Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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Kapitel 21

Nach Ostern, am Vormittag vor der Neumondnacht im April, fuhr ein Leiterwägelchen, das von Berchtesgaden kam, durch Bischofswiesen gegen den Hallturm. Die Sus kutschierte. Hinter ihr saßen zwei Paare, die nicht zueinander gehörten und sich doch bei den Händen gefasst hielten: Meister Niklaus und Mutter Agnes auf dem ersten Brett, Pfarrer Ludwig und das Luisli auf dem anderen. Ihre Gesichter und Augen erzählten von harten Tagen. Während der Fahrt durch Bischofswiesen redete keins von den Fünfen ein Wort. Und die Sus schlenkerte immer die Zügel und trieb das Gäulchen, als könnte sie das kaum erwarten: Zum letzten Haus des erschreckenden Dorfes zu kommen.

Ein Frühlingsmorgen, voll Sonne, duftend von allem Reiz des neu Erstehenden in der Natur. Was dieser Morgenglanz an Leben umschimmerte, war Trauer, Menschenelend und Verwüstung. Viele Häuser standen leer und hatten rot angestrichene Türen und Fensterstöcke. Die Leute, die man aus ihren Lehen getrieben hatte, wohnten hinter den Hausgärten in Bretterschuppen. Mit dem eng übereinander gestellten Hausrat sahen diese Zufluchtsstätten aus wie Trödlerbuben eines unfröhlichen Jahrmarktes. Nur wenige Häuser waren gegen früher völlig unverändert. Dazwischen lagen bewohnte Lehen, deren gewaschene Fensterstöcke und Türen nur noch einen matten, rötlichen Schiller hatten - das Zeichen der Heimkehr zum fürstpröpstlichen Glauben. Wer sich aus der Bekennerliste streichen ließ, bekam mit der Anwartschaft auf die ewige Seligkeit auch ein Fläschl Terpentin, um Türen und Fensterstöcke wieder gutgläubig zu machen.

Lenzfreude und munteres Leben ließ sich auch an den Häusern nicht entdecken, die noch bewohnt waren. Alte Weibsleute hockten stumm in den Höfen. An den Fenstern sah man verschüchterte Kindergesichter. Bejahrte Männer waren beim Umgraben der Gärten. Durch offene Türen sah man in leere Ställe. Das Vieh war davon getrieben. Den Bußfertigen hatte man reichlich des Himmels Gnade zugesagt, aber die Rinder nicht mehr zurückgegeben. Die waren von der Salzburgischen Soldateska schon aufgefressen, bevor im Bauer die christliche Reu erwachte. Neben einem geplünderten Haus war ein Feld überstreut mit den Holzscherben zerschlagener Kästen und Bettstellen. Es erinnerte an des Haynachers Gerstenacker, auf dem die Holzfetzen der Kreuze umherlagen, die der Christl unermüdlich, mit einem an Wahnwitz grenzenden Eigensinn auf das Grab seiner Martle steckte, und die von gutgläubigen Händen immer wieder zertrümmert wurden. Dann kam in der Dorfgasse ein grau und schwarz gesprenkeltes Loch, die Brandstätte dreier Höfe. Überall fingen die Bäume und Hecken zu grünen an; die Obstbäume der niedergebrannten Höfe treiben keine Knospe mehr. Sie waren von der Feuerhitze versengt, waren fuchsig rot wie verschmachtete Wacholderbüsche.

Nur die spielenden oder brünstig trabenden Hunde, die den Frühling in sich verspürten, und die gackernden Hennen schienen zu Bischofswiesen noch beweisen zu wollen, dass die Freuden des Lebens nie ganz erlöschen. Hörte man fröhliche Menschenstimmen, so kam's von den Soldaten Gottes, die in der Sonne auf Bänken saßen und mit dem Knöchelbecher einander das Plündergut und die Bekehrungsgroschen abnahmen. Im Gärtl des Wirtshauses war eine halbe Kompanie beisammen. Als die Soldaten des Leiterwägelchen kommen sahen, reckten sie die Köpfe, und ein Lustiger rief: "Ihr tapferen Eisenbeißer! Zum Sturm! Da rutschen zwei saubere Weibsleut her!" Gleich kam das ganze bunt gelitzte Rudel herangesaust. Die Sus bekam ein zorniges Gesicht, Luisa wurde bleich, und Mutter Agnes schrie der blonden Magd über die Schulter zu: "Tu doch das Rössl treiben!" Das Gäulchen war schon umstellt und festgehalten.

