Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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         Das große Jagen
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Kapitel 29

Die Stände des Großen Jagens waren so weit voneinander entfernt, dass kein Schütze seinen Nachbar gewahren oder durch unvorsichtige Schießerei gefährden konnte. Man schien einsam für sich im Walde zu sitzen. Dem jungen Oberst, als er mit dem Hiesel Schneck seinen grün umflochtenen Stand erklettert hatte, schien das zu gefallen. Es war ihm anzumerken an der Art, wie er, behaglich aufatmend, sich auf die Bank niederließ, die Arme kreuzte, die schlanke Nase vorschob und mit den flinken Blitzaugen fröhlich herumguckte in dem von der Morgensonne durchwobenen Bergwald. Inzwischen lud der Hiesel gewissenhaft die beiden Feuersteinflinten, schüttete Feinkraut ins Pfänndl, legte die Waffen schussfertig über die Auflagstangen und huschelte sich hinter seinen Jagdherrn. "So, jetzt bin ich neugierig, was wir ausrichten miteinander." Dem jungen Offizier, dem das Bild des stillen Waldes genügte, schien jede Neugier auf den verlauf des Großen Jagens zu mangeln. Das war wieder gut für den Hiesel Schneck. So lang er nicht gefragt wurde, konnte er schweigen wie der Tod. Nur über die Lage der Stände durfte er Auskunft geben. Rechts, gegen die Berghöhe, lagen die Stände des Herrn von Grusdorf, des Grafen Saur, des preußischen Gesandten und zu oberst der Doppelstand des Herrn Anton Cajetan und der Allergnädigsten; zur Linken, gegen den See hinunter, die Stände der Stiftsherren und Domizellaren, der salzburgischen Offiziere und der Stiftsbeamten, in strenger Rangabstufung. Über alle übrigen Geheimnisse des Großen Jagens musste Hiesel unverbrüchliches Stillschweigen bewahren; es konnte für einen Gast den Reiz des Jagens nicht erhöhen, wenn er im voraus wusste, was da kommen würde, und dass je drei Füchse für den Fürsten, die Allergnädigste und den preußischen Gesandten, je zwei Füchse für den Grafen Saur und den Kanzler, je ein Fuchs für den Oberst von Berg und jeden Kapitelherrn, drei Füchse für vier Domizellaren und je zwei Füchse für fünf salzburgische Offiziere und für sieben Stiftsbeamte in den mehr oder minder wahrscheinlichen Tod springen mussten. Nach ähnlicher Abstufung waren auch die Wildschweine, das Kahlwild, die Gämsen und "Prunkhirsche" für den Aussprung nach den verschiedenen Ständen eingekammert. Alles war gerichtet aufs Schnürchen. Hätte die gleiche ordnungsgemäße Vorsehung, wie die Fürsten sie bei ihren französisch frisierten Hofjagden zu erzielen wussten, auch im heiligen Römischen Reiche geherrscht, welch ein Segen wäre das für das deutsche Volk gewesen, konnte Hiesel Schneck nicht schweigen. Er deutete mit dem Finger und tuschelte: "Da droben, da kommt bald was! Verstehst? Da droben, wo der weiße Steinbrocken liegt." Das hätte der junge Oberst auch ohne den barmherzigen Fingerwink des Hiesel erraten können. Von dem weißen Steinbrocken zog sich eine Bodenmulde gegen den Stand herunter, auf beiden Seiten abgesperrt durch dicht stehende Fichtenbäumchen. Kam da droben ein Wild, so hatte es einen Auslauf von 200 Schritten bis zum Stand, musste auf 30 Schritt am Schützen vorbei und konnte, wenn sein Leben bis dahin erhalten blieb, in einem grünen Heckentrichter verschwinden, um der "Seekammer" und einem unanzweifelbaren Schicksals entgegen zu springen. Vorerst war lautlose Stille im schönen, nach Frühling duftenden Bergwald, der wohlig unter dem Glanz der Sonne träumte und keine Ahnung davon hatte, wie übel er missbraucht wurde. Darüber schien sich auch der junge Oberst keine Gedanken zu machen. Die träumende Waldstille gefiel ihm, und seine Augen glänzten.

Hoch droben wurde mit hallendem Hörnerklang das Jagen angeblasen, und es dauerte nicht lang, so krachten bei der Fürstenkanzel zahlreiche, flink aufeinander folgende Schüsse, man hörte das jauchzende Piepsstimmchen der Allergnädigsten und dann die melancholische Fuchstodweise des Hornquartetts. Bumm, bumm, bummbum, knatterte es unter herrlichem Echo von den Ständen des Geheimrats, des Grafen Saur und des Kanzlers herunter, und geheimnisvoll zischelte der Hiesel Schneck: "Hö! Obacht! Es kommt was."

Lachend drehte der junge Oberst das Gesicht: "Mon cher monsieur Cheneque! Ick habe selber Oogen."

"Was hast?", fragte Hiesel verdutzt. Sein Jagdherr deutete mit beiden Zeigefingern auf seine fröhlich glänzenden Augen. Jetzt verstand der Hiesel. "Ah so!" Und des weiteren hielt er wütend das Maul, obwohl der verhöllte Preiß, weil er keinen Griff nach der Flinte machte, den heranschnürenden Fuchs nicht zu sehen schien. Der rote Bruder Reineke erledigte seine Promenade in den voraussichtlichen Tod mit ruhiger Gemütlichkeit, spähte und lauschte nach allen Seiten, ließ die gestreckte Rute zittern, kam bis auf 40 Schritte heran, setzte sich erstaunt auf die Hinterbacken und betrachtete den jungen Oberst äußerst aufmerksam. Dieses persönliche Interesse schien ein gegenseitiges zu sein und währte so lang, dass Hiesel Schneck in Besorgnis durch die Zähne knirschte: "Himmelherrgottblutsakerment, so schieß doch einmal!"

