Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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Kapitel 27

Im gotischen Saal der Entschlüsse, auf dessen Kronleuchtern ei nach halbem Tag alle Kerzen brannten, war feierlicher Empfang des preußischen Gesandten. Herr Anton Cajetan im Prunkornat saß auf dem berchtesgadnischen Thron, flankiert von den Würdenträgern. Für Danckelmann und seinen Begleitoffizier hatte man Samtstühle und einen Gold geschnörkelten Tisch mit Schreibgerät vor den Thronstufen aufgestellt, Die Kapitelherren und Domizellaren standen in doppelter Reihe, und der Kanzler von Grusdorf, pompös peruckiert, verlas mit Würde das Kreditiv:

"Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König in Preußen, Markgraf zu Brandenburg usw. usw. geben Ew. Lbd. Hierdurch zu vernehmen, was maßen wir gut befunden, Unsern Geheimen Hofrat von Danckelmann dorthin abzuschicken, um unsere daselbst emigrierenden neuen Untertanen in staatsrechtlichen Schutz zu übernehmen und deren bewegliches oder allda verbleibendes Vermögen in Sicherheit zu erheben. Wir ersuchen Ew. Lbd., Sie wollen Uns die Freundschaft erweisen, besagten Geheimen Hofrat von Danckelmann zu baldiger Ausrichtung solcher Ihm aufgetragenen Commission alles dasjenige angedeihen zu lassen, was desfalls dem Westfälischen Friedensschluss und anderen Reichskonstitutionen gemäß ist, gestalt wir uns solches zuversichtlich promittieren, und wollen auch Wir gegen Ew. Lbd. Zur Bezeugung angenehmer Gefälligkeiten stets willig verbleiben.

   Berlin, den 22. März 1733.
                                                           Friedrich Wilhelm.
   An den Herrn Abt zu Berchtesgaden."

Der Kanzler hatte vor dem Wörtchen Abt verlegen gestockt. Dem Fürsten fuhr um dieser unzulänglichen Titulierung willen das Blut ins Gesicht; doch er lächelte nachsichtig und flüsterte Herrn von Grunsdorf heiter zu: "Man scheint uns in Berlin für Kapuziner zu halten." Dann begann er mit Danckelmann eine liebenswürdige Konversation in französischer Sprache, die für den ganzen Verlauf des feierlichen Aktes, wie späterhin für die geschäftlichen Debatten beibehalten wurde. Bei der Vorstellung des jungen Obristen von Berg sagte Danckelmann empfehlend zum Fürsten: "Für unsere Majestät eine persona gratissima."

Ein fröhliches Auflachen des kleinen, zierlichen Offiziers: "Der freundliche Geheimrat übertreibt. Will man gratia mit Gnade übersetzen, dann freilich stimmt es. Seine Majestät mein Herr und König haben mich vor kurzem gnädiglich dem Schafott eschappieren lassen."

"Mit Recht!", sagte Herr Anton Cajetan, nachdem er seine Verblüffung überwunden hatte. "Es wäre schade gewesen um einen ebenso klugen wie wahrheitsliebenden Kopf. Allzu unverzeihlich werden wohl die Verfehlungen des Herrn Obersten nicht gewesen sein?"

"Insubordination und andre Sträflichkeiten schwersten Kalibers."

"Insubordination?", lachte der Fürst. "Unter dem preußischen Drill?"

"Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich gelte als der einzige unbrauchbare Soldat der preußischen Arme."

"Dann werden der Herr Oberst, der jung zu hohem militärischem Grad gelangte, sich wohl durch andere Vorzüge ausgezeichnet haben." Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Herr Anton Cajetan dem Geheimrat zu. Höflich den ärger darüber verschleiernd, dass man einem Gesandten für das gefürstete Berchtesgaden als Begleitoffizier einen begnadigten Militärverbrecher beigegeben hatte, versprach er an einem der nächsten Tage eine Kommission zur Vorberatung zu berufen und lud die preußischen Herren für den vierten Tag zu einem Großen Jagen mit anschließender Fürstentafel. Nach würdevoller Verneigung betonte der Geheimrat seine kurz bemessene Zeit. Ungeachtet mancher Orientierung, die er bereits bei evangelischen Männern eingeholt hätte, bedürfe er dreier Tage, um mit ihnen alles Notwendige über Reiseweg und Ansiedlung zu bereden. Für den vierten Tag stelle er sich der Einladung Seiner Liebden mit Freuden zu Diensten, am fünften Tag müsse er seien Rückreise antreten, und so bäte er, sofort in die geschäftlichen Verhandlungen einzutreten. Verdutzte Augen im ganzen Saal. Herr Anton Cajetan blieb höflich, zog sich mit seinen Würdenträgern zu einer Besprechung zurück, erschien nicht mehr, weil er zum Tee bei Aurore de Neuenstein erwartet wurde, und designierte den Kanzler, den Dekan und den Grafen Sauer zur geschäftlichen Verhandlung. Das Kleeblatt setzte sich mit den preußischen Herrn inmitten der gespannten Kapitularen um den Gold geschnörkelten Tisch. Als die Unterhaltung begann, erschien verspätet der Pfarrer Ludwig. Weil es keinem der Kapitularen einfiel, ihn den preußischen Herren vorzustellen, besorgte er das selbst. Der junge Oberst reichte ihm freundlich die Hand, sah aufmerksam zu dem heiteren Warzengesicht hinauf und plauderte munter, während am goldenen Tisch ernst verhandelt wurde. Weil Ludwig bei schwächlichem Französisch einen Schnitzer um den anderen herauswimmelte, begangen sich die Domizellaren zu belustigen. Das störte den Pfarrer nicht. Zufrieden mit der neuen Bekanntschaft, die er geschlossen hatte, ging er zu seinem Kapitelstuhl und kreuzte die Arme.

