Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Hochlandzauber

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Der Joseph und sein Hindernis

   Den Namen Joseph pflegt man in den Bergen nur zu gebrauchen, wenn man den Heiligen meint. Zu den gewöhnlichen Menschenkindern, die auf den Namen des biblischen Nährvaters getauft sind, sagt man Seppl, wenn sie groß geworden, und Pepperl, so lange sie noch klein sind. Der Joseph Westler aber war schon als Kind und Bub ein solches ‚Endstrumm Mannsbild’, dass es keinem einfiel, diesen Knochenberg mit einem Kosenamen zu rufen. Als er noch in der Wiege zappelte, sagten seine Mutter und sein Vater schon immer: „Der Joseph!“ Und so blieb es.

   Als ich ihn, vor zwei Jahrzehnten etwa, kennen lernte, war der königlich-bayerische Jagdgehilfe Joseph Westler zweiunddreißig Jahre alt und wog ein paar Pfunde weniger als drei Zentner. Aber nichts Unförmliches war an ihm – ein Hüne, fest gebaut aus Knochen und Muskeln. Eine Brust wie ein Haus.

   Die Büchse sah auf seinem Riesenbuckel immer komisch winzig aus. Und einen Bergstock führte er, der für jeden anderen eine schweißtreibende Last gewesen wäre. Aus dem breiten Gesicht hob sich eine knollige Nase heraus, mächtig sträubte sich der schwarzbraune Vollbart um seinen Hals, und ein Wust von braunem Gekräusel steifte sich buschig über die Ohren her, ähnlich der Frisur eines Abessiniers. Dazu leibte es der Joseph, ganz kleine Hütchen zu tragen, die er mit einem Gummiband am Nacken verankerte. Das sah unglaublich drollig aus: Wenn er so daherkam, mit diesem Pinscherdeckelchen auf dem Metzenschädel! Aber sobald man ihm die Augen guckte, wurde man ernst und nachdenklich. Diese Augen! Graublaue, ruhige Lichter von jenem gläubigen und klaren Glanz, wie er sonst nur in den Augen zufriedener Kinder leuchtet, die das Leben noch nie gezwungen hat, in Qualen über ein Unverständliches nachzudenken.

   Durch sechzehn Jahre hab’ ich alljährlich zwei, drei Wochen mit ihm gejagt. Und immer hab’ ich ihn als den gleichen gefunden, ruhig, verlässlich, ehrenhaft, zufrieden und heiter – bis ihm sein ‚Hindernis’ den Kopf und das Herz verstörte. Zufriedenheit und Frohsinn gingen ihm dabei in die Brüche – aber nicht seine Ruhe, nicht seine Ehrenhaftigkeit und seine verlässliche Treue. Dann zwang ihn ein sonderbares Leiden, sich pensionieren zu lassen – und seit der Joseph nimmer im Dienst ist, hab’ ich auch in jenem Revier nicht mehr gejagt. Aber so oft ich durch sein Dorf komme, steig’ ich vor seinem Häuschen aus dem Wagen, kehre für ein Stündchen bei dem grau verwitterten Alten ein, lasse mir von seinem ‚Wehdam’ erzählen und schwatze mit ihm von vergangenen Zeiten. Und da nimmt er mich manchmal bei der Hand, und während er stumm an meiner Seite sitzt, gucken seine graublauen, ruhigen Lichter zum Fenster hinaus und über die Straße hinüber zu dem schmucken Anwesen, unter dessen Dach der Joseph sein ‚Hindernis’ gefunden hatte.

   Damals in jenem August, als ich mit ihm den ersten Gemsbock erlegte, stand der Joseph gerade in den Flitterwochen. Die mochten aber nicht besonders reich an Honig sein. Denn die ‚junge’ Frau des Joseph war zehn Jahre älter als er, schon dreiundvierzig, eine Wittib mit einem Kind aus erster Ehe. Wie es gekommen war, dass er die genommen hatte – das erzählte er mir ohne viel Umschweife. In seinen grünen Burschenjahren hatte er wohl so etwas wie Glück gefunden. Und sein Mädel bekam von ihm einen Buben, den es dann einem anderen mit in die Ehe brachte. Der Joseph hatte nicht heiraten können, weil sein Anwesen auf dem ‚Wigelwagel’ stand. Die Mutter hatte er schon früh verloren, und als der Vater starb, musste Joseph das verschuldete Gehöft unter den Hammer schieben. Von der Gantmasse blieben hundertsiebenundachtzig Mark. Und da kaufte er sich eine Büchse und wurde Jäger.

