Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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Der Weißbacher und seine Freud

   Als ich vor neunzehn Jahren den Mickei Weißbacher kennen lernte, wollte meine Frau keinen Pfannkuchen essen.

   Wir waren um die Mittagszeit in unserem Bernerwägelchen vor dem einsam gelegenen Bergwirtshaus angefahren, und der Weißbacher, der mich auf die Gemspirsch führen sollte, trat freundlich grüßend an das Wägelchen heran, ein langer, kräftiger Mensch, in der üblichen Jägertracht des Hochlandes, mit einem gutmütigen, sonnverbrannten von einem pechschwarzen Vollbart umrahmten Gesicht, an dem nichts Außergewöhnliches zu entdecken war. Eines von jenen Durchschnittsgesichtern, wie man sie häufig in den Bergen sieht: Gesund, derb in jeder Linie, ein Mund, der lieber lacht als sich im Ernst verzieht, zwei dunkle Augen, scharf und glänzend, doch ohne jene Sprache, die von Gedanken erzählt. Nur etwas Nebensächliches fiel mir am Weißbacher auf. Er trug das schwarze Kopfhaar frisch gestutzt, ganz kurz – und zwischen diesen winzigen, russschwarzen Haarstacheln, von denen jede in der Sonne ein punktfeines Glanzlicht an der Schnittfläche hatte, leuchtete die Kopfhaut schimmerweiß heraus, während alles übrige, was es sonst an Haut beim Mickei Weißbacher zu sehen gab, so braun war wie mattes Kupfer. Dieser Kontrast wirkte ein bisschen komisch.

   Das erste Wort, das der Weißbacher redete, galt meiner Büchse. Als er sie aus dem Wagen nahm, betrachtete er sie aufmerksam und sagte: „Bal ’s Büxl so nobel hinschießt, wie’s ausschaut, nacher is scho recht!“ Er trug meine Jagdsachen zu einem Gartentisch, während meine Frau das Mittagessen für uns bestellte. Fleisch war nicht zu haben. Nur einen Pfannkuchen gab es. „Machen Sie recht einen großen“, sagte meine Frau zur Wirtin, „nach der vierstündigen Wagenfahrt haben wir tüchtig Hunger.“

   Ich setzte mich neben den Weißbacher an den Gartentisch, und unter der milden Sonne des schönen Herbsttages beredeten wir die Aussichten der Gemspirsch. Meine Frau promenierte im Schatten der Obstbäume, kam aber flink zum Tisch, als der Pfannkuchen gebracht wurde, und setzte sich mir und dem Weißbacher gegenüber. Das Aussehen des appetitlich duftenden Gerichtes schien ihren Beifall zu finden. „Gott sei Dank, weil wir nun endlich was bekommen!“, sagte sie und wollte sich bedienen. Aber da legte sie plötzlich die Gabel nieder, drehte die Augen auf die Seite und guckte starr ins Grüne hinaus.

   „Was ist denn los?“

   Meine Frau schüttelte den Kopf.

   „Aber was hast du denn? So iss doch!“

   Statt zu antworten, schob sich meine Frau aus der Bank heraus und entfernte sich fluchtartig in den Obstgarten. Ich ging ihr nach. „Aber Kind! Was ist denn?“

   „Lass mich...“

   „Bist du krank?“

   „Nein!... Aber lass mich!“

   „So komm doch her und iss! Es wird ja der Pfannkuchen kalt.“

   „Hör auf! Mir graust!“ Dazu ein würgender Laut.

   „Grausen? Warum denn? War denn etwas im Pfannkuchen? Eine Spinne?“

   „Nein! Aber hast du denn das nicht gesehen? Dieser Mensch da ... so schau ihn doch an ... wie er dasitzt ... so was Grausliches hab’ ich im Leben noch nicht gesehen!“

   Ich sah zum Tisch hinüber – und lachte hell hinaus. Da drüben, hinter dem rauchenden Pfannkuchen, saß der Weißbacher, mit den Fäusten auf den nackten Knien, und äugte verwundert zu uns herüber. Über die Brust herunter, fast bis zum Hosenbund, trug er das Hemd weit offen – und da guckte was heraus, als hätte sich der Weißbacher ein schwarz gekräuseltes Lammsfell breit über die Seele gebunden. Doch das Fell war angewachsen.

   Kein Zureden konnte meine Frau bewegen, an den Tisch zurückzukehren. Und dass ich den Jäger fortschickte, wollte sie auch nicht dulden, weil kein Grund vorläge, den harmlosen Patron zu beleidigen. Also musste der Kutscher einspannen, und meine Frau, der aller Hunger gründlich vergangen war, trat mit beschleunigtem Tempo die Heimfahrt an.

   Als ich mich dann bei dem kalt gewordenen Pfannkuchen einfand, fragte der Weißbacher mit gutherziger Besorgnis: „Was hat denn ’s Frauerl ghabt?“

   „Ach, nichts! Ein bisserl übel ist ihr worden. Und da war’s am besten, dass sie gleich wieder heimgefahren ist.“

   „So, so?“ Der Jäger sah mich schmunzelnd an. „Nno ... da gratalier i halt! So hat’s die Meinig aa in ihrer Zeit oft g’habt. Und ausgrechnet allweil beim Essen.“

   Ich unterließ es, dieses Missverständnis aufzuklären, bestellte mir Kaffee mit Butterbrot, und der Weißbacher machte sich mit beneidenswertem Appetit über den guten Pfannkuchen her. Dabei sagte er plötzlich, mit einem sonderbaren Gedankensprung: „Jetzt sollten S’ es aber sehgn, unser Büaberl! Hansei hoast’r! Und gestern hat er die ersten fünf Schrittln gmacht. Vom Tisch hat’r si gahlings ummigwuzelt zum Ofen. Dös Manndei, dös kloane, dös is mei ganze Freid!“ Als der Weißbacher diese letzten Worte vor sich hinlachte, hatte er völlig andere Augen als zuvor – wunderschöne, leuchtende, glückliche Augen.

 

   Ein paar Minuten später marschierten wir los, um die drei Wegstunden zur Jagdhütte hinaufzusteigen. Der Pfad führte durch dichten herrlichen Fichtenwald, in den nur ab und zu ein kleines Auge des Himmels blau hereinlächelte. Kaum hörbar ging ein leises Träumen über die Wipfel hin. Es war so schattenschön und still – man pflegt zu sagen: Wie in einer Kirche. Aber dieser Vergleich scheint nach einer Seite zu hinken. Wenigstens hab’ ich von einer Kirche noch nie gehört: Es wäre in ihr so still wie in einem hundertjährigen Wald. Und gute Vergleiche sollten auf Gegenseitigkeit beruhen.

