Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

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2.

Es war ein kleines Häuschen, das Austraghäusl des Huberbauern, darin der Pauli wohnen sollte; aber freundlich sah es aus, und die alte Traudl, Paulis Mutter, hatte seit Mittag alles mögliche getan, um das eine der beiden Stübchen nach besten Kräften wohnlich zu machen, während die Umgestaltung des anderen zur provisorischen Werkstätte noch auf Pauli wartete.

Mit der Einrichtung sah es freilich ein wenig mager aus; ein Bett, ein Tisch und dahinter eine schon baufällige, mit abgesessenen Lederpolstern belegte Bank, zum Überfluss ein Stuhl, über dem Tisch in der Ecke der Herrgott, und das Weihbrunnkesselchen neben der Türe. Und doch machte das Stübchen einen angenehmen Eindruck; es war zu eng und zu klein, um die Dürftigkeit der Einrichtung auffallen zu lassen. Unter den Armen des Herrgotts guckten zwei große Waldblumensträuße hervor, die Traudl auf dem Weg von Ettal her zusammen gelesen hatte; in den kleinen Fensternischen standen ein paar blühende Nelkenstöcke, die der Huberbäuerin abgebettelt waren, und nun sollten gar noch weiße, säuberlich gefaltete Vorhänge den Schmuck des Stübchens vollenden. Das eine der beiden Fenster war bereits mit dieser Zier angetan, und das andere sollte sie eben aus der Hand der alten Traudl empfangen, die beim Fenster auf einem Sessel stand, um die Nägel für die dünne, eiserne Vorhangstange in die Wand einzuschlagen. Wie Traudl so da oben stand und sich schnaufend streckte, um die für den Nagel bestimmte Stelle zu erreichen, das war ein drolliges Bild. Der halbe Sonntagsstaat, den sie der Wallfahrt wegen trug, mit seiner hoch gesetzten Taille, mit den dick wattierten Schultern des nur schüchtern über das seidene Umschlagtuch vorguckenden Leibchens, und all das andere Darum und Daran kontrastierte seltsam mit der groben, blauen Leinenschürze, die sie der Werkzeugkiste Paulis entnommen und zum Schutz ihrer Kleider umgebunden hatte. Über dieser Figur saß das kleine bewegliche Köpfchen mit einem Gesicht, in dessen vielen Falten sich Ernst und Gutmütigkeit friedsam berührten und das umrahmt war von grauen Haaren, die glatt an die Schläfe angescheitelt lagen und am Hinterkopf sich zu einem etwas konfusen Knoten zusammenwirbelten. Die hohe braunhaarige Bibermütze, die diesen wirren, für die Augen der Welt nicht berechneten Teil der Frisur außer Hause zu verhüllen pflegte, lag auf dem Tisch, und um dieses kostbare Utensil vor Staub zu schützen, war es sorgsam mit einem weißen Taschentuch zugedeckt.

„Sakrafix!“, klang plötzlich die Stimme de rAlten mit einem halblauten Aufschrei, und ihr linker Daumen, der von einem unvorsichtigen Hammerschlag getroffen war, fuhr hurtig nach dem Munde.

„Ja was machst denn, Traudl?“, rief es durch die geöffnete Türe. „Auf den Nagel musst schlagen und net auf deine Finger!“

„Jetzt wenn das net der Lehnl is, nachher will ich am Karfreitag Kirchweih feiern!“, lachte Traudl, während sie mit ein paar Hammerschlägen den Nagel vollends befestigte. Dann ließ sie den Hammer sinken und drehte sich zur Türe. „No freilich!“

Auf der Schwelle stand ein alter Mann, dessen weißes Haar darauf schleißen ließ, dass er wohl schon die Sechzig auf dem Rücken haben mochte. Mit der einen Hand in der Hosentasche und die andere an der Pfeife, die zwischen seinen Zähnen hing, so stand er da, und mit den Augen, um die ein leiser Zug von spottender Überlegenheit spielte, zwinkerte er der Alten zu, die ihn schon lange kannte und ihm ebenso gut und gewogen war, wie das ganze Dorf.

