Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Der Herrgottschnitzer von Ammergau

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Herrgottschnitzer
            Kapitel 1
            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10

1.

Die Wiesen, die den Ammerfluss auf beiden Ufern geleiten, waren kurz geweidet, und ihre Farbe spielte schon ein wenig in jenes müde Gelbgrün, das für die ganze sprossende Natur der erste Vorbote des nahenden Absterbens ist.

Still und unbelebt lagen die Wiesen unter einem unfreundlichen Himmel. Nur vereinzelte Emmerlinge sah man von Zeit zu Zeit aus den Büschen aufflattern, die da und dort den Weg der Ammer bezeichnen oder den Lauf der Landstraße, die sich von Kohlgrub her in das Oberammertal hereinzieht.

An Stellen, wo sich die Ammer mit einer seichten Ausbuchtung bis an die Straße heranbiegt, sah man wohl auch eine Bachstelze über die braunen, nassen, kaum aus dem Wasser ragenden Steine hüpfen.

Folgte der Bach in geräumigem Bett träge seinem Lauf, so ließ er ein recht schwermütiges Bild gewahren; hatte er doch nichts anderes zu spiegeln, als den kurzgrasigen Uferrasen und darüber die schweren Wolken, die den Himmel verhüllten. Darunter hin zogen, von einem schwachen Windhauch getrieben, die leichten, grauen Nebel, die sich aus dem das Tal zur linken Seite begleitenden Höhenzuge des Stecken-Berges mit tausendfältigen Formen emporhoben und in steter Verwandlung schräg über das Tal hinweghuschten, um sich in die schwarzen Tannenwipfel und zwischen die plumpen Kuppen des Aufackers zu verlieren, der mit seiner Zinne tief in Dunst und Wolken steckte. Das gleiche Schicksal teilten auch die anderen, das Tal umringenden Bergspitzen; nur die jäh emporsteigende Kobelwand hatte mit ihren groben, eckigen Konturen den Nebelschleier zerrissen und blickte finster auf das zu ihren Füßen liegende Ammergau herab, während sich das auf ihrer höchsten Spitze aus Baumstämmen errichtete Kreuz in zwei scharfen, schwarzen Strichen vom grauen Himmel abhob.

Mitten in diesem lichtarmen Bild lag das freundlichen Dorf mit seinen weißen, appetitlichen Häusern und seinem stolz aufragenden Kirchturm. Es lächelte dem Beschauer so herzlich entgegen, als wollt’ es durch seinen lieben Anblick den verstimmten Wanderer mit der grauen, düsteren Miene der Landschaft wieder versöhnen.

Gleich unter den ersten Häusern, an denen man vorüberwandelt, wenn man von Kohlgrub herkommen die Ammer auf der alten hölzernen Brücke überschritt, stand auch das kleine Haus, in dem diese Geschichte beginnt. Es war ein einstöckiges Haus von halb städtischer Bauart, mit der sich die dem Stile der Gebirgshäuser entnommene Galerie vor dem Dachgeschoss einer jeden Giebelseite und der geschnitzte Zierrat auf den Firsten zu einem angenehmen Ganzen vereinigte. Zwei alte Birnbäume streckten ihre knorrigen Äste schützend über das braune Dach, und ein kleiner, sorgsam gepflegter, von einem grün gestrichenen Staketenzaun eingehegter Blumen- und Gemüsegarten umzog die sauberen, weißen Wände.

Zwischen den Fenstern, zu beiden Seiten der Türe und über der Türe selbst zeigten sich farbenbunte Abbildungen aus der Leidensgeschichte Christi, deren Komposition und Kolorit vermuten ließen, dass ihr Meister sicher nicht außerhalb des Weichbildes von Ammergau gebildet worden war.

Diese Bilder waren alt und hatten schon verschiedene Tünchungsperioden der Hauswand überlebt; aber wenn auch ein naiver Kunstsinn oder eine gewisse Pietät sie immer vor der gänzlichen Vernichtung geschützt hatte, der teilweisen Zerstörung waren sie doch nicht entgangen. Bei jedem neuen Anstrich war der Kalkpinsel des Maurers weiter vorgedrungen, so dass jene Bilder zur Zeit dieser Geschichte am Rande nur mehr Figurenbruchstücke zeigten. So schwang auf einem der Bilder ein in der Luft hängender Arm die Geißel über dem Leibe Christi. Der zu dem Arm gehörige Körper eines Soldaten oder Henkersknechtes war längst der vorrückenden Kalkdecke zum Opfer gefallen.

