Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das große Jagen
           Titel
           Kapitel 1
           Kapitel 2
           Kapitel 3
           Kapitel 4
           Kapitel 5
           Kapitel 6
           Kapitel 7
           Kapitel 8
           Kapitel 9
           Kapitel 10
           Kapitel 11
           Kapitel 12
           Kapitel 13
           Kapitel 14
           Kapitel 15
           Kapitel 16
           Kapitel 17
           Kapitel 18
           Kapitel 19
           Kapitel 20
           Kapitel 21
           Kapitel 22
           Kapitel 23
           Kapitel 24
           Kapitel 25
           Kapitel 26
           Kapitel 27
           Kapitel 28
           Kapitel 29
           Kapitel 30
           Kapitel 31
           Kapitel 32

Kapitel 15

Der Hall des tausendstimmigen Liedes, das empor schwoll über die Dächer des Stiftes, klang auch hinüber zu der galanten Jugend, die sich à la Versailles amüsierte und kaum einen Laut dieser über alles Irdische emporgehobenen Menschenfreude vernahm. Es erging den graziös Erheiterten, wie es einem leichtsinnigen Träumer geschieht, der beim Rauschen eines fröhlichen Baches den Donner des aufsteigenden Gewitters überhört. Auf der Hofwiese gavottierten die Hifthörner in rasendem Tempo, obwohl sie die klagende Fuchstodweise hätten blasen müssen. Der letzte Prellfuchs war schon seit geraumer Weile entseelt. Er zappelte nimmer, während er flog, sauste aber immer wieder hinauf ins schöne Blau. Die Allergnädigste schien sich des Blut spritzenden Spiels nicht ersättigen zu können, und so wurde der leblose Tierklumpen zu einer Kostbarkeit, um die sich alle Prellerpaare in ausgelassener Heiterkeit zu raufen begannen. Nun fing auch die Zuschauermenge vor dem Netz zu wachsen an. Viele, die den Marktplatz erschrocken verlassen hatten, wurden festgehalten durch das farbige Flatterbild, doch nicht in Schaulust, sondern in Zorn. Inmitten einer erregten Frauengruppe deutete ein mauerblasses Weib auf den fliegenden Fuchs und schrie: "So prellen sie unsere Seelen, unser Gut und Leben, bis uns allen der Schnaufer vergeht. Die sollt der Teufel einmal reiten! Kreuzweis!"

Hatten die Dunklen der Unterwelt diesen Segenswunsch erhört? Aus zwei großen Kästen, die auf einen heimlichen Wink des Grafen Tige auseinander fielen, sausten vier schwarzborstige Unholde mit Grunzen heraus, prallten gegen die gespannten Netze, rasten blind nach einer anderen Richtung, spritzten im Lauf den blutigen Schnee auseinander, wurden wie besessen und überrannten jedes lebendige Hindernis. Diesen Vorgang begleitete ein sechsstimmiges Damengeschrei, das sich aus toller Heiterkeit sehr flink verwandelte in schrilles Angstgezeter. Gleich zu Beginn des Scherzes merkte Graf Tige, dass der graziöse Knalleffekt ein übles Ende zu nehmen drohte. Erschrocken befahl er dem Wildmeister und den Jägern: "Abfangen! Abfangen!" Es war zu spät. Mit gehobenen Röcken, grillend wie geängstigte Kinder, jagten die unter Schminke und Schönheitspflästerchen entfärbten Demoisellen sinnlos zwischen den Netzen hin und her, um den jungen, sausenden Wildschweinen zu entrinnen. Keiner gelang es. Jede wurde von solch einem blind surrenden Borstenklotz zu Boden geworfen. Hinter den Schweinen, halb noch lachend, halb schon in Sorge, sprangen die Domizellaren und Jäger mit den blanken Hirschfängern einher.

