Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

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10.

Zwei Tage später wurde beim Wirt von Graswang das Stuhlfest des Herrgottschnitzers und der Loni gefeiert. In der großen Wirtsstube standen die weiß gedeckten Tische, und darum saßen die geladenen Gäste, zu oberst, am Ehrenplatz, die Mutter des Bräutigams. Die alte Traudl strahlte vor Vergnügen, und ihre Augen glänzten heller als die blanken Schaumünzen, die an dem silbernen Schnürwerk ihres Mieders baumelten. Neben ihr saßen der Wirt und Loni, deren Stuhl freilich die meiste Zeit leer stand, denn sie ließ es sich nicht nehmen, fleißig in der Küche nachzuschauen und dafür zu sorgen, dass kein Teller leer wurde und kein Krug ungefüllt blieb.

Auch der Rötelbachbauer war unter den geladenen Gästen; er saß zwischen Muckl und der zukünftigen Schwiegertochter. Wenn die Leute von ihr erzählten, sie hätte Haare auf den Zähnen, so konnte das jedenfalls nur bildlich gemeint sein; denn ihr Gebiss, das von der schmalen Oberlippe kaum zur Hälfte verdeckt wurde, war, wie der Augenschein lehrte, vollständig unbehaart.

Pauli, der neben dem Wirt saß, war für die Unterhaltung der Gäste verloren. Er folgte nur immer mit leuchtenden Blicken dem geschäftigen Tun und Treiben seiner Braut. Wenn ihn an diesem Freudentag überhaupt etwas beunruhigen konnte, so war es die Abwesenheit Lehnls, den er schon ein paar Mal vergebens im ganzen Hause gesucht hatte. Ganz zufällig blickte er einmal durch das Fenster und sah gerade noch, wie Lehnl drüben im Austraghäuschen des Huberbauern die Türe hinter sich zuzog. Er sprang vom Stuhl auf, sagte Loni, wohin er ginge, und eilte hinüber nach seiner Wohnung, um den Alten zu holen, der ihm die letzten zwei Tage in auffallender Weise ausgewichen war.

Loni hatte ihren Verlobten bis an die Haustür begleitet, und als sie nun wieder in die Stube zurückkehren wollte, wurde sie von Muckl aufgehalten, der ihr aus dem Flur entgegentrat.

„No, Loni? Jetzt is halt doch so kommen, wie ich allweil gsagt hab. Drum, mein’ ich, könntest mir jetzt auch wieder gut sein, schau, schon deswegen, weil meine Eifersucht dein glück gmacht hat!“

Loni lachte. „Wenn du sagst, dass dich alles reut … nachher will ich wieder gut sein!“

„Freilich reut’s mich! Wenn ich auch net leugnen kann, dass mir’s die größte Gaudi gmacht hat, wie ihr zwei aufeinander losgfahren seids wie die gstupften Gockeln! … Ja .. hätt ich nur von Anfang net so viel Angst ausstehn müssen wegen dem Lehnl! Das hätt weiters net dumm ausgschaut, wenn ich, der einzige Sohn vom Rötelbachbauern, ein paar Monat hätt sitzen müssen wegen so einer dalketen Gschicht.“

„Ja hast denn du dem Lehnl was tan?“, fragte Loni erstaunt.

„Weißt denn du da nix davon?“

„Aus dem Gschwatz werd ich net gscheit!“

„Kannst dich denn nimmer erinnern an den Tag, wo ich mit meim Vater kommen bin, und wo du mir nachher so gschwind ein Korb geben hast? Da war gleich drauf die Red, dass du am andern Tag auf d’ Alm gehst. Da hab ich mir denkt, den Katzensprung könnt ich noch riskieren … vielleicht redt man sich leichter mit dir, wenn du allein bist!“

„Und du warst in derselben Nacht auf der Alm?“

„Freilich … aber grad, wie ich an dein Kammerfenster hab klopfen wollen, da kommt der Lehnl dazu, packt mich … und wie’s diemal geht … ich hab ihn halt so wegschlenzt, und da is er halt unglücklich gfallen. In der ersten Angst, man könnt mich sehen, bin ich ausgrissen, weil ich wen kommen hab hören. Freilich hat mich die Sorg um den Lehnl net weit fortlassen. So bin ich wieder zurück, und da hab ich gsehen, dass der Pauli da is und dem Lehnl aufhilft. Der arme Kerl hat gmeint, er müsst schon sterben wegen dem bissl Loch im Kopf, und hat den Pauli heilig versprechen lassen, dass er Freund bleibt mit dir, ob du gut oder ungut mit ihm wärst. Alles hab ich mit anghört, auch wie er ihm verratne hat, dass du sein leibliches Kind wärst.“ Zutraulich neigte sich Muckl gegen Loni und sprach ihr ins Ohr: „Weißt, von mir hat’s kein Mensch erfahren und erfahrt’s auch niemand. Brauchst dich also net sorgen!“

Lonis Gesicht war weiß wie die Wand, und sie zitterte an allen Gliedern. Mühsam rang sie nach einem Wort. „Heilige Maria …“

„Ja weißt denn du da auch nix davon?“, fragte Muckl mehr erstaunt als erschrocken.

