Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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         Das große Jagen
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Kapitel 31

Bei grauendem Morgen brannte die Lampe in der Wohnstube des Mälzmeisterhauses. Der alte Raurisser, mit rot glühendem Kopf, saß im Herrgottswinkel, wickelte kleine Geldrollen und stopfte sie in eine neue Lederkatze, die aussah wie ein Tiroler Bauerngürtel. Mit buntem Garn waren die Anfangsbuchstaben von Leupolts Nehmen und sein Geburtsjahr 1707 eingestickt; und rechts und links eine Gämse, die mit eng gestellten Läufen auf einem spitzigen Kegelchen stand. Immer dicker und schwerer wurde der schöne Schatzbehälter. Und als der Meister beim Wickeln seufzend eine Pause machte, sagte Mutter Agnes, mit Augen und Stimme bettelnd: "Gib, Alterle, gib! Sein Weg ist weit." Der Meister wickelte wieder. Und Frau Agnes packte. Zwei große Rucksäcke standen schon fertig geschnürt auf der Fensterbank. Jetzt füllte sie mit zitternden Händen den dritten Sack und huschte immer wieder davon, um ein für ihren Buben brauchbares Stück zu holen, das ihr noch einfiel. Als der kugelrunde Sack verschnürt war, packte sie alles, was die Magd mit verheulten Augen als Zehrungsbeitrag für die Exulanten herbeischleppte, in den großen Wäschekorb auf der Ofenbank: geselchtes Wildbret, geräucherte Saiblinge, Schinken und Speckwürste, ein paar hundert hart gesottene Eier, Schmalzbüchsen und Buttertöpfe, Salzdüten, Schnapsgutter und Weinflaschen, Brotlaibe und süße Wecken. Immer war es der Mälzmeisterin noch zu wenig. "Lauf, Mädel, und bring! Da muss man geben!" Zustimmend tackte die Gottsaugenuhr and er Mauer: "Tu's! Tu's! Tu's!" Ob's der Engel oder das Teufelchen sagte, immer klang es mit der gleichen heimlichen Freundlichkeit, und immer blickte das rollende Gottesauge im Zustand des Wohl wollens gegen die Ofenbank, blickte nur finster, wenn es hinüberschielte gegen die laut werdende Straße. And er schönen alten Uhr, die sich in tadellosem Gang befand, war nicht die geringste Spur einer irrsinnigen Misshandlung zu erkennen. Da musste der Pfarrer Ludwig, als er dem Luisli jene sonderbare Uhrgeschichte erzählte, entweder an Wahnvorstellungen gelitten haben wie der Chorkaplan Jesunder, oder der Pfarrer hatte wieder einmal gelogen, diesmal anscheinend ohne Erfolg. Mit Spinozas Lehre von den für das Menschenglück ersprießlichen Geschehnissen schien es in diesem Fall nicht zu stimmen.

Leupolt kam zur Tür herein, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er getragen hatte, als er die preußischen Herren hinaufführte zum Toten Mann. "Jetzt bin ich fertig." Frau Agnes schien nicht zu hören; beim packen beugte sie nur das Gesicht ein bisschen tiefer gegen den Korb hinunter. Für den Vater war das ruhige Wort des Sohnes wie ein Stoß vor die Brust gewesen. Mit tattrigen Händen schnallte er die zwei Kappen der Lederkatze zu. "So, Bub!" Er schob sich aus der Bank heraus. "Schau, da ist, was Du kriegst von mir. Sei halt ein bissl gescheit und gib nit alles für die anderen aus. Für Dich muss auch was bleiben."

"Vergelts Gott! Tust Du die Brüder nit verkürzen?"

Der Alte schüttelte den Kopf. "Beredet haben wir schon alles. Machen wir's kurz. Ich muss ins Bräuhaus hinüber." Als er die Arme um den Hals des Sohnes legte, war er noch mannhaft. Kaum aber spürte er den eisernen Zärtlichkeitsdruck seines Buben, da verlor er alle Fassung, wühlte das Gesicht an die Brust des Sohnes und keuchte: "Bub, ich wollt, ich tät mitdürfen!"

"Ja, Du!", grollte Mutter Agnes beim packen mit zerdrückter Stimme über die Schulter. "Du wärst der Richtige zum Exulieren! Wo Du schon den Schnaufer verlierst bis hinüber zum Bräuhaus. Möcht wissen, was Du sagen tätest auf der Wanderschaft, wenn Du Wasser trinken müsstest, statt Tag für Tag deine fünf Maß Bier." Nun drehte sie das blasse Gesicht und blinzelte dem Sohn zu, dass er's dem Vater leichter machen sollte.

"Komm, Vater!", sagte Leupolt ruhig. "Tu Dich aufrichten als festes Mannsbild! Bloß die Füß laufen von einander fort. Die Herzen bleiben allweil beisammen."

"Bub! Bub!" Meister Raurisser, hin und her geworfen zwischen Zorn und Kummer, war einem Schreikrampf nahe. "Alles Gute für Dich! Alles Gute auf der Welt! Du hast's verdient! Und so einen Buben jagen sie aus dem Land! Die Herrgottsakermenter! Wenn sich so was nit strafen tät, da müsst unser Herrgott - Jesus, Jesus, zu was für einem Herrgott muss ich denn hinauf schreien?" Er wollte die geballten Fäuste gegen die Stubendecke heben und klammerte die Arme wieder um den Hals des Sohnes. "Bub! Mein Bub, Du mein lieber! Alles Gute für Dich - und alles - Bub, ich kann nimmer, es reißt mir alles auseinander!" Wie ein Betrunkener machte er sich los, taumelte gegen die Türe hin und brüllte: "Kronäugeln tu ich ins Bier, vergiften tu ich die Unmenschen, die rotzmiserabligen!" Er schlug die Türe hinter sich zu, dass es wie ein Böllerschuss durch das Haus hallte.