Ungefähr vor zwanzig Jahren war er nach Graswang gekommen, aus Tirol her, wo er „Pechler“ gewesen, und hatte sich die Zeit über so leidlich fortgebracht, indem er sich bei den Bauern auf Taglohn verdingte. Nun aber, da die Arbeitskraft seiner alternden Glieder schon ziemlich nachgelassen hatte, erhielt er von der Gemeinde eine jährliche Unterstützung und war vom Wirt eigentlich mehr als Pfründner ins Haus denn in Dienst genommen worden. Da machte er sich durch kleine Verrichtungen nützlich, durch seinen Humor beliebt und erwies sich dankbar durch Anhänglichkeit an das Haus seines Wohltäters. Besonders an Loni, an der Adoptivtochter des Wirtes, hing Lehnl mit einer zärtlich treuen Zuneigung.

„No freilich!“, hatte Traudl gesagt, als sie des Alten ansichtig geworden. „Wie man ein Vögerl am Gsang kennt, so kennt man dich an der Red. Da gibt’s allweil ein Gspaß oder ein Spott!“

Lehnl nahm das lächelnd hin, trat zu der Alten und war ihr behilflich, das Stübchen vollends in Ordnung zu bringen. Dabei wurde von allerlei gesprochen, die Dorfneuigkeiten der letzten vierzehn Tage wurden durchgehechelt, und als man auf den Maler Baumiller zu sprechen kam, floss Traudl über vom Lob dieses Mannes, der ihrem Pauli den Auftrag des Huberbauern mit dem schönen Verdienst verschafft hatte.

„Ja, ja, er is ein herzensguter Mann, der Herr Fritz“, stimmte Lehnl bei, „und fürs Dorf wie ’s reinste Fruhjahrsschwalberl! Kaum dass die ersten Blattln rausschauen, fliegt er schon eini … und so seit zwanzig Jahr!“

„Es kennt ihn aber auch alles, und jedes hat ihn gern.“

„Das macht, weil er mit die Bauern umgehen kann, als ob er selber einer wär. Und reden tut er grad wie unsereins.“

„Denk dir nur, Lehnl“, dabei stieg die Traudl vorsichtig vom Stuhl herab und säuberte die Hände an der Schürze, „was er neulich meim Pauli für ein Antrag gmacht hat. Der Bub hätt arg viel Talent, hat er gsagt, zu eim Bildhauer, und er nähmet den Pauli mit eini in d’ Stadt und ließet ihn ausbilden auf der Akademie. Aber meinst, der Bub ging? Net um alles in der Welt. Und wirst dir wohl auch denken können, was ihn zruckhalt!“

„Ja, ja! ’s Lonerl, gelt?“ Lehnl schmunzelte.

„Es is ja zum narrisch werden mit dem Buben!“, seufzte Traudl. „Wann er nur wenigstens was davon hätt! Und der Herr Fritz meinet’s so gut mit ihm. Der war fein heut auch in Ettal drüben. Ich hab ihn in der Kirchen drin gsehn.“

„Hätt eher denkt, im Wirtshaus.“

„Was tät denn ich im Wirtshaus?“, fuhr Traudl ganz entrüstet auf. „Und bei einer Wallfahrt gar!“

„Mein Gott, was halt ander Leut drin tun: Essen, trinken und recht gscheit reden.“

Eben schickte sich Traudl zu einer geharnischten Erwiderung an, als die Türe sich öffnete und Pauli eintrat, seinen wohl verpackten Herrgott auf dem Arm. Herzlich begrüßte er die Mutter und freundlich den Alten, der sich’s inzwischen hinter dem Tisch bequem gemacht hatte.

„Aber grad schön hast mir das Stüberl hergricht!“, sagte Pauli zu Traudl, während er Hut und Paket ablegte. „Bist denn schon lang von Ettal zruck, dass alles hast so machen können?“

„Mein Gott, seit Mittag halt!“

„Wie is dir denn z’Ettal gangen? Hast nachher für mich auch betet, Mutterl?“

„Für was geh ich denn wallfahren“, murrte die Alte mit halbem Ernst, „für was denn, als dass du einmal gscheit werden sollst.“

„Ja bin ich denn dumm?“, fragte Pauli lächelnd.

„No … mit deiner dalketen Lieb, das wird wohl net gscheit sein? So eine Narretei, die kein Heimat hat und kein Absehn. Wie oft net hat dir d’ Loni schon zeigt, dass s’ dir nix will, und doch gehst allweil wieder hin und schmachst ’s Madl an, wie ein Lampl ’s neue Stadltor.“

„Schau, Mutterl, da verstehst du nix davon!“, lautete Paulis ruhige Antwort.