   Für die blaugrüne Schönheit, die uns fein umflüsterte, hatte der Weißbacher kein Auge, keinen Sinn. Immer guckte er vor sich hin auf den Steig und erzählte dabei, dass der Kochherd in der Jagdhütte keinen richtigen Zug hätte, und dass man, bevor ein lustiges ‚Fuierl’ in Gang käme, immer eine halbe Stunde lang mit tränenden Augen im dicksten Rauch sitzen müsste. Dann fing er von der Jagd zu schwatzen an, so trocken und gleichmütig, wie ein Nagelschmied vom Schusterhandwerk redet, um das er sich nur bekümmert, weil er Nägel für die Sohlen schmieden muss. Ich hörte da kein Wort vom Weißbacher, das charakteristisch gewesen wäre und das ich mir hätte merken mögen.

   Doch als wir aus dem Wald auf eine große Lichtung hinaustraten und einen zaubervollen Blick über das tiefe, von purpurnen Schatten umgossene Wiesental mit seinen zerstreuten Gehöften gewannen, da blieb der Weißbacher stehen, sah hinunter und bekam wieder jene schönen, leuchtenden, glücklichen Augen.

   Ich dachte schon, jetzt wird er sagen: Gelt, dös is a feins Platzl! – oder so was Ähnliches – irgendein Wort, in dem sich sein Verständnis für schöne Natur verraten musste.

   Aber da deutete er mit der kupferbraunen, haarigen Hand hinunter und sagte: „Schaugn S’, Herr Dokter, dös Anwesen, dös gar so weiß aussispitzt aus die Baam, dös is mei Hoamatl. Dös Häusl, dös is mei ganze Freid!“

   Während wir auf den steilen Serpentinen über die Lichtung emporstiegen, guckte der Weißbacher hundertmal hinunter ins Tal – und was er dabei auch redete, alles hatte einen warmen Klang, einen Ton, der irgendetwas Besonderes und Merkwürdiges zu sagen schien.

   Auf der Höhe der Lichtung, als der Ausblick am schönsten wurde, setzte ich mich nieder, um ruhiger schauen zu können. Der Weißbacher hockte sich an meine Seite – und wenn er nicht schwieg oder gähnte, quasselte er gleichgültiges und blutleeres Zeug. Denn das Häuschen dort unten, das so winzig und blumenweiß aus den Apfelbäumen herausgeschimmert hatte, war nicht mehr zu sehen. Und die ganze schöne übrige Welt um uns her schien für den Weißbacher nichts Beachtenswertes mehr zu haben.

   Ein Mensch mit zwei Seelen! Und die schönere von den beiden brauchte immer ihr besonderes Stichwort, um aufzuleben! Der Weißbacher begann mir interessant zu werden. Und unter ernsten Gedanken sah ich ihn von der Seite an. Aber der silberweiße Hautschimmer, der unter den schwarzen Haarstacheln vom kupferbraunen Nacken hinaufging bis zur kupferbraunen Stirn, wirkte wieder komisch auf mich.

   Ich fragte: „Warum haben Sie sich denn das Köpfl gar so nackt verstutzen lassen?“

   „Weil’s sonst net ausgibt bei mir. Bal der Bader bloß so a bissl schnipfeln taat, da kunnt i eahm alle vierzehn Täg zwanzg Pfenni zahlen. ’s Haarete wächst bei mir wia narret. I woaß net, was i für an Haarboden hab’. Als hätt mer unser Herrgott an Kunstdünger auffigschmirbt!“

   Am Abend, droben in der Jagdhütte, bekam der Weißbacher wieder die schönen, leuchtenden Augen. Ich hatte ihn eingeladen, bei meiner Konservenmahlzeit mitzuhalten. Doch der Weißbacher schüttelte den komischen Kopf, dass sein schwarzer Bart einen heftigen Wackler machte. „Vergeltsgott Herr Dokter! I hab’ ebbes bessers.“ Aus fettigem Zeitungspapier schälte er ein Stück Rauchfleisch hervor, auf dessen weißem Speck sich die ganze Schrift der Zeitung abgedrückt hatte – dieser silberne Speckschimmer zwischen dem schwarzen Gesprenkel erinnerte an die Frisur des Weißbacher. „Dös is fei a guats Bröckl!“, sagte er. Dös hat mer mei Hannerl eingwickelt. Dö sorgt halt für mi! Is scho wahr, dös Weibl, dös guate, dös is mei ganze Freid!“ Ohne die Druckerschwärze vom Speck zu schaben, begann er drauflos zu beißen – und weder früher noch später im Leben hab’ ich das ein zweites Mal gesehen, wie der Genuss und das Behagen des Schmausens ein menschliches Gesicht bis zu diesem Ausdruck seliger Verklärung durchleuchten kann. Immer musste ich dem Weißbacher in die strahlenden Augen und auf den schwatzenden Mund gucken. Je mehr es mit dem Rauchfleisch zu Ende ging, umso langsamer aß er, umso kleiner wurden die Stückchen, die er schnitt – und als er den letzten Bissen gleich einer wundersamen Köstlichkeit verschluckt hatte, kratzte er noch mit dem Messer das Fett von dem glänzenden Zeitungspapier und strich diese graue Ernte auf seine Zunge.

   Jetzt kannte ich die ganze Welt der schönen Seele, die intermittierend im Weißbacher aufleuchtete, wenn er fern war von seinem ‚Hoamatl’. Sein Weib, sein Kind, sein Haus, und neben gab es für den Weißbacher nichts mehr auf Gottes weiter Erde. Wie glücklich musste dieser Mensch daheim zwischen den vier Wänden seiner Stube sein – unter seinem Dach, bei seinem Hannerl, bei seinem Buben – bei seiner ganzen Freud!

 

   Am folgenden Mittag, als wir vom ersten Pirschgang heimkehrten, kochte sich der Weißbacher einen Schmarren. Bevor er zu essen anfing, tat er einen tiefen, schweren Seufzer; und dann würgte er die Brocken gleichgültig hinunter, wie ein Tier, das nichts anderes will, als seinen Magen füllen.

   Nach zwei Tagen war ihm das gestutzte Haar schon wieder so weit gewachsen, dass man nichts mehr von dem silberweißen Schimmer sah. Und auf der Pirsch – ob wir nun in heißer Sonne gingen, oder ob am Morgen und Abend der schneidende Bergwind eiskalt herfuhr über die Schneefelder – immer trug der Weißbacher das Hemd an der Brust weit offen. Freilich, was ein richtiger Pelz ist, der kühlt in der Hitze und wärmt in der Kälte! So was Ähnliches sagte der Weißbacher einmal. Und fügte die philosophische Bemerkung bei: „Drum san d’ Viecher, dö in der Wildnus leben müassen, alle haaret. Und gsund! Unser Herrgott woaß scho, was ’r tuat.“