Erschrocken sah Leupolt die Mutter an. Sie schüttelte den Kopf und wischte die Tränen von den Wangen. "Auf die Wörtlen därf man beim Vater nit gehen. Ist er drüben im Bräuhaus, so sucht er wieder das beste Malz für die Herren aus. Wahr ist's, Bub, es hat nit leicht ein Kind auf der Welt einen bräveren Vater, wie Du!" Mit fahrigen Händen fing sie wieder zu packen an. Und Leupolt stand inmitten der Stube, unbeweglich, den Kopf zwischen den Fäusten. Nach einer Weile sagte er zaghaft: "Mutter! So kann's das Luisli doch nit gemeint haben. Der Einsamkeit zulaufen müssen, das ist hart. Meinst Du nit, ich sollt noch eine letzte Frag an das liebe Mädel tun?"

Erst nach einer Weile konnte Frau Agnes antworten: "Da muss ich abraten. Will Gott es haben, so gibt er's. Mag er es nit, so musst Du es leiden." Als sie das Gesicht von dem fertig gepackten Korb abwandte und ihren Buben ansah, musste sie barmherzig sagen: "Fürgestern hab ich mit dem hochwürdigen Herrn geredet. Der hofft noch allweil." In der Gottsaugenuhr ein leises Geräusch, wie von einem schnurrenden Rädchen; dann schlug die Uhr mit schönen, tiefen Klängen die sechste Morgenstunde. Frau Agnes ging auf den Tisch zu und löschte die Lampe. "Jetzt müssen wir von einander. Schau, es tagt! Da musst Du auf dem Markt beim Brunnen sein, wenn die Notigen und Ratlosen kommen. Du bist ihr Helfer und Wegweis." Ihr Gesicht bekam etwas weiß Versteinertes, während sie zur Türe ging und den Riegel vorschob. Stumm, mit müden Bewegungen, trat sie an jedes Fenster und zog die blauen Vorhänge zu. Eine milde, neblige Dämmerung war in der Stube. Mutter Agnes ging zur Gottsaugenuhr, löste die Gewichte von den Schnüren und hängte den Perpendikel aus; der Engel und das Teufelchen blieben auf halbem Weg stecken, jedes auf der Schwelle seiner Pforte; das Auge Gottes, weder böse, noch freundlich, blickte ruhig aus der Mitte des von Strahlen umzügelten Dreiecks, und Mutter Agnes sagte, nicht laut, nur in ihrem zerrissenen Herzen: "Die Uhr soll von der jetzigen Stund an nimmer schlagen, solang ich noch leb." Ganz ruhig war sie, als sie auf Leupolt zutrat. Von ihrem Schmerz war nichts an ihr zu erkennen; heiß und gläubig strahlte die liebe in ihren Augen. "Bub! Ich kann Dich nit segnen, wie's Deinem Glauben recht ist. Darf ich Dich segnen, wie's mein herz versteht?"

"Eine Mutter darf alles." Er ließ sich hinfallen auf die beiden Knie, faltete in einer starren, hölzernen Art die Hände vor der Brust und sah mit glänzenden Augen zum weißen Gesicht der Mutter hinauf. Wortlos, kaum merklich die stumm betenden Lippen rührend, besprengte sie ihrem Sohn den Scheitel, das Gesicht, die Schultern und die Hände mit geweihtem Wasser. Und bekreuzte ihm die Stirn, den Mund und die Brust. "Im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen Geistes! Ist Gerechtigkeit im Himmel, und da glaub ich dran, so muss die gütige Dreifaltigkeit Dich hüten auf jedem Weg. An Deiner sauberen Seel ist nie kein Fleck und Schaden gewesen. Nie hast Du ein Ding getan, von dem ich sagen hätt müssen: Das ist schlecht. Allweil bist Du die Freud Deiner Mutter geblieben -" Die Stimme versagte ihr: Wie von einem Frostschauer gerüttelt, beugte sie sich zu ihm hinunter und presste das Gesicht auf seinen Scheitel. "Vergelts Gott, Bub!" Er umklammerte die Mutter, ohne einen Laut zu finden, und küsste den Schoß, der ihn geboren hatte. Dann sah er zu ihr hinauf. "Dich und mich - gelt, Mutter - uns schneidet man nit auseinander? Und nit mit der schärfsten Säg."

Nur den Kopf konnte sie schütteln. Und nun wurde sie von einer Verstörtheit befallen, die sich ansah wie Raserei. Die Hände mit gespreizten Fingern empor streckend, schrie Mutter Agnes zur Höhe hinauf: "Allmächtiger! Rührst Du Dich nit ein bissl? Siehst Du nit, wie's zugeht in tausend Mutterherzen von Berchtesgaden?"

Am verhüllten Fenster einheftiges Pochen. Und eine Stimme: "Bruder Leupi?"

Die beiden in der Stube umklammerten sich stumm. Erst als das Pochen am Fenster sich wiederholte, konnte Leupolt antworten: "Wohl! Ich bin noch daheim."

"Geh, komm! Die armen Leut wissen nit aus und ein. Alle schreien nach Dir."

"Ich komm." Er sprang vom Boden auf, umhalste und küsste die Mutter - "Gelt, Du Liebe, jetzt muss es sein?" - vergaß den Rucksack, den er tragen sollte, vergaß die Geldkatze und den Zehrungskorb und kam auf der Straße gerade zurecht, um ein kränkliches Weib, dazwischen schreienden Kindern ohnmächtig geworden war, von der Erde aufzulupfen und auf einen Wagen zu heben.