   Weil nun der Joseph, so oft er zum Dienst ausrückte, und so oft er vom Bergwald heimkehrte, immer am Haus der Doserin vorbei musste, sah ihn die Wittib häufig und fing zu denken an: „Dös wär so einer für mich!“ Und ganz in der Stille begann sie am Stricklein zu ziehen, mit Kaffee und Gugelhupf, mit Kalbsbraten und Geselchtem. Und einen großen Hunger hat so ein Mensch doch wirklich! Ein Jahr bandelte die Doserin, bis der Joseph in Gottesnamen Ja sagte – weil er mit der Doserin auch ein schönes Haus bekam, dessen Oberstock im Sommer gut an die Fremden zu vermieten war, und in dessen Stall vier gesunde Kühe standen, die den Joseph ausreichend mit Schmalz versorgten, wenn er wochenlang in der Jagdhütte sitzen musste.

   Ich war neugierig, dieses frisch aufgewärmte Glück mit eigenen Augen zu sehen, und ließ mich vom Joseph zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich fand ein haus, das vor Sauberkeit blinkte, fand ein vorzeitig gealtertes Weib, das dem Joseph alles an den Augen absah, und fand das achtjährige Menele, ein mageres, scheues Dingelchen, das eine zitternde Angst vor dem neuen Vater hatte. Aber der Joseph schien diese Scheu des Kindes nicht merken zu wollen – und war gut und zärtlich mit ihm wie ein wirklicher Vater. Und mit der Frau sprach er freundlich, in einer Art von wohlwollender Herablassung.

   Der Joseph hatte es mit der Doserin nicht schlecht getroffen. So oft ich im Laufe der folgenden Jahre in sein Revier hinauskam, fand ich ihn ruhig, zufrieden und heiter. Freilich, seine Heiterkeit hatte etwas Stilles. Niemals hörte ich ein lautes Lachen von ihm. Er schmunzelte nur immer, wenn er fröhlich war.

   Aber so reich gefüllt sich auch seine Schmalzbüchse immer zeigte – mit dem Kindersegen hatte es einen Haken in dieser Ehe. Dreimal gebar die Frau, jedes Mal ein totes Kind. Und als ich eines Abends in der Jagdhütte mit dem Joseph über diese Sache schwatzte, zog er die Stirn in Falten und brummte: „In der Unluscht grat’t oam halt nix!“

   Wie wenig dieses Wort ein hartes Urteil gegen die Frau bedeuten sollte, verstand ich erst, als ich eines Sommers wieder hinauskam und hörte, dass man das Weib des Jagdgehilfen Westler im Frühjahr auf den Friedhof getragen hätte. Gleich suchte ich den Joseph auf, dessen haus ich seit acht Jahren nicht mehr betreten hatte. Hemdärmlig stand er im Garten und band die Triebe eines Aprikosenbäumchens an das grüne Spalier. Dabei half ihm das Menele, jetzt ein sechzehnjähriges Mädel, mager aufgeschossen und unentwickelt, mit schmalem Blassgesicht.

   „Joseph! Das tut mir leid, was ich da hören hab’ müssen – von deiner Frau –“

   „Freili, ja!“, sagte er in seiner ruhigen Art und drückte meine Hand, dass ich vor Schmerz hätte schreien mögen. „Is a richtigs Weib gwesen! Dö taat i gern wieder aussikratzen aus’m Boden! No, in Gottsnamen, muaß i halt schaugn, dass i dem Menele ’s Anwesen schön beinander halt!“

   Das Mädel stand schweigend dabei. Große Zähren kollerten über das blasse Gesichtl.

   „Geh, muaßt net woana!“ Joseph legte dem Menele den Arm um die Schultern. „Hast ja mi!“ Und da schmiegte sich das Kind an den Vater, wie ein müdes Blümchen an den Baum.