Bevor man das erste der rasenden Schweinchen zu Boden bringen konnte, waren die sechs Demoisellen schon zum Erbarmen zugerichtet, mit zerrauften Frisuren, mit zerfetzten Kleidern, beschmutzt, vom Schnee durchnässt, an Gesichtern und Händen mit roten Flecken gesprenkelt, die vom Abklatsch des überall ausgespritzten Fuchsblutes herrührten. Das zweite und dritte Wildschwein wurden in den Netzen erstochen. Den letzten Überläufer musste man, bevor er den Todesstoß empfangen konnte, an den Hinterläufen unter dem tonnenartigen Steifrock der Allergnädigsten hervorzerren. Aurore de Neuenstein lag mit ausgespreizten Armen im Schnee und zeterte ununterbrochen die beiden Worte: "Mon Dieu! Mon Dieu! Mon Dieu!" - in einem wesentlich anderen Ton, als Damen zu kichern pflegen, wenn sie charmant kascholiert werden. Und während dieses weidmännische Accouchement unter beträchtlicher Kränkung zarter Prinzipien vollzogen wurde, ließ sich ein zorniges Spottgelächter vernehmen. Drei der Demoisellen huschten durch die Leierbüsche des gestutzten Hofgartens davon, um dem Hohn der Subjekte zu entrinnen. Und Aurore de Neuenstein war anzusehen wie eine Nachtwandlerin mit geöffneten Augen.

Das ungraziöse Überraschungsspiel der bösen Schweinchen schien sich bei ihr mit einer Sinn verwirrenden Entdeckung zu komplizieren. Als aller Schreck schon längst überstanden war, wurde die Allergnädigste plötzlich von einer befremdenden Erschütterung der Verdauungsorgane befallen - ein Symptom, über das Graf Tige nicht minder erschrak, als Aurore de Neuenstein. Zu einer Erörterung der unliebsamen Katastrophe verblieb den beiden vorerst keine Zeit. Atemlos erschien auf der Hofwiese der aus seinem Sonntagsschläfchen aufgestörte Muckenfüßl, schlotterbackig, ohne Säbel, und kreischte: "Ihr Herren und Jäger! Jesus, Jesus! Die Welt geht unter in loco hujus! Unsere Bauern rebellieren wider Himmel und Gott! Wir brauchen Hilf! Alles hinüber zum gnädigsten Fürsten!" Der Wildmeister, alle Domizellaren - ausgenommen den Grafen Tige - die Pagen und Hifthornbläser sprangen mit dem stotternden Feldwebel durch den Schlossgraben zum Stift hinüber, aus dessen Höfen das Lied der tausend Bekennerstimmen in die Sonne schwoll. Sechs von den Jägern zerrten die abgestochenen Wildschweine hinter sich her.

Auf der Straße war ein ruheloses Durcheinander. Leute rannten schreiend gegen den Markt hinauf, und viele, denen die Seele angstvoll geworden, strebten hastig ihren Höfen zu: Die noch Unentschlossenen, die nicht sichtbar werden wollten, und die Gutgläubigen, denen das Bekennungswunder dieses Morgens die frommen Gemüter mit Trauer und Schreck erfüllt hatte. Inmitten eines Schwarmes dieser Heimläufer kreischte ein Aufgeregter: "Mich haben die Musketierer dreimal gepackt. Allweil hab ich mich ausweisen können mit polizeimäßigen Glaubenswörtlen. Wer tät denn gutgläubig sein, wenn's ich nit bin? Hättst Du das Erlösungswunder meiner Martle gesehen, so tätst Du glauben, Mensch! Erzählen darf ich es nit. Aber für's Martle tu ich ein neues Kreuzl schneiden. Sie hat's verdient! Wenn eins herunter greift aus dem Himmel und meine Kinderlen hinaufholt in die Ewigkeit - so eine Gottselige wird wohl ein Kreuzl verdienen? Nit? Und müsst auch ihr Leichnam in heidnischen Boden kommen wie eine ungetaufte Katz, bevor sie stinkig wird." Der Haynacher betrachtete unter verzerrtem Lächeln das erstochene, in Schneegebrösel und Blutklumpen eingewickelte Wildschwein, das von zwei Jägern in den Schlossgraben hinuntergezogen wurde. Mit dem Finger deutend, kicherte Christl: "Auch ein Ungetauftes! Findet aber doch eine christliche Ruhstatt. Weil's die geistlichen Herren hinunterschlucken in ihre geweihten Mägen!"

Da kam einer aus dem Tal herauf. "Christl? Jeder Redliche lauft der Wahrheit zu. Und du gehst heim?"