Da zuckte Pfarrer Ludwig vom Sitzbrett auf. In seiner schwarzen hageren Länge sah er wunderlich aus, verblüffend durch sein grimmiges Warzengesicht mit dem wehenden Weißhaar. Die Soldaten stutzten und wurden unschlüssig. Weil der Pfarrer das merkte, konnte er einen heiteren Ton finden: "Die sturmfreudigen Herren haben sich umsonst bemüht. Mutter Mälzmeisterin, zeig den gütigen Kindlen Seiner apostolischen Majestät den Passierschein der Pflegerkanzlei! Die vier Leut da sind vom gnädigsten Herrn Fürsten meinem Schutz vertraut. Ich bin Kapitelherr des Stiftes." Diese beiden letzten Sätze waren eine anderthalbfache Lüge. Auf einem Spaziergang war Pfarrer Ludwig dem Wägelchen begegnet. In seiner Sorge um den Freund war er aufgesprungen und mitgefahren, ohne zu wissen, wohin. Und seit dem Versöhnungschießen stand Pfarrer Ludwig auf der schwarzen Tafel, was bedeutete: Dass man ihm an Pfingsten zu Ehren des heiligen Geistes die Kapitelfähigkeit herunterkratzen würde. Er schien der Meinung zu sein, dass er die kurze Zeit seiner stiftsherrlichen Unverletzlichkeit noch ausnützen müsste, stieg über das Vorderbrett, nahm der Sus die Zügel aus der Hand, klatschte dem Gaul eins über den runden Hinterbacken und lachte unter dem Geholper des flink werdenden Wagens: "Wenn der Mensch nur allweil bei der Wahrheit bleibt! Da findet er überall offenen Weg." Hinter dem Rädergerassel verklangen die Späße der Musketiere.

Meister Niklaus drehte mit Zorn funkelnden Augen das blasse Gesicht und ließ die Feder seines Stockdegens, den er gelockert hatte, wieder einschnappen. "Alles um Gottes wegen!"

"Nit, Vater!" Luisa legte die zitternde Hand auf seinen Arm. "Tu nit lästern! Das wär kein Segen für den heutigen Weg. Gott ist fern von den bösen Dingen, die jetzt geschehen auf der Welt. Warum er sie nit hindert, das versteh ich nimmer."

"Ach, Kindl!", seufzte die Mälzmeisterin. "Beim Anblick der irdischen Narretei wird sich der Allgütige halt denken: Ich muss die blinden Schermäus einmal wursteln lassen, bis sie einsehen, wie schafköpfig und strohdumm sie sind."

"Ganz so wird's wohl nit sein." Im Gesicht des Pfarrers tänzelte die große Warze. Er gab der Sus die Zügel und kletterte zu seinem Brett zurück. "Ein solches Experiment Deines Allgütigen wär für die Menschheit ein bissl zu kostspielig."

"Allmächtig ist er aber doch? Warum also lasst er so viel Zwidrigkeiten zu?"

"Lang dauert's nimmer, bis ich hinauf komm zu ihm. Da will ich ihn fragen. Dann schreib ich Dir ein Wolkenbrieferl und schick's mit dem Weihnachtsengel."

Halb erheitert, schüttelte die Mälzmeisterin den grau gewordenen Kopf. "Und allweil noch ein Späßl!"

"Ist's nit hilfreicher als der Jammer, als der Zweifel und die Schimpferei?"

Von diesem Wortwechsel hatte Meister Niklaus nicht viel gehört. Immer hatte er zurückschauen müssen zu dem verwüsteten Dorf. "Wie schön ist das Örtl gewesen! Und jetzt!"

"Ja, Nicki! Kein Wunder, wenn einem die Wanderlust in die Sohlen fahrt. Gestern hat sich als Exulant einer einschreiben lassen, von dem ich es nie erwartet hätt. Der Christl Haynacher."

Erregt, eine irrende Verstörtheit in den Augen, sagte Niklaus: "Sogar der bekennt!"