   In den beiden folgenden Wochen, während wir droben auf den Bergen jagten, sprach der Joseph immer von seiner Seligen, ernst und ruhig. Und alle drei Tage ging er heim für einen Tag. Er nannte das: „Nach dem Kindl schauen.“

   Das Jahr darauf, da kam es mir vor, als wäre der Joseph aufgeräumter und schwatzlustiger wie sonst. Sein Schmunzeln war beinah ein Lachen.

   So blieb es drei Jahre mit ihm. Er war schon über die Vierzig hinaus und hatte schon reichlich graue Fäden im Urwald seines Bartes und im Strupp der gekräuselten Haare. Doch mit jedem Sommer schien er jünger zu werden um einige Jährchen. Auch kleidete er sich schmucker wie sonst und steckte schöne Federn und Almrosensträußchen auf sein kleines Hütl.

   „Joseph!“, sagte ich eines Tages. „So ein festes und strammes Mannsbild wie du? Ich meine, du solltest wieder heiraten!“

   Er schmunzelte und seine Kinderaugen glänzten. „Hab’ mer’s aa scho denkt! Lang taugt’s mer nimmer in der Einsicht! Muaß mi scho a bissl umschaugn!“

 

   Als ich im folgenden Sommer wieder kam, war diese frohe Jugend wie weggeblasen vom Joseph. Er hatte graue Ringe um die Augen. Und wie ein Schleier hing es über dem Glanz dieser blauen Lichter.

   „Mensch! Joseph! Was ist denn mit dir?“

   „Mit mir?“, fragte er verwundert. „Was soll denn sein? Nix!“

   Eine Woche brauchte ich, bis ihm die Zunge locker wurde. Es war eines Abends, in der Jagdhütte. Das kleine Lämpchen warf einen trüben Schein über die enge Stube. Wir hatten unser Nachtmahl schon eingenommen. Aber das Geschirr stand noch in Unordnung auf dem Herd. Die Tür war offen, um die Hitze hinauszulassen, die der Ofen gemacht hatte. Draußen im Dunkel sah man ein paar schwarze Fichtenwipfel des niederfallenden Berggehänges und am stahlblauen Himmel drei unruhig flimmernde Sterne. Ein leises Rauschen war um die Hütte her.

   Ich saß am Klapptisch, und Joseph hockte im Ofenwinkel auf dem Hackstock, mit den Fäusten auf den Knien. Eine müde Schwäche schien den starken, großen Menschen überfallen zu haben.

   „Joseph? Willst du mir denn nicht sagen, was los ist mit dir?“

   Er schnaufte tief, und seine Fäuste begannen zu zittern. Dann sagte er mit einer schweren, langsamen Stimme: „Meintwegen, muaß i’s halt sagen! Sö san mer guat, dös woaß i ja! Und schaugn S’ her, da wusst i mer jetzt a Madl, dös mer taugen taat wie koane. A richtigs Weibets! Bei der Arbet die best! Und so viel guat! Und mögen tuat’s mi! Und mir waar koane lieber auf der ganzen Welt.“

   „So nimm sie doch!“

   „Freili, ja!“ Dem Joseph fing der Kopf zu wackeln an, als hätte er einen Schüttelkrampf im Nacken bekommen. „Aber d’Leut, dö sagen halt: Es waar a Hindernis derbei.“