Die Verhandlung gestaltete sich zäh und spann sich in die Länge. Nie beteiligte sich der junge Oberst. Er betrachtete aufmerksam die gotischen Ornamente oder musterte die Gesichter aller Anwesenden. Nach der zweiten Debattenstunde war der erste Verhandlungspunkt - Höhe der Ablösung für die Leibeigenschaft - noch immer nicht erledigt. Herr von Grusdorf wollte unter 20 Gulden pro Kopf nicht heruntergehen und hielt in schlechtem Französisch Reden von der Länge gereizter Sonntagspredigen. Der junge Oberst verriet Zeichen von Ungeduld, tauchte die Kielfeder ein und begann mit hurtiger Hand schief über ein Blatt zu schreiben. Außer Danckelmann, der ein bisschen irritiert erschien, achtete niemand dieses Vorganges. Der junge Oberst schrieb: "Unsere Forderungen: 1) Jeder evangelische Exulant ist als preußischer Untertan zu erachten, dem der Schutz seines Königs gebührt. - ") Für alle Strafen, die um des evangelischen Bekenntnisses willen verhängt wurden, wird von Stund an volle Amnestie gewährt. Neue Verurteilungen werden nicht ausgesprochen. - 3) Der erste Zug der Exulanten verlässt die berchtesgadnische Grenze am fünften Tage post datum; die weiteren Züge folgen nach Verwertung des liegenden Besitzes. - 4) Bei Verkauf des evangelischen Eigentums werden Bedrückungen nicht erfolgen; die berchtesgadnische Regierung haftet für Eingang der Kaufschillinge bis zu vier Fünfteln des landüblichen Wertes. - 5) Die Leibeigenschaft wird pro Kopf, Mann, Weib, oder Kind, mit 5 Gulden abgelöst; dafür haftet der preußische Staatsschatz. - 6) Geheimrat von Danckelmann und seine Begleiter sind für drei Tage zu freizügigem Besuch des Landes ermächtigt, um mit den Evangelischen alles Notwendige festzusetzen; diese Genehmigung ist rückwirkend für den bisherigen Reiseverlauf."

Dieses Blatt reichte der junge Oberst dem Geheimrat. Dem wurde unter den weißen Locken die Stirn ein bisschen heiß. Er gab das Blatt nach kurzem Zögern mit einem zustimmenden Augenwink zurück. Der junge Oberst machte eine Abschrift, verwahrte sie zwischen den Knöpfen seines blauen Soldatenrockes und erhob sich. "Bewilligen mir die Herren ein paar Worte?" Der Kanzler sah verdutzt den Geheimrat an: "Ist Herr Oberst von Berg berechtigt -" Danckelmann sagte rasch: "Herr von Berg scheint geheime Aufträge Seiner Majestät empfangen zu haben - als Offizier." Schweigen im Saal. Lächelnd und liebenswürdig sagte der Oberst: "Die Herren werden rascher zu einem Entschluss gelangen, wenn sie durch unsere Gegenwart sich nicht behindert fühlen. Hier sind unsere schriftlich niedergelegten Vorschläge. Wir ersuchen um ihre unveränderte Annahme bis zur zehnten Abendstunde." Auch der Geheimrat nahm seinen Dreispitz unter den Arm. Herr von Grusdorf, der mit einem raschen Blick das Blatt überflogen hatte, stammelte entgeistert: "Wenn aber die Regierung begründete Veranlassung zur Abwehr dieser Wünsche hätte?" Danckelmann hob die Schultern und deutete auf seinen Begleitoffizier. Der Kanzler drehte die runden Augen hinüber: "Würde das etwa gar den - den - den Krieg bedeuten?" Da fand der junge Oberst ein heiteres, herzliches Lachen: "Ich bin so begeistert von den Herrlichkeiten Ihres zaubervollen Landes, dass ich jedem preußischen Grenadier den Genuss so erhabener Schönheit vergönnen würde." Schritt um Schritt zurücktretend, machte er nach allen Seiten hin so zierliche Verneigungen, dass Graf Tige seinen Witz vom maskierten Tanzmeister wiederholte. Eine Wirkung erzielte der depossedierte Verkündigungsengel der allergnädigsten Aurore de Neuenstein mit seinem Scherzwort nicht. Die Gesichter aller Kapitularen bleiben lang. Nur einer lachte vergnügt und ließ seine große Warze hüpfen. Graf Sauer begleitete die Herren zur Sänfte. Hinter ihnen im Kapitelsaal erhob sich ein Heidenlärm. Auch bei jener Nachtsitzung über das Schicksal des schwarzweißen Doppeltödchens war es nicht lebhafter zugegangen.

Zwischen vier hell brennenden Wachsfackeln gaukelte die Sänfte durch die stille, abenddunkle Marktgasse. Danckelmann schwieg, weil der Polizeifeldwebel sich immer dicht neben dem Fenster hielt; und der junge Oberst, der die durchwachte Nacht zu spüren begann, nickte bei diesem sanften Geschaukel ein bisschen ein. Im Leuthaus war für die beiden Herren zum Nachtmahl gedeckt; der fürstpröpstliche Lakai wurde höflich verabschiedet, und der steif zopfige, Stiefel klappernde Soldat musste bedienen. Er machte die Sache, wie man eine Kanone lädt und abfeuert. Der junge Oberst begann mit Gier zu schlingen, trank den schweren Klosterwein wie Wasser, schwatzte immer sein quirlendes Französisch und fragte endlich den wortkargen Geheimrat: "Hab ich Ihm die diplomatische Laune verdorben?"