"Das nit! Der exuliert als Katholik. Augen kriegt er, aus denen was Schreckhaftes herausschaut. Und allweil ist das seine Klag: Dass die undankbare Menschheit sein schwarzweißes Pärl schon völlig verschwitzt hat." Der Pfarrer nickte. "Wahr ist's! Außer dem Christl und meinem hoch verehrten Herrn Amtsbruder Jesunder denkt an das traurige Doppeltödl nur noch ein einziger! Bei Tag und bei Nacht!"

Ernst fragte der Meister: "Wer, Ludwig?"

"Das Justizkamel!" Der Pfarrer lächelte. "Er bohrt und bohrt und bringt es halt nit heraus. Und den Christl - den einzigen, der ihm sagen hätt können, wie das Wunder geschehen ist - den hat er gestern hinauswerfen lassen aus der Kanzlei. Da ist der Christl geraden Wegs zum Exulantentischl gelaufen."

Der Meister knirschte erbittert vor sich hin: "Es wühlt in jedem." Was war an diesem kleinen Wort? Die Sus bekam erweiterte Augen, und Luisa erschrak, dass ihre Züge sich veränderten. "Vater?" Die angstvolle Frage bleib ohne Antwort. Zwei Grenzmusketiere, die auf der Straße marschierten, hatten das Wägelchen kommen sehen und verstellten ihm den Weg. Der eine, ein alt gedienter Soldat, fasste den Gaul am Zaum. "Wohin, ihr Leut?"

"Zum Hallturm hinaus."

"Da lasst uns aufsitzen, wir haben einen pressanten Dienstweg. Sonst müsst ich das Wägl in Beschlag nehmen."

"Es geht schon!", sagte die Mälzmeisterin flink. "Komm, Sus, gib das Bockbrettl her! Du hast noch Platz zwischen dem Meister und mir." Während die Musketiere aufkletterten, flüsterte der jüngere dem älteren zu: "Tu sie ausfragen!" Dieser Musketier schien die Aufmerksamkeit des Pfarrer zu erwecken. Er gab seinem Freunde einen Stupps und zwinkerte gegen den Soldaten hin. Der war auch dem Meister schon aufgefallen, wegen des schwarzen Bartgestrüpps, das ein bisschen and en Fasching erinnerte. Seine Bewegung waren nicht sehr militärisch. Der ältere Musketier fragte so unermüdlich, dass schließlich nur Mutter Agnes noch Antwort gab. Der Junge mit dem sonderbaren Bart sprach keine Silbe mehr. Als das Wägelchen in der Nähe des Hallturmes vor der Herberg hielt, glitt er flink vom Wagen herunter, salutierte faschingsmäßig und ging rasch davon. "Ein wüster Kerl, ein grauslicher!", murrte die Sus, während sie dem Rössl das Zaumzeug über die Ohren zog.

Der Pfarrer nahm den Meister beiseite. "Ich lass mir einen Finger abschneiden, wenn das nit ein Polizeispion gewesen ist. Was er beim Hallturm sucht, das kann ich mir denken." Seine Stimme wurde noch leiser. "Heut in der Nacht ist Neumond." Er sah zum weißen Schneegrat des Toten Mannes hinauf. "Verstehst Du, Nick?"

Der Meister atmete in schwüler Unruh. Und drüben beim Wägelchen nahm Mutter Agnes Luisas Gesicht, das in Glut und Blässe wechselte, zwischen zärtliche Hände. "Nit aufregen, Kind! Es wird schon alles gut gehen. Fest beispringen musst Du mir halt!" Luisa nickte, und ihre suchenden Augen füllten sich mit Tränen. "Nit, Kindl! Du gehst einem Lachen entgegen, keinem Leid. Wär ich ein Bub, so tät ich sieben glückselige Sprüng machen um Dich." Frau Agnes schmiegte die Wange an Luisas Haar. "Alles in Dir ist Sehnsucht worden. Sonst hab ich allweil gehofft auf meinen Herrgott, heut hoff ich auf Dich. Mein Bub hat doch Augen. Nit?"

Der Pfarrer kam. "Also, wir machen es, wie's beredet ist?"

Mutter Agnes bettelte: "Wär's nit doch am besten, ich tät gleich hinüber laufen zu ihm?"

