Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das große Jagen
           Titel
           Kapitel 1
           Kapitel 2
           Kapitel 3
           Kapitel 4
           Kapitel 5
           Kapitel 6
           Kapitel 7
           Kapitel 8
           Kapitel 9
           Kapitel 10
           Kapitel 11
           Kapitel 12
           Kapitel 13
           Kapitel 14
           Kapitel 15
           Kapitel 16
           Kapitel 17
           Kapitel 18
           Kapitel 19
           Kapitel 20
           Kapitel 21
           Kapitel 22
           Kapitel 23
           Kapitel 24
           Kapitel 25
           Kapitel 26
           Kapitel 27
           Kapitel 28
           Kapitel 29
           Kapitel 30
           Kapitel 31
           Kapitel 32

Kapitel 26

Vor dem Leuthaus zu Berchtesgaden war eine Ehrenwache aufgezogen. Die drei Gesandtenzimmer waren in Bereitschaft gesetzt, im Salon war zum Imbiss gedeckt, die Betten hatte man mit Pariser Essenzen parfümiert, und ein Lakai vom persönlichen Dienst Seiner Liebden überwachte alle Vorbereitungen. Weil es trotz der heftig duftenden Blumenwässer in den lange nicht mehr benützten Zimmern noch immer sehr merklich muffelte, Hatte man zur Lüftung alle Fenster aufgerissen. Freundlich schimmerte die Frühlingssonne des milden Nachmittags auf den Gesimsen, und durch die offenen Fenster quoll ein gedämpftes Stimmengesumm. Der ganze Hof des Leuthauses - ausgenommen eine von den Polizeisoldaten freigehaltene Gase -war angefüllt mit einer gestauten Menschenmenge. Immer hörte man die kanzleideutschen Befehle Muckenfüßls, der überaus aufgeregt war und ungeachtet des ihm innewohnenden Begriffsvermögens in eine Eigenschaft des Hiesel Schneck verfiel: Er verstand etwas nicht. Seit Wochen war es zu Berchtesgaden eine Rarität gewesen, wenn man ein Mannsbild auf der Gasse sah. Nun plötzlich wimmelte es von Männern und Burschen. Muckenfüßl erkannte die meisten von ihnen als Inskribierte. "Die Sach ist perplexierend!", sagte er zum Kommandanten der Ehrenwache. "Wir von der Polizei, wir haben doch in loco hujus nit ausgeratscht, wer da von Reichenhall her adveniert? Und doch muss jeder evangelische Floh schon einen Schmeck davon haben! Dem landsverrätrischen Gesindel sticht die Freud wie Schneckenhörndln per oculos heraus!" Diese Muckenfüßl'sche Beobachtung war kein Irrtum. Den paarhundert Männern und Burschen, die sich außerhalb des Polizeispaliers mit entblößten Köpfen Schulter an Schulter drängten, glänzte in den abgezehrten Gesichtern der Hoffnungstrost, den sie in der Morgendämmerung heimgetragen hatten vom Toten Mann.

Als die Herren geritten kamen, ließ sich kein Zuruf und kein Gruß vernehmen; außer dem Pferdegetrappel und dem Gewehrklappern der salutierenden Musketiere kaum ein Laut. Jene, die nur aus Neugier zusammengelaufen waren, guckten stumm, und die anderen, die das Erlösungsfeuer der Neumondnacht gesehen hatten, grüßten nur mit einem Augenleuchten, mit einem lächelnden Aufatmen. In der Stille, die den Empfang der fremden Herren umringte, gab es and er Ecke des Leuthauses plötzlich ein Gedräng. Ein aufgeregtes Mädel wollte sich aus dem Gewühl herausarbeiten und bettelte immer: "Lasst mich doch hinaus, ich muss zum Meister heim!" Es war die Sus. Sie kämpfte mit Ellenbogen und Fäusten. Als sie sich endlich freien Weg erstritten hatte, rannte sie, dass ihr Rock wie eine Fahne flatterte. Vor der Haustür presste sie die Fäuste auf die Brust, als möchte sie gewaltsam still machen, was in ihr hämmerte. Aus der Werkstatt klangen gleichmäßige Meißelschläge, und im Gesicht der Sus verriet sich eine grübelnde Gedankenarbeit. Wie sollte sie das machen: Dass der Meister nicht herausgerissen würde aus seiner schönen Arbeit, und dass Luisa doch erfuhr, welchen hutlosen Reiter die Sus au feinem Dragonergaul hatte sitzen sehen? Ruhig trat sie in die Werkstatt des Meisters. Er hämmerte mit festen Streichen vor dem roten Wachsmodell an der lebensgroßen Holzstatue der 'heiligen Menschheit'. Neben dem Ofen saß Luisa hinter dem Spinnrad, mit gesenkten Augen. Der Meister, ohne die Arbeit zu unterbrechen, fragte: "Was ist los im Markt?"

"Zwei Fremde sind eingeritten, ein fürnehmes Mannsbild und ein junger Soldat. Die Stiftsherren haben die Gäst zum Leuthaus komplimentiert."

Der Meister hämmerte weiter. Es war ihm nicht aufgefallen, dass die Stimme der Sus anders klang wie sonst. Aber Luisa, unter raschem Handgriff nach dem Rädl, hob das Gesicht und sah die Augen der Magd in stummer Sprache auf sich gerichtet. Dann wandte sich die Sus und ging. Die Wangen überhaucht von einer fieberhaften Röte, erhob sich Luisa. "Kind?", fragte Niklaus unter den hallenden Hammerschlägen. "Wohin?"

"Ich muss die Sus was fragen."

Seit Wochen war es der Meister so gewöhnt, dass Luisa immer bei ihm blieb, wenn er arbeitete. Es fehlte ihm was, sobald er das Spinnrad nicht schnurren hörte. "Kommst Du wieder?"

