Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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         Das große Jagen
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Kapitel 23

Vor der letzten Dämmerung rasselte Hiesel Schneck durch den Bergwald hinauf, begleitet von einem Ringelspiel seiner wütenden Himmelhunde. Zeitlebens war ihm vieltausendmal die Galle übergelaufen. Aber bei so schlechtem Humor wie seit Ostern war er noch selten gewesen. Seine verzweifelte Schneckin musste unablässig heulen. Freilich, wie hätte ein 'Neuevangelikaner', gleich dem Hiesel Schneck, sich friedsam vertragen können mit so einem 'rekatholizierten Weiberleut'! Und noch viel rasender machte ihn dieses andere: Dass man in der Wildmeisterei sein mutiges Bekennertum so wenig ernst nahm! Ganz fürchterlich hatten sie über ihn gelacht, als er am Osterdienstag in der Jagdkanzlei erschienen war. Der Wildmeister hatte ihn angeböllert: "Mach, dass Du heimkommst, Du Kalbskopf, Du überzwercher! Und eh Du den evangelischen Rausch nit verschlafen hast, kommst Du mir nimmer zum Rapport!" Diese Unterschätzung seiner heiligsten Gefühle hatte dem Hiesel Schneck den evangelischen Eigensinn wie mit großen glühenden Nägeln hineingehämmert in das kleine Kindergehirn. "Jetzt grad mit Fleiß! Kreuzteufelsausen und Höllementsnot in der Sauwelt übereinand!" Er guckte zum Himmel hinauf, nicht um den Wohnort seines neuen Gottes zu suchen, sondern weil er den knurrenden Falzlaut einer streichenden Schnepfe vernommen hatte. Wie ein graues Pudelköpfl mit langen Wackelohren kam sie in der Dämmerung über die Birkenwipfel hergeschwommen. "Wart, Du!" Hiesel riss die Feuersteinflinte vom Buckel und pulverte. Die Wut über diesen Hohn erzeugte im Hiesel Schneck den langschwänzigsten aller Himmelhunde, die seinem Gemüt noch jemals entronnen waren. "Mir vergunnt hatl Mein luthrischer Herrgott kein Faserl nimmer, seit ihm die Schneckin wieder kündigt hat."

Den Kopf in die Dämmerung bohrend, fluchte er sich über den steilen Hang hinauf. Was Graues klunkerte ihm auf dem Rücken: Die zwei Paar Schneegamaschen. Und was Schwarzes klingelte vor seinem betrübten Herzen: Die neuen Bergschuhe des Leupolt und die netten Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls. Das raurisserische Schuhwerk und die Gamaschen waren für den Hiesel eine erklärliche Sache. Wozu man aber beim evangelischen Weltumsturz die Feiertagshäferln seiner Schneckin benötigte? Das verstand er nicht. Trotz allem Nachdenken kam er nicht drauf. Er hatte die Botschaft der Hasenknopfischen Tochter nur ausgeführt, weil er dunkel hoffte, dass es irgend eine Feindseligkeit gegen den wildmeisterischen Glauben wäre.

Bei Anbruch der Finsternis erreichte er die Holzerhütte. Tisch, Bänkl oder Sessel gab's da nicht. Nur eine große Stangentruhe mit Heu zur Liegerstatt, ein bisschen Geschirr und im schwarzberußten Balkenwinkel ein niederes Sitzmäuerchen um die Aschengrube. Hiesel schürte im Herdloch ein Feuer an, dass es waberte, und machte verdutzte Augen, als er das Wandkästl mit allerlei schmackhaften Dingen angeräumt fand. Da waren Speckwürste und ein Krug mit Milch, Weißbrot und geselchtes Wildpret, ein paar Dutzend Eier und frische Butter. Die Schneckische Seelenverzweiflung begann sich zu mildern. Gleich fing er zu knuspern an und hätte alles, was man für Seine Exzellenz den Gesandten des Königs von Preußen eingewirtschaftet hatte, ratzenkahl aufgefressen, wenn nicht Leupolt auf der Hüttenschwelle erschienen wäre: "Barmherziger Herrgott, Hiesel, das ist doch die Zehrung für meine Herrenleut!" Der Evangelikaner riss das Butterbrot, das er zwischen den Zähnen hatte, erschrocken aus dem Rachen und warf es ins Feuer. "Nit schlecht!" Hinter diesen zwei dunkelsinnigen Worten ließ er ein Himmelhündchen einherschwänzeln.