"Das nicht, aber - was tun wir, wenn Ihre römische Kurzangebundenheit eine abfuhr erleidet?"

Ein heiteres Lachen. "Wozu soll ich mir den Kopf über Dinge zerbrechen, von denen ich voraussetze, dass sie nicht eintreffen. Die Herren haben nicht darnach ausgesehen, als wollten sie mit eisernem Schädel durch die Mauer fahren." Ohne bösartig zu werden, begann der junge Oberst die Köpfe der Kapitelherren mit drolliger Spottlust zu silhouettieren. "Nur einer war dabei, der mir gefallen hat, der Lange mit dem prächtigen Weißkopf und den zwei schrecklichen Warzen. Der hat etwas Rolandeskes, hat Menschlichkeit in den deutschen Augen und Gedanken hinter der Stirn. Dennoch ist er heiter. Das ist ein Mensch mit erhöhter Seele."

"Glauben Sie, dass er -"

Gleich verstand der junge Oberst. "Ein heimlicher Protestant? Der? Nein. Ihre evangelische Seele ist hochmütig, lieber Geheimrat. Wir dürfen nicht jeden wertvollen Menschen für uns in Beschlag nehmen. Sokrates und Leonidas waren Heiden, Salomo war Jude. Und der lange Weißkopf? Ich wette, der ist ein Katholik vom reinsten Wasser." Nach kurzem Schweigen wieder das muntere Auflachen. "Ich ertappe mich manchmal bei einer höchst unnordischen Sympathie für die Katholiken. Sie sind mir in manchen Dingen lieber als unsere Orthodoxen, hinter deren Eisblöcken noch immer der verflossene Scheiterhaufen ein bisschen raucht." Die schmalen Lippen lächelten malitiös. "Vor zwei Jahren, als ich gute Worte nötig hatte, schrieb mir ein katholischer Abt aus der Rheingegend diesen Vers in meinen Canisius:

Ein schlechter Protestant, ein schlechter Katholik,
Da frisst der Teufel den Segen, das Glück.
Ein guter Katholik, ein guter Protestant,
Und dreifach wächst die Ernte im Land.

Glauben Sie, Danckelmann, dass jemals einer von unseren Oberkonsistorialräten einen solchen Vers in den Katechismus eines katholischen Prinzen schreiben würde?"

"So darf man diese Dinge nicht nehmen, Königliche Hoheit! Man muss als Staatsmann Distance bewahren, um sich von Fall zu Fall das Notwendige mit Ruhe überlegen zu können."

"Ruhe? Für alle Fälle? Nein, Danckelmann! Das ist die unergiebigste Eigenschaft der Menschen." Ein lächelndes Sinnen. "Zeit lassen? Beim Bergsteigen mag es vernünftig sein, wenn man kurzen Atme hat. Heut, als dieser Jäger zwischen den grausamen Dragonergäulen sprang wie ein Hirsch, bewies er, dass das Hilfreiche die eiserne Ausdauer ist, die schnelle Kraft und der leidenschaftliche Wille. Im Leben und in der Geschichte, wenn die Schose vorwärts gehen soll, muss Turm wehen. Komm ich einmal zur Arbeit, so will ich in der ersten Stunde was beginnen, worüber die Welt zusammenfahren soll bis in die Knochen." Sich erhebend, leerte er sein Weinglas und winkte auf etwas parodistische Art mit der Hand. "Gute Nacht, mein ruhsamer Geheimrat! Ich sehne mich nach meinem Nachtgebet. Das will ich piano erledigen, damit es Ihm den Schlummer nicht davon pfeift."

Ein paar Minuten später, als der junge Oberst in 'Himmat' und Reithose auf dem Bett saß, und der Soldat ihm die von der Schneenässe eng gewordenen Stiefel herunterziehen wollte, hörte man zwei Stimmen im Salon. Dann streckte Danckelmann den Kopf zur Türe herein: "Der Bote war da. Alles bewilligt."

"Na also!" Ein kurzes, fast kindliches Auflachen der melodischen Stimme. Dazu in flinkem Französisch: "Hat man 120000 wohl dressierte Kerle hinter sich, so kann man sich vernünftige Worte erlauben. Umwege und geduldige Schwäche machen sich schlecht bezahlt. Entschlossene Gradheit bleibt immer die beste Politik." Und wieder deutsch: "Na, Hänne, nu zieh mal feste! Spruck in die la main! Denn wird's schon jehen."

Der Geheimrat legte sich mit erleichtertem Gemüt zu Bett. Er hatte schon eine berchtesgadnisch-salzburgisch-österreichische Koalition in der Luft hängen sehen. Jetzt konnte er aufatmen. Kaum lag er in den Kissen, da hörte er durch zwei Mauern sanft gedämpft das 'Nachtgebet' des jungen Oberst herüber klingen: Pedantische Flötenläufe, erst langsam und immer schneller, Töne wie Soldaten, die nach dem Paradeschritt den Sturmlauf üben. Dann ein innig träumendes Adagio, das einer Klavierübung von Bach entnommen und für die Flöte zugeschnitten war. Erst gegen Mitternacht verstummten die zärtlichen Klänge. Das blieb politisch nicht ohne Folgen. In der Geisterstunde wurde Herr von Grusdorf aus dem ersten Schlaf herausgebimmelt, um von Muckenfüßl den überraschenden Geheimrapport entgegenzunehmen: Dass der impertinalimentische Patron, der sich in loco hujus vor den Kapitelherren so arroganzialiter aufgespielt hätte, gar kein prussianischer Offizier sein könnte, sondern probabilitätisch ein verkappter Musikant und Schwegelpfeifer wäre. Graf Tige hatte also mit seinem maskierten Tanzmeister nicht weit daneben geraten. Aber wie die Dinge lagen, war nichts mehr zu ändern. Man konnte nur bei den bevorstehenden Hoffestlichkeiten die Verteilung der Jagdstände und die Tischordnung eo modo dirigieren, dass dieser zweifelhafte Kumpan aus der allergnädigsten Nähe Seiner Liebden removiert wurde.

