Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

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5.

Drunten im Tale lag schon die Dämmerung über den Wiesen. Nun schlich sie auch herauf über die tannenbewaldten Höhen; langsam krochen die tiefen, riesigen Schlagschatten der Nachbarberge über die entschlummernden Wipfel und über die stillen Matten, während der letzte Scheidegruß der Sonne die waldlosen Kuppen und Spitzen mit dunklem Purpur überhauchte. Hinter den Bergen da draußen, fern am Himmel, sah man noch einzelne lang gezogene Wolkenstreifen mit lichtem Gold gesäumt, aber je höher es hinging am Firmament, um so blässer wurden die Farben, umso unklarer schwammen die Konturen der gleich getönten Wolkenmassen durcheinander. Fast schien es, als hätten diese leblosen Gebilde der Lüfte plötzlich Leben und Gefühl in sich geboren, fähig, die ganze herbstliche Schönheit des hinschwindenden Tages zu erfassen – so sehnsüchtig zogen sie der untergehenden Sonne nach. Und fern im Osten zeige die dunkle Hülle des Himmels einen matten, sich in der Runde wieder verlierenden Lichtkreis. Der kam von den Strahlen des Mondes, die sich dort einen hellen Weg durch die lichten Wolken brachen.

Auch auf der Alm war es still geworden; das Gebrüll der einziehenden Kühe war verstummt, das vielstimmige Geläut der Schellen war verklungen, und auch der Brunnen schien leiser und ruhiger zu fließen als am Tage. Still inmitten dieses Friedens stand die Hütte; nur die leichten Dampfwolken des mit Wasser gelöschten Herdfeuers kräuselten sich noch durch die Ritzend es Schindeldaches in die dunkelnde Luft.

Auf der Bank vor der Hütte saß Lehnl und schmauchte sein Pfeifchen. Nun trat auch Loni aus der Tür ins Freie; sie hatte die Arbeitsschürze abgelegt und stülpte, als sie sich an Lehnls Seite auf die Bank setzte, die Ärmel ihres Leibchens nieder.

Der Alte musste wohl all die Zeit her über die wenig freundlichen Worte nachgedacht haben, mit denen Loni seinen jungen Freund Pauli entlassen hatte; denn er sagte: „Heut hättst dir mit leichter Müh den schönsten Buschen Edelweiß verdienen können, wenn dem Pauli, wie er gangen is, ein gutmütigs Wörtl geben hättst. Er hat ihn schon im Rucksack ghabt. Aber freilich …“

„Lass mir mein Ruh!“, unterbrach ihn das Mädchen. „Und fang net wieder von dem Leimsieder an! Du kannst viel zu mir sagen … wenn du aber sonst nix z’reden weißt, nachher kannst mich fuchtig machen.“

„Ich tu’s doch net, um dich z’ärgern“, fiel Lehnl beschwichtigend ein, „ich tu’s ja nur, weil ich dir’s gut mein’!“

„Was du net sagst!“, lautete die halb spöttische, halb verdrossene Antwort.

Lehnl tat ein paar tiefe Züge aus seiner Pfeife. „Schau …“, abermals ein tiefer Zug, „gestern, wie dem Muckl sein Vater um dich anghalten hat, is mir völlig angst worden, du könntest Ja sagen. Der Muckl is ein guter Kerl, das heißt, wenn er mag … aber wenn du ihn auch gern ghabt hättst, ihr zwei hätts doch net zammpasst! Er is ein Mensch, der ’s Leben nimmt, wie d’ Sennerin den Rahm … von oben weg. Bei dir is die Gschicht ganz anders. Und zwei Leut, die im Verstand verschieden sind, die passen niemals net zamm. Der einzige … nimm mir’s net übel, dass ich halt wieder davon anfang … der einzige, der in solcher Art zu dir passt, das is und bleibt der Pauli.“ Vertraulich rückte Lehnl näher und schmiegte sich an die Schulter des Mädchens. Seine Pfeife schien er ganz vergessen zu haben, als er fortfuhr: „Schau, Loni, du musst bloß denken, wen du auf der Welt noch hast. Deine Pflegmutter liegt schon unterm Boden, und dein Pflegvater is auch schon ein alter Heiter … ich will gwiss nix brufen …“ so unterbrach er sich, als er sah, dass die Lippen des Mädchens leise zu zittern begannen, „ich will gwiss nix berufen, aber schau, mein liebs Madl, man weiß halt doch net, was heut oder morgen geschehen kann.“