„Wär net aus!“, fuhr Traudl auf und schlug in komischen Entsetzen die Hände zusammen. „Und wann ich auch wirklich jetzt nix mehr davon verstünd, so hab ich doch einmal was davon verstanden. Sonst wärst du net da! Und das wird jetzt noch grad so sein, wie zu meiner Zeit. Da wird wohl der Teufel net auch sein Fortschritt einibracht haben!“

Traudl hatte sich in ernste Hitze hineingeredet, so dass Pauli es für geraten fand, ein wenig einzulenken. „Geh, Mutterl, musst dich net ereifern!“, sagte er und nahm schmeichelnd ihren Kopf zwischen beide Hände. „Ich weiß ja, dass du’s richtig meinst mit mir. Und dein Beten wird wohl für was gut gwesen sein.“

„Das will ich hoffen!“ Traudl war besänftigt, und um ihre Augen spielten wieder die Fältchen ihres gewohnten, freundlichen Lächelns. „Brauchst aber net z’glauben, dass ich grad für dich allein betet hab. Wann ich einmal nach Ettal geh, so hab ich gar viel am Herzen, ja! Da bet ich für die Armen und Unglücklichen …“

„Vergelt dir’s Gott!“, brummte Lehnl.

„Was denn?“, fragte Traudl erstaunt.

„Dass du auch an mich denkt hast.“

„An dich? Ja ghörst denn du zu die Unglücklichen?“

„Ich werd wohl dazu ghören, wann ich die ganze Zeit dein dalkets Gschwätz anhören muss.“ Lehnls Gesicht wurde ernst und sein Ton hart. „Wie kann man nur an den eigenen leiblichen Sohn so ungschickt hinreden. Kannst es ihm denn verargen, wenn er ins Madl verschossen is? Schau’s nur grad an, wenn sie ’s Köpferl so aufwirft und so lieb dreinschaut mit ihre Haselnussaugen, da meinst völlig, ’s Hirn wird dir siedet. Dabei hat s’ ein seelenguts Herz und is lieb und freundlich zu jedem Menschen … mit einer einzigen Ausnahm vielleicht.“

Lehnl schwieg, und ungeduldig trippelte Traudl von einem Fenster zum andern, zupfte an den Vorhängen und verzog die Mundwinkel. „No a!“, brummte sie. „Aber sagen braucht man’s net, am allerwenigsten vor meim Pauli! Da käm’s am End grad so raus, als ob er mit seiner Dummhei tim Recht wär. Und das geht ja doch net an.“

Während dieser Reden saß Pauli am Tisch mit einer Miene, als ob die Sache weiß Gott wen anginge, nur ihn nicht. Doch seine ruhelosen Finger, die an dem Umschlagpapier des neuen Herrgotts erregt umherknitterten, ließen vermuten, dass die gehörten Worte tiefer bei ihm gingen, als es oberflächlich betrachtet den Anschein hatte. Kaum war das letzte Wort aus Traudls Mund, so stand er auf, nahm sein Schnitzwerk unter den Arm, den Hut in die Hand und sagte: „Ich meinet, es wär an der Zeit, dass ich dem Wirt sein Herrgott nüber trag. Könnt sonst leicht noch was passieren dran. Und wenn ich dir gut raten kann, Mutterl, so gehst mit und trinkst eine Maß Bier mit mir. Der Weg von Ettal daher und die Plag mit meim Stüberl wird dich wohl durstig gmacht haben. Und ein bissl Stärkung für ’n Heimweg brauchst auch!“

Traudl brummte was vor sich hin, setzte ihre Pelzhaube auf und griff nach Gebetbuch und Regenschirm, ihren beiden Wallfahrtsinsignien. Auch Lehnl erhob sich langsam, stopfte mit dem Daumen in seiner Pfeife die Asche nieder und sagte zu Pauli: „No, der Weg von deim Häusl ins Wirtshaus macht dich auch net müd. Fünf Schritt über d’ Straß nüber, und drin bist. Der Huberbauer hätt dir net kamoder herbauen können!“

„Meinst?“ Das war Paulis ganze Antwort. Er trat unter die Tür, die seine Mutter offen gelassen hatte, heilt die Klinke in der Hand und rief dem langsamen Lehnl zu: „Mach, geh weiter!“ Dann schloss er Stuben- und Haustüre und folgte den beiden anderen über die Straße ins Wirtshaus.