Eine dunkle Nacht verging. In den Bürgerhäusern der Marktgasse war nach der zehnten Abendstunde das Brennen von Licht seit dem Versöhnungschießen polizeilich verboten. Aurore de Neuenstein und ihr Schlafzimmer standen selbstredend außerhalb des Wirkungskreises der mittleren Regierungsorgane. An der schon halb zum Unlustschlösschen gewordenen Villa blinzelte durch die herzförmigen Ausschnitte der geschlossenen Fensterläden ein rosiger Schein heraus, der erst kurz vor Anbruch des Morgens erlosch. Da die sekrete Sänfte sich schon vor Mitternacht gegen das Stift bewegt hatte, war den Polizeiwächtern diese zwecklose Lichtvergeudung der Allergnädigsten nicht erklärlich; sie rieten auf Gespensterfurcht; unmöglich konnten sie vermuten, dass Aurore de Neuenstein die restlichen Nachtstunden zum Einpacken noch unentfernter Kostbarkeiten verwendete. Ein ahnungsvoller Engel, sah sie den Strapazen des Großen Jagens, das sie als parisische Diana verschönen sollte, mit dunkler Besorgnis entgegen und wollte die folgenden Tage, in denen sie dank einer immer wirksamen Ausrede von allen zärtlichen Verpflichtungen enthoben war, noch gut für ihre Zukunft benützen. Kurz vor Anbruch des Tages verließen zwei schwer bepackte Saumtiere, von Aurorens verlässlichem Hausknecht geleitet, das in der Frühlingswärme still erblühende Freudengärtlein in der Richtung gegen Reichenhall.

Unter den gleichen Frühgrau pochte Leupolt Raurisser an die noch verschlossene Tür des Leuthauses. Eine Stunde später, während die kommende Sonne alle westlichen Bergspitzen mit Rosenglut zu überschütten begann, ritten die zwei preußischen Herren gegen Unterstein hinaus, begleitet von dem steif zopfigen Soldaten und von Leupolt, der ernst und blass war, doch so ruhig, dass die Herren, wenn sie mit ihm sprachen, keinen Wandel gegen den vergangenen Tag an ihm bemerkten. Als die Reiter am Haynacherlehen vorüber kamen, grüßte Leupolt in herzlichem Erbarmen den Christl, der wunderlich erregt vom Zauntor seines Gehöftes gegen das Sudhaus hinüberspähte. Lange stand er und guckte so. Jetzt tat er einen schweren Atemzug. "Da kommt er!" Dem Haynacherlehen wanderte ein kleiner, zaundünner Bauer entgegen, in dessen schmunzelnden Runzelgesicht zwei flinke Wieselaugen funkelten. Er trug eine schwere Geldkatze um den Magen herumgeschnallt. "Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie."

"In Ewigkeit Amen!", sagte Christl und scheuerte den weißen Haarfleck hinter dem Ohr.

Der kleine Bauer stieß den Stecken auf den Boden. "Dass wir gleich alles ausreden: Den Hausrat, 's Vieh und 's Futter musst Du mir aufweisen. Dein Feld und den Waldzipf kenn ich. Wie viel verlangst Du für alles?"

"Die Nachbarsleut schätzen mein Sach katholisch auf vierzehnhundert Gulden."

"Ich hab Dich ausrufen hören: Du gibst es um den halben Preis?"

"Was ich sag, ist Stein und Eisen." Christls tief liegende Augen begannen zu funkeln. "Dass man der Martle ihr Gesternfeld nit ackern und misten darf, das müssen wir protokollarisch machen. Was mein Bübl braucht an Wäsch und Zuig, und was -" Dem Christl kam ein Schwanken in die Stimme. "Was noch übrig ist von meiner Martle, das nimm ich mit. Alles andre ist Dein."

"Schauen wir's an." Der kleine Bauer nahm die Sache genau. Jedes Stück Hausrat untersuchte er bis auf die Leimfugen. Jede Ziege hob er auf seinen Schoß, jeder Kuh knutschte er das Maul, den Hals, die Wampe, das Euter, und jedem Kälbl guckte er aufmerksam unter den Schwanz. Der stumme Christl stand mit aschfarbenem Gesicht daneben. "Gut! Vierhundert kriegst Du bei der Unterschrift, dreihundert bei der Übergab. Wann soll ich zum Protokollieren kommen?"

"Gleich."

Der kleine Bauer lachte. "Pressiert's Dir denn gar so?"

"Wohl." Christl Haynacher trug sein Bübl zur Nachbarin hinüber und wanderte mit dem Käufer zum Landgericht. Das wunderliche Kaufdokument mit dem Paragraph über das Gerstenfeld: Nit ackern und nit misten - verursachte den vier überflüssigen Buchstaben eine muntere Viertelstunde. Als Christl unterschrieben hatte, fragte ihn der Landrichter lachend: "Wann will er denn exulieren?"