Auf dem letzten Hang vor der Hütte, als man den wegweisenden Feuerschein sehen konnte, war Leupolt den Herren voraus gesprungen, um ein Wort mit dem Hiesel zu reden. Er nahm den Schneck nicht gerne mit hinauf zur heiligen Fürsagung in der Neumondnacht. Aber es musste sein. Ohne Hilfe hätte Leupolt den Geheimrat nimmer über den schweren Schnee der Höhe gebracht. "Kaum, dass ich ihn herlupfen hab können bis zum Hüttl. Drunten hab ich gemeint, es fallt mir zuerst das klebere Soldätl um. Aber wie mühsamer der Weg, um so lebfrischer ist das Männdl worden. Alles freut ihn, jeden Vortl hat er flink heraus. Sein Herr, der Alte, ist ein fürnehmens Mannsbild. Aber das feine Soldätl - es muss schon wahr sein, dass die niederen Leut oft die besseren sind als wie die gottsöbersten. Jetzt gib mir die Hand her, Schneck! Tu mir versprechen, dass Du den Schnabel halten willst über die heutige Nacht. Es geht um unser Not und Erlösung, Mensch! Gelt, Du machst mir nit Schand und Unehr?"

Hiesel streckte die braune Tatze und brummte. "Ich bin doch ein Evangelischer."

"Ja, Schneck, aber was für einer!", sagte Leupolt bekümmert. Weil er Stimmen hörte, zerrte er den Bergsack herunter, packte die zwei Hemden aus, riss ein brennendes Scheit aus dem Feuer und sprang in die Nacht: "Höi huuup!" Als er die Herren in die Herdhelle der Hüttentür brachte, ging von den erhitzten Bergsteigern in der Nachtkühle der Dampf auf, wie von Pferden bei einer Schlittenfahrt. "Nur gleich herein ins Hüttl! Mein Kamerad, der Schneck, hat warm gemacht."

"Ah, je comprends," lachte der junge Oberst, nahm den Dreispitz ab und schüttelte den Schweiß von der Stirn, "c'est le Cheneque de la Chenequine!" Er spähte vergnügt in die vom Feuerschein durchzüngelte Hütte.

"Ist sein Kamerad ein vertrauenswürdiger Mann?", fragte der Geheimrat halblaut, zwischen hurtigem Atempumpen. "Ein Protestant?"

"Verträulich ist er, der Schneck, ah ja! Kann auch sein, er wird noch richtig ein Evangelischer. Glauben tu ich es nit."

Von dieser leisen Zwiesprach hatte der Hiesel keinen Laut vernommen. Nur die französischen Worte hatte er gehört, dabei sehr deutlich die Worte Schneck und Schneckin. Daraus zog er den Schluss, dass das feinbeinlete Soldätl das Französische nicht gut verstand; wenn die Kapitelherren auf der Jagd parisisch redeten, hieß Schneck immer "Tätewoh". Ein bisschen wunderte sich der Hiesel darüber, dass man auch drunten im lutherischen Sand von ihm und seiner Schneckin was wusste. Aber die Sache machte ihn auch misstrauisch. Was konnte man in einer Sprache, die ihm fremd war, nicht alles über ihn reden! Er begann den heiteren Soldaten sehr unfreundlich zu betrachten. Der war doch auch in jener Gegend daheim, aus der das luthrische Elend gekommen war, das seit dem Versöhnungsschießen dem Hiesel Schneck das Köpfl so schauderhaft zerwirbelte. Bocksteif, ohne zu grüßen, stand er mit seinem rot angestrahlten Schädel neben dem wabernden Feuer, bis ihn Leupolt mit dem Eimer zum Brunnen um Waschwasser schickte. Kaum war er draußen in der Nacht, da himmelhündelte er so wütend in den Ganter hinein, dass das Blech davon einen summenden Widerhall bekam. Noch ein zweites Mal musste er um Wasser laufen und schimpfte: "Sauberkeit lass ich mir gefallen! Aber so waschen! So was Weiberleutigs passt doch nit für ein Mannsbild. Freilich, ausschauen tut er eh, wie die magere Schwester vom Lazarus!" Und als nun der Hiesel gar zum dritten Mal mit dem Eimer springen musste, gewann er über das kühlungsbedürftige Soldätl die Meinung: "Das ist kein Mensch nit! Wie er pritschelt und fludert im Wasser! Mit seine mageren Flügerln! Da lass ich mich köpfen: Das muss ein verwunschener Eisvogel sein!" Endlich gab es für den Hiesel Raum und Rast in der Hütte. Leupolt scheuerte die Pfanne und klapperte die Eier hinein. Die zerfließende Butter begann angenehm zu duften.

