Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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         Das große Jagen
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Kapitel 22

Über dem tiefen Reichenhaller Talbecken glänzte der milde Nachmittag. Alle Weisen grün, mit den blassen Kelchen der Herbstzeitlosen, mit Himmelsschlüsseln, Margariten und Steinnelken. In der Talsohle sprossten bereits die Hecken, und der Fichtenwald war schneefrei bis hinauf zur halben Höhe. Alle Bergspitzen stachen weiß wie funkelnde Silberstufen in das Blau des Himmels. Taubenschwärme und Viehherden waren auf den Feldern, und viele Drosseln huschten bei der Käferjagd an den Hecken hin.

Über die harte Straße, die von Reichenhall empor führte zu den Ruinen der Plaienburg und gegen den Hallturm, klapperten die Hufe von sechs Pferden. Voran ein Reitknecht in bürgerlicher Reisetracht und ein hoch gestiefelter, steif zopfiger Soldat. Jeder führte am Zügel ein mit Mantelsäcken und Ledertaschen beladenes Packpferd. Dann kamen zwei Reiter, die sich in französischer Sprache unterhielten. Zur Linken ritt ein bejahrter Herr in vornehmer Reisekleidung aus braunem Tuch, mit offenem Mantelkragen. Aus der weißen Perücke sah ein freundliches Gesicht heraus. Das war der preußische Geheimrat von Danckelmann, der Präsident des zu Regensburg amtierenden Corpus evangelicorum, dem die Wahrung der durch den Westfälischen Frieden gewährleisteten Rechte der Protestanten im deutschen Süden übertragen war. Während des großen Jagens, das die Scharen der Salzburger in die Fremde trieb, hatte Danckelmann viele Tausendzüge der Exulanten ins Brandenburgische und nach dem schwach bevölkerten Ostpreußen geleitet. Jetzt ritt er zu Herrn Anton Cajetan, als Gesandter des Königs von Preußen, dessen Hilfe die Berchtesgadnischen Bekenner in ihrer Verzweiflung angerufen hatten. Der mit der Bärentatze geschriebene Auftrag des Königs an Danckelmann hatte gelautet: "Betrachte Dir die Petenten genau. Ist es zweifelhaftes Volk, so lass die Hände davon. Faulpelze, Gotteskomödianten und Mauldrescher können wir auf unserem mageren Boden nich gebrauchen, haben schon genug davon, so des Wegräumens bedarf. Sein des tüchtige Leute, insonderheit Protestanten bis auf die Knochen, so nimm ihrer, so viele Du erwischen kannst. Aller Beistand soll ihnen bewilligt sein. Bei gutem Menschenkauf muss der Sparmeister ein Verschwender werden. Oder er wäre als Fürst ein Gott verlorener Esel. Wär auch kein Preuße nich. Preußen muss sich helfen, wie es kann. Mach er seine Sache gut!"

Am Abend war Danckelmanns Abreise von Regensburg hatte sich unangemeldet ein Begleiter bei ihm eingestellt, der auf abgehetztem Pferd über Ansbach gekommen war. In der Art, wie der Geheimrat mit diesem jungen Reisekameraden sprach, den er zur Rechten reiten ließ, war bei aller Höflichkeit eine stete Fürsorge, bald für den jungen Reiter selbst, bald für seinen glanzhaarigen Fuchs, der mit der schlanken, zart erscheinenden Hand, von der er gelenkt wurde, nicht einverstanden schien und schäumend an der Stange kaute.

