Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

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6.

Mit dem Rücken an den Zaun gelehnt, der die Hütte umzog, und die beiden Arme auf die raue Stange gestützt, so stand Loni mit gesenktem Kopf und hing ihren Gedanken nach. Lehnl war ihr schon immer lieb gewesen. Seit sie aber jetzt wusste, dass er ebenso verlassen und allein in der Welt stand, wie sie selbst, seitdem war es ihr, als hätte ein unsichtbares Band ihre Herzen noch näher aneinander geschlossen. Wie kühlender Tau waren die Worte des Alten auf ihr heißes, unruhiges Herz gefallen, und sie fühlte sich jetzt so leicht und ruhig wie noch nie. Fast fremd standen ihr die bitteren Gedanken des Hasses und des Vorwurfs gegenüber, die sie in verschlossener Brust gegen ihr herbes, durch die eigenen Eltern verschuldetes Schicksal genährt hatte. Und sie fühlte sich fast überzeugt, dass all dies dunkel Vergangene genau so gewesen sein müsste, wie es ihr Lehnl als möglich dargestellt hatte; und statt mit ziellosen Vorwürfen das gequälte Herz zu betäuben, fing sie an, das Schicksal ihrer Eltern zu betrauern und zu beklagen. Freilich machte sich auch der Gedanke geltend, dass an den Tatsachen selbst wenig sich ändere, wenn nicht herzlose Gleichgültigkeit, sondern Unglück und Liebe sie in die Hände fremder Leute gelegt hätten.

Loni richtete sich auf. „In Gottesnamen“, seufzte sie, „unser Herrgott wird wissen, wie’s gwesen is, und wird schon alles recht machen.“ Dann trat sie in die Hütte.

Hinter dem kleinen Fenster der Almstube schimmerte ein matter Lichtschein auf.

Längst hatte der Mond sich wieder hinter den Wolken verborgen. Ein kühler Nachthauch zog vom Tal herauf und machte die Wipfel der schwarzen Tannen schwanken; doch so leise klang ihr Rauschen, dass es die knisternden Tritte nicht zu übertönen vermochte, die sich vom Waldsaum hören ließen. Vorsichtig trat neben dem Brunnen eine dunkle Gestalt aus dem Gebüsch, lautlos schlich sie über den Hügel zur Hütte hinauf und näherte sich vorsichtig der Bank unter dem Fenster. Da bewegte sich das Licht, und ein voller Strahl fiel auf das Gesicht des späten Besuchers. Es war Muckl.

Nun saß er auf der Bank, die Wange an die Wand gedrückt, und blickte durch die erleuchteten Scheiben. Was er sah, machte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn. Vor dem Tisch, über dem ein kleines Kruzifix an der Wand befestigt war, kniete Loni mit gefalteten Händen und betete. Dann erhob sie sich, schritt ihrer Lagerstätte zu und begann das Mieder aufzuschnüren. Fast bis an die Scheiben rückte Muckl sein Gesicht, auf die Gefahr hin, von innen erblickt zu werden. Plötzlich fuhr er zurück – Loni war zum Tisch gegangen, und gleich darauf erlosch das Licht. „Du hast den Teufel!“, zischte es ärgerlich durch die Zähne des Burschen. Unschlüssig saß er und überlegte, was er tun sollte. Minute um Minute verrann. Eben wollte Muckl die Hand erheben, um an das Fenster zu klopfen, als er die Türe des Schuppens knarren hörte.

„Loni?“, klang gedämpft die Stimme Lehnls. „Sie wird schon schlafen!“, murmelte der Alte vor sich hin, als er keine Antwort erhielt. Er hatte weder Ruhe noch Schlaf finden können. Dazu war ihm die Hitze, die auf dem Heuboden herrschte, unerträglich geworden, und so kam er nun heraus, um in der kühlen Nachtluft Erfrischung zu finden.

Muckl war beim ersten Geräusch, das er vernommen, von der Bank aufgesprungen. Eng an die Wand gedrückt, hatte er sich Schritt für schritt gegen die Ecke der Hüte fort geschlichen. Plötzlich stieß er mit dem Fuß gegen ein am Boden liegendes Brett.

„Halt!“, fuhr Lehnl auf, der zur Bank gegangen war. „Was is denn? Was rührt sich da?“

Im gleichen Augenblick, als Muckl über den Hügel hinunterschleichen wollte, hatte Lehnl ihn trotz der Dunkelheit erblickt. Mit einem wilden Satze sprang der Alte auf den Burschen los und bekam ihn an der Joppe zu fassen. „Wart, ich will dir …“ aber seine Stimme erlosch in einem dumpfen Röcheln, denn Muckl hatte beide Hände um die Kehle des Alten geschlungen, und Brust an Brust drängte er ihn über den Hügel hinunter gegen den Brunnen. „Auslassen … oder …“, zischte er dem Alten zu, der den heißen Atem des Burschen auf seiner Wange fühlte.

