Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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         Das große Jagen
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Kapitel 20

Am Morgen, als der Hiesel mit seinem verschwiegenen Christenkummer sich wieder hinausfluchte in die tröstende Waldeinsamkeit und sein Weib von den schneckischen Hemdärmelfalten auf der Wange eine Zeichnung hatte, ähnlich den Eisblumen am Fenster, fühlte sich Leupolt Raurisser, obwohl ihm vom Wundfieber noch immer die Pulse hämmerten, so weit bei Kräften, dass er hinüberhumpeln konnte zur Fensterbank. Und da wurde er sein eigener Arzt - weil er das kostbare braune Tiegelchen von keiner anderen Hand berühren ließ.

Zwischen wechselndem Schneegestöber blinzelte manchmal die Sonne durch das verschneite Fenster, während Leupolt vor dem Zinnspiegelchen der Schneckin saß, wie einer, der sich selbst rasieren muss. Ein fein geglätteter Holzspan diente ihm als ärztliches Messer, mit dem er die Halswunde so sauber schabte, dass die Schneckin gestehen musste: "Viel besser schaut's aus!" Mit zärtlicher Achtsamkeit verteilte er die in der Morgensonne der Liebe geläuterte Wundsalbe über den frischen Leinwandstreif. "So!", sagte er, als alles Rote am Hals bedeckt und die lange Binde darumgewickelt war. Dabei glänzten ihm die Augen, wie sie nur einem Menschen glänzen können, der ein unsagbares Wohlgefühl empfindet. Und immer schüttelte er lächelnd den Kopf, so oft die Schneckin barmherzig klagte: "Jesus, Jesus, es muss Dir ja grausam wehtun!" Mit den Fußknöcheln hatte er leichtere Arbeit. Auch beim Verbinden der Handgelenke durfte ihm die Schneckin nicht beispringen. Er nahm die Zähne zu Hilfe. Und gleich, mit dem Bergstecken des Hiesel, versuchte er's, in der Stube auf und ab zu schreiten. Immer besser ging's. Freilich, der braune Tiegel war ausgeräumt bis auf das letzte Glitzerbröselchen. "Da muss mein Schneck halt wieder ein Sälbl holen, verstehst?"

"Mehr braucht's nit. Das hilft aufs erste Mal. Ich spür's."

Die Schneckin musste zu ihren Geißen. Als sie wieder in die Stube kam, war Leupolt umgezogen, saß hinter dem Herd auf dem kummervollen Strohsack des Hiesel und als den kleinen Zettel der Mutter, las so lange, als wäre das winzige Stück Papier ein Buch ohne Ende.

Hundertmal im Verlauf des Tages sagte das Schneckenweibl: "Heut am Abend freut er sich, mein Schneck! Weil er sein Bett wieder hat, verstehst?" Aber am Abend freute sich der Hiesel gar nicht. Auch während der folgenden Tage, unter wehendem Schneegestöber, blieb er so mürrisch, so verdrossen, so rätselhaft traurig, dass in der Schneckin der beklommene Verdacht erwachte: Der Hiesel hat was gemerkt von ihrem evangelischen Geheimnis. Aber nein! "Da tät er doch dreinschlagen mit dem Bergstecken, tät umfallen vor lauter Kümmernis und tot sein! Verstehst?" Stundenlang, wenn der Schneck mit den Fuchseisen draußen im Gestöber war, beredete sie's mit Leupolt. Der sagte: "Es ist was anderes. Grausen tut ihm. Was er sehen hat müssen beim Schützenfest, das verwindt er nimmer. Nit viel im Leben ist härter, als übel von einem Herren denken müssen, dem man zugeschworen ist in Treu und Ehrfurcht."