   Über den Jäger, der im ‚gsunden’ Weißbacher steckte, konnte ich mich eigentlich nicht beschweren. Er war verlässlich, revierkundig, hatte immer den richtigen Einfall, wenn es zu handeln galt, und brachte mich in drei Tagen auf zwei gute Gemsböcke zu Schuss. Aber es war für mich nicht die rechte Freude dabei. Bei der Jagd fehlte dem Weißbacher jenes heiß aufbrennende Feuer, das ich liebe – und daheim in der Jagdhütte verstand er sich nicht auf dieses frohe, schwatzlustige Aufwärmen, das alles Erlebte neu lebendig und noch schöner macht. Wenn er nicht Anlass hatte, von seinem Haus, von seinem Hannerl und von seinem Hansei zu reden, saß er still und gähnend hinter dem Kochherd, ließ immer wieder sein Pfeiflein kalt werden oder schlief im Sitzen ein und fing zu schnarchen an. Diese gleichmütige Jägerart sich durch keine Hoffnung befeuern und durch keinen Misserfolg vergrämen ließ, verdarb mir das Vergnügen und legte sich wie trockener Staub auf meine grüne Freude. Das heißt der Weißbacher ließ sich schon vergrämen durch den Misserfolg und durch die Hoffnung auf einen glücklichen Schuss meiner Büchse in Glut bringen. Aber das hatte nichts mit dem Jäger zu tun – das hatte nur eine Beziehung zum Hannerl, zum Hansei und zu dem blumenfreundlichen Haus. Denn als wir zwei weitere Tage gepirscht hatten, ohne den dritten Bock auf die Decke zu bringen, fing der Weißbacher am Morgen beim Ausmarsch unter den funkelnden Sternen wie ein Wilder zu fluchen an: „Himi Kreiz Teifi Sakrament übereinander! Heut muass ebbes her! Heut muass i an Bock abitragen!“ Auf den Bock kam es ihm dabei nicht an, nur auf das ‚Abitragen’, auf das Stündchen, das er daheim verbringen konnte bei seiner ganzen Freud.

   An diesem Pirschmorgen leistete der Weißbacher als Jäger wahrhaft Übermenschliches. Der Wind flackerte nach allen Richtungen, und jede Mühe schien aussichtslos. Aber der
Weißbacher ging Wege, wie sie noch nie ein Jäger gegangen, und arbeitete mit dem Instinkt eines hungrigen Raubtiers, das alle Schliche zu nutzen versteht. Er brachte mich auf einen Gemsbock zu Schuss, der unerreichbar schien. Aber die Wege, die wir gegangen, hatten mich erschöpft – und ich fehlte. Und sah nicht dem davon sausenden Bock nach, sondern guckte erschrocken den Weißbacher an. Der nahm den Hut ab, fuhr sich mit dem Ärmel über die Schweiß betropfte Stirn und sah über die Felswand in die Tiefe hinunter – wie auf den Untergang einer schönen Stadt und auf den Tod von tausend Menschen. Und sagte: ‚Ja, Herr! So geht’s zua in der Welt!“ Dann sprach er kein Wort mehr, auf dem ganzen Heimweg keine Silbe.

   Dieses enttäuschte Herz in seiner lechzenden Sehnsucht weckte mein Erbarmen. Ich schrieb in der Jagdhütte eine Postkarte und gab sie dem Weißbacher: „Da, Mickei, trag sie hinunter!“ Alles graue Unwetter seiner Seele war jäh verwandelt in lachende Sonne. Flink wie ein Wiesel sprang der lange Mensch davon. In seiner Freude musste er auf dem Wege jauchzen und jodeln.

   Ich hörte dieses glückselige Gedudel noch immer, als der Weißbacher schon längst verschwunden war.

   Den Tag verschlief ich in der Hütte und erwachte erst, als der schöne Abend dämmerte. Der Weißbacher war noch immer nicht da. Ich kochte. Dann setzte ich mich auf die Türschwelle und blickte träumend in den Glanz des Abends. Weil eine lang gestreckte Felswand vor dem Dämmerblau des Himmels so buttergoldig wurde, fiel mir der Pfannkuchen ein, und ich musste lachen. Wie das eigentümlich klang dieses einsame Lachen in dieser ernsten, lautlosen, leuchtenden Stille!

   Kein Windhauch mehr. Keine Tierstimme. Nirgends der Klang eines rieselnden Wassers. Nur Schweigen und schöne Farben um mich her. Und der Herdrauch, der sich langsam über das Dach herunterkräuselte, verdünnte sich rings um die Hütte zu einem feinen, himmelblauen Schleier, der alle Bilder des Abends noch farbiger machte und das gelbe Feuer der Felszinnen in grünliches, geisterhaftes Leuchten verwandelte.

 

   Manchmal, als aller Glanz schon zu ergrauen anfing, kam ein zartes, kaum noch vernehmliches Tönen aus der Tiefe herauf. Ich dachte einmal: Ob das nicht die Freude des Mickei Weißbacher wäre? Doch es kam von den Viehglocken der großen Alm, die hinter einem langen Waldstreif dort unten lag. Auf unseren Pirschgängen waren wir nie zu dieser Alm gekommen. Aber von den Graten aus, über die wir hingestiegen, hatte ich das weit gedehnte Weidefeld mit den dreiundzwanzig Sennhütten oft gesehen. Von diesen Hütten kam das feine zärtliche Klingeln herauf geschwommen durch die Stille der versinkenden Abendglut.

   Und dann die kühl atmende Nacht, mit den schwarzen Mauern der Berge vor dem stahlblauen Himmel. Die großen Sterne funkelten so feurig, als wäre in jedem dieser fernen Weltenbürger die ganze Freude des Mickei brennend worden.

   Jenes leise Tönen war nicht mehr zu hören- Doch etwas anderes vernahm ich. Immer wieder. Weit aus der Ferne. Ein ganz merkwürdiges Geräusch – ähnlich dem Geplätscher, das ein Guss Wasser macht, der auf Steinplatten geschüttet wird.

   Ich konnte mir dieses Geräusch nicht erklären. Und grübelte immer.

   Plötzlich stand in der Finsternis der Weißbacher vor mir, ohne dass ich ihn hatte kommen hören.

   „Vergeltsgott, Herr Dokter!“, sagte er mit einer frohen Wärme in der Stimme.

   „Du! Mickei! Horch einmal!“

   Er lauschte in die Nacht hinaus. Und jetzt hörte man’s wieder, dieses Merkwürdige.

   „Was ist denn das?“

   Der Weißbacher lachte. „Auf der Kermadenalm, da tean s’ heut lampelspritzen.“

   Ich verstand nicht, was er meinte. „Lampelspritzen? Was heißt das?“

   Erst trug der Weißbacher sein Zeug in die Hütte. Dann erklärte er mir die Sache.