„Die Stimm sollt ich ja kennen!“, keuchte Lehnl, während er die Arme noch fester um Muckls Hüften klammerte. „Was willst du … da heroben … Muckl!“

Jähe Wut befiel den Burschen, als er sich erkannt wusste. „Jetzt will ich nur sehen, ob du net … auslasst!“ Bei diesem Wort schleuderte er mit dem Aufgebot all seiner Kraft den alten von sich. Ein paar Schritte taumelte Lehnl zurück, und niederstürzend schlug er in voller Wucht mit dem Kopfe gegen den scharfkantigen Brunnentrog. Ein mattes Röcheln, und alles war still. Muckl stand atemlos, und die Angst stieg ihm bis in die Kehle, als er sah, was geschehen war – gegen seinen Willen. Er hatte ja nichts anderes wollen, als sich freimachen von Lehnls Händen. „Herrgott, was hab ich angfangt!“, stieß er hervor. Mit zögernden Schritten ging er auf den leblos Daliegenden zu und beugte sich zu ihm nieder. „Lehnl … Lehnl!“, rief er leise und rüttelte ihn am Arme. Plötzlich richtete er sich auf und lauschte – hastige Schritte klangen aus dem Gehölz. „Verflucht! Da führt der Teufel noch wen daher.“ Mit ein paar Sätzen war Muckl im Gebüsch verschwunden. Kaum hatten sich die Zweige hinter ihm geschlossen, als die Wolken den Mond wieder freigaben.

Unter den Bäumen, dicht am Aufstieg zur Hütte, stand Pauli, in der einen Hand den Bergstock, in der andern einen dicken Strauß von Edelweiß.

Mit banger Sorge blickte er um sich. „Da hat’s was geben!“, murmelte er. „Es wird doch der Loni nix geschehen sein!“ Noch ein paar Schritte, und er sah den Lehnl in seinem Blut liegen. „Jesus Maria!“ Mit diesem Ausruf sprang er auf den Alten zu, Bergstock und Strauß entsanken seiner Hand, und im gleichen Augenblick lag er auch schon auf den Knien vor Lehnl. „Um Gottes willen, was is denn geschehen! … Lehnl, du lieber Herrgott … Lehnl … komm doch zu dir!“ Zitternd schob Pauli den einen Arm unter Lehnls Kopf, riss sich mit der andern Hand das Halstuch herunter, tauchte es in den Brunnen und drückte es auf Lehnls blutende Stirne.

Ein tiefer, stockender Seufzer machte die Lippen des Alten zittern. Seine Hand erhob sich und griff nach der Brust. Langsam öffneten sich die Augen, und während er starr in das Gesicht des Burschen blickte, fragte er mit matter Stimme: „Was is denn … wo … bin ich denn?“

„Auf der Weglalm … und ich bin bei dir … der Pauli!“

„Der Pauli!“ Die Hand auf die Erde stützend, richtete sich Lehnl auf und schlang den Arm um Paulis Hals. „Und du kommst heut noch da rauf? Da hat unser Herrgott ein Wunder gwirkt.“

„So ein Wunder bringt d’ Lieb auch noch fertig! Da braucht man grad kein Herrgott. Aber red … was is denn mit dir? Du bist ja voller Blut!“ Pauli stützte den Alten und ließ ihn neben dem Brunnen auf die Holzbank nieder. „Um Gottes willen … ganz voller Blut bist!“

„Macht nix … macht nix“, flüsterte Lehnl mit matter Stimme, „wenn’s gleich der letzte Tropfen wär! Ich sag nur dem Himmel Vergeltsgott, dass ich am Platz gwesen bin. Dem Madl war’s schlecht vermeint!“

„Wieso?“, fuhr Pauli auf, der das blutgetränkte Tuch in den Brunnen tauchte.

„Der Muckl war da … ich hab ihn recht wohl kennt! Und was er wollen hat, das wirst dir denken können. Aber was ich heut von dem Madl abgwendt hab, das kann ihr morgen zustoßen. Wer weiß, ob ich die Nacht noch überleb … die Angst druckt mir fast ’s Herz ab!“ Zitternd klammerte sich Lehnl an Pauli, der ihm das feuchte Tuch um die Stirne gebunden hatte. „Pauli … ich kenn dich als den, der an der Loni hängt mit Leib und Seel! Wer weiß, was mit mir gschieht … nachher steht das arme Madl allein auf der Welt. Bei allem, was dir heilig sein kann …“ und in einem Fieber von Angst schlang Lehnl beide Arme um Paulis Hals, „ich bitt dich … sei du ein Schutz und eine Hilf für mein armes Kind!“

Starr blickte Pauli in Lehnls weit geöffnete Augen. „Dein Kind?“

„Jesus Maria!“ Stöhnend sank der Alte auf die Bank zurück und barg das Gesicht in den Händen. „Meine angst und Sorg hat verraten, was ich so lange schwere Jahre verschwiegen mit mir umtragen hab! Ja, Pauli … d’ Loni is mein Kind. Trag’s ihr net nach, dass sie mich zum Vater hat, versprich mir’s …“