Loni starrte ins Leere. „Pauli … wo is der Pauli?“ Und wie eine Irrsinnige eilte sie zur Türe hinaus auf die Straße hinüber zum Austraghäuschen des Huberbauern. – –

Da drüben hatte unterdessen Pauli den Alten aufgefunden; aber vergebens suchte er Lehnl zu bewegen, mit ihm zu gehen. „Komm Lehnl, komm, geh mit!“, bat Pauli immer und immer wieder. „Du hast am allerersten ein Recht …“

„Geh, lass mich!“, unterbrach ihn Lehnl. „Wenn du wissen tätst, wie’s in meim Herzen ausschaut, nachher sähest ein, dass ich in keine lustige Gsellschaft pass.“

„Ah was da! Du hast allen Grund zum Lustigsein, jetzt, wo dein Lieblingswunsch in Erfüllung geht, mit mir und mit der Loni!“

„Ja, früher, da hab ich mir’s ausgmalen in Gedanken, wenn mein Kind einmal ein richtigen Burschen zum Mann krieget … und wie ich nachher ganz glückselig wär, wenn ich mit ansehen könnt, wie das Madl so mitten drin sitzt im Wohlsein und in der Freund …“

„Und so kommt’s ja, schau! Wir haben uns gern, und was an mir liegt, das wird auch geschehen, um ’s Madl glücklich z’machen.“

„Ja, Bub! Das weiß ich! Und drum wird mir der Abschied leichter, als eigentlich für ein Vater recht is!“

„Geh, red net so dalket!“, zürnte Pauli. „Du wirst fortgehen! Wo willst denn du alter Zwickl noch hin? Eine überspannte Gschicht is das, weiter nix!“

„Ich will dich net von dem Glauben abbringen. Aber es wird doch so sein müssen, dass ich geh. Du weißt, dass der Muckl damals alles ghört hat, was auf der Alm zwischen uns gredt worden is. Und wenn der was weiß, so weiß es auch ’s ganze Dorf!“

„Und was is denn nachher?“, fragte Pauli und fasste den Alten bei der Hand.

Die beiden waren allzu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf die Tritte zu merken, die sich im Hausflur hören ließen und wieder verstummten.

„Schau, Lehnl“, sagte Pauli mit herzlicher Eindringlichkeit, „ich bin der erste, der vor der ganzen Gmeind dir die Händ hinstreckt und sagt, dass ich dich mein Vatern heißen und als solchen halten will. Und grad so wie ich, wird auch d’ Loni …“

„Sei stad! Sei stad!“, unterbrach ihn der Alte jammernd. „Du weißt net, wie das Madl über ihre Eltern denkt. Wenn d’ Loni je erfahret, dass ich ihr Vater bin … so gern s’ mich bis jetzt ghabt hat … mit dem Wort wär ich ihr zwider bis in d’ Seel eini! Und erfahren muss sie ’s! Denn wenn der Muckl bis jetzt auch gschwiegen hat, so war das nur die Angst vorm Gricht!“

„Ich hab von der Loni ein besseren Glauben!“, fiel Pauli ein. „Weißt was … jetzt hol ich ’s Madl ummi, nachher redst offen mit ihr.“

„Na, Pauli, na! Um Gottes willen net! Sie könnt mir ’s net verzeihen, dass ich sie weggeben hab, wenn’s auch nur geschehen is aus Lieb und in der Gfahr. Mir druckt’s die Seel ab, dass ich mein Kind nimmer sehen soll, aber es geht net anders. Ich geh in meine Heimat zruck … die paar Jahrln, wo ich noch z’leben hab, werden meiner Gmeind net z’viel sein. Eine Bitt hätt ich aber noch an dich. Ich hab mir ein bissl was erspart. Das will ich dir geben. Es könnt grad so viel sein, dass man von da bis in mein Dorf einmal dafür hin und her fahrt. Wenn nachher einmal hörst, dass ich gstorben bin, so lass mich um das Geld mit einm Wagen holen und lass mich eingraben an eim Platzl, wo ich mir denken durft, ’s Madl kommt einmal neben mir z’liegen! … Und jetzt lass mich gehen!“

Dem Alten rannen die Tränen über die runzligen Backen. Seine Knie zitterten, und erschöpft griff er nach der Lehne eines Stuhles.