Im Gespräch der beiden war keine Rede vom Zweck ihrer Reise. In hurtig gleitendem Französisch, das der Jüngere besser beherrschte als der Geheimrat, sprachen sie von der Herrlichkeit der Natur, von der zaubervollen Keuschheit der Frühlingslandschaft und von der Schönheit der Berge, deren Anblick den staunenden Jüngling heiß erregte. Immer sprach er. Sprach mit einer klangvollen, ungemein melodischen Stimme. Warf er manchmal zwischen das Französische einen kurzen deutschen Satz hinein, so war das ein sonderbares, unbehilfliches Gemisch aus Fremdwörtern, altmodischer Beamtensprache, pommerischem Platt und Berliner Vulgärdialekt. Und hurtig kehrte er wieder zum Französischen zurück, in dem er mit Geist und Klarheit auszusprechen vermochte, was Glut in ihm war. Für sein leidenschaftliches Entzücken fand er Worte, wie ein von Schönheit berauschter Poet sie findet in schwärmender Ekstase. Plötzlich ein kühles Ernstwerden des altklugen Knabengesichtes. "Danckelmann! Sehen Sie doch! Diese schwarze, fruchtbare Erde! Das ist ein Boden, auf dem nur gesunde, feste Kerle wachsen können. Wär' es anders, so wär's eine Pflichtwidrigkeit der Natur, eine Gewissenlosigkeit Gottes. Aber Gott muss doch höchste Verantwortung sein, Natur ist ewig gewordene Pflicht." Da machte, an steil abfallender Wegstelle, das Pferd des jungen Reiters einen scheuenden Seitensprung. Erschrocken suchte der Geheimrat den Zügel des steigenden Gaules zu haschen. Das war überflüssig. Das Pferd hatte sich schon beruhigt und gehorchte. Der schlanke Reiter streifte seinen Begleiter mit einem halb missmutigen, halb ironischen Blick. "Ich kann reiten, lieber Danckelmann! Auch wenn es manchmal so aussieht, als hätt' ich es nicht gelernt."

Der alte Herr schien seinen Schreck noch nicht überwunden zu haben und glich einem sorgenvollen Pädagogen, der sich verantwortlich fühlt für einen zu unberechenbaren Streichen geneigten Schützling. Und dieser Schützling, ein Einundzwanzigjähriger von feiner Zierlichkeit, war Soldat und trug die Offiziersuniform eines preußischen Regiments, mit dem Rangzeichen des Obristen. In seiner Erscheinung war etwas seltsam Gegensätzliches. Körperliche Schwäche schien vereinigt zu sein mit innerlicher Kraft. Er hatte als Soldat eine schlechte Haltung. Dennoch konnte man sich keine Tracht denken, die besser für ihn gepasst hätte als dieser dunkelblaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen. Der saß nicht sonderlich straff und militärisch and er zarten Jünglingsgestalt, die manchmal so gebeugt und haltlos erschien, als möchte die gelbe Hose mit dem ganzen zierlichen Figürchen schlapp hinein sinken in die braunen Reitstiefel. Doch wenn ein neuer Ausblick zwischen den Kulissen der Landschaft den jungen Reiter entzückte, straffte das Feuer seines Innern auch den versunkenen Körper. Dann schien er ein anderer zu werden. Seine Bewegungen waren flink und zugleich bedachtsam. Es war in ihnen eine Mischung von feurigem Vorwärtstrieb und einer zähen Kunst des Sichruhigverhaltens, eine Mischung aus Seele und Willen, aus der Kraft eines ehrgeizigen Jünglings und der Ruhe eines klugen Greises.