Loni hatte die Hände in ihrem Schoß liegen; nun fuhr sie sich rasch mit dem Arm über die Stirne, und ihre Stimme klang gepresst: „Was gaukelst jetzt da so lang umeinand im Nebel? Sag doch kurz: Du hast kein Menschen auf der Welt, von dem du sagen könntest, er ghört zu dir und du zu ihm. Schau, Lehnl …“ Die Härte in ihrer Stimme milderte sich, „ich hab selber schon öfters über den Pauli nachdenkt. Und wenn’s mir dann in Sinn kommt, wie verlassen ich auf der Welt bin, da tut’s mir wohl, wenn ich mir sagen kann, es gibt ein Menschen, von dem ich weiß, ich bin sein ganz Denken, ich bin sein Alles. Aber wenn ich nachher den Pauli wieder anschau, wie er is und wie er tut, so muss ich mir wieder sagen, ich kann ihn net mögen, ich kann halt net.“

„Wann ihn nur ich heiraten könnt!“, seufzte Lehnl in einem leisen Anlauf von Scherz, als begänne ihm das Gespräch zu ernst zu werden.

Loni aber hatte diesen Einwurf ganz überhört. „Mein Pflegvater hat gwiss viel für mich tan“, sprach sie weiter, „ich hab ihn auch ganz gern. Aber die rechte Lieb, wie man s’ zu eim Vatern haben soll, is das halt doch net. Wenn ich mir das alles ag“, tief atmend presste Loni die Hände auf ihre Brust, „dann spür ich’s recht schwer, dass ich kein Menschen hab auf der Welt, den ich so recht von Herzen lieb haben kann, und wo ich auch wüsst, warum. Schau, in eim solchen Augenblick, da steigt’s mir heiß auf, und ich kann die Stund nur verfluchen, in der meine rechten Eltern mich der Gnad und Barmherzigkeit fremder Leut überlassen haben.“

Loni war aufgesprungen und drückte den Arm mit geballter Faust über die Augen.

Als Lehnl sie um die Hüfte fasste und sanft wieder auf die Bank niederzog, fühlte sie, wie die Hände des Alten zitterten. „Weißt denn auch gwiss“, so fragte er mit einer Stimme, die das Mädchen erstaunt aufblicken machte, „weißt denn auch gwiss, ob’s keine Sünd is, wenn du so von deine Eltern redst?“

„Schau, Lehnl … in meim Herzen, da is mir’s grad, als wär ein Kammerl drin, das mir unser Herrgott ganz extra für d’ Eltern gschaffen hat. Und wie weh mir’s tut, dass die Kammer leer bleiben is, das kann ich keim Menschen net sagen. Ich hab keine Eltern und hab doch ein Herz dafür, und mir will’s net in Sinn, dass es Leut geben soll, die ein Kind haben und keine Liebe dazu, die’s weggeben können in Gleichmut oder gar in Hass!“

Der Alte, vor dem das Mädchen so ihr Innerstes ausschüttete, musste ein tiefes, mitfühlendes Herz besitzen; denn seine Stimme war ganz zerdrückt, als er fragte: „Wer sagt dir denn für gwiss, dass alles so is?“

„Wie könnt’s denn anders sein?“, fuhr Loni auf. Dann sank sie wieder in sich zusammen und nickte. „O ja … eins könnt ich mir noch denken: Dass ich eine Mutter ghabt hab, die mich wegglegt hat aus Angst vor der Schand, dass sie Mutter worden is. O hätt s’ mich bhalten! Meine Lieb hätt ihr müssen alles vergessen lassen, die Treulosigkeit von ihrem Schatz und ’s Achselzucken von die andern Menschen!“

Loni verstummte und vergrub ihr Gesicht an Lehnls Schulter, der plötzlich von einer sonderbaren Neugier erfasst wurde, wie es um die Glut in seiner Pfeife stünde; denn er begann zu ziehen, zu blasen und mit dem Daumen in der Asche zu kratzen. Freilich, wäre es heller Tag gewesen, so hätte man mit dieser gleichgültigen Beschäftigung die schwere Träne wenig in Einklang bringen können, die ihm langsam über die braune, faltige Wange rollte.