Aus hundert Stuben von Berchtesgaden war der Abschiedsjammer herausgetreten über die Schwelle, mit zärtlichem Gestammel und Schluchzen, mit Umarmungen, die nicht enden wollten, mit Kindergeschrei und Muttertränen, mit erbitterten Zornflüchen und himmelschreienden Klagen zerrissener Herzen. Der ganze Marktplatz und alle zuführenden Gassen waren unter dem Frühlingsblau und in der milden Morgensonne verwandelt zu einer einzigen großen Stube des Menschengrams. Alle Glaubensfeindschaft und aller religiöse Gegensatz schien erloschen und verschwunden; der Schmerz der Wandernden, die man aus der Heimat jagte, war übergeflossen in die Herzen der Bleibenden; in allen war das Gefühl der Zusammengehörigkeit wach geworden, die nachbarliche Freundlichkeit und das menschliche Erbarmen.

Immer dichter und lärmender füllte sich die lange Marktgasse. Von den Armen und Ärmsten, die nicht zu bleiben brauchten, bis Haus oder Feld verkauft war, hatten sich Neunhundertundsieben zur ersten Schar unter Leupolts Führung gemeldet, Greise, Männer und Weiber, Burschen, Mädchen und Kinder. Unter ihnen auch Kranke, die nimmer bleiben, nicht länger warten wollten auf den Tag der Seelenfreiheit. Ein Bauer hatte seine siebzehnjährige Tochter, die den Fuß gebrochen, auf eine Kraxe gebunden und brachte sie auf dem Rücken getragen. Den Jakob Aschauer, einen Hundertjährigen, der schon ein Sterbender war, mussten seine grauköpfigen Söhne auf den Leiterwagen heben und betten im Stroh. Jede Mahnung, zu bleiben und den nahen Tod in der Heimat zu erwarten, lehnte der Greis mit harter Handbewegung ab und sagte: "Das ist vor Zeiten ein Sprichwort gewesen: Wen Gott leib hat, den lasst er fallen ins berchtesgadnische Land. Jetzt ist eine Zeit gekommen, dass aus Berchtesgaden hinaus kriechen möcht, wer nimmer laufen kann." Erschüttert durch diese Worte, das Gischt von Tränen überflossen und vom Geist befallen, stieg ein junges Weib auf den Wagen des Greises, hob die Arme zum Himmel und begann zu predigen über das Wort: "Gehe von Deinem Vaterland, von Deiner Freundschaft und Deiner Mutter Haus in ein Land, das ich Dir zeigen werde." Beim Brunnen begannen die Evangelischen das Lutherlied zu singen:

"Ein feste Burg ist unser Gott -"

und auf der anderen Seite der Marktgasse sangen Hunderte das Wanderlied der Salzburger:

"Ich bin ein armer Exulant
Und därf daheim nit bleiben,
Man tut mich aus dem Vaterland
Um Gottes Wort vertreiben -"

Mit dem inbrünstigen Klang der singenden Stimmen, mit dem verzückten Lautgestammel des predigenden Weibes und mit den klingenden Helferworten des Leupot Raurisser, der ruhelos von Wagen zu Wagen sprang, vermischte sich das Gerassel der verspäteten Karren, das Gebrüll der Kühe, das Ziegengemecker und das Blöcken der ängstlichen Schafe. Der Tier- und Menschentrubel des Brunnenplatzes und der Gasse glich dem Bild eines Viehmarktes, dessen Geschäft und Handle unterbrochen wurde durch die Nachricht einer bösen, alle Menschen verstörenden Landsnot. Köpfe und Arme streckten sich aus allen Fenstern, und von überall warf man Kleiderbündel und Päcklein mit Geld und Esswaren herunter auf die Wagen der Exulanten. Aus allen Türen kamen Frauen, Männer und Mägde, um herbeizuschleppen, was sie zu geben hatten. Pfarrer Ludwig mit seiner Schwester, Lewitter und die stumme Lena, die Sus und Meister Niklaus brachten große Körbe. Und die Mälzmeisterin, als sie ihrem Buben die Geldkatze um die Hüften geschnallt und die Rucksäcke mit dem Zehrkorb untergebracht hatte auf dem Scharwagen, unter dessen Bocksitz die eiserne Truhe mit den preußischen Hilfsgeldern an die Leitern angeschmiedet war, lief von Karren zu Karren: "Ihr guten Leutlen, braucht ihr noch was?" Sie sprang in alle Kaufläden, raffte zusammen, was nötig war, hatt kein Geld mehr und musste immer sagen: "Schreibt nur auf! Ich zahl schon!"