Es ging da ziemlich ruhig zu. Außer zwei Handwerksburschen, die am Tisch neben der Türe schweigend ihren Bittern tranken, war Anton Höflmeier der einzige Gast seines eigenen Wirtshauses. Der grauköpfige Alte saß am Fenster, eine dicke Hornbrille auf der Nase, und war eifrig bemüht, die Lektüre seiner Zeitung noch zu Ende zu bringen, bevor die allmählich anbrechende Dämmerung ihm das Lesen verbieten würde. Als er die Türe gehen hörte, hob er kaum den Kopf, knurrte nur ein halb verständliches „Guten Abend!“ und las eifrig weiter. Erst als ihm Pauli zurief: „Du, Wirt, da bring ich dir dein Herrgott“, blickte er auf, schielte über seine Brille weg auf die Ankömmlinge, legte, als er sie erkannte, Glas und Zeitung beiseite und sagte: „Ah, das lass ich mir gfallen, dass du so bald Wort haltst. Ich sag’s halt allweil, auf den Pauli kannst dich verlassen. Und d’ Mutter bringst auch gleich mit!“

Die Alte ergriff die Hand des Wirtes. „Hast schon recht, dass mir so ein freundlichen Gruß bietest. Könnt leicht sein, dass ich mir ihn heut in Ettal verdient hab mit eim halben Rosenkranz, den ich für deine schwarze Wirtsseel betet hab.“

Der Wirt lachte, denn er wusste, wie das gemeint war, und wandte sich zu Pauli, der inzwischen seinen Herrgott ausgepackt hatte.

Schon beim ersten Blick auf das Schnitzwerk nickte der Wirt befriedigt vor sich hin. Er nahm den Herrgott in Empfang, wandte ihn betrachtend ein paar Mal hin und her und sagte: „Schön hast dein Sach wieder gmacht! Bin recht zfrieden! Und was is nachher meine Schuldigkeit?“

„Das steht bei dir!“, gab Pauli zur Antwort. „Zahl, was du magst! Und wenn gar nix hergibst, nachher is auch recht!“

„Jetzt das gibt’s net!“, meinte der Wirt. „Da setz dich nieder! Das andere werden wir nachher schon kriegen. He! Resl! Wo steckt denn das Madel wieder?“

Die Tür, die nach der Küche führte, wurde heftig aufgerissen, und die Kellnerin fuhr in die Stube: „Wo brennt’s denn? Da möchte man schon glauben, d’ Stuben wär voller Leut.“

„Dem Pauli schänk ein!“

Das Mädchen ging zum Schänkkasten, nahm einen Krug heraus und brummte: „Das hätt doch net so pressiert. Es is noch niemand verdurst bei uns!“

„Sei net so gschnappig“, rief ihr der Wirt nach, als sie der Türe zuging, „und tu, was ich dir sag!“

„Halt, Resl! Bring mir auch gleich eine Halbe mit!“, erklang vom Hausflur her eine tiefe Bassstimme, und der, dem sie gehörte, erschien auch gleich darauf unter der Türe: Eine gedrungene, fast ans Korpulente streifende Figur, angetan mit grauen Hosen und einer dicken Lodenjoppe, deren einst grüner Besatz sich in der Farbe bereits einem zweifelhaften Gelb näherte. Vom Gesicht sah man nur die breite Stirn, eine knollige rötlich angestrahlte Nase und zwei kleine freundliche, von buschigen Brauen überschattete Augen, während die ganze untere Hälfte des Gesichtes von einem dichten, bräunlichroten Barte verhüllt war, der fast bis zur Mitte der Brust herabreichte. Von etwas dunklerer Farbe wie der Bart war das kurz geschorene, struppig abstehende Kopfhaar. In der einen Hand hielt der Eintretende den breitkrempigen Filzhut und in der andern Hand einen Pack mit allen jenen Dingen, die zur Ausrüstung eines Malers in der Sommerfrische gehören. Dieser Mann war Fritz Baumiller, Landschaftsmaler aus München, dort geboren, gebildet und fünfzig Jahre alt geworden, seit mehr als zwanzig Jahren ständiger Sommergast des Ammertales, der Protektor von Paulis Talent.