Er trug nicht den soldatischen Zopf. Hinter dem betressten Dreispitz war das braune Haar von einer schwarzen Bandmasche locker zusammengefasst. Zwischen gelösten Haarwischen, mit denen der milde Bergwind spielte, schob sich hager ein volles Gesicht hervor, nicht schön, doch scharf und edel geschnitten, Stirn und Nasenrücken eine gerade Linie, bei der man zugleich an einen Widderkopf und an griechischen Profilschnitt denken musste - ein Gesicht, das einer sanften Mutter gleichen wollte und ähnlicher einem strengen Vater war. Wie große strahlenflinke Sterne glänzten aus diesem Gesicht zwei feuchte, enthusiastische Augen heraus, in der Gier des unermüdlichen Spähens ein bisschen vorgequollen - Augen, die etwas seelisch Verzücktes hatten und etwas von der Trauer eines gequälten Tieres. Es war Leidenschaft und dennoch Stille in diesem ruhelos gleitenden Blick, ein Gemenge aus Spottlust und jugendlichem Frohsinn, aus allem Zartgefühl und allen tiefgründigen Wildheiten einer rätselvollen Menschenseele. Abstoßend und anziehend war dieser Blick, misstrauisch und gläubig, befremdend und erstaunlich, überredend und bezwingend. Und diese Augen waren jetzt durchleuchtet, dieses Gesicht durchglüht von der Freude an allem Frühlingsreiz der aufblühenden Bergnatur. Bei unersättlichem Schauen verhielt der junge Oberst plötzlich mit einem kaum sichtbaren Zügelruck das Pferd, dass es unbeweglich stand. In den Bügeln sich hebend, reckte er den schmächtigen Körper, tat einen wohligen Atemzug und sagte in der Art eines Berauschten: "Danckelmann! In dieser Stunde ist ein Gefühl in mir, das mich nicht mehr verlassen wird bis zu meiner Todesstunde."

Wie erlöst von seiner Sorge fragte der Geheimrat: "Das Gefühl der erneuten Freude am Leben?"

"Nein. Das Gefühl der Freiheit. Nie in meinem Leben genoss ich eine freie Stunde. Jetzt trinke ich Freiheit. Sie ist das Beste im Menschen." Ein heiteres Auflachen. Und jäh ein Umschlag ins Müde und Gallige. "Gute Dinge verlangen ihren Preis. Ich habe die Freiheit dieser Tage teuer bezahlt." Er gab dem Pferd, das nach einer grünen Staude haschte, einen unwilligen Sporendruck, und weil es den saftigen Zweig nicht lassen wollte, schlug er ihm jähzornig die Reitpeitsche zwischen die Ohren. Mit jagenden Sprüngen nahm der erschrockene Gaul die steile Weghöhe. Droben, wo die Straße sich wieder abwärts senkte, durfte das Pferd in ruhigen Schritt fallen. Als Danckelmann mit bekümmertem Antlitz nach geträppelt kam, fragte der junge Oberst auf sonderbare Art über die Schulter: "Ganz offen, unter uns, was redet man über meine Braut?"

Nach kurzem Schweigen der Verlegenheit sagte der Geheimrat: "Man erzählt, sie wäre eine überaus gottesfürchtige Dame."

Der junge Oberst schien erheitert zu sein. "Da hat man unter ihren unerquicklichen Eigenschaften die übelste herausgefischt." Ein Lippenzucken, fast hochmütig und verächtlich. "Welch ein geistiges Armutszeugnis ist die Gottesfurcht! Gott ist groß und gerecht. Größe ist nie ohne Güte. Und was Gerechtigkeit ist, das brauchen nur die Schelme zu fürchten. Gott lieben und ihm vertrauen, jeder nach seiner Art, das ist besser, als Gott fürchten." Gebeugt im Sattel, die großen runden Augen ins Leere gerichtet, sagte er langsam: "Wenn einer, wie ich, in bösen Nächten eine Herz zerdrückende Angst vor dem Ewigen fühlt, so hat das seine Ursachen. Solch ein verzweifelt sündenloses Frauenzimmer hat keinen Anlass, vor dem Himmel zu zittern." Ein wehes Lächeln, das sich zum Spott erheben wollte und Trauer blieb. "Nun ist's entschieden. Wie das Mensch ist, das man wählte für mich, so muss ich es lieben. Ich will's erzwingen. Noch ist sie mir widerlich. Ihr verschlucktes Kichern ist etwas Entsetzliches. Ich liebe das Lachen und die Heiterkeit. Nur müssen sie aus Herz und Gehirn kommen, nicht aus den Gedärmen. Unter allen, die in Wahl kamen, hat man die ledernste für mich ausgesucht. Und das mein Freudenbissen für ein ganzes Leben!"