"Bei den Schneckischen hättst Du ein hartes Reden. Komm, die Herbergsmutter wird schon wen haben, der ihn holen kann. Derweil bestellen wir für unser Sechse eine feste Mahlzeit."

Frau Agnes und Luisa sagten das gleiche Wort: "Ich kann nit essen."

"Dass muss man können." Der Pfarrer legte den beiden die Arme um die Schultern. "Ach, ihr Weiberleuten! Ob Freud oder Weh, allweil hängt ihr zuerst den Magen an den Bindfaden."

Niklaus stand noch immer auf der Straße, spähte zum Toten Mann hinauf und wieder hinüber gegen die Büsche, hinter denen der Musketier mit dem sonderbaren Bart verschwunden war. Nun ging der Meister zur Herberg hinüber. Da kam die Sus gelaufen, mit groß geöffneten Sorgenaugen: "Meister? Was ist das für ein Wörtl gewesen? Dass es wühlt in jedem?"

Den Kopf beugend, fragte er in Trauer: "Verstehst Du das nit?" Eine Weile stand sie unbeweglich, dann nickte sie stumm. Ganz leis wurde seien Stimme: "Wenn's so kommen müsst? Was tätst Du, Sus?"

Mit einem Lächeln, aus dem alle treue Tiefe ihres aufgeopferten Lebens herausglänzte, sagte sie: "Bleibt der Meister, so bleib ich. Geht der Meister, so geh ich."

An den beiden surrte ein junger Bub vorbei. Der sprang hinüber zum Schneckenhäusl. Nach einer Weile brachte er die Botschaft: "Der Jäger Raurisser ist nit daheim, ist droben am Berg. Am Nachmittag, hat die Schneckin gesagt, gegen die vierte Stund muss er heimkommen." Das wurde nun eine qualvolle Zeit des Martens. Alle paar Minuten guckte Frau Agnes nach der Sonnenuhr, die über der Herbergstür an der Mauer war. "Heut muss die Sonn langsamer laufen, wie sonst." Noch ehe der Schattenstrich hinrückte gegen die Vier, verlor die Mälzmeisterin ihre letzte Geduld. Sie umklammerte die hieße Hand des Mädchens. "Komm! Jetzt springen wir ihm entgegen, den Berg hinauf, und schreien uns die Seelen aus dem Hals. Darf der Kuckuck schreien im Frühling, warum sollen die Menschen nit schreien dürfen?" Sie riss das wortlose Mädchen mit sich fort. Zum Haus des Hiesel Schneck hinüber war es nicht weit. In dem engen Weisentälchen konnte man den Weg nicht verfehlen. Auch war der Pfad gut ausgetreten von den Schneckischen Nagelflößen. Drei schwarze Ziegen trotteten mit kleinen Bimmelschellen und klunkernden Eutern über den Weg, man hörte die müde Stimme des Schneckenweibls locken, und durch die Stauden schimmerte in der Sonne die alte Balkenmauer.

Ein erstickter Laut. Mutter Agnes fing an allen Gliedern zu zittern an. "Mein Bub! Da kommt er!" Nun ein leises Betteln: "Kindl? Gelt? Das erste Wörtl tust Du der Mutter lassen!" Nur nicken konnte Luisa und sprang in den knospenden Buchenwald hinein. Mutter Agnes, immer fröhlicher atmend, hing mit leuchtendem Blick and er festen Gestalt des Sohnes, den das Gewirr der Stauden noch umschleierte. Er war ohne Waffe, trug den Bergsack auf dem Rücken, den langen Griesstrecken in der Faust. Gleich sah die Mutter: Der ist gesund, gesünder als je! Huschend glitt vor ihren Gedanken ein Bild vorüber: Der Marktplatz zu Berchtesgaden, der Brunnen mit den Musketieren, das erregte Menschengewühl und der Blutende am Holz der Unehr.

Leupolt, langsamer schreitend, blickte nicht auf den Pfad, sah und lauschte immer gegen den Hallturm hinüber. Und plötzlich sprang er auf die Stauden zu, wandte sich gegen die bayrische Grenze und verschwand hinter brechendem Gezweig.

"Leupi!", schrie die Mutter mit erdrosseltem Laut.