Er begrüßte die Anwesenden, besonders herzlich seinen Liebling, den Herrgottschnitzer, legte seine Sachen ab und nahm am gleichen Tisch Platz, an dem der Pauli mit seiner Mutter saß. Resl trat ein und brachte ihm sein Stammkrügl.

„Tu mir Bescheid, Resl!“, sagte Baumiller, der sich eben eine Zigarre anzündete. Das Mädchen nippte und setzte den Krug mit einem gewohnheitsmäßigen „Gsegn’s Gott!“ wieder nieder. Dann schob sie dem Herrgottschnitzer mit einem kräftigen Ruck den andern Krug über den Tisch zu: „Da … du … hast dien Bier!“

„Wie steht’s nachher mit dem Essen, Madl?“, fragte der Maler. „Ich hab ein kannibalischen Hunger.“

„Moosschnepfen sind da, d’ Loni macht s’ grad z’recht. Wann s’ fertig sind, bring ich s’, gelt!“ Dabei klopfte das Mädchen dem Maler auf die breite Schulter, mit einer Gönnermiene, als hätte sie Königreiche zu vergeben.

Resl ging, und Baumiller wandte sich zu Pauli: „Du, Pauli, demnächst musst du mich am Sonnenberg naufführen. Das is der einzige Punkt in der ganzen Gegend, von wo ich noch net runtergschaut hab.“

„Wissen S’ was“, gab Pauli zur Antwort, „Sie haben doch allweil Zeit, gehen wir gleich übermorgen! Übermorgen is Sonntag, und da kann ich morgen mein Häusl vollends zammrichten und nachher am Montag mit dem Huberbauer seiner Arbeit anfange. Mein Herrgott hab ich auch fertig, und so können S’ mich jede Stund haben.“

„Is recht. Also übermorgen! Aber … wo is denn der neue Herrgott?“

Geschäftig holte der Wirt das Kruzifix herbei. Je länger es der Maler betrachtete, so mehr wuchs auch seine Freude und sein Erstaunen. „Das hast du gmacht, Pauli?“, rief er endlich aus. „Es is fast net zum glauben! Sag einmal, Bub, wo hast denn du das her?“

Als Baumiller das Kruzifix in die Hand genommen hatte, war Lehnl aus der Küche in die Stube getreten, mit einem halben Dutzend Fliegenruten in der Hand, die er in die Fensternischen verteilte.

„Er is doch ein Ammergauer“, warf er auf den Ausruf des Malers ein, „und in Ammergau kommen die Buben schon als Herrgottschnitzer auf d’ Welt.“

„Sünd und schad is“, predigte Baumiller, „Sünd und schad, wenn du mir net folgst und mit mir net in d’ Stadt gehst, um dich ausbilden z’lassen! Schau nur einer die Stellung von der Muttergottes an! Wie schön und sauber die Armerln gmacht sind … ein völliges Rätsel, wie du das anstellst!“

„No, ein Rätsel is das grad net!“, sagte Pauli, der eines von Baumillers Skizzenbüchern ergriffen hatte und darin blätterte. „Haben S’ net allweil gsagt, ich soll mich fleißig üben? Ich hab lang gnug dran rumprobiert, bis ich’s so zammbracht hab.“

„Aber du musst doch ein Modell, ein Vorbild ghabt haben!“, wandte der Maler ein.

„Ein Vorbild? Du mein, ich hab mir halt d’ Loni vorgstellt, wie s’ so dasteht und mit zwei Händ den Millikübel am Kopf hebt.“

„So, nach dem Modell arbeitest du?“, lachte Baumiller. „Drum hast du auch das Gesichtl so fein rausgschnitten.“

Lehnl guckte dem Maler über die Schulter. „Meiner Seel!“ Der Alte war seltsam erregt. „Das is ja d’ Loni, wie s’ leibt und lebt.“

„Weiß Gott, Lehnl, du hast recht!“ Dabei raunte der Maler mit langen Schritten zur Küchentüre und rief hinaus: „Loni, Loni, komm einig schwind!“

„Seids so gut, machts mir mein Madl auch noch rebellisch!“, polterte der Wirt.

Man hörte von draußen ein Rasseln, wie wenn ein eisernes Geschirr über die Feuerringe eines Herdes gezogen wird; leichte, schnelle Tritte näherten sich über die Steinplatten – und unter die von Baumiller geöffnete Türe trat ein junges Mädchen von etwa dreiundzwanzig Jahren – die Loni.