Tiefe Schwermut umschleierte alles Schöne in seinen Augen. Was der Geheimrat mit vorsichtiger Mahnung zu ihm redete, schien er nicht zu hören. Plötzlich, wie ein Erwachender, streckte er sich, weil er den flötenden Schlag einer Ringdrossel vernommen hatte. Mit stillen Augen sah er umher, war ruhig und sagte ernst: "Es ist wohl so, weil es so sein muss. Damit ich lerne, unter dem meschanten Gesindel für mich allein zu bleiben. Würde der Olympier eine Olympierin finden, das gäbe Söhne, die diese miserable Welt übern Haufen schmeißen, um aus den Scherben eine neue zu machen, die besser ist." Über dieses Wort befiel ihn selbst ein Verwundern, das sich vor dem seltsamen Blick seines Begleiters verwandelte in einen knabenhaften Schreck. Sein verjüngtes Gesicht war glühend vor Scham, seine flüsternde Stimme hatte fast den Klang einer ängstlichen Bitte: "Danckelmann! Sie werden vergessen, was ich da sagte in meiner Torheit!" Nach einer Weile, die Zügel des Gaules kräftiger fassend, sprach er hart vor sich hin: "Es ist meines Vaters Wille. Da gibt es keine Antwort als Gehorsam. Ich darf und will den Vater durch Stützigkeit nicht mehr irre machen, seit er mit Überraschung zu der Ansicht kam, dass etwas in mir steckt. Es gab eine rote Stunde, in der ich ihn für einen Tollhäusler hielt. Nun weiß ich, dass sein Verstand um so tiefer ist, je langsamer er sich offenbart. Ich muss mich strecken nach seiner Größe. Wenn später alles drunter und drüber ginge, würde er im sicheren Steinsarg über mich lachen. Das wäre noch übler, als sein grober Stock gewesen. Besser, ein um eigene Schuld Geprügelter zu sein, als fühlen, dass man verachtet wird."

Er deutete mit der Reitgerte nach den blühenden Erikastauden, die den südwärts blickenden Straßenrain überwucherten. "Wie schön! Was Frühling heißt, ist der einzige überzeugende Gottesbeweis." Er lächelte. "Bei uns daheim in der Haide sind sie noch schöner." Das Pferd verhaltend, sah er in die nördliche Ferne. "Heimat? Ich sehe Moor und Sand. Sehe den Rauch der schmacklosen Abendsuppen von Zorndorf, sehe den schlammigen Fluss, armselige Dörfer und schläfrige Menschen." Ein Aufzucken des schmächtigen Körpers. "Sie sollen erwachen." Er trieb das Pferd, hatte eng gereihte Falten auf der jungen Stirn und lachte. Ein Blick in das von einem weißen Bach durchsprudelte Waldtal, über dessen Wipfel der Hügel mit den Ruinen der Plaienburg hervortauchte, entriss ihm einen Ausruf des Entzückens. Alle Freude des Schauens sprudelte jugendlich aus ihm heraus. Immer deutete seine Hand mit der Reitgerte. Immer sprach er, immer fröhlicher und erregte, in enthusiastischen Ausdrücken, in französischen Verzückungen, die sich anhörten wie Verse. Plötzlich ein müder Blick auf den Begleiter. Dazu in deutscher Sprache die halb verdrießliche, halb ironische Frage: "Wat, Geheimrat? Ich quazle wohl wieder etwas kopiösemang?"

Danckelmann antwortete lächelnd: "Kein Wort, das ich nicht gerne gehört hätte."

Der junge Oberst, wieder französisch, sagte mit irrendem Blick: "Wenn man seine Fehler nur einsieht. Da ist Hoffnung vorhanden, dass ich noch der Einsilbigste aller Deutschen werde." Verstummend trieb er das Pferd. Die Straße führte auf ebener Strecke in einen hochstämmigen Wald, der verwüstet war vom Bergwinter. Wirr hingen Hunderte von Bäumen durcheinander, die unter dem Schneedruck nieder gebrochen waren. " Hier sieht es aus wie im verunheiligten Deutschen Reich." Kühler Abendschatten fiel über die beiden Reiter herab. Die Pferde trabten. Danckelmann schaukelte sich gewandt im Sattel. Sein Begleiter bockelte mit losen Ellenbogen, zeichnete schlaffen Körpers jede Unebenheit des Bodens nach, schien das alles nicht zu fühlen und war in Gedanken versunken. Da kam eine Lawinengasse, die der stürzende Schnee von der Berghöhe hinunter gebrochen hatte bis in die Bachtiefe. Die Straße war überworfen von einem breiten Buckel festgestampfter Schneemassen, aus denen zersplitterte Äste und zerquetschte Wipfel hervorlugten. Danckelmann hielt: "Wie bringen wir da die Pferde hinüber?"