   „Ein Hindernis?“

   „Weil ’s Madel mei Stieftochter is.“

   Ich sprang vom Sessel auf. „Das Menele?“

   Joseph nickte. Er schwieg. Und ich wollte nicht fragen. Er begann von selbst zu reden. „Allweil hab’ i scho so umanand sinniert, und den ganzen Winter hat’s mer kriebelt im Bluat. Und am Johannitag, wie mer hoamkomma san von der Kirch, da hab’ i mer denkt: Jetzt redst amal mit’m Madl! Geh hock di her, hab’ i gsagt. Und ’s Madl hat sie herghockt und hat mer d’Hand geben. Und schau, hab’ i gsagt, dös wiss’ mer lang scho, dass mer uns gern haben. Und schau, wie waar’s denn nacher, bal mer uns heireten taaten? So viel guat hausen taaten mer mitanand. Und ’s Sach taat alls beinand bleiben, hab’ i gsagt. Und ’s Madl is fuiri woarn übers ganze Gsichtl und hat mir angschaut und hat glacht. Und: Mögen taat i scho, hat’s gsagt. Und da hab’ i glei mei Hüatl packt und bin auffigschoben in Pfarrhof! – Sakra, sakra, sakra! – Wie a Narr bin i wieder hoamgrumpelt! Und ’s Madl is derschrocken, wie’s mi gsehgn hat – und wie i gsagt hab’: Schau, jetzt sagen d’Leut, es waar a Hindernis derbei!“ Mit beiden Händen fuhr sich der Joseph in den Wust seiner gekräuselten Haare. „Heilige Muatter! Was tua i denn da? – Und der Pfarr, der will’s nimmer leiden, dass mer beinand hausen!“ Er schwieg, und dann war seine Stimme ganz klein und dünn: „Freili, al d’Narretei grad über oan herfallen taat! Recht hat ’r scho, der Pfarr – bloß einitappen durft i ins Kammerl!“

   Draußen um die Hütte fing der Nachtwind stärker zu rauschen an, und aus der Tiefe des Almtales dröhnte das lang gezogene Brüllen eines brünstigen Rindes herauf.

   Schweigend, mit hängendem Kopf, saß der Joseph auf dem Hackstock. Dann hob er das Gesicht und sah mich mit hießen Augen an. „Kunnt ma jetzt da net zum Papst auf Rom wallfahrten?“

   „Nein, Joseph, das würde nichts helfen.“

   Eine Weile blieb er stumm. Dann schlug er wütend mit der Faust auf den Kochherd los, dass alles Geschirr einen Sprung machte, und dass die eiserne Ofenplatte einen Bug bekam. Und wie ein Tobsüchtiger schrie er: „I glaub’s net! Na! Und i glaub’s net! Waar’s der Herrgott ent gwesen – sagen S’, wer hätt mer’s denn nacher einibrennt in d’Seel? Was der Herrgott net mag, dös lasst er net wachsen, sag’ i! So ebbes müaßten s’ doch wissen im Pfarrhof!“ Der Zorn funkelte in seinen Augen. „Für was hat ma denn nacher den ganzen Kirchenplempel, bal er oam nix hilft in der Not? Für was denn? Dös müassen S’ mer sagen, Herr Dokter! Dös müassen S’ mer sagen!“

   Ich sprach und sprach. Aber ich wusste kein Wort zu finden, das den Joseph ruhig machte und die Wirrnis in seinem Kopf und Herzen hätte lösen können.

   Stumm und unbeweglich – wie ein eingesperrtes Tier, in dessen Gedärmen der Hunger wühlt – so hockte er im Ofenwinkel, die Arme um die Knie geklammert.

   Da sagte ich: „Joseph! Wenn dir das so nah ans Leben geht, und wenn es wahr ist, dass die Mena denkt wie du – dann würde ich mich an deiner Stell’ um Welt und Teufel nicht scheren und würde mit dem Mädel beisammen bleiben.“

   In seinen Augen ging etwas Helles auf. Eine Minute besann er sich. Dann schüttelte er den Kopf. „A Segen muaß allweil derbei sein! Sonst grat’t oam nix!“ Schnaufend erhob er sich und machte mit dem mächtigen Kopf einen Beutler, als wäre ein Platzregen über ihn niedergegangen. „Jetzt haben mer ausgredt!“, sagte er und stellte sich an den Herd, um das Geschirr zu spülen. Und so ruhig tat er alle Arbeit wie sonst.

 

   Wenn ich in den nächsten Tagen von der Sache reden wollte, runzelte der Joseph immer die Stirn und sagte: „Lassen mer’s guat sein!“

   Als wir nach der zweiten Woche hinunter stiegen ins Tal, kam dem Joseph etwas Weiches und Frohes in die Augen. Und da duzte er mich zum ersten Mal: „Magst net ’s Menele a wenig anschaugn? Geh, komm eini!“

   Im Hausflur begrüßte mich die Mena, ein stattliches, rundes, gesundes Mädel. Doch in ihrem Blick war wieder jene ängstliche Scheu, die ich vor zwölf Jahren an dem Kind gesehen hatte.