   Morgen wäre ein hoher Feiertag drunten im Dorf. Und es wäre seit alten Zeiten so Sitte, dass die dreiundzwanzig Sennerinnen der Kermadenalm am Morgen dieses Feiertages den Pfarrer mit einem lebensgroßen, ganz aus Butter zusammengekneteten Lamm beschenken, dem das gelockte Fell, wenn der Körper aus dem Groben geformt wäre, mit feinen Butterfäden aufgespritzt würde. Jede von den dreiundzwanzig Sennerinnen hätte für dieses Kunstwerk einen Ballen Butter zu spenden. In der zu höchst gelegenen Almhütte, bei der ‚alten Resl vom ledigen Hof’, kämen am Vorabend des Festes alle die Sennerinnen zusammen. Da würde dann das Kunstwerk geschaffen. Und die alte Resl mit ihrer Tochter, das wären zwei rassige Weiberleute, die das Maulwerk auf dem rechten Fleck hätten. Drum ging es beim Lampelspritzen gar lustig und übermütig zu. Und was ich da in der stillen Nacht vernommen hätte, dieses merkwürdige, mir unerklärliche Geräusch – das wäre das Gelächter und Geschrei der dreiundzwanzig Sennerinnen.

   „Mickei! Da muss ich hinunter! Das muss ich sehen!“

   Der Weißbacher schien von meinem Wunsch nicht sonderlich erbaut und schüttelte bedenklich den Kopf. „Dö lassen uns net eini in d’Hütten.“

   „Das wirst du schon fertig bringen. Heut hab’ ich dir eine Freud gemacht, jetzt mach du mir eine! Das will ich sehen. Also, vorwärts!“

   „Herr Dokter, Herr Dokter, dö Sach geht schiaf aus! Es ist net Brauch, dass beim Lampelspritzen Mannsbilder derbei sani Und die alte Resl und ihr Madel, dö zwoa san scho die richtigen! Und bal amal d’ Weiberleut in der Übermacht san, da haben s’ koan Zaum und Zügel nimmer!“ Dem Weißbacher kam ein beklommener Ton in die Stimme. „Dö Sach is mer aa sunst no a bissl unglegen. Wissen S’, mei Hannerl, dö hat mi halt soviel gern. Und da eifert s’ halt allweil a bisserl. Ja! Da is glei allweil Fuier am Dach! Drum mach’ i liaber an Umweg, bal i a Weibsbild siech. Und iatz glei dreiazwanzg beinander auf oam Schüppel! Lassen S’ es guat sein, Herr Dokter! Morgen führ’ i Eahna auf an guaten Hirsch. Verlaubt is uns freili koaner. Aber dös will i scho verantwortigen beim Förstner. Bloß mei Hannerl möcht’ i net gern verdriaßen.“

   Die Angst, die der Weißbacher hatte, reizte mich noch mehr. „Wenn du nicht willst, so geh’ ich allein. Das muss ich sehen.“

   Brummend steckte Mickei eine Kerze in die Laterne und strich auf der Schattenseite seiner Lederhose ein Zündholz an. „In Gottsnamen! Probieren mer’s halt!“

 

   Wir wanderten durch die Finsternis hinunter. Ich ging vor dem Weißbacher her, und der Schein der Laterne warf meine gaukelnden Schattenbilder als ungeheuerliche Schwarzgestalten über die Steine und zwischen die Bäume.

   Während wir durch den Wald hinunter stiegen, erfuhr ich vom Weißbacher noch die Geschichte eines seltsamen Lebenslaufes, die Chronik einer ungewöhnlichen Familientradition. Die Resl nämlich, die heute als Lampelspritzerin fungierte, war ein fünfzigjähriges Mädchen das mit seiner fünfundzwanzigjährigen Tochter Marei in der ‚öbersten’ Almhütte hauste. Mutter und Tochter waren die Bäuerinnen vom ‚ledigen Hof’. Seit Menschengedenken hatte auf diesem Hof immer nur eine Bäuerin regiert, nie ein Bauer. Kam die junge Bäuerin, in die ‚lebfrohen’ Jahre, so nahm sie sich einen, der ihr gefiel. Aber vom Heiraten wollte sie nichts wissen, sondern blieb die ledige Bäuerin, gebar eine Tochter – und zwanzig Jahre später ging die Sache wieder von vorne an. Im Dorf kannte man bereits vier Generationen dieser Art. Im ledigen Hof war immer nur eine Tochter geboren worden, nie ein Sohn. „Dö haben si seit hundert Jahr allweil oanseiti furtpflanzt!“, sagte der Weißbacher. Und während er das erzählte, klang vom Almfeld immer deutlicher das plätschernde Gelächter und Geschrei der dreiundzwanzig Sennerinnen herauf.

   Ehe wir den Waldsaum erreichten, blies der Mickei das Licht der Laterne aus. „Da müassen mer uns hoamli zuawimachen. Bal d’Madln mirken, dass a Mannsbild überzwerch is, lassen s’ uns nimmer eini.“

*

   Wie ein schwarzer See mit erstarrten Wogen lag das weite Almfeld unter dem Funkelglanz der Sterne. Überall diese finsteren Würfel der stillen Hütten. Die weißen und scheckigen Rinder lagen als dämmerige Flecke im schwarzen Gras. Und manchmal rührte sich leise eine Glocke. Unter all den vielen Hütten hatte nur eine einzige die kleinen Fensterchen rot erleuchtet – die Hütte, aus der immer wieder dieses lustig grillende Geschrei der Sennerinnen tönte. Nach diesem unermüdlichen Gelächter zu schließen, musste die Bäuerin vom ledigen Hof beim Lampelspritzen in guter Laune sein und wirksame Späße machen.

   Wir hatten uns lautlos auf eines der roten Fensterchen zugeschlichen. „Da! Speggalieren S’ eini!“, zischelte der Weißbacher. Ich rückte vorsichtig die Nase gegen das trübe Glas und sah verschwommen in der Hütte ein Bild, das kaum zu schildern ist. Zwischen dem rußigen Sparrenwerk des Daches hing eine eiserne Pfanne, in der mit Qualm und rotem Geloder ein Pechfeuer brannte. Dieser zuckende Rotschein fiel über die zwanzig jungen und alten Weibsleute her, die mit Gekicher und Geschrei den Tisch umdrängten, auf dem – verdeckt durch diesen ruhelosen Ring von grell beleuchteten Köpfen, rot glühenden Gesichtern, nackten Armen und dunklen Rücken – das butterige Lampel gespritzt wurde. Was man schwatzte dabei, das konnte ich wohl zum Teil verstehen – immer wieder musste ich mitkichern – aber all diese lustige Derbheit, so gesund sie sich auch anhörte, dürfte sich doch geschrieben nicht sonderlich gut ausnehmen.