„Alles, alles, was du willst!“, fiel Pauli beschwichtigend ein. „Sei nur jetzt grad stad! Schau, ’s Reden könnt dir leicht schaden. Setz dich da her aufs Bankl, ich weck derweil d’ Loni.“

„Na, na!“, fuhr Lehnl auf. „Tu’s net! Sie könnt erschrecken, wann s’ mich so sehen tät!“

„Wie d’ meinst, dass ’s besser is! Probieren wir’s, vielleicht kommen wir nunter.“

„’s beste is, du lasst mich da sitzen!“, bettelte der Alte. „Wenn ich fortging, ich könnt ja doch net sein vor lauter Angst um das Madl!“

„Na, Lehnl, das geht net!“, erwiderte Pauli ernst. „Jetzt folgst mir und gehst mit mir nunter in d’ Holzerhütten. Dort breit ich dich recht gut eini, und wenn du dich erholt hast, geh ich wieder rauf … dass dich net sorgen musst … und setz mich daher, bis Tag wird.“ Pauli hob den Bergstock und die Blumen vom Boden auf. Als er im Mondlicht den Strauß betrachtete, sah er dunkle Flecken an den weißen Blütensternen. „Arms Sträußerl! Bist auch blutig worden? Und hab mich so viel plagt um dich! Nimm ich dich halt wieder mit! Und wenn je in mir der Missmut aufsteigen sollt gegen ’s Madl … nachher sollen mich die Blümerln mahnen an die jetzige Stund.“ Er wandte sich zu Lehnl. „Komm, häng dich ein in mich!“ Sorgsam legte er den Arm um den Alten, und mit dem Bergstock fest ausholend und jeden Schritt stützend, führte er den Wankenden dem Gehölze zu.

Kaum waren die beiden unter dem Schatten der ersten Bäume verschwunden, da trat Muckl wieder aus dem Gebüsch und blickte ihnen nach. Als er vor Pauli geflohen war, hatte ihn die Angst und die Sorge um Lehnl nicht weit kommen lassen; er war zurück geschlichen und hatte deutlich jedes Wort vernommen, das zwischen den beiden gesprochen wurde. Die Tochter des von der Gemeinde erhaltenen Pechlerlehnls hatte für den Sohn des reichen Rötelbachbauern wenig Interesse mehr. Mit langen Schritten eilte Muckl über die Lichtung vor der Hütte und stieg geraden Weges durch den Wald hinunter, dem Dorfe zu.

Für Lehnl und Pauli war inzwischen der Weg nach der fast eine Viertelstunde tiefer liegenden Holzerhütte eine schwere Mühe. Den Alten mehr tragend als stützend, musste Pauli auf dem finsteren Pfad jede Wurzel, jeden Stein und jede Stufe mit dem Fuße vorausfühlen, um Lehnl darauf aufmerksam machen zu können. Endlich war’s überstanden. Pauli weckte den Holzknecht, der in der Hütte übernachtete und bereitwillig seine Liegerstatt an Lehnl abtrat. Frisches Moos wurde herbeigebracht, um das Lager weicher zu machen. Als Lehnl gebettet lag, von einer dicken wollenen Decke umhüllt, nahm er Paulis Hand, zog ihn zu sich nieder und flüsterte ihm ein paar leise Worte ins Ohr.

„Soll ich net lieber warten, bis du eingschlagen bist?“, fragte Pauli mit gedämpfter Stimme. Lehnl schüttelte den Kopf und blickte bittend zu dem Burschen auf. Sanft drückte ihm Pauli die Hand, dann nahm er den Holzknecht beiseite und verließ mit ihm die Hütte. „Er hat was verloren“, flüsterte er draußen dem Knechte zu, „und ich soll’s ihm wieder suchen. Wann jetzt ein gutes Werk tun willst, so richt eine Tragbahren zamm, bis ich wieder komm. Magst?“

„Is recht!“, war die Antwort. Und Pauli rannte in die mondhelle Nacht hinaus.

Als er Lonis Hütte erreicht hatte, blieb er lauschend stehen; dann schritt er auf den Brunnen zu und ließ sich auf die Bank nieder.

Der Tau der Nacht fiel auf Paulis Haar und schultern; er schien es nicht zu merken; ohne sich zu regen, saß er da; nur einmal tauchte er die Hand in den Brunnen und kühlte die Stirne.

Als der Morgen dämmerte und das erste leise Frührot über die Spitzen der Berge herabglitt, erhob sich Pauli und stieg zur Holzerhütte hinunter.

Bei Lehnl hatte sich mit Schüttelfrost das Wundfieber eingestellt. Mit Hilfe des Holzknechtes legte ihn Pauli auf die Reisigbahre, und so trugen sie ihn bis vor das kleine Haus, in dem der Herrgottschnitzer seine Werkstätte aufgeschlagen hatte.

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