"Wohl, Mensch!" Der Haynacher lächelte schlau. "Mich haben sie wieder auslassen müssen. Weil ich so gutgläubig bin, wie meine Martle und jedes von meinen getauften Kinderlen gewesen ist." Der andere, halb in Zorn und halb in Erbarmen, machte eine Handbewegung und ging vorüber. Christl Haynacher keuchte in die Sonne hinaus: "Kann sein, mir ist ein unheiliger Zweifel durchs Hirndächl gelaufen, ich weiß nit, wann. Aber wie das Wunder mit meinen Kinderlen geschehen ist, da bin ich gutgläubig worden. Wenn aus der Seligkeit zwei liebe Händ herunter greifen zur irdischen Not! Und lupfen das unschuldsweiße Päarl aus dem amtsmäßigen Riegel heraus! Und allweil höher hinauf zum ewigen Gottesglanz! Schau, Mensch, da musst Du doch selber sagen -" Er merkte, dass er allein stand. "So so?" Dem Christl liefen zwei Tränen über die Feuerflecken seiner Backen. "Schau, von meinen gottseligen Kinderlen will kein Mensch mehr ein Wörtl wissen!"

Diese Weisheit glich einem der wahrheitsfernen Irrtümer, wie sie der lyrisch verherrlichte Dr. Halbundhalb zu fabrizieren pflegte. Gerade in dem Augenblick, in welchem Christl seine falsche Rechnung aussprach, erwachte die Erinnerung an das Haynacher'sche Zwillingspaar in einer Menschenseele, der man ein so treues Gedenken gar nicht zugetraut hätte - in der Seele der allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Von dem verwüsteten Fuchsprellplatze hatte Graf Tige den leidenden Engel in zerrupftem Zustand hinübergeleitet zu einem Salettchen des gestutzten Hofgartens. Hier saß die Neuenstein auf einem Holzbänkl. Graf Tige lag vor den Knitterbrüchen des Steifrockes auf den Knien, labte die schwache Demoiselle mit Biskuitstückelchen - und da wiederholte sich plötzlich jene befremdende Erschütterung ihres innersten Wesens. Es wurde der Allergnädigsten in beklagenswertem Grade übel, und dieses war der Augenblick, in dem Aurore de Neuenstein sich jener chose effroyable erinnern musste, die sie auf dem Stubentisch des Christl Haynacher hatte liegen sehen. Aber statt von menschlichem Erbarmen bewegt zu werden, geriet sie in einen schwer erklärlichen Jähzorn, und - billeripatsch - versetzte die Allerungnädigste dem Grafen Tige eine schallende Ohrfeige, viel kräftiger, als man es diesem zartesten aller Händchen hätte zutrauen mögen. In Tränen ausbrechend, entzog sie sich flink durch eine Ohnmacht jeder weiteren Konversation. Graf Tige mit der brennenden Wange eilte durch den gestutzten Hofgarten davon, um Hilfe für Aurore de Neuenstein herbeizurufen. Als er die sekrete Gartenmauer erreichte, hörte er das Stimmengebraus der Marktgasse und den mächtig wachsenden Klang eines verbotenen Liedes, das von Tausenden gesungen wurde. Ratlos guckte er in die Sonne und wurde von zwei Menschen, die es eilig hatten, aus dem Weg gestoßen.

Neben einem blonden, sich wie irrsinnig gebärdenden Mädel, sprang der lange Stiftspfarrer Ludwig in dünnen Hausschuhen durch Schnee und Pfützen. Der schwer erkrankte Mann konnte plötzlich so hurtig rennen wie der gesündeste Bauernbub. Über die Wasserlachen vor dem Garten des Meister Niklaus machte Pfarrer Ludwig Sprünge wie ein Wettläufer vor dem Ziel. Er wollte atemlos in die Werkstatt treten, fand die Tür verschlossen und schrie: "Ums Himmels willen, Nicki, so tu doch auf!" Hinter der Tür eine Zorn bebende Stimme: "Man hat mich eingesperrt." Die Sus stammelte: "Da ist der Schlüssel!" Nun musste der Pfarrer lachen. "Du hast in eingekastelt?" Dem Mädel kollerten die Tränen über das angstvolle Gesicht. "Was hätt ich denn tun sollen? Der Meister ist stärker als ich. Wie ich heimgekommen bin und hab erzählt, dass die Evangelischen hundertweis bekennen, hat der Meister gleich zum Bekenntnis laufen wollen. Da bin ich in meiner Seelenangst aus der Tür gerumpelt, hab zugesperrt und bin zu Euch gesprungen."