Der hohen, vom nassen Schnee durchweichten Reitstiefel ledig, staken die Füße der Herren in den hölzernen Hüttenpantoffeln der beiden Jäger. Der blaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen, der schokoladfarbene Reitfrack des Geheimrates und die zwei dampfenden Hemden hingen auf den Herdstangen. Danckelmann, mit etwas konfus gewordener Perücke, drehte sich vor dem Feuer hin und her. Der junge Oberst, hemdärmelig in seinen Militärmantel gewickelt, hatte sich auf das Herdmäuerchen niedergelassen. Erfrischt, das Antlitz brennend, saß er gegen die Balkenwand gelehnt und blickte mit vorgeschobener Nase in den Funkenflug, der viele glitzerige Sternchen hinwehte an die berußte Sparrendecke. Plötzlich, wie ein Erwachender, schien er etwas zu suchen, fand das kleine Buch, rückte näher ans Feuer und fing zu lesen an, alles um sich her vergessend. Danckelmann schien das nicht gerne zu sehen. Unter einem Seufzer fragte er: "Schon wieder Voltaire?"

"Nein!" Der junge Oberst hob dem Geheimrat das kleine Buch vor die Nase. Es war eine Taschenausgabe der Luther'schen Bibel.

In Verblüffung sagte der alte Herr: "So fromm?"

"Auch das nicht. Ich studiere diese deutsche Grammatik, um mein Kutscherdeutsch nach Möglichkeit zu verbessern.

Der Hiesel, weil die Herren französisch redeten, brannte wütend seine Pfeife an und blies Wolken vor sich hin, dass er völlig eingewickelt wurde von diesem grauen Vorhang. Ein paar Mal fuchtelte der junge Oberst mit der Hand den beizenden Knasterqualm vor seiner Nase weg. Halb in Zorn und halb erheitert rief er zu Danckelmann hinüber: "Der fehlt noch in der Tabagie. Er würde zu hohen Ehren kommen." Leupolt, als sein mahnendes Augenblinzeln beim Hiesel kein Verständnis fand, sprang von der Pfanne weg, zog dem Schneck die Pfeife aus den Zähnen und öffnete die Hüttentür. Jetzt kapierte der Hiesel Schneck und brummelte gallig: "Ah, freilich, die Preißen! Die rauchen bloß Muskatblütln und Pomeranzen! Was?" Erschrocken sah Leupolt zu den Herren hinüber. Die schienen von der Weisheit des Hiesel Schneck keinen Laut vernommen zu haben. Danckelmann hatte sich auf die Heutruhe gesetzt und schien ein Nickerchen zu machen. Der andere war in das Buch versunken, war seltsam erregt, wie befallen von einem wühlenden Seelensturm. Im Rauschen der Herdflamme eine laut werdende, von innerem Aufruhr bebende Stimme. Den Rücken gebeugt, das Gesicht fast nieder getaucht auf das kleine Buch, las der junge Oberst: "Absalom sprach zu Joab: Warum bin ich von Gessur kommen? Es wäre mir besser, dass ich noch da wäre. So lass mich nun das Angesicht des Königs sehen! Ist aber eine Missetat an mir, so töte mich!"