Drüben stand der Soldat. Er hatte seine beiden Gäule dem Reitknecht des Geheimrats übergeben und wollte über die Schneewulsten herüberklettern, um das Pferd seines Vorgesetzten zu führen. Der rief ihm ärgerlich zu: "Bleib, wo de bist!" Die Reitgerte zischte. Ein Dutzend wilder, hin und her schwankender Sätze, und der glanzhaarige Fuchs mit seinem Reiter war drüben. Der junge Oberst lachte. Die Sache schien ihm Spaß gemacht zu haben. Nun sah er verwundert den Soldaten an. "Kerl? Wat machste da? 'n Cavaleris' des Königs von Preußen jehört mit seinen Arsch in den Sattel. Nich mit den Stiebeln in die Drecksuppe." Erschrocken rannte der Soldat in seinen plumpen Klapperschäften davon, dass der steife Zopf hinter seinem Nacken pendelte. Erst jetzt erinnerte sich der Oberst seines Begleiters. "Ach -" Er wandte das Pferd. Da fiel ihm ein Bild von hinreißender Schönheit in die Augen. Zwischen den schwarzgrünen Baumwänden der Lawinengasse sah man einen Ausschnitt des Reichenhaller Tales. Die winzigen Dächer, die Herden auf der Weide, die Wiesen, die Brachfelder und Hecken, die Bäche und Wäldchen, alles funkelte vom Glanz der Abendsonne, nicht wie etwas Irdisches, sondern wie eine märchenhaftes Spielzeug, in Schimmer herausgeschnitten aus blankem Kupfer. Und hinter diesem frohen Geglitzer stand ernst und schön, in tiefes Blau getaucht, die steile Schattenwand des Hohen Staufen. Der Berg mit seiner weißen, von Glanz umzüngelten Höhe war anzusehen wie ein Riesenfürst auf seinem Thron, wie ein kaiserlicher Greis im wallenden Weißhaar, unbeweglich, mit schlummernden Augen, auf der hohen, reinen Stirn die strahlen zuckende Krone.

"Danckelmann!" Das klang wie der atemlose Schrei eines von Freude verwirrten Kindes. "Kommen Sie! Das müssen Sie sehen! Gibt es denn solche Dinge auf der Welt? Geheimrat! So kommen Sie doch endlich! Das Herrliche beginnt zu erlöschen."

Eben kletterte Danckelmann mit seinem Falben vorsichtig über den Lawinenschnee herunter. Was er noch zu sehen bekam, war verdämmernde Schönheit.

Der junge Oberst saß unbeweglich im Sattel, das scharf geschnittene Gesicht zur Höhe gehoben. Als die letzte Strahlenflamme des weißen, sich blau umschleiernden Berghauptes zu schwinden begann und nur noch eine dünne Feuerlinie die steilen Schneegrate säumte, trank er einen tiefen Atemzug in seine schmale Brust und sagte langsam: "Ich habe gesehen, was noch keiner sah."

Danckelmann, ein bisschen verstimmt, betrachtete ihn verwundert, eine Frage nur in den Augen.