"Neeee!", klang die melodische Frohstimme des jungen Richtschützen. "Det brave Fückschen soll Mäuse fangen, die dem Bauer am Hafer knabbern." So freundlich diese Stimme sich anhörte, so misstrauisch machte sie den Fuchs. Er sauste unter dem Geböller, das auf den tieferen Nachbarständen losging, wie der Blitz davon und verschwand in dem grünen Heckentrichter, der ihn einem minder barmherzigen Vorgang entgegenlenkte. Hiesel Schneck schlug fassungslos die braunen Tatzen über dem Haardach zusammen, vergaß seines evangelikanischen Herrgotts und ließ aus empörter Jägerseele den gutkatholischen Seufzer herausfahren: "O Du Mar' und Josef und alle vierzehn Helfer in der christlichen Not!" Bedrückt von einem sorgenvollen Zukunftsgedanken, guckte er in das grüne Loch, in dem der Fuchs verschwunden war. Da kam - eines jagdbaren Keilers hatte man den maskierten Schwegelpfeifer nicht gewürdigt - unter Horngeschmetter, hurtigem Flintenknall und rollendem Echo eine schwere Bache mit zwei kleine Überläufern durch die Mulde heruntergesurrt, vernehmlich grunzend in ihrer ahnungsvollen Angst um die beiden Borstenkinder. Der Hiesel Schneck, weil er mit Recht vermutete, dass sich das gewitzte Wildschwein nicht neugierig vor einen Preißen hinsetzen würde, konnte seinen Jägerseelensturm nicht länger im Zaum halten. "Hö! Du! Verstehst? Dö Sau frisst keine Mäuslen nit! Da wirst Dich ein bissl tummeln müssen!" Er packte eine der beiden Flinten, um sie seinem Jagdherrn hinzubieten. Der schob sie mit der Hand zurück: "Uff so 'n jutes Muttchen losknallen? Neeee!" Wortlos schüttelte Hiesel Schneck den Schädel mit dem zitternden Schnauzer, schien sich in bedenklicher Nähe eines Gehirnschlages zu befinden und klagte: "Da fehlt's weit!"

Neues Horngeschmetter, eine gesteigerte Knallerei auf allen Ständen, und durch die Mulde trollten in zerzaustem Winterkleid zwei junge Hirsche herab, die ihre Geweihe schon abgeworfen hatten. Auch sie passierten unbeschossen den Stand des jungen Offiziers. Das begriff der Hiesel, und seine grimmige Laune schien sich zu bessern. Aber gleich darauf ereignete sich etwas Schauderhaftes, etwas für den Hiesel völlig Unfassbares. Unter einem Fortissimo der Hörner, die eine Steigerung aller Reize des Großen Jagens zu verkünden schienen, sausten mit wundervollen Fluchten zwei Gemsböcke durch die Mulde herunter, mit schön gebogenen Krucken über den weißgelben Backen, noch im schwarzen, wenig geschädigten Winterkleid, bei ihrem dichten Pelzwerk kugelrund erscheinend, die wackelnde Bartsäge über den Rücken hin. Vom aufwärts ziehenden Sonnenwind gewarnt, wollten sie seitwärts aus der Mulde fahren, prallten gegen die elastische Fichtenhecke, wurden zurückgeschleudert und überschlugen sich, rafften sich wieder auf und hetzten nun mit schnellenden Weitsprüngen geraden Weges gegen den Stand herunter. "Aber jetzt," lachte der Hiesel Schneck, "gelt ja, jetzt rührt sich der Preiß ein bissl!" Das stimmte. Der junge Oberst war aufgesprungen, konnte sich an dem prachtvollen, ihn heiß erregenden Bild nicht satt schauen, wirbelte sein fast kindhaftes Entzücken mit einem französischen Wortgeprassel aus sich heraus, und als die beiden Gemsböcke drei Schritte vor ihm mit hohen Fluchten über die grün verkleidete Kanzeltreppe setzten, applaudierte er so leidenschaftlich, wie er's noch niemals in einer französischen Komödie getan hatte, schlug den sprachlosen Hiesel Schneck begeistert auf die Schulter und lachte: "Menschenskind! Det war jeradezu himmlisch!"

"Da legst Dich nieder!", murrte der Hiesel trostlos und wälzte in verstörter Seele den Gedanken umher: Wie das mit ihm werden würde, wenn alle Pressen so schauderhafte Jäger sind? Da lief er, wenn er exulierte, einem Leben entgegen, bei dem er sich Tag für Tag so namenlos ärgern musste, dass ihm schließlich vor Gift und Zorn die weidmännische Galle verlässlich platzen würde. Etwas Verzweiflungsvolles redete aus seinen Wasseraugen, als er zögernd fragte: "Herr? Sind im luthrischen Sand da drunt die Jäger alle so wie Ös?"

"Wie wer?"