Leupolt, der die Stelle aus dem zweiten Buch Samuelis erkannte, lauschte mit glänzenden Augen. Nun sah er betroffen auf das schreckhaft verwandelte Gesicht des jungen Soldaten. Der las zwischen knirschenden Zähnen, die verzerrten Wangen von Tränen überglitzert, fast in der Art eines Menschen, der an der hinfallenden Krankheit leidet und einen Stoß seines Übels zu empfinden scheint: "Und Joab ging hinein zum König und sagte es ihm an. Und er reif dem Absalom, dass er hinein zum König kam, und er fiel nieder vor dem König, auf sein Antlitz zur Erde. Und der König küsste Absalom." Verstummend presste er das Gesicht auf die Blätter. War das ein Schluchzen? Oder war es ein Lachen? Nun ein jähes Aufzucken des vom Haar umwirrten Gesichtes. Und ein kreischender Laut, zu Danckelmann hinüber, in französischer Sprache: "Absaolom starb an der Eiche. Wo sterbe ich?" Ein jähes Erlöschen alles seelischen Aufruhrs, ein ruhiges Lächeln, ein heiterer Klang in der melodischen Stimme: "Wenn's auf dem Boden eines deutschen Sieges wäre, sollt' es mir recht sein in jeder Stunde."

Danckelmann, der aus seinem Müdigkeitsdusel noch nicht völlig ermuntert war, sah ratlos drein. Und Leupolt fragte in Sorge: "Ist dem jungen Herrn übel?"

"Mias non!" Der Oberst lachte. "Mich is wohler denn je. Det war nur Rebelljon der Jedärme. Mir hungert."

Kopfschüttelnd verließ der Hiesel Schneck die Hütte, stolperte in die Nacht hinaus und klagte: "So was! Und söllene Leut möchten die deutsche Welt verbessern und den alten Herrgott umnageln. Ich versteh's nit! Kreuzhimmelhöllementshundsviecherei!" Zur Beruhigung seiner verärgerten Seele hatte er die Pfeife mit heraus genommen. Er schlug Feuer, dass die Funken stoben, wühlte den stinkenden Schwamm unter die Tabaksasche, und als die Pfeife festen Zug hatte, blies er einen dicken Rauchfaden durch ein Astloch der Hüttentür. "So schmeck's, Du Preiß, Du abzirkelter!" Er fühlte sein Gemüt erleichtert, trat auf einen Felsschnacken hinaus und spähte in die schwarze, von schönen Sternen überfunkelte Neumondnacht. Zu den strahlenden Lichtern der Ewigkeit zog es den Blick des Hiesel nicht empor. Immer guckte er hinunter auf das dustere Loch einer kleinen Talmulde und mummelte melancholisch: "Ob wohl jetzt das liebe alte Radl ohne Wagen rekatholisch träumt oder evangelikanisch?"

In der Hütte klapperten die irdenen Teller. Flinkes Französisch. Immer wieder das heitere Lachen des Soldätleins. Dann ein lebhafter Wortwechsel, der von energischem Deutsch unterbrochen wurde: "Denk er an seine fumfzich Jahre, Danckelmann! Leg er sich hin uffs Heu! Sans facon! Ick will 's." Merkwürdig, dachte der Hiesel Schneck, wie im Preußischen ein Knechtl reden darf mit seinem Herrn! Dann guckte er wieder in die Tiefe. Da draußen, gegen Bischofswiesen zu, gaukelte was durch den schwarzen Wald gegen den Gratsattel hinter dem Toten Mann hinauf wie ein winziges Sternchen. "Was ist denn da los?" So viel wusste der Hiesel schon: Dass von den Evangelischen keiner mit einer Latern zur heimlichen Fürsagung wandert. Die machen sich seit dem Versöhnungsschießen unsichtbarer als je. Was war da los? Um an eine Gefahr für die Brüder in Christ zu denken, dazu war die Bekennerseele des Hiesel noch nicht evangelisch genug. Er fand für das gaukelnde Laternenrätsel nur die Lösung: Dass da einer von der Jägerei zu Berg stiege, um für den Fürsten oder für die - "Sagen wir halt: Allergnädigste!" - einen Auerhahn zu verlusen. Diese Vorstellung, statt sein Jägerherz zu erfreuen, machte den Hiesel so traurig, dass er sich auf den Schnee hinsetzen und das Gesicht in die Fäuste drücken musste. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. "Komm, Schneck, und schlaf ein Stündl! Wir müssen uns heut noch plagen in der Nacht."