"Gleich, Vater!" Draußen im Flur fand Luisa die Magd, die schon wartete. "Sus?" Das war keine Stimme, nur ein Hauch. "Was Ungutes?"

Sus fasste die Haustochter bei der Hand, zog sie in die Küche, schlang den Arm um ihre Schultern und flüsterte: "Mit den Herren ist der Leupolt eingeritten."

Ein Erblassen rann über Luisas Stirn: "Gefangen?"

"Frei und wie von den Herren einer ist er auf gesatteltem Gaul gesessen. Das tät nit sein können, wenn ihn der Fürst nit begnadigt hätt."

Luisa stand mit geschlossenen Augen. "Begnadigt?"

"Er wird halt reumütig geworden sein, Eurem Glück zulieb!" Ein heißes Drängen kam in die Stimme der Sus. "Kindl, jetzt sei gescheit! Ich seh doch, wie Du vor Sehnsucht schier versterben musst. Denk nit an Höll oder Himmel, denk an Dein Glück! Unter allem Heiligen ist Glück und Freud das Heiligste in der Menschenseel."

Noch immer zitterte Luisa in der Erschütterung, von der sie befallen war. "Begnadigt? Das muss man der Mutter Agnes zu wissen tun." Sie riss sich aus den Armen der Sus und sprang zur Haustür hinaus, ohne Hut und Tuch, in dem ziegelfarbenen Hauskleid, angetan mit der grünen Spinnschürze. Wie wunderlich die Leute auf der Gasse sie ansahen, das merkte sie nicht. Vor dem Leuthaus war, so gierig auch Luisas Augen suchten, kein gesattelter Gaul und kein begnadigter Reiter zu gewahren, nur die Schildwach vor der Tür und ein Schwarm von Burschen, die in freudiger Erregung mit einander flüsterten. Wussten die es auch schon, dass der Leupolt begnadigt war? Und zwei Herren kamen feierlich zum Leuthaus gegangen, festlich gekleidet und frisch gepudert, der Stiftsdekan mit dem abgemagerten, gichtisch knaxenden Kanzler von Grusdorf. Beriefen die beiden den Leupolt zum Fürsten? Und die leere Sänfte, die ihr in der Marktgasse begegnete, voraus zwei Läufer, auf deren blauen Seidenkappen die Straußenfendern so zufriedene Bewegungen machten? Holte die Sänfte den Leupolt? Zum Vergelt für die ungerechten Leiden? In Luisa wurde alles zu einem Märchen, zu einem Kindertraum, und war doch nichts anderes als der glühende, Sinn verwirrende Blutschauer eines liebenden Weibes. Sie war so ganz in das Glück dieser Stunde verloren, dass sie eine Frau nicht erkannte, an der sie doch sonst nicht blind vorüberging. Hatte dieser gnadenreiche Tag alle Menschen so verdreht gemacht, wie Luisa war? Auch Mutter Jesunder zappelte an dem Mädchen vorbei, als hätten ihre Augen das Sehen verlernt. Was aus dem verstörten Runzelgesicht der Frau Apollonia herausblinkerte, war keine Gnadenfreude. Sie machte in ihrer Sorge um den leidenden Sohn einen Weg, den sie in ihrem Leben noch nie gegangen war.

Die rätselvolle Seelenkrankheit, an welcher Jesunder litt, hatte sich in der vergangenen Nacht zu einer schrecklichen Traumkrise ausgewachsen. Die auf ewig verdammte Marta Haynacherin war ihm erschienen als grauenhafte Feuergestalt, war an sein weißes Bett getreten und hatte in fehlerfreiem Latein zu ihm gesprochen: "Gib mir meine Kinder wieder, das schwarze und das weiße!" Unter kaltem Angstschweiß hatte er geantwortet, ebenfalls im besten, ciceronischen Idiom: "Ich habe sie nicht, ich möchte doch selber wissen, wo sie sind." Und die entsetzliche, unerbittliche Haynacherin: "Du hast sie, gib sie mir wieder! Ich weiß, Du verschlucktest sie, wie ein Wolf das schwarze und weiße Lämmlein!" Etwas Ähnliches hatte er selbst schon in Augenblicken geistiger Verwirrung höchst unmedizinisch vermutet, wenn er auch angenommen hatte, dass das unzertrennliche Pärchen nur in seinen Gehirnwindungen eingekapselt wäre, nicht in seinem Unterleib. Verzweifelt schrie er, mit einer Stimme, die nicht traumhaft blieb, sondern so laut wurde, dass man sie vernehmen konnte im ganzen Haus: "So nimm sie Dir, schneide sie mir aus dem Bauch ehraus, ich muss es dulden in christlicher Ergebung!" Das war der Moment gewesen, in dem die Mutter Jesunder ungemein real, mit weißer Nachthaube und rotem Unterrock bekleidet, in den mystischen Traumvorgang herein gesprungen war. Zitternd und unter Tränen hatte der wach gewordene Sohn am Hals der Mutter gehangen und jedes Bekenntnis verweigert. Erst im Verlauf des Vormittages, noch immer in den schwülen Wöchnerkissen liegend, hatte er soviel Tapferkeit gefunden, um seiner kummervollen Mutter den lateinischen Traum ins Deutsche zu übersetzen. Frau Jesunder rannte im ersten Schreck zum Bader. Der scheuerte sich ratlos hinter den Ohren. Sie lief zum Stiftsphysikus. Der lachte in einer Anwandlung von Gemütsrohheit, sprach von vaporibus obstinatis und empfahl die schattenseitige Applizierung von lauwarmer Sole, sanft gemildert durch Olivenöl. Unmöglich! Wie hätte sich Mutter Jesunder ihrem hochwürdigsten Herrn Sohn gegenüber zur Anwendung solch einer unpriesterlichen Maßregel entschließen können? Und da wusste sie schließlich in ihrer Verzweiflung keine andere Hilfemehr, nur diesen von ihr noch nie betretenen, mit den glühenden Steinen christlicher Vorwürfe gepflasterten Weg: Zum getauften Juden Simeon Lewitter.