Im Hiesel begann es zu kochen. "Kreuzikruzi -" Der Himmelhund, der nur ein bisschen aus dem Schneck herausgeblinzelt hatte, blieb ungeboren. "Verstehst denn nit? Der Ös bist Du! Und wissen muss ich, ob im Preißischen alle Jäger so sind wie Du?"

Der junge Oberst lachte erheitert. "Neee! Da bin ick der Eenzichste. De anderen seind alle die gleichen Schlächter un Pulverschweine als hier zuland."

"So so? Jetzt weiß ich, wie ich dran bin." Hiesel Schneck tat einen Atemzug der Erleichterung; also gab's im Preißischen auch gute und richtige Jäger; da brauchte sich der Hiesel doch nicht gerade mit dem da einzulassen, der einer war, dass Gott erbarm'! Bei dieser schlauen Rechnung erschien dem halbgesottenen Evangelikaner das Exulieren minder schauderhaft als vor einer Minute. Und hurtig rührte sich wieder der gewissenhafte Jäger in ihm. "Psssst! Obacht!" Der Klang der Hörner in der Höhe wurde feierlich. Und droben bei dem weißen Stein erschien mit ruhigem Schritte in guter Kronenhirsch, fein abgezeichnet vom grünen Hintergrund, mit vorgebuchteter Kehlzotte, über dem straff erhobenen Haupt das prächtig verästelte Zwölfergweih. Leis kicherte Hiesel: "Gelt, Preißerl, da schaust!" Verwundert sah der junge Offizier den langsam niedersteigenden Hirsch und wieder den Jäger an: "Werfen denn hier de ollen Hirsche det Jeweih nich ab im Frühling?"

"Jöises!", kalgte der Hiesel. "Jetzt weiß der so was nit! Wann's halt ein Gschnittener ist! Verstehst?"

"Wat?"

"Kreuzsakra! Den hat halt der Wildschneider im herbst kastriert. Da wirft einer 's Geweih nimmer ab. Söllene sind an die Dreißig im Jagen."

"Ach, det arme Luder!" Mit einer harten Furche zwischen den Brauen griff der junge Oberst rasch nach der Flinte. Ein Ruck an die Wange. Im Feuer überschlug sich der Hirsch, lag verendet zwischen den Steinblöcken, und der Schütze, unmutig das Gewehr fortstellend, sagte mit leiser Stimme: "Délivré des bienfaits de la providence humaine!"

Jetzt applaudierte der Hiesel Schneck, ohne zu verstehen, dass dieser barmherzige Erlösungsschuss für seinen Jagdherrn alles andere, nur keine weidmännische Freude war. Was der Hiesel in seiner vergnügten Anerkennung noch schwatzen wollte, ging unter in einem Heidenlärm, der plötzlich den Wald zu erfüllen begann. Unter dem Geschmetter der Hörner, die "Schluss des Jagens" bliesen, klangen die jauchzenden Stimmen der Jäger und vieler zur Jagdfron befohlener Musketiere und Dragoner durch den Wald herunter, näher und näher. Bei den Ständen hallten die aufgeregten Hussarufe und Halalischreie, mit denen man dem wund geschossenen Wild den Fangstoß versetzte, überall scholl der Hetz- oder Standlaut der Schweißhunde und Saupacker, manchmal auch das Aufheulen eines Hundes, dem ein weidkranker Gemsbock das nadelscharfe Krickel durch die Gedärme gerissen hatte; bald in der Höhe, bald in der Tiefe sang ein Jagdhorn den "Sautod", den "Hirschtod", den "Gamstod", den "Fuchstod"; und dieser ganze, noch immer wachsende Heidenspektakel wälzte sich von den Ständen gegen den See hinunter, um sich völlig auszutoben in der höfischen, treu nach französischem Muster zugeschnittenen Apotheose des Großen Jagens.