In der Hütte kein Feuer mehr. Doch zwischen der Asche lag noch eine große Kohlenglut und strahlte ihren roten Schimmer in den stillen Raum. Der Geheimrat, mit seinem Mantelkragen zugedeckt, lag im Heu und schnarchte ein bisschen. Auf dem Sitzmäuerchen, gegen die Balken gelehnt, schlief der junge Oberst, das Gesicht vom Haar überhangen, klein zusammen gehuschelt in dem dunklen Militärmantel. "Was einer ist als Mensch, das sieht man allweil am besten im Schlaf!", so philosophierte der Hiesel Schneck. "Dahocken tut das Preißerl wie ein Häufl Elend." Freilich, eine Minute später hockte dieser lange Weise nicht viel anders in seinem Winkel. Der Schlaf ist einer von den Gleichmachern des Lebens. Tod, Notdurft und Wollust heißen die anderen.

Leupolt hatte sich lautlos zum Sitzmäuerchen hingeschlichen. Seine Augen blieben offen. Manchmal schob er sacht einen Holzstorren unter die Kohlen, damit die Glut nicht völlig ohne Nahrung bliebe und die schlafenden Herren nicht frieren müssten. Fing das Holz unter den Kohlen zu glosten an, so pufften fahle Rauchfäden aus der Asche heraus, und kleine bläuliche Flammen tanzten über der Glut, wie Frühlingsschmetterlinge um eine rote Blume gaukeln. Sinnend blickte Leupolt in das Spiel der kleinen Feuerseelen, sah zwei heiße, von Tränen umflossene, in Scham und Sehnsucht bekennende Mädchenaugen und hörte eine leise, von Erregung fiebernde Stimme flüstern: "Du bist mir so lieb geworden, ich kann's nit sagen." Da weckte ihn ein stöhnender Laut aus seinem gläubigen Sinnen. Der junge Soldat schien böse Träuem zu haben. Sein gebeugter Jünglingskörper zuckte unter den Falten des Militärmantels. Halblaute Worte, deutsch und französisch, wirrten sich durcheinander. Die Hände begannen zu stoßen, als möchten sie sich einer Fessel entwinden, und plötzlich streckten sie sich mit gespreizten Fingern, wie zur Abwehr eines grauenvollen Bildes. Die Augen des Träumers waren starr geöffnet, hatten den Blick eines verzweifelten Menschen, und eine von Zorn und Angst durchrüttelte Knabenstimme bettelte: "Nich schlagen, Vater! Alles, was Du willst! Nur nich schlagen!"

"Junger Herr!" Leupolt fassten den Mantel des Traumverstörten und zupfte. "Ihr träumt ungut. Da muss man Euch wecken."

Ein stumm gleitender Blick des Erwachens, ein staunendes Beschauen des von Rotglut durchschimmerten Raumes. Fester gegen die Balkenmauer rückend, hüllte sich der junge Oberst wieder in seinen Mantel, schloss die Augen und sagte missmutig: "Weck er mich, wenn es Zeit is. Nich früher."

Wieder die rot flimmernde Stille, das schwere Atemziehen des Geheimrates und das Duselgebrumm des Hiesel Schneck. Leupolt saß unbeweglich, beugte nur manchmal den Kopf, um durch das kleine Fenster nach dem Stand der Sterne zu schauen. Als es auf Mitternacht zuging, legte er Kienspäne über die Glut, gab ein paar kleine Scheite in die sich ermunternde Flamme, goss die Geißmilch in die Kupferpfanne und stellte sie über den Feuerbock. Nun weckte er den junge Schläfer am Herd. "Herr! Zeit ist's!" Der Oberst fuhr in die Höhe, straffte sich nach militärischer Art und sprach ins Leere: "Me voilà! Je ne dors plus! Befehlen Sie, Vater! Ich will gehorchen." Da hörte er das freundliche Herdgeprassel, schien völlig zu erwachen, streifte mit einem prüfendem Blick den Jäger und sagte ruhig: "An jedem Morgen soll man sich erinnern, dass man Gottes is. Sprech' er ein Gebet!"