   Immer fuhr es wie ein Gewirbel von roter Helle und schwarzen Schatten um den Tisch herum. Manchmal tauchte in einer Lücke etwas Buttergelbes auf und verschwand wieder. Alle paar Augenblicke hob sich über das fidele Gewirr der zwanzig Zausköpfe ein lustiges, scharf geschnittenes Altweibergesicht mit grauem Haarschopf herauf, das eine Mal lachend und schwatzend, das andere Mal mit aufgeblähten Backen, als hätte das Weib einen großen Knödel im Mund. „Dös is d’ Resl vom ledigen Hof!“, tuschelte der Weißbacher. Und unter all den anderen Weibsleuten fiel mir ein Junge auf, groß und üppig, mit lachenden Blitzaugen, mit einem dicken Blondzopf um die Stirn. „Dös is d’ Marei, der Resl ihr Madl!’, lispelte mir der Weißbacher zu. „Dö weard si wohl aa bald aufs Oanseitige verlegen! ... Aber schaugn mer eini! Probieren mer’s halt!“

   Ich sah, dass sich der Weißbacher bekreuzte, bevor er die Hüttentür öffnete. Ein rötlicher Qualm nebelte aus dem hellen Viereck heraus und in der Sennstube wurde es für einen Augenblick ganz still. All diese zwanzig rot glühenden Gesichter waren – die einen erschrocken oder verlegen, die anderen verwundert oder mit Ärger – gegen die Tür gewendet. Dann erhob sich ein zeterndes Geschrei: „Machst, dass d’ aussi kommst! Gehst naus oder net! Schmeißts’n aussi, den Loder!“ Eine hohe Stimme grillte: „Jessas! Dös is ja die ganze Freid!“ Eine andere kreischte: „Schau, dass d’ hoamkummst, du, zu deim Hannerl ihrem Pfannerl!“ Und der ganze Schwarm dieser almerischen Amazonen fuhr mit erhobenen Fäusten, unter Geschrei und Gelächter auf den Weißbacher los.

   Der streckte zur Abwehr den Bergstock quer vor sich hin und brüllte: „Mar’ und Joseph! Seids doch a wengl gscheit! I will ja nix! Aber da is a stadtischer Jagdherr da! Der möcht halt gern a bissl zuaschaugn beim Lampelspritzen!“

   Jetzt sahen sie mich erst – weil ich aus dem Schatten heraustrat, den der Weißbacher auf mich geworfen hatte. Die einen fingen wieder zu kreischen an, die anderen wurden still und guckten ratlos zur Resl vom ledigen Hof hinüber.

   Die Alte schmunzelte, während sie zwischen den flinken Händen ein apfelgroßes Stück Butter zu einem runden Knödel wuzelte. Dann sagte sie mit ihrer scharfen Stimme: „Meintwegen! Sollen s’ halt dableiben, dö zwoa Krippenreiter! Dö kon i grad brauchen. D’ Sanftmuat hab’ i dem Lampel mit Butter scho auffigspritzt. Aber ’s Dumme muass i no machen. Da leih’ i mer ’s Materali von die Mannsbilder aus!“

   Die Almerinnen lachten, und wir beide lachten mit. „Das fängt gut an!“, dachte ich und ging auf den Tisch zu, um das butterne Kunstwerk zu betrachten, das seiner Vollendung entgegen schritt. Lebensgroß war die Gestalt des Butterlammes mit naiver Plumpheit über ein hölzernes Gerippe montiert und zur Hälfte schon mit gelben Krauslocken überspritzt. Die gelockte Schnauze erinnerte an einen Pudel, und mit den himmelblauen Augen, die aus zwei Enzianblüten gebildet waren, guckte das dicke Köpfel drastisch borniert ins Leben. Ich wollte die Technik dieses Gekräusels genauer studieren und beugte das Gesicht Aber da hatte mich die Marei schon beim Schopf erwischt und stieß mir die Nase in die fette Wolle des Lammes: „Gelt, dös gfallt d’r, Stadtischer?“

   Während ein vergnügtes Gejohl die Stube füllte, besserte die Resl den Schaden wieder aus, den das Goldene Vlies genommen hatte. Sie tauchte den runden Butterknödel in das Wasser, das in einem großen Zuber auf dem Tisch stand, nahm den Knödel in den Mund und presste zwischen den gespitzten Lippen einen dünnen Butterfaden heraus, den sie auf dem Rücken des Lammes unter flinken Kopfbewegungen in Schlingen und Locken legte, wie ein Konditor den Zuckerguss auf die Torte spritzt.

   Die Butter von meiner Nase wischend, fragte ich lachend: „Weiß denn der Pfarrer, wie das Lampel gespritzt wird?“

   Unter dem Gekicher der anderen erwiderte eine Stimme: „No freili! Aber aufs Butterbrot weard eahm die Köchin ’s Lampel schwerli auffistreichen. Dös weard halt eingsotten auf Schmalz. Da kocht si nacher scho alles wieder aussi, was net einighört.“

   Die Resl hatte die letzte Locke verspritzt, wischte den Mund ab und sagte: „Ja, so geht’s mit aller Süaßigkeit auf der Welt! Bal ma’s net zeitli zum Umsiaden ins Pfanndl schmeißt, weard’s allweil ranzet. Und der da, mit seiner ganzen Freid, werd bald amal einimüassen ins Pfanndl. Sunst kunnt si an seiner ewigen Gaudi der Schimmel ansetzen!“

   Der Weißbacher, der zuvor auf meine Kosten lustig mitgelacht hatte, machte wütende Augen. Was die leuchtende Freude seines Lebens betraf, da schien er keinen Spaß zu verstehen. „Du!“, drohte er. „Auf mi kannst Kletten werfen, so lang als d’ magst! Aber meine Leut dahoam, dö lassts mer in Ruah!“

   Das wirkte, als hätte der Mickei mit seinem Bergstock in einen Bienenkorb gestochen. Die spöttischen Schlauderwörtchen fielen schockweise über ihn her. Alle die zwanzig Lampelspritzerinnen beteiligten sich an diesem Martyrium des Weißbacher. Er kam nur für wenige Sekunden in Schonzeit, als eine der Sennerinnen rief: „He! Obacht, Madln! D’ Resl spritzt grad dem Lampel sein Schwoaferl an!“ Unter Gelächter wandten sich alle zwanzig zum Tisch, denn bei dieser wichtigen, das butterne Kunstwerk vollendenden Prozedur wollten sie alle zugucken. Doch als sich die Resl nach vollbrachter Tat den Mund wischte, ging es mit scharfen Kratzbürsten wieder über den Weißbacher her. All seine körperlichen Eigenschaften und all seine schönen Freuden, sein blumenfreundliches Haus, sein ‚haareter Prinz’ und das ‚speckete’ Hannerl – das alles wurde so schneidig unter die Hechel genommen, dass der Weißbacher, dem der schlagfertige Witz schon längst versickert war, in eine sinnlose Wut geriet und statt aller Antwort nur noch fluchen konnte.