Die Schneckin tat einen Seufzer: "Ach, lieber Herr Jesus! Was für eine schieche Zeit ist das!" Von den schrecklichen Dingen, die im Land geschahen, wusste sie nur wenig. Die hohen Schneewächten legten um das einsame Haus einen schützenden Riegel. Und was die Schneckin drüben im Hallturm von der eindringlichen Bekehrung hörte, die mit Musketieren und Kapuzinern betrieben wurde, mit Strafgeldern, Angebereien, Ausstoßungen aus den Handwerksgilden, Haussuchungen und Polizeischikanen - das verschwieg sie vor Leupolt. Einen Wundkranken darf man nicht aufregen. Auch sonst hatte das Schneckenweibl ihre Not mit ihm. Immer wollte er arbeiten, sich nützlich machen. Jede Pflege wies er ab. Sie schalt: " So geht's nit weiter, Bub! Du musst Dich wieder verbinden lassen." Er streichelte lächelnd ihre Hand: "Nit, Weibl! Ich spür schon das Heiljucken. Nachhelfen muss man bloß bei schwachen und mühsamen Dingen. Den starken und guten Sachen muss man ihr Sträßl lassen und muss ihnen Zeit vergunnen. Komm! Es nächtet. Tu für den Schneck das Mus kochen! Wenn das Feuer scheint, ist liebe Stund. Da sag ich Dir wieder ein Lied." Als die Flamme züngelte und die schwarze Stube rot scheinig wurde, sang er leis in die flackernde Feuerhelle:

"Herz, lass Dich nie nichts dauern mit Trauern! Sei stille!
Wie Gott es fügt, so sei's vergnügt Dein Wille.
Bleib nur in allem Handel ohn' Wandel! Steh feste!
Wie's Gott verleiht, ist's allezeit das Beste.
Du sollst nit heut Dich sorgen ums Morgen! Der Eine
Steht allem für und gibt auch Dir das Deine."

Das Schneckenweibl brach in Tränen aus wie ein armseliges Häuflein Elend und klagte: "Bub! Tät's unser Herrgott allweil aufs beste richten, so könnt der Schneck nit im Ländl bleiben, wenn's so kommen tät, dass ich auf Wanderschaft müsst. Verstehst?" Wie die Schneckin es meinte, so verstand es Leupolt nicht. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, was drüben im Hallturm zu hören war: Dass man zu Berchtesgaden zwischen Judica und Palmarum das Exulations-Edikt wider alle Verstockten anschlagen würde, die vor dem Karfreitag nicht reumütig zurückgekehrt wären zum alten, allein selig machenden Glauben. Leupolt verstand nur, dass Kummer und Verstörtheit dem alten Schneckenweibl fast die Seele zerdrückten. Er streckte die Hand, deren Gelenk umwulstet war von dem starr gewordenen Verband, legte sie auf den Arm der Weinenden und wiederholte mit tröstender Herzlichkeit den Vers:

"Du sollst nit heut Dich sorgen ums Morgen! Der Eine
Stehst allem für und gibt auch Dir das Deine!"

Draußen vor der Haustür pochte Hiesel Schneck den Schnee von den Schuhen. Als er eintrat, versuchte er zu lachen und warf unter dem fröhlich tuenden Gebell eines kleinen Himmelhundes zwei schöne Füchse, die er aus den Fallen genommen, vor die Herdmauer. "Also! Hat der Mensch auch wieder einmal ein bissl Freud! Verstehst? Für d' Füchslen, freilich, war 's Vergnügen minder." Mit seinem gereizten Lachen mischte sich ein wühlender Zornklang. "Was müssen die Rindviecher hinschnuffeln zum eisernen Fensterl! Da kann einer allweil was hören! Verstehst?" Er drehte sich gegen die Balkenwand, um sein von Schnee umwickeltes Zeug an die Geweihzacken zu hängen. "Freilich, was Guts ist allweil dabei. Wird halt die Meinige jetzt ein ofenwarms Pelzkragerl auf ihren Kirchenmantel kriegen!" Dieses zärtliche Versprechen hatte eine sonderbare Wirkung. Heftig zusammenzuckend, ließ die Schneckin den Kochlöffel ins Mus fallen, fuhr mit den Fäusten nach den Augen und bekam einen Schreikrampf, der sich zu hilflosem Schluchzen löste. Eine Weile stand der Hiesel wie versteinert. Dann fing er mit gesteigertem Höllementsreichtum zu fluchen an und brüllte: "Du Wiedehupfin ohne Schöpfl! Warum flennst Du denn jetzt?"