"Morgen." Der Haynacher hob die brennenden Augen. "Am liebsten tät ich's noch heut."

"Heute? Nein. Heut Nachmittag wird er schön daheim bleiben. Da wird noch etwas zu erledigen sein."

Christl lächelte sonderbar. "Was wär denn das?"

"Seine Neugier wird sich gedulden können." Eine entlassende Handbewegung. Als die zwei Bauern mit schweren Schuhen davon gepoltert waren, schwang sich der muntere Liebling der Gerechtigkeit zu einem philosophischen Erguss über die in Bauernköpfen generaliter grassierende Verbohrtheit auf. Seine heitere Laune sollte sich noch weiterhin erhöhen. Pfarrer Ludwig betrat schmunzelnd die Amtsstube. "Oh? Reverende? Was führt Euch zu mir?"

Das Schmunzeln des Pfarrers verstärkte sich. "Um ehrlich zu sein: Ein Werk der Barmherzigkeit. Oder, um gleich in medias res zu hupfen: Ich will -" Nach einem Augenwink auf den Schreiber sprach er lateinisch weiter: "Ich will meine schwer bedrückte Seele entlasten und ehrlich zu Protokoll geben, dass ich es gewesen bin, der das Haynachersche Zwillingspärl verschwinden ließ."

Der Landrichter schickte hurtig den Schreiber aus der Stube und platzte los. Was Lustigeres war ihm zeit seines Lebens noch nicht begegnet. Zwischen Lachen und Lachen sagte er: "Unglaublich! Dieser Lewitter! So viel Schlauheit hätt' ich ihm gar nicht zugetraut, obwohl man in dieser Materie von einem Juden viel attendieren darf." Es dauerte ein Weilchen, bis er sich von seiner unjustiziarischen Fröhlichkeit so weit erholt hatte, um die Gänsefeder in die Streusandbüchse tauchen zu können. Die Feder schrieb nicht. "Seht doch," sagte der muntere Willibald, "wie klug meine Feder ist! Sie weigert sich, bei dieser Torheit mitzuagieren." Er griff nach einem anderen Kiel. Diesmal fand er beim Eintauchen richtig das Tintenfass. "Also?" Dabei lachte er schon wieder. "Was soll ich protokollieren?"

"Dass ich aus Erbarmen mit dem unglücklichen Vater, aus Mitleid mit dem armseligen Pärl, auch sonst aus Vernunfts- und Menschlichkeitsgründen dem beklagenswerten Kapitelstreit ein notwendiges Ende bereitet habe." Pfarrer Ludwig war sehr ernst geworden. "Was ich bekenne, Euer Gestreng, ist die reine Wahrheit. Mit einem Schlüssel, den ich aus der Zeit meiner Amtstätigkeit noch besaß, hab ich in jener Kapitelnacht die Armeseelenkammer aufgesperrt. Um mich unkenntlich zu machen, hab ich einen gemäschelten Herrenmantel umgehangen, den ich mir vor Jahren für ein höfisches Maskenfest hab schneidern lassen. So vermummelt hab ich das arme Pärl im Friedhof zur ewigen Ruh bestattet. Mein priersterliches Gewissen ist ohne Vorwurf. Lewitter hat uns das im Kapitel doch auseinandergesetzt: Mit der Verwebung der Muskeln, mit der Diffusion des Blutes, et cetera. Da muss doch vom getauften Blut was übergeflossen sein ins ungetaufte, also quasi eine Mittaufe des nur leblos scheinenden Körperchens erfolgt sein. Nit?"

"Aaaaah! Glänzend debattiert!", staunte der hocherfreute Richter, der nun auch den Grafen Tige, wenigstens inbetreff seiner nächtlichen Friedhofstätigkeit gerechtfertigt sah. "Warum habt Ihr denn diese hilfreiche Konklusion nicht im Kapitel vorgebracht?"

"Weil sie mir erst post festum eingefallen ist. Dass ich also bis zu gewissen Grad gegen kirchliche und weltliche Gesetze handelte, das weiß ich. Und bekennen muss ich es, weil ich nicht will, dass ein halbwegs Schuldloser leiden soll um meinetwillen."

"Ssssso!", sagte der von fröhlichem Glück erstrahlende Landrichter nach einer Weile, indem er unter das letzte Wort des Protokolls einen netten Schnörkel machte. "Und wirklich, Reverende, dieses Bekenntnis wollt Ihr unterschreiben?" Pfarrer Ludwig, ohne zu antworten, nahm die Feder und kritzelte seinen Namen unter das Protokoll. Da bewegten sich die vier überflüssigen Buchstaben. Mit einer Herzlichkeit, wie sie noch kein anderes Menschenkind von ihm erfahren hatte, streckte Willibald Hringghh dem Pfarrer die Hände hin und sagte voll Rührung: "Reicht mir Eure hilfreiche Christenhand! Ich muss sie drücken. Es ist mir doch bekannt, dass Jesunder stets Euer Gegner war. Um so ehrenwerter ist es von Euch, dass Ihr einem so erbitterten Widersacher zu Hilfe kommt, der nahe daran war, die übelsten Dinge über Euch heraufzubeschwören."

"Herr Richter!" Pfarrer Ludwig blieb noch immer ernst. "Ich hab keinen Schwindel gemacht, ich hab die Wahrheit gesagt."