Als der junge Oberst, schon angewidert von den roten Bildern, die er gesehen hatte, mit dem aufgeregten Hiesel Schneck hinunter kam ans Wasser, war das herrliche spectaculum Dianä bereits in Gang. Schützen, Jäger, Musketiere und Hundejungen mit den in den Halszwingen heulenden Bracken standen rings um das Ufer her. Das schöne Spiegelbild der Wasserfläche war zerwirbelt von rinnenden Wellenkreisen. Jubelnde Hornfanfaren, hallendes Echo an den Felswänden. Und vom Südufer des Sees, wo hinter einer dunklen Wipfelsäge das sonnglänzende Dach der fürstpröpstlichen Försterei empor spitzte, glitt das mit Flaschen Blumen, Bändergirlanden, Fähnlein und Wimpelchen grellfarbig aufgeputzte Schiff der gesegneten Göttin rauschend gegen die Seemitte. Auf einem geschnitzten Hirsch, der mit vergoldetem Riesengeweih als Galion sich herausstreckte über den Schiffsschnabel, ritt - nicht Herr Anton Cajetan - nur der fürstliche Wildmeister à la place du maître adoré. Hinter ihm, in einer vergoldeten Muschel, stand die heftig atmende, ein bisschen blass gewordene Diana mit hellenischer Lanze und einem funkelnden Halbmöndchen über dem gepuderten Lockenbau. Auf der anschließenden, grün geländerten Plattform hatten sich rings um den Allergnädigsten Herrn die bevorzugten Jagdgäste höchster Rangordnung und die hilfsbereiten Domizellaren versammelt, alle mit langen Jagdspeeren bewaffnet. Und hinter der Plattform rauschte das Wasser weiß um die zwanzig Ruderschaufeln, die von maskierten Schiffern, von haarigen Faungestalten regiert wurden. Eine neue Fanfare, ein Hussajubel und Brackengeläute rings um den schimmerigen See, ein dröhnender Böllerschuss mit endlos rollendem Echo, und aus einer grünen Triumphpforte - wie ein schlammiger Wasserschwall sich im Bogen hervorstürzt aus einer jäh geöffneten Schleuse - schnellte sich eine braune, schwarze, rötliche Zappelmasse vom Ufer in das aufspritzende Wasser: Das in der "Seekammer" angesammelte Wildgewühl, hinter dem die Hetzhunde her waren. Von beiden Ufern klatschten die gelösten Bracken heulend in die Wellen hinein, trieben den schwimmenden Wildknäuel gegen den flitterfarbig heranrauschenden Dianentempel, und da stießen und stachen vom goldenen Sitz der Göttin und von beiden Seiten der grünen Plattform das hellenische Länzlein und die langen Speere auf und nieder, dass es immer blitzte von dem zuckenden Klingen. Das erstochene Wild drehte die Bäuche nach oben, wobei das schöne blaugrüne Wasser sich mit schmutzigem Rot zu färben begann. Und Jubelgeschrei und Hörnerschall ohne Ende. Das gefiel nicht allen, die es sahen. Pfarrer Ludwig, der in seinem verblichenem Jagdfrack an eine grün umwickelte Hopfenstange erinnern konnte, war gar nicht zum Ufer gekommen. Und der junge Oberst knirschte in Zorn und Ekel vor sich hin: "Fui Deibel!" Den Hiesel Schneck seinen lang geschwänzten Himmelhunden überlassend, wandte er sich vom Ufer ab und schritt immer tiefer in den Wald hinein.

Eine Stunde später, als schon der Streckenruf, der Fürstengruß und die Dianenweise geblasen waren, mussten viele Jäger durch den Wald springen und den Namen des Obersten von berg zwischen die Bäume schreien. Er ließ sich von Leupolt finden, dessen Stimme er erkannte, deutete mit der Gerte, die er im Wald gebrochen hatte, über das Ramsauer Tal und gegen den Toten Mann hinauf, lächelte schmal und sagte: "Det war schöner!" Die Freude über dieses Wort schoss dem Leupolt Raurisser mit heißer Blutwelle in das ernste Gesicht, das zu mannhaft war, um den Gram der vergangenen Tage merken zu lassen. Dann rief er, zum Zeichen für die suchenden Jäger, ein klingendes Hojoh in den Wald. Sie kamen gesprungen, mit ihnen auch der schauderhaft abgehetzte Hiesel Schneck. Die Freude lachte ihm aus den Augen, als er seinen Jagdherrn wieder hatte, der freilich ein Preiß war - aber was für ein Schütz! "Kreuzikruziundsikerafaxhöllementshündl, hat der dem Hirsch dös preißische Kügerl auffizirkelt aufs richtige Fleckl! Verstehst?" Das wurde - wie für den verewigten Christl Haynacher das Wunder der Armeseelenkammer - für das Kindergehirn des Hiesel Schenck eine ruhelos schnurrende, unsterbliche Geschichte. Während ihr schweigsame Held zwischen den heiter schwatzenden Grünröcken der Försterei am See entgegenwanderte, lang das beginnende Tafelkonzert der fürstpröpstlichen Hofkapelle durch den Wald wie sommerliches Grillengezirp. Auch die Mittagsschwüle des heiß gewordenen Frühlingstages hatte was Sommerliches. Wechselnde Windzüge zerrten die Wipfel hin und her, und kleine, kugelige Weißwolken schwammen in auseinanderstrebenden Reihen über die wild zerrissenen Schneegrate der Mühlsturzhörner empor.

Dass die Sonne sich ein bisschen verschleierte, das war ein Glück für die Strecke, die auf einer Wiese der Försterei in langen Linien ausgerichtet lag, bewacht von den schweißleckenden Bracken. Den reichsten Weidmannssegen schien die huldreiche Göttin dieses Tages sich selbst beschert zu haben; fast ein Viertel des erlegten Wildes war gekennzeichnet durch die kirschroten Seidenmaschen der heute noch allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Und gerade um diese rot gezierten, wie mit Mohnsträußen geschmückten Wildstücke summste die größte Fliegenmenge. Die kleinen zarten Dianenhände hatten, bis die Lanze ins Leben ging, sehr häufig zustechen müssen. Diese vielen allergnädigsten Wunden besaßen für das Fliegengesums einen anziehenden Reiz. Schweißgeruch und säuerliche Düfte umwitterten das Leichenfeld französischer Jagdfreude und wehten bei jedem Umschlag des Windes hinüber bis zur offenen Mahlstätte, von der die Tafelmusik und der fröhliche Becherlärm der grünen Herren hinaus klang in die Waldstille. An die Försterei war ein großer Holzsöller angebaut, ganz eingewickelt in Fichtengrün, die Zwischenräume der das Dach tragenden Balken durchschlungen von Girlanden aus den ersten Blumen des Frühlings. Durch die Lücken leuchtete das Farbengepräng der Mahlgesellschaft heraus, und überall sah man weiße Köche, gelbe Schüsselträger, blaue Läufer und weinrotfarbene Küfer springen. Unter dem bewimpelten Torbogen, zu dem vier breite Stufen hinaufstiegen, erschien der Geheimrat in sorgenvoller Erregung, sah den winkenden Hiesel Schneck und rief mit dem Lachen eines Erlösten: "Endlich? Kommt er?" Ungeduldig schritt er dem Erwarteten entgegen und überbrachte ihm die Kunde eines diplomatischen Sieges. Man hatte den Oberst von Berg ganz unten an der Tafel bei dem alten Pfarrer und den jungen Domizellaren platziert. Danckelmann hatte sich ins Mittel gelegt, und nun erwartete den Verspäteten der Platz an der Herzseite der Allergnädigsten.