"Und das Luisichen?", fragte der Pfarrer sorgenvoll. "Weiß sie, was der Meister hat tun wollen?" Sus schüttelte den Kopf: "Die hab ich droben eingesperrt in ihrem Stübl. Gar nit gemerkt hat sie's. So durstig hat sie gebetet vor dem Jesukind." Der Pfarrer atmete auf: "Dich sollt man zum Kanzler von Berchtesgaden machen. Du bist die Gescheiteste von uns allen. Jetzt tu das Mädel behüten, derweil ich red mit dem Meister." Während dieser Worte des Pfarrers rüttelte der Eingesperrte immer an der Tür: "Gotts Not, so macht doch auf!"

"Ja, guter Nick! Erst muss ich das Schlüsselloch finden. Ich bin ein Kranker, mir zittern die Händ." Dieser unanfechtbaren Wahrheit zum Trotz wusste der Pfarrer, als er die Tür geöffnet hatte und über die Schwelle gesprungen war, sehr flink wieder auf der Innenseite den Schlüssel ins Schloss zu bringen und umzudrehen.

Meister Niklaus bekam eine dunkelrote Stirn. "Pfarrer! Meinen Weg gib frei!"

"Gleich, Herzbruder! Nur ein Wörtl!"

"Gewissen und Wahrheit vertragen kein Biegen nit."

Der Pfarrer sah, dass das Fenster offen stand und das schwere Gitter verbogen war. "Gewissen und Wahrheit sind wie eiserne Stangen. Ein bissl Biegen, wenn es vernünftig ist, vertragen sie schon. Nur gegen die Unvernunft sind sie bockbeinig. Und da ist's ein Glück, dass es noch allweil Schlosser gibt, die verlässliche Arbeit machen."

"Pfarrer?" Meister Niklaus streckte sich. "Willst Du mich hindern, als Christ meine Pflicht zu tun?"

"Ganz im Gegenteil! Ich will Dich in Deiner Pflicht bestärken." Weil der Meister den Pfarrer beiseite drängen und die Schwelle gewinnen wollte, stemmte der Greis sich gegen das Türschloss, in dem noch der Schlüssel stak. "Aber Herzbruder! Tu nit so grob mit mir! Seit gestern bin ich ein todkranker Mensch." Dem Meister fielen kraftlos die Arme herunter. Und der Pfarrer, nachdem er den Türschlüssel abgezogen hatte, sagte ruhig: "Schau, Nick! Ein Christ sein, ist ein wundervolles Ding. Aber jede Pflicht verlangt vom Menschen ein bissl Treu. Von Deiner Kunst will ich nit reden. Die ist durch Deine Redlichkeit eh' schon zu kurz gekommen um eine geschickte Hand. Aber willst Du vergessen, dass Du auch ein pflichttreuer Vater sein musst? Willst Du das Gute, das in Deinem Mädel gewachsen ist, wieder in Scherben schlagen? Willst Du Dein Kind in Tod und Verzweiflung treiben?" Das Gesicht in die beiden Hände pressend, von denen nur die hölzerne nicht zitterte, stand der Meister wortlos am offenen Fenster, überglänzt von einem steilen Strahlenbündel der Mittagssonne. "Komm, Herzbruder! Setz Dich zu mir aufs Bänkl her! Da wollen wir reden miteinander."

