Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

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4.

Von der Stelle aus, wo der an Graswang vorüber fließende Rötelbach in die Ammer einmündet, muss diese einen mächtigen, viel gekrümmten Bogen beschreiben, um ihren Weg ins Ammergau zu finden. Gezwungen wird sie dazu durch einen Bergzug, der von der Brunnenkopf- und Klammspitzgruppe ausläuft, dann, unterbrochen durch die Spitzen des Pürstlingkopfes, des Sonnenberges und des Brunnberges, an Linder und Graswang vorüberzieht und nach der Seite von Ammergau in die Kobelwand, nach der Seite des Zusammenflusses von Rötelbach und Ammer in den Rappenkopf endigt. Auf halber Höhe dieses Berges hebt sich aus der tiefgrünen Bewaldung eine kleine Hochebene, auf der die von saftigem Weideland umzogene, dem Wirt von Graswang gehörige Weglalm gelegen ist. Fast in der Mitte des mit leichter Steigung gegen den Berg sich hinziehenden Wiesengrundes liegt die Sennhütte, an die, den aufstieg von Graswang verdeckend, das Gehölz mit einem schmalen Ausläufer herantritt, indem es die Hütte noch mit ein paar hochstämmigen Fichten überschattet und aus Wacholdergesträuch einen lauschigen Hintergrund bildet für einen Brunnenstock, der seinen dünnen Wasserstrahl leise plätschernd in einen ausgehöhlten Baumstamm ergießt. Die Sennhütte stand auf einer kleinen Bodenerhebung, die gegen den Brunnen in etwas starker Böschung ausläuft, während sie sich nach dem Berge zu in gerader Fläche verliert. Die eine Hälfte des Blockhauses bildete den Kaser, zu dem von außen die Türe führte, sowie den Wohnraum der Sennerin, der durch ein kleines Fenster sein Licht erhielt, die andere Hälfte den mit eigener Tür versehenen Stall und Schuppen; darüber lag das Schindeldach mit den Beschwerenden Felsbrocken.

Dicht unter dem Fenster war in die Außenseite der hölzernen Wand eine Bank eingefügt, auf der die Sennerin saß, das große Butterfass zwischen den Knien. Es war eine dralle Erscheinung, dieses Mädchen, dessen kräftige Arme mit flinker Geschicklichkeit den Stößer des Butterfasses handhabten. Im Takte zu ihrer Arbeit sang sie ein Lied, und als sie den Jodler mit einem hellen Jauchzer schloss, klang nah aus dem Gehölz ein lang gezogener Juhschrei zur Antwort.

Nandl sprang auf und eilte der Ausmündung des Steiges zu, der von Graswang zur Alm heraufführte. „Jeh, da kommt ja gar d’ Loni schon! Und der Lehnl is auch dabei! Das soll mich aber net wundern, denn ohne Lni kein Lehnl und ohne Lehnl kein Loni!“

„Grüß dich Gott, Nandl!“, sagte Loni, die unter den Bäumen hervortrat, aufatmend stehend blieb und sich mit dem Ärmel über die erhitzte Stirne wischte. Sie nahm das schwarze Kopftuch ab und blickte nach Lehnl zurück, der ihr mit etwas müden Schritten folgte.

„Wir haben dir … schon lang zughorcht … auf dein gsangl“, sprach der Alte die Sennerin an, wobei er ein paar Mal absetzen musste, um Atem zu holen. „Kannst es leicht so schön wie die Engeln im Himmel.“

„Probier’s ja auch allweil, damit ich einmal dazu stimm, wann ich auffi komm in Himmel.“

„Du darfst net eini!“

„So … wegen was nachher net?“

„Bist alles z’verliebt! Und die, wo so viel Gspusi treiben, lasst der Peterl net eini. So ebbes kann man im Himmel net brauchen!“

Nandl guckte mit verdutzten Augen drein. „Müsst ich fast lachen, wenn’s wahr wär!“

„’s Lachen wird dir schon vergehen, bald er dich einmal kriegt, der mit dem Schürhackl.“

„Geh, schwatz net so viel!“, mahnte Loni den Alten, nahm ihn beim Arm und zog ihn zum Brunnen. „Da setz dich nieder und schnauf ordentlich aus! Der Weg da rauf is kein Katzensprung für ein alts Leut.“

„Nandl … Nandl!“, plärrte es hinter der Hütte. „Mir is was geschehen!“ Und stolpernd kam Loisl den Hügel herab gerannt, indem er sich die Seite rieb und ein ganz jämmerliches Gesicht dazu schnitt.