   Aber je mehr der Mickei schimpfte, um so fideler lachten diese zwanzig Weiberleute, die im Gefühl ihrer Übermacht – wie der Weißbacher richtig prophezeit hatte – allen Zaum und Zügel zu verlieren begannen. Und als der Mickei wieder einmal alle Heiligen und Teufel ins Feuer führte, kreischte von den Sennerinnen eine: „Sakra! Der draht auf! Dös is a Scharfer! Mareidl, dös waar oaner für di! Du hast d’ Haar auf die Zähnt, und der ander hat’s auf’m Herzfleck. Ös zwoa mitanand, dös kunnt a Rass’ geben, a haarete!“

   Man lachte, dass die kleinen Fensterscheiben zitterten. Und die schmucke, kräftige Marei zeigte die weißen Blinkzähne und Sprang im Übermut mit blitzenden Augen auf den Weißbacher zu. „Wia! Geh her, du! Lass di a bissl kosten!“ Sie packte ihn am schwarzen Bart und wollte ihn auf den Mund küssen. Aber der Mickei, unter grimmigen Flüchen, wehrte sich wie ein Wilder. Doch da hing ihm schon ein halb Dutzend von den Weibsleuten am rechten Arm, ein halb Dutzend linken – und bevor es der Weißbacher zu einem neuerlichen Fluch brachte, hatten sie schon das lange Mannsbild unter kreischendem Gelächter zu Boden gerissen und fielen wie ein toll gewordener Mänadenschwarm über den Wehrlosen her. Aber bei diesem Gebalge, das die ganze Stube und den Tisch erschütterte, geriet die Resl vom ledigen Hof in Sorge um ihr buttriges Kunstwerk. „Jöisas!“, rief sie. „Seids alle narret woarn? Muass i enk a bissl abküahlen!“ Lachend packte sie den großen Zuber, der auf dem Tisch stand, und goss mit kräftigem Schwung seine reichliche Wasserfülle über den balgenden Schwarm hinunter.

   Unter Kreischen und Gelächter fuhr der Knäuel auseinander – und ich, um diesem Wasserguss zu entrinnen, hatte einen flinken Sprung durch die Tür gemacht. Als ich lachend wieder eintreten wollte, kam mir der Weißbacher, triefend am ganzen Leib, entgegen gerumpelt und zerrte mich in die Nacht hinaus, in den Glanz der Sterne. „Himi, Kreiz Teifi Sakrament überanander!“ Er schüttelte das Wasser von sich ab. „Gelt, i hab’s gsagt: Dö Sach geht schiaf! Himmi und Teifel! Und bal mei Hannerl ebbes erfahrt! Mar’ und Joseph! Aber soll mer oane ’s Maul aufmachen von dö Weibsbilderl So verklag’ i s’ alle mitanand wegen Körperbelästigung! Himi, Kreiz Teifi Sakrament überanander!“ Dann ging es über mich los, über meine Narretei und meine ‚stadtische’ Neugier.
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   Aber je mehr der Weißbacher wetterte, umso lustiger musste ich lachen. Und immer, während wir unter dem Gefunkel der schönen Sterne zum Wald hinaufstiegen, klang hinter uns das plätschernde Gelächter in der Hütte da drunten, deren kleine Fensterchen rot hinausglänzten in die stahlblaue Nacht. –

   Es war meine Absicht gewesen, noch zwei Tage in der Jagdhütte zu bleiben. Aber den Triumphzug, den das butterne Lampel zum Pfarrhof machen würde, den musste ich sehen. Früh um drei Uhr, als wir uns zur Gemspirsch rüsteten, fasste ich diesen Entschluss. „Mickei, wir gehen heim!“ Nach aller Verdrossenheit, die dem Weißbacher eine schlaflose Nacht verursacht hatte, bekam er wieder jene schönen, leuchtenden, glücklichen Augen. Die blieben ihm während des ganzen Heimweges. Und was er schwatzte, hatte einen warmen fesselnden Klang – es war das immer, als wüsste der Weißbacher etwas ganz wunderbar Schönes und Tiefes zu sagen und behielt dieses Herrliche nur still für sich, weil andere das nicht verstünden; und von dieser verschwiegenen Schönheit zitterte noch ein feiner Klang hinüber in all das gleichgültige Zeug, das der Weißbacher schwatzte.

   Als der Morgen zu grauen anfing, hörten wir ferne Stimmen und einen Jodelruf. „Da tragen sie ’s Lampel abi!“, sagte der Weißbacher. „Dö müassen drunt sein vor der Sonn.“ Nun blieb er stehen und lachte. „I siehg’s scho, mei Häusl!“ Er deutete. „Da! Schaugn S’!“

   Aber für mich war alle Tiefe dort unten noch ein graues Rätsel.

   Immer schwatzlustiger, immer sonniger wurde der Weißbacher, je tiefer wir hinunter kamen ins Tal. Und immer seliger leuchteten ihm die Augen. Sogar die Sorgen wegen der Lampelspritzerei erloschen in ihm, und im Glanz seines reinen Gewissens dachte er lachend an die Eifersucht seines Hannerl. Als die Sonne ihre Rosenglut über die Bergspitzen und Ferner hinwarf waren wir schon drunten im letzten Wald.

   Und da sprach der Weißbacher nur noch von seiner ‚driedoppelten Freid’ und sagte über sein Haus, über sein Hannerl und seinen Buben so feine und wundersame Worte, dass in mir der Wunsch rege wurde, diese drei köstlichen Extrakte menschlichen Glückes kennen zu lernen. Der Mickei hätte, als wir das einsame Bergwirtshaus erreichten, nicht erst zu bitten brauchen: „Gelten S’, Herr Doktor, dös tean S’ mer z’liab ... bal S’ abimarschieren zur Lampelweih, da schaugn S’a Sprüngl eini zu mir! Passen S’ auf, da haben S’a Freid!“

   Ich wollte ihm noch sein Trinkgeld für die zwei Gemsböcke zustecken. Aber der Weißbacher schob meine Hand zurück. „Na, na! Dös braucht’s net! I bin scho zahlt ... weil S’ mi zwoa Täg ehnder hoam lassen haben.“ –

   Eine Stunde später, gegen halb acht Uhr, als die Sonne schon den Tau von den glitzernden Wiesen trocknete, wanderte ich hinunter ins Dorf.

   Bei der Mündung eines Fußpfades erwartete mich der Weißbacher, mit strahlendem Gesicht, schon in seinem Sonntagsstaat, das frische Hemd an der Brust weit offen bis herunter zum Hosenbund. Schweigend, immer mit seinem seligen Lachen, ging er auf dem Fußweg vor mir her und guckte sich alle Paar Schritte nach mir um, ob ich auch wirklich käme. Und als er an einem kleinen Gehöft das Zauntürchen öffnete, sagte er aufatmend: „Jetzt habn mer’s!“

   Das Haus des Mickei, das weit abseits vom Dorf gelegen war, stand mit seinen weißen Mauern mitten in einem kleinen Obstgarten. Es war nichts Besonderes an ihm zu sehen – ein Häuschen, wie sie zu Hunderten in den Bergen zu finden sind. Aber wie die Morgensonne so goldig über allem flimmerte, war’s ein hübscher Anblick. Und auf der Schwelle stand ein derbes, rundliches Weiberl, das wenig zu reden wusste, mit gutmütigen Braunaugen und mit etwas dünnen Zöpfen um die Ohren – eine von jenen Alltagsgestalten, wie sie uns dutzendweis in jedem Dorf begegnen. Etwas Auffälliges war nur an dem zweijährigen Hansei zu bemerken, der in Hemdärmeln und in dem gebauschten Lederhöschen eines Sechsjährigen auf dein Arm der Mutter saß – das Bübchen hatte für seine zwei Jahre einen pechschwarzen, geradezu unglaublichen Haarwuchs, unter dessen Strähnen und Ringeln das Gesichtchen mit den runden stumpfen Kinderaugen ganz winzig hervorlugte.