"Weil - weil ich merk -"

"Was?", fragte der Hiesel erschrocken.

"Dass Du mir - eine Freud machen willst - und grad für'n Kirchenmantel - Jesus, Jesus, für'n Kirchenmantel!" Unter den Tränenstürzen ihrer Verstörtheit vergaß sie völlig, dass sie das Mus für ihren Schneck gekocht hatte, war der Meinung, es wäre die Kost des Fieberkranken, und trug das Schüsselchen in die Dunkelheit hinaus, um es im Schnee zu kühlen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Hiesel Schneck die überraschende Entdeckung machen, dass nicht der ketzergierige Satan, sondern die menschliche Barmherzigkeit seiner Schneckin die "unsinnigen Tapper" in den Neuschnee hinein gefährtet hatte. Nachdenklich wiederholte er das Kummerwort seiner letzten Nächte: "Ganz schauderhaft ist so was!" Dann fluchte er unter heftigem Faustgefuchtel so entsetzlich nach allen Windrichtungen, dass die schwarze Stube sich noch dunkler zu schwärzen schien. Leupolt sagte lächelnd: "So was ist seltsam."

"Was?", brüllte der rasende Schneck.

"Wie die Lieb oft herausredet aus der Menschenseel."

Dieses Wort machte den Hiesel zuerst bestürzt. Dann schrie er: "Wann ich raufen muss mit der Meinigen, da tu Dich nit einmischen! Schau lieber, dass Du bald mit mir auf ein rechtschaffens Waldstraßl kommst. Dass man reden kann miteinander. Oder verstehst nit, Du luthrischer Narrenkasten ohne Riegel, dass einer verstehn will, was er nit versteht? Verstehst?"

Leupolt gab keine Antwort. Er lächelte nur. -

In dem kleinen Jägerhaus kamen stille Tage. Keine schönen. Es stöberte, dass der Schnee vor der Hausmauer immer höher wuchs. Manchmal in den Nächten krachte das alte Dach unter der weißen Last. Dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, setzte der Föhnsturm ein, mit Brausen und Toben, mit klatschenden Regengüssen.

Die Herren zu Berchtesgaden schienen den Jäger Leupolt Raurisser entweder vergessen zu haben, oder sie erwarteten von ihm noch immer, dass er seinem fürstlichen Herrn die Gefälligkeit erweisen möchte, jenseits der bayerischen Grenze zu verschwinden. Es kam vom Stift keine Nachricht, kein Befehl. Alle paar Tage brachte das Schneckenweibl ein Bündel, das jemand im Hallturm für den Hiesel abgegeben hatte. Immer war's eine Sendung der Mutter Agnes für ihren Sohn. Schließlich hatte Leupolt alles beisammen, was ein Jäger braucht - ausgenommen die Flinte. Am Tag nach dem Versöhnungsfest hatte die Polizei seine Waffen konfisziert. Bei jeder Sendung war ein verstecktes Zettelchen der Mutter, die sich um die Gesundheit ihres Buben sorgte. Über die Dinge, die zu Berchtesgaden geschahen, schrieb sie kein Wort. Es hieß nur immer: "Ach, das Leben ist nimmer schön!" - "Bub, man weiß bald nimmer, was man denken und glauben soll!" - "Ach, Bub, sei froh, dass Du weit bist vom Marktbrunnen! Der Schandpfahl hat nimmer Feierabend." Nie ein Wort über Luisa, nie ein Gruß von ihr. Nur einmal, als sich schon die ersten Frühlingszeichen and en sonnseitigen Gehängen entdecken ließen, schrieb Mutter Agnes: "Hab gestern ein liebes Veigerl gesehen, das nimmer blühen mag. Da hilft kein Wörtl nit. Man muss an die Sonn glauben, die dem armen Blüml das Köpfl wieder aufrichtet." Als Leupolt dieses Zettelchen gelesen hatte, trat er zum Fenster, sah in den rauschenden Regen hinaus und sagte: "Die Sonn ist bloß hinter Wolken. Da ist sie allweil. Komm, Schneck, nimm den Mantel, ich geh mit Dir hinaus ins Holz. Wo die Bäum wachsen, wohnt der Herrgott."