Man sah ihr an, dass sie vom Herd kam, denn sie trug die breite blaue Küchenschürze umgebunden, deren rechter Zipfel an der Seite aufgesteckt war, wodurch das kurze Röcklein sichtbar wurde; das war vom gleichen Stoff, wie das weiß und rot karierte Leibchen, das sich, die volle Büste eng umspannend, über das kurze, schwarze Miederchen hervorhob. An den Händen mochte das Mädchen wohl noch die Spuren der eben verlassenen Beschäftigung tragen, denn sie hielt die nackten runden Arme mit den fast kokett gespreizten Fingern seitab vom Leibe. Eine weiche, ebenmäßige, für ein Bauermädchen überraschend zierliche Gestalt! Aus den Schultern hob sich ein Köpfchen, das leicht zur Seite geneigt war, wie unter der Last der dicken, braunen Flechten, die es umwanden. Die Hitze des Herdes hatte eine dunkle Röte über das reizende Gesicht gehaucht, aus dem zwei glänzende, braune Augen lachten, von dichten Wimpern umrahmt und überspannt von feinen, fast schwarzen Brauen, zwischen denen auf der Stirne ein kleiner, enkrechter Faltenzug sichtbar wurde, der zu diesem frischen, lebensfrohen Antlitz wenig passen wollte.

„Was gibt’s?“, rief Loni dem Maler zu. „Die Schnepfen sind noch net fertig.“

„Die pressieren auch net! Aber da geh einmal her! Geh nur her!“ Dabei fasste er Loni, die ganz verwundert dreinschaute und mit der Schürze die Hände trocknete, beim Arm und zog sie nach der Mitte der Stube.

„Was wollts denn?“, fragte das Mädchen, indem es widerstrebend folgte.

„So geh nur grad her und pass auf!“ Dabei postierte der Maler Loni vor einen Tisch und ließ sie die Arme erheben in gleicher Art wie die Maria unter dem Kreuze. Loni, die nicht wusste, wo das hinaus sollte, wollte eine Einwendung machen und die Arme sinken lassen.

„Ob du gleich stehn bleibst!“, fuhr sie der Maler an, trat einige Schritte zurück und blickte mit lebhaftem Erstaunen vom Schnitzwerk auf das Mädchen und vom Mädchen wieder auf das Schnitzwerk.

Lehnl stand neben Baumiller, und mit leuchtenden Augen schaute er auf Loni. „Wie gsagt, die ganze Muttergottes, auf und nieder!“

„Aber … wie kann man denn so ein Vergleich anstellen!“, zürnte Loni und ließ die Arme sinken.

„Sakra, so bleib doch!“, rief Baumiller.

„Ich mag net, das is mir z’dumm!“

„No, so schau einmal selber!“ Der Maler hielt dem Mädchen das Kruzifix entgegen. „Schau nur grad das Gsichtl von der Muttergottes an!“

Loni, die Hände hinter dem Rücken, betrachtete die Schnitzerei. Mit dem ersten Blick erkannte sie die Ähnlichkeit, und ein spöttisches Lächeln huschte um ihre Mundwinkel, während sie zu Pauli hinüberschielte. Dann warf sie die Lippen auf, schaute dem Maler ins Gesicht und fragte mit einem gering schätzenden Ton, der wie ein Messer in Paulis Herz schnitt: „Wer hat denn das gmacht?“

„Wie magst noch fragen?“, lautete die etwas ärgerliche Antwort des Malers. „Is denn im ganzen Gebirg einer, der so was fertig brächt, wenn net der Pauli!“

„Eigentlich hätt ich mir denken können, dass sonst keim so was Dummes einfallt!“

Pauli wurde blass und rot. Wenn ihm aber auch die Erregung vom Gesichte abzulesen war, so merkte man doch nichts davon in seiner Stimme und in seinen Worten. „No, no … das wird doch wohl kein Unglück sein! Ich hab mir halt denkt …“

„Weißt, was ich mir denk?“, unterbrach ihn das Mädchen heftig. „Es könnt mir was Gscheiteres in Sinn kommen, als dass du allweil mich drin hast … ich brauch mich net von dir ausschnitzeln z’lassen!“ Dabei drehte sie ihm den Rücken, schritt auf den Schänkkasten zu und kniete nieder, um aus einem der unteren Fächer ein paar Teller hervor zu nehmen.

