Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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Kapitel 19

Spät am Abend wurde an der Haustür des Meisters Niklaus gepocht, so leise, dass es die drei, die in der Werkstatt waren, nicht gleich vernahmen. Der Meister, um ruhig zu bleiben, hatte sich zu seiner Arbeit gestellt. Und Luisa und Sus waren mit ihren Spinnrädern aus der Küche zu ihm in die Werkstatt gekommen. Helle Kerzen brannten auf dem eisernen Reif. An dem großen Fenster war der Laden geschlossen. Nur das Schnurren der Spinnräder und manchmal der Schritt des Meisters, wenn er zurücktrat, um sein Werk zu betrachten. Da hörte Luisa das kaum vernehmliche Klopfen. Ihre Augen vergrößerten sich, als sie stammelte: "Vater! Es pocht." Die Sus wollte zur Tür. "Bleib!", sagte der Meister. "Ich selber geh." Er brauchte keine Frage zu tun, beim Hall seiner Schritte klang es draußen in der Nacht: "Tu auf, Nicki! Ein Mensch!"

"Gott sei gelobt!" Aufatmend stieß der Meister den Riegel zurück und hob den Sperrbalken aus dem Mauerloch, während Sus und Luisa wortlos aus der Werkstatt gesprungen kamen. Der Pfarrer trat in den Flur, und Sus verwahrte die Türe wieder. "Gotts Gruß zum traurigen Abend! Weil ich nur bei Euch bin. Aufatmen tu ich. " Pfarrer Ludwig hängte den Radmantel an das Zapfenbrett und fragte die Sus: "Hast Du noch warmes Wasser? Ich muss mich waschen. 's ist eine Zeit, in der man rot wird, vor Zorn oder von was anderem." An seinem schwarzen Gewand sah man die eingetrockneten Blutflecken nicht, nur an den Händen. "Jesus?", stammelte Luisa. "Ist's Euer Blut?"

Er schüttelte den Kopf. "Das tät ich lieber sehen. Es wär um meine paar letzten Tröpflen minder schad."

Die Sus war in die Küche gesprungen, in der ein mattes Ölflämmchen glomm, und schöpfte Wasser aus der kupfernen Herdkufe. Nun kamen die anderen drei zu ihr, und der Pfarrer wusch die zitternden Hände. Schwer atmend fragte er über die Schulter: "Wisst ihr schon, was geschehen ist?" die beiden Mädchen schwiegen. Der Meister nickte. "Da brauchen wir nimmer reden drüber." Pfarrer Ludwig griff nach dem Handtuch und schob die Sus von sich, die vor ihm auf die Dielen hinkniete, um sein Gewand zu säubern. "Das nit! Mannbilderhosen sind leichter waschen, wenn man sie nit am Leib hat." Er legte den Arm um die Schulter des Meisters. "Nick? Weißt Du, was eine Mutter ist?"

"Das weiß man, glaub ich."

"Was meinst Du, dass eine Mutter sagt, wenn ihr liebes Kind am Morgen lachend aus dem Haus gegangen ist, und man bringt es ihr am Abend heim, wie ich das Moidi hab bringen müssen?"

Mühsam antwortete der Meister. "Ich wüsst nit, was ich schreien tät."

"In Unterstein hat eine Mutter ihres toten Mädels Kopf zwischen die Händ genommen und in freudiger Ruh gesagt: Mein Kindl, Dich muss der Heiland lieb haben, uns anderen ist er Feind, drum müssen wir weiterschnaufen in der irdischen Not!" Mit beiden Händen rüttelte der Pfarrer die Schultern des Meisters. "Mensch! Kann's einer besser sagen, wie die Zeit ist?" Dann wandte er sich an die Sus: "Tätst Du Dich trauen, dass Du zum Simmi hinüber springst?"

"Ich trau mich alles, wenn's für den Meister ist."

"Für den ist's auch. Heut möcht' ich, dass wir beisammen sind. Traut der Lewitter sich nit aus dem Haus, so sag ihm, dass ich krank wär. Da kommt er. Gelogen ist's nit. Alles leidet in mir, was Leben heißt. Aber fürsichtig musst Du sein. Sonst packen Dich die Soldaten Gottes mit Gelobt sei Jesuchrist!"

"Soll mich nur einer anrühren!" Das weißblonde Mädel sprang zur Haustür. Der Meister ging mit ihr, und als er im dunklen Flur den Riegel aufstieß, sagte er leis: "Vergelts Gott, Du Treue!"