Ein Rauschen im Gebüsch. Nun tauchte er aus den Stauden heraus, Schreck und Hoffnung in den Augen. Ein heißer, glückseliger Schrei: "Herr Jesus! Mutter!" Hätte sie es noch nie gewusst, wie er hing an ihr, mit jeder Faser seines Lebens, mit jedem Blutstropfen seines Herzens, so hätte ihr's dieser Schrei gesagt, dieses glückliche Aufglänzen seiner Augen. Lachend wie ein Kind, stieß er den Griesstecken in den Wiesgrund, warf das Hütl dazu und sprang ihr entgegen: "Mutter! Mutter! Mutter!" Verstummend riss er sie an sich, und sie hing an seinen Hals geklammert, in Freude stöhnend unter dem Druck seiner stählernen Arme.

Nicht weit von den beiden stand eine Zitternde im Schatten des Waldes und presste das Gesicht in die Hände. Noch in keiner träumenden Sonnenstunde, noch in keinem Blutschauer ihres jungen Leibes, in keiner von den schlaflosen, mit wirrem Gebet durchstammelten Nächten hatte sie so brennend den Durst nach dem Augenblick empfunden, in dem seine Arme sie umklammern würden, wie er jetzt die Mutter umschlungen hielt.

Er hob das Gesicht. Weil die Haube seiner Mutter zurückgefallen war in den Nacken, sah er das grau gewordene Haar. Schweigend küsste er den entfärbten Scheitel, presste die Mutter noch fester an sich, erschrak - und fragte: "Hab ich Dir weh getan?"

Mit feuchten Augen lachte sie an ihm hinauf. "Das ist doch einer Mutter liebste Freud, wenn sie merkt, wie stark ihre Buben sind. Jetzt ist mir's mit blauen Flecken auf den Leib geschrieben, wie gesund Du wieder bist." Sie sah die weiße Narbe an seinem Hals und strich mit den Fingerspitzen drüber. "Du, das ist schön geheilt."

Er nickte. "Was Du mir geschickt hast von ihr, ist wie ein Wunder gewesen. Sag ihr ein Vergelts Gott von mir! Sag ihr: Mir ist gewesen wie einem Baum, wenn ihm der Frühling die Eisrind forthaucht! Mutter, wie lebt sie? Wann hast Du sie das letztmal gesehen?"

Ein Erglühen ging ihr über das Gesicht. "Nit lang ist's her."

"Das musst Du mir alles erzählen - einmal - nit jetzt." Er warf einen forschenden Blick nach dem Stand der Sonne. "Heut haben wir nit viel Zeit. Ich muss einen Weg machen, den ich nit versäumen darf. Aber allweil reicht's noch ein paar Vaterunser lang. Muss ich halt nachher doppelt springen." Er sah nicht, wie sie erblasste. "Da drüben, komm, wo der Baum liegt, können wir uns niedersetzen." Die Wange an ihr Haar schmiegend, führte er sie über den Weg hinüber. Als sie auf dem Baumblock saßen, nahm er ihre Hände. "Wie geht's dem Vater und den Brüdern?"

Alle Freude war zerdrückt in ihr. "Wie's einem halt gehen kann in heutiger Zeit. Keiner hat mehr ein richtiges Lachen."

Da sagte er froh und fest: "Die Zeit wird besser. Tu Dich gedulden." Eine Sorge schien ihn zu befallen. "Mutter? Dass Du bei mir bist, so? Wirst Du das nit ungut zahlen müssen?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich hab Verlaub."

Zögernd wiederholte er dieses Wort. "Verlaub?" Sein Blick wurde schärfer. "Von wem?"

"Vom gnädigen Herrn." Sie sah, wie sein Körper sich streckte. Angstvoll umklammerte sie seine Hand und brachte kaum einen klaren Laut heraus. "Gestern - da hat er mich rufen lassen - und hat mich in aller Güt gefragt, ob mich nit bangen tät nach Dir -"

"Güt?" Er machte mit der Hand eine Bewegung. "Nein, Mutter! Güt ist ein ander Ding. Rechtschaffene Güt vergönnt jeder Menschenseel, was ihr heilig ist, will nit ausbrennen, was tief im Leben sitzt. Du sollst mir die Botschaft des Fürsten nit ausrichten. Da bist Du mir zu gut dafür. Verstanden hab ich schon." Eine Sekunde schwieg er. "Am Osterdienstag hat mir der Wildmeister einen Deuter geschickt. Heut schicken sie mir die Mutter. Weil sie meinen, was meinem Herzen das Wärmste ist, das tät mich umschmeißen! - Mutter? Hast Du Dir nit gesagt: Das ist mein Leupi?"

