Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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Kapitel 18

Die folgenden Tage waren im Land Berchtesgaden reich an Überraschungen. Nachdem es einen Tag und eine Nacht lang tüchtig geschneit hatte, kam blauer Himmel mit klarer Sonne. Die Welt sah aus, wie neu vom lieben Herrgott versilbert. Und am Samstag, in den Morgenstunden, wurde zu Berchtesgaden ausgetrommelt, dass der allergnädigste Herr Fürst, um wieder einmal inmitten seiner getreuen Landskinder zu weilen, für den folgenden Sonntag im Schützenhaus ein fröhliches Fastnachtsschießen angeordnet hätte, mit vielen Preisen und Aufmunterungen für die besten Schützen des Landes. Nicht nur die Mitglieder der hochehrenwerten Schützengesellschaft vom heiligen Martin wären eingeladen, sondern alle Mannsleute, so eine Schusswaffe besäßen. Die Austrommlung endet mit dem munteren Vers:

"Wie mehrer die Gäst,
So schöner das Fest,
So froher der Fürst,
's gibt Freibier und Würst!"

Unter den vielen, die das zu Berchtesgaden austrommeln hörten, befand sich auch der Hiesel Schneck, der bei dem Juden ein Pflaster für das Überbein seiner Schneckin hatte holen müssen. Das Schützenfest schien ihm keine Freude zu bereiten. Die unzählbaren Himmelhunde, die er hinaufknurren ließ zur Sonne, beweisen, dass der Hiesel Schneck in übler Laune war. Ihn quälte der Ärger darüber, dass so ein Jud wieder einmal schlauer gewesen war, als der redlichste von allen Christen. Hiesel hatte geschwiegen wie ein lutherisches Grab, auf dem kein Hügel und kein Kreuzl ist. Dennoch hatte Lewitter plötzlich ganz genau gewusst, wo Leupolt Raurisser versteckt war, und hatte dem Hiesel nicht nur die Quetschbehandlung eines Überbeins auseinandergesetzt, sondern hatte ihm auch Verbandzeug, ein Fieber stillendes Mittel und etwas zum Waschen für schwärende Wunden mitgegeben, obwohl sich der gewissenhafte Schneck wie ein Rasender dagegen gewehrt hatte. Man trägt als treuer Christ in seinem Bergsack nicht gern eine obrigkeitlich verbotene Sache, die für einen Lutherischen wohltätig ist. Unter grimmigen Flüchen fühlte er mit seiner braunen Tatze immer wieder nach hinten: Ob das verdächtige Päckl nicht gottsgnädigerweis so spurlos verschwinden möchte, wie die preußische Gefahr aus der Armeseelenkammer. Aber wenn im Menschengedräng einer gegen ihn hinpuffte, brüllte er gleich: "Blitzhimmelsausen und Höllementshund, gib doch Obacht, ich hab was Gläsernes auf'm Buckl."

Bei dieser angstvollen Fürsorge war er nicht in der Laune, sehr aufmerksam auf die Muckenfüßl'sche Überraschung zu horchen. Auch hatte der Hiesel Schneck in diesen Tagen eine viel größere Überraschung schon erlebt. Damals, als es zu schneien anfing. Da war er spät am Abend heimgekehrt, in der sicheren Erwartung, dass der unbequeme, vermaledeite Ketzer schon über die bayrische Grenze gesprungen wäre und nimmer droben läge auf dem Heuboden. Teilweise war auch eingetroffen, was die Schneckin ihrem Schneck versprochen hatte: Leupolt lag nimmer auf der Heuschütt, sondern herunten neben dem Herdfeuer im Ehebett des Hiesel. Und die Schneckin hockte im Ofenwinkel auf einem Strohsack, den sie so breit gemacht hatte, dass er zwieschläfrig zu benutzen war. Hiesel ließ die wildesten Höllemente los, wenn auch - weil Leupolt schlief - mit gedämpfter Stimme. Da mochte die Schneckin hundertmal flüstern: "Verstehst?" - der Schneck verstand nicht und war verbohrt in die unzutreffende Meinung: Dass es die Schneckin "aber schon ganz saudumm" angestellt haben müsste. "Soll den Kerl über die Grenz hatzen und lasst ihn ins Bett hupfen! Kreuzhimmel, Bluthöllement und Bratwürst übereinander!" Grollend saß er auf dem Herdrand. Schließlich, wenn er in dieser Schneenacht neben seiner Schneckin liegen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit dem Strohsack vorlieb zu nehmen. Bis lange nach Mitternacht bellten seine gedämpften Himmelhunde. Am Morgen, freilich, da sah auch der Hiesel das ein: Dass man mit einem Fieber, in dem "alle Knöchelen scheppern", nicht ins Bayrische hinüber laufen kann. Und jetzt, unter den Rasselklängen der Muckenfüßl'schen Austrommlung, erzeugte der Schneck in seinem langsamen Gehirn den Trostgedanken: "Wenn ich dem Buben das jüdische Päckl zutrag, dass er bald über die Grenz hupfen kann, so tu ich bloß, was die Herren haben wollen. Verstehst?" Die vielen Himmelhundsmonologe, die er mit sich führte, verhinderten ihn, auf dem Marktplatz und während des Heimweges der freudigen Bewegung zu achten, die der Feldwebel Muckenfüßl mit einer sonst so gefürchteten Trommel in der Bevölkerung erweckt hatte.