Die Haustür war geöffnet und gewährte einen Blick in den Flur, dessen Wände dicht behängt waren mit unvollendeten Schnitzereien und verschiedenen Konturschablonen aus Blech oder Pappdeckel. Während rechts in der Tiefe eine schmale Treppe zum Bodenraum führte und links ein türartiger Durchbruch die Mauer nach der Küche öffnete, zeigte der vordere Raum zwei sich gerade gegenüberstehende Türen. Die Stube zur Linken sagte dem ersten Blick, dass der Besitzer des Hauses ein Bildschnitzer war; die hier und dort umher liegenden oder in Ordnung aufgeschichteten Holzstücke, die sich durch ihre Form als vorbereitetes Material für dereinstige Kruzifixe zu erkennen gaben, ließen noch im besonderen schließen, dass Paulus Lohner, von seinen Bekannten kurzweg Pauli genannt, zu jenen Bildschnitzern gehöre, die dem Sprachgebrauch seiner Heimat zufolge den Namen „Herrgottschnitzer“ führen. Der Raum diente allem Anschein nach zugleich als Wohnstube und Werkstätte. Etwas Besonderes war an ihm nicht zu finden: Ein Zimmer, das gerade seinem Zweck diente, wie jedes andere gleicher Art in den anderen Häusern des Dorfes. Weiß getünchte Wände, daran verblasste Photographien, meist Soldatenporträts oder Kostümbilder der letzten Passionsspiele, Darstellungen aus dem Leben des zum Schutzpatron gewählten Heiligen, das mit dünnen Goldleisten umrahmte Aufnahmedekret irgendeines Bewohners dieses Hauses in irgendwelchen religiösen Verein, das Kruzifix im Herrgottwinkel mit den melancholisch überhängenden Palmzweigen, dann der übliche Kachelofen in der einen Ecke, in der anderen der massive eichene Tisch vor den in die Wand eingelassenen Bänken, ein Kasten mit schrankartigem Aufsatz, und schließlich an der langen Fensterseite die Hobelbank mit den verschiedenen Werkzeugkästen darüber.

Die Stube musste kurz erst aufgeräumt worden sein, denn neben der offenen Tür lagen noch die zusammengekehrten Holzspäne, und an der Wand lehnte der benützte Besen. Ein sichtlich in Eile abgeworfener, blauleinener Arbeitsschurz lag auf der säuberlich in Ordnung gebrachten Hobelbank, und neben ihm ein neues Kruzifix, oder, um die Sprache des Landes zu reden, ein neuer Herrgott: Das Kreuzholz schwarz bemalt, darauf der weiße, geschnitzte Christus, und ihm zu Füßen die Statuette der klagenden Maria. Es war eine schöne, sorgfältig ausgeführte Arbeit, die dem Kenner umso mehr auffallen musste, als die Maria nicht nach der gebräuchlichen Schablone mit gefalteten oder mit auf die Brust gepressten Händen dargestellt war, sondern mit Armen, die sich wie zur lauten Klage gen Himmel hoben.

Eben fing die aus den Wolken blinzelnde Sonne an, die Wände leicht zu röten, als durch die Tür ein junger Bursche trat, der zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren stehen mochte. Es war Pauli. Er trug weder Rock noch Weste und hatte die Ärmel seines Hemdes bis über die Ellbogen aufgestülpft. Mit einer kurzstieligen Blechschaufel fasste er die Holzspäne vom Boden auf und verschwand durch die Tür, um wenige Sekunden später wieder zu erscheinen.

Er stülpte die Hemdärmel nieder, trat vor die Hobelbank und musterte sein jüngstes Werk noch einmal prüfenden Blickes, während er die beiden Hände langsam über die Hüften wischte. Er war eine wohlgeformte, sehnige Gestalt; doch zeigte der Rücken eine kleine Krümmung, die entweder die Folge des vielen Sitzens bei der Arbeit war, oder vielleicht nur nachlässige Haltung: Auch der Hals erschien etwas nach vorne gestreckt, wie man das bei Leuten sieht, die über mancherlei nachdenken und dabei immer zur Erde blicken. Paulis Gesicht war nicht gerade gewöhnlich, jedenfalls hatte es aber auch nichts Außergewöhnliches an sich. Es war eines von jenen Gesichtern, von denen man sagen kann, sie sind hübsch – vorausgesetzt, dass man’s mit dem Begriff dieses Wortes nicht allzu streng nimmt. Das einzige, was man wirklich an ihm schön nennen musste, das war sein Blick. Wie ein leichter Flor von Schwermut lag es über diesen dunklen Augen, und dennoch ungetrübt sprach aus ihnen jede gewinnende Eigenschaft eines guten Menschen.

Pauli legte das Kruzifix, das er zur besseren Betrachtung aufgenommen hatte, beiseite, zog die Schublade aus einem der Werkzeugkästen und nahm zwei Figürchen hervor, die allem Anschein nach misslungene, oder wenigstens unvollendete Probestücke der auf dem Kreuz befestigten Marienstatuette waren. Dann griff er nach einem Schnitzmesser, änderte mit ein paar sicheren Schnitten den Gesichtsausdruck der beiden Figürchen, der mit dem der Maria auf dem Kreuze ein und derselbe war, und stellte sie dann auf die vorderen Gesimsecken des neben dem Ofen stehenden Schrankes. Dann wandte er sich hastig ab, nahm einen leichten, nicht mehr neuen Kittel vom Türnagel, zog ihn an und drückte einen kleinen, dunkelgrünen, mit einer Weihenfeder geschmückten Filzhut auf das krause, braune Haar. Vorsichtig wickelte er das Kruzifix in einen großen Bogen Packpapier, das allem Anschein nach schon öfters ähnlichen Zwecken hatte dienen müssen, nahm das Paket sachte auf den Arm und verließ das Haus.