Als sie scheu in das enge Gässelchen hineinsurrte, erreichte Luisa in entgegen gesetzter Richtung das schattige Häuergewinkel hinter der nördlichen Stiftsmauer. Vor der Hintertür von Pfarrer Ludwigs Wohnung stockte für einen Augenblick ihr jagender Fuß. Einen Rat holen? Dieser Gedanke, kaum geboren, war schon wieder verworfen. Das zitternde Jubelklingen in ihrem Herzen? War das nicht von allen Ratgebern der verlässlichste? Weiter mit wehendem Rock und fliegender Schürze! Auf der Schwelle des Mälzmeisterhauses ein Stoßgebet und ohne Besinnen hinein in die Stube. Wie freundlich diese schmucke, schimmerblanke Stube war! Hinter dem weiß gescheuerten Tisch, im sonnigen Herrgottswinkel, saß Mutter Agnes und schneiderte. Die große Schere fiel ihr klappernd aus der Hand.

"Mutter!" War das der Hilfeschrei einer versinkenden Menschenseele oder der scheue, atemlose Jauchzer eines auferstandenen Herzens? "Mutter! Mutter! Unser Leupi ist da!" Bevor Frau Agnes noch herauskam aus der Bank, hing Luisa schon an ihren Hals geklammert. Eine Weile hielten sich die beiden schweigend umschlungen, und man hörte in dieser Stille das scharfe Tacken einer großen Pendeluhr. Das klang wie eine stählerne Mahnung der unerbittlich schwindenden Zeit und sagte immer die gleiche, befehlende Silbe: "Tu's! - Tu's! - Tu's! -" Die Mälzmeisterin fand zwischen Weinen und Lachen zuerst die Sprache. "So red doch, Kind! Um Christi Barmherzigkeit! Wo ist denn mein Bub?"

"Mit den Herren ist er eingeritten im Leuthaus. Und ist begnadigt vom gütigen Fürsten."

Aller Aufruhr in Mutter Agnes beschwichtigte sich. "Siehst Du, Kind! Hab ich's nit allweil gesagt!" Lächelnd hob sie die nassen Augen zu dem mit Palmzweigen geschmückten Kreuz im Herrgottswinkel. "Auf den da droben ist Verlass! Tät der ganze Weltkäfig ein schecketes Narrenhaus werden, beim Ewigen bleibt allweil der glashelle Verstand daheim." Sie fühlte, wie der schlanke Mädchenkörper in ihren Armen bebte. "Komm, liebes Kind! Tu Dich hersetzen zu mir! Und sag, wo hast Du denn unseren Buben gesehen? Beim Leuthaus drüben? Da ist er doch nimmer weit von uns? Da muss er doch kommen? Bald!" Nun fuhr der Mälzmeisterin eine Hausfrauensorge durch das Mutterglück. "O Du heiliger Schnee, jetzt kommt der Bub, und sein Stübl ist nit parat! Ist noch allweil, wie's gewesen ist nach dem roten Tag. Das müssen wir richten. Komm, Kindl, und hilf! Wir zwei, wir betten unseren Buben, dass er in seinem Nest ein Träumen haben soll wie ein Schwalbenmänndl im Mai!" Sie lachte aus fröhlichem Herzen. "Ach, Mädel, da brauchst Du nit so sorgenvoll dreingucken! Er tut's nit allein. Da kannst Du Dich verlassen drauf. Aber flink, Weible, jetzt müssen wir schaffen!"

Schlüssel klapperten, Schubladen quiksten, Kastentüren flogen auf zu. Und immer dieses glückliche Stammeln und Schwatzen. Es blieb aber doch in aller lachenden Freude noch immer ein leiser Sorgenklang. Leupolt? Als ein Reumütiger heimkehrend zum fürstpröpstlichen Glauben? Luisa konnte das hoffen, Mutter Agnes nicht. Während sie schaffte und die Kissen schüttelte, wurde jedes Wort in ihr lebendig, das ihr Sohn im Jägerkobel zu Bartholomä und da draußen im Buchenwald beim haus des Hiesel Schneck zu ihr gesprochen hatte. Die Sonne macht Tag um Tag ihren Wandel durch, geht unter und morgen wieder auf. Der Leupi färbelt nicht. Der bleibt, wie er war. Aber gekommen ist er doch! Ist frei! Und da muss er doch auch begnadigt sein! Das freudige Wunder ist geschehen. Wie? Der Herrgott wird's wissen. Es ist von aller unnötigen Arbeit die dümmste: Dass sich die verdrehten Menschen bei ihrem Seelengezappel allweil den Kopf des Ewigen zerbrechen. Wie's Gott macht, ist es wohlgetan. Allweil! Und um so größer und schöner sind seine treuen sie begreift. Als Mutter Agnes zu diesem Schlussgedanken kam, wurde ihr Lachen so frei, dass auch Luisa immer frohe rund gläubiger wurde. In Leupis kleinem Stübl lagen die Kissen frisch bezogen auf dem weißen Bett. Da fragte Luisa mit glühendem Gesicht: "Meinst du nit, man tät ein paar Blümlen finden?"