So splendid und wohlwollend hatte sich der Landesfürst schon lange nicht mehr erwiesen. War in der Verkündigung auch nicht deutlich ausgesprochen, was sie bezweckte, so war doch ihr schöner Sinn so klar, wie die alte Sonne über dem jungen Schnee. Die Gutgläubigen nahmen die Ansage des Festes als deutliche Mahnung zur Verträglichkeit, die Evangelischen empfanden sie als Friedensverheißung, als Wegweis zu naher Verständigung und zur Freiheit ihrer Seelen. Seit Menschengedenken war zu Berchtesgaden nimmer so gut und herzlich von der Obrigkeit gesprochen worden, wie es an diesem silbernen Samstag tausendstimmig geschah. Ina allen Häusern wurde gesungen und gelacht, aus allen Truhen wurde das Feiertagsgewand und versteckter Schmuck herausgenestelt. Überall an den Fenstern saßen die Mannsleute und putzten ihre Schießgewehre. In der Mittagsstunde böllerten durch das sonnfunkelnde Tal die Probeschüsse. Einer sagte: "Wie wenn beim größten von allen Bauern eine Hochzeit wär!" Und bekam die lachende Antwort: "Das wird wohl ein Metzensäckl Pulver wert sein, wenn der gnädigste Herr Fürst mit seinem Völkl Versöhnung feiert!"

Den ganzen Nachmittag umstanden Scharen von Mädchen und Kindern das Schützenhaus, um den gewaltigen Vorbereitungen zuzuschauen, die für das Fest getroffen wurden. Die Mannsleute, die man sonst nur zähe zur Fronarbeit herbeibrachte, boten sich ungerufen zur Hilfeleistung. Von der großen Festwiese neben dem Schützenhaus wurde der Schnee fortgeschaufelt, und Lachen, frohes Geschrei und dröhnendes Hammerklopfen begleitete den flinken Bau des "Mahlsaales", einer mächtigen Bretterbude, die ein paar tausend Schützenbrüder fassen konnte, um in Verträglichkeit und Frohsinn bei Freibier und Speckwürsten mit den gütigen Herren beisammen zu sitzen. Man arbeitete noch bei Fackelschein bis gegen Mitternacht.

Der große Morgen kam. Die Tausende auf berchtesgadnischer Erde waren willig zur Freude. Nur der liebe Gott schien an diesem Versöhnungstag kein rechtes Wohlgefallen zu haben und steckte die Sonne in einen mächtigen Wolkensack. Feine Eiskristalle rieselten aus dem Grau herunter, scharf wie Nadelspitzen. Das verdarb keinem Fröhlichen die Laune.