Leupolt kniete auf das Herdmäuerchen hin, verschlang die Hände vor der Brust und betete: "Herr, wenn ich Dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, Du bleibst mein Heil und meines Herzens Trost." Gleich bei den ersten Worten des Gebetes hatte der junge Oberst blitzschnell das Gesicht gegen den Jäger gedreht. In seinen Augen war ein Verblüffung, die sich in Zorn zu verwandeln drohte. Leupolts Anblick schien den Erregten wieder zu beruhigen. Mehr neugierig als unmutig fragte er: "Wie kommt er zu diesem Gebet?"

"So hat uns auf dem Toten Mann ein Salzburger fürgebetet, der uns Botschaft gebracht hat aus dem Preußischen. Er hat erzählt: So hätt er den preußischen Königsprinzen beten hören, der den Exulanten beigesprungen ist mit hilfreicher Güt. Jetzt bet ich allweil so. Die schönen, gottsfreudigen Wörtlen haben mich hinüber gehoben über viel Hartes."

Der junge Oberst legte die Hand auf Leupolts Arm. "Det Gebet for sich alleene macht es nich. Gott is am willigsten, den Starken zu sekourieren, der sich spontanément zu helfen weiß." Lächelnd ging er zur Heutruhe, weckte den Geheimrat, indem er ihn mit einem Halm an der Nase kitzelte, brach über Danckelmanns Ermunterungsseufzer in Lachen aus und begann mit ihm in französischer Sprache ein hurtiges Geplauder. Dabei rasselte sich auch der Hiesel Schneck aus seinem letzten Schnarcher heraus, schien nicht zu wissen, wessen Gottes er war, und begrüßte die Mitternachtsstunde mit einem gegen die Haare gebürsteten Himmelhund.

Nach der Geißmilchsuppe brachte die Schuhprobe ein paar muntere Minuten. Dem Geheimrat saßen die neuen Schuhe des Leupolt wie angemessen. Die Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls mussten, um für das schlanke 'Weiberleutsfüßl' des Soldätleins zu passen, zwischen Leder und Söckeln noch ein bisschen mit Heu gepolstert werden. Die Schneegamaschen, die darüber kamen, hielten alles verlässlich zusammen. Und nun hinaus in die kühle, schwarze, von großen, strahlen schießenden Sternen durchfunkelte Neumondfrühe. Ein schönes Rauschen ging über die finsteren Wipfel hin. Alle paar Schritte stehen bleibend, spähte der junge Oberst unersättlich in diesen wundersamen Nachtzauber. Mit enthusiastischen Worten stammelte er sein Entzücken vor sich hin und sagte französisch zu Dankelmann: "So groß und weit und herrlich sind die Nächte in der Tiefe nicht. Auf der Höhe zu wandeln, hat seine kostbaren Reize." Er tappte bis an die Hüften in ein Schneeloch hinunter, zog sich lachend heraus und scherzte: "Tiens, voilà mon sort, auf herrlicher Höhe gibt es auch Löcher, um sich die Knochen zu brechen - eine Erfahrung, die mir nicht neu ist, obwohl ich zum ersten Mal im Leben einen rechtschaffenen Berg besteige." Hiesel, der sich über das viele Französisch ärgerte, knurrte spöttisch: "Gelt ja, sterngucken und bergkraxeln passen nit gut zu einandern! Verstehst? Mit'm Nasenspitzl in der Höh geht's allweil abwärts, nie nit aufwärts." Kopfschüttelnd tappte er davon. "Und söllene Kniespatzen möchten die christliche Welt umschustern." Der junge Oberst, der den Sinn dieser Worte nur halb, aber zureichend die Grobheit ihres Tones verstanden hatte, rief erheitert zu Danckelmann zurück: "'n agreabler deutscher Bruder!"