Ein fröhliches Lachen erschütterte das Sauermilchgehirn der Gerechtigkeit. "Die reinste Wahrheit! Auch im Groben famos erfunden. Aber permittiert mir, Euch aus dem reichen Tresor meiner richterlichen Experienzen auf ein paar laienhafte Dissonanzen aufmerksam zu machen. Da ist von einem Schlüssel die Rede. Wenn nun der Richte früge: 'Wo ist dieser Schlüssel?' Nein, Ihr sollt mir nicht antworten. Ich will es Euch sagen." Der vergnügte Willibald lächelte allwissend. "Nicht wahr? Diesen Schlüssel habt Ihr in einen tiefen Brunnen geworfen?"

"Stimmt!"

"Und den gemäschelten Herrenmantel habt Ihr wohl verbrannt in Eurem Stubenofen?"

"Stimmt!"

"Aber! Reverende!" Der Landrichter lachte, dass von den heftigen Schüttelbewegungen die Rosshaarwuckeln seiner Perücke weißlich zu qualmen begannen. "Euch, der die herrliche Sache mit der diffundierenden Taufe zu finden wusste, sollte doch auch hier etwas Witzigeres einfallen. Der tiefe Brunnen und das Ofenfeuer sind die abgedroschensten Hilflosigkeiten vor dem Richtertisch. Doch um Euch einleuchtend zu demonstrieren, wie laienhaft in juridischem Sinn Eure barmherzige fabula ersonnen ist, will ich noch eine Frage stellen. In welcher Nacht behauptet Ihr, das angebliche crimen verübt zu haben? Ihr wollt doch wohl nicht sagen: 'In der ersten?' Nämlich in der Nacht, in der es durch einen mir bekannten Täter wirklich geschah! Da ist doch zu beweisen, dass Ihr im Kapitel wart. Nun also? Wann?"

"In der anderen Nacht."

"Aber Hochwürden!" Die justiziarischen Mausaugen blitzten von überlegenem Humor. "Da wart Ihr doch, wie ich mich selbst überzeugte, ein schwer leidender Patient."

"Ich hab die Krankheit simuliert, um das Kapitel schwänzen zu können."

"Ausgezeichnet!" Hell auflachend klatschte Doktor Willibald die Hand auf den geduldigen Tisch der Justitia. "Ich will Euch sogar gestehen, dass eine ähnliche Konjektur auch mich zu befallen drohte, bevor sich der Gegenbeweis ergab. Dass man vor dem Scharfblick eines Richters mancherlei Krankheiten zu simulieren versucht, ist mir nicht neu. Es gibt da Simulanten von erstaunlicher Fertigkeit. Aber -" Erst musste der Landrichter die Tränen fortwischen, die ihm der Witz des Vorganges aus den Molchaugen beizte. "So geschickt hat noch niemals einer von meinen Inkulpaten simuliert, dass ich von seiner fingierten Krankheit infiziert wurde. Ihr seid der erste, der da reüssierte. Eure simulatio hat mir vierzehn Tage beschert, in denen meine Nase permutiert war zu einer qualvollen Hölle. Nun? Was sagt Ihr jetzt?"

Der Pfarrer schwieg. Seien große Warze begann zu hüpfen, und dann brach er in ein Gelächter aus, dass er mit beiden Händen die Mitte seiner Länge umklammern musste. Eine völlig gegensätzliche Wandlung vollzog sich im Molkentopf des Hringghhischen Verstandes. Ernst geworden, mit schöner Würde, erhob er sich vom Fundament der vier überflüssigen Lettern. "Merkt Ihr jetzt, wie aussichtslos es ist, vor einem erfahrenen Richter einen unrealen Bären produzieren zu wollen? Aber gestattet nun, dass ich den armen Jesunder sofort von seinem Wahn kuriere. Ich dank Euch, liebste Hochwürden! Ihr habt mir in mancher Hinsicht eine große Gefälligkeit erwiesen. Grüßt mir auch den klugen, vortrefflichen Lewitter!"

Als Pfarrer Ludwig hinaustrat in die Sonne, faltete er wie ein frommes Kind die Hände und sprach ohne Worte zum blauen Himmel hinauf: "Du lieber Herrgott! Gibt's denn irgendwo auf der Welt noch einen größeren Schafskopf? Sag mir's! Dann reis' ich hin. So was Unwahrscheinliches muss man mit Händen greifen, bevor man's glauben kann." Lachend ging er zu seinem Haus hinüber. Doch diese Heiterkeit war ohne Dauer. Seien Augen wurden ernst, fast traurig. "Und so was richtet über Schicksal und Ehr, über Leben und Tod der Menschen."

Bevor noch eine Stunde verflossen war, trat Doktor Willibald Hringghh mit dem Lächeln eines Siegers in die Stube des Pfarrers. "Gestreng?", fragte Herr Ludwig. "Was noch?" Die Sauermilch der vier überflüssigen wurde geistreich. "Der gemäschelte Herrenmantel," Willebald zog das Protokoll aus dem Busen, "soll verdiente Gesellschaft erhalten." Ging auf den Ofen zu und schob das Dokument der Gerechtigkeit ins Feuerloch. Der Pfarrer schüttelte den Kopf: "Das muss ich missbilligen. Wenn Jesunder das Prozessverfahren gegen mich fordert?"

"Er wird es unterlassen." Lächelnd streckte sich Doktor Halbundhalb zum Ohr des langen Pfarrers hinauf. "Um eine gelinde, politisch notwendig gewordene Verfehlung gegen meine Amtspflicht von mir abzulösen, hab ich dem Chorkaplan gebeichtet. Es war die einzige Methode, die ihn zwingen konnte, das Geheimnis zu bewahren." Seiner siegreichen Klugheit voll bewusst, sah der weise Richter dem Pfarrer in die Augen. "Als ich mein Consiteor begann, war der arme Jesunder noch ein gequälter Narr, bei der Absolution schon ein sanierter Mensch. Namentlich das Motiv der diffundierenden Taufe hat ihn ungemein beruhigt. Und die Hilfe kam, als die Not am höchsten war. Den Verstörten bedrückte bereits der Wahn, dass er preußische Zwillinge gebären müsste. Eben, da ich kam, wollte er seine verzweifelte Mutter zur Hebamme schicken."