Als man zum Kirchgang läutete, war die Zuwanderung der Andächtigen ein bisschen schütter. Die Erlösung von allem Gewissenszwang voraus genießend, heilten die Evangelischen den Gottesdienst dieses Freudentages daheim in ihren Stuben ab oder besuchten eine Fürsagung, ohne Schneekleid, völlig sichtbar. Erst nach dem Hochamt, während mit allen Glocken der Gottesfriede dieses Sonntages verkündet wurde, begannen die Marktgasse, der Brunnenplatz und die Stiftshöfe sich zu füllen mit einem farbenbunten und fröhlich gestimmten Menschengewühl. Obwohl es immer nebelte, sah die lärmende Bewegung der farbigen Menge sich an wie ein jubelndes Lebensfest. Die Frauen und Mädchen hatten sich aufgeputzt und waren durch Jugend, Gesundheit, Freude und hoffendes Vertrauen noch schmucker geziert, als durch die feuerfarbenen Mieder, durch das leuchtende Bänderwerk und die matt funkelnden Schaumünzen. Stolz trugen die Mannsleute ihre klobigen Schießgewehre, und fast jeder hatte auf seinem gebänderten Hütl ein paar von den Blumen stecken, die bei frierendem Winter blühen in den warmen Bauernstuben. Dem wirbelnden Frohsinn dieses Bildes tat es keinen Eintrag, dass im Gewühl der Leute keiner von den Herren zu sehen war. Es tauchte nur der Feldwebel Muckenfüßl auf, dem ein paar Musketiere bei der Ordnung des tausendköpfigen Schützenzuges behilflich waren. Als die Hifthörner der fürstlichen Jägerei den Festruf bliesen und die Trompeten und Klarinetten der Salzknappen mit ihrer lustig dudelnden Marschmusik einfielen, erhoben die Tausende dieser fröhlichen, von harter Zeit erlösten Menschen ein Jauchzen, dass ihr Freudenspektakel alles Blechgeschmetter übertönte.

Wie ein vom Glück dieses Tages Ausgeschlossener, mit unfrohen Augen, Zorn und trauernde Erbitterung in dem blassen Warzengesicht, saß Pfarrer Ludwig am Fenster seiner Stube und blickte hinunter auf das fröhliche Gepräng des Schützenzuges. "Ob in Sonn oder unter Wolken - gibt's auf der Welt ein schöneres ding, als die vertrauensselige Freud eines hoffenden Volkes? Und gibt's auf Erden ein übleres, als dieser Tag es bringen wird?" Immer wieder brannte in ihm der Gedanke: Reiß das Fenster auf, schrie diesen Jauchzenden eine Warnung zu! Nicht die fürstliche Mahnung an das Dienstgeheimnis hielt ihn zurück, nur die Erkenntnis, dass seine Warnung das Schicksal dieses Tages nicht wenden, sondern Aufruhr und Todschlag heraufbeschwören würde.

Der weite Hof unter dem Fenster des Pfarrers war leer und still geworden. Immer ferner tönten die fröhlichen Jauchzer, das Klarinettenquieksen und der Trompetenklang. Nun das donnerähnliche Dröhnen eines Böllerschlages. Dann knatterten die Stutzenschüsse durcheinander, als hätten hundert Heinzelmännchen zu dreschen begonnen. Das ging zwei Stunden lang so weiter. Dann läuteten die Mittagsglocken. Auf der Festwiese verstummten die Schüsse. Und nebelnde Stille lag über den Dächern des Stiftes. Jetzt der Hufschlag eines Pferdes. Von der Salzburger Straße kam ein erzbischöflicher Dragoner über den Hof geritten und verschwand im Stiftstor. Pfarrer Ludwig nickte. "Die Konsequenz! Sechs Füß hat sie! Und hat zwei Köpf, von denen jeder was anderes denkt." Wenige Minuten später musste er zu der beschämenden Einsicht gelangen, dass er die salzburgische Hilfe militärisch unterboten, katechetisch überschätzt hatte: Nicht ein volles Dutzend Kapuziner, nur neune; aber statt der fünfhundert Soldaten, auf die er geraten hatte, kamen achthundert Musketiere, scharf bewaffnet, dazu ein halbes Tausend Dragoner, hoch zu Ross. "Guck nur!", knirschte der Pfarrer vor sich hin. "Neben der Gotteshilf macht Salzburg noch ein gutes Geschäft! Den ganzen Heerwurm müssen ihm unsere Bauern füttern, wer weiß, wie lang!"

Es litt ihn nimmer in der Stube. Flink in die hohen Schmierstiefel, aus dem Haus und hinunter zur Festwiese. Auf einem Fußsteig, der über die verschneiten Weisengehänge kletterte, bleib er erschrocken stehen und spähte zur Fahrstraße hinüber. Unter den vielen Leuten, die nach der Festwiese strebten, sah er den Meister Niklaus und Luisa. Der Pfarrer schrie den Namen des Freundes und watete durch den tiefen Schnee. Als er die Straße erreichte, war er so atemlos, dass er kaum zu sprechen vermochte: "Kehr um, Nicki! Führ Dein Mädel heim und lass Dich einsperren von der Sus!"