"Meinen schuldigen Dank, lieber Geheimrat, aber ich setze mich zum Pfarrer. Der hat mehr Charme in seinen haarigen Warzen, als das Mensch an allen rosigen Nuditäten. Die Sorte hab ich satt." Danckelmann war ratlos. Eine Änderung erschien ihm völlig unmöglich. "Alles ist möglich. Mann muss nur wollen!" Und der junge Oberst, höflich nach allen Seiten komplimentierend, ging in der Mahlhalle geraden Weges zum unteren Ende der Tafel und auf den Pfarrer zu, legte dem Grafen Tige die Hand auf die Schulter und sagte liebenswürdig: "Verzeihen Sie, Graf! Jedem das Seine. Ihr Platz, vermute ich, ist dort oben." Der Domizellar erhob sich verdutzt, errötete mit zartem Farbenspiel und hatte noch keine Antwort gefunden, als der junge Oberst schon behaglich auf dem eroberten Sessel saß. Nach dem leeren Platz an der Herzseite der Allergnädigsten schien Graf Tige keine Sehnsucht zu empfinden, war wütend und ließ für sich, um in Gefechtsnähe zu bleiben, dem jungen Oberst gegenüber einen Sessel zwischen die Barone von Stutzing und Kulmer schieben. Dabei hörte man von der allergnädigsten tête der Tafel ein so auffälliges Dianenlachen, dass die Annahme, der Geheimrat hätte eine witzige Ausrede gefunden, nicht unberechtigt war.

"Hochwürden!", sagte der junge Oberst unter dem Gezirp der Tafelmusik zum Pfarrer. "Im Wald hab ich nachgedacht über alles, was wir sprachen auf dem Weg durch die Ramsau. Sie haben recht mit Ihrer Forderung nach verständnisvoller Freundlichkeit. Aber Schuld ist auf beiden Seiten. Mir ist da - Dichter sind immer Propheten und Erzieher - eine alte deutsche Fabel eingefallen. Die muss ich Ihnen erzählen. Vielleicht auf dem Heimweg."

Pfarrer Ludwig kam zu keiner Antwort, weil Graf Tige in gereizter Fehdelust über den Tisch herüber fragte: "Verzeihen Sie meine Neugier, Herr Oberst! Ihr Name, von Berg? Das ist wohl preußischer Beamtenadel?"

"Jawohl, lieber Graf!" Ein graziöses Kompliment begleitete diese Worte. "Die Männer meines Hauses haben von jeher ihren Stolz dareingesetzt, die treuesten Diener des Staates zu sein."

"Gedenken auch Sie diesen Stolz in sich zu erziehen?"

Mit einem fast komisch wirkenden Ernst antwortete der junge Offizier: "Seit einiger Zeit beginne ich das zu lernen."

"Bei Ihrer Jugend kann diese Übung noch nicht lange gedauert haben." Graf Tige lachte. "In Preußen scheint Mangel an gereiften Männern zu herrschen, weil man die Zwanzigjährigen zu Obristen macht. In welcher Bataille haben Sie sich diesen Lohn erworben?"

Ein hartes Lächeln, hinter dem es kaum merklich wetterleuchtete. "In einem Kampf, bei dem es um Kopf und Kragen ging."

Graf Tige guckte mit verwunderten Augen. "War denn Preußen zu Ihren Lebzeiten in einen Krieg verwickelt? Allerdings, die preußische Sandbüchse liegt so entfernt von uns, dass man es nicht immer gewahren kann, wenn sich der Sand da unten ein bisschen bewegt."

Pfarrer Ludwig bekam einen roten Kopf. "Denken Sie nicht übel von uns, Herr Oberst! Auch hierzulande gibt es wohlerzogene Leute."

Das schien der junge Offizier nicht zu hören. Sein Gesicht war bleich. Nur auf den Backenknochen, die man plötzlich schärfer sah als zuvor, glühten zwei kleine rote Flecken. Seien Augen, die unbeweglich auf den Grafen gerichtet waren, hatten etwas Verschleiertes. Nun verschwand die Blässe, das Blut stieg ihm ins Gesicht, schwellte die Schläfenadern, und unter der schönen Stirn brannte der Feuerblicke einer stolzen und furchtlosen Seele. So nickte er dem Pfarrer lächelnd zu und sprach dann mit heiter klingender Stimme über den Tisch hinüber: "Der Sand da unten gedenkt noch Wellen zu schlagen, die man spüren wird in der ganzen Welt. Ich glaube, der König dieser kleinen Sandbüchse wird unter den Großen der Erde noch eine stattliche Figur abgeben. Möglich, dass ich das nicht erlebe. Ich habe nicht den Wunsch, sehr alt zu werden. Aber manchmal wünsche ich, in hundert oder zweihundert Jahren wieder für einen Tag auf die Welt zu kommen, nur um zu sehen, was aus Preußen geworden ist. Ich hoffe: "viel!" Nun fand er ein Lächeln, auch für den Grafen Tige. "Setzen Sei gütigst diesen Glauben auf Rechnung meiner verzeihlichen Liebe zu dem Land, das mich gebar. Im übrigen weiß ich sehr wohl, dass ich mich als Gast an dieser Tafel jeder bescheidenen Höflichkeit gegen den liebenswürdigsten meiner Wirte zu befleißigen habe."

