Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

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7.

Wieder war es Abend geworden. Wen auch die Straßen und die weißen Häuser noch im roten Glanz der sinkenden Sonne lagen, so herrschte doch in Paulis Stübchen schon tiefes Dunkel; die kleinen grünen Fensterläden, welche die Nacht über geschlossen waren, hatten sich auch während des ganzen Tages nicht geöffnet. Durch die Ritzen stahl sich noch ein letzter Schimmer des scheidenden Abends in das dunkle Stübchen. Wie Gold funkelnde Leuchtfäden lag es auf der finsteren Wand, und in dünnen flimmernden Streifen zog das Licht von ihnen aus durch den kleinen stillen Raum, zitterte um ein gebeugtes Haupt und legte sich mit rotem Schimmer auf die grob geblümte Bettdecke und auf ein bleiches Gesicht, das in den schweren, dem Druck widerstrebenden Kissen Lag.

So still war es in dem Stübchen, dass man das leise Ticken einer Taschenuhr vernahm, die irgendwo auf dem Tisch oder auf einem Fensterbrettchen liegen musste; dazwischen hörte man von Zeit zu Zeit einen tiefen Atemzug und manchmal auch ein mattes Rascheln, wie wenn eine Hand über steifes Leinen gleitet. Nur von außen wurde diese Stille in langen Zwischenräumen gestört, wenn von dem Tanzboden des Wirtshauses die gedämpften Weisen herüber klangen. Da drüben wurde ja heute Hochzeit gehalten.

Wieder einmal setzten die Töne eines Ländlers ein, als sich in dem Stübchen eine Gestalt von dem Stuhl zur Seite des Bettes erhob und mit leisen Tritten zum Fenster glitt. Es war Pauli, der die Taschenuhr, die er aufgenommen hatte, an jenen Spalt des Fensterladens hob, durch den das meiste Licht eindrang. Dann ging er wieder zurück, beugte sich über den Kranken und flüsterte: „Lehnl … Lehnl!“

„Was is?“, klang mit schwacher Stimme die Antwort.

„Die Stund is gar, einnehmen musst.“

„So gib halt her!“

Man hörte das matte Schnalzen eines aufgehenden Korkes, das leise Klingen des mit dem Löffel berührten Glases – dann sank der Kranke schwer in die Kissen zurück, und alles war wieder still.

Die ungestörte Ruhe während des ganzen Tages und das besänftigende Medikament, das der in aller Frühe aus Ammergau herbeigeholte Doktor verordnet hatte, waren für Lehnls Befinden von der besten Wirkung gewesen. Seine gesunde, trotz der hohen Jahre noch kräftige Natur hatte auch das ihrige getan, und so war es gekommen, dass sich Lehnl gegen Abend wohler befand, als man des Morgens nach seiner schweren Kopfwunde hätte hoffen können. Außer dem Holzknecht, den Pauli in der Frühe um den Doktor geschickt hatte, wusste im Dorf noch niemand etwas von dem Vorfall. Muckl hatte guten Grund, nicht davon zu reden, und wenn Pauli nicht gesprochen und niemand zur Hilfeleistung herbeigezogen hatte, so war es auf die Bitte Lehnls geschehen, den die Sorge quälte, die Leute möchten von dem einen aufs andere Kommen und so sein sorgsam gehütetes Geheimnis in Gefahr bringen oder zum mindesten den guten Ruf seines Kindes. Dass Pauli dieser Bitte Folge geleistet, hatte viel zu Lehnls Beruhigung beigetragen. Nun lag er mit geschlossenen Augen und lauschte den vom Wirtshaus herüber klingenden Weisen.

Die spärlichen Lichter, die durch die Spalten der Fensterläden in das Stübchen fielen, wurden immer blässer und blässer, bis sie endlich ganz erloschen.

Lehnls Hand, die ruhig auf der Decke gelegen, hob sich und tastete nach Paulis Arm.

„Bub!“, flüsterte der Kranke, ohne den verbundenen Kopf zu regen.