"Hochwürden?", stammelte Luisa. Und der Meister fragte erblassend: "Um Gottswillen, was ist denn los?"

"Getroffen, Nicki!" Der Pfarrer lachte grell. "Um Gotts willen ist was los! Und da wirst Du Dir denken können, wie es ausschaut." Er fasste Luisas Arm und flüsterte: "Mädel! Wenn Du Deinen redlichen Vater nit auch noch verlieren willst, so schau, dass Du ihn heimbringst in die Werkstatt und zu seiner Arbeit! Geh, Nicki, sei verständig! Noch ein letztes Mal! Ich tät's nit raten, wenn es nit sein müsst. Und Du, Mädel, tu beten vor Deinem Jesuschrein! Andächtiger als je!" Die Stimme des Pfarrers bekam einen harten Zornklang. "Heut wird Deine fromme Seel noch was umzudeuten kriegen. Die heilige Mutter soll Dir's geben, dass Du eine Deutung findest, die Deinen standhaften Glauben nit verdächtig macht vor den Konsequenten."

Luisa, deren Gesicht sich entfärbt hatte, umklammerte stumm die lebende Hand des Vaters. Und Niklaus stammelte: "Mensch! Was ist denn?"

Heiser lachend deutete Pfarrer Ludwig mit dem Hakenstock gegen die Wolken. "Guck doch in die Höh! Da musst Du doch merken, das heut ein Tag ist, an dem unser Herrgott sich in seinen ewigen Mantel wickelt und um die Menschen trauert." Er sagte mit heißer Mahnung: "Geh heim, Nicki! Deinem Kind zulieb!"

"Und Du?"

"Ich bind och ein Priester, nit? So einer ist allweil auf dem Weg zu den Hoffnungslosen. Wie heut, so neugierig bin ich noch nie gewesen: Ob der Amsterdamer recht hat, wenn er sagt, es wär kein Ding auf Erden so schlecht, dass es nit ein Gutes werden könnt für die Menschen." War's noch vom Schnupfen, oder hatte es einen neuen Grund, dass dem Pfarrer das Wasser in die Augen trat? Dann sagte er zu Luisa: "Lass den Vater nimmer aus! Mädlen, die tapfere Kinder sind, werden die besten Frauen." Er wandte sich ab und eilte die Straße hinunter. Das Gesumm einer großen Volksmenge klang ihm durch den ziehenden Nebel entgegen. Hunderte von Frauen, Mädchen und Kindern umstanden in heiterer Laune die große Bretterbude des Mahlsaales, in dem die Trompeten und Klarinetten der Salzknappen eine lustige Tanzweise spielten. Fast alle Mannsleute waren schon im Saal versammelt. Nur ein paar Burschen wimmelten in ihren roten Joppen noch vergnügt umher, schäkerten mit der weiblichen Jugend oder machten harmlose Späße über die Bratwürste, die noch immer nicht duften wollten, und über die geduldigen Mägen der Herren, die noch unsichtbarer wären, als es die Evangelischen vor dem Bekennertag gewesen. Unter Muckenfüßls kanzleideutschem Kommando drängten sich Lakaien und Musketiere im Frauengewühl umher, fassten die rot joppigen Buben ab und schoben sie in den Saal, immer unter der gleichen Mahnung: "Flink! Nur flink! Die Bräuknecht haben schon angezapft!" Nun schoben sie den letzten von den Burschen durch die enge Tür hinein, die aussah wie ein Festungsschlupf. Und durch den Türspalt leuchtete das rote Flackerlicht der Kienfackeln heraus, die man in der fensterlosen Bretterbude angezündet hatte, um sie hell zu machen.

Die Weibsleute guckten ein bisschen verwundert drein, weil an die zwanzig, mit Flinten und Terzerolen bewaffnete Musketiere vor der Saaltür aufzogen wie eine kriegsmäßige Wache. Als Muckenfüßl mit den Lakaien und Jägerknechten das Schützenhaus besetzte, in dessen Halle die Schießgewehre der Bauern verwahrt standen, kam Pfarrer Ludwig in Hast von der Straße herüber geschritten. Er spähte mit blitzenden Augen, sprang auf die Saaltür zu und wollte eintreten. Zwei Musketiere kreuzten vor seiner Brust die Flinten. "Ruckwärts, Hochwürden! Niemand darf passieren. Befehl des gnädigsten Herrn!"