Zwischen Gram und Schluchzen spielten sich Szenen ab, über die man in unbedrückter Stunde hätte lachen müssen, und die der Jammer der Abschiedsstunde zu einer herzerschütternden Begebenheit machte. Zwei Geschwister, die einander verlassen mussten, hielten einen kleinen weißen Hund, den sie leib hatten, am Strickl und stritten verzweifelt miteinander, weil ihn jedes dem anderen überlassen wollte. "Nimm ihn, um Gottes Barmherzigkeit, so nimm ihn doch, Du tust mir was Liebes an!" Auf einem Wagen spielte ein ähnlicher Streit, noch tränenreicher, noch verzweifelter. Drei Kinder, die beim Vater bleiben, hingen am Hals der exulierenden Mutter und beschworen sie, den kleinen Käfig mitzunehmen, in dem ein Distelfink zwischen den Stäben scheu umherflatterte. "Nimm, Mutterle, nimm, Du hast das Vögerl so viel lieb, Du kannst nit leben ohne das Vögerl!" Und die Mutter, von Schluchzen geschüttelt: "Nit! Und tausendmal nit! Wandern muss ich nach meines Herrgotts Willen. Euer Vögerl ist nit des Himmels und nit der Höll. Eh tät ich lieber sterben am Fleck, eh dass ich meinen Kinderlen die singende Freud aus dem Leben tät reißen mögen." Ihr Schluchzen verwindend, mit den Zähnen knirschend, presste sie den kleinen Käfig zum letzten Mal an ihre nasse Wange und schlang mit dem anderen Arm die Blondköpfe der weinenden Kinder an ihre Brust. Und neben dem Wagen, zwischen einem Ziegenknäuel, redete ein junger Bauer mit erbitterten Worten zu seinem blassen, unbeweglichen Weib: "Um aller Seligkeit willen, tu Dich besinnen im letzten Stündl! Weibl, Weibl, bist du denn ganz verloren, dass Du mich lasen und mit den Luthrischen laufen kannst?"

Die ekstatisch glänzenden Augen zur Höhe gerichtet, sagte sie leis: "Ich geh, weil der liebe Gott mich ruft."

Er klagte: "Weibl, Weibl, Du laufst dem Satan zu!" Und weil in ihm die Sorge noch größer war, als der Zorn, machte er das schützende Kreuzzeichen auf ihre Stirn.

Da sah sie ihm lächelnd in die Augen. "Vergelts Gott, Du Gütiger! Jetzt kann mir die Höll nimmer schaden. Deine Lieb hat ein heiliges Kreuz über mich gemacht."

Ein alter Mann und eine alte Frau, beide mit bleichen, entstellten Gesichtern, hingen an die Arme ihres zwanzigjährigen Sohnes geklammert und beschworen ihn zur Reue und zu christlichem Bleiben. Er zog die Alten an sich, hielt ihre Köpfe an seien Rippen gepresst und sagte: "Es ist auf der Welt kein Ding, das mir lieber wär als Mutter und Vater. Aber Gott ist mehr. Ihr habt Euch anders besonnen, und ich tu's nit schelten. Jeder so, wie er muss. Ich getrau mich bei Eurem Glauben nit selig werden. Und lügen kann ich nit. Ich tät mich schämen müssen vor dem Leupi, der geblutet hat für uns alle. Jedem Redlichen muss die Wahrheit heiliger sein als Glück und Leben."

Das hörte einer, dem dieses verzückte Wort den letzten Blutstropfen aus den bärtigen Wangen jagte. "Meister?", stammelte die Sus erschrocken. Er sagte zwischen en Zähnen: "Gib! Und gib! Wie mehr, so lieber ist mir's. Ich hab einen Weg." Vorüber an lautem Schluchzen und stillem Weinen, vorüber an Zorn und Gram, an Tieren und Menschen. Beim Brunnen sah er den Pfarrer und drängte sich hin zu ihm. Der fragte betroffen: "Nick? Ist Dir nit gut?"

Der Meister sah ihm in die Augen. "So geht's nit länger. Ich kann's nimmer hehlen. Ob Ruh oder Elend, ich muss bekennen heut."

"Dein Gesicht hat mir's kürzer gesagt." Der Pfarrer legte den arm um den Hals des Freundes. "Tu, was Du musst! Jetzt red ich Dir nimmer ab." Seien trauernden Augen irrten über den tausendköpfigen Jammer hin, der die Gasse füllte. "Aber was Du tun musst, tu als mutiger Mensch! Der Weg zum Listenkommissar ist leicht. Erst geh den härteren zu Deinem Kind."

Der Meister nickte und bot dem Freund die linke Hand, die lebende. Stumm ging er davon und sah nimmer, dass ein leises Lächeln den trauernden Ernst im Warzengesicht des Pfarrers milderte. Um sich in der langen Gasse nicht wieder vorüberwühlen zu müssen an Menschen und Tieren, schritt der Meister hinüber zum gestützten Hofgarten und suchte den Heimweg hinter den Zäunen. Wie das Rauschen eines großen Wassers begleitete ihn der klagende Lärm der Marktgasse.

Friedlich umschimmerte die Morgensonne sein Haus inmitten des Gartens, in dem die Rosenstauden zu knospen begannen. Der Meister trat in den Flur und rief über die Treppe hinauf: "Kind? Wo bist Du?"

In der Werkstätte einer würgter Laut.

Durch das Fenster mit den verbogenen Eisenstäben flutete eine goldschöne Sonnenfülle in den großen, schweigsamen Raum, umglänzte die Holzstatue der 'heiligen Menschheit' und streifte den Schoß des jungen Mädchens, das im ziegelfarbenen Hauskleid hinter dem Spinnrad auf der Holzbank saß, ähnlicher dem jungen Tod als einem atmenden Menschenkind. Schweigend betrachtete Niklaus seine Tochter, in deren Augen eine angstvolle Frage brannte. Dann glitt sein Blick, der wie ein gramvolles Abschiednehmen war, über die Mauern, über alles Gerät, und blieb an seinem Werk haften: An der schlanken, von dürstendem Erwarten durchglühten Gestalt des jungen, ärmlich gekleideten Weibes, das die Arme auseinanderbreitet und verklärt einem kommenden Wunder entgegenblickt, aus starrem Holz verwandelt zu heißem Leben, durchleuchtet von opferwilliger Liebe und hoffendem Glauben. Die Hand auf seine Stirne legend, mit einem halb bitteren, halb frohen Lächeln, wiederholte der Meister leise die Worte, die er an dieser Stelle vor vielen Wochen zu seinem Kind gesprochen hatte: "Lang muss man harren auf Erlösung. Einmal kommt sie." Er wandte das Gesicht. Sorge und Zärtlichkeit waren ins einer Stimme. "Kind! Jetzt muss ich Dir sagen, was Dir hart sein wird."