In der Küche legte Pfarrer Ludwig die Hand auf Luisas Scheitel. "Also? Hast Du die fromme Deutung für den heutigen Versöhnungstag schon gefunden?"

Sie sah verstört zu ihm auf. "Hochwürden! Ich weiß nimmer, wo die Christen sind."

"Christen sind überall. Nur finden muss man sie können. Und selber muss man einer sein."

Die Tränen fielen über ihr blasses Gesicht. "Ich seh keinen Weg nimmer. Überall ist Wirrnis und Sünd. Dürft ich nit morgen kommen um einen Seelentrost?"

"Ja, komm nur!" Er streichelte ihr schönes Haar. "Ich will Dich trösten." Die Stimme dämpfend, beugte er sich zu ihrem Ohr. "Seit dem Morgen weiß Mutter Agnes, wo der Leupolt ist. Beim Hiesel Schneck."

Sie fing zu zittern an. "Wo haust der?"

An der Flurtür klapperte der Sperrbalken. Und draußen, in der nebligen Dunkelheit, huschte die Sus um die Bretterplanke des Gartens. Als sie hinüberkam zum Leuthaus, musste sie in einen finsteren Schuppen springen. Hufschläge klapperten über das Pflaster her, und mit dem Lärm, den die vielen genagelten Bauernsohlen machten, vermischte sich das Marschgeklirre der Soldaten Gottes. Es waren die Bischofswiesener, an die siebenhundert Männer und Burschen, mit ihren achtzig Musketieren und fünfzig berittenen Dragonern, von denen jeder den blanken Säbel in der Faust hatte.

Am Schwänzl des Zuges ging der Hiesel Schneck. Er hatte sich angeschlossen, weil er den weiten Weg nicht einsam wandern wollte, und weil er als Gutgläubiger sich verpflichtet heilt, dem Pater Kapuziner während des langen Nachtmarsches ein bissl Gesellschaft zu leisten. "Ja, ja, verstehst?" Er fluchte aus Rücksicht auf den geweihten Wandergesellen überraschend wenig, war aber doch in verdrießlicher Laune, weil er schon wieder was Verbotenes im Rucksack tragen musste. Freilich, immer noch lieber als das gläserne Judenfläschl war ihm das irdene Tiegelchen. Sollte er's auch einem ewig Verfluchten zutragen, so kam's doch von der Mälzmeisterin, von einem rechtschaffenen Christenweibl.

Die Bauern wanderten schweigend zwischen den Soldatenreihen. Ihre Gestalten waren schwarz in der frostigen Nacht, die der Schnee nur wenig aufhellte. Kein Stern war da, um einen Glanz in ihren Augen zu wecken. Dennoch hoben sie immer wieder die Gesichter zum Himmel. Und während sie paarweis gingen, hielten viele sich bei den Händen gefasst, wie Blinde und Sehende, die einander führen.

Hinter Bischofswiesen, wo unter Weibergeschrei und Hundegebell die Austeilung der Soldatenquartiere begann, musste Hiesel Schneck seinen Nachtweg in Einsamkeit erledigen. Jetzt, da ihn der Kapuziner nimmer hörte, konnte er fluchen nach Bedarf. Er fluchte, so oft ihm der Strohsack einfiel. Manchmal sakrementierte er und wusste selber nicht recht, warum. Auch dem Hiesel Schneck, so eisentreu er an seinem Fürsten hing, hatte der Versöhnungstag missfallen. Kein Gedanke verriet ihm diese Wahrheit. Sie war nur in seinem Blut, in seinen Flüchen. Und ohne dass er es merkte, verwandelte sie diesen Höllementskünstler so folgenschwer, dass er die neue Überraschung, der seien Nagelflöße entgegenwanderten, wesentlich anders aufnahm, als es geschehen wäre, wenn er das leutselige Schützenfest nicht erlebt, das Blut der Moidi von Unterstein nicht hätte rinnen sehen.