"Freilich, liebs Weibel, spring nur! Draußen im Gärtl, wo viel Sonn gewesen, da blüht schon was!" Während Luisa durch die Küche davonhuschte, sprang die Mälzmeisterin in die Wohnstube hinüber, um Weihwasser zu holen und die Kammer ihres heimkehrenden Buben zu segnen. Schon hob sie die Hände, um das zinnerne Kesselchen vom Türpfosten herunterzunehmen. Da sanken ihr die Arme wieder. "Er tät's nit haben wollen. So darf ich's nit tun." Den Kopf beugend, presste sie das Gesicht in die Hände. Ein Schatten glitt über das sonnige Fenster, und auf der Pflasterung vor der Haustür klang ein fester Schritt. Den kannte Mutter Agnes, wie die Sterne ihren Weg am Himmel kennen; aber das freudige Erschrecken fuhr ihr so lähmend in alle Glieder, dass sie nicht von der Stelle kam. War's eine Ewigkeit, war's eine Sekunde - Leupolt stand schon auf der Stubenschwelle, mit dem frohen Lachen eines Glücklichen, brauchte keinen Hut herunterzunehmen, weil er keinen hatte, riss die Mutter an sich und hielt sie umschlungen. Erst weinte sich Frau Agnes an seiner Schulter tüchtig aus, um die Unsicherheit ihres Glückes loszuwerden. Immer streichelte Leupolt ihr grau gewordenes Haar, bis sie ruhiger wurde und fragen konnte: "Darfst Du jetzt bleiben? Daheim?"

"Den Abend und die Nacht. Ja, Mutter! Morgen muss ich bei meinem neuen Herrn zum Dienst antreten."

"Bei -" Die Sprache versagte ihr. "Dein neuer Herr? Wer ist das?"

"Der starke Helfer in unserer Not. Ach, Mutter, wie schön ist das Leben, wenn es Trost und Hoffnung hat und einen graden, sauberen Weg."

Sie wollte was sagen, musste aber immer ihren Buben ansehen. So aufrecht, mit so festem Gesicht und so leuchtenden Augen hatte sie ihn noch nie gesehen. War das an ihres lieben Herrgotts schwerbegreiflichem Wunder das Beste? Oder wusste der Leupi schon, dass sein Luisli im Haus war? Jesus, das Luisli! Auf das kleine Weibl, das um die Blumen gelaufen war, hatte die Mälzmeisterin ganz vergessen. Und da klingelte draußen im Hausflur schon das winzige Schuhwerk über die Dielen. "Bub, da ist wer!", stammelte Frau Agnes. "Tu Dich gedulden einen Schnaufer lang!" Sie glitt aus der Stube, zog die Türe hinter sich zu und haschte auf der Kammerschwelle das Mädel. Zwischen den Händen heilt Luisa einen rund und hübsch gebundenen Strauß von roten Aurikeln, der aussah wie ein großer reifer Apfel mit festem Stiel. Dieser Vergleich musste der Mälzmeisterin eingefallen sein, weil sie sagte: "Komm, Du Everl Du liebs, Deine paradisischen Blümlen sollen gleich an das Plätzl kommen, für das der gescheite Herrgott sie erschaffen hat." Zärtlich schob sie das Mädel in die Stube, klinkte hurtig die Türe wieder zu und flüsterte in einer wirbligen Mischung von Glück und Trauer: "Finden und hergeben! Zwei Wörtlen! Und alles ist gesagt, was Freud einer Mutter heißt." Von der mütterlichen Klugheit sprach sie nicht, handelte aber doch nach ihrem Gebot, drehte leis im Schloss der Stubentüre den Schlüssel um, zog ihn ab und schob ihn in die Schürzentasche. "So!" Jetzt sollten ihr die beiden nimmer aus der Stube kommen, bevor sie nicht eins miteinander wären. Draußen im offenen Buchenwald an der bayrischen grenze, wo die Welt wohl einen Schlagbaum hat und doch nicht vernagelt ist mit Brettern, da konnten zwei verrückte Menschenkinder rennen, Gott weiß wohin. Zwischen vier festen Mauern mussten sie aushalten, bis der gefrorene Verstand ihnen ausschlug zu verheißungsvollen Frühlingsknospen.

Diese menschliche Logik war so fehlerlos, wie das Traumlatein des Chorkaplans Jesunder. Dennoch hatte sie einen Haken. Vorerst, als die Mälzmeisterin an der Türe lauschte, schien tiefster Friede in der Stube zu herrschen. Man konnte nur hören, wie die alte Pendeluhr das mahnende Knack und Tack der schmelzenden Zeit verkündete. Da war es für Mutter Agnes eine ausgemachte Sache: Die zwei jungen Leut mit ihren brennenden Herzen hatten kürzeren Prozess gemacht, als ihn der Landrichter Halbundhalb mit Tinte, Streusandbüchse und zahllosen Überflüssigkeiten zu machen pflegte, hatten sich herzhaft um den Hals genommen und hingen Schnabel an Schnabel.