In der friedsamen Stille, die diesen Worten folgte, richtete draußen vor der Türe die Sus sich auf und bekreuzte unter einem Atemzug der Erquickung das blasse Gesicht. Heißen Blickes emporschauend nach der Richtung, in der sie den Wohnsitz Gottes vermutete, sprach sie mit jagender Flüsterstimme zwei Gebete, zuerst ein evangelisches, dann ein gutkatholisches. Und flink über die Stiege hinauf, um abermals zu lauschen - an Luisas Tür. Deutlich konnte sie die inbrünstigen Stammellaute einer Litanei vernehmen. Leis drehte Sus den Schlüssel und trat in die weiße, sonnige Mädchenstube. Vor dem flimmernden Jesuschrein lag Luisa auf den Knien, die blutfleckigen Hände ineinander gekrampft. Sie hörte nicht, dass jemand den flehenden Hilfeschrei der Litanei zur heiligen Gottesmutter andächtig mitsprach: "Bitt für ihn - bitt für ihn -" Als Luisa wieder ein Ave Maria beginnen wollte, sagte die blonde Magd mit lauter Stimme das Amen, fasste die Haustochter unter den Armen und hob sie vom Boden auf. "Komm, Kindl! So fromm hast du gebetet, dass die heiligste Mutter ihm helfen muss! Und schau, Du musst doch das blutfleckige Kleidl herunter tun! Musst Dir die roten Händlen waschen!" Lautlos bewegte Luisa die Lippen, umklammerte den Hals der Magd und presste das Gesicht an ihre Schulter. Nach heiteren Worten suchend, führte Sus die Haustochter zu einem Sessel, begann sie zu entkleiden und stellte das Waschbecken zurecht. Dabei lauschte sie immer in den Flur hinunter. Es dauerte lang, bis drunten das Klappen der schweren Tür an des Meisters Werkstätte zu hören war. Kein Schritt. Die Sus atmete erleichtert auf. Sie wusste gleich: Der Meister ist daheim geblieben, und nur der Pfarrer in seinen lautlosen Filzschuhen ist davongegangen. Als sie zum Fenster hinhuschte, sah sie den Hochwürdigen auf die Straße treten. Jetzt sprang der lange Pfarrer nimmer. Sehr achtsam umging er die Wasserlachen.

Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lärms, der die Marktgasse füllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu erkennen. Das flutende Leutgedränge hatte was Festliches. Und während der Klang des evangelischen Liedes her scholl von den Stiftshöfen, ragte auf dem Brunnenplatz der leer gewordene Schandbalken über das Gewühl der Köpfe hinaus. Man hatte den Büßenden aus Staatsräson begnadigt, um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich aus dem Gleichgewicht gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren flankiert, hinüberwatete zum Sanssouci der Allergnädigsten, die ihn durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein Prophetengeist war so verwirrt, dass er nicht ahnen konnte, welcher familiären Bestürzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte.

Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende Leutgewühl zu dem Haus seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur, in dem es nach Gewürzen duftete, fragte er die stumme Lena: "Ist Dein Herr daheim?" Da hörte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer müden Greisenstimme. Es war nicht das erste Mal, dass Pfarrer Ludwig in Lewitters Haus diese alte, schwermütige, wunderlich verzierte Tempelweise vernahm. Er hastete über die steile Treppe hinauf und hämmerte mit dem Fingerknöchel gegen die Türe. "Simmi! Tu auf! Ich bin's! Ein Mensch!" Eiserne Stangen klirrten ,und zwei Schlüssel drehten sich in den schweren Schlössern. Simeon Lewitter schlüpfte durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: "Ist Gefahr?" Der Pfarrer schüttelte den Kopf. "Die Leut von heut sind ungefährlicher als die von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Bloß die Regierung hat Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not mit mir gehabt."

"Den Bader hast Du holen lassen?" Simeons Augen wurden groß. "Warum denn mich nit?"

"Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis."

Erschrocken fragte Lewitter: "Wirst Du's nötig haben?"

Der Pfarrer lachte. "Wenn dem Willibald ein Tröpfl Verstand lebendig wird in der Stöcklmilch! Wahrscheinlich ist's nit. Aber allweil noch so möglich, wie dass der Gockel eine Henn wird, wenn man ihm freundlich zuredet. Und da sollst Du außer Spiel bleiben, Simmi! Aber weil mir der Bader nit geholfen hat, drum bin ich in den Filzpatschen hergelaufen zu Dir. Und Du hast mir ein feines Medikament verzapft. Gelt ja?"

Ohne zu antworten, huschte Lewitter davon, brachte eine haselnussgroße Pille und schob sie dem Pfarrer zwischen die Lippen. "Jetzt brauch ich nit lügen."