„Wann ich gewusst hätt, dass dir’s net recht wär“, rief ihr Pauli nach, „oder wann ich mir hätt denken können, dass dich die Sach gar so viel verschmachen tät, nachher hätt ich’s eh net angfangt. Geh zu, Wirt, schieb halt den Herrgott in Ofen eini … ich mach dir ein andern!“

„Was dir net einfallt!“, lautete die brummige Antwort des Wirtes. „Der Herrgott kommt da ins Eck nauf, und sonst kein anderer!“

„Das will ich auch hoffen“, warf Baumiller ein, „denn der Christus da, das ist ein Meisterstück von Schnitzerei!“

Loni erhob sich und stieß die Teller auf die Platte des Schänkkastens, dass es klirrte. „Ein Meisterstück1 Dass ich net lach!“

Pauli hatte sich wieder zu seiner Mutter, die schweigend, aber mit unverhehltem Ärger diese ganze Szene angehört, an den Tisch gesetzt, der neben dem Schänkkasten stand. Nun neigte er sich über die Banklehne gegen das Mädchen und sagte: „Wenn schon dein Übermut auslassen willst an mir, so tu’s in Gottesnamen! Aber schau, Loni … es könnt vielleicht doch einmal eine Zeit kommen, wo’s dich reut!“

„Da müsstest du zerst ein anders Mannsbild werden. Sonst erlebst es schwerlich!“

„Müssts ihr zwei jetzt allweil wie Hund und Katz sein?“, fuhr der Wirt dazwischen.

„Jetzt ich beiß doch gwiss net!“, meinte Pauli mit bitterm Lächeln.

Loni lachte hell auf. „Das muss wahr sein, denn zum Beißen ghört vor allem ein bissl Schneid … und das Wörtl steht in beim Katechismus net!“ Mit energischem Ruck zog sie die Teller vom Schänkkasten und wandte sich zu Baumiller. „Gehen S’ zu, Herr Fritz, kommen S’ zu mir naus in die Kuchl … Ihnen Ihr Essen könnt leicht ein faden Beigschmack kriegen, wenn ich’s da eini traget.“ Sie ging zur Tür. Und kopfschüttelnd folgte ihr der Maler. Bevor er die Stube verließ, rief er noch dem Pauli zu: „Gelt, vergiss net, dass mich übermorgen früh abholst zu unserer Partie auf den Sonnenberg!“

Pauli hatte keine Antwort mehr; er nickte nur. Und Traudl griff nach Gebetbuch und Regenschirm. „Es is ein Glück, wann wieder einmal auf ein Berg auffikommst! Nachher kriegst doch wieder ein andern Gedanken. Der ewige Daunderlaun führt doch zu nix. Hint und vorn halt dich ‚s Madl für ein Narren und macht dich spöttisch vor alle Leut.“ Die Alte stand auf und strich Rock und Schürze glatt.

„Sie meint’s net so!“, sagte Pauli begütigend.

„Jeses! Jesses!“ Klatschend flog das Gebetbuch auf den Tisch, um sofort von Traudl mit heiliger Scheu wieder aufgenommen und zur Sühne für diese Unbill an die Lippen gedrückt zu werden. „Sie meint’s net so! Da möcht ich mich doch gleich bucklet lachen! Is dir das noch net gnug?“ Zu besserem Nachdruck stieß sie ihrem Sohn bei jedem betonten Wort den Knauf des Regenschirmes gegen die Schulter. „Willst noch mehr Schand und Spott auf dich bringen? Wenn du gscheit bist, so gehst jetzt mit mir und lasst den Findling gehen, von dem man net einmal weiß, ob er ein Vater oder eine Mutter ghabt hat! Mach zu! Geh weiter!“

Ohne ein Wort der Erwiderung erhob sich Pauli, nahm seinen Hut, nickte dem Lehnl einen kurzen Gruß zu und folgte seiner Mutter. Als er aus dem Flur ins Freie treten wollte, fühlte er sich am Arm zurückgehalten. Es war der alte Lehnl, der ihm ins Ohr flüsterte: „Sie is halt ein Madl! Lass dich’s net verdrießen, Pauli!“

„Das wär ein Kunststück, Lehnl!“

„Freilich wohl, aber du bringst es fertig!“

Es war ein fester Händedruck, mit dem die beiden schieden.

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