Sie schrie: "Was ist ihm geschehen?"

"Wen meinst Du? Den Leupi?" Wieder das wehe und dennoch freudige Lächeln. "Musst Du schneller an den Leupi denken als an mich? Da hab nit Sorg! Der ist ein Aufrechter, geht den Weg seiner redlichen Pflicht, hat die Wahrheit im Herzen und ist ein Helfer für hundert Leidende. Er geht mit den Ärmsten. Heut. Mit mir hat er nit geredet, und ich bring Dir keinen Gruß. Was ich Dir sagen muss, lieb Kind, geht nit um den Leupi. Das geht um Dich und mich. Ich muss Dir sagen -"

Sie wehrte mit beiden Händen. Das glühende Rot, das ihre Wangen überflossen hatte, war wieder verwandelt in wächserne Blässe. "Vater!" Für einen Augenblick überkam's ihre Sinne wie Schwindel. "Ich hab verstanden. Du bringst Dein Herz nit über den heutigen Tag hinüber. Du musst - bekennen?"

"Ja." Er trat zu ihr hin. "Und dass ich nimmer lügen kann? Auch nit um deinetwillen? Kind? Muss Deine fromme Seel mich drum verdammen?"

Sich zusammenkrümmend, presste sie das Gesicht in die Hände, schüttelte den Kopf und klagte: "Bloß ein Einziger weiß, wie alles ist. Ich such es allweil und kann's nit finden. Dich hab ich lieb ohne Reu und Schmerzen. Mehr weiß ich nimmer."

Da sprang er zu ihr hin, warf sich vor ihr auf die Knie, zog ihr die Arme herunter, küsste lachend ihre Hände, die nass waren von ihren Tränen, sah zu ihren schwimmenden Augen hinauf, schmiegte das Gesicht an ihre Schulter und stammelte: "Kind! Jetzt hast Du Deinem Vater das Leben geschenkt. Und der Weg, den ich tun muss um der Wahrheit willen, ist mir ein leichter und schöner." Sich erhebend, umschlang er sie, küsste ihre Wange, ihre Stirn, ihre Augen - sprang mit frohem Auflachen zur Tür hinüber und war verschwunden.

Unbeweglich saß Luisa auf der Bank und sah die Tür mit erloschenen Augen an, als wäre alles Denken in ihr zerdrückt. Da quoll in der schönen Sonne, die ihren Leib umflutete, durch die Mauern ein Rauschen zu ihr herein, das leise die Fensterscheiben erzittern machte. War es das Brausen eines stürzenden Baches? Oder der ferne Lärm von tausendstimmigen Menschengeschrei, in dem alles war, nur Freude nicht?"

"Vater!" Bei diesem gellenden Laut voll Schreck und Grauen griffen ihre Hände gegen die Türe hin. "Vater! Vater! Vater!" Das Spinnrad fort stoßend, dass es über die Dielen kollerte, sprang Luisa von der Bank, jagte über die Schwelle, jagte mit gestreckten Armen hinaus in die Sonne. "Vater! Vater!" Wie eine Verzweifelnde hetzte sie an der Gartenplanke hin, gegen den Markt hinüber, in dem roten wehenden Kleid, einer fliegenden Flamme gleich, und war nicht die einzige, die so rannte, so verstört und ganz von Sinnen. Überall, auf der Straße, auf den Fußwegen, auf den Weisen, überall sah man viele springende Menschen, die aufgeregt mit den Armen fuchtelten und wirre Worte kreischten, als wäre ein großes Schadenfeuer ausgebrochen, das alle Dächer und jedes atmende Leben bedrohte. Auch dröhnende Schläge, wie beginnender Feuerlärm! Auf drei Türmen fingen alle Glocken zu läuten an und füllten die sonnigen Lüfte mit schwebendem Hall. Sollte das ein mahnender Abschiedsgruß der Kirche an die wandernden Seelen sein, die sie verlor? Oder war es ein pröpstliches Freudengeläut, das die Reinigung des berchtesgadnischen Landes von allem Irrglauben verkündete?

Bei der Reichenhaller Straße kam Luisa nimmer weiter. Zwischen anderen Menschen, welche weinten oder beteten, stand sie an die Scheunenmauer des Leuthauses gepresst, mit angstvoll erweiterten Augen im blassen Gesicht, keiner Handbewegung und keines Lautes fähig. Ihr gegenüber lugte über den Ziegelbord der sekreten Mauer das stille, ausgeräumte Unlustschlösschen der weiland Allergnädigsten mit niedergelassenen Jalousien hervor, und zwischen der weißen Mauer und dem versteinten Mädchen war die enge Straße voll gepfropft durch Menschen, Tiere und Karren, durch den vorwärts drängenden Zug der Exulanten, dem vier rot joppige Burschen mit ledernen Reisetaschen, mit schweren Rucksäcken und langen Wanderstecken voranschritten, auf den grünen Bubenhüten die ersten Blumen des Frühlings, mit rotgeränderten Augen in den erbittersten Gesichtern. Einer von den Vieren sang mit der Stimme eines Wahnsinnigen, zwei waren stumm und ließen die Köpfe hängen, der vierte kreischte immer wieder die zwei gleichen Worte gegen die strahlende Sonne hinauf: "Gottsheilige Himmelsfreud! Gottsheilige Himmelsfreud!" Nur Leute, die ganz in der Nähe waren, verstanden diese Worte. Wie bei einer Hinrichtung das Trommelgerassel den letzten Schrei des verurteilten erstickt, so übertönten die läutenden Kirchenglocken allen klagenden Zorn und Jammer dieser Stunde, in welcher tausend gläubige, redliche Menschen die Heimat verlieren mussten, an der sie hingen mit Blut und Seele.