"Wohl!", brummte Hiesel. "Aber was für einer?"

Draußen wurde dem langen Schneck die Nässe ungemütlich. Er wusste eine Holzerhütte zu finden, brachte ein Feuerchen in Brand, stopfte seine Holzpfeife und fing wieder zu fragen an, wie immer, wenn er mit Leupolt allein war. Dabei schien er nur die Worte des anderen zu hören, nicht den Herzklang, von dem sie erfüllt waren, nicht die ruhige Festigkeit, die in ihnen glänzte. Wieder schüttelte er nach stundenlangem Lauschen den grauen Kopf: "Da kann mir einer sagen, was er will, ich versteh's halt nit!" Etwas Verzweiflungsvolles brannte ihm in den kummervollen Augen. "Aber was soll denn einer machen, wenn er muss?" Das war wieder eine von den dunklen Reden, die der Hiesel sich angewöhnt hatte seit dem Versöhnungsfest.

"Schneck? Magst Du mir nit sagen, was Dich drückt?"

Der Alte erhob sich vom Feuer. "Der Verstand druckt mich nit. Sonst tät ich's verstehn. Verstehst?"

Je näher es auf die Osterwoche ging, umso wortkarger wurde der Hiesel Schneck, ersann immer seltsamere Flüche und fand für sein Schneckenweibl immer wunderlichere Vergleiche, denen das Nötigste fehlte. Er nannte sie ein Wasser ohne Brunnenrohr, ein Mühlrad ohne Mehl, ein Bänkl ohne Füß, ein Zöpfl ohne Haar, sogar eine arme Seel ohne Fegfeuer. Mit Menschen zusammenzukommen, das schien der Hiesel zu fürchten, wie ein Gebrannter das Feuer. Die angstvolle Schneckin quälte ihn eines Tages mit hundert verwirrten Fragen. Der Hiesel schwieg sich aus, beteuerte ein Dutzend Mal, dass so was schauderhaft wäre, ganz schauderhaft, nahm die Feuersteinflinte und ließ seine Himmelhunde hinausknurren in den nassen Frühlingswald. Die Schneckin, völlig verdreht, wollte ihm nachlaufen. Leupolt hielt sie zurück und sagte: "Lass ihn, Weibl! Im Holz draußen findt er die Ruh schon wieder. Ein guter Mensch ist er. Und was er hören und sehen muss, das geht ihm über den Herfrieden." Wenn Leupolt auch wenig wusste von den Dingen im Land, so wusste er doch so viel, dass er sein Versprechen, keinen heimlichen Weg zu machen, wie eine Kette zu empfinden begann. Einmal sagte er zur Schneckin: "Nit helfen können, ist das Härteste."

Es war in diesen Wochen im Land Berchtesgaden ein neuer Gruß erfunden worden, nicht von der Polizei, sondern von denen, die ihn verschwiegen vor ihr. Begegnete einer dem anderen, und hatten sie mit den Augen geblinzelt, so sagte der eine: "Schieche Zeit, Bruder!" Und der andere knirschte zwischen den Zähnen: "Gott soll's geben, dass der Helfer kommt!"