Als er vor dem Hallturm in das waldige Seitentälchen ablenkte, konnte er gewahren, dass in seinem Herdstübl noch die Specklampe brannte. Obwohl er kein Übersparsamer war und eigentlich gar nicht verstand, warum ihn diese leuchtende Sache so fürchterlich erboste, fing er ein Himmelhundstreiben an, dass der Schnee davon knirschte. Immer schlug er mit der Faust in die Luft und nannte seine Schneckin einen Kindsschädel ohne Hirn, ein Grillenei ohne Dotter, sogar eine Sau ohne Speck, was doch sicher eine unmögliche Sache ist. Die Wut, die in ihm rasselte, beeinträchtigte die getrübten Verstandeskräfte des Hiesel Schneck bis zu völliger Urteilslosigkeit. Fluchend und schnaubend tappte er durch den Schnee. Nah bei der Haustür wurde er festgehalten vom Anblick einer Schneefährte, die er sich, ein so geschulter Weidmann er war, durchaus nicht erklären konnte. Es waren große, kreisrunde, tief in den Schnee gesenkte Tapper. Welch ein ungeheuerliches Nachtvieh mochte das Haus des Hiesel Schneck umwandert haben? Auch nicht der beste fürstpröpstliche Hirsch trat solche Fährten aus! Es blieb dem Hiesel keine andere Lösung, als diese Schneelöcher - die das Blechschüsselchen der Schneckin schmolz, wenn sie die Mahlzeit des Fieberkranken kühlte - für Huftritte des Teufels zu halten, der sich nach dem Verbleib der ihm zustehenden Ketzerseele ein bisschen erkundigt hatte. "Also, da haben wir's!" Das Gruseln kannte der Hiesel nicht. Für ihn als redlichen Christenmenschen war der Teufel eine Sache, so ungefährlich wie ein Eichkätzl. Aber dem strohdummen Weibl, diesem Igel ohne Borsten, gedachte er ein paar schmerzhafte Stacheln einzusetzen. Schon drehte er sich gegen die Haustür. Da hielt ihn der Klang der beiden Stimmen fest, die aus der Herdstube heraustönten. Unter einem knirschenden Himmelhündchen beugte er sich gegen das Fenster hin und guckte in den milden Schein.

Eine flackernde Lampe, auf dem Herd noch eine rote Glut. Leupolt lag aufgestützt im Bett, den Fieberbrand auf den Wangen. Sein Hals und die Handgelenke waren frisch verbunden. Jetzt wusch ihm das Schneckenweibl, das auf dem Lehmboden kniete, mit zärtlicher Vorsicht die breite Wunde, die den Knöchel des rechten Fußes umzog. Dabei redeten die beiden mit ruhigen Stimmen, und es machte den Hiesel Schneck ein bisschen perplex, weil die zwei zu einander Bruder und Schwester sagten. Diese Verwandtschaft war was völlig Neues für ihn.

"Seit der Herbstzeit?", fragte Leupolt.

"Wohl, Bruder!" Die Schneckin begann die lange, weiße Binde zu wickeln.

"Wie ist das gekommen, Schwester, dass Deine Seel sich erhoben hat? Hast du ein Unrecht erfahren müssen?"

Sie schüttelte den grauen Kopf. "Mein liebes Mädl, verstehst, die ist verheuert an einen Knappen in Hallein. Und im Herbst, wie die Hirsch geröhrt haben und mein Schneck allweil draußen hat sein müssen im Holz, da ist sie über einen Sonntag bei mir auf Besuch gewesen. Allweil hat mich das Mädl angeschaut so scheu und verzagt, und allweil hab ich fragen müssen: Was ist denn? Sie hat nit rausrucken wollen mit der Farb. Ich frag: Gelt, ja, jetzt flucht halt der Deinige auch? Und das Mädl - jetzt ist sie ein Weibl und bald ein Mutterl, aber noch allweil muss ich halt Mädl sagen - und das Mädl beutelt ihr Köpfl. Ich frag: Herr Jesus, er wird Dich doch um Himmelswillen nit prügeln, der Deinig? Und das Mädel sagt: Der Meinig ist von allen der beste, grad wie der Vater Schneck! Und tut mich halsen wie irrsinnig und heult mir ins Ohr: Mein Hansl ist evangelisch und ich bin's auch, gelt, tu's nur dem Vater nit sagen, der tät versterben dran!"

Der Hiesel Schneck verstarb nicht, stand nur im Schnee, wie verwandelt zu einer hölzernen Säule.