"Aber Leut!" Der Pfarrer lachte. "Ich will doch auch meine Freimaß haben und mein Würstl! Geh, seid doch nit gar so neidisch!" Er hatte die beiden Flinten beiseite geschoben und drückte die Saaltür vor sich auf. Ein Musketier fasste ihn am Radmantel. "Wirst Du auslassen?" Mit einem zornigen Fauststreich machte der Pfarrer sich frei und trat in den von einem wogenden Mannsgewühl, von dudelnder Musik, von Flackerschein und Fackelqualm, von Lärm und Gelächter erfüllten Brettersaal. An langen, leeren Tischen saßen die Bürger und Bauern, die Handwerker und Salzknappen auf hochbeinigen Holzbänken. In den schmalen Gassen drängten sich Hunderte umher, die noch keinen Platz gefunden. Die roten Joppen leuchteten wie Blutflecken, und die Gesichter, die schmutzig wurden vom Fackelruß, schienen in der trüben Flackerhelle verzerrt zu einem ruhelosen Grinsen. Und doch war Freude in allen Gesichtern, fröhliche Erwartung in allen Augen. Freilich, derbe Späße gab es in Hülle und Fülle, weil man schon wartete seit einer halben Stunde und noch immer den Duft keiner Bratwurst witterte. Doch in jedem Scherz war heitere Geduld, war noch immer ehrfürchtige Dankbarkeit für den allergnädigsten Wirt dieses freudenreichen Versöhnungstages. Nur in der hintersten Saalecke, wo die rot joppigen Burschen dick beisammen saßen, begann es ein bisschen übermütig zu werden. Da trommelten sie mit den Fäusten auf die Tische und begannen kleine Spottlieder zu singen, wie der Augenblick sie gebar.

Als der Pfarrer, noch in den Radmantel gewickelt, von der Türschwelle stumm hineinsah in dieses heiter lärmende Männergewühl, war sein Gesicht entstellt, dass ihn die Leute nicht gleich erkannten. Es musste erst ein Fröhlicher schreien: "Herr Jöi! Unser gütiges Pfarrherrle!" Und einer brüllte über alle Tische: "Leut! Jetzt geht's aber an! Der erste von unseren Herren ist da!" Während der Lärm sich ein bisschen dämpfte, drängten viele gegen den Pfarrer Ludwig hin, zu einem Gruß, zu einem Händedruck. Von einer nahen Bank erhob sich einer, der ein kleines Bübl auf dem Arm hatte. In seinen Augen war ein verstörter Blick, doch unter dem Braunbart lachte sein blasser Mund, als wäre er der Fröhlichste unter diesen tausend Festfrohen. Rittlings über der Bank stehend, winkte er mit dem Arm und kreischte: "Hochwürden! Zu mir her! Euch geb ich mein Plätzl. Ich muss nit sitzen. Mich halten Herz und Seel in der Höh." Der Christl Haynacher lachte wie ein Glücklicher und presste das scheu guckende Bübchen an seine Brust. "Jetzt, Hochwürden, ist alles am Tag! Gelt ja? Mir müssen die Leut Vergeltsgott sagen. Wär mein Weibl nit so heilig und fromm gestorben, und hätt mein Weibl nit hilfreich aus dem ewigen Glanz herunter gegriffen zur kreistenden Menschennot? Da täten wir trauern und seufzen müssen, gelt! Jetzt können wir Freud haben und wieder glauben. Alle Herzviertelen sind wieder schön beisammen. Und Fried und Brüderschaft ist überall auf der gottschönen Welt. Die guten Herren! Die soll unser Herrgott segnen für den heutigen Tag." Während Christl Haynacher so redete, mit umkippenden Tönen, schrieen es die anderen von Tisch zu Tisch, dass von den Herren der erste gekommen wäre. Die dudelnde Knappenmusik geriet außer Takt und verstummte. Aller Lärm versickerte, es wurde immer stiller im Saal. Und da streckte sich der Pfarrer, hob die beiden Hände aus dem Mantel und rief: "Ihr guten Leut! Lasst mich ein brüderlichs Wörtl reden mit Euch!"