Dass jeder Seufzer, jedes Wort und jeder Schrei erlosch in der wogenden Glockenfülle, das milderte den erschreckenden Vorgang dieses großen Jagens nicht, das sich ohne Hifthörner, ohne gelitzte Jägergala und ohne französische Reimsprüche vollzog und dennoch mehr des menschlichen Herzblutes verschüttete, als draußen in der Schönheitsrunde des Hintersees an rauchendem Wildblut hinein geronnen war in den Frühlingsboden des deutschen Waldes. Weil alle Menschenklage versank im Glockenhall, im Rädergerassel und Viehgeplärr, verwandelte sich das Bild des gramvollen Zuges zu einem grausam durchschauerten Anblick, der schreiende Farben hatte und dennoch wirkte wie ein stummes, unbegreifliches Schattenspiel. Auf den Karren und Wagen hielten verstörte Menschen einander umschlugen, drehten immer die Gesichter nach rückwärts und deuteten mit zuckenden Armen. Die im Stroh gebetteten Kranken machten sinnlose Handbewegungen und versuchten sich aufzurichten. Bleibende, die von den Exulierenden nicht lassen konnten, liefen zwischen den Viehtreibern und den von Staub überqualmten Tieren umher, umarmten unersättlich die Scheidenden, hingen mit einer Hand an die Wagenleitern geklammert und griffen mit der anderen unter unverständlichen Worten immer zu den Weibern und Kindern hinauf, die droben saßen auf den Brettern. Hinter dem Scharwagen des Zuges, dem letzten aller Karren, kam der vielhundertköpfige Schwarm der Rüstigen, der Männer, Weiber und Kinder, die nicht zu fahren brauchten, sondern den heimatlichen Boden verlassen konnten auf den eigenen Sohlen. Die Zahl der Wandernden hatte sich verdreifacht durch die für immer, oder nur bis zum Tag des nächsten Exulantenzuges Bleibenden, und sie hingen Arm in Arm an den Wanderleuten, um einem Vater, einer Mutter, einem Bruder, einer Schwester noch das Geleit zu geben für eine Strecke des bitteren Weges.

Hinter dem Zug schritt Leupolt Raurisser als der Letzte. Er ging gebeugt, wie bedrückt von einer schweren Bürde. Vier schwarzweiße Bänder wehten von seinem Jägerhut, als Zeichen des Führers. An den Knauf seines langen Wandersteckens hatte ihm Frau Agnes ein rotes Aurikelsträußchen gebunden. Er hielt den Arm um die Mutter gelegt, die ohne Haube, mit zerrauftem Grauhaar neben ihm her schritt und das blasse, von schmutzigen Tränenstrichen überzogene Gesicht an seiner Schulter liegen hatte. Diesen zwei Letzten folgte noch ein Gedränge von Kindern und Leuten, stumm, mit scheuen Augen, wie weltfremde Menschen in erschrockenem Staunen herlaufen hinter den Affen und Kamelen eines nie gesehenen Gauklerzuges. Als dieser stille Schwarm unter dem schönen Glockendröhnen sich vorüber schob an der sekreten Mauer des Frühlings blühenden und doch verwelkten Freudengärtleins Seiner Liebden, straffte sich plötzlich der gebeugte Körper des jungen Jägers. Unter den Menschen, die neben dem Zug dicht gepresst an der Scheunenwand des Leuthauses standen, hatte Leupolt das mohnfarbene Kleid gesehen.

"Bub?", fragte Frau Agnes und sah zu ihm hinauf.

"Nichts , Mutter! Komm!" Er legte den Arm noch fester um die Zitternde. Bei ruhigem Weiterschreiten drehte er das ernste Gesicht und blickte über den grauen Scheitel der Mutter hinüber zu dem rot leuchtenden Farbenfleck an der Scheunenwand. Ein wehes Zucken irrte um seinen Mund. Kein Laut. Nur sein Herz und seine heißen Augen hatten gesprochen: "Du da drüben! Dich soll der Herrgott schützen und hüten! Mein Glück ist tot, nur meine Pflicht lebendig."

Die Glocken dröhnten. Ihr Hall umschleierte den Lärm des Zuges, jeden klagenden Menschenruf und jeden Schrei der getriebenen Tiere. Nur dieses ungesprochene Wort erstickten die stimmgewaltigen Glocken nicht. Wie klingendes Feuer war es aus trauernden Augen in eine zu Tod erschrockene Mädchenseele gefallen.

Das Staubgewölk des Zuges qualmte weiter und weiter gegen die Reichenhaller Straße hinaus. Die Menschen, die zu beiden Seiten des Weges gestanden, begannen sich zu verlaufen. Die Glocken verstummten. Und noch immer stand Luisa an der Balkenwand, unbeweglich, rot, wie im Blut ihres Leidens angenagelt an die Mauer. Von den Bleibenden, die den Exulanten das Geleit gegeben, kamen schon viele zurück, die einen blass und stumm, andere unter aufgeregtem Schwatzen, wieder andere mit den Händen vor den Augen. Immer dünner wurde die Reihe der Heimkehrenden. Jetzt kam eine einsame Frau mit grauem Scheitel. Sie ging so still und ruhig, als hätte der Jammer der verwichenen Glockenstunde keine Gewalt über sie gewonnen. Nur ihre Hände taten etwas Widersinniges. Wie Fieberkranke seltsam mit irgend einem Ding spielen, so zog Frau Agnes den Saum ihrer Schürze durch die zitternden Finger, hin und her, wie eine müde Näherin einen langen Faden zeiht. Nun blieb sie stehen, nicht erschrocken und nicht erfreut. Hatte sie geträumt? Oder hatte sie dieses leise Wort, das der letzte Laut ihres Sohnes gewesen war und noch immer nachklang in ihrem bedrückten Herzen, wirklich vernommen?

