Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

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9.

Ein schüchternes Klopfen wurde hörbar. Gleich darauf öffnete sich die Tür, und Pauli trat ein.

„Jesses … d’ Loni!“, fuhr es erschrocken aus ihm heraus, als er das Mädchen erblickte. Und in brennender Verlegenheit drehte er seinen Filzhut zwischen den Fingern.

Mit der einen Hand auf den Tisch gestützt, stand Loni da und blickte scheu zu dem Gast hinüber. „Grüß Gott!“, hauchte sie leise.

„Grüß Gott auch!“, klang die trockene Antwort. „Ich weiß net, ob ich da recht bin? Ich soll zum Herrn Baumiller kommen.“

„Ja, ja, bist schon recht!“, stieß Loni hervor. Und als fiele ihr eine schnell gesprochene Lüge weniger schwer, fügte sie mit flinkem Gesprudel bei: „Er hat gsagt, du sollst da warten, er wird gleich kommen, hat er gsagt.“

„Muss ich halt warten!“ Pauli wandte sich zum Fenster, das neben der Türe war, stellte sich vor die Scheiben, kreuzte die Arme hinter dem Rücken, schwenkte zwischen zwei Fingern seinen Hut und blickte stumm ins Freie hinaus.

Loni näherte sich ihm mit kurzen Schritten, aber nur so weit, dass ihr ausgestreckter Arm mit den Fingerspitzen noch immer die Tischecke berührte. Vergebens mühte sie sich, ein Wort über die Lippen zu bringen; es war ihr, als umschlösse eine unsichtbare Hand wie mit eiserner Zange ihre Kehle. Bange Sekunden verrannen – bis endlich Pauli, dem sich diese Stille nicht minder drückend aufs Herz legte, sich kurz vom Fenster abwandte und der Türe zuschritt mit den Worten: „Ich will doch lieber draußen warten!“

„Jesses na!“, fuhr Loni erschrocken auf. „So bleib nur, der Herr Baumiller kommt gleich! Das heißt … es könnt ja möglich sein, dass er auch net gleich käm … aber … wenn du ’s vielleicht mit der Arbeit recht notwendig hast … ich weiß auch, was er dir zum sagen hat … nachher … wenn du meinst … und wenn du ’s von mir anhören willst … nachher könnt’s ja ich dir auch sagen.“

Erwartungsvoll hingen Lonis Augen an dem Gesicht des Burschen, dem ein wehmütiges Lächeln um die Lippen huschte. „Schau, Loni, plag dich net!“, erwiderte er nach kurzem Schweigen. „Du hast es schon in manchem recht weit bracht, aber ’s Lügen bringst doch net recht zamm. Druck’s halt aussi, was mir sagen willst! Ich merk’s ja eh, es is ein abgmachte Sach, dass du mit mir reden sollst.“

Dunkle Röte übergoss Lonis Wangen. „Na … gwiss net“, stotterte sie, „das heißt …“

„Es is schon gut!“, schnitt ihr Pauli kurz das Wort ab und stellte sich wieder vor das Fenster hin.

Durch diesen scharfen Schnitt war Loni weiter von ihrem Vorhaben abgebracht, als ihr lieb sein konnte. Aber sie musste nun sprechen – um jeden Preis. So fasste sie den ersten Gedanken auf, der ihr in den Sinn kam. Während sie sich um ein zagendes Schrittlein näherte, fragte sie scheu: „Wie geht’s denn beim Mutterl, hab’s lang nimmer gsehn?“

„Ich dank, ganz gut!“, klang es vom Fenster her.

„Ich hab ghört, sie tät dir allweil zureden, du sollst mit dem Herrn Baumiller in d’ Stadt gehen?“

„Kann schon sein!“

„Und du wolltest net?“

„Is auch möglich!“

Paulis kurze Antworten konnten Loni nicht mehr einschüchtern. Sie hatte den Faden am richtigen Zipfel angesponnen, und mutig fragte sie weiter.