Das Gespräch wurde durch eine lärmvolle Sensation unterbrochen. Sie war verursacht durch eine zwiefache Neuigkeit der Speisenordnung: Auf großen, braun glänzenden Prunkschüsseln aus sächsischem Porzellan wurden nach Krapfenart gebackene Kartoffeln aufgetragen, zwei Dinge, die man zu Berchtesgaden bislang noch nie gesehen hatte. Das gab Veranlassung, dass viele Becher sich erhoben, um Seiner Liebden für diese Überraschung die verdiente Reverenz zu erweisen. Trunk und Zutrunk über die Tafel hin und her. Man lupfte die Kannen, wie die Bürstenbinder schlucken, und völlerte, wie es Mode und Gewohnheit war. Dazu, immer lärmvoller, das französische Lautgewirbel, gut und schlecht, manchmal durchwürfelt mit einigen deutschen Worten, die sich ausnahmen wie feste Steine in glitzerndem Wassergeriesel. Bei diesem Spektakel fanden der junge Oberst und Pfarrer Ludwig sich in Gespräch zusammen. Nach ihren Augen und Gesichtern zu schließen, redeten sie von ernsten Dingen. Immer lauschte Graf Tige hinüber, in der Erwartung, die erlittene Abfuhr wettzumachen und ein Häkchen zu finden, an das eine Bosheit anzuspießen war. Als er das Wort Exulanten hörte, fragte er lachend: "Werden denn auch die Dritthalbtausend, um die Sie uns erleichtern, Platz finden in dem kleinen Berlin?"

"Nicht gut. Aber man wird brüderlich zusammenrücken." Der junge Oberst wandte sich wieder an den Pfarrer: "Ich bin Ihrer Meinung, liebste Hochwürden! Ein Volk, das fähig ist eines starken und tiefen Glaubens, ist immer ein Volk, das aufwärts steigt. Brave Kerle, die aus ehrlichem Herzen glauben, sind die Streiter, mit denen man siegt. Solche Leute haben wir in Deutschland. Auf Ihrer und auf unserer Seite. Das ist eine Verheißung. Drum ist es Fürstentorheit, an den Religionen wie an einem kranken Gaul herumkurieren zu wollen. Man darf ihnen die Gesundung nicht erschweren, die sie suchen aus Natur und eigenem Antrieb. Dann gibt sich alles von selbst. Dass die Hölle mit ihren gewichtlosen Flammen im Inneren der Erde steckt? Das wird man nicht mehr glauben können, wenn gelehrte Männer wie Newton beweisen lernten, dass die Erde in ihrem Inneren schwerer an Gewicht ist, als an der Oberfläche. Alle Jerichotrompeten überleben sich."

Graf Tige schmunzelte. "Sie? Als bibelfester Protestant? Sie bezweifeln, dass die Sonne von Jericho stillgestanden? Ich glaube das."

Ruhig, doch mit leisem Spottzucken, antwortete der junge Oberst. "Da glauben Sie etwas Unbestreitbares, lieber Graf! Kopernikus und Keppler haben doch bewiesen, dass die Sonne immer stillsteht. Da dürfte sie vor Jericho kaum eine Ausnahme gemacht haben."

Heiteres Gelächter erhob sich rings um die beiden. Und Graf Tige unternahm geärgert einen neuen Ausfall. "Das Gewicht des Erdkernes wäre noch immer kein Beweis gegen die Hölle. Verfluchte, mit Sünden belastete Seelen müssen doch schwerer sein, als die verklärten Geister in der Höhe. Oder schätzen Sie das Gewicht einer verdammten Seele leichter ein?"

"Es gibt solche, die im Tausend noch keinen Gänsekiel aufwiegen."

"Oh? Was für Seelen können Sie meinen?"

"Die Seelen aller verdammten Fürsten, die auf Erden miserabel regierten und ihre Völker ins Unglück brachten. Gewissenlose Herrscher sind von allen pflichtwidrigen Menschen die verfluchenswertesten. Sei haben nur die eine Entschuldigung, dass sie ihren Beruf nicht von anderen lernen konnten, wie ein Schusterjunge von seinem Meister, sondern ihn erziehen mussten in sich selbst. Der Fürstenpädagog à la mode, dieser Macchiavel, dieser dümmste und schädlichste von allen Schulbonzen der Erde, erzieht den Herrscher, der seines Volkes erster und treuester Diener sein soll, nur zum Hauptschwein seiner Eichel fressenden Herde. Auch das Salböl macht die Könige nicht. Sie machen sich selbst zu Fürsten oder bleiben Schelme, bleiben die übelsten Ursächer des Aufruhrs. Tiefer, als alle anderen Fürsten der Welt, müssen das die deutschen Fürsten sich ins Gewissen schreiben. Bei anderen Völkern führt aller Aufruhr, den fürstliche Misswirtschaft erzeugte, über die Verelendung der Nation wieder zurück zum Despotismus. Bei den Deutschen wäre Aufruhr der Weg zu ewigem Untergang. Ich kann mir jedes romanische Volk als Oligarchie oder Republik denken. Nicht das deutsche. Für uns Deutsche ist echte Monarchie und gewissenhaftes Königstum so unentbehrlich, wie der Atem für die menschliche Lunge. Wehe jedem deutschen Fürsten oder Bürger, der diese Wahrheit nicht voll erkennt und nur der geringsten seiner Pflichten sich entschlägt."