"Mutter?"

Sie wandte das Gesicht gegen die Scheune hin, ihre gütigen Augen wurden streng, und während die Tränen langsam über ihre Mundwinkel kollerten, betrachtete sie das unbewegliche Mädchen und sagte ruhig: "Mutter? So soll jedes ärmste, gottverlassene Elendskindl sagen dürfen zu mir. Du nit!" Der Kopf sank ihr auf die Brust, und so ging sie davon, immer tiefer gebeugt, den Saum der Schürze durch ihre Finger ziehend.

Leute, die an der Scheuen vorübergingen, verhielten sich und sprachen zu Luisa, barmherzig und erschrocken. Sie hörte keinen Laut, sah keinen Menschen. Ihr klagender Blick irrte umher, mit einem Ausdruck des Entsetzens, als wären alle Bilder und Dinge der Welt etwas Fremdes, etwas Unbegreifliches und Quälendes für sie geworden. Lautlos betend klammerte sie vor der Brust die Hände ineinander, fing zu schreiten an und fand nach einem verstörten Hin und her den Weg zum Haus ihres Vaters. Immer rascher wurden ihre Schritte. Als sie zu den Bretterplanken des Gartens kam, begann sie zu laufen, begann in unverständlichen Worten zu lallen, rannte sinnlos dem haus entgegen, streckte die Hände und schrie mit erwürgter Stimme immer wieder die zwei gleichen Worte: "Vater, Sus! - Vater, Sus!" Kein Laut im Haus. Sie lief in die Küche. "Vater! Vater!" Sie jagte zurück, stieß die Tür der Werkstätte vor sich auf, sah das von Sonne umglänzte Holzbild der 'heiligen Menschheit' und schrie mit der schrillen Stimme eines zu Tod geängsteten Kindes: "Sus? Barmherzige Sus? Wo bist Du?" Keuchend hetzte sie über die Treppe hinauf, rüttelte an der unverschlossenen Tür der Wohnstube, ohne sie öffnen zu können - "Vater! Vater! Vater!" - sprang in ihre Kammer, riss das ziegelfarbene Hauskleid von sich herunter und kleidete sich in Hast, als wäre ein hoher Feiertag erschienen und sie müsste zur Kirche gehen. Unter heißem Schluchzen, das sich anhörte wie ein glückseliges, nur etwas unbehilfliches Lachen, warf sie sich auf den Boden hin, schlug an ihrem kleinen Klosterkoffer den Deckel auf und nahm das brennende, von Tränen überströmte Gesicht zwischen die Hände, um aus ihrem verstörten Kopf herauszugrübeln: Was man braucht auf einem weiten, weiten, viele Wochen währenden Wanderweg?

Nur nach dem Allernötigsten griff sie: Nach dem wächsernen Jesuskind und nach der Gold glitzernden Madonna. Voll Inbrunst küsste sie jedes der zwei heiligen Bildwerke, bevor sie es achtsam einwickelte in linde, verlässliche Wolle. Dazu die kleinen Leuchter, das silberne Ämpelchen und die künstlichen Blumen, sieben Heiligenbilder und die Silhouetten des Vaters und der Mutter, die über dem Bett gehangen, und die der Vater mit seiner linken Hand geschnitten hatte, bevor sein Kind zu ihm heimkehrte aus dem Kloster. Nach der Hetze dieser Arbeit sprang sie zum Fenster und lauschte gegen die Reichenhaller Straße. Der Lärm des Exulantenzuges klang nur noch wie mattes Summen aus weiter Ferne.

"Hilf mir, hilf mir, heilige Gottesmutter, oder ich komm zu spät!"

Mit dem Einpacken des Weihbrunnkesselchens ging es so flink, dass sie es vorher zu leeren vergaß. Der Klosterkoffer war nicht wasserdicht, unten tröpfelte es merklich heraus. Dafür hatte Luisa keine Augen, weil sie besonders sorgfältig die Weihwasserflasche, die sie nach der schrecklichen Warnung der Gottsaugenuhr aus der Kirche heimgebracht hatte, mit zwei Paar Strümpfen überziehen musste. Da lag nun alles, was ihr heilig, kostbar und unentbehrlich war, wohl geborgen in ihrem Koffer. Und jetzt dazu, was noch Platz hatte an Kleidern, Wäsche, Schuhen und täglich nötigen Dingen. Dann sprang sie wieder zum Fenster hin und lauschte hinaus in die milde Sonne. Außer dem Lärm der Nähe war kein Laut mehr zu hören. Auf der Reichenhaller Straße alles still! Totenstill! In Schreck, in neuer Verzweiflung flog sie zur Tür und schrie, dass es hallte in der Stille des Hauses: "Vater! Vater!" Keine Antwort kam. Sie jagte über die Treppe hinunter. Und wieder in die Werkstätte. "Vater!" Hinaus in den Garten. "Vater! Vater!" Da kam ihr die Besinnung: Der Vater ist gegangen, um zu bekennen, um sich einzuschreiben in die Liste der Evangelischen. Diesen Gedanken empfand sie wie ein tröstendes Glück. Und morgen wird der Vater nachkommen, vielleicht noch heute. Und wer, wie ihr Vater, so mild und menschlich über alle Dinge des Lebens urteilt, wird es verstehen, dass man den Leupi keine Nacht mit so sterbenstraurigen Augen erleben lassen darf.