„Was magst?“, fragte Pauli und beugte sich nieder.

„Hörst es?“ er meinte die herüber klingende Musik. „Möchtest leicht ein bissl ummi? Gelt?“

„Was fallt dir ein! Ich werd dich noch net allein lassen, in deim Zustand!“

„Die Loni möchte sich aber sorgen um mich … könntest ihr schon ein Wörtl sagen: Mir wär net recht gut … oder was sonst sagen magst. Aber mach’s net arg!“

„Na, na! Ich kann doch net weg gehen!“

„Wann ich aber schlafet?“

„Nachher vielleicht.“

„Net vielleicht … versprich mir’s … gwiss!“

„Ja … ja … sei nur stad und streng dich net z’arg an!“

Es dauerte kaum ein paar Minuten, so fing Lehnl leise zu schnarchen an. Pauli wusste wohl, dass der Alte so rasch nicht eingeschlafen sein konnte, aber er hielt es für gut, auf den Wunsch des Kranken einzugehen. Sein eigenes Herz sprach ihm wohl auch ein wenig zu, und so erhob er sich denn, zog geräuschlos seine Feiertagsjoppe an und ging.

Als Pauli, von Bekannten und Freunden angesprochen und aufgehalten, endlich die schmale Treppe, die zu dem im ersten Stock des Wirtshauses gelegenen Tanzboden führte, hinter sich hatte und auf die offene Türe zutrat, war gerade ein Tanz zu Ende. Plaudernd, lärmend und jauchzend umschritten die einzelnen Paare den niederen Saal, um sich an die gedeckten Tische zu verlieren, die in dem anstoßenden Zimmer durch einen breiten Wanddurchbruch sichtbar waren.

„So schick dich!“, hörte Pauli Lonis helle Stimme von der Treppe her; und gleich darauf erschien sie auf der obersten Stufe. Das Mädchen sah reizend aus in dem Sonntagsstaat mit dem geblümten seidenen Röckchen und dem schwarzen Miederchen, an dem das silbernen Schnürzeug prunkte und die alten Schaumünzen klirrten und klingten. Wie eine dunkle Krone saß die glanzhaarige Bibermütze über ihren braunen Flechten, und der großmütig stolze Gruß, mit dem sie jetzt an Pauli vorüber in den Tanzsaal schritt, hätte auch einer gekrönten Fürstin Ehre gemacht. Ihr auf dem Fuße folgte Loisl, einen mächtigen, mit Wasser gefüllten Blechtrichter in der Hand, dessen untere Öffnung er sorgfältig mit dem Finger zugedrückt hielt. Als die beiden eingetreten waren, hörte Pauli das Mädchen zu Loisl sagen: „So, jetzt spritz, aber ordentlich!“ Er sah auch noch, wie der Geißbub anfing, mit dem aus dem Trichter fließenden dünnen Wasserstrahl die wunderlichsten Arabesken auf den staubigen Fußboden zu zeichnen; dann wandte er sich, schritt über den Gang zurück und trat durch die hintere Tür in die Gaststube, um die Brautleute zu begrüßen.

Loni sah ein paar Sekunden noch den Spritzkünsten des Geißbuben zu und wollte dann ebenfalls in die Gaststube eintreten, als Muckl ihr entgegenkam und sie aufhielt. Am frühen Morgen schon war der Bursche einige Mal lauernd an Paulis Häuschen vorüber geschlichen, hatte wohl bemerkt, dass die Fensterläden geschlossen bleiben, und hatte auch den herbei geholten Doktor eintreten sehen; so trieb ihn nun eine leise Angst, zu versuchen, ob er vielleicht von Loni etwas Näheres über Lehnls Befinden erfahren könnte.

„Hast du vielleicht was ghört, wie ’s dem Lehnl geht?“, sprach er das Mädchen an.