   Ich nahm ihre Hand. „Schau nur, Menele, wie groß und hübsch du geworden bist!“

   Das Mädel lächelte ein bisschen und ging in die Küche, um Kaffee für uns zu kochen.

   „Gelt!“, sagte der Joseph zu mir mit leuchtendem Blick. „Gelt, dö gfallt d’r?“

   Wir traten in die nette, blinkende Stube. Und die Mena brachte den Kaffee und füllte die Tassen – zuerst für den Joseph. Das tat sie ganz in der Art ihrer Mutter, die einst in dieser Stube so still umhergegangen war und dem Joseph alles an den Augen abgesehen hatte. Mich fragte sie, was ich droben geschossen hätte? Drei Gemsböcke. Sie nickte wie zu einer selbstverständlichen Sache: „Mit’m Joseph schießt oaner allweil. Da is no nie a Jagdgast dervon gangen, ohne dass er ebbes kriegt hat.“

   Wie recht sie hatte! Vom Joseph empfing man immer etwas!

 

   In dem Winter, der dann folgte, hab’ ich oft an den Joseph und sein Hindernis denken müssen. Und ich konnte, als es Sommer wurde, kaum den Tag erwarten, der mich wieder mit dem Joseph zusammenführte. Ich hatte ihm geschrieen, wann ich käme – und der Joseph erwartete mich auf der Post, schon fertig für die Jagd. Ganz grau war er geworden. Aber seine Augen sahen mich ruhig an.

   Während wir in der Sonne über die steilen Wiesen hinaufstiegen, blieb ich einmal stehen und blickte hinunter ins Tal, in dem die Gehöfte wie feines Spielzeug zwischen den Kronen der Bäume lagen. Deutlich konnte ich das Haus der seligen Doserin unterscheiden.

   „Wie geht’s denn der Mena?“

   „Guat! Am Johannitag hat s’ gheiret.“

   „… Joseph?“

   Er gab keine Antwort, nahm die Büchse auf die andere Schulter und stieg mir voran den Berg hinauf.

   Am Abend, in der Hütte, als der Joseph wieder auf dem Hackstock im Ofenwinkel hockte, trat ich vor ihn hin und fuhr ihm mit beiden Händen durch den grauen Wust der gekräuselten Haare.

   „Joseph? Wie ist denn das zugegangen?“

   Ruhig sagte er: „Nimmer traut hab’ i mer, woaßt! Bal ’s Bluat in oam warm weard, is allweil der Teifi am Weg. Und ’s Menele waar mer z’guat gwesen für so ebbes.“

   Ich schwieg eine Weile. „Und die Mena hat so schnell einen anderen genommen?“

   „A bissl nachhelfen hab ’i scho müassen.“ Er hob das Gesicht und sah mir fest in die Augen. „Dir kon i’s ja sagen! Der jünger vom Buachmiller, woaßt, der Wastl, der hat sie scho allweil aufs Menele umgschaut. Ghabt hat ’r freili nix, weil er der jünger war und aus’m Hof ausheireten hat müassen. Aber no, ’s Menel hat ja a nobels Sach beinand, und der Wastl war net ohne, hab’ i mer denkt. Is guat bei der Arbet, und aa sonst lasst si nix sagen! No, und an der Fasnacht san mer auf d’Nacht so beinanderghockt auf der Post, der Wastl und i. Was is denn, sag’ i, rüahrt si no allweil nix? Was soll si denn rüahrn, sagt ’r, ’s Menele mag mi halt net! Freili mag s’ di, hab’ i gsagt, aber die richtigen Madln, woaßt, dö ’s kloane Gluatfünkerl allweil glei wirken lassen, dö taugen net viel. Wie soll i’s denn mirken, sagt ’r, bal s’ es versteckt? – Z’erst hab’ i no an Schnaufer machen müassen. Nacher hab’ i gsagt: Wie waar’s denn, wann mit mer hoam gangst und taatst mit’m Menele reden? Da hat ’r mi so gspassi angschaut, und a bissl spat taaten mer dran sein, hat ’r gmoant, weil’s scho auf halber zwölfe gangen is. No, sag’ i, bal koa Schneid net hast! Schenid hatt’ i scho, sagt ’r. Und grad hat mer d’Wirtin no a Maß eingschenkt ghabt. Aber sthen hab’ is’s lassen – und da san mer hoam mitanand. Vor der Haustür sag’ i: D’Schuach muaßt abitoan, woaßt, ’s Menele kennt mein’ Trapper! Und da san mer eini ins Haus Und da hab’ i ’s Kammerl so a bissl aufgmacht und hab’ einigfragt in d’Nacht: Was is denn, Menele, schlafst scho? Na, hat s’ gsagt, und allweil hab’ i mer scho denkt, warum denn gar solang ausbleibst? Da hab’ i a bissl glacht und hab’ den Wastl einigschoben ins Kammerl – und bin aussi durch’n Garten und hab’ meim Schwoaßhund pfiffen und bin auf und dervon.“