Inmitten des heiteren Tafeltrubels blieb nach diesen Worten um den jungen Oberst her ein schweigsames Inselchen. Ein salzburgischer Hauptmann flüsterte seinem Nachbar zu: "Dieser junge Mensch ist vorlaut und unerquicklich, aber - er fesselt mich wider Willen." Und der andere sagte: "Ein wunderlicher Patron! Der Kleinste an der Tafel, nur ein Suppenlöffel voll Mannsbild. Aber seien Augen funkeln, als möchte er einem Riesen die Nase aus dem Gesicht reißen."

Bevor Graf Tige sich von seiner Verblüffung erholen und einen neuen Lanzenstoß seines Geistes versuchen konnte, umklammerte Pfarrer Ludwig die Hand des jungen Offiziers: "Herr Oberst, ich möchte wünschen, Sie wären ein deutscher Fürstensohn." Dieses Wort verwandelte sich für den Grafen Tige zu einem Futterkörnchen seines Witzes: "Äußere Anflüge sind vorhanden! Oder sollten Sie nicht wissen, Herr Oberst, dass Sie einige Ähnlichkeit mit den Bildern besitzen, die von Ihrem berühmt gewordenen Kronprinzen Friedrich in Umlauf sind?"

"Wahrhaftig?" In dem strengen, von versunkenem Schmerzen erzählenden Jünglingsgesicht erschien ein seltsames Lächeln. "Sie sind der erste, der mir eine so überraschende Mitteilung macht."

Dieser unerschütterlichen Ruhe gegenüber wurde Graf Tige ungezogen in Blick und Ton. "Der einzige sind Sie wohl nicht, der in Preußen unter Missachtung des königlichen Soldatenzopfes diese freigeistige Haarmasche nach hohem Muster trägt. Wenn Fürsten oder Fürstensöhne um guter oder übler Eigenschaften willen berühmt oder berüchtigt werden, findet sich mancher, der sich frisiert nach ihrer Silhouette."

Pfarrer Ludwig erschrak, doch der junge Offizier behielt das unveränderliche Lächeln und sagte mit dem gewinnendsten Klang seiner Stimme: "Da haben Sei eine überaus treffende Bemerkung gemacht, mein lieber Graf! Nachahmung ist die billigste und erbärmlichste Kunst aller Menschen. Wenn sie ihre Blähungen blasen hören, glauben sie den Donner zu kopieren und wähnen Jupiter zu sein. In solchen Künsten sündigen gerade wir Deutschen am verwerflichsten. Wollen wir nicht völlig zu Affen werden, so muss ein Erlöser kommen, der uns wieder zu selbstbewussten Menschen macht. Verzeihen Sie also bei der Allgemeinheit dieses deutschen Lasters auch mir eine kleine Sünde der Eitelkeit! Man ist leider, wie man ist. Gott scheint kein Töpfer zu sein. Eines ehrlichen Töpfers Bestreben ist es, nur runde und gute Töpfe zu drehen. Gott dreht nicht nur so vortreffliche Menschen, wie Sie einer sind, mein liebster Graf! Er dreht auch Menschen von so verzweifelt buckliger Art, wie ich einer bin. Aber ich will nicht unverbesserlich sein und verspreche Ihnen, meine Frisur so entschieden zu ändern, dass fernerhin an mir keine Spur von Perückenähnlichkeit mit einem Menschen zu finden sein wird, den ich um seiner üblen Vergangenheit willen heute noch hässlicher sehe, als ihn der eigene Vater sehen musste."

Während Pfarrer Ludwig sich schweigend auf dem Sessel zurückbeugte und den jungen Oberst mit großen, forschenden Augen betrachtete, warf der salzburgische Hauptmann missbilligend ein: "So sollte ein Offizier nicht sprechen von seinem zukünftigen König. Der Gott aller soldatischen Religion heißt Loyalität und muss nach obenhin so blind sein, wie die Justitia."

"Verzeihen Sie, Herr Kamerad, die Religion des preußischen Offiziers muss eine andere sein. Sie muss hell sehende Augen haben nach oben und nach unten. Ihr einziges Dogma muss lauten: Die Arbeit zu tun, die von einem klugen Führer befohlen ist, seine Pflicht höher einzuschätzen, als sein Glück, sich selbst zu verleugnen und sein ganzes Leben den Zukunftszwecken des Staates, dem Wohl seines Volkes zu unterwerfen und nur den einzigen Ehrgeiz zu besitzen, ein guter Preuße zu sein und ein deutsches Herz zu haben."

Der salzburgische Hauptmann schüttelte den Kopf und lachte: "Herr Oberst, die predigen die soldatische Sklaverei."