"Allweil und allweil hab ich mir's fürgesagt. Und bin halt doch gesprungen in Freud und Zutrauen. Tust Du mir das verdenken, Bub?"

Er zog sie an sich, streichelte mit schwerer Hand ihr erloschenes Haar und sagte ruhig: "Ich soll mich bußfertig erweisen? Gelt? Soll den Glauben nieder drucken, soll lügen wider Gott und gegen mich selber? Und alles, was sie Untreuheißen, tät mir verziehen sein? Weil sie meinen: Die Dritthalbtausend, die noch standhalten, die sich nit haben umwerfen lassen von Kapuziner und Musketier, von Geldbuß und Hausbrand, von Not und Elend, von Kinderaugen und Landslieb - die soll mein Beispiel wacklig machen und umreißen? Gelt?"

Sie zitterte. "Ach, Bub -"

"Ich will nit reden von der Wahrheit in mir, von Ehr und Treu. Keiner, Mutter, ist um seiner selbst willen auf der Welt. Jeder ist um der anderen wegen da. Und ein Wegweiser darf nit Brennholz werden. Ein Sturm kann ihn werfen, und faul kann er werden im Balken. Da müsst ihn aber erst das Alter dürr machen. Ich bin jung, mich wirft der Sturm nit, und was Faulkrankes ist mir nit in der Seel. Die Brüder und Schwestern, die in Not und Verzweiflung nach einem Helfer dürsten -" Verstummend, von einem Schreck befallen, hob er das Gesicht gegen die Sonne und stammelte: "Jesus! Mutter, Du gute! Jetzt muss ich fort. Ich muss!" Mit hetzenden Sprüngen jagte er über den Weg hinüber, riss den Griesstecken aus der Erde, raffte das Hütl vom Boden auf, kam zurückgesprungen und schlang den Arm um den Hals der Mutter. "Sag's dem gnädigen Herrn! Ein anderes Wörtl hab ich nit. Dass ich Dich sehen hab dürfen, das soll Dir unser Herrgott in Güt vergelten."

Eine letzte Hoffnung in den Augen, flehte sie zu ihm hinauf: "Der unsere?"

Um seinen Mund ging ein schmerzendes Lächeln. "Muss ich halt sagen: Der Deine und der meinige. Tu mir den meinen nit schelten, und ich will den Deinigen in Ehren halten. Wir zwei, Mutter, haben uns noch allweil verstanden. Täten es uns die anderen nachmachen, so wär der Weltboden ein Frühlingsacker. Tu mir den Vater grüßen, gelt! Jetzt muss ich -"

Sie heilt seinen Arm umklammert, und ihre Stimme schrillte: "Luisli! Luisli! Allgütiger, so hilf mir doch!"

Leupolt, sich verfärbend, stand einen Augenblick wie zu Stein verwandelt. Das traf ihn, als wär's ein Balkenstoß gegen seine Kehle, und wurde binnen drei Herzschlägen für ihn eine trinkende Freude, ein Rausch seiner Liebe. Die sein Gedanke und seine Sehnsucht war bei Traum und Wachen, die Seele seiner Seele, das Blut seines Blutes, der süßeste Inhalt seines Lebens - da stand sie vor ihm, hold und liebenswert, eine zur Blume entbronnene Knospe, ein Weib gewordenes Gebet, die Hände nach ihm gestreckt, die nassen Augen glänzend und bekennend. Alle Welt versank ihm, er sah die Mutter nimmer, sah nicht den Meister und den Hochwürdigen, die inmitten des ergrünenden Tälchens standen. "Luisli!" Ein Sprung, der wie ein Aufjauchzen seines jungen Körpers war.