   „Donner ... wetter!“, sagte ich in der ersten Verblüffung.

   Und der Weißbacher drückte unter seinem glücklichen Lachen stolz die Brust heraus. „Dös hat’r von mir! ’s ander alles, die Guatigkeit und ’s Liabe, dös hat’r von der Mutter. Dö müassen S’ anschaugn!“

   „Geh, du!“, stotterte die Weißbacherin verlegen.

   Erst musste der ‚haarete Prinz’ zwischen Vater und Mutter fünf wacklige Schrittlein machen – eine Leistung, die der Weißbacher hoch über die Erfindung des Schießpulvers zu stellen schien. Und dann führte mich der Mickei durch seine ‚ganze Freid’, durch die zwei ebenerdigen Stuben, hinauf in die Dachkammer, wieder herunter in die Küche, in den Kuhstall und in den Holzschuppen. Und im Gartenhäuschen wurde mir ein Kaffee vorgesetzt, den ich nur hinunterbrachte, weil dem Weißbacher die Augen so glücklich leuchteten.

   „Gelt“, sagte er, „so ein’ haben S’ no nia verschmeckt!“ Und als das Hannerl ins Haus verschwand, um sich zum Kirchgang zu richten, fragte er mit hungrigem Blick: „No also? Was sagen S’ jetzt?“

   „Ja, Mickei! Du bist ein glücklicher Mensch!“

   „Gelt, ja!“ Er quetschte meine Hand und strahlte mich mit seinen seligen Augen an.

   Dann wanderten wir alle viere – das haarige Hansei auf der Schulter seines Vaters – die zwanzig Minuten zum Dorf und zur Kirche hinunter.

   Vor dem Wirtshaus standen viele Leute, die auf irgendetwas zu warten schienen. Jetzt unter dem Geläut der Glocken eine Ohren zerreißende Blechmusik und ein allgemeines Rennen. Aus einer Gasse kam der Zug der dreiundzwanzig Lapelspritzerinnen hervor, die Alten in blauseidenen Kopftüchern, die Jungen in weißen Kleidern mit starren Falten, jede mit dem winzigen Blumenkränzlein des Jungfernbundes über den Zöpfen. Vier von ihnen trugen auf einer kleinen Stangenbahre das Butterlamm, das ein blaues Band mit silberner Schelle um den Hals hatte. Die übrigen Almerinnen schritten sittsam hintendrein, mit niedergeschlagenen Augen, in der Hand das Gebetbuch und einen Rosmarinzweig. Neben der Lampelbahre ging die alte Resl vom ledigen Hof einher und hielt einen roten Regenschirm über das buttrige Kunstwerk, damit es von der Sonnenwärme nicht leiden möchte. Aber trotz dieser Fürsorge begannen die Butterlocken schon die fein gespritzte Form zu verlieren.

   Als der Zug an uns vieren vorüber kam, hob die schmucke Marei vom ledigen Hof die züchtig niedergeschlagenen Augen, streifte den Weißbacher mit einem funkelnden Blick und schmunzelte. Dem Mickei fuhr es heiß ins Gesicht und erschrocken sah er das Hannerl an. Aber die Weißbacherin guckte mit lachender Ruhe drein und tat, als wäre in diesem Augenblick außer dem Butterlamm nichts anderes auf der Welt. Dass im Hannerl die Eifersucht so leicht erwachte – sollte das nur eine Einbildung des Mickei Weißbacher sein?

   Ein lärmender Leuteschwarm umdrängte den Zug, und hundertmal hörte ich von allerlei Stimmen die Beteuerung: „Ah, dös is schön! Ah, dös is schön!“

   Dann ging’s mit Blechgeschmetter dem Pfarrhof zu, und die Weißbacherischen verabschiedeten sich von mir. –

   Sechs Wochen sah ich den Mickei nimmer – und es wäre mir lieber gewesen, ich hätte ihn überhaupt nicht mehr gesehen. Denn als ich ihn wieder sah, das waren böse Stunden. Das Wort, das die alte Resl vom ledigen Hof beim Lampelspritzen gesprochen hatte – jenes Wort vom Umsieden der irdischen Freuden und Seligkeiten – sollte sich am Mickei Weißbacher als ein dunkles Omen erweisen.

   Am vierten Oktober war’s. Und der Jäger mit dem üppigen Haarwuchs und der ‚driedoppelten Freid’ erwartete mich – meine Frau war diesmal daheim geblieben, um sich nicht wieder an Pfannkuchen sättigen zu müssen – Mickei erwartete mich zur Mittagszeit bei dem einsam gelegenen Bergwirtshaus, um mich auf einen schreienden Hirsch zu führen.

   Wieder stiegen wir durch den schönen Fichtenwald hinauf. Doch es herbstelte schon energisch, alle Stauden waren gelb, die letzten Blumen waren welk, verbrannt vom Reif, der um die Mittagszeit noch nicht zerschmolzen war. Und droben auf den Bergen, bis über die steilen Almen herunter, lag schon der Schnee.

   Aber nicht nur die Natur, auch der Weißbacher sah ein bisschen anders aus. Das Hemd, natürlich, das stand wieder weit offen bis zum Hosenbund. Aber er hatte seit einigen Wochen nicht mehr Zeit gefunden, sich das Kopfhaar stutzen zu lassen – und da hatte sich ein so dichter Schwarzwald entwickelt, dass dem Weißbacher der Hut nicht mehr sitzen wollte. Sonst aber war der Mickei ganz der gleiche. Und ehe wir das Ende des Fichtenwaldes erreichten, bekam er die leuchtenden Augen und sagte: „Draußt auf der Liachten, da müassen mer’s glei schgn, mei Häusl!“

   Wir kamen hinaus auf den steilen Schlag, der Weißbacher spähte mit seinen Glücksaugen hinunter ins Tal, wollte deuten mit der Hand und verfärbte sich.

   „Mar’ und Joseph!“

   Dort unten, wo vor sechs Wochen das blumenfreundliche Haus zwischen den Apfelbäumen herausgeschimmert hatte, quirlte eine schwärzliche Rauchwolke.