Man kommt nicht so schnell von einem Ende des Dorfes zum andern, wenn man bei allen Leuten beliebt ist. Und Pauli war beliebt. Bald wurde er von einem Freund auf dem Weg angehalten, bald klang ihm ein Gruß aus einem Fenster, da gab es zu fragen nach seinem Befinden, nach dem Wohlsein der Mutter, nach dem Ziel seines Ausgangs, und weiß der Himmel, womit sonst noch freundliche Neugier seine Schritte hinderte. Als Pauli bei der Kirche um die Ecke bog und sich dem Forsthaus näherte, sah er den Förster auf der Freitreppe stehen, die zu der hochgelegenen Haustür führte. Er bot ihm einen freundlichen Gruß.

„Wohin denn, Pauli?“, rief der Förster.

„Nach Graswang.“

„Was! Bei so eim Wetter?“

„No, wann’s auch ein bissl tröpfelt, was liegt dran? Durch d’ Haut eini hat’s dengerst noch keim g’regnet!“

Der Förster lachte. „Ja, ja ’s Wirtslonerl is ein saubers Madl! Der zlieb leidt’s schon eine verregnete Joppen!“

Ein dunkles Rot flog über Paulis Wangen. „Na, na“, sagte er schüchtern, „ich geh grad in Gschäften nach Graswang. Der Wirt hat schon lang ein neuen Herrgott bei mir bstellt ghabt, und jetzt hab ich ihn halt fertig gmacht und trag ihn nüber.“

„So, so?“ Der Förster schmunzelte. „Was is, kommst morgen Sonntag zu mir ein bissl in Heimgarten? Hast dich in der letzten Zeit recht rar gemacht!“

„Müssen S’ mir’s halt net verübeln, dass mich d’ Arbeit net hab abkommen lassen, und …“ Pauli machte eine Pause und blickte etwas verlegen zum Förster hinauf … „und wenn ich morgen net komm, dürfen S’ halt auch net bös sein.“ Hastig sprach er weiter, als wollte er irgendeinem Einwand des Förster zuvorkommen: „Wissen S’, der Huberbauer von Graswang will Schnitzereien in die drübere Kirch stiften, und der Herr Maler Baumiller … Ihr kennts ihn ja auch … hat halt mich dazu rekomadiert, dass ich die Arbeit kriegt hab. Jetzt geh ich halt auf sechs oder acht Wochen nüber und mach die Gschicht.“

„Ja, was d’ net sagst! Hast schon ein Loschi drüben?“

„Der Huberbauer hat mir sein Austraghäusl überlassen. Zwei ganz nette Stüberln sind drin. Heut fruh hab ich schon ’s Notwendigste nüberbracht … und d’ Mutter, die z’morgens nach Ettal wallfahrten is, geht am Heimweg nüber und richt mir mein Sach ein bissl zamm.“

„Du sagst ja das alles mit eim Gsicht“, gab der Förster lachend zur Antwort, „als ob dir der Weg nach Graswang und das lange Bleiben in der Näh von der Loni schon so zwider wär, wie eim faulen Knecht d’ Arbeit?“

Pauli zog die Brauen zusammen. „Müssen S’ net spotten, Herr Förster! Ihnen bringt’s kein Nutzen, und mir tut’s net wohl.“

„No, no, no“, begütigte der Förster, „so schiech war’s net gmeint. Drum sei gut und mach kein so zwiders Gsicht. So was können d’ Leut in Graswang auch net leiden. Und jetzt b’hüt dich Gott und geh, sonst kriegen wir am End gar noch Streit mitanand.“

„Jetzt das glaub ich doch net!“, meinte Pauli, zog mit freundlichem Gruß den Hut und schritt seines Weges weiter.

Auf dem einen Arm das Paket mit dem Kruzifix, den andern Arm mit dem Daumen in das Querband des Hosenträgers eingehakt und den Blick zur Erde gerichtet, so ging er die Straße dahin, ohne Sinn und Auge zu haben für die stille, trotz des trüben Abends immer noch mannigfaltige Schönheit der Landschaft, die ihm zu beiden Seiten langsam vorüber zog. Er glich einem Menschen, dem die Einsamkeit Bedürfnis und Wohltat ist, weil sie ihm gestattet, alle Gedankenarbeit, bei der das Herz dazwischen spricht, in Muße nachzuholen, nachdem die schwere, andauernde Arbeit des Tages sie für Stunden zurückdrängte. Und Pauli hatte so manches in Kopf und Herz, was die Zeit seiner Abende und vielleicht auch mancher Nacht in Anspruch nahm, ohne dass er damit zu Ende oder nur zur Ruhe kommen wollte.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.