„Sag einmal, Madl“, sprach er Loni an, und ein tiefer Ernst klang durch seine Worte, „sag einmal, wie’s kommt, dass du, wenn du von deine Leut redst, bloß allweil die schlechten Seiten aufführst und nie eine gute?“

Ohne den Kopf von Lehnls Schulter zu erheben, fragte sie leise: „Wüsstest du da eine z’finden?“

„O ja! … Denk einmal, sie hätten Unglück ghabt und wären so recht im Elend gsteckt, dass gar net gwusst hätten, wie sie sich von einm Tag auf den andern durchbringen sollen. Kannst dir jetzt gar net denken, dass deine Leut dich grad deswegen, weil s’ dich so gern ghabt, fort geben haben unter Kummer und Herzleid, bloß damit’s dir besser gehen sollt im Leben?“

„Jetzt so eine Lieb, die will mir net recht in Kopf! Ich mein’, d’ Lieb müsst bsitzen, d’ Lieb müsst haben … man sagt doch net umsonst: Lieb haben!“ In heißer Leidenschaftlichkeit lösten sich diese Worte von den Lippen des Mädchens. Wie in unbewusstem Drang hatte sie den Arm um den Hals des Alten geschlungen, und als nun ein breiter Strahl des Mondes, der durch eine Lücke der hüllenden Wolken niedergeflossen war, die beiden mit seinem milden Licht übergoss, da leuchteten Lonis Augen in hellem Feuer, und aus ihren Zügen sprach die dürstende Sehnsucht nach dem Besitz eines Wesens, das sie in treuer Liebe umschlingen könnte.

„O mein Deandl, Lieb und Lieb is zweierlei.“ Ein tiefer, stockender Seufzer hob Lehnls Brust. „Schau, Loni, es gibt auf der Welt gar verschiedene Lieben. Aber die richtigste und die wahrste is halt doch bloß d’ Elternlieb, weil sie die einzige is, die allweil gibt und niemals nimmt und nehmen will. Ein Bub, wenn er dich noch so gern hat, wenn er sich dir ganz z’eigen gibt, warum tut er’s … Narr … weil er dich dafür will. Aber was kann ein Kind seim Vatern oder seiner Mutter geben? Wenn’s brav is, haben die alten Leut ihr Freud, es is schon wahr … wenn ’s Kind die alten Leut recht lieb hat, wenn sie s’ hegt und pflegt, wie’s im vierten Gebot steht, es tut ihnen wohl … aber ’s Rechte und ’s Ganze is das noch allweil net. Die größte Freud, die man an Kindern erleben kann, das is, wenn s’ glücklich werden. ’s Glück von die Kinder is d’ Seligkeit von die Eltern.“

Mit großen, verwunderten Augen blickte Loni auf den Alten. „Aber Lehnl!“, sagte sie langsam, jedes Wort betonend. „Ich schau nur grad und frag mich, wo bei dir das alles herkommt? So kann ein Mensch net reden von der Lieb, wenn er s’ net selber gspürt hat.“

„No mein, freilich hab ich’s gspürt!“

„’s erste Wörtl, seit ich dich kenn!“

„Was hätt ich für ein Grund ghabt zum Reden?“ Das klang ausweichend – und mit umflorten Augen blickte Lehnl in die graue Dämmerung hinaus.

„Wenn auch sonst kein“, drang Loni schmeichelnd in den Alten, „nachher doch wenigstens den Grund, den ich hab, wenn ich dir mein herz ausschütt … dass mir leichter wird.“