Da mahnte Leupolt, der den Geheimrat am Henkel hatte: "Schneck! Mach langsame und feste Tapper, dass der Herr hinter Dir in gute Stapfen kommt." Nun wanderten sie schweigend hintereinander. Manchmal trug die gefrorene Schneedecke, dann kamen wieder mürbe Stellen, an denen man hinunter brach bis übers Knie. Schon nach einer Viertelstunde fragte Danckelmann in Erschöpfung: "Haben wir noch weit?"

"Nit, Herr! Ein paar hundert Vaterunser. Sonst ist die Fürsagung allweil ganz da draußen gewesen auf dem Toten Mann. Heut ist sie ein Stündl herwärts. Dass die Herren nit gar so weit steigen müssen, bloß ein Katzensprüngl." Seufzend machte der Geheimrat die Bemerkung: "Die Katzen von Berchtesgaden, nach ihren Sprüngen zu schließen, scheinen Tiger zu sein." Aus dem geschlossenen Wald ging es hinaus auf eine freie, steile Schneelehne, an die hundert Schritte breit. Schneck und der junge Oberst hatten den weißen Steilhang schon zur Hälfte überquert, als ihn Leupolt mit dem Geheimrat erreichte. "Jetzt ein bissl Fürsicht, Herr! Der Schnee könnt rutschen." Leupolt hatte kaum gesprochen, als sich über die Lehne her ein leiser, lachender Schrei vernehmen ließ. Mit dem jungen Oberst war eine stubengroße Schneescholle ins Gleiten geraten. Und je mehr der Lachende sich plagte, um aus der rutschenden Masse herauszukommen, desto tiefer sank er in den gleitenden Teig. "Jesus!", brüllte der Hiesel Schneck. Er dachte an die Wände, die da drunten waren, und machte Sprünge wie ein irrsinniger Wolf. Und von der anderen Seite der Lehne kam Leupolt schief heruntergesaust und überholte die rutschende Scholle. zwischen zwei Felszacken eingestemmt, warf er seine Brust dem gleitenden Schnee entgegen. Er wurde weiß überschüttet. Die fahrende Masse stockte einen Augenblick, und da sprang der Hiesel über die Wulsten her, riss das halb versunkene Soldätl, das noch immer lachte, aus dem Schnee heraus, umklammerte den schlanken Körper unter den Armen und steuerte mit wilden Sprüngen, die der andere gelehrig mitmachte, gegen den festen Waldgrund hinüber. "Hiesel?", schrie Leupolt aus der Nacht heraus. "Hast Du ihn?"

"Wohl!"

Von droben klang die aufgeregte Stimme des Geheimrates: "Ist etwas geschehen?"

"Nit sorgen, Herr!", antwortete Leupolt. "Ist alles gut! Ich komm schon."

Drüben am Waldsaum, neben einer Fichte, die von den Frühlingslawinen schief gebogen war, schüttelte der junge Offizier die Schneebrocken von seiner Uniform, während der Hiesel Schneck mit Lachen sagte: "Gott sei Lob und Dank!" Man vernahm aus der Tiefe herauf einen schweren, krachenden Plumps. Wieder lachte der Hiesel. "Hörst es, Preißerl!"

"Wat war 'n det?"

"Der Schnee. Verstehst? Wär der Leupi nit gewesen, so täten wir jetzt da drunt liegen! Kreuzsausen und Himmelhund! Und 's Schneckenweibl könnt ihre Sonntagstäpperlen suchen, sie weiß nit, wo!"

Da legte der junge Oberst dem Hiesel Schneck die Hand auf den Arm. "Ick hab ihn for 'nen Rüpel jehalten und merke, dass er 'n janz famoser Patron is." Ein feines, herzliches Auflachen. "Die Haut scheint bei uns deutschen Brüdern nich det Wesentliche zu sein. Man muss hinter 's Leder kieken. Geb er mich seine Hand!" Der Hiesel rührte seine Tatze nicht, weil er lauschend den weißen Schädel strecken musste. "Du, da!", sagte er scheu und leise. "Lus!" Er deutete gegen die Höhe, über der die großen Sterne des Berghimmels funkelten. Hatte das summende Rauschen des Waldes einen geheimnisvollen Mitsänger gefunden? Wie das Klingen einer fernen und sanften Glocke war es, war wie das rhythmische Murmeln eines ruhig fließenden Baches, hatte dennoch einen leidenschaftlichen, von Leid und banger Sehnsucht durchzitterten Unterton, verstärkte sich und sank, wurde vernehmlicher und schmolz aufs neue zusammen mit dem Rauschen der Bäume, dass es nimmer von ihm zu scheiden war.