Der Weg zu den Stiftsgefängnissen wurde in dieser Zeit das belebteste Sträßl im Land. Um der jungen Mädchen willen gab es blutige Schlägereien zwischen den Burschen und Musketieren. Die Soldaten und ihre Rosse fraßen die evangelischen Bauern arm. Was in den Seelen der Bedrückten noch übrig blieb an Hoffnungsfestigkeit, das wurde gebeizt und gesotten bei den stundenlangen Hauspredigten der Kapuziner. Von ihrem schwitzenden Eifer kam ein Sprichwort in Umlauf: "Der tröpfelt wie ein Bußprediger." Und was diese emsige Seelsorge, was die Musketiere und ihre fressenden Gäule, die Polizeiverhöre und die Herbergsstunden ohne Mond und Sonne nicht fertig brachten, das vollendete die Verhetzung innerhalb der evangelischen Familien, die Behinderung eines jeden Erwerbs, der Frondienst und die Geldbuße, die Viehpfändung, der Entzug des Hauslehens und noch eine andere dunkle Sache, die im ganzen Land wie ein drückender Alp auf allen Menschen lag. Es schien, als ginge in den Häusern einer umher, der nicht zu sehen, nicht zu hören und nicht zu greifen war, jedes Wort erschnappte, jede Rede verdrehte, jeden Gedanken herauskitzelte und denunzierte. Dank diesem emsigen Lauschergeist war der Landrichter Willibald Halbundhalb durch die gesteigerten Geschäfte seiner Wahrheitsforschung so grausam überbürdet, dass man ihm vier Assessoren zur Hilfe beigeben musste. Weil der Herbergsraum ohne Mond und Sonne stets überfüllt war, wurde, um Platz zu sparen und die Einkünfte des Stiftes zu erhöhen, alles minder Gravierende durch hohe Geldbußen erledigt. Das hatte einen doppelten Erfolg: Zum ersten Mal sein Jahren konnte die Rechnungskammer des Stiftes die an Ostern fälligen Schuldzinsen glatt begleichen, und noch vor dem Palmsonntag konnte man amtlich registrieren, dass von den Siebenhalbtausend der jubelnden Bekennertage schon mehr als die Hälfte bußbereit wieder heimkehrte zum "fürstpröpstlichen Glauben!. Gegen die dreitausend noch Verstockten wurde das Exulations-Edikt an allen Kirchtoren von Berchtesgaden angeschlagen.

Wie schweres Nebelgewölk, so lag die dumpfe Herztrauer der Wehrlosen über dem ganzen Land. Aber auch diese Zeit, so unerträglich sie war, konnte den Witz des gesunden Volkes nicht völlig ersticken. Unter das Polizeigebot, das neben dem Exulations-Edikt angenagelt war und jeden "Befund dreier gleichzeitiger Personen auf der Straße" mit schwerer Strafe bedrohte, hatte einer die Frage geschrieben: "Wie ist das bei einer schwangeren Mutter, die mit Zwillingen geht? Das sind doch auch drei Gleichzeitige? Muss da der Muckenfüßl vor dem Grillenhäusl auf die Überzähligen passen? Oder muss er die Haustür einschlagen?" Der Wahrheitsforscher mit den vier überflüssigen Federstrichen, der den Dichter des Volksliedes vom Dr. Halbundhalb noch immer nicht ausgeforscht hatte, musste sich mit einem neuen Geheimnis der Schriftenkunde befassen, um es nicht zu lösen.

Die Sonne begann zu lachen und machte die Tage vor dem Osterfest lind und schön. Auf den Talwiesen begann das erste Grün zu spitzen, an den Bächen kätzelten die Weidenstauden und auf den Berghängen schrumpfte der Schnee immer weiter durch die Wälder empor.

Am Morgen des Karfreitags wanderte Hiesel Schneck mit seiner Schneckin nach Bischofswiesen, um das heilige Grab zu besuchen - der Hiesel trotz der himmelschönen Frühlingsfrühe verdrossener als je, das Schneckenweibl bei aller Seelenangst viel freudenreicher als seit Wochen. Wie arm die Sonne heizte, das schien die Schneckin nicht zu bemerken. Sonst hätte sie nicht das dick gefütterte Wintermäntelchen mit dem neuen Fuchspelzkragen spazieren geschleppt. Jedem Menschen, dem die beiden begegneten, sah die Schneckin fragend in die Augen. Dann bekam der andere einen scheuen Blick und dachte: "Der bin ich verdächtig!" Die Schneckin aber schmunzelte stolz: "Dem gefallt mein Fuchspelzl auch!"