So war es nicht. Es war viel schöner. Luisa stand mit dem Rücken gegen die heimtückisch verschlossene Tür gelehnt, ohne zu ahnen, welche Gewalttätigkeit sich da vollzogen hatte, heilt den runden Apfel der roten Aurikeln zwischen den fiebernden Händen und sah in Glut, mit Bangen und doch in sehnsüchtigem Hoffen zu diesem stummen, prachtvollen Menschen hinauf, den die Staubwolken der Reichenhaller Straße bis über die Hüften so weiß überpulvert hatten, als hätte er durch eine Mehlkiste springen müssen. Er stand ein paar Schritte vor ihr, sah sie immer an und konnte nicht reden, konnte nur lächeln in seiner Freude. Neben Gott und Ehre war sie ihm stets das Schönste des Lebens gewesen; aber so reizvoll wie in dieser Stunde hatte er sie noch nie gesehen, auch nicht im Hallturmer Buchenwald; da drauß0en war die Pflicht zwischen ihr und ihm gestanden; jetzt stand das Glück bei ihnen und übergoss für ihn die Geliebte mit einem Zauber ohne gleichen. Ihr ziegelfarbenes Hauskleid brannte wie Mohn in der Sonne, und vor der grünen Spinnschürze, an der noch viele glitzernde Fäden hingen, flackerte beim Zittern ihre Hände der rote Aurikelbuschen. Aber schöner und seiner blühten noch die Farben ihrer selbst, der rosige Bluthauch und die blassblauen Adern ihres schlanken Halses, die Glut auf ihren Wangen, die dunkle Tiefe der glänzenden Augen und der sanfte Schimmer des reichen Haars. Es war in seinem dürstenden Blick: Dass er sie gern in der ersten Freude an sich gerissen hätte, um sie nimmer zu lassen. Und die alte Pendeluhr, als wäre sie der Pfarrer Ludwig, mahnte immer: "Tu's! Tu's! Tu's!" Er überwand es. Luisa war ihm viel zu lieb und zu kostbar, als dass er sie hätte berühren mögen mit seinem verstaubten, von der Zügelschwärze beschmutzten Händen. Auch lag noch immer zwischen ihnen ein tiefer Graben, den die Leibe erst überbrücken musste; doch er fühlte, dass das Glück der gegenwärtigen Stunde diese Brücke bauen würde. "Deine Blumen, Luisli?", sagte er und deutete nur ein bisschen mit der Hand. "Sind die für mich?"

In ihrer Verwirrung schien sie nicht recht zu wissen, welche Antwort sie gab. Es war ein Wort, das den innersten Schatz ihres Herzens vor ihm entschleierte. Mit glücklichen Augen zu ihm aufblickend, sagte sie: "Für Dich ist alles."

Da nahm er die roten Blumen. "Vergeltsgott, Du Meine! Dass ich nit lüg, das weißt Du. Deine Blumen, auch wenn sie dürr geworden, sollen mir allweil das Beste sein, was der Frühling verschenken kann. Und komm! Wir wissen, was wir einander gelten. Da wollen wir alles nach Pflicht und Treu bereden." Sie musste sich am Tisch zu dem Fenster setzen, durch das die Sonne hereinglänzte. Willig tat sie, was er haben wollte. Er saß ihr gegenüber. An seinem Kittel wischte er den Staub und die Riemenschwärze von den Fingern, wölbte zärtlich die Hände um Luisas roten Blütenapfel, sah ihr in die Augen und beugte sich über die Tischplatte zu ihr hinüber. "Schau, ich frag Dich gleich mit dem ersten Wörtl: Gehst Du mit mir?"

Sie erschrak, dass ihr Gesicht sich veränderte. Dennoch war es nicht mehr der gleiche verstörende Schreck, wie draußen im Hallturmer Buchenwald. Was aus ihren erloschenen Worten herauszitterte, war mehr Sorge als Angst: "Ach, Jesus! Gehst Du denn wirklich?"

"Ja, Luisli! Von morgen den fünften Tag. Ich führ den ersten Zug. Das sind die Ärmsten. Die führ ich. Unser Weg geht über Reichenhall, über Ingolstadt, Bayreuth und Wittenberg hinunter ins Brandenburgische und auf Ostpreußen zu."

Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut heraus.

Leupolt sah, dass ihre Augen sich mit Tränen füllten. Die roten Blumen an seinen weißnarbigen Hals pressend, beugte er sich noch näher zu ihr hin und flüsterte aus aller Glut seines Herzens: "Gehst Du mit mir? Ich mein', Dein guter Vater tät uns das Glück nit wehren. Dich hat er lieb. Kann sein, dass er hinzieht, wo wir hausen werden. Sorg musst Du nit haben. Ich krieg einen Herrn, der mir gütig ist. Von Vater und Mutter hab ich ein bissl was, versteh mich auf mein Sach und bin ein richtiger Schaffer. Verschwören kann es der Redlichste nit, was kommt. Aber ich trau mir's zu, dass ich Dir und mir ein Glück bau, fest fürs Leben wie eine eiserne Mauer. - Luisli? Kommst Du mit?"

Sie wehrte mit schwachen Händen und klagte: "Es geht nit, geht nit, Leupi! Alles in mir ist Dein. Und schelten kann ich es nimmer, dass Du da drüben bist. Aber hinüber zu Dir?" Den Mut, ihn anzusehen, hatte sie nicht. Sie sprach ins Leere hinaus. "Das wär' wider Gott und die Seligkeit. Ich kann nit verlassen, was mir heilig und ewig ist."

"Das müsst nit sein. Deswegen könnten wir allweil in Treu und Glück miteinander leben. Müsst Du nit schelten, was ich glaub, so will ich allweil in Ehren halten, was Dir heilig ist. Geh, schau mir doch ein bissl in die Augen, Liebe! Ich tät mich viel leichter reden." Er legte seine Hand auf die ihre. "Kannst Du es tun, so gibst Du mir Leben und Glück. Musst Du es wehren, so legst Du mir das einschichtige Elend auf Leib und Seel. Verzweifeln wird ich nit müssen. Bloß allweil dürsten nach Dir. Und im Dürsten muss ich mich aufstecken, geh meinen graden Weg und tu meine Pflicht als Mensch und Christ. Ich kann nit anders. - Luisli!" Hoffender Jubel klang aus diesem Namen. Er sah, wie ihre heißen Augen sich ihm zuwandten und wie sie hingen an ihm. Und sah, wie alles Wirre und Hilflose in ihrem lieben Gesicht sich zu mildern und zu lösen begann. "Luisli? Meinst Du nit, wir zwei, die uns so lieb gewonnen, könnten für Tausend, die an der gleichen Irrnis leiden, ein gutes Fürbild sein? Dass man nit hadern und streiten muss um Himmel und Herrgott? Und dass man als deutsche Leut in Glück und Fried miteinander hausen könnt? Herrgott bei Herrgott, Glauben bei Glauben und Herz neben Herz."