„Wie’s ihm geht? Ja fehlt ihm denn was?“, war Lonis verwunderte Frage. Hätte sie nur dem Burschen mit etwas weniger Unbefangenheit ins Gesicht geblickt, so würde ihr die Verlegenheit nicht entgangen sein, die ihm bei diesen Worten rot über die Stirne fuhr.

„Ja … das heißt … ich weiß net“, gab er stockend zur Antwort, „ich hab nur so was läuten hören, als ob er gfallen wär und hätt sich am Kopf oder am Arm aufgschlagen.“

„Du machst mir ja völlig angst!“

„Der Pauli soll ihn gfunden und heimbracht haben.“

„Siehst es, siehst es, hab ich mir doch heut früh gleich denkt, es müsst was geschehen sein! Weißt, der Lehnl is mit mir gestern auf d’ Alm gangen und über Nacht droben blieben. Heut in der Früh schrei ich ihm … schrei allweil, krieg aber kein Antwort … und wie ich nach seiner Liegerstatt schau, is er nimmer da.“

„Geh weiter?“, gab Muckl mit gut gespielter Verwunderung zurück. „Aber wie gsagt, ich kann dir gar nix Bestimmts net sagen.“

„Da muss ich ja doch gleich nach dem Pauli schaun … grad is er noch unter der Tür gstanden.“ Loni ließ den Burschen stehen, der ihr lächelnd nachblickte, einen halblauten kurzen Pfiff tat und sich auf dem Absatz gegen die Tür der Gaststube drehte. Doch als er die Schwelle überschreiten wollte, trat ihm Pauli in den Weg.

„Halt, Muckl, ich hab ein Wörtl z’reden mit dir!“ Die Blicke, mit denen Pauli diese Worte begleitete, waren gerade nicht die gutmütigsten.

Muckl trat einige Schritte zurück und musterte Paulis Schuhe. „Schau … kommst du gar auch zum Tanz?“, fragte er spöttisch. „Ich hätt glaubt, deine Schuh wären noch net trocken … ’s is gar feucht gwesen heut Nacht auf der Alm.“

Wie ein Blitz kam Pauli der Gedanke, Muckl könnte, verborgen im Gebüsch alles mit angehört haben, was Lehnl gesprochen hatte. Einen hastigen Schritt machte er gegen den Burschen und fasste ihn mit eisernem Griff am Arm – Muckl musste eingeschüchtert und zum Schweigen gezwungen werden, sei es auch um den Preis einer Unwahrheit. „Ein einzigs Wörtl, wenn du schnaufst über die heutige Nacht, so bring ich dich aufs Gricht. Der Lehnl liegt bei mir daheim im Sterben, dass du’s weißt!“

Muckl erblasste. Doch sein Gesicht nahm einen trotzigen Ausdruck an. „Was geht denn das mich …“

„Sei stad!“, herrschte ihm Pauli zu und ließ seinen Arm fahren, denn er sah, dass Loni aus der Türe trat und auf ihn zueilte.

„Pauli … is wahr, was ich über den Lehnl ghört hab?“, fragte das Mädchen in Sorge.

„Von wem hast du was ghört?“ Und mit großen Augen sah Pauli in Lonis Gesicht.

„Grad vorhin … vom Muckl.“

Pauli sah sich nach dem Burschen um, der es für geraten befunden hatte, sich schweigend zu entfernen. „So … von dem hast was ghört!“, sagte er langsam. „Aber wie kommst denn nachher dazu, dass du mich um den Lehnl fragst?“

„Du hast ihn ja gfunden, hat der Muckl gsagt. Is denn net so?“

„Ja … ja … es is schon so …“, gab Pauli zögernd zurück.