„Was is denn schon wieder?“, fragte Nandl ungeduldig.

„Unser … unser Geißbock hat mich gstößen … das Vieh!“

Nandl musste lachen. „Hast ihn wieder tratzt, gelt?“

„Na, bloß ein Renner hab ich ihm geben, nachher is er davon. Und ich hab schon gar nimmer dran denkt und steh so droben am Hüttenbergl und schau zum Holzergirgl abi … da krieg ich von hint ein Puff und purzl übers Bergl abi. Wie ich in d’ Höh schau, steht das schwarze Vieh droben wie der Teufel und schaut mir nach und sagt allweil mehehehe!“

Lehnl und die beiden Mädchen lachten hell hinaus, als Loisl so dastand mit schlaff hängenden Armen, den Hals gestreckt und die Stimme des Geißbocks nachahmend.

„Der Geißbock is halt gscheiter als du!“, sagte Lehnl und klopfte dem Buben beruhigend auf die Schulter.

„Das is schon eine Kunst auch“, lautete die entrüstete Antwort, „wenn man ein von hint erwischt. Aber wart nur, jetzt hol ich mein Geißelstecken, nachher kriegt er Wix.“ Eilig humpelte Loisl der Hütte zu und verschwand in der Türe des Schuppens.

„Und ich richt mich halt jetzt schön langsam zamm, dass ich weiter komm“, sagte Nandl zu Loni, „weil doch schon so gut warst und auffikommen bist.“

„Ja, ja, geh nur, ’s Zeit, sonst kommst noch in d’ Nacht eini. Da … wann du nunterschaust ins Tal, da wird’s schon bald Abend.“

„Z’ tun hast nimmer viel“, sagte Nandl, während sie der Hütte zuging, „brauchst grad den Butter auslupfen, er is schon bald beinander … und was denn noch gschwind? Ja, und ein Trank fürs Vieh musst aufsetzen!“

„Ich will dir’s schon recht machen.“ Loni band sich die Schürze um, die Nandl abgelegt hatte, und ging auf die Bank zu, vor der das Butterfass stand.

Lehnl hatte sich die ganze Zeit über damit beschäftigt, die während des Aufstieges zur Alm erloschene Pfeife wieder in Brand zu bringen. Noch immer saß er auf der Bank am Brunnen. Und es schien ihm zu gefallen, dass Loni sich so rasch in ihre neue Arbeit schickte, denn es war ein herzlicher Blick, mit dem er dem Mädchen nachsah, als es zur Hütte hinaufstieg. „Kommst aus der Arbeit jtzt gar nimmer raus! Und falls nunterkommst, geht’s drunten auch wieder an. Die Hochzeit wird dir schön z’tun geben.“

„Mein, es wird mir doch d’ Arbeit net z’viel werden. Und gar daheroben! Kann’s denen in schöners Platzerl geben als die Weglalm? Die Berg … die Luft .. und schau, wann da an dem Fleckl stehst“, sie trat an das Stangengeländer, das die Hütte umzog, und hob die Hand über die Augen, „da siehst grad nunter auf Graswang, und da liegt’s dir so friedlich und heilig da wie ein Kripperl.“

Lehnl nickte schmunzelnd. „Nur geht ihm ’s Christkinderl ab, wenn du net daheim bist.“

Das Mädel lachte. „Geh, du bist ein verliebter Gimpel! Man meinet, was ich dir schon tan hätt, dass du gar so an mir hängst.“

„Du lieber Gott! Warum hast ein Nagerl gern, ein Röserl, oder d’ Sonn? Tut dir auch nix bsonders z’lieb und magst es doch! Musst dir mein guten Willen halt gfallen lassen.“ Wie ein Schatten flog es über Lehnls Gesicht. „Wann einmal verheirat bist, wird’s ohnedem anders.“

„Damit hat’s noch gute Weg!“, sagte Loni leicht vor sich hin und hob den Deckel des Butterfasses, um nach dem Inhalt zu sehen.

„Das musst net sagen! So was kommt oft über Nacht!“ Lehnl nahm die Pfeife aus dem Mund und guckte in die schwache Glut. „Hättst erst gestern dein Glück machen können.“

Energisch fuhr der Stößer mit Lonis Händen nieder, dass die Milch im Fasse klatschte. „Es is net dein Ernst, was du sagst! Obwohl …“ Stimme und Miene des Mädchens wurden diplomatisch, „obwohl der Muckl noch der einzige wär, von dem man bei so was reden könnt.“

„Wirklich? Der einzige?“, fragte Lehnl seine Pfeife, in der sich, ermuntert durch einen glühenden Schwamm, der Tabak zu besserem Brennen entschloss.