Zitternd fasste sie ihren Kopf mit den Händen, schüttelte immer das stumme Nein und konnte doch mit ihrem Blick seine Augen nimmer lassen. Ein Schwimmen und Gleiten kam ihr in die Sinne, ein Brausen und Klingen war in ihren Ohren, in ihrem Blut. Sie verstand seine Worte nimmer, hörte und fühlte nur die Zärtlichkeit und die zwingende Macht seiner Stimme. Alle Sehnsuchtsbilder schlafloser Nächte wurden wach in ihr. Was so rein und freudig in ihrem Herzen zu glühen begann? Konnte das Sünde sein? Dürfte das in ihr lebendig werden, wenn nicht Gott es in ihre Seele gegeben hätte, wie er den Aurikelblüten das leuchtende Blut, dem Himmel das keusche Blau und der Sonne die linde Frühlingswärme gab? Dieser Glaube wuchs ihr fest in die Seele, immer ruhiger und froher wurde sie, und je länger und tiefer sie in Leupolts glänzende Augen sah, um so heiß erfühlte sie, dass sie das grausame Nein nimmer sagen konnte.

Bei aller Redlichkeit war Leupolt doch auch ein guter, flink schauender Jäger. Gleich merkte er den erlösenden Umschwung, der sich in Luisa vollzog, huschte mit glückseligem Auflachen zu ihr hinüber, saß an ihrer Seite, legte den arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Sie wehrte sich nimmer, drängte sich aufatmend an seine Brust und schmiegte unter frohem Lächeln die Wange an seinen Hals. Er neigte in seiner brennenden Freude schon das Gesicht, um sie zu küssen. Und immer sagte die Uhr an der Mauer: "Tu's! Tu's! Tu's!" Aber der alte Räderkasten kannte den junge Leupolt nicht. Der war zu gewissenhaft. Dem hatte die Neumondnacht ein eisernes Wort ins Leben gegossen: Pflicht! "Schau, Luisli," sagte er an ihrem Ohr, "ich spür doch, wie sich alles in Dir zum Guten wendet. Nehmen darf ich Dich nit, Du musst Dich geben, frei und unberedet! Luisli? Gehst Du mit mir?"

Schon wollte sie nicken, schon hob sie die Arme zu seinem Hals. Da fiel ihr plötzlich etwas Steinernes in das erblassende Gesicht. Und erschrocken starrten ihre erweiterten Augen auf eine schreckliche Sache - auf diese unerbittliche Uhr an der weißen Mauer. So freundlich klang ihre tackende Stimme und war doch ein höhnender Mord an dem blühenden Glück dieser Stunde. Nicht wie der hilfreiche Pfarrer Ludwig war diese Uhr. Sie war wie der Chorkaplan Jesunder, der eine gläubige Seele bei schönem Orgelrauschen hinaus gestoßen hatte aus dem Gotteshaus.

Ein altes Meisterstück. Geschaffen von einem grüblerischen Handwerker, dem Gedanken unter dem Haardach wuchsen. Der hatte sich gesagt: "Die laufende Zeit ist Gottes Kind, der sein Geschöpf bewacht in jeder Sekunde und die schwachen Menschen mit jedem Pendelschlag vor dem Bösen warnt und sie ermahnt zum Guten." Aus solchem Gedanken hatte der geschickte Mann diese verhängnisvolle Uhr geschaffen. Ein silbernes Zifferblatt mit geschnörkelten Zeigern. Über dem Kreis der Stundenzahlen wachte das Auge Gottes, nicht gemalt, sondern plastisch und lebendig. Inmitten eines von Flammen umloderten Dreiecks funkelte das dunkle Auge mit weißen Winkeln. Durch einen unsichtbaren Mechanismus - wie die ewige Vorsehung unter Schleiern waltet - war das ruhelose Auge mit dem Pendelgang verbunden. Tackte der Pendel hin und her, so glitt das wachende Auge her und hin. Sah es nach rechts, so war es freundlich, und seitwärts aus dem Uhrgehäuse hob sich mit winkendem Palmzweig ein weiß beschwingter Engel hervor. Sah es nach links, so war es zornig, und ein schwarz geflügelter Teufel fischte mit dem Höllenzagel nach einer ewig verdammten Seele.

Leupolt, ungeduldig auf eine Antwort harrend, fragte in Herzlichkeit: "Luisli? Gehst Du mit mir?"

Das Weiße des gleitenden Auges flimmerte zornig nach links und der Höllische kicherte boshaft: "Tu's!"

Wie eine Fiebernde stammelte Luisa: "Ich kann's nit sagen. Das muss ich erst mit Gott bereden in der Kirch."

Freundlich glänzte das dunkle Auge nach rechts, und der unschuldweiße Engel mahnte: "Tu's!"

"Mein alles bist Du! Mein Glück und Leben! Du kannst mich doch nit verlassen? Schau mir doch in die Augen! Nimm mich um den Hals! Gelt ja, Du bleibst die Meine?"

Bevor der huschende Warnerblick das Weiße schrecklich nach links hin drehen und der ewige Widersacher alles Menschenglückes die scheinheilige Verführungssilbe schmunzeln konnte, riss sich Luisa mit erloschenem Schrei aus Leupolts Armen, kämpfte sich aus der Bank heraus, deutete verstört auf das Auge Gottes und presste zitternd das Gesicht in die Hände. Die Uhr an der Mauer sagte: "Tu's!" Und Luisa wusste nimmer, ob da der Engel oder der Höllische geredet hatte. Wie eine Irrsinnige sprang sie zur Tür hinüber, fand sie verschlossen und wurde von einem grauenvollen Entsetzen befallen. Als Leupolt, bleich und bestürzt, dem Mädel nach gesprungen kam, stieß ihn Luisa mit den Fäusten von sich, tastete nach der Klinke, riss und rüttelte an der Tür und fing zu schreien an wie ein angstvolles Kind in den Gichtern. Mit Leupolts stammelnden Worten mischte sich draußen im Flur das erschrockene Klagen der Mutter Agnes. Der Schlüssel klapperte im Schloss, die Tür sprang auf, und Luisa jagte an der ratlosen Mälzmeisterin vorüber, durch den Flur, hinaus in die Sonne.