„Na, Lehnl! Na! Du darfst net gehen! Bleib bei uns!“

Lehnl schüttelte den Kopf. „Es geht net und kann net sein!“

Da klang von der Tür eine weiche bittende Stimme: „Auch net, wann ich dich bitt?“

Der Alte fuhr auf mit ersticktem Schrei und wankte auf Loni zu, die ihm mit offenen Armen entgegeneilte.

„Vaterl! … Mein liebes Vaterl!“

Taumelnd wie ein Betrunkener, umfasste Lehnl sein Kind. „Loni … du … du sagst zu mir: liebs Vaterl …“

„No freilich!“ Lachen und Weinen war das: „Ich weiß ja, dass du ’s bist! Es is noch keine Viertelstund her, dass ich der Muckl gegen mich verschnappt hat. Aber was hab ich von dir hören müssen? Du willst deine Kinder verlassen? Untersteh dich, du!“ Und während sie mit der einen Hand die Tränen von ihren Wangen wischte, drohte sie mit der andern. „Da müsst ich ja gleich in der ersten Stund, wo ich mein Vatern find, zum schelten anfangen!“

„Kannst mir verzeihen …“

Loni ließ ihn nicht weiter sprechen. „Geh! Was redst denn da! Im ersten Augenblick, wo ich ghört hab, dass du mein Vater bist, is mir mit eim Schlag alles Liebe eingfallen, was ich von dir erfahren hab seit dem Tag, wo du zum ersten Mal mein Kinderhandl druckt hast. Vaterl! Vaterl!“ Sie schlang die Arme um seinen Hals. „Was musst du glitten haben, wo du mich so gern ghabt hast! Aber jetzt soll dir’s auch von uns zwei vergolten werden!“

Lehnl wusste sich kaum mehr zu fassen vor Glück. „Jesus! Mein lieber Herrgott! Die Freud … ich könnt jetzt gleich ein Juhschrei machen, dass alle Berg zum wackeln anfangen! Und wenn ich mir denk, dass wir alle miteinand im Frieden hausen … und dass ich noch Enkerln … Jesus … Pauli, halt mich, sonst mach ich ein Kreuzsprung!“ Aber da erlosch ihm plötzlich alle Freude zu bleichem Schreck. „Mar’ und Josef! D’ Leut! Kinder! Was werden d’ Leut sagen!“

„Lass s’ sagen, was s’ wollen!“, tröstete Pauli. „Was kümmern denn wir uns drum?“

„Jawohl“, fiel Loni ein, „und damit s’ net lang Zeit zum tratschen haben … am nächsten Sonntag, wenn ich und der Pauli ’s erstmal in der Kirchen aufboten werden, soll der Herr Pfarr mich gleich beim rechten Namen rufen. Mit meim Pflegvater und mit meiner Schwiegermutter reden wir heut noch, sobald die Gäst fort sind. Is dir’s so recht, Pauli?“ Er nickte zustimmend, und Loni drückte ihm zum Dank dafür einen herzhaften Kuss auf die Lippen. „Aber kommts miteinand! Jetzt müssen wir wieder ummi. Und du, Vaterl, musst drüben an der Ehrentafel neben mir sitzen!“

Vereint für alle Zeit verließen diese drei glücklichen Menschen das kleine Haus und schritten über die Straße.

Als am andern Tag der Maler von seinem Ausflug zurückkehrte, machte er große Augen zu der Nachricht, die er zu hören bekam. Er wollte anfangs den Gekränkten spielen, doch hielt diese Regung nicht lange an, als ihm Pauli die Hand bot mit den Worten: „sind S’ net bös, Herr Baumiller, dass Ihr Plan net nausgangen is! Aber zwei Leut z’wissen, wo S’ zu jeder Stund gern gsehen sind und eine Heimat haben, ich mein’, das wär auch was wert! Bleiben S’ uns gut!“

Und er blieb ihnen gut. Jeder Sommer, den er später im schönen Ammertal verlebte, verfloss ihm fröhlicher als all die früheren, im traulichen Verkehr mit dem jungen Herrgottschnitzer und seinem jungen, glücklichen Weib.

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