   Lange schwieg Joseph und zerknickte einen Span in kleine Stücke.

   „Acht Tag lang hat’s Menele allweil gwoant und hat mi nimmer angschaut. Aber jetzt – is scho wahr, jetzt hausen s’ guat mitanander, dö Zwoa! Am Johannitag haben s’ gheiret.“

   Er warf die Spanstückelchen unter den Herd, lehnte sich an die Bretterwand zurück, schlang die schweren Hände um die aufgezogenen Knie und blickte mit den graublauen, ruhigen Lichtern still vor sich hin.

   Dann sagte er: „Is a richtigs Weibets, die Buachmillerin! Hat si guat dreingfunden und schafft wie narret. Aber diemal, bal s’ Wastl sagen will, da sagt s’ no allweil Joseph.“

   Große Schweißperlen glitzerten auf seiner runzligen Stirne. Und obwohl der Kochherd lange schon kalt geworden war, stand der Joseph auf und öffnete die Hüttentür, um kühle Luft hereinzulassen.

   „Und du?“, fragte ich. „Wohnst du bei der Mena im Haus?“

   „I?“ Er sah mich an, als hätt’ ich etwas Überflüssiges gefragt. „Was d’r einfallt!“ Joseph trat auf die Hüttenschwelle und blickte ein Weilchen durch die lautlose Nacht hinunter ins Tal. „Nach der Fasnacht hab’ i mi umloschiert. Bei der Himmelstößin hoaßt ma’s. Woaßt, dös Häusl von uns grad ummi über d’Straß. Da hab’ i a ganz guats Stübl. Aber sonst halt –„ Er schüttelte den mächtigen Körper, wandte sich in die Stube zurück und sah mich mit sorgenvollen Augen an. „I möchte bloß wissen, warum ’s grad d’Wittiben allweil so scharf haben auf mi? Freili, ’s Anwesen war net schlecht beinand. Und mit die drei Kinder von der Himmelstößin kunnt i aa no reind wearn. Aber d’Himmelstößin halt! D’Himmelstößin!“ Er tat einen schweren Seufzer. „Aber was will i denn machen? Aus der Gegend mag i min et verziagn – und bal i net Ja sag’, kündt mer d’Himmelstößin auf!“ Mit beiden Händen den ergrauenden Vollbart teilend, ging er auf den Kreister zu und begann das Heulager aufzuschütteln. „Jetzt schau, dass d’ in d’Ruah kommst! Morgen muaßt zeitli wieder aussi.“ –

   Im Winter musste der Joseph Ja sagen. Sonst hätte ihm die verwitwete Himmelstoß das Stübchen aufgesagt, das er wegen der Aussicht zum Menele hinüber nicht verlassen wollte.

 

   Drei Sommer hab’ ich noch mit dem Joseph gejagt. Und immer blieb er der gleiche, ruhig in allem, was er tat und sagte, verlässlich im Dienst. Aber eisgrau war er geworden, obwohl er noch zwei Jährchen bis zum Fünfziger hatte. Auch sein breiter Rücken begann sich zu krümmen – und einen leichteren Bergstock trug er.