„Warum magst denn net, wenn man fragen darf?“

„Weil’s mich net freut!“

„Das is freilich ein gwichtiger Grund. Aber wer weiß, ob dein Mutterl net am End recht hat, und ob’s net dein Glück wär, wenn ihr folgen tätest.“

Bis zur Unkenntlichkeit hatte Pauli während Lonis hartnäckigen Fragen seinen Filzhut zusammengedreht. Die letzten Worte des Mädchens ließen ihn plötzlich auf diese immerhin unterhaltende Beschäftigung verzichten, und mit jähem Ruck wandte er sich vom Fenster ab. „No also … schau … da wären wir ja bei der Sach! Alles mögliche hat der Herr Baumiller schon probiert. D’ Mutter und den Burgermeister hat er über mich ghetzt … und jetzt schickt er gar noch dich!“

„Ja, Pauli, ich will’s auch net länger leugnen“, stammelte Loni. Und hastig, ohne recht zu bedenken, was sie sprach, redete sie weiter: „Der Herr Baumiller hat mir das Versprechen abgnommen, ich soll dir zureden, dass du mit ihm in d’ Stadt gingst. Ein kleins bissl hat er gmeint, könntest du doch noch auf das hören, was ich dir sag … und hat gmeint, wenn ich dir saget: Pauli, mich leidt’s nimmer im Dorf, solang du da bist … mein Rast und mein Ruh is weg … geh fort von da … so … so tätst du’s auch … hat er gsagt.“

In guter Meinung, das Richtige gefunden zu haben, hatte Loni fast Wort für Wort die Rede des Malers wiederholt; doch sie erschrak nicht wenig, als Pauli sie mit rauer Stimme anfuhr: „Und du schamst dich net? Und kannst mir so was ins Gsicht eini sagen? D’ Ruh hast mir gstohlen, um meiner Lieb willen hast mich bschandelt vor alle Leut, und jetzt kommst und willst meine Lieb als Fürspann nehmen, um mich von meiner Heimat z’treiben, von Mutter und Haus? Loni, das ist grundschlecht!“

Flehend hob sie die zitternden Hände. „Pauli … ich bitt dich um Gottes willen, glaub so was net von mir! Wenn ich mich hab überreden lassen, dass ich dir zusprich, so war’s, weil ich überzeugt bin, es wäre besser für dich, wenn du gingst, weil du mich nachher vielleicht vergessen könntest … und alles, was geschehen is? Und wenn du nachher ein berühmter Bildhauer werden tätst und alle Leut dich gern hätten und in Ehren halten, und wenn du nachher recht reich werden tätst … so hätt ich halt gmeint, könntest leicht auch das finden, was in deiner Heimat umsonst gsucht hast … die Lieb von eim braven Madl.“

Wären es nicht die Einflüsterungen schwer gekränkter Liebe gewesen, die Paulis Augen verdunkelten und seine Ohren schlossen, er hätte aus diesem bleichen Gesicht lesen müssen, was in der beklommenen Seele des Mädchens vorging, und hätte hören müssen, dass aus dem Klang dieser Worte die wahrhaftige Offenheit eines geängstigten Herzens sprach.

So aber schüttelte er nur unmutig den Kopf, und mit heiserem Lachen rief er: „Also grad wegen mein Glück? Du mitleidigs Madl! Ich sag dir, ich glaub dir’s net! Ich glaub viel eher, dass du jetzt lügst, und dass meine erste Red d’ Wahrheit war: Dass mich bloß fort haben willst, weil ich dir im Weg umgeh!“

„Na, Pauli, gwiss net!“

„Lass gut sein! … Ich geh dir aus’m Weg! Du sollst d’ Ruh finden … ob ich mein Glück, das is ein andere Frag. Glaub aber ja net, dass ich mir aus dem Maler seim Gschwatz eine Hoffnung mach. Ich will net berühmt werden und brauch kein Reichtum … was ich brauch, hab ich, Gott sei Dank, und wollt ich mir mehr wünschen, so müsst mich unser Herrgott strafen! Aber mag’s jetzt sein, wie’s will … ich geh … und wenn ich auch in mein Unglück renn.“