"Erst hab ich gemeint vor Schreck, es tät mir das Blut gerinnen!", sagte die Schneckin. "Aber wenn's schon wahr sein muss, dass ihr Hansl verhöllt ist, wird doch sein Weibl nit einschichtig aufs Himmelreich trachten? Verstehst? Beisammen sein, ist allweil das Best, ob in Kält oder Glut. Und schau, da hat mir mein Mädl was fürgelesen von einem luthrischen Blättl. Schöner und fester hab ich nie noch ein deutsches Mannsbild reden hören. Das ist einem eingegangen, ich kann's nit sagen. Alles hat mir das Kindl verzählt: Wie ihr der Hansl das Evangelische allweil fürgeredet hat, verstehst? Und gählings ist es in mir gewesen." Die Schneckin guckte den Leupolt an. "Wenn einem sein liebes Mädl so was sagt? Verstehst? Da muss man doch glauben."

"Nit allweil!"

Diese beiden Worte waren so leis gesprochen, dass der Hiesel sie nicht verstand. Aber deutlich hörte er das wehe Klagen seines Schneckenweibls: "Schau, und so ist's halt, wie es ist. Und die junge, evangelische Gottesfreud wär so schön in meiner Seel! Bloß eins ist hart: Dass ich herüben bin, und mein Schneck ist drüben. Und kommt er drauf - im ganzen Leben hat mir der gute Kerl noch nie ein Streichl gegeben, verstehst - aber muss er merken, dass er eine evangelische Schneckin hat, da haut er mir alle Knöchelen im Leib auf Scherben."

Das tat der Hiesel nicht, obwohl er was gemerkt hatte, wenn auch ein bisschen langsam. Unbeweglich stand er im Schnee und hörte den Leupolt sagen: "Dein Schneck ist ein redliches Mannsbild. Und heut ist Versöhnungstag gewesen. Fried und Seelenfreiheit wird hausen im Ländl. Schwester, wie gottsfreudig müssen heut alle Leut gewesen sein!" Der Fiebernde ließ sich hinfallen auf das Kissen. "Von allen Schmerzen, die mich angefallen haben, ist das der härteste: Dass ich heut nit sehen hab dürfen, wie Herren und Leut einander die Hand bieten auf Glück und Treu!"

Da taumelte der Hiesel Schneck vom Fenster zurück, als hätte ihm dieses gläubige Wort einen Stoß vor die Brust gegeben. Er stand keinen Fluch, ließ nicht den kleinsten seiner Himmelhunde bellen. Weglos stapfte er in den Schnee hinaus, irrte hin und her wie ein Tier, das von der Drehkrankheit befallen ist, und als er den Waldsaum fand, er wusste nicht, wie, da ließ er sich hinfallen und keuchte in die Nacht hinaus: "Die Herren! Was die Herren alles treiben! Ach Jesus, Jesus!" Schauernd an allen Knochen, grub er das Gesicht zwischen die Fäuste und begann zu weinen wie ein kleines Kind. Das war eine Beschäftigung, die er schon sechzig Jahre lang nimmer getrieben hatte. Drum zerriss ihm ihre ungewohnte Übung fast die Rippen.

War eine Stunde oder mehr vergangen? Vom Schneckenhäusl klang ein sorgenvoller Erkundungsschrei in die Nacht hinaus: "Schneeeheeeeck!" Nach einer Weile wieder. Die Schneckin sorgte sich, obwohl sie wusste, dass ihr Schneck Augen and en Schuhsohlen hatte. Und wo sich glückhafte Leute versöhnen, wird das Sitzleder dauerhaft. "Die haben ihn halt nit fortlassen vom Freibierbänkl." Sie verkürzte den Docht der Lampe und raschelte sich in die Strohsackmulde. "Gut Nacht, Leupi!" Der Fiebernde schlief bereits. Auch die Schneckin brauchte nicht lang, um einzutunken. Sie erwachte erst, als der Hiesel Schneck sich wortlos hinlegte auf den Strohsack. "Gott sei Lob und Dank," sagte sie, "weil Du nur daheim bist. Ist's lustig gewesen?"

"In Ruh lass mich!", knurrte er durch die Zähne.

"No, no, geh, verzähl doch ein bissl was!"

Da gab der Hiesel eine stumme Antwort. Sonst pflegte er so zu liegen, dass die Schneckin ihr graues Köpfl an seine Schulter lehnen konnte, und da waren ihr am Morgen immer die Falten seines Hemdärmels in die Wange gedrückt. Jetzt drehte er sich heftig auf die Seite hinüber. Ganz und gar.