"Im Gegenteil, Herr Kamerad! Der freieste Mensch ist nicht jener, der immer tun kann, was ihm persönlich zusagt. Der ist der freieste, der die notwendigen Gesetze am redlichsten achtet, seiner vaterländischen Pflicht am willigsten genügt und kein Stäubchen von Vorwurf oder Reue auf seiner Seele fühlt. Und das freieste von allen Völkern ist jenes, das die meisten Soldaten solcher Art besitzt. Da sollen die Feinde kommen. Man haut sie auf die Köpfe."

"Oh, wie gewalttätig!", warf der sanft blickende Domizellar von Stutzing ein. "Sie scheinen gering von dem zu denken, was man hier auf Erden als Frieden bezeichnet?"

"Nein! Friede ist das schönste von den Dingen der Welt. Nur nicht möglich unter allen Umständen. Die Friedfertigen um jeden Preis zerstören wohl keine fremden Häuser, aber sie bauen auch das eigene nicht auf." In der Erregung, mit der der junge Oberst sprach, wurden seien Gesichtsmuskeln von nervösen Reizungen befallen, die aussahen wie Grimassen. "Es gibt gewiss viel bessere Dinge auf der Welt, als Soldat sein müssen. Aber so lange die Menschen bleiben, wie sie sind - und sie werden immer so bleiben - so lange ist jenes Volk auf Erden am sichersten, das die schlagfertigste und gewissenhafteste Armee erzieht. Eine solche Armee ist nicht nur höchste Geborgenheit des Staates, nicht nur eine militärische, auch eine moralische Macht, eine Schule der Selbsterziehung des Volkes."

"Und Sie meinen," spottete Graf Tige, "eine Armee von solch fabulöser Beschaffenheit wäre die preußische?"

"Ja."

"Was hat sie denn schon geleistet? Für uns in der Ferne erscheint sie nur als ein Gamaschenklotz ohne Zweck."

"Dieser Klotz wird sich bewegen."

"Wann?"

"Sobald das Wort gesprochen wird, das ihn belebt. Sie, lieber Graf, als angehender Priester der katholischen Kirche werden vermutlich ohne Kinder bleiben." Die brennende Verlegenheitsröte übersehend, die dem neuensteinischen Verkündigungsengel in die Wangen fuhr, sprach der junge Oberst mit jagenden Worten weiter: "Aber Brüder oder Schwestern haben Sie wohl? Deren Kinder und Kindeskinder werden mitzehren and en deutschen Früchten jenes beweglich gewordenen Gamaschenklotzes. Deutscher Boden droht die Schüssel für alle fressenden Hunde der Nachbarschaft zu werden. Die vergönnen uns die eigene Mahlzeit nur, wenn wir die Faust haben, den nach unseren Knochen Lüsternen die Zähne einzuschlagen. Sieger wird keiner, der nicht alles gibt, was in ihm ist. Diese Opferfreudigkeit wollen wir in unseren Offizieren und Soldaten, in unserem ganzen Volk erziehen. Dann wird dafür gesorgt sein, dass uns die Welt nicht unterkriegt. Das gelänge ihr nur, wenn man ihresgleichen wäre. Wir haben die Pflicht und Absicht, uns wesentlich zu unterscheiden von ihr. Dann wird die Zeit kommen, in der das kleine Preußen zu wachsen gedenkt. Und was ein Segen für Preußen ist, wird zum Heil werden für alle Deutschen. Der Aufstieg und die politische Neugeburt des deutschen Volkes wird uns nicht durch den Stroh dreschenden Reichstag und nicht durch die schimmelig und hohl gewordene römische Kaiserpuppe beschert werden, sondern durch das junge, erstarkende Preußen der Zukunft."

Diesen Worten folgte an der Tafel ein etwas unfrohes, fast höhnisches Gelächter. Nur Pfarrer Ludwig blieb ernst und grollte in Zorn: "Wie kann man da lachen? Wenn jeder Deutsche so denken würde, müsste man nicht in Durst, in Zweifel und Sehnsucht auf den Augenblick harren, der den Kaiser im Untersberg von seiner finsteren Schlafsucht kurieren wird."

Graf Tige sagte mit spottender Heiterkeit: "Wie reizend, Hochwürden! Ihre siebzig Jahre befinden sich in kindlicher Märchenlaune!"

Da beugte sich der junge Oberst, die zitternden Hände um den Champagnerbecher geklammert, über die Tafel hinüber. In dem vorgestreckten Spitzgesichte flammten die Augen, während er mit leiser und dennoch scharf klingender Stimme sprach: "Die Kindermärchen der Völker sind ihre schönsten und tiefsten Sehnsuchtsschreie. Solche Sehnsucht braucht nur beharrlich zu sein, um die Erfüllung zu erzwingen."

"Herr Oberst!" Die Stimme des hübschen Domizellaren erinnerte ein bisschen an das parisische Gezwitscher der Allergnädigsten. "Das stimmt nicht für Märchen. Die erfüllen sich nie. Noch weniger stimmt es für politische Phantastereien. Ihr heimatliches Selbstbewusstsein in allen Ehren! Ich mache Ihnen hierüber sogar mein Kompliment. Es frägt sich nur, ob das deutsche Volk und die deutschen Fürsten auch gewillt wären, sich von Preußen and en Rossschwanz nehmen zu lassen?"

Das Gesicht des jungen Offiziers, in dem alle Erregung plötzlich erloschen schien, war verwandelt zu ruhigem Lächeln. So wandte er sich dem Pfarrer zu und sagte: "Man muss die Deutschen selig machen gegen ihren Willen. Oder sie werden es nicht."

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