„Jesses … wenn du so denkst … Pauli … wär’s mir gleich lieber, du bliebest da!“

Pauli blickte verwundert auf; es klang ihm nun doch aus dieser Stimme etwas entgegen, was ihn stutzen machte; aber es kam ihm das so sonderbar vor, so ganz unglaublich, dass er dem Gedanken, der zu Lonis Gunsten sprach, nur einen einzigen Augenblick Gehör schenkte. „Plag dich net, Loni! Dein Ernst is ja doch net! Und meinetwegen brauchst kein Angst net z’haben … weil schon einmal so mitleidig bist! Ich bin schon über gar viel wegkommen und schlag mich da auch noch durch! Freilich, wie schwer mir’s wird, das kann dir gleich sein … wenn’s nur nach deim Kopf geht.“

Aus Paulis letzten Worten klang ein Ton so tiefen Schmerzes, dass die Tränen in Lonis Augen schossen. Beherzt trat sie näher und zerknitterte in fieberhafter Ungeduld ihre weiße Schürze, während sie sprach: „Na, Pauli … wenn du mich auch für recht schlecht haltst, so schlecht bin ich doch net, und schau … wenn du meinst, es wär net so, wie der Herr Baumiller sagt, sondern so, wie du sagst … schau … da mein’ ich, wär’s besser, du gingest net fort, sondern bliebest da und tätst auch gleich …“ Das Blut stieg ihr ins Gesicht bei dem Gedanken an das, was sie da hatte sagen wollen.

Im ersten Schreck hielt sie es für ein Glück, dass Pauli sie im Weitersprechen verhindert hatte, als er sie unterbrach: „Geh, sei stad!“ Und doch wär’s es ihr lieber gewesen, er hätte sie nicht unterbrochen – denn es legte sich ihr wie Eis um das Herz, als sie ihn weiterreden hörte: „Muss halt alles aus sein! Aber grad dadurch, dass ich jetzt geh, will ich dir noch beweisen, wie gern ich dich ghabt hab! … Und somit bhüt dich Gott!“ Er nickte einen Gruß und ging zur Türe.

Loni glaubte vor Entsetzen in die Erde sinken zu müssen, als sie ihn gehen sah. Gedanken und Worte versagten ihr; alle Qual ihres gefolterten Herzens machte sich nur in einem einzigen Aufschrei Luft.

„Pauli!“

Er hatte schon die Türklinke in der Hand – aber da drehte er sich mit jähem Zuck herum: „Was is?“ Eine Weile standen sie schweigend voreinander. Und als er sah, wie Loni sich vergebens mühte, ein Wort herauszubringen, sagte er mit einer wunderlichen Mischung von Groll und Herzlichkeit in der Stimme: „Wenn noch ein Wunsch hast, schenier dich net, jetzt geht’s in eim hin!“

„Wenn’s wirklich … bschlossene Sach is … dass gehst …“, kam es stockend über Lonis Lippen, „nachher … nachher könntest mir ja doch zum Bhüt Gott noch deine Hand geben?“ Zwischen Weinen und Lachen klangen diese Worte halb wie eine Frage, halb wie eine Bitte. Und als sie langsam die Hand streckte, machte Pauli einen flinken Sprung in die Stube – „Loni!“ – aber auf halbem Weg hielt er an, und der gestreckte Arm fiel ihm nieder.

„Na! … Das geht ja doch net, dass ich die Hand druck, die mich gschlagen hat.“

„Wenn ich dir aber sag, wie weh mir’s allweil gwesen is, und wie ich schon oft mit nasse Augen die Stund verwünscht hab, wo ich dir so ein fürchtigs Unrecht hab antun können … und wenn ich dich recht von Herzen um Verzeihung bitt …“ Wieder streckte ihm Loni die Hand entgegen. „Darfst mir nachher deine Hand auch net geben?“

Pauli tat einen tiefen Atemzug, so tief, als käme dieser befreiende Odem aus einem Brunnen herauf. „Ja, Loni!“ Er schlug in die Hand des Mädchens ein. „Das Wort macht viel vergessen und wird mir mein Weg leichter machen!“