"Schneck! Jesus! Wirst doch nit krank sein?"

"Was Gescheiteres fallt Dir nimmer ein? Du -" Nein, der Schneck brachte es nicht fertig, zu seiner Schneckin zu sagen: "Du Christin ohne Herrgott!"

Verwundert sann das Weibl in der Finsternis über die unerklärliche Tatsache nach, dass der Hiesel nicht fluchte. Da musste ihm doch was weh tun, wie einem Baum, der im Frühling nicht grünen will. Bei diesem Schweigen stöhnte plötzlich der Hiesel: "Ganz schauderhaft ist so was!"

"Was denn?", fragte das Weibl erschrocken.

"Wie heut der Bockmist stinkt!"

"Schneck, da musst Du Dich verkühlt haben! Beim Katharie hat einer allweil so ein empfindsams Naserl." Sie setzte sich auf. "Wart, da koch ich Dir gleich ein heißes Weinsüppl mit Nagerlblüten."

Jetzt fluchte der Hiesel, und zwar so fürchterlich, dass die Schneckin rasch zur Einsicht gelangte: "Krank ist er nit!" Nach vielen stichhärigen Himmelhunden murrte er: "Jetzt wirst Du mich aber doch bald schlafen lassen, verstehst? Rumpel Dich auf'n Strohsack hin, Du Wagen ohne Deichsel!" Weiter gab er keine Antwort mehr und tat so, als ob er schliefe. Seien Augen blieben offen, bis der Morgen graute. Ohne au fide Geißmilchsuppe zu warten, stapfte er, von seinen kummervollen Himmelhunden begleitet, in das Schneegeriesel des Morgens hinaus.

Die Schneckin sah ihm in ratloser Sorge nach. Was war denn nur mit ihrem Hiesel? Hatte er beim Schützenfest was Unverständiges angerichtet? Sie lief hinüber zum Hallturm. Ob da nicht von den Soldaten was zu erfahren wäre? Ja, die wussten was! Sehr viel. Wenn auch nichts vom Hiesel. Und als die Schneckin heimkam, merkte es Leupolt gleich an ihrem blassen Gesicht, dass etwas Hartes geschehen war. Schweigend hörte er an, was sie vom Versöhnungstag erzählte. Dann nahm er ihre Hand. "Nit trauern, Schwester! Soll man uns jede Bruck zerbrechen. Es ist ein Baumeister, der einen neuen Weg für uns auftut."

"Ja, Bub, da muss man glauben dran. Sonst tät man verzagen." Nachdenklich sah die Schneckin vor sich hin. "Jetzt weiß ich, warum der Schneck heut Nacht so gewesen ist. Falschheiten vertragt er nit. So ist er! Jetzt kommt's auf, wo er den Bockmist hat schmecken müssen. Verstehst?" Für alle Fälle wollte die Schneckin dafür sorgen, dass die empfindsam gewordene Nase des Hiesel wenigstens unter dem eigenen Dach nimmer gekränkt würde. Drum leistete sie an diesem Tag im Geißstall eine Arbeit, dass sie an den König Augias hätte denken können, wenn sie was von ihm gewusst hätte.

Zur Mahlzeit kam der Schneck nicht heim. Erst am Abend. Der Schneckin, die gleich zum Herd sprang, um sein Essen aufzuwärmen, vergönnte er keinen Blick. Er ging zum Bett und griff in den Rucksack. "Heut in der Nacht, verstehst, da hab ich vergessen, dass mir die Mälzmeisterin was mitgegeben hat für Dich."

"Die Mutter?", fuhr Leupolt in Freude auf.

"Ob's Deine Mutter ist, weiß ich nit," sagte der Hiesel gallig, "auf der Welt gibt's allerlei Verwandtschaften. Himmelkreuzbluthöllement, es könnt am End gar noch aufkommen, dass Du mein Schwager bist."