Pfarrer Ludwig, als er allein blieb, sprach mit einem kleinen Zusatz die Worte des spinozistischen Briefes vor sich hin: "Alles Wissen und Geschehen, auch alle Narretei und Dummheit muss dem Leben dienen, damit der Mensch teilhaftig werde des ihm mögliches Glückes!" Dann fort, zu seinem Freund Simmi. Und von Lewitters Haus hinüber zum Meister Niklaus. Er traf ihn mit Luisa und Sus bei der Mahlzeit, setzte sich zu ihnen, schien besser gelaunt als je und erzählte die Geschichte vom preußischen Kapitelsieg. "Die wissen, wie man's zu machen hat. Einen feindlichen Hammel muss man aufs Maul schlagen. Kitzelt man ihm freundlich die Ohren, so stoßt er." Während der Pfarrer schwatzte, huschten seien forschenden Augen immer wieder zu Luisa hinüber. Ihr Gesicht war wie aus Alabaster geschnitten und erzählte stumm von einer Herz zerdrückenden Kummernacht. Nie hob sie den Blick, sprach keine Silbe und atmete schwer. "Ja," sagte der Pfarrer, "gestern im Kapitel hab' ich lachen können. Dafür hab' ich kurz vorher einen netten Schreck mit der guten Mälzmeisterin erlebt. Übrigens, Luisli, weißt Du denn schon, dass der Leupi wieder daheim ist?"

Luisa nickte stumm und beugte das Gesicht noch tiefer gegen den Tisch. "Kind?", fragte der Meister halb erstaunt und halb erschrocken. "Und da sagst Du mir kein Wörtl davon? Ist was geschehen zwischen Euch? Du bist seit gestern, dass ich Dich schier nimmer kenn." Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Die Sus wurde rot bis unter die Haarwurzeln, und Niklaus fragte nicht weiter, weil ihm der Pfarrer unter der Tischplatte einen mahnenden Puff versetzte und dazu verständlich mit den Augen zwinkerte: "Ja, Nick, da hab ich wieder einmal sehen können, wie viel Wunderliches in Menschenköpfen umeinander hupft. Du weißt doch, was für ein gescheites, wahrhaft frommes Weibl die Mälzmeisterin ist. Und gestern, ich sitz daheim, und da surrt der Mutter Agnes ihr Mädel zu mir herein in die Stub, heutl wie unsinnig und bettelt, ich soll doch um Gotteswillen gleich hinüberkommen, die Mutter Agnes hätt den Verstand verloren."

Niklaus sah ratlos den lächelnden Pfarrer an, die Sus stammelte ein 'Jesus Maria!', und Luisa hob das blasse Gesicht mit erweiterten Augen, aus denen alle Qual einer verstörten Seele redete.

"Da kannst Du Dir denken, Nicki, wie ich gesprungen bin. Ich komm hinüber, und da sitzt der prächtige Bub auf der Herrgottsbank, hat ein Gesicht wie ein Gestorbener, und hält mit den Armen die Mutter fest, als müsst er Sorg haben, dass sie was Unsinniges anstellen möcht. 'Was ist denn?', frag ich. Und da kriegt die Mälzmeisterin ein bissl Luft, reißt sich von ihrem Buben los, springt zur Mauer hinüber - und Du weißt doch, bei den Mälzmeisterischen hängt so eine hirnrissige, lästerliche Gottsaugenuhr in der Stub. Und jetzt rat, was die Mutter Agnes getan hat? Ausgesehen hat's freilich, als wär sie verrückt. Aber flink bin ich draufgekommen, dass sie gescheiter ist als wir alle. Und so springt das zornwütige Weibl auf die Mauer zu, packt die dumme Uhr, reißt sie von der Wand herunter, trampelt mit den Schuhsohlen drauf herum, wie man was Giftiges totmacht, und schreit dazu in Kummer und Tränen: 'Frömmigkeit, ja, Frömmigkeit! Rechte Frömmigkeit ist das Schönste auf der Welt, aber kindischer Aberglauben ist allweil das Schiechste vor Gottes Blick!' Ich sag Dir, Nicki -" Pfarrer Ludwig verstummte, sah über den Tisch hinüber und fragte verwundert: "Luisli? Ist Dir nit gut?"

Wankend, als wäre sie nah dem Erlöschen, hatte Luisa sich erhoben. Der Meister erschrak, die Sus sprang auf. Und da taumelte Luisa schon zur Tür hinaus, den einen Arm vor die Augen gepresst, mit der anderen Hand ins Leere tastend. Die Sus sprang ihr nach mit einem erstickten Sorgenschrei. Den Meister, der das Gleiche tun wollte, fasste Pfarrer Ludwig am Arm. "Bleib, Nicki! Die Sus macht das schon. Die weiß, wie man vor einer füreiligen Dummheit den Schlüssel im Türschlössl umdreht."

"Mensch!", zürnte der Meister. "Was treibst Du denn da?"

"Was der Simmi treibt, wenn er für eine Krankheit das richtige Tränkl mischt." Lächelnd legte der Pfarrer den Arm um den Hals des Freundes. "Sei nit neugierig! Das Kind muss in ihm selber das Rechte finden."