   „Jesus Maria!“

   Das war ein Schrei, der nichts Menschliches hatte, ein Laut, wie ich ihn nie vernommen. Und der Weißbacher warf alles von sich, was er trug. Er drückte den Kopf in den Nacken, dass ihm der schwarze Vollbart senkrecht herausstand, und presste die Fäuste auf die nackte Brust. So stand er eine Sekunde wie gelähmt. Dann machte er einen Sprung gleich einem scheu gewordenen Pferd und stürmte über den steilen Hang hinunter. Bei jedem Satz, den er machte, hatte ich das Gefühl: Jetzt muss er den Hals brechen. Aber da war er schon dort unten in den gelben Stauden verschwunden – und bevor ich mich noch von meinem Schreck erholen konnte, hörte ich schon ganz tief im Tal seine brüllende Stimme: „Hannerl, i kumm scho! Hannerl, i kumm scho!“

   Die Rauchwolke da drunten wuchs immer dicker, und in dem schwarzen Gequirle sah ich ein feines, helles Aufblitzen, als hätte man ein Zündholz angestrichen.

   Hastig raffte ich das Zeug zusammen, das der Weißbacher von sich geworfen hatte – Bergstock, Rucksack, Büchse und Hut – und eilte über den Steig hinunter.

   Im Wald sah ich nichts mehr von dem brennenden Haus. Aber ferne Stimmen hörte ich schreien, und drunten im Dorf begann die Feuerglocke zu tönen.

   Ich brauchte eine halbe Stunde, um das Haus des Weißbacher zu erreichen. Und da schien die Gefahr schon überwunden. Denn ich sah kein Feuer mehr, nur schwachen Rauch und weißlichen Dampf. Die Feuerspritze war noch gar nicht erschienen- Nur ein paar Dutzend Nachbarsleute waren herbeigelaufen und schleppten über zwei Leitern in Schäffern, Blechkannen und Stallzubern das Wasser hinauf, das der Weißbacher, der hemdärmelig und mit nackten Füßen dort oben stand, in unermüdlichen Güssen über die qualmende Hälfte des Daches und über die glutenden Balken schüttete.

   Das kleine Hansei, dem das Köpfchen völlig kahl geschoren war, saß allein im Gras und guckte mit den runden, stillen Augen zu dem qualmenden Dach hinauf. Die Mutter war bei den Leuten, die unter Geschrei das Wasser schleppten, und beteuerte immer wieder, sie könnte sich gar nicht denken, wie das Feuer entstanden wäre; denn in dem Häuflein Ruß und Asche, das sie, um das Geld für den Schornsteinfeger zu sparen, aus dem Kamin herausgekratzt und auf dem Dachboden hätte liegenlassen, wäre doch auf Ehr und Seligkeit kein glimmender Funke mehr gewesen.

   Ich stellte mich auch an die Leiter. Doch als ich ein paar Kannen gelupft hatte, kam unter Trompetensignalen die Feuerspritze angefahren. Nun war in wenigen Minuten das letzte Glühen erstickt. Aber jetzt fingen die Leute erst recht zu schreien an. Nur der Weißbacher lachte und kam – mit etwas steifen Knien und triefend von Schweiß und Wasser – über die Leiter heruntergestiegen, das Hemd weit offen. Der schwarze Vollbart war in der Nässe ganz schmal und dünn geworden, und wie ein schwarzes Seidentuch klebte das tropfende Haar an seinem Kopf. Mich sah er nicht, auch sonst keinen Menschen – nur für das Hannerl hatte er Augen. Und fragte nach seinem Buben.

   Die Weißbacherin holte den Kleinen und wollte ein schluchzendes Jammern um das Haus beginnen.

   Aber da legte ihr der Mickei den Arm um den Hals und sagte lachend: „Geh, mach d’r nix draus! Dös bissel Dach weard bald wieder droben sein! ’s Beste habn mer no allweil beinand! Und mei ganze Freid ...“ Er wollte sich zu seinem Buben hinunterbücken. Da fing er stumm zu taumeln an und stürzte vornüber aufs Gesicht.


   Die Weißbacherin stieß im ersten Schreck einen gellenden Schrei aus. Doch als die Leute zur Hilfe herbei sprangen, nahm sie die Sache schon nimmer gefährlich. „A bissl überschafft hat ’r si halt! Und leicht a wengl verküahlt. Dös gibt si gleich wieder. Bal mer eahm Enzian eingiaßen taten ... i moan, dös waar net schlecht.“

   Man trug den Weißbacher in die Stube, von deren Decke und Wänden das Wasser niedertröpfelte. Überall hatten sich hässliche Flecken durch die weiße Kalkfarbe gefressen. Und ein scharfer, fast unerträglicher Rauchgeruch war in dem kleinen Raum.

   Die hilfsbereiten Nachbarn öffneten dem Mickei, als er ausgestreckt auf dem Ledersofa lag, mit einem Blechlöffel die starren Zähne und gossen ihm einen heilsamen Enzian ein. Aber der Weißbacher schluckte nicht – der Enzian rann ihm wieder aus den Mundwinkeln heraus.

   Ich wollte raten, so gut ich es verstand. Doch niemand hörte auf mich.

   Als nach einer Viertelstunde der Dorfarzt kam, ließ er den Weißbacher ins Bett legen, wusste aber sonst nicht viel Rechtes mit ihm anzufangen und redete was von einem Lungenschlag. Am Abend war der Mickei noch immer nicht aus seiner Ohnmacht aufgewacht.

   Und am Morgen, als ich nachsehen wollte, wie es dem Weißbacher ginge, lag in der breiten verwüsteten Bettstatt ein stiller, kalter Mensch.

   Das Hannerl, das, mit dem kurz geschorenen Bübchen auf dem Schoß, stumpf und müd’ in der Morgensonne vor dem dachlosen Haus gesessen hatte, führte mich zum Mickei hinein, brach in Tränen aus und erzählte mir mit umständlicher Genauigkeit die ganze Geschichte dieser bösen Nacht. Nichts vergaß sie, nicht das Geringfügigste.

   Während dieser langen Geschichte lag der Weißbacher kalt und stumm in seinem Ehebett, mit einem strengen, fast erbitterten Ausdruck in dem kupferfahlen Gesicht.

   Als die Geschichte zu ihrem Ende kam, weinte das Hannerl nicht mehr. Aber von der nassen Decke fiel manchmal ein Wassertropfen herunter – und das berührte mich, als vergösse das kleine, blumenfreundliche Häuschen schwere Zähren um den Weißbacher, dessen ganze Freid’ es gewesen.

   Doch auch das Hannerl hatte noch feuchte Augen und sah den stillen Mickei mit nickendem Erbarmen an. „So a braver Mensch! Und so viel guat hat ’r si allweil gstellt zu mir!“ Fürsorglich knöpfte sie dem Weißbacher am Hals das offen stehende Hemd zu. „Bal i wieder heiraten müasst, da kunnt i mi hart an den andern gwöhna!“

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