"Ich sah das Gewesene und sah das Kommende." Ein Lächeln von heiliger Innerlichkeit. Ruhig wandte er das Pferd und ritt in den stillen, dunkelnden Wald hinein. Blitze flammten in seinen herrlichen, stahlblauen, weit geöffneten Augen. Jäh beugte er sich aus dem Sattel und legte seine Hand auf den Arm des Begleiters. "Nein! Ich habe nicht zu teuer bezahlt. Um einen Hauch Freiheit zu atmen, kann man kuschen wie ein Hund. So stark ist keiner, dass ihn Gemeinheiten, die er erleben muss, nicht schwach machen. Man muss hinunter, Danckelmann, tief hinunter, um die Wege zur Höhe zu finden." Er zog die bartlosen Lippen von den Zähnen. "Im Mai oder Juni sperren sie mich in das Grillenhaus einer fürchterlichen Ehe. Ich genieße die ersten und letzten Tage meiner Freiheit. Was kommt, ist Pflicht. Sie wird hart sein." Der Ernst dieses Wortes schlug über in einen klagenden Laut. "Wer hilft mir?" Dann sagte er deutsch: "Ich bin ein egariertes Schaf des Lebens, habe keen Menschenskind, das mich zu wat nütze is, habe nur mir selbst, den dubiosesten von allen Wegweisern." Das Gesicht, das der Geheimrat zu diesen Worten machte, schien dem jungen Oberst die verlorene Heiterkeit zurückzugeben. Lustig tippte er mit der Reitgerte nach seinem Begleiter, als möchte er vom Mantelkragen des würdigen Herrn eine Fliege fortkitzeln, und fragte französisch: "Ist das nicht wie ein spaßhaftes Wunder? Dass ich da so lakaienfern und beschnüffelt reite wie in einem Märchenwald und noch immer auf meinen Schultern einen Kopf habe."

Erst erschrak der Geheimrat. Dann sagte er aufatmend: "Ein Glück, dass man diesen jungen Kopf nicht abhauen ließ, wie es der Kaiser erwartete."

Froher Spott umzuckte den feinen Mund des anderen. "Weil er's zu erwarten schien, begann ich zu begreifen, wie steif ich diesen Kopf aufsetzen muss."

Eine Lichtwoge strömte in das Düster des Waldes herein. Die Straße öffnete sich gegen einen Wiesenhang von smaragdenem Frühlingsgrün, noch überhaucht von einem letzten Sonnenschimmer, der durch tief geschnittene Bergschatten herfunkelte aus der westlichen Ferne. Der Reitknecht des Geheimrats kam den Herren entgegen getrabt und meldete: "Der Jäger ist da. Auch das Mädchen für die Weisung zur Herberg." Die Reiter lenkten von der Straße weg in ein Seitentälchen, das umhuschelt war von knospenden Erlenstauden. Überall Finkenschlag, Meisengezwitscher und immer aufs neue der melodische Lockruf einer Ringdrossel. Das Tälchen schon tief umschattet, und über ihm das zitronenfarbene Leuchten des reinen Abendhimmels. Bei den zwei Packpferden, die zu grasen begannen, stand mit scheuem Blick die Tochter der Hasenknopfin. Neben ihr, aufrecht und äußerlich ruhig, der Jäger Leupolt Raurisser im grau verwitterten Bergzeug, in der Hand den langen Griesstecken, hinter dem Rücken den Waldsack. Auf seiner Stirn brannte noch die Nachglut seiner Begegnung mit Luisa und der Mutter. Als er die zwei Herren kommen sah, erwachte ein dürstendes Forschen in seinem Blick. Welcher von den beiden war der Helfer für seiner Brüder verzweiflungsvolle Seelennot? Welcher hatte die starke Hand des ersehnten Retters? Das junge, windige Soldätl? Das schlapp herunterrutschte vom Gaul? Den Hut ziehend, hoffenden Glanz in den Augen, trat Leupolt auf den Geheimrat zu: "Gottslieben Gruß in meiner notvollen Heimat. Es ist ein heilig Ding, ist Euers und meins. Ich bin geboten zu Eurem Dienst. Viel gute Herzen harren auf Euch in Drangnus und Sorgen."

Noch im Sattel fragte Danckelmann: "Kann er sich ausweisen?"