Diese Wahrheit gab ihr Tapferkeit und Ruhe in das irrsinnig hämmernde Herz. Die Ruhe währte aber nicht länger, als bis Luisa droben war in ihrer weißen Kammer. Sie selber wusste nicht, wie es kam. Es war, als hätte an der weißen Mauer, nur sichtbar für ihre fromme Seele, eine warnende Schrift zu brennen begonnen. Das Gesicht mit den Händen verhüllend, fiel sie auf den Boden hin, geschüttelt von einem Schluchzen, das ihr junges Leben zu zerreißen drohte. Und da streckte sie schon die Hände, um alles für die weite, schöne Wanderung Gepackte wieder herauszuzerren aus der tröpfelnden Klostertruhe. Plötzlich waren ihre Finger unbeweglich. Ihre Tränen versiegten. Ein frohes, glückliches Leuchten war in ihren Augen. "Lang muss man harren auf Erlösung! Einmal kommt sie."

Vor Luisas Abreise aus dem Kloster hatte die gütige, kluge, fürsorgliche Frau Oberin auf der Innenseite des Kofferdeckels ein geweihtes, von jungfräulichen Rosen umwundenes Schutzengelbild fest gekleistert und sogar noch mit goldfarbenem Lack überstrichen, damit es nur ja nicht mehr herunterfallen könnte und für den frommen Klostervogel ein verlässlicher Wegweis bliebe in allen Gefahren der bösen Welt. Mit einer langen Stange, die unten eine Lanze und oben eine Fahne war, durchstach der geharnischte und geflügelte Schutzengel die Herzgegend einer drachenförmigen Schlange. Und die Fahne trug in gotischen Lettern den Wunder wirkenden Spruch:

"Wo auch der bös Feind Uibles sinnt
Dein Engel wird ihn gstillen.
Was frumb Dein truies Herz beginnt,
Ist allweil 's Himmels Willen
Seel, lass Dein Glück nit zagen,
Gott wirz auf Händen tragen,
Hab rechten Mut
Und 's End ist gut!"

Wie kann doch ein Schutzengel, wenn's nur der richtige ist, vieltausendmal hilfreicher und klüger sein, als eine Nürnberger Gottsaugenuhr! Und wie die leibe herzensgute Frau Oberin sich freuen würde, wenn sie wüsste: Dass ihre treue Fürsorge ein junges Menschenglück gerettet hatte, das schon zerbrechen wollte zum siebenten und letzten Mal! Heiß beseligt, in dankbarer Freude, küsste Luisa das erlösende Bild. Dann flink den Deckel zu und den Schlüssel abgezogen. Den spanischen Hut mit dem weißen Federtuff übers braunblonde Haar, den grünen Radmantel um die Schultern! Und während die schmal gewordenen Mädchenwangen glühten wie am Johannistag die Rosen im Garten, lernte der kleine Klosterkoffer kennen, was eine Schlittenfahrt ohne Schnee bedeutet. Mit schrillendem Rutsch ging's über die Schwelle der jungfräulichen Kammer hinaus, durch den Oberstock, über die Treppe hinunter, und überall auf der hurtigen Glücksreise ließ der pfeifende Wanderschlitten eine feuchte Tröpfelfährte hinter sich zurück.

"Vater! Vater! Vater!"

Flink hinein in die Werkstätte. Mit einem Rötelstift, der zum Handwerkszeug des Meisters gehörte, schrieb Luisa auf die weiß gescheuerte Spinnbank: "Lieber Vater! Ich bins derweilen vorausgewandert, weil's den Leupi seine traurichen Augen nich därf warten lass übernacht. Gelt du kommst bald. In Glück und Freiden Dein erlösenes Kint." Schöner und fehlerfreier, als es auf der Bank geschrieben stand, klang das in Luisas brennendem Herzen. Sie hatte bei der klugen, fürsorglichen Frau Oberin besser beten als schreiben gelernt.

Eine Vaterunserlänge später bekamen viele Berchtesgadener eine atemlose und einsame Exulantin zu sehen, deren Anblick niemand zu Gram und Zorn bewegt, niemand erschütterte zu Tränen. Wie das junge, bildhübsche Mädel im grünen wehenden Radmantel, mit erhitztem Gesicht und strahlenden Glücksaugen ihren kleinen, träufelnden Koffer auf einem großen Schubkarren in sehnsüchtiger Ungeduld über die Reichenhaller Straße hinausradelte, das war mehr als ein liebliches, war ein ergreifendes Bild. Dennoch erschien es den Leuten so komisch, dass sie zuerst verwundert guckten, dann heiter schmunzeln und schließlich ohne jedes Zartgefühl darüber lachen mussten. Während in einem erlösten und beglückten Erdenkind von allen schönen Träumen des Lebens der allerschönste zur Wahrheit wurde, kamen törichte Menschen zu der völlig unzutreffenden Vermutung: Diese verspätete und drum so eilfertige, immer betende, weinende und lachende Emigrantin hätte einen reichlichen Schoppen über den für ein Mädchen zulässigen Durst getrunken.

Wenn es so schwer fällt, das Natürlichste des Natürlichen klar zu erkennen? Wie darf man sich wundern darüber, dass dem Menschengeist zuweilen auch bei den Klarstellungen des Übernatürlichen ein wesentlicher Irrtum widerfährt?

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