„Aber ich möchte nur wissen, wie der Lehnl dazu kommt, dass ihm so was passiert?“

„Ich denk mir halt, er wird in aller Früh aufgstanden sein, um dir ein Buschen z’ brocken, damit er dir gleich eine Freud machen könnt, wenn du aufwachst …“

„Der gute Mensch!“

„Und da wird’s halt noch ein bissl finster gwesen sein … und ja … no … und da wird er wohl gfallen sein.“

„Aber wie kommst denn nachher du …“

„Ich war heut in der Früh schon im Wirtshaus da“, fiel Pauli dem Mädchen hastig ins Wort, „um dir ein Gruß ausz’richten vom Lehnl und dir z’sagen, du sollst kein Angst net haben, und es wär net so arg. Hast es aber so nötig ghabt, dass d’ mir sagen hast lassen, du könntst dir net denken, was ich mit dir z’reden hätt. Jetzt weißt es ja, wie’s mit dem Lehnl steht.“ Damit wandte sich Pauli zum Gehen.

Loni war mit diesem Bescheid nicht zufrieden, sondern fasste den Burschen am Arm und fragte weiter: „Aber wo hast denn du ihn gfunden?“

„Wo ich ihn gfunden hab? … Ja … schau, das is doch wohl net so wichtig … und …“ Pauli wusste nicht mehr, was er sagen sollte; erleichtert atmete er deshalb auf, als ihm ein Zufall zu Hilfe kam. „Jeh … da schau …der Lostanzer!“, reif er aus und deutete nach der Türe, durch die der Hochzeitlader in den Tanzsaal trat, den reich mit Bändern geschmückten Stab schwingend und umdrängt von der schwatzenden schar der Mädchen und Burschen. Pauli benützte den Augenblick, um in dem lärmenden Gedränge zu verschwinden. Was kümmerte ihn der Lostanz, der da nach alter Sitte abgehalten werden sollte? Auf das zweifelhafte Vergnügen, mit dem nächst Besten, durch das Los ihm bestimmten Mädchen tanzen zu müssen, verzichtete Pauli gerne.

Inzwischen hatte der Hochzeitlader einen schweren Stand. Die Loszettel mussten mit dem Namen der einzelnen Burschen beschrieben werden, von denen jeder zuerst die Gewissheit haben wollte, dass er ja nicht übersehen würde. Das Schreiben ging dem Alten auch nicht leicht von der Hand, und so war er froh, als Muckl sich zum Gehilfen anbot. Die beschriebenen Zettel wurden gerollt und in den Hut des Hochzeitladers geworfen. Dabei drückte Muckl dem Alten heimlich ein gefaltetes Los in die Han dun flüsterte ihm zu: „Da steht dem Pauli sein Namen drauf. Den gibst z’allerletzt der Loni. Es soll dein Schaden net sein.“

Bestimmend zwinkerte der Hochzeitlader mit den Augen, dann nahm er den Hut mit den Zetteln und rief: „Also, her da zum Gspiel! Buben und Dandln! A jeds kommt ans Ziel! Seids alle da?“

„Ja!“, schallte es laut im Chor.

„Franzerl, komm her“, rief der Hochzeitlader einem der Mädchen zu, „mach du den Anfang!“

Das Mädchen zog ein Los aus dem Hut und reichte es dem Alten.

„Also aufpasst! Erstes Paar: Die ehr- und tugendsame Jungfrau Franziska Reindl mit dem hochlöblichen Jüngling Kaspar Hintermeier.“

„Da bin ich schon!“, lachte der Bursche, drängte sich durch den Kreis und fasste mit hellem Juhschrei das Mädchen um die Hüften.

So ging es weiter; Paar um paar wurde ausgelost, bis die Zettel zu Ende waren.

„Halt … halt!“, rief plötzlich der Hochzeitlader, als sich der Kreis der Umstehenden schon zerstreuen wollte. „Da hat sich ja gar so ein verfluchts Papierl unters Hutfutter einigschoben!“ Geschickt praktizierte er das absichtlich zurückgehaltene Los in den Hut. „Welche von den Deandln hat noch net zogen?“

„Da … d’ Loni! Die hat gwiss noch kein Lostanzer!“, fiel Muckl ein und zeigte auf das Mädchen, das, mit einer alten Bäuerin plaudernd, eben den Tanzboden betrat.