"Bub? Herr Jesus, was ist denn da?"

"Ich weiß nit, Mutter, was da geschehen ist. Weiß nur, mein Glück und Leben und alles ist in Scherben!"

Diesen von Gram zerdrückten Schrei konnte Luisa noch hören. Ein verständiges Besinnen schien sie zu überkommen, weil sie die fürchterliche Uhr nimmer sah. Aber da klang das verführerische Teufelskichern, so nah, als wär' es versteckt in ihren Zöpfen: "Tu's!" Die Hände über die Ohren pressend, huschte sie in ihrem ziegelroten Kleid wie eine wehende Flamme hinüber zum Stiftshof und dem Tor der Kirche zu.

Das war gerade der Augenblick, in welchem Simeon Lewitter, nach gründlicher Untersuchung der Ciceronischen Traumzustände des Chorkaplans Jesunder, sehr nachdenklich heraustrat aus der Pfarrei. Er sah das Mädel vorüberflattern und in der Kirche verschwinden. "Was ist nur da schon wieder? Mir scheint, die ganze Welt hat scheckige Zwillingskinder im Gehirn." Seufzend täppelte er seiner heiligen Kinderstube zu, kehrte wieder um, spähte zu den Fenstern seines langen Freundes Ludwig hinauf und trat nach einigem Zögern in das Gerichtsgebäude.

Die vier überflüssigen Buchstaben waren sehr beschäftigt und verzogen sich zu einer misstrauischen Grimasse, als Lewitter schüchtern sagte: "Ich hätt ein Wörtl zu reden. Unter vier Augen." Er musste noch beifügen, dass es sich um Leben und Verstand eines wackeren Mannes handle, ehe Doktor Halbundhalb sich entschließen konnte, seien Gehirnlatwerge vom Formaljustiziarischen loszureißen, den Schreiber aus der Stube zu schicken und sich einzulassen auf eine sekrete Konversation.

"Also?"

Lewitter fasste sich kurz: Seit dem Verschwinden des haynacherschen Zwillingspärchens aus der Armeseelenkammer wäre der Chorkaplan von Wahnvorstellungen befallen, die seinen Verstand bedrohen. Jetzt bilde er sich ein -

"Mir schon bekannt!", unterbrach der Allwissende unter der mehligen Rosshaarperücke. "Zuerst die sinnlose Annahme, dass Pfarrer Ludwig der Schuldige wäre - eine Hypothese, die sich bei aller Plausibilität als verfehlt in nuce erwies - und nun dieser neue beklagenswerte Wahn! Der Mann erbarmt mich. Hoffentlich findet Ihr ein rettendes Remedium?"

"Es gibt nur ein einziges. Man muss dem Jesunder über den Verbleib des Pärleins die Wahrheit mitteilen."

"Ausgeschlossen!", sagte der Landrichter mit Energie und mit einer das Thema erledigenden Handbewegung.

Lewitter schmunzelte, kaum merklich. "Ist denn die Wahrheit Euer Gestreng bekannt?"

Der Landrichter schob den Hals der Gerechtigkeit lang aus der Krause heraus. Wie der Himmel dunstet, wenn er in unmutige Laune gerät, so senkte sich aus den weißen Lockenschnecken ein nebliger Niederschlag. "Vermutet Ihr, dass es jemals eine Wahrheit gab, die ich nicht erforschte?"

"Da dürft Ihr sie dem armen Jesunder nit vorenthalten. Seid barmherzig, Herr!"

"Unmöglich."

"Dann sitzt der leidende Chorkaplan an Pfingsten im Narrenturm. Das wird für die Regierung kein erquicklicher Fürgang sein. Und könnte traurige Folgen haben. Der Bevölkerung dürfte das wie eine offenkundige Gottesstraf erscheinen, und es wär nit undenkbar, dass es zu neuem Aufruhr kommt, der die Exulantenliste wieder um viele hundert Namen vermehrt. Was wird der Allergnädigste Herr da sagen? Und mir, Gestreng, wird es nit zu verübeln sein, dass ich mich dem Fürsten gegenüber salvieren muss, nachdem mein nützlicher Rat das verdiente Gehör nit gefunden hat."