Um für Hiesel einen freien Morgen zu machen. Hatte Leupolt den Hegerdienst übernommen. Seine Karfreitagsandacht hielt er im Bergwald. Nur der Gott, an den er glaubte, sah den Leupolt Raurisser zwischen den ersten Frühlingsblumen des Waldes knien, mit gefalteten Händen, mit entblößtem Scheitel, mit klingender Menschenseele, mit hoffendem Glanz in den Augen. Wie aus Holz geschnitten sah er aus, in dem verwitterten Bergjägerkleid, mit den starr und grau gewordenen Wundverbänden um den Hals, um Fußknöchel und Handgelenke. Das Rauschen der Frühlingswässer und leises Vogelgezwitscher war um ihn her, und durch das kahle Gezweig der Buchen, an denen die Knospen zu schwellen begannen, spann die Morgensonne ihre funkelnden Fäden. Als er heim kam ins stille Jägerhaus, brannte er auf dem Herd ein Feuer an und hängte den kupfernen Wasser Kessel drüber. Mit dem warmen Wasser weichte er die zusammen gekrusteten Verbände auf. Die Wunden waren geheilt. Die erneute Haut umzog den braunen Hals wie ein weißes Band. Ebenso war's an den Fußknöcheln und Handgelenken. Lächelnd flüsterte Leupolt vor sich hin: "Vergelts Gott, Luisli!" Und weil er's nicht über Herz brachte, die Verbandlappen fortzuwerfen, verbrannte er sie im Herdfeuer. Aus der Flamme quoll ein feiner Harzduft heraus, der an den Wohlgeruch des keimenden Waldes erinnerte. Leupolt wusch sich und zog die Feiertagskleider an, die seien Mutter ihm geschickt hatte. Im Herrgottswinkel aß er die Geißmilchsuppe. Dann setzte er sich vor der Haustür auf das sonnige Bänkl. Wie still und schön war diese heilige Frühe! Jedes Gefühl in ihm verwandelte sich in dankbare Andacht, die schmerzend umschleiert war von den Gedanken an die leidenden Glaubensbrüder. Wie mochte es aussehen in den Herzen der Schwachgewordenen, die unter Gewalt und Pein die Wahrheit ihrer Seelen verleugnet hatten? Wie in den Herzen der aufrecht Gebliebenen, die keinem Zwang sich beugten und doch der Stunde entgegenzitterten, in der sie, verarmt und schutzlos, zum Exulantenstecken greifen und ie Heimat verlassen mussten, um einem ungewissen Schicksal entgegen zu wandern.

"Gott soll Dich hüten, mein liebes Glück! Ich geh mit der ersten Schar."

Ruhigen Auges hinausblickend in den Glanz der Morgensonne, überlegte er, wie er den Wandernden nützen könnte, welchen Weg sie nehmen, wohin sie sich wenden sollten auf der Suche nach einer neuen Heimat? Übers Wasser nach England oder Amerika? Auf Landwegen nach Holland oder Dänemark? Solchen Weg hatten viele von den Salzburgern genommen. Leupolt schüttelte den Kopf. "Sind wir nit deutsche Leut? Wir gehören auf deutschen Boden!" Da gab's nur einen einzigen Weg: Über den Main und über die Elbe hinunter, ins preußische Land. Aber wie für die weite Wanderung alle nötigen Mittel finden, Zehrung für die Verarmten, Pflege für die Erkrankten, neues Heimatland, Boden für den Hausbau, Balken und Kalk, Hausrat und Ackerzeug? Wer wird da brüderlich und barmherzig sein? Wer wird helfen? Leupolt hob das Gesicht zur Sonne. "Einer, der allweil hilft!" Da fiel ihm etwas zwischen die Hände, die er auf den Knien liegen hatte. Wie der Schauer eines heiligen Geheimnisses durchrieselte es ihn, als er das goldgelbe Aurikelsträußchen betrachtete, das ihm zugeflogen war, als wär' es heruntergefallen vom Himmel. Ein heißer Glücksgedanke durchzuckte sein Herz. Gleich verwarf er ihn wieder. An das Luisli zu denken, war Torheit, war Irrsinn?