"Und ich brauch nimmer im Bett liegen. Da ist uns beiden geholfen."

"Eine seltsame Krankheit! So glaubhaft -" Lewitters Stimme wurde leis, "wie das Mirakel der Armeseelenkammer."

Schmunzelnd beugte sich der Pfarrer gegen das Gesicht des Freundes hin. "Gott sei Dank, Simmi, dass Du nit der Landrichter bist." Ein heiteres Lachen. In der Stille, die ihm folgte, klang der Hall des tausendstimmigen Bekennerliedes wie das ferne Rauschen einer Mühle. Herr Ludwig wurde ernst und fragte flüsternd: "Weißt Du, was geschieht da drunten?"

Lewitter wehrte mit beiden Händen und schlüpfte in seine leere Kinderstube. Drinnen klirrten die eisernen Stangen. Vor sich hinnickend, stapfte der Pfarrer die Treppe hinunter. In das Gewühl der Marktgasse wagte er sich nimmer. Hinter den Häusern watete er durch die Traufenbäche und begann, bevor er seine Wohnung erreichte, heftig zu niesen. Die Folgen seiner Verkühlung in den nassen Filzpantoffeln entwickelten sich mit der Schnelligkeit eines fürstpröpstlichen Läufers. Dem Jammer seiner Schwester konnte Pfarrer Ludwig das tröstende Wort entgegenhalten: "Gott bleibt allweil barmherzig. Wie nötiger ein Leiden ist, um so flinker schickt er's."

Brausend klang von den Stiftshöfen herauf das fromme Lied. "Tät die Regierung nit sagen, das ist Rebellion, so möcht ich glauben, das ist schöner Gottesdienst." Der Pfarrer ließ sich den Lehnstuhl ans Fenster rücken. Hier saß er, in wollene Decken gewickelt, sich immer schnäuzend, und blickte hinunter auf das Menschengewühl, das sich in dem weiten Hof mit jeder Minute vergrößerte.

Nicht nur Bauern und arme Handwerker standen da drunten, um auf die Eintragung in die Ketzerliste zu warten, auch wohlhabende Bürger des Marktes, die man noch nie als Unsichtbare verdächtigt hatte, zahlreiche Salzknappen und viele Dienstleute des Stiftes. Die fassungslose Regierung musste die Wahrnehmung machen, dass sie seit Jahren von 'Abtrünnigen' umgeben war bis zu den vergoldeten Füßen ihres Thrönchens.

Nichts von Aufruhr. Kein Schimpfen und Spektakulieren. Das Verhalten der Bekenner war ruhig, war durchglänzt von einem freudigen Glück. In dichten Gruppen standen sei beisammen, und immer wieder fing einer zu singen an, und hundert und tausend fielen ein, dass ihr froher Gesang wie das Osterleid einer Orgel war. "Christen? Ketzer?" Pfarrer Ludwig sah zum Geheimfach seines Schreibtisches hinüber. "Hat der Amsterdamer Singvogel recht, so sind es tausend Gotteskinder, näher dem Himmel als der Welt. Weil sie vorwärts drängen und Wahrheit suchen." Sinnend betrachtete er die lange Menschenkette, die sich gegen das Gerichtsgebäude hinüber schob. Bei aller friedsamen Bürgerruhe, die da drunten herrschte, gab es doch auch erregte Szenen. Es kamen gutgläubig gebliebene Frauen, verstört und weinend, um ihre evangelischen Männer und Söhne zu reuevoller Umkehr zu beschwören. Es kamen zornige Männer, die ihre 'verführten' Weiber und Töchter herausreißen wollten aus der Bekennerschar. Doch immer ruhiger wurden diese Wortkämpfe, je deutlicher die Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, von der man Gefahren für Gut oder Leben nimmer zu besorgen brauchte. Wie man den Leupolt Raurisser vom Holz der Unehr heruntergenommen hatte, ließ man auch alle Verhafteten wieder frei. Die gesetzliche Macht beschränkte sich darauf, zur Festlegung der Bekennernamen ein Tribunal zu errichten, dessen Vorsitz der Kanzler von Grusdorf übