Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

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3.

Spät in der Nacht war Pauli erst zurückgekehrt; bis Ammergau hatte er seiner Mutter das Geleit gegeben und war dann den Rückweg, den man bei gutem Marsch in zwei Stunden zurücklegt, so langsam Schritt für Schritt einher gewandert.

In seiner neuen Wohnung angelangt, hatte er sich müde gefühlt, und dennoch hatte er die ganze Nacht kein Auge schließen können. Vor dem Tag war er schon wieder auf den Beinen gewesen und hatte dann die Morgenstunden mit der Einrichtung seiner Werkstätte verbracht.

Nun war es elf Uhr mittags.

Drüben im Wirtshause stand Loni vor einem Tische, über den der alte Lehnl just ein blaues Tischtuch deckte. Auf dem Arm hielt Loni ein längliches Körbchen, und unmutig warf sie die Messer und Gabeln durcheinander, die es barg, weil sie immer nicht das richtige, das heißt, das schlechteste Paar finden konnte. Denn an dem Tische, der hier gedeckt wurde, und mit dem Bestecke, das Loni suchte, sollte Pauli sein Mittagessen einnehmen. Er hatte sich durch Lehnl, der am Morgen auf ein paar Minuten zu ihm hinübergekommen war, für die folgenden Wochen als Mittagsgast anmelden lassen. So war Loni jetzt beschäftigt, ihm das erste Gedeck zurechtzulegen: Einen irdenen Teller, auf der einen Seite einen Blechlöffel und auf der andern Messer und Gabel, eine Mühe, die das Mädchen mit den Worten begleitete: „Das Gschäft freut mich schon recht, ich muss sagen!“

„Ja Lonerl, was machst denn!“, rief Lehnl. „Schau nur grad die Gabel an! Die hat ja krumme Zinken.“

„Wann die Gabel dem gändigen Herrn, der damit essen soll, net recht is, nachher soll er wohin gehen, wo er eine golden kriegt. Verstanden!“

Lehnl bohrte die Zinken der Gabel in das Tischholz und bog sie gerade. „Ja, ja! Recht nett!“, brummte er dazu. „Weil dir dem braven Burschen sein Gsicht net gefallt, jetzt muss am End gar sein armer Magen das entgelten.“

„Sein Gsicht? Der ganze Mensch gfallt mir net!“

„Wenn’s schon so is, meinetwegen! Es is aber das noch lang kein Grund, dass man mit eim Menschen so umspringt, wie du mit dem Pauli. Ich sag dir’s, Lonerl du hättst es net tun sollen, dass du ihn gestern so abgschnalzt hast.“

„Ja, aber sag einmal selber …“ Dabei setzte Loni das Körbchen auf den Tisch und schlug die Hände ineinander, „sag einmal selber! Es das net ein Mannsbild wie von lauter Semmelbrösel? Ein andrer hätt sich halt gwehrt und hätt gsagt: Ich kann meine Muttergottes er schnitzeln wie ich mag, und dich geht’s nix an. Was hat er aber aussi dalkt? Ich mach dir halt ein andern!“ Es war ein hässlicher Mund, den das Mädchen zog, um diese Worte in möglichst langweiligem Ton vorzubringen. Nun fiel ihre flache Hand schwer auf die Tischplatte nieder. „Is das eine Antwort für ein Mannsbild? Und dann braucht’s es halt doch net, dass er grad mich zu so was hernimmt.“

„No wart nur“, drohte Lehnl, „er tut dir schon noch einmal was an! Und schnitzelt dem Teufel seine Großmutter! Und nachher nimmt er auch dich zum Muster.“

Loni trug das Körbchen zum Schänkkasten. Auf halbem Wege blieb sie stehn, wandte den Kopf und sagte, während ein eigentümlich selbstbewusstes Lächeln ihren Mund umspielte: „Na, Lehnl, das tut der Pauli doch net!“

„Meinst leicht, er hat dich alles z’viel gern dazu, gelt?“

„Könnt schon sein!“ Im gleichen Augenblick, in dem Loni das sagte, hörte sie Tritte vom Flur. Mit ein paar eiligen Schritten verschwand sie in der Küchentüre.

Pauli trat ein. Er grüßte den alten Lehnl, der ihm forschend ins Gesicht sah, mit einem freundlichen, aber kurzen Worte. Zu einem Gespräch war Pauli nicht sonderlich aufgelegt. Ruhig hörte er die Dinge an, die ihm Lehnl zu erzählen wusste, und beschäftigte sich dabei mit seiner Suppe, die ihm Resl gebracht hatte.

„Jeh, der Bachbauer!“, unterbrach sich Lehnl, der einen Blick durch das Fenster geworfen hatte. „Was will denn der um die jetzige Zeit im Wirtshaus, und gar im Sonntagsstaat? Da muss ja was ganz Bsonders los sein!“

Der Gast trat ein. Vom grünen, mit goldenen Schnüren umwundenen Filzhut bis hinunter zu den Schnallenschuhen war er das Musterbild eines reichen Hofbauern. Unter der Türe blieb er stehen und stieß den Stock auf die Schwelle. „Kreuzfaxen, da herin is ja so stad, als ob eins rausgstorben wär!“ Denn trat er in die Stube. „Grüß dich Gott, Pauli! Was hast denn? Machst ja ein Kopf, als ob dir der Bader ein paar gsunde Zähn grissen hätt!“

„Jetzt so was ließ ich mir halt doch net gfallen!“

„Und du Lehnl, was treibst denn du allweil?“, wandte sich der Bauer an den Alten.

„Fliegen fangen, damit s’ kein Bauern stechen!“

„Ein recht mildtätiges Geschäft, ich muss sagen! Aber wo si denn der Höflmeier, der Wirt? Ich hab was mit ihm ins reine z’bringen.“

„Geh nur dort eini ins Nebenstüberl, da is er drin“, gab Lehnl zur Antwort, und der Bachbauer folgte dieser Weisung.

Nachdenklich sah der Alte die Türe an, die sich hinter dem Bauern geschlossen hatte; nun wandte er sich langsam zu Pauli: „Du … ich glaub, der Bachbauer is auf Bschau da … wegen seim Muckl und wegen der Loni.“

Pauli erblasste, und der Krug, den er eben vom Munde nahm, zitterte in seiner Hand, als er ihn auf den Tisch setzte.

Nicht lange währte es, so steckte der Wirt den Kopf zur Türe heraus und rief dem Lehnl zu: „Geh, sag der Loni, sie soll ein bissl da einikommen!“

Mit einem bedeutungsvollen Blick auf Pauli erhob sich der Alte und ging nach der Küche. Als er mit dem Mädchen in die Stube zurückkehrte, schritt Loni mit einem kurzen Gruß an Pauli vorüber.

Vor der Türe zum Nebenstübchen fasste Lehnl das Mädchen am Arm und flüsterte: „Lonerl, ich glaub, der Bachbauer hat um dich anghalten für sein Muckl. Aber ich bitt dich … tu’s net … tu’s net, wann du ihn net magst!“

Loni klopfte dem Alten lächelnd auf die Wange und trat in das Stübchen.

Rasch setzte Lehnl den Fuß an die Schwelle, so dass die Türe sich nicht schließen konnte.

„Was soll’s, Vater?“, klang Lonis Stimme.

„Beschied sollst geben, der Rötelbachbauer will dich als Schwieger.“

„Mich?“ Und hellauf hörte man das Mädchen lachen.

„Ja … wenn’s dich gar so freut“, fiel der Bachbauer ein, „dann freut’s ja mich auch! Nachher wird’s auch weiter kein Anstand haben, und ich frag gleich: Wann is Hochzeit?“

„Ach so … jetzt hab ich allweil noch gmeint, es is Gspaß? Scheint mir aber nimmer, und drum muss ich wohl auch ernsthaft werden. Also kurz und gut … Euer Antrag is mir eine große Ehr und der Muckl is auch ein richtiger Bursch, aber … heiraten tu ich ihn net.“

Ein vergnügtes Lächeln huschte über Lehnls Gesicht, als er das hörte, und leise schnalzte er mit den Fingern.

Inzwischen saß Pauli regungslos am Tisch, starrte, den Kopf in beide Hände gestützt, auf den Teller und ließ das Essen unberührt erkalten.

„Jetzt will ich dir aber was sagen, Madl!“, klang die Stimme von Lonis Pflegevater aus der Nebenstube. „Es is net ’s erste Mal, dass du gar so kurz anbunden bist. Das kann net allweil so fortgehn. Eim Antrag, wie dem heutigen, dem schlagt man net so grad die Tür vor der Nasen zu. Denn weißt, wenn du die Sach beim Licht betrachtest, so hat die Geschichte halt doch ein Haken. Du bist ein Madl, das ein jedes gern hat, und du wirst weder von mir, noch vin meiner Alten selig jemals ein unguts Wörtl ghört haben wegen deiner Herkunft. Aber es gibt halt doch Leut, die’s net verwinden können, dass du einmal in einer Nacht vor so und so viel Jahren vor unser Tür glegt worden bist. Drum sollst dir so was überlegen und dich net z’stark drauf steifen, dass du dem Wirt sein Herzkäferl bist … es könnt sich leicht keiner mehr finden, der sich drüber wegsetzt über den Namen Findlloni!“

„Ja, überleg dir’s wohl!“, fiel der Bachbauer ein. „Ich kann meim Muckl so viel mitgeben, dass die Madln mit zwei Händ zugreifen täten in jedem Bauernhof, wo er anklopft.“

„Gut, Vater“, klang Lonis erregte Stimme, „gut … und wenn auch keiner mehr kommt … ledig gstorben is auch net verdorben! Zugreifen und Ja sagen kann ich bloß, wenn sich einmal da unterm Brustfleck was rührt. Solang’s da drin stad bleibt, is eine Heirat kein Glück, sondern ein Gschäft … und eine Heirat, die nach dem alten Brauch gmacht wird, wo der Bauer zum Bauer sagt: Gib mir dein Madl, ich gib dir noch fünfzig Gulden und eine Kuh drauf … eine solche Heirat kann machen, wer mag … ich net … und ich tu’s net … vielleicht grad, weil ich ein Findling bin.“

Rasche Tritte näherten sich der Türe, und Loni trat heraus, so ruhig, als hätte der Vater sie gefragt, ob das am Morgen angezapfte Fass schon zu Ende gelaufen wäre. Drinnen hörte man den Wirt noch sagen: „Ja mein, Bachbauer … wann ’s Madl net mag … zwingen kann ich’s net!“ Nun kamen auch die beiden Männer in die Stube. Im gleichen Augenblick wurde die Türe, die nach dem Flur führte, von außen aufgestoßen, und Muckl trat ein. Es war eine kraftvolle, stämmige Gestalt mit einem Gesicht, dem der kecke Übermut aus den Augen blitzte. „No, was is denn?“, rief der Bursch, indem er den Hut aufs Ohr rückte. „Jetzt wär ich da beim Dasein! Braucht das so lang, bis man Ja sagt? Derweil mach ich zehn Heiraten aus.“

„’s geht net so gschwind, als du meinst!“, gab ihm sein Vater ein wenig kleinlaut zur Antwort.

„Wär netz wider! Loni … Na wenn gsagt hast, nachher beiß ich mir gleich den Kopf abi. Bin ich net ein Kerl, der den Teufel in der Luft beutelt? Was kannst denn aussetzen an mir?“

Loni stand am Schänkkasten und stellte die frisch geputzten Gläser in die Fächer. „Gar nix … aber heiraten tu ich dich net!“ Sie hatte nicht einmal das Gesicht gedreht, als sie das sagte.

„Und warum net?“, fragte Muckl.

„Ich mag net. Verstehst? Das wird wohl Grund gnug sein!“

„Is net z’wenig“, lachte der Bursche, „aber z’dumm is er mir doch! … War also das wirklich ’s letzte Wörtl in der Sach?“

„Wenn du’s net glauben willst“, fiel Lonis Vater ein, „nachher musst halt ins Wasser gehen, dass dich die Krebsen fressen!“

„Fallt mir ein! Für Krebsfutter bin ich mir doch z’gut. Ich denk mir halt:

Ein richtiger Bub
Bleibt niemals net hint,
Denn ein andere Mutter
Hat auch ein liebs Kind!“

Ein heller Jauchzer reihte sich an das Schnaderhüpfel; dann warf Muckl seinen Hut in die Fensternische und setzte sich zu seinem Vater, der an einem der Tische Platz genommen hatte.

„Hätt net glaubt, dass du’s so leicht nimmst“, meinte dieser.

„Soll ich mich vielleicht abikränken und mager werden wie ein Zwiefelröhrl … fallet mir ein! Siehst, Loni, ich gib dir sogar den Rat, dass du jetzt erst recht wählerisch wirst. Brauchst net Sorg z’haben, dass du ledig bleibst und als alte Jungfer in der Ewigkeit Wolken schieben musst. Der da“, und dabei deutete Muckl auf Pauli, „der bleibt dir allweil gwiss. Den hast im Sack und brauchst ihn bloss aussizarren!“

Lehnl, der neben Pauli stand, griff hastig nach dem Arm des Burschen, als wollt’ er ihn am Aufspringen verhindern. Aber das war überflüssige Sorge; Pauli rührte sich nicht.

„Oder“, sprach Muckl weiter, „hast mich am End gar abgwiesen, weil mit’m Pauli verbandelt bist?“

Loni fuhr auf wie von einer Natter gestochen: „Dein dummes Geschwatz hat keine Heimat. Dass zwischen uns nix is und nix wird, das weißt du so gut als ich, sonst wärst net kommen und hättest um mich angehalten. Wenn ich einmal ein nimm, das muss einer sein, der Schneid hat, ein richtigs Mannsbild, und net einer, der bloß so heißt, weil er Hosen anhat!“ Zornig warf sie das Staubtuch, das sie in der Hand hielt, in eine Ecke des Schänkkastens.

„Jeh … Pauli“, spottete Muckl, „das wenn du dir gfallen lasst, nachher darfst gleich morgen Kegel aufsetzen!“

Pauli krampfte die Hand zur Faust und rief mit einem finsteren Blick dem Spötter zu: „Lass mich aus’m Spiel, ich sag dir’s! Ich hab dir kein Anlass geben! … Gib mir kein!“

„Jetzt so was ließ ich mir halt doch net sagen“, lenkte Muckl ein. „Ich tät ihr halt einmal das Wilde abikratzen, was sie sich so vom Pechlerlehnl angwöhnt hat!“

„Du nixnutziger Loder“, rief der Alte, „möchtest net mich auch noch einibringen!“

„Hätt ich vielleicht net recht? Von wem lernt s’ denn all die Schlauderwörtln, als von dir? Zeit und Glegenheit hat s’ ja gnug. Zwischen euch dauert die Schul grad von der Früh bis auf d’ Nacht, und es wär schon lang an der Zeit, dass d’ Loni der Gmeind ein Dankschreiben schicket, weil s’ ihr ’s ganze Jahr so ein saubern Schullehrer verhalt.“

Dem Mädchen schoss das Blut dunkelrot ins Gesicht. Und Muckl hatte noch nicht ausgesprochen, da stand Loni schon vor ihm. Ihre Stimme klang hart und bitter: „Jetzt scham dich aber in d’ Seel eini, dass du ihm das Stückl Brot vorwirst, das ihm die Gmeind gibt. Tut dir der Pfennig jetzt schon weh, den du einmal dazu zahlen musst als hausgsessener Bauer? Dank’s unserm Herrgott, dass du von einer Mutter bist, die dich gleich mitten einigsetzt hat in ein reichen Hof. Verdient hättst es net nach eim solchen Spott auf ein Menschen, der sich sein ganz Leben lang für die Bauern zammgarbeit und zammgschunden hat. Verstehst mich!“ Damit wandte sie ihm den Rücken und ging nach der Küche, um eine neue Partie der frisch geschwaschenen Gläser in die Stube zu holen.

„Muckl“, sagte der Wirt lächelnd, „die Red kannst auswendig lernen.“

„Ich mag net, ich hab gar ein schweres Gmerk“, gab der Bursche zur Antwort. Die energischen Worte Lonis schienen nicht sonderlich tief bei ihm gegangen zu sein; aber er ärgerte sich doch und drehte unter heiserem Lachen an seinem Schnurrbart.

Der alte Pechlerlehnl war dem Mädchen in die Küche nachgegangen und drückte ihr draußen dankbar die Hand. „Ich sag dir halt Vergeltsgott, dass dich so einigredt hast wegen meiner. Weißt, ich hätt ihm schon nausgeben können, aber ich hör auf eim Ohr nimmer recht.“

„Da braucht’s kein bsondern Dank. Aber dein guter Freund, der schöne Herr Pauli, der hätt sich grad schon auch ein bissl um dich annehmen können. Verdient hättst es um ihn! Denn du redst ihm’s Wort so oft bei mir, dass mir’s mit der Zeit leicht z’viel werden könnt.“

Während dies in der Küche vor sich ging, hatte sich die Gesellschaft in der Wirtsstube um eine neue Person vermehrt, um Loisl, den Geißbuben des Wirtes. Es war ein junger Mensch von etwa achtzehn Jahren. Der eckige Kopf mit der Stumpfnase und dem Schlappmaul hätte eigentlich einen widerlichen Eindruck machen müssen, wenn die Hässlichkeit des Gesichtes nicht durch ein Paar grundgutmütige Augen gemildert worden wäre. Dieser Kopf reckte sich auf einem langen sehnigen Hals aus einer mageren, nachlässig in sich gekrümmten Gestalt. Der Oberkörper war nur mit einem groben Hemd bekleidet, das Loisl seit Sonntag auf dem Leib trug – und jetzt zählte man den letzten Tag der Woche. Um die Beine des Geißbuben klunkerte eine abgewetzte Lederhose, welche die Knie nackt ließ. Einstens weiß gewesene, zerrissene Stutzen umschlossen die Waden oder, besser gesagt, den Platz der Waden, während die nackten Füße in schweren, dich benagelten Schuhen staken. Ein in der Farbe sehr zweifelhafter Rucksack, eine Zipfelkappe und ein am Weg geschnittener Stock vollendeten Loisls Aufzug.

„Jetzt kommt der Rechte“, hatte Muckl gerufen, als Loisl eingetreten war, „der is uns noch abgangen.“

„Gelt, hast Zeitlang ghabt nach mir?“ Loisl war auf ihn zugetreten, hatte die Zipfelkappe abgezogen und sie dem Burschen mit beiden Händen hingehalten. „Schenkst mir was?“

„Bettelst schon wieder?“

„Von dem, was du mir gschenkt hast“, lautete die maulende Antwort, „von dem kann ich mir noch net einmal ein Bröckl Schuhschmier kaufen!“

„Was tätst auch damit? Hast ja gar keine Schuh.“

„Drum stünd’s dir gut an, wenn mir ein Paar schenken tätst.“

In diesem Augenblick trat Loni wieder ein, in jeder Hand fünf Biergläser. Als sie an Pauli vorüber kam, blieb sie stehen und sah dem Burschen mit einem halb mitleidigen, halb ärgerlichen Blick ins Gesicht. „Du bist schon der Allerschönst!“ Dann schritt sie kopfschüttelnd zum Schänkkasten. „Es is schon merkwürdig, was ein Mensch vertragt!“

„Ja grüß dich Gott, Loni!“, rief Loisl und schlorpte auf das Mädchen zu. „Geh, schenk mir was zum Essen!“

„Geh halt aussi in die Kuchl! Auf der Anricht liegen Schmalznudeln … da nimmst dir eine.“

„Eine bloß?“, klang die enttäuschte Frage.

„Kannst auch zwei haben, du Bettelsack!“

„Nachher nimm ich mir halt drei recht fette.“ Damit wollte Loisl der Küche zueilen.

„Halt ein bissl, du!“, rief der Wirt. „Was willst denn eigentlich unterm halben Tag da herunt?“

„Jesses, jesses!“ Und Loisl kehrte zurück. „Da hätt ich jetzt bald drauf vergessen! Botschaft soll ich ausrichten von deiner Sennerin, weißt, von der Zwerger-Nandl. Die will morgen abends abi von der Alm, weil am Montag ihr Schwester Hochzeit macht. Die alte Kramerwaben hat der Nandl schon versprochen, dass s’ ihr derweil aushilft. Jetzt kann aber die alte Kramerwaben erst am Montag in der Fruh kommen, und jetzt hätt dich halt d’ Nandl recht schön bitten lassen, dass du übern Sonntag Abend und über d’ Nacht d’ Loni auf d’ Weglalm schicken tätst, damit d’ Nandl abi kommen kann.“

„D’ Nandl is wohl verruckt?“, knurrte der Wirt.

„Da bist gstimmt, die is gscheiter wie du!“

„Ich kann doch d’ Loni net weglassen, wo am Montag die Hochzeit bei uns is, und ’s ganze Haus voller Arbeit!“

Da trat Loni zu ihrem Vater, legte die Hand auf seinen Arm und sagte: „Das Madl kann aber doch net am Festmorgen von ihrer Schwester auf der Alm bleiben, und bei den Brautleuten wird’s im Haus am End noch mehr Arbeit geben als wie bei uns. Wenn du willst, Vater, können wir’s doch machen. ’s meiste ist schon hergricht, heut und morgen bis Mittag kann noch viel geschehen, und am Montag vormittags, bis Kirchenzeit is, bin ich wieder da. Tust ihr halt den Gfallen.“

„No ja“, sagte der Wirt nach kurzer Überlegung, „wenn du meinst, dass ’s geht, hab ich nix dagegen.“

Pauli war aufgestanden und verließ nach kurzem Gruß die Stube, um wieder an seine Arbeit zu gehen.

Als der Wirt auf Lonis Bitte die Zustimmung gab, neigte sich Muckl zu seinem Vater hinüber und flüsterte: „Da kenn ich ein, der morgen in der Nacht auch auf der Weglalm is. Ein Wörtl unter vier Augen is das Madl ja doch noch wert. Und im Finstern redt man sich leichter.“

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