"Pfarrer?", stammelte Niklaus.

"Verstehst Du nit? Hast Du im Leben noch nie erfahren, zu was die hungrige Lieb einen treiben kann?"

Ohne zu antworten, grub Meister Niklaus seine Stirn in die Hände.

Der Pfarrer betrachtete ihn mit einem herzlichen Blick und verließ ohne weiteres Wort die Stube.

Auf dem Heimweg begegnete er einem heftig monologisierenden Menschenkind. In der milden Mittagssonne schusselte der weiß schnauzige Hiesel Schneck am Pfarrer vorüber und strebte durch die Stiftshöfe gegen den Brunnenplatz. In seinem Gesicht war eine Mischung gegensätzlicher Seelenstimmungen. Man konnte da ebenso gut auf fuchsteufelswilde Himmelhundslaune, wie auf freudenreiche Befriedigung raten. Die letztere schien im Hiesel das Übergewicht zu gewinnen, als er beim Marktbrunnen sein Schneckenweibl daherzappeln sah, so festtäglich aufgeputzt wir ihr Schneck. Hätte jedes von den beiden noch einen Rosmarinstrauß an der Brust gehabt, so hätte man sie für ein goldenes Hochzeitspaar halten können. "So," sagte die Schneckin, "jetzt haben wir's!" Dabei war auch an ihr das gleiche, seltsame Durch einander von Kummer und Glück zu gewahren. Sie tat einen steinschweren Atemzug und wiederholte lächelnd: "Jetzt haben wir's!"

"Und wie!" Der Hiesel legte den Arm um das alte Weibl und tuschelte zärtlich, ohne den winzigsten Himmelsköter. "Jetzt ist alles wieder in der schönsten Ordnung!"

Der Schneckin brannte ein mädchenhaftes Erglühen über das Runzelgesicht. Verwundert guckte sie am Hiesel hinauf und flötete: "Jesus, wer hat's Dir denn schon wieder verraten?"

"Was?"

"Dass ich mich Dir z'lieb wieder einschreiben hab lassen als evangelikanische Exulantin."

Der Hiesel Schneck, dem der himmelwärts strebende Schnauzer sonderbar zu zittern anfing, hob zuerst sprachlos die geballten Fäuste gegen das Frühlingsblau hinauf und verzog das schmerzhafte Maul bis zu den Ohren. Dann fuhr ihm aus der verzweifleten Seele eine lang schwänzige Höllementskreatur heraus. Diesem Fluchgeprassel folgte die weinerliche Klage: "Du Narrenkapp ohne Bändel! Du Feiertagsschmarren ohne Schmalz! Du alte Fuierbüx ohne Zündloch! Hast Du denn um Gottswillen nit ein bissl Verstand unterm Kuferdeckel!" Weil die Schneckin bitterlich zu heulen anfing, wurde der Hiesel etwas sanfter. "Weibl, so geht's nit! So kommen wir kruzi -" Kummervoll erwischte er den Himmelhund, der aus ihm herausfahren wollte, beim Schwanz und verschluckte ihn wieder. "Verstehst Du denn nit? So was von Füreiligkeit! Du bei die Evangelikanischen drent! Und ich seit halber Zwölfe wieder der beste Katholik! Wir zwei, wir bleiben doch allweil grabenweit auseinander, wenn sich nit eins mit der Gottsfreudigkeit ein bissl zruckhalten kann. Verstehst?"

Die Schneckin hatte verstanden. Drum flossen ihre Tränen so reichlich, dass dem Hiesel das Erbarmen in die wirblige Seele tröpfelte. "Geh, deswegen musst Du nit so grausam röhren! Es gibt auf der Welt kein Narrenstückl, das man nit wieder aufpolieren könnt."

Mit nassen Augen guckte sie hinauf zu seinem zitternden Schnauzer. "Meinst, ich soll mich gleich wieder ausstreichen lassen?"

"Ausstreichen? Was? Du Ross ohne Schweiß! Da müsst sich der Kommissar was Nobels denken von Dir. Der tät doch sagen: Dub ist ja wie 's Wetterweibl um Ostern, bald drin im Häsul, bald wieder draußen. Ah na! So soll mir keiner nit reden von meiner Schneckin. Verstehst? Ich bring die Sach schon wieder auf gleich. Der Hiesel kann's machen, wie er mag. Da lachen die kommissarischen Schöpsnasen und sagen hatl wieder auf französisch: Tätewoh! Meintwegen! Ein Buckel, wie der Schneckische, vertragt's."

Den Hut lüftend, als wäre ihm schwül geworden unter dem struppigen Haardach, surrte der Hiesel Schneck, eine Perlenkette neuartig gelöckelte Himmelhunde drechselnd, hinüber zur Kommissariatskanzlei. Die Schneckin konnte nur neun Vaterunser beten, da war der Hiesel schonw ieder da. "So, Weibl! Jetzt hat der Schmarren wieder sein Schmalz. Jetzt soll's auf der Welt kein' bessern Evangelikaner nimmer geben, als wie der Hiesel Schneck einer ist. Verstehst?" Trotz aller Ruhe, mit der sich der Hiesel aufspielte, schien doch ein böses Gewissenswürmchen an seiner Seele zu nagen. Jäghlings erblassend zog er sein Weibl mit sich fort, so flink, dass die Schneckin das Aussehen einer schiefen Zappelfigur bekam. Und das geschah aus keinem anderen Grund, als weil der Hiesel Schneck den heiter gestimmten Landrichter in amtlicher Begleitung aus dem schattigen Stiftstor heraustreten sah in die Sonne.

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