„Ich wüsst sonst kein!“, gab ihm, nicht die Pfeife, sondern Loni zur Antwort.

„No … und der Pauli?“

Abermals ein kräftiger Stoß in das Butterfass. Dann sprang Loni auf und schüttelte die Schürze. „Mit dem wär ich fertig für heut!“, rief sie.

Hastig hob Lehnl sein Gesicht. „Mit dem Pauli?“

„Na … mit ’m Butter.“ Und mit beiden Händen nahm Loni das Fass auf, um es zum Brunnen zu tragen.

„No mein“, Lehnl rückte ein bisschen, um Loni zum Ausheben des Butters Platz zu machen, „’s hätt grad so gut auf den Pauli auch passen können. Er is ja heut in aller Früh schon mit dem Maler fort auf den Sonnenberg. Und ich denk, der Herr Fritz wird dem Buben z’lieb beim Abstieg net zwei Stund weit ein Umweg bis auf d’ Weglalm machen wollen.“

„Gott sei Dank!“ Und klitsch und klatsch bearbeiteten Lonis Hände den Butterballen. „Gott sei Dank! So vergeht mir doch auch einmal ein Tag, wo mir der Mensch net auf die Füß umeinandertrappt!“

Da klang ein heller, kurzer Jauchzer von der Höhe, ein Jodler folgte, und schmunzelnd guckte Lehnl zu dem Mädel auf, das dastand wie vom Blitz gerührt. Mit knapper Not hatte Loni den Butterballen noch in den Händen behalten, der ihr beim ersten Schreck beinah in den Brunnentrog gefallen wäre. Und Lehnl lachte leise vor sich hin, wie Menschen lachen, die etwas eintreffen sehen, was sie längst erwartet haben.

„No ja“, stieß Loni hervor, und der Butterballen klatschte in die irdene Schüssel nieder, dass die Milch dem Alten ins Gesicht spritzte, „kennst ja wohl das Sprichwort vom selbigen Tier, von dem d’ Leut sagen:

Wenn man’s nennt,
Kommt’s grennt!“

Sie nahm die Schüssel auf und schritt der Hütte zu.

Unter der Türe trat ihr Nandl entgegen, das Kopftuch umgebundne und ein kleines Bündel unter dem Arm. „So, jetzt hab ich’s! Bhüt euch Gott, und halts mir gut Haus!“

„Halt, Nandl, ich geh mit!“, schrie Loisl, der aus dem Schuppen trat und mit seiner Peitsche knallte. „Könntst leicht ausrutschen auf dem wurzigen Weg.“ Er hatte noch nicht ausgesprochen, da stolperte er über eine der Hüttenstufen, fiel der Länge nach über den steilen Abhang und purzelte bis vor Nandls Füße. Mühsam erhob er sich, rieb sich unter schmerzlichen Grimassen die Hüfte und den Schenkel, und während er dem lachenden Mädel zum Steig folgte, brummt er vor sich hin: „Jetzt wär ich aber schiergar gfallen!“

Kaum waren die beiden im Gehölz verschwunden, als von der andere Seite Baumiller und Pauli über die Höhe herabstiegen.

„Ja Pauli?“, rief der Maler und sah sich verwundert um. „Wo hast denn du mich hingeführt? Da sind wir ja auf der Weglalm bei der lustigen Nandl.“

Eben trat Loni wieder aus der Hütte. „Heut müssen S’ aber schon mit mir vorlieb nehmen.“

„Ja Loni“, fragte der Maler verwundert, „seit wann bist denn du Sennerin?“ Dann stieg er zur Hütte herauf und reichte dem Mädchen die Hand zum Gruße, während sich’s Pauli bereits an Lehnls Seite auf einem Felsblock bequem gemacht hatte.

„Aber jetzt werden S’ müd sein!“, sagte Loni zum Maler. „Setzen S’ Ihnen da nieder auf ’s Banl und rasten S’ aus! Haben tu ich nix als Milli und frischen Butter.“

„Nur her damit!“

Loni verschwand in der Hütte.

„Ich hab gmeint, ihr seids am Sonnenberg gwesen?“, sagte Lehnl zu Pauli.

„Waren wir auch!“, gab Pauli zur Antwort, während er den Rucksack achtsam beiseite legte, als wollte er den Inhalt nicht durch Drücken beschädigen.

„Da habt’s nachher grad den nächsten Heimweg gmacht, das muss ich sagen! Aber freilich … wie der Herr Pfarrer sagt, alle Weg führen nach Rom, so führen bei dir alle Weg nach der Weglalm, wenn d’ Loni da is, gelt?“

Loni hatte unterdessen dem Maler einen großen Weidling mit frischer Milch auf die Knie gestellt und Brot und Butter auf die Bank gelegt. Nun kam sie den Hügel herunter, stellte sich, die Arme in die Seite gestemmt, vor Pauli hin und fragte: „Is dem Herrn vielleicht auch was gfällig?“

„Wie magst fragen?“, warf Lehnl lächelnd ein. „Den speist ja d’ Lieb!“

„Mit dir hab ich net gredt!“

„Sonst war’s wohl so der Brauch auf der Alm“, sagte Pauli, „dass eim d’ Sennerin ein Lackerl Milli bracht hat, wenn man im Vorbeigehn einkehrt is.“

„No! Ich möchte mich halt rühren, wann’s mich hungert! Ich kann dir net einischauen in Magen!“ Damit kehrte sich Loni kurz von ihm ab und ging zur Hütte.

Es war ein recht bitteres, wehmütiges Lächeln, mit dem sich Pauli zu Lehnl wandte, als ihn dieser ansprach: „Was hast denn da in deim Rucksack drin?“

„Ein paar Boschen Edelweiß, die ich heut gfunden hab! Wird wohl ’s letzte sein für heuer.“

„Für wen ghört’s denn?“, fragte Lehnl; doch es war keine Spur von Neugier im Ton seiner Stimme; für wen das Edelweiß bestimmt wäre – das schien Lehnl schon zu wissen, als er fragte: „Für wen ghört’s denn?“

„Für d’ Mutter halt!“

Lehnl musste doch eine andere Antwort erwartet haben, denn es klang ein recht bedenklciher Zweifel aus seiner Stimme, während er vor sich hinbrummte: „So … so … für d’ Mutter?“

Loni stand wieder vor den beiden und hielt dem Herrgottschnitzer eine Schüssel hin.

„Vergelt dir’s halt Gott“, sagte Pauli, „dass du so gut bist und mich net schlechter haltst als ein andern.“

Es war ein hartes, trockenes Lachen, mit dem sich Loni zu dem Burschen niederbeugte: „O du gnügsamer Mensch!“ Dann ging sie zum Brunnen, fasste mit lautem Geklapper die zum Trocknen aufgestellten Milchgeschirre zusammen und trug sie in die Hütte.

Mit langen, durstigen Zügen hatte Pauli die Schüssel geleert, als ihm der Maler zurief: „Pauli, jetzt brechen wir wieder auf, sonst bringen wir den Umweg gar nimmer ein. Bis wir nunterkommen, wird’s sowieso ganz finster werden.“ Schweigend stellte Pauli das Geschirr beiseite, erhob sich und griff nach Rucksack und Bergstock.

Lächelnd reichte Loni dem Maler die Hand: „Bhüt Ihnen Gott halt! Es hat mich schon recht gfreut, dass S’ bei mir zugsprochen haben!“

„No, und mich selber am allermeisten! Aber wie es denn nachher, Loni, wirst morgen auf der Hochzeit auch mit mir tanzen?“

„Wär net aus!“, erwiderte das Mädchen geschmeichelt. „Da kommt’s doch zerst drauf an, ob Sie mir die Ehre schenken!“

„Jetzt da kannst ischer drauf rechnen!“, lautete die fröhliche Antwort des Malers.

„Was is denn mit dir, Lehnl?“, fragte Pauli inzwischen den Alten, während er den Rucksack über die Schultern zog. „Gehst du net mit?“

„Na!“, gab Lehnl zur Antwort. Dann erhob er sich, trat an Paulis Seite, und flüsterte ihm zu: „Ich muss erst dir noch ein bissl zum guten reden! Und schlafen werd ich wohl auch daheroben. Ich lass die Lon i net allein in der Nacht.“

Die letzten Abschiedsworte wurden gewechselt, und der Maler machte sich, von Lehnl einige Schritte begleitet, voraus auf den Weg. Pauli hatte sich schon dem Gehölz zugewandt, als er wieder umkehrte. Es war eine warme Herzlichkeit in dem Wort, mit dem er dem Mädchen die Hand bot: „Bhüt dich Gott, Loni!“

„Bhüt dich Gott auch!“ Und während Loni Paulis Hand ergriff, zuckte ein leises Lächeln um ihren Mund. „Gelt, vergeh dich halt sobald net wieder auf d’ Weglalm!“

Lehnl kicherte vor sich hin und nahm die Pfeife aus den Zähnen: „Hab kein Sorg! Wann du net da bist, nachher findt er net her!“

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