Erschrocken stieß sie die Arme vor sich hin, wie um ihn fernzuhalten. Oder wollte sie seine Hände fassen, seine Brust berühren, seinen Hals umwinden? Und versagte ihr nur die Kraft? Ihre Arme fielen. Halb einer Ohnmacht nahe, stand sie vor ihm. Alles Blut war aus ihren Wangen entflohen. Nur ihre Augen lebten und hatten Glanz, waren voll Scham und Sehnsucht, voll Zweifel und Hoffnung. "Leupi?" das war ein Laut, als spräche nicht ihr Mund, nur ihre Seele. "Magst Du Dich nit besinnen? Tust Du es nit mir zulieb? Um Deiner Seel wegen hat mir der liebe Gott befohlen, dass ich die Wahrheit reden muss. Derzeit Du am Holz gehangen, ist alles Kühle und Fromme in mir ein anderes worden. Tu ich beten, so kann ich nimmer an die Heiligen denken, muss allweil denken an Dich. Jede Nacht ist mir ein einziges Träumen von Dir. Jeder neue Morgen hat mir den Glauben in die Seel geschrieen: Heut kommt der Leupi. Ich hab geharrt den ganzen Tag. Am Abend ums Betläuten hab ich in Trauer sagen müssen: Heut wieder nit! Und hab in der Nacht aus Sünd und Seligkeit tausendmal die Händ gehoben - nach meinem Herrgott oder nach Dir, ich weiß nit recht - so leib bist Du mir worden, ich kann's nit sagen -" Verstummend presste sie das erglühende Gesicht in die Hände, und ihr feines, schmuckes Körperchen krümmte sich tief zusammen.

Frau Agnes, zwischen Hoffnung und Sorge, nickte immer wieder ihrem Buben zu und machte mit den Händen nachhelfende Bewegungen. Und neben dem Meister Niklaus, der in Unruh die zwei jungen Menschen betrachtete, als würde hier nicht nur das Lebensglück seines Kindes, auch noch etwas anderes entschieden - neben diesem erregten Mann stand der lange Pfarrer, hielt den Kopf zwischen die Schultern gezogen, schlenkerte seinem Hakenstock, guckt missmutig drein und murrte: "Da wird's halt wieder aufkommen, dass Manndl und Weibl schwerer wiegen, als Himmel und Höll!"

Leupolt schwieg noch immer, unbeweglich, den Bergstecken vor sich hingestemmt, einen frohen, heiligen Glanz in den Augen, ein Lächeln seiner tiefen Freude um die stummen Lippen. Nun beugte er sich langsam gegen das Mädchen hin und sagte leis: "So heb doch das Köpfl, Luisli! Schau mich an! Ein rechtes Vergelts Gott muss man einem in die Augen sagen. Du hast mich zum reichsten Mannsbild auf der Welt gemacht. Jetzt ist mir alles ein Maigarten und Sonnenweg. Vergelts Gott, Du Liebe!" Er streckte die Hand und ließ sie zärtlich hingleiten über ihr schimmerndes Haar. Als hätte diese Berührung seine feste Ruhe verwandelt in einen Sturm seines Durstes nach ihr, so klammerte er plötzlich den Arm um ihren Nacken und presste den Mund auf ihren Scheite. "Dass ich Dein bin und keiner anderen nimmer? Gelt, Luisli, das weißt Du?"

In Freude stammelte Frau Agnes: "Gott sei Lob und Dank!" Und Luisa, unter glückseligen Auflachen, verschönt, erglühend, nahm sein Gesicht zwischen die zitternden Hände: "Gelt, jetzt gehst Du mit uns?"

Er schüttelte den Kopf. "Heut nit. Das kann nit sein, Herzliebe!" Ein rascher Blick nach der Sonne. "Heut hab ich einen Weg. Da darf mir auch das Glück und alle Herzfreud keinen Riegel nit drüber schieben."

Meister Niklaus bekam ein brennendes Gesicht, und die missmutige Laune, die in dem Warzengesicht des Pfarrers gewittert hatte, schien sich merklich zu bessern.

Erschrocken bettelte Luisa: "Schau, je flinker Du bereuen tust, so gottsfreudiger machst Du Deinen Weg."

"Bereuen?" Er richtete sich auf. Sein Lächeln blieb. "Ich wüsst nit, was ich bereuen müsst. Mein Weg ist ein anderer, als Du meinst. Das ist ein Festes. Ich geh mit der ersten Exulantenschar. Aber kommen tu ich noch. Zu Dir. Und frag Dich, ob Du mitgehst."

Sie wehrte mit den Händen.

