelvoller Guckkasten, das Männerauge! Die alte Baslerin kannte das aus hundert Geschichten, die zeit ihres Lebens geschehen waren.

   „Ah ja!“

   Immer wieder huschte dieser Seufzer über ihre welken Lippen. Und als sie in der Nacht vom Freitag auf den Samstag neben Nannei im Bett lag, warf sie sich ruhelos hin und her.

   Einmal erwachte Nannei. „Mutter, was hast denn?“

   „Kein’ Schlaf hab’ ich.“

   Als das erste Zwielicht hereinblickte durch das kleine Fenster, hatte die alte Baslerin noch kein Auge geschlossen. Lautlos erhob sie sich, um die Brennsuppe zu kochen, damit der Nannei die Ruhe bis zur letzten Minute vergönnt wäre. Ein halbes Stündlein später trug sie die dampfende Schüssel zum Tisch und weckte ihr Kind. Schweigend aßen die beiden. Als Nannei den Löffel am Tischtuchzipfel säuberte, sagte die alte Baslerin: „So, jetzt geh halt! In Gottesnamen!“

   Nannei machte das Dschapei munter und knüpfte ihm an einem dünnen Riemen ein kleines Glöckl um den Hals. Dann belud sie ihren Rücken mit der Kraxe, auf die ein hoher, schmaler Korb gebunden war, der ihr Arbeitsgewand, das nötigste Kleingeschirr und alle sonstigen Dinge barg, die sie da droben nicht missen konnte: Das Nähzeug, ein paar Heiligenbilder, das Weihbrunnkesselchen und die Flasche mit dem Weihwasser, ein Kruzifix, ein Büschel geweihter Palmzweige und mancherlei, was sich im Anschluss an heilige Dinge nicht gut nennen lässt, wie Kamm und Seife.

   Die alte Baslerin tauchte die zitternden Finger ins Weihwasser und besprengte Nanneis Gesicht. „So! Und jetzt pfüet dich Gott! Und gelt, vergiss mir ’s Beten net!“

   Es war wohl nicht allein des blassen Frühlichts wegen, dass Nannei so bleich erschien. „Pfüet dich Gott, Mutter! Tu dich gut halten und plag dich riet z’viel!“ Sie löste ihre Hand und trat hinaus in den Hof.

   Die alte Baslerin kniete auf die Flursteine nieder, umschlang das Dschapei mit beiden Armen und flüsterte dem Tier ins Ohr: „Gelt, tu mir Obacht geben auf mein Nannei!“ Während die Alte sich mühsam erhob, guckte das verdutzte Viecherl drein wie ein Schiffsjunge, dem man die Führung eines Schlachtkreuzers anvertraut.

   Noch einmal schüttelten Mutter und Tochter sich die Hände. Dann schritt das Mädel über die graue Wiese, auf der das Morgenlicht den Glanz der Tauperlen noch nicht geweckt hatte. Als Nannei sich ein letztes Mal umsah, winkte ihr die Mutter mit beiden Händen zu und rief: „Ich such’ dich schon amal heim da droben, wann’s meine Füß derleiden.“

   Nannei nickte stumm. Als bei einer Senkung des Weges das elterliche Häuschen ihrem Blick entschwand, brach sie in Tränen aus. Sie wusste nur, was sie verließ. Was würde die kommende Zeit ihr bringen? Gutes? Böses?

   „Gelt, du kann lustig sein!“, rief sie dem Dschapei zu, das fröhlich im Gras umhersprang und immer den Hals schüttelte, als wäre ihm das Klingen und Bimmeln seines Glöckchens eine besondere Freude. Das Gefühl der Verantwortung, das ihm die Baslerin in die lämmerne Seele gelegt hatte, schien dünner zu sein als das zarteste Härchen seiner weißen Wolle.

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