Überall ein Gucken und Hälsestrecken, von allen Bänken erhoben sich die Männer und Burschen, einer der schlecht gezimmerten Tische knickte krachend zusammen, ein Gelächter, dann viele Stimmen, die zum Schweigen mahnten. Jetzt war die Ruhe da. Nur noch das Rauschen der Fackelflammen, das schwere Atmen der vielen Hunderte in den qualmigen Raum. Und da lauschten sie alle - nicht auf den Pfarrer, der mit zerdrückter Stimme zu reden begann. Sie lauschten auf das Unerklärliche, das von draußen herein klang durch die fensterlosen Bretterwände. Es war ein aufwirbelndes Geschrei von vielen Weibern und Kindern. Wie gellende Angst war es anzuhören. Und es musste doch Freude sein? Kamen die Herren? Fragende Rufe schwirrten von Tisch zu Tisch. Und einer kreischte mit Lachen: "Hört ihr die Mädlen juchzen? Jetzt kommt der gnädigste Herr Fürst! Höi, Trompeter! Blast den Herrengruß!" Ein fröhliches Blechgeschmetter. Niemand hörte mehr auf den Pfarrer. Seien Stimme versank im lärmenden Festjubel dieser treuen, beglückten Untertanen.

Vor der Saaltür ein Gepolter und ein aufgeregtes Stimmengewirr. Immer deutlicher hob sich aus ihm die schrillende Stimme eines Mädels heraus. Es war wie das Zetergeschrei einer Irrsinnigen. Ein Gerüttel an der kleinen Tür. Jetzt patschte da draußen ein Pistolenschuss - nicht wie ein Pulverknall, nur wie das Klatschen einer festen Peitsche - und über die Schwelle der aufgedrückten Türe stürzte schreiend ein junges Geschöpf herein, jenes Untersteiner Mädel, das unter dem Holz der Unehr, am Bekennersonntag, als erste mit verzückter Freude gerufen hatte: "So müsst ihr mich auch verbrennen! Ich bin eine evangelische Christin!"

Was sie schrie und lallte, während sie hintaumelte gegen die erste Bank, war im aufrauschenden Lärm des Saales nicht zu verstehen. Immer schreiend, stieg sie neben dem stumm gewordenen Christl Haynacher auf die Bank, sprang auf die Tischplatte und stand da droben, mit aufgereckten Armen, einer Verzückten ähnlich, oder einer Wahnwitzigen. Immer lallte und schrie das Mädel, die Augen erweitert, das Gesicht wie Kalk so weiß. Im versinkenden Lärm des Saales klang vom Tisch der Salzknappen eine verzweifelte Bubenstimme: "Barmherziger Herrgott! Moidi! Du blutest!" Sie drehte das Gesicht gegen die Stelle hin, von der die Stimme kam, lächelte ein bisschen, reckte sich und rief: "Ihr leiben Brüder! Haltet fest am Gütigen, der für uns gestorben ist am Kreuz! Hilf ist nur im Himmel noch. Hilf ist nimmer auf der Welt. Gewalt ist über uns! Zehntausend heidnische Dragoner reiten über das Schneefeld her!" Das Mädel wankte, straffte sich wieder an allen Gliedern, wollte reden, hatte keinen Laut mehr und presste die zitternden Fäuste gegen das Mieder. In der Stille, die plötzlich im Saal entstand, hörte man sie mit leiser und froher Stimme sagen: "Herr Jesu, Dir leb ich - Herr Jesu, Dir sterb ich -" viele Hände streckten sich nach der Sinkenden, Pfarrer Ludwig fing die Erloschene in seinen Armen auf, und Christl Haynacher, dessen Bübl das Gesicht am Hals des Vaters versteckte und zu greinen begann, brüllte plötzlich wie ein Betrunkener: "Herrgott! Herrgott! Ist's noch allweil nit genug?"