Der Hochzeitlader schritt auf Loni zu, und der ganze Kreis drängte sich ihm nach. „Ja was is denn, Loni“, rief der lustige Alte das Mädchen an, „du wirst doch beim Spiel kein Ausnahm net machen? Schau, da is grad noch ein Los da!“

„No, so geh her, dass Ruh is!“, gab Loni lächelnd zur Antwort, nahm das Los aus dem Hut und reichte es dem Hochzeitlader.

„Jetzt bin ich aber neugierig … so neugierig war ich noch nie!“, rief Muckl, trat an die Seite des Hochzeitladers und blickte ihm über die Schulter, als er das Los aufrollte: „Je, der Pauli!“, lachte er auf.

„Letztes Paar: Die ehrengeachtete Jungfrau Appollonia Höflmeier und der tugendsame Jüngling Paulus Lohner, Herrgottschnitzer von Ammergau!“

Jähe Röte hatte im ersten Augenblick Lonis Gesicht überflogen; dann riss sie dem Hochzeitlader, der die Entscheidung des Loses verkündete, den Zettel aus der Hand, um sich zu überzeugen, ob er wirklich den ihr so leidigen Namen trüge.

„Schau, schau, der Pauli!“, kicherte Muckl. „Der muss dir rein von unserm Herrgott aufgsetzt sein, weil er ihn dir sogar beim Lostanz bis auf die Letzt aufhebt.“

„Das ist eine abkartete Gschicht!“, fuhr Loni auf. „Da tu ich net mit!“

„Wär netz wider!“, fiel der Hochzeitslader mit gut gespielter Entrüstung ein. „So wie ’s Los fallt, so musst tanzt werden! Das is Gotteswillen!“

Loni zuckte die Schultern und warf die roten Lippen auf. „Da hätt unser Herrgott viel z’tun, wenn er sich um all eure Dummheiten kümmern müsst!“

„Aber wo steckt denn der Pauli?“, fragte der Hochzeitlader und blickte suchend im Kreis umher.

„Man wird’s ihm wohl sagen lassen müssen“, meinte Muckl, „dem blinden Gockel, was ihm ’s Glück für ein Gerstenkörndl ins Maul gsteckt hat. Geh weiter, Loisl, rühr dich!“, schnauzte er den Geißbuben an, der sich neugierig herbeigedrängt hatte.

„Befehlen euer Gnaden!“ Dazu machte Loisl eine tiefe Verbeugung, wobei er komplimentierend den Blechtrichter abnahm, den er auf seinen Kranskopf gestülpt hatte, und sprang davon, um Pauli zu suchen.

„Mach dir kein Arbeit“, rief ihm Loni nach, „er wird’s noch zeitlich gnug erfahren.“

„Du wirst doch net am End Na sagen?“, fragte Muckl, und lauernd blickte er dem Mädchen in die Augen.

„Was ich tu, is mein Sach!“, war die bündige Antwort.

„Das schon“, gab Muckl lächelnd zurück, „aber der Lostanz is ein alter Brauch, und wie sich’s trifft, so muss tanzt werden.“ Die lebhaftesten Zeichen der Zustimmung von Seiten der umstehenden Burschen begleiteten diese Worte. „Da täten wir uns ghörig auf die Füß stellen, wenn du ein Ausnahm machen wolltest!“

„Hab ich denn gsagt, dass ich’s will?“, fuhr Loni auf, und ihr Gesicht rötete sich vor Erregung. „Aber wann ich’s wollt, nachher könnt’s ihr alle mich net davon abhalten!“

„O ja! Das können wir!“, rief ein Bursche aus dem Haufen; und schreiend und protestierend drängte alles auf Loni ein.

Muckl lachte laut hinaus. „Geh, plag dich net, du Feinspinnerin! Man weiß ja doch, dass bald Hochzeit machst mit dem Pauli.“

„Dummes Gschwatz, einfältigs!“, gab Loni mit bebender Stimme zurück. „Hab ich vielleicht je ein Grund geben, dass du so daherreden kannst?“

„Am Tag und am Tanzboden vielleicht net“, lautete Muckls spöttische Antwort, „aber wer weiß … vielleicht bei der Nacht auf der Alm!“

„Muckl“, klang es mit zornigem Aufschrei von den Lippen des Mädchens, das bis in den Hals erblasst war.