Jetzt hörte er hinter der Hausecke die Sprünge eines flinken Fußes über kiesigen Grund. Er lief zur Hauskante hinüber und sah ein blondschopfiges Mädel zwischen den Fichtenstauden verschwinden. War das nicht die Tochter der Hasenknopfin? Dann war der Hasenknopf von seiner Wanderung ins Preußische heimgekommen! Und in dem Sträußl war eine Botschaft! Leupolt suchte zwischen den Blüten. Unter den grünen Stengeln knistere was: Ein kleiner Zettel, eng beschrieben mit verstellter Schrift, in der Ecke ein Kreis mit vier Punkten - das nur den Verlässlichsten bekannte Namenszeichen des Hasenknopf. Leupolt las: "Es ist ein heilig Ding, ist Deins und meins. Dem musst Du dienen. Vor dem Neumond, am Abend um die fünfte Stund. Da kommen von Reichenhall zwei Auslandrische geritten, ein evangelischer Herr mit seinem Diener. Die musst Du erwarten, wo man die verbronnene Plaienburg sieht. Tu Dich ausweisen mit Deinen Wundmalen. Du musst um Christi willen gehorsamen, auch wenn es so ausschauen tät, als wär's gegen Treu und Eid. Es ist nit so, ist alles zu christlicher Hilf. Es wollen die zwo in der Neumondnacht zu einem, der nimmer lebt und ewig lebendig bleibt. Da musst Du sie unsichtig führen und gut behüten. In Jesu leb ich, in Jesu sterb ich. Den Zettel musst Du verbrennen. Gleich." Ein zweites Mal las er, ein drittes Mal. Dann ging er ins Haus, legte den Zettel auf die glühenden Kohlen und sah ihn zu Asche werden.

"Ein Helfer kommt!"

Die Freude machte ihm das Blut in den Adern heiß, machte ihm das Herz gegen die Rippen hämmern. Den Helfer führen? Zu einem, der nimmer lebt? Das war der Tote Mann, der Ramsauer Waldberg, auf dem die Evangelischen in der Neumondnacht sich versammelten.

Stunde um Stunde wartete Leupolt mit Ungeduld auf den Hiesel Schneck. Der musste ihm das Versprechen zurückgeben: Keinen heimlichen Weg zu machen. Die Mittagsstunde ging vorüber, ohne dass die Hausleute kamen. Erst gegen Abend zappelte das Schneckenweibl über die Weise her, schwitzend unter dem Fuchspelz ihres Kirchenmantels. Von weitem rief sie dem Leupolt, der wartend vor der Haustür stand, die Frage zu: Ob der Schneck schon daheim wäre? Als Leupolt den Kopf schüttelte, fing die Schneckin in seltsamer Verstörtheit zu klagen an: Sie hätte ein Besorgung gehabt. Die hätte ein bissl lang gedauert; und als sie wieder zurückgekommen wäre ins Wirtshaus, wäre der Hiesel nimmer dagewesen. Sie hätte ihn überall gesucht, nirgends gefunden und hätte gemeint, er wäre schon heimgelaufen. "Und jetzt ist er nit da! Jesus, Jesus, ich muss ihm was sagen!" Sie lief zur Straße zurück, guckte und schrie, kam heim, begann die Fastenspeise zu kochen und rannte wieder vor die Haustür, um nach dem Hiesel auszuschauen. Endlich, da es schon zu dämmern anfing, sah sie ihn kommen.

Ganz langsam ging er, merklich gebeugt, als wäre er seit dem Morgen um ein paar drückende Jährchen älter geworden. Als er sein Weibl so aufgeregt schwatzen hörte, bleib er stumm, tat einen schweren Atemzug und guckte zum Himmel hinauf. Plötzlich machte er einen raschen Griff, fasste mit der groben Pranke die Hand seines Weibes und sagte wunderlich zart und leise: "Schneckin! Pass auf! Jetzt muss ich Dir was sagen. Dir z'lieb, verstehst? Heut hab ich mich einschreiben lassen als luthrischer Exulant." Das Schneckenweibl stand wie zu Stein erstarrt. Ihre Tränen begannen zu rinnen, bevor sie sich rühren konnte. Von einem Schreikrampf befallen, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und klagte in den sternschönen Frühlingsabend hinaus: "O Jesus, Jesus! So ein Unglück! Und ich, bloß dass ich nit fort hätt müssen von Dir, verstehst, ich hab mich heut wieder bekehren lassen vom Kapuziner!"

Es gab zu dieser Stunde im trauervollen Land Berchtesgaden nicht viele Menschen, die so unglücklich warne, wie der evangelische Hiesel Schneck und seine neukatholische Schneckin.

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