Leupolt, wie es ihm der Zettel des Hasenknopf befohlen hatte, entblößte die breite weiße Narbe an seinem braunen Hals. Da fühlte er, das ein Arm sich um seine Schulter legte. Neben ihm stand das Soldätl, hatte einen glänzenden Blick und sagte ernst: "So invulnerabel is sein Glaube? Das ihn keen Eisen lädieren kann?"

Verwirrt vom Leuchten dieser stahlblauen Augen, antwortete Leupolt verlegen: "Herr, ich versteh nit." Sich dem Arm des Offiziers entwindend, sah er zu Danckelmann auf: "Lang dürfen wir uns nit verhalten. Es geht über mürben Schnee, und der Weg ist weit. Wir müssen vor Nacht im Hüttl sein. Da können wir rasten. Wer geht außer Euch noch mit?"

"Wir alle, sobald die Pferde versorgt sind."

"Vier Leut?" Der Jäger schüttelte den Kopf. "Mir ist geboten: Du führst einen Herrn und seinen Diener. Es geht um heilige Sachen. Da muss man es machen, wie's recht ist."

Danckelmann wollte ärgerlich erwidern. Da wehrte der junge Offizier französisch: "Das ist ein gewissenhafter Mensch. Was er haben will, muss geschehen." Mit Wohlwollen betrachtete er den Jäger und sagte deutsch: "Er führt uns beede. Det is der Herr, ick bin der Diener." Er ging auf den Soldaten zu. "Hänne! Meine Grammatik!" Der mann riss hurtig ein kleines Buch aus der Satteltasche, reichte es seinem Herrn und salutierte so wunderlich eckig, dass Leupolt schmunzeln musste. Der Offizier schob das Buch in die Rocktasche. "Weiter, Hänne! Versorg man die Gäule gut! Gieß er nicht zu viel hinter de Binde und molestier er die Menscher nich. Man kann es missen. Uff morjen!"

Als der Soldat und der Bediente hinter dem Mädel, das sie zur Herberg führen sollte, davonritten, rief Leupolt: "He! Wo ist denn das Zeug für die Herren?"

"Unsere Mäntel haben wir!", sagte Danckelmann. "Was noch? Ist Zehrung nötig?"

"Das nit. Mit Zehrung hat die Schneckin das Hüttl gut versorgt."

"Wer?", staunte der junge Offizier.

"Die Schneckin." Leupolt war auf den Bedienten zugegangen. "Wo sind die Hemmeder? Jeder von den Herren muss ein Hemmed haben."

Neugierig fragte das feine Soldätl: "Wat is det: ein Himmat?"

Danckelmann verdolmetschte: "Je crois qu'il veut dire une chemise."

"Mais voilà -", der junge Oberst zog in heiterer Laune den Soldatenrock auseinander, "ich habe bereits ein Himmat."

Leupolt blieb ernst. "Durch den Schnee hinauf wird's schwitzen heißen. Und droben geht ein schneidiger Luft. Da müssen die Herren in trückene Wäsch kommen."

"Danckelmann, det is 'n fürsorglicher Mensch." Der junge Oberst rief dem Soldaten zu: "Flink, Hänne, raus mit 'n Himmat!" Und wieder zu Danckelmann, französisch: "Ich beginne Deutsch zu lernen."

Als Leupolt das zusammen gewickelte Päckl mit den zwei Hemden erhielt, fragte er: "Und die Bergschuh?"

Der Geheimrat wurde ungeduldig. "Er sieht doch, dass wir tüchtig gestiefelt sind."

"Ja, Herr, das sind grad die richtigen Rutschkarren. Die bleiben Euch stecken im Schnee, wie das Mäusl in einem Mehlsack."

"Wat anderes als meine königlich preußischen Kommisskanonen hab ich nich!", lachte der Oberst. "Die muss ick ooch heil wieder heimbringen. Sonst kreiden se mich beim Regiment den außerdienstlichen Schaden an."

Auch Danckelmann wurde heiter. "Soll ich vielleicht die Lackschuhe meiner Gesandtengala auspacken?"