„Deswegen musst net so auffahren“, erwiderte Muckl mit einer verletzenden Vertraulichkeit, „es is doch so, wie’s is! In aller Fruh haben ’s ja schon die Spatzen am Dach pfiffen, dass der Pauli heut Nacht auf der Weglalm bei dir am Kammerfenster war.“

Dem Mädchen stockte der Atem. „Der Pauli … an meim …“

„Da is der Pauli!“, klang Loisls Stimme von der Türe her. Und Pauli, dem die Freude über den glücklichen Zufall aus den Augen leuchtete, drängte sich schon durch die Umstehenden. „Ja Loni! Is’s denn wahr? Du und ich? Das is ja doch ’s reinste Glücksspiel! Eine Freud hab ich, dass ich gleich narrisch werden könnt. Und schamen wirst dich gwiss net müssen mit mir! Denn wenn ich auch ’s Tanzen schon lang nimmer trieben hab, verlernt, mein’ ich, hab ich’s noch allweil net!“ Damit streckte er die Arme nach Loni aus, war aber bitter überrascht, als ihn das Mädchen mit harter Faust zurückstieß.

„Ich will dir aber sagen, was du verlernt hast“, brach es in heißen Worten von ihren Lippen, „die Rechtschaffenheit von einem braven Burschen … du falscher, scheinheiliger Mensch, der sich net schämt, ein braves Weiberleut um ihren ehrlichen Namen z’bringen durch seine Schlechtigkeit und Hinterlist!“ Ein tiefer, schluchzender Atemzug erschütterte Lonis Brust.

Pauli wusste nicht, wie ihm geschah. Mit weit geöffneten Augen blickte er sprachlos auf das Mädchen.

„Und drum sag ich dir jetzt: Wo ich bin, hast du in Zukunft nix mehr z’suchen! Dein Tanz aber …“, mit zitternden Händen zerriss sie das Los und warf dem Burschen die Fetzen vor die Füße, „da hast ihn, den kannst halten, mit wem du willst. Die Loni is von heut an nimmer für dich auf der Welt … das merkst dir! Und dass du’s net vergisst, und dass die Madln alle, wie s’ da rumstehen, wissen, wie man mit so eim nixnutzigen Burschen umgeht, so will ich’s ihnen zeigen …“ Einen hastigen Schritt machte sie auf den Burschen zu. „Du schlechter Mensch!“ Und ein brennender Schlag fiel auf Paulis Wange.

Wie flüssiges Feuer stieg dem Burschen das Blut in Wangen und Stirne. Die Adern an Hals und Schläfen schwollen ihm zum Springen, und ein Schauer flog über seine Gestalt. Plötzlich hörte er, wie ihm einer ins Ohr zischelte: „So was wirst du dir noch net gfallen lassen! Vom Pechlerlehnl seiner Tochter!“ Es war Muckl – und Pauli wusste nun, wem er diese Schmach zu danken hatte. In der ersten Wallung seines Zornes wollte er sich über den scheu zurückweichenden Burschen stürzen. Aber wie mit einem Schlage standen alle Erlebnisse der letzten Nacht vor seinen Augen, er hörte das leise Flehen des blutenden, um sein Geheimnis besorgten Alten, und kraftlos sanken ihm die erhobenen Arme nieder.

Da fiel sein Blick auf Loni, die, ohne sich umzublicken, zur Türe ging. Mit ein paar Schritten hatte er das Mädchen eingeholt und zog die Widerstrebende mit unerwehrbarer Gewalt in den Tanzsaal zurück. „Halt, Loni! Net von der Stell, bis ich dir gsagt hab, wozu du mich rausgfordert hast! Wie ich jederzeit zu dir gstanden bin, wie mein Herz an dir ghängt is, das bruach ich dir nimmer z’sagen … wohl aber, dass kein mehr finden wirst auf der Welt, der’s so ehrlich mit dir meint wie ich!“

„Ja glaubst denn du …“, fuhr Loni auf.