Scheu guckte sie an ihm hinauf. „Ja willst denn jetzt auch wirklich fort?“

Der flehende Ton dieser Worte ließ in Pauli eine Ahnung auftauchen, die ihn mit der Fülle ihrer Glückseligkeit fast betäubte. Seine beiden Fäuste, mit denen er Lonis Hand umklammert hielt, fingen zu zittern an. „Loni … Jesus Maria, Du fragst mit einer Stimm, so gut und lieb, wie ich’s noch nie von dir ghört hab … und aus deine Augen schaut’s mich an, dass ich’s fast net für möglich halten kann! … Loni? … Meinst net, es könnt noch anders werden zwischen uns?“

„Meinst du?“, fragte sie leise.

„Ich schon!“

„Ja … wenn du vergessen könntest, was ich dir für eine Schand antan hab … nachher mein! Ich auch!“

„Ah was, Schand …“, kalkulierte Pauli mit brennendem Eifer, „es wär ja gar nie eine Schand gwesen, wenn net d’ Leut dabei gstanden wären. Und du hast es ja bloß in der Hitz tan!“

„Freilich! Bloß in der HItz!“

„Na also! Und alles ließ sich wiedergutmachen, wenn du nur den festen Willen hättest, und wenn du dich ein bissl zamm nähmst.“

„So sag nur grad, wie?“, fragte sie mit vor Freude zitternder Stimme.

„Wenn du mit mir Hand in Hand zur Kirch gingst und auf die Frag vom geistlichen Herrn, ob du mich haben willst fürs ganze Leben, vor alle den damischen Leut recht laut sagen tätst: Ja! … Willst das, Loni?“

Erschrocken entzog sie ihm ihre Hände, das Gesicht übergossen von Blut. Aber dann griff sie gleich wieder mit beiden Armen zu, unter Weinen und Lachen: „Du! Pass auf! So laut will ich’s sagen, dass deine gschnitzten Heiligen in der Kirch ihr Freud dran haben sollen! Pauli! Du Braver, du Treuer! Da hast mich! Mit Leib und Seel! Und ich lass nimmer aus!“

Die beiden hielten sich umschlungen und hingen Mund an Mund, zwei hungernde Herzen, die das köstliche Brot ihres Glückes gefunden und sich nicht sättigen konnten.

Die Türe ging auf, und Lonis Pflegevater trat ein. Die Augen, die er machte, als er die beiden so stumm und ausdauernd miteinander beschäftigt sah!

„Ja Loni!“ Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Was machst denn?“

„Hochzeit, Vater!“ Sie sah ihn lachend an. „Und das recht bald, wann nix dagegen hast!“

„Is denn so was möglich?“

„Was? Möglich?“ Pauli drückte einen Kuss auf Lonis glühende Wange. „Gelt, jetzt glaubst es? Und weil schon da bist, halt ich gleich um d’ Loni an bei dir. Wer ich bin, das weißt, was ich hab, kannst leicht erfragen … brauchst bloß Ja sagen!“

„So? Meinst? Du Saperlot!“, polterte der Wirt. „Die alten Leut sind wahrscheinlich zu nix anderm auf der Welt, als zum Ja sagen!“

„In dem Fall schon, Vater!“, lachte Loni. „Und wenn mich gern hast, nachher bsinnst dich auch net lang und sagst Ja!“

Da fing auch der Wirt zu lachen an. „Meintwegen halt! Machts es miteinander aus, wann Hochzeit is … und nachher kommts und sagts mir’s!“ Mit zufriedenem Schmunzeln musterte er noch einmal das Paar, dann stürmte er zur Stube hinaus und hätte fast den alten Lehnl, der dicht vor der Türe stand, zu Boden geworfen.

„Was hast denn, Lehnl? Dir steht ja ’s Wasser in die Augen?“

„Ich weiß net … es muss mir ebbes einigflogen sein!“, gab der Alte zur Antwort, während er durch die halbgeöffnete Tür in das Stübchen blinzelte, aus dem der Wirt gekommen war.

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