Leupolt verstand, dass da nichts zu wollen war, und sagte zu der Tochter der Hasenknopfin: "Weißt, fremde Leut, die sich bei uns nit auskennen! Sind die Rößlen versorgt, so spring zum Hiesel Schneck. Er soll meine neuen Schuh zum Holzerhüttl hinaufbringen. Die passen dem gnädigen Herrn. Und für das Soldätl, dass Füßlen hat wie ein Weiberleut, muss die Schneckin ihre Sonntagstäpperlen hergeben. Und feste Söckeln. Und Schneegamaschen. Wenn der Schneck sich tummelt, kann er droben sein im Hüttl, bis wir kommen. Unser Umweg um die Grenz ist weit. Und im Hüttl soll der Schneck gut feuern. Dass die Herren nit frieren müssen. Gelt?" Das Mädel sprang den Gäulen voraus. Leupolt gab das Hemdenpäckl mit dem Kragen des Geheimrats in seinen Rucksack und schob den Militärmantel des Obersten hinter die Tragriemen. "So, Ihr Herren! Los!" Bei der ersten Haselnussstaude zog er das Messer.

"Wat macht er da?"

"Für die Herren schneid ich einen guten Stecken."

"Ick will keenen Stock!", sagte das junge Soldätl mit seltamer Heftigkeit.

"Muss ich den Stecken halt tragen derweil, bis der Herr ihn nimmt." Leupolt reichte dem Geheimrat den eigenen Bergstock. "Der ist minder schwer, weil er dürr ist." Im Weiterschreiten säuberte er die zwei geschnittenen Stöcke von den Zweigen.

Durch das von Stauden eingedeckte Tälchen lief ein Fußpfad hinauf, der unter dem Widerschein des leuchtenden Himmels wie Messing glänzte. Der junge Oberst war immer voraus. Er schien die Wanderung in der Abendkühle und in der reinen Höhenluft wie eine sein ganzes Wesen belebende Erfrischung zu genießen. Einmal blieb er stehen, breitete die Arme, als mächte er alle Schönheit des Abends in seine Seele reißen, und deklamierte französische Verse mit dem Pathos eines verzückten Schauspielers. Häufig glitt er aus, kam aber nie zu Fall, rettete sich jedes Mal mit einem kecken Sprung auf sicheren Boden und lachte.

Danckelmann begann mit dem Jäger zu reden, fragte nach den Berchtesgadnischen Bekennern, nach ihrer Not, nach ihren Plänen. Leupolt, während er antwortete, hob immer lauschend den Kopf. Endlich merkte er, dass dieses leise Klirren, das ihn an Grenzmusketiere denken ließ, von den Sporen der Herren kam. "Die müssen weg. Da könnt's im Holz einen Purzelbaum geben." Erst schnallte er dem Geheimrat die Riemen von den Füßen, dann holte er mit flinken Sprüngen den anderen ein, kniete vor ihm nieder, löste seine Sporen und band im kreuzweis eine feste Schnur um jede Stiefelsohle. "Da rutscht Ihr minder."

"Sieh mal," lachte das Soldätl, "sonne Strippe, richtig appliziert, kann zu allerlei nützlichen Dingen servieren. Zum Hängen und zum fest uff die Beene stellen."

"So, Herr!" Leupolt erhob sich. "Und nit so hitzig beim Steigen. Da verliert man fürzeitig den Schnaufer. Bei uns, wo steiler Bergweg ist, da grüßt man allweil: Zeit lassen."

"'n gutes Wort!" Die blitzenden Stahlaugen träumten ins Weite. "Zeit lassen?" Freundlich legte der junge Oberst dem Jäger die Hand auf die Schulter. "Also, her mit 'n Stock! En avant, voran! Von 'nem Verständjen lässt man sich jerne dirigieren."

Sie stiegen der von schwarzen Wäldern umflossenen, von tausend Schneeflecken durchwürfelten Höhe zu. Das Rauschen der Wildwässer hing wie das Lied eines Unsichtbaren in der schimmernden Abendluft.

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