Der Sinn dieser Worte war für die Schneckin eine dunkle Sache. Und Leupolt hörte nicht, was der Hiesel redete. Langsam, weil seine entzündeten Hände noch nicht gehorchen wollten, wickelte er das Päckl auf und schälte das braune Tiegelchen aus der Leinwand. Eine Salbe? Sonst nichts? Kein Gruß, keine Nachricht? Endlich fand er das kleine, versteckt Blättl und las bei der Feuerhelle des Herdes die winzig zusammengedrängte Schrift: "Mein herzlieber Bub! Die Sorg ist linder, seit ich weiß, wo Du bist. Es wird sich schon geben, dass ich schicken kann, was Du nötig hast. Kommen darf ich nit. Tu mir bald gesunden, tu allweil hoffen, Bub, Hoffnung ist eine so feste Sach wie Gott, der sie uns armen Menschen gegeben hat. Das Sälbl ist vom Luisli. Sie hat's selber gebracht, das liebe Kind, hat's in der Sonn geläutert und hat Dich lieb. Alles ander müssen wir in Gott befehlen. Ich tu Dich grüßen. Bleib, wie Du bist, mein Bub, da bist Du kein schlechter nit. Das weiß ich, Deine Mutter in Treu."

Hätten der Schneck und die Schneckin jetzt hinübergeguckt zu ihrem zwieschläfrigen Bett, so hätten sie sehen können, wie die Augen eines Glücklichen leuchten. Aber die Schneckin musste auf die Schüssel achten, die sie zum Tisch trug, und der Hiesel starrte kummervoll in den Herrgottswinkel. Das Schneckweibl hielt es für nötig, zu fragen: "Wie hat's denn die Mälzmeisterin erfahren, dass der Leupi bei uns ist?"

"Was weiß denn ich?", brüllte der Hiesel. "Kreuzhimmelhundblutshöllement, es gibt halt söllene Fensterln, wo einer was auskundschaften kann, wenn er ausputzte Luser hat!" Wie sonderbar, dass der Hiesel jetzt so unverständliche Sachen redete! Sonst pflegte er nur Dinge zu sagen, die jedes Kind verstand. Seufzend ging die Schneckin zum Herd. Und Leupolt sagte wie ein Träumender: "In der tiefsten Freud wird auch die höchste Not ein Lindes. Magst Du mir nit erzählen, Schneck, wie's gestern gewesen ist?" Der Hiesel beutelte wütend den Kopf, schob die Schüssel fort, riss den Tabakbeutel vom Gürtel und begann die Holzpfeife zu stopfen. "So was ist schauderhaft! Ganz schauderhaft!" Das bezog die Schneckin natürlich auf den Bockmist und sagte gekränkt: "Schau hinaus ins Geißstallerl! Ob's nit so sauber ist, dass man am Sonntag vom Stallboden essen könnt." Mit Tränen in den Augen zündete sie einen Kienbrand an und verließ die Stube, um draußen noch ein bisschen nachzufegen. Da wurde plötzlich der Hiesel Schneck ein anderer. Alle Wut erlosch in ihm. Schweigend sah er die kleine Stalltür an, in den kreisrunden Augen einen so hilflosen Kummer, dass sein weiß schnauziges Gesicht etwas Kindhaftes bekam. Wie zerschlagen an allen Knochen trat er zum Herd, um ein glühendes Kohlenbröckl in die Pfeife zu legen.

"Schneck!", sagte Leupolt. "Weil das gute Weibl draußen ist, wollen wir's ausreden als grade Menschen. Ich spring nit hinüber zum Grenzbaum, tu nit flüchten. Vergönn mir das Plätzl in Deinem Haus! Ich will's vergelten. Sobald die Füß mich tragen, leg ich mich hinauf ins Heu. Kann ich wieder laufen, so musst Du mich helfen lassen bei Deinem harten Dienst. Dass Du's leichter hast. Ich versprech Dir, dass ich nichts tu, was Dir Ungelegenheiten macht. Ich will nit konventikeln und heimlichen Weg laufen. Will sein, wie Du wollen musst, dass ich bin. Ist Dir's recht so?" Er streckte die Hand.

"Meintwegen!", murrte der Hiesel, ohne die Hand zu fassen. "Stapfen wir selbander durchs Holz, so kannst Du mir auseinander kletzeln, was denn eigentlich dran ist - an der luthrischen Narretei? Dass in der besten Menschenseel so ein Unsinn zündet! Es ist halt, weil einer verstehn will, was er nit versteht. Verstehst?"

"Fragst Du, so geb ich Antwort." Wieder streckte Leupolt die Hand. "Magst Du nit einschlagen? Wir sind doch Gesellen, wo Verlass ist auf einander. Nit?"