Ein tausendstimmiger Laut im Saal, wie das Aufstöhnen eines gewaltigen Tieres, dem das mordende Eisen ins Leben fährt. Nun ein dumpfes Gewühl, ein Zusammenkrachen aller Tische und Bänke - und jetzt ein mahnender Männerschrei, so kraftvoll und gebietend, dass er die tausend Verstörten beherrschte und zum Lauschen zwang. "Ihr Leut! Ihr guten Leut!" Pfarrer Ludwig war heiser geworden von diesem Schrei. "Schaut her! Ich hab den Tod auf den Armen. Drum muss ich ein Wörtl sagen für Euer Leben. Heut geht Gewalt vor Recht. Die Zeit wird kommen, in der sich's wendet. Seid besonnen, ihr guten Leut! Oder ihr stoßt Euch alle, Eure Weiber und Kinder ins hilflose Elend! Christ sein, heißt nit: Zuschlagen mit Fäusten und Tischfüßen, einander würgen und niedertrampeln. Christ sein, heißt noch allweil, ein Mensch unter Menschen bleiben und sein Leidwesen dem gütigen Heiland in die Hand legen. Der wird uns aufrichten. Der wird uns helfen!" Man hörte von draußen den Schritt einer marschierenden Truppe, hörte die Trommel, die schon nah bei der Tür war. Pfarrer Ludwig, dem die Arme unter der Last zu zittern begannen, die sie trugen, sagte ruhig: "Drei evangelische Brüder sollen mir helfen. Wir wollen das fromme Christenkind, das in Gottes Reich gegangen, heimtragen zu seiner Mutter."

"Nachbar!", keuchte der Haynacher. "Nimm mein Bübl ein bissl! Da muss man helfen." Er sprang an die Seite des Pfarrers und raunte auf eine Art, wie die Fieberkranken reden: "Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie." Jetzt kamen die salzburgischen Gottesmusketiere unter Trommelschlag in den Saal marschiert, zu vieren dicht aneinander gedrängt, die Gewehrläufe vorgestreckt, den Finger am Bügel. Außer dem Schrittklappen und den soldatischen Befehlsworten war kaum ein Laut im Saal. Die Leute wichen vor dem immer breiter werdenden Soldatengürtel zurück, die einen scheu und mit blassen Gesichtern, die anderen mit dem stummen Zorn auf der Stirn und in den Augen. Den ersten aufwühlenden Sturm in ihnen hatte das Wort des Pfarrers bezwungen. Nun lähmte sie der Schreck, das betäubende Bewusstsein ihrer Wehrlosigkeit und noch ein Härteres: Die Bitterkeit der Enttäuschten, die Trauer über den Betrug, der da begangen wurde an ihrem frohen, gläubigen Vertrauen.

Hinter der Kette der Musketiere stehend, verkündete Muckenfüßl das pröpstliche Edikt auf Konfiskation aller Schützengewehre. Jedem reumütigen Subjekt sei die Gnade des Fürsten zugesagt, jedem Widerspenstigen das strengste Gericht. Zur Ermahnung der Seelen sei von einer fürsorglichen Obrigkeit beschlossen worden, jede Gnotschaft des Landes mit achtzig Musketieren und fünfzig Dragonern samt Rössl zu belegen, für deren Bedarf an Zehrung und Trank die Gnotschaft aufzukommen hätte, insolang, als eine Besserung des rebellischen Geistes nicht in glaubhaftem Ausmaß sichtbar würde. Nach dieser Verkündigung formierten die Musketiere eine Gasse durch den ganzen Saal. Eine Gnotschaft nach der anderen wurde aufgerufen. Wenn die Männer, die zur gleichen Gnotschaft gehörten, alle beisammen waren, wurden sie paarweis abgeführt. Einige Burschen, die sich unehrerbietig zu äußern wagten, wurden verhaftet. Auch einen von den vier Trägern der "schön und gottselig gestorben" Moidi von Unterstein - den Christl Haynacher - musste man festnehmen. Bei seiner Verhaftung gebärdete sich der Hirn verdrehte Suspiziosus, wie Muckenfüßl ihn nannte, so rebellisch, dass die Anwendung von eisernen Handschellen nötig wurde.

Draußen im Schnee, zwischen Mahlsaal und Schützenhalle, standen, gleichmäßig abgezählt und in militärischer Ordnung ausgerichtet, für jede Gnotschaft die achtzig Musketiere und die fünfzig berittenen Dragoner parat. Bei jedem Trupp - gleich einem Leutnant neben seiner Kompanie -befand sich ein Kapuziner.

Die Abwanderung der Gnotschaftsleute mit ihrer militärischen Bedeckung dauerte bis in die Dunkelheit. Und die Soldaten, die ihr Quartier zu Berchtesgaden bekamen, bewiesen noch vor Anbruch der Nacht, dass sie nicht nur dem Himmel, sondern auch der Kunst zu dienen vermochten. Mit großen Töpfen und langen Tüncherpinseln wanderten sie durch die Gassen und bemalten an jedem Haus, in welchem ein der Ketzerliste Einverleibter wohnte, die Türen und Fensterstöcke mit knallroter Farbe.

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