„Du mein Gott, was wär auch am End an der Gschicht zu erzählen? So ebbes gschieht alle Tag!“ Ein paar Sekunden schwieg der Alte, dann begann er zu erzählen. Stoßweise kam es hervor, Wort für Wort; dem Klang der Stimme merkte man’s an, wie tief das alles, was sie sagte, jahrelang begraben war in einer verschlossenen, Schmerz gewohnten Brust. „Gern haben wir uns ghabt … ’s Madl und ich … aber ghabt haben wir nix … drum haben’s dem Deandl seine Leut auch net zuglassen, dass wir Hochzeit gmacht haben. ’s Madl war ein folgsams Kind, so haben wir halt gwart, bis die Alten gstorben sind. Es hat ein bissl lang dauert! Ich war schon in die Vierzig und ’s Madl net weit vom Dreißiger. In der Früh sind wir kopuliert worden, und am Nachmittag bin ich holzen gangen und mein junges Weib auf d’ Alm. Aber wir haben uns gern ghabt und waren z’frieden, wenn’s gleich oft kommen is, dass wir bloß über den andern Tag warm gessen haben. Zur richtigen Zeit war auch ’s Kind da. Jetzt hat ’s Unglück angfangt. Mein Weib hat sich nimmer erholt, und net lang hat’s dauert, da hat man’s eingraben.“ Der Alte fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Augen; dann sprach er hastig weiter. „Mich hat’s an dem Ort nimmer glitten … von Arbeiten war kein Red mehr … jeden Tag hat’s mich ans Grab trieben … und ich hab doch was verdienen müssen, schau, schon wegen dem Kind. Vielleicht wird’s besser, hab ich mir denkt, wann ich anderswo bin … und so bin ich halt einmal fort, ’s war ein eisig kalter Wintertag … ’s Kleine am Arm … da bin ich in d’ Nacht eini kommen … ’s Kind hat ’s Wimmern angfangt, dass ich gmeint hab, es zerreißt mir ’s Herz … meine eigenen Kräft haben mich verlassen … und … wie’s wieder Morgen worden is, hab ich kein Kind mehr ghabt!“ Lehnls Stimme verlor sich in einem schweren Schluchzen und es sank ihm der Kopf in die Hände.

Regungslos hatte Loni der Erzählung gelauscht, und ihre Augen waren feucht, als sie mit leiser Stimme fragte: „Dein Kindl is gstorben in der Nacht?“

Ein Schauer überlief den Alten. „Gstorben … ja … gstorben!“, murmelte er dumpf in die Hände, während ihm die Tränen durch die Finger rieselten.

„Arms Würmerl!“, seufzte Loni und strich dem alten mit linder Hand über das weiße Haar. Plötzlich sprang sie auf. „Lehnl! Aus jedem Wort, was du da gredt hast, hört man den Kummer und den Schmerz um deine verlorenen Lieben. Und wenn ich bedenk, wie lieb und gut du zu mir schon bist, wie gern musst du erst dein eigenes Kindl ghabt haben? Lehnl … sag mir: Hättest Du dein Kind weggeben können, so wie’s meine Eltern mit mir gmacht haben? Sag Ja … und ich kann vielleicht den Groll und den Hass gegen meine Eltern ersticken, der mir so schwer am Herzen liegt!“

„Madl … das is eine schwere Frag!“, klang Lehnls zögernde Antwort. „Ich kann net Na sagen und will’s auch net. Aber eins weiß ich gwiss: Wann ich in jener Nacht mein Kind unserm Herrgott anvertraut und braven Leuten vor die Tür glegt hätt … und wenn ich’s auch net haben könnt und dürft net zu ihm sagen: Mein Kind … es wär ein Trost für mich, wann ich wüsst, dass es jetzt besser dran is, als wie’s es je bei mir hätt haben können!“

„Ich dank dir, Lehnl, für das Wort!“, sagte Loni tief atmend und streckte dem Alten die beiden Hände hin.

Lehnl hatte sich erhoben, die Hände des Mädchens ergriffen, und als er nun sprach, blickte er ernst in Lonis tränenfeuchte Augen. „Wenn’s dich trösten kann, soll mir’s wohl tun. Jetzt sag ich dir halt gute Nacht … und wenn du dich niederlegst und kannst net gleich einschlafen, so denk halt ein bissl nach über das, was ich dir gsagt hab. Gut Nacht.“

Langsam wandte er sich ab, schritt auf die Türe des Schuppens zu und verschwand, um sich im Heu ein Lager zu suchen.

„Gut Nacht, Lehnl!“, rief ihm Loni nach. Aber das hörte er nimmer.

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