Der Hiesel beweis, dass er trotz aller Bescheidenheit seines Verstandes klüger sein konnte als andere Menschen. "Mannderl," sagte er, "wenn ich Dein verschwollenes Pratzl drucken tät, möchtest Du einen schönen Brüller machen!" Er guckte über die Schulter, weil er aus dem Geißstall ein heftiges Wassergeplätscher vernahm. "So was ist schauderhaft! Ganz schauderhaft!" Er sprang zur Stalltür hinüber. "Du! Kreuzhimmelhundshöllement und christgläubiges Elend! Wirst Du nit bald auf'n Strohsack rutschen? Verkühlst Dich ja draußen! Du Zeiserl ohne Kröpfl!" Keinen Kropf zu haben, ist eigentlich eine schöne Sache. Aber der Hiesel dachte bei diesem wütenden Kosenamen an einen Vogel, dem Gott wohl keinen Gesang gegeben hatte, dafür aber Federn, mit denen man schreiben kann.

Die gekränkte Schneckin plätscherte noch eine Stunde lang. Als sie endlich die Ruhe suchte, lag ihr Schneck schon hinübergedreht nach der feindseligen Seite. "So," sagte sie, "jetzt wirst Du ihn aber nimmer schmecken!" Das stimmte. Gegen den Knasterqualm, den der Hiesel in die Stube geblasen hatte, kam der Geißstall nicht merklich auf. Dennoch knurrte der Unversöhnliche in die Nacht: "Ganz schauderhaft ist so was! Schauderhaft!" Da drehte sich auch die Schneckin beleidigt auf die andere Seite, und während ihre Tränen kollerten, hielt der Hiesel verzweifelt seinen brennenden Schädel zwischen den Fäusten. Die Stube des Grenzjägers beim Hallturm war in dieser Nacht eine Parabel des Lebens, in welchem Trostlosigkeit und Hoffnung, Glück und Not, Zorn und Liebe in unvereinbarem Widerspruch beieinander wohnen.

Leupolt sah mit offenen Augen ins Dunkel, das braune Tiegelchen zwischen den Händen. Wie in der klingenden Mondnacht auf dem Königssee, so waren wieder in ihm zwei kämpfende Gedanken, die einander hart bedrängten. Seine Trauer über das üble Herrenwerk des Versöhnungstages und seine Sorgen um die leidenden Brüder umschatteten die blühende Botschaft der Mutter: "Sie hat Dich lieb." Aus dieser Zwiesprach seines Kummers und seiner Träume riss ihn ein Himmelsköter des Hiesel Schneck, der wütend in die Finsternis hineinbellte: "Wie, Du - jetzt hätt ich vor lauter Schauderei schier gar vergessen! Hörst oder nit? Du Haubenstock ohne Mascherl! Wirst Du Dich bald umdrehen, ja? Und den überbeinigen Ellbogen gib her! Verstehst?" Der Hiesel mochte schneller zugegriffen haben, als die Schneckin zu geben bereit war. Sie ließ ein so wehleidiges Quieksen vernehmen, dass Leupolt erschrocken fragte: "Schneck? Was tust Du denn Deinem Weibl?"

"Nit mehr, als was mir der Jud zur Schuldigkeit aufgetragen hat, verstehst? Soll die saumäßige Zeitnot ausschauen, wie sie mag, ein Überbein ist allweil ein Überbein." In der Finsternis bügelte der Hiesel Schneck das neu gewachsene Ellbogenknöcherl seiner Schneckin. Weil sie wieder ein bisschen wimmerte, brüllte er: "Ja, pfeif nur, pfeif, Du Spinnrädl ohne Schmier! Wenn's Dir wohltät, gelt, da könnt ich rippeln bis vierzehn Täg nach der Ewigkeit." Nun ließ das Schneckenweibl keinen Laut mehr vernehmen. Als der Hiesel mit dem Knochenbügel endlich Feierabend machte, konnte die Schneckin nicht in Abrede stellen, dass ihr Überbein sich merklich verkleinert hatte. Sie beobachtete auch noch eine andere Wirkung der gewalttätigen Kur: Ihr Schneck war von der 'jüdischen Dokterei' so müde geworden, dass er vor dem Einschlafen vergaß, sich auf die feindselige Seite hinüberzudrehen. Mit Vorsicht rückte die Schneckin auf der Raschelmatratze ein bisschen näher, fand das Kissen wieder, an das sie seit fünfunddreißig Jahren gewöhnt war, und schloss als zufriedenes Menschenkind die Augen.

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