   Eines Tages merkte ich, wie sauer dem Joseph das Gehen wurde. Immer blieb er zurück und schnaufte. Und als wir an einem hießen Morgen von der Gemspirsch heimkehrten, setzte er sich plötzlich auf den Boden hin, mit käsweißem Gesicht, und sagte: „Da wear i wohl bleiben müassen!“

   „Joseph! Um Gottes willen! Was ist denn mit dir?“

   „So a gspassigs Hindernis hab’ ia am Fuaß!“

   „Zieh den Schuh herunter! Lass sehen!“

   Er schüttelte den Kopf. „So ebbes is net guat zum anschaugn.“

   „Den Schuh herunter!“

   Zögernd gehorchte er und schnürte den Riemen des ledernen Floßes auf. Bei allem Schreck musste ich lachen – auf der kleinen Zehen hatte er ein Hühnerauge, so groß wie eine Kinderfaust. Und zwischen krämpfigen Sehnensträngen liefen die blau geschwollenen Adern über den ganzen Fuß.

   „Dös hab’ i scho bald ins fünfte Jahr. Weil i mi allweil scheniert hab’, dass i vor’m Menele mit die nacketen Füaß im Haus umanand lauf, drum hab’ i halt d’Schuach allweil anlassen, bal i hoamkommen bin vom Berg. Und da is oaner derbei gwesen – der muaß mi a bissl druckt haben.“

   Mir verging das Lachen. Am liebsten hätt’ ich den Joseph noch am gleichen Tag mit mir nach München genommen und in die Klinik geschickt. Er wollte von diesem Vorschlag nichts wissen.

   „Dö kunnten oam ’s Leben aussischneiden!“

   Ich brauchte den ganzen Tag, um den Joseph heimzubringen. Und vor seinem Haus machte er noch einen langen Umweg über die Wiesen. „’s Menele kunnt derschrecken, bal s’ mi so marodi hoamhatschen siecht.“ –

   In der dämmerigen Stube, bei der Himmelstößin, stellten sich die drei Kinder von fünf bis acht Jahren mit offenen Mäulchen um den Joseph her – und sein gealtertes Weib, die verwitwete Himmelstoß, schürte unter lautem Gejammer im Kochherd ein Feuer an, um Wasser für die Überschläge zu wärmen. Aber der Umweg durch die Wiesen hatte nichts geholfen. Denn die Buchmiller-Mena, mit einem zweijährigen Kind auf den Armen, kam plötzlich zur Tür hereingefahren. „Vater? Was is denn?“

   Der Joseph lächelte und sagte ruhig: „A bissl zwicken tuat’s mi halt wieder.“

   „Jesses!“ Die Mena setzte das Kind auf den Tisch, hockte sich auf den Boden hin, nahm den Fuß des Joseph in die blaue Schürze und legte sacht ihre Hand auf das große ‚Hindernis’, das der Joseph an der kleinen Zehe hatte. „Gelt, Vater, dös küahlt?“

   Er nickte – und ließ das Kindchen der Mena, das über die Tischplatte zu ihm hingekrabbelt war, an seinem grauen Bart zausen.

   Da sagte die verwitwete Himmelstoß zu mir: „Diemal mach’ i’s eahm aa so mit der Hand, weil’s eahm von der Buachmillerin so wohl tuat. Aber von meiner Hand derleidt er’s net. Dös is gspassi. Aber der Bader sagt: Mit die menschlinge Händ waar’s wie mit ’m Pflaster. Dös oane ziagt und ’s ander vertoalt.“ – –

 

   Der Joseph hatte die Jagdhütte nicht mehr gesehen. Der Schaden, den er sich aus Zartgefühl zugezogen hatte, wurde für ihn zu einer Pandorabüchse der qualvollsten Schmerzen, die für alle Kurpfuscher auf fünf Stunden im Umkreis immer unerklärlicher wurden, je übler sie dem Joseph an seinem mächtigen Körper zusetzten. Im Herbst musste er den Dienst quittieren, weil kein Bader dieses neue Hindernis beseitigen konnte. Der Gedanke, nach Rom zu wallfahren, ist dem Joseph nimmer gekommen. Er war schon zufrieden, wenn er manchmal am Stecken die dreißig mühsamen Schritte über die Straße hinüber fertig brachte, bis zu dem kleinen Haus, in dem die Mena wohnte, mit ihrem Glück und mit dem Buchmiller-Wastl, zu dem sie jeden Tag ein paar Mal – und oft auch in den Nächten – Joseph sagte.

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