"Nit so! Das musst du Dir in Ruh überlegen. Kannst Du es tun, so sollst Du auf jedem Weg meine Händ unter Deinen Füßlen spüren. Musst Du Nein sagen, so bleib ich allweil - ich weiß nit wo - der Deinige bis zum letzten Schnaufer." Ein tiefer Atemzug. "Jetzt muss ich fort. Die Sonn will über den Berg hinüber." Seine Hand umschloss die ihre. "Du Liebe! Alle Gütigen im Himmel sollen Dich hüten! - Und Dich, Mutter!" Ein paar flinke Sprünge, und er war schon drüben bei den Stauden. Da verstellte ihm einer den Weg. Betroffen wandte Leupolt das Gesicht und sah in die leuchtenden Augen des Meisters Niklaus.

Ein leises, fröhliches Wort. "Bub, Du hast es mir leicht gemacht. Ich will bekennen."

In heißer Freude klammerte Leupolt die Hand um die Schulter des Meisters. Ein Zögern, ein kurzer Kampf, nun ein rasches, lachendes Flüstern: "Tu Dich aufrichten! Ein Helfer kommt." Dann sprang er in die Stauden und war verschwunden. Wie ein Träumender sah Niklaus zu seinem Kind hinüber, das schluchzend am Hals der Mutter Agnes hing.

Pfarrer Ludwig kam auf den Meister zugegangen, viel größer, als er vor einer Minute ausgesehen hatte. "Nick? Was sagst Du?" Er deutete mit dem Hakenstock gegen die Stauden hin, die hinter dem Verschwundenen noch schwankten. "Wie der Bub davon gesprungen ist, da hab ich mir was denken müssen." Seien Stimme bekam einen jungen Klang. "Römisch oder evangelisch? Das ist die Frag nit. Zwei feste Geschwister, die Zeit und der Menschenverstand, die werden Brücken bauen. Die Frag für uns ist: Deutsch oder undeutsch! Lass den deutschen Boden verkuhwedelt sein, pariserisiert und versaut, wie er mag -" Wieder deutete er gegen die Stauden hin: "Die Rass' schlagt allweil wieder durch. Wie der Bub da, sind Tausend und Hunderttausend im Reich. Sie wissen es nit. Und hegen es doch in sich wie ein heiliges Feuer. Wann das Aufwachen kommt? Wann dem blauen Untersberg da draußen die schläfrigen Riegel springen? Ob morgen oder in hundert Jahr, ich weiß nit, wann - - ich weiß nur: Es kommt!" Er legte dem Freunde lächelnd den Arm um die Schultern und deutete gegen die Buchen, in deren Wipfelgezweig eine Ringdrossel flötete. "Lus, Nicki! Ein deutsches Lied! Ist's nit noch schöner, als wie der Amsterdamer Vogel singt?"

In das leise Lachen des Pfarrers schnitt ein klagender Mädchenlaut hinein. Luisa taumelte auf den Vater zu und weinte: "Tu mich wieder zu den frommen Schwestern ins Kloster! Alles in mir ist Sünd, die mich verbrennt. Beten kann ich nimmer, wenn ich nit bet' für ihn. Und jedes Gebet für ihn ist Frevel wider Gott. So kann ich nimmer leben. Alles ist Trauer, alles ist Elend! Wo ist die Ruh?`" Aufschreiend lief sie mit flatterndem Kleid durch das leuchtende Tälchen. Und die Mälzmeisterin zappelte erschrocken der verzweifelten Mädchenseele nach, klagend, bettelnd, mit beruhigenden Worten, schließlich ein bisschen scheltend. Auch Meister Niklaus wollte springen. Der Pfarrer hielt ihn am Ärmel fest. "Nur nit verlieren, was die Neuenstein als Kontenanz bezeichnet. Lass das kleine Weibl sich ausheulen. Ein Wasser oder ein tiefer Graben ist nit in der Näh. Und dass sie wie ein Eichkätzl auf einen Baum hinaufkraxelt und herunter springt, ist mehr als zweifelhaft!"

Während die beiden Männer davon schritten durch die Nachmittagssonne, hörte man die Sorgenstimme der Schneckin in das Schellengebimmel der Ziegen, die aus ihrem reinlichen Ställchen mit erleichterten Eutern wieder hinaustrabten zu ihrer duftenden Frühlingsweide.

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