„Red net!“, schnitt ihr Pauli mit hartem Klang das Wort ab. „Was ich dir jetzt zum sagen hab, is keine Frag und braucht auch kein Antwort. Ich will auch den Grund net wissen, warum du mich gschlagen hast. Denn was man dir auch von mir eingredt hat … und ich weiß auch, wer dir’s eingredt hat … so weit hättst mich kennen sollen, da, wenn’s was Schlechtes gwesen wär, dass es grad deswegen eine Lug hätt sein müssen. Übrigens brauch ich mich net vor dir zu verteidigen … ich wüsst net wozu … aber ich sag dir bloß das einzige: Sei froh, dass du ein Madl bist! Das erspart dir wenigstens die Vergeltung für den Schlag.“ Paulis Fäuste ballten sich bei diesen Worten, und aus seinen Augen blitzte der heiße Zorn über die erlittene Schmach.

Mit großen Augen blickte Loni auf den Burschen, der vor ihr stand, ein Bild zürnender Männlichkeit. Es wurde ihr bange vor diesen flammenden Blicken, unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und umklammerte, wie Schutz suchend, mit zitternden Händen den Arm einer Freundin.

Da fielen Paulis Augen über die auf dem Boden zerstreuten Fetzen des zerrissenen Loses, und seine Lippen zuckten in erzwungenem Lächeln. „Die Fetzen vom Los hättst mir auch net vor die Füß hin z’werfen braucht … denn dass ich noch mit dir tanzen wollt, das wirst ja doch net glauben? Zwar … wann ich wollt … musst net meinen, dass mich was abhalten könnt …“ Er trat vor Loni hin und hob ihr langsam seine starken Arme bis an die Augen. „Da schau dir s’ an, die zwei Arm! Mit denen lupfet ich dich in d’ Höh …“ Dabei fasste er Loni mit beiden Händen um die Hüfte, schwang sie mit gestreckten Armen hoch über den Kopf empor, und indem er sich ein paar Mal um sich selbst drehte, wirbelte er das Mädchen im Kreis herum, dass die Röcke flogen; mit so kräftigem Ruck stellte er sie dann zur Erde nieder, dass Loni, rückwärts taumelnd und mit beiden Händen nach einer Stütze haschend, in die Arme ihrer Freundin sank.

Ein Blick aus Paulis Augen flog noch über das zitternde Mädchen. „Da stehst! Und jetzt wenn du sagst: Zwischen uns is nix und zwischen uns wird nix, nachher kannst recht haben! Bhüt dich Gott!“ So hart waren diese drei Worte nie noch über Paulis Lippen gekommen, und nie noch waren sie von einem so Zorn funkelnden Blick begleitet gewesen, wie der, mit dem sich der Herrgottschnitzer von Loni wandte.

Scheu wichen die umstehenden Mädchen vor ihm zurück, und auch die Burschen machten gutwillig Platz, so dass Pauli, während ihm all diese verdutzten Augen nachguckten, durch eine förmliche Gasse schreiten musste, um die Türe zu erreichen. Noch ein Schritt, und er war verschwunden.

Auf Loni war es wie ein lähmender Bann gelegen. Halb auf den Knien, von den Armen ihrer Freundin gestützt und mit der zitternden Hand am Munde, war sie regungslos verbleiben und hatte mit verstörten Augen dem Pauli nachgeblickt. Und als er durch die Türe verschwunden war, erschütterte ein krampfhaftes Schluchzen Lonis Brust. Sie sprang auf, riss sich mit zornigem Ruck von ihrer Freundin los und stürzte davon, mit beiden Händen das Gesicht bedeckend, um vor all den neugierigen Augen, die ihr mit unverhehlter Schadenfreude nachblickten, die hervorbrechenden Tränen zu verbergen.

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