Herr Willibald Hringghh, einem folgenschweren Dilemma gegenübergestellt und in Erinnerung der Standrede seines Allergnädigsten, begann vor Aufregung und Ratlosigkeit os heftig zu transpirieren, dass seine niedere Stirn wie übersät erschien mit zahllosen Glassplitterchen. Gerade, um seinem Allergnädigsten eine schmerzende Unerquicklichkeit zu ersparen, hatte er unter heftigen Seelenkämpfen mit seinem Amtsgewissen jede weitere Untersuchung in Sachen des an der Armenseelenkammer begangenen Raubes niedergeschlagen. Es war ihm vor Wochen ein Gerede zu Ohren gekommen. Dem hatte er mit wahrheitsschädlicher Emsigkeit nachgeforscht und hatte einen Zeugen eruiert, der unter Eid bekundete: Er wäre in der Mirakelnacht am Gottesacker vorbeigekommen und hätte deutlich gesehen, dass ein junger schlanker Mensch in einem hellfarbigen, gebänderten und gemäschelten Herrenmantel hurtig mit einer Schaufel ein Loch in den Boden grübe. Dabei hätte der Zeuge sich nur gedacht, dass wohl einer von den lustigen Domizellaren wieder einmal einen übermütigen Streich verüben möchte. Mehr wisse er nicht. Schon vierundzwanzig Stunden nach der Streubesandung dieses Protokolls wusste Willibald, der Wahrheitsforscher, wesentlich mehr und hatte den geheimnisvollen Totengräber verlässlich ausgeforscht: Den Grafen Tige. Mit justiziarischer Schlingensicherheit war nachzuweisen, dass - nicht in der zweiten, wohl aber in der ersten Kapitelnacht, es lag hier einer von jenen häufigen Irrtümern vor, wie sie einem Zeugen bei der Zeitbestimmung leicht zu widerfahren pflegen - dass der leichtsinnige und frivole Junker in jener Nacht das Bett seiner Domizellarenstube nicht berührt, nach anzunehmender Friedhofsschändung die restlichen Nachtstunden in den innersten Gemächern der allergnädigsten Aurore de Neuenstein verbracht und so den Leichenschmack gewissenlos in das Freudengärtlein des vertrauensseligen Landesfürsten transferiert hatte. Durch diesen Sachbefund war nicht nur die fleckenlose Unschuld des widersinnig verdächtigten Pfarrers zur Evidenz erwiesen. Es hatte sich auch die betrübsame Angelegenheit für die vier zu Tod erschrockenen Entbehrlichkeitslettern in eine res sacra verwandelt, vor der die Gerechtigkeit ihre Augen doppelt verbinden musste. Und drum hatte das 'getreue Justizkamel' den für die Herzensruhe des Landesfürsten gefährlichen Akt mit submisseter Ergebenheit in dem durch Riegel und Vorhangschlösser gesicherten Geheimarchiv seiner Kanzlei verschwinden lassen. Wie hätte man nun dem verrückten Jesunder, der sogar seine Träume hinausbrüllte in die Welt, solch eine delikate Wahrheit anvertrauen dürfen? "Unmöglich!" Aber diese neue Gefahr nun! Gottesstrafe, Aufruhr, Wachstum der Exulantenliste und Verderb des ganzen, bisher so glücklich geratenen Bekehrungswerkes! In dieser desperaten Lage fand der schwitzende Wahrheitsgräber keinen anderen Ausweg, als sich dem klugen Simeon Lewitter ohne Rücksicht zu eröffnen.

"Freilich," nickte Simmi unter leisem Lächeln, "das kann man dem armen Jesunder nit preisgeben!"

"Was aber soll man tun?"

"Man wird - die Wahrheit in allen Ehren - zur Rettung des beklagenswerten Mannes einen barmherzigen Schwindel ersinnen müssen."

"Glaubt Ihr damit zu reussieren?"

"Vielleicht. Wenn Euer Gestreng mir hilfreich beistehen wollen?"

"Mit Freuden!" Die weißen Perückenschnecken des Landrichters machten, weil die vier Überflüssigen einen tiefen Atemzug der Erleichterung aus sich heraus bliesen, eine sonderbare Nickbewegung. "Seid meines Dankes gewiss für alle Fälle. Und weil mir schon von getrübten Gehirnen reden - habt Ihr nicht in letzter Zeit dem Christl Haynacher Eure Beachtung als Arzt gewidmet?"

"Warum?", fragte Lewitter ernst.

"Der gute Mann scheint völlig schwachsinnig geworden zu sein. Wir sorgen uns um seinen katholischen Deszendenten. Auch Muckenfüßl ist der Meinung, dass man da einschreiten müsste. Bald."

"Euer Gestreng!" Simeons Brauen zogen sich hart zusammen. "Da muss ich auf das Eindringlichste abraten. Ich bitt Euch, lasst diesen Mann in Fried! Der Haynacher ist bei vollem Verstand -"

Eine erledigende Handbewegung unterbrach den Arzt. "Diesmal irrt Ihr Euch, mein guter Lewitter!" Und lächelnd trug Herr Willibald seinen weiß überlöckelten Unverstand zur Tür hinüber, um den beurlaubten Schreiber herbeizurufen für weiter Misshandlung der irdischen Gerechtigkeit.

Schweigend verließ Lewitter die mufflige Pfründenstube der Frau Justitia. Draußen in der Sonne sah er seinen langen Freund mit wehenden Rockflügeln herüberkommen vom Mälzmeisterhaus, ein heiteres Lachen auf dem zwinkernden Warzengesicht. "Mein gescheiter Simmi!" Lustig legte der Pfarrer seinen Arm um die Schultern Lewitters. "Jetzt rat einmal, warum von heut auf morgen ein liebes junges Menschenglück zu Berchtesgaden in Scherben gehen soll?"

Simeon fragte nur mit den Augen. Und der Pfarrer lachte: "Weil vor anno Towak ein Nürnberger Uhrmacher ein geschickter Kampl, aber ein gottslästerlicher Hornochs gewesen ist!" Der weitere Gedankenaustausch der beiden Freunde wurde gestört durch einen feierlichen Staatsakt, der sich vor ihren Augen im großen Stiftshof vollzog. Die Trommeln der Torwache rasselten, dass man an Krieg und Schlachten hätte denken mögen. Zwischen einem Spalier von präsentierenden Musketieren, denen unter dem Dreispitz bolzensteif der Zopf hervorstach, sah man hinter den Läufern it ihren baumelnden Straußenfeder eine lind geschaukelte Sänfte gleiten. Durch ihr blitzblankes Fenster gewahrte man einen würdevollen Herrn in Gold strotzender Gesandtengala und neben ihm einen kleinen, bescheiden uniformierten jungen Offizier mit neugierigem Spitzgesicht.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.