"Wat is 'n det?"

"Ich hab als Evangelikaner noch ein bissl junge Ohrwascheln. Aber täusch ich mich nit, so singen da droben hinter dem Bergsattel die Unsichtbaren." Ein lauer, föhniger Windhauch, der dem Morgen voranging, wehte über den Hang herunter, und der Liedklang vieler menschlicher Stimmen wurde deutlich. Der junge Offizier erkannte das Lutherlied. In einer Erregung, die ihn schüttelte wie ein Fieberkranken, riss er den Dreispitz herunter, presste ihn mit den Fäusten gegen die Brust, sah unbeweglich zu den strahlenden Sternen hinauf und sprach die Worte der letzten Liedstrophe, die da droben gesungen wurde, mit lauter Stimme in die Nacht:

"Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
Lass fahren hin,
sie haben's kein Gewinn,
Das Reich muss uns doch bleiben."

Nur noch das Rauschen im Wald und der schweigende Sternglanz, von dessen Widerschein die Schneekristalle an den Felszacken feine, farbige Lichterchen bekamen. Der junge Oberst drückte den Dreispitz über den Scheitel und begann mit ungeduldiger Hast das steile Gehäng hinaufzuklettern. "Komm er!" Bei einer Wende des Waldsaumes trafen die zwei mit den beiden anderen zusammen, und atemlos begann der Geheimrat ein französisches Gewirbel seiner Sorge herauszustammeln. Der junge Oberst machte eine unmutige Handbewegung und sagte deutsch, mit einer soldatisch harten Stimme: "Lass er, Danckelmann! Wir haben kostbare Minuten verläppert. Dort oben seind unsere neuen Kinder. Eenen, der leidet, darf man nich warten lassen. Hinauf!" Er kletterte, als hätte dieses Wort ihm Kräfte gegeben, die alles Zarte seines Körpers verwandelten zu stählernem Willen. Leupolt Raurisser, von einer schweren Erschütterung befallen, tastete nach der Schulter des Grenzjägers. "Hies!" Die Stimme wollte leise sein und war doch ein glückheißes Jauchzen. "Ich bin ein Blinder gewesen." Seine Hand deutete hinter dem Steigenden her, den die Dunkelheit zu umschleiern begann. "Der ist der Helfer!" Ein frohes Aufatmen. Dann ein heiteres Flüstern: "Komm! Der braucht uns nit. Wir müssen das alte Knechtl hinter ihm herlupfen." Jetzt ging es flink nach aufwärts, ohne dass der Geheimrat sich plagen musste. Ein Eichhörnchen schnalzte. Ein zweites. Leupolt gab Antwort mit dem gleichen Laut. Und Danckelmann fragte. "Was ist das?"

"Es sind die Wächter." Wie graue Steinblöcke, in den Kitteln der Unsichtbaren, standen die Wächter im Schnee, der eine am Waldsaum, der andere draußen auf dem freien Hang. Als die Aufwärtssteigenden schon verschwunden waren, klang auf dem Schneefeld eine leise Knabenstimme: "Vater? Meinst Du, er ist dabei gewesen?" Aus der Finsternis des Waldes antwortete die Stimme eines alten Mannes, so voll Inbrunst wie die Stimme eines Betenden in tiefstem Leid: "Gott soll's geben, Bübl, dass der Helfer kommen ist. Oder es müsst die deutsche Welt verzweifeln."

Nach stummer Weile ein flehender Laut: "Mir bangt, Vater! Darf ich hinüber zu Dir?"

"Jetzt nit. Dort ist Dein Plätzl. Da hat man Dich hingestellt. Da musst du bleiben, bis der Morgen kommt. Ein Hoffender muss verlässig sein."

Nur noch das Rauschen der schwarzen Wipfel. Und manchmal sprang eine kleine Schneescholle lautlos über den weißen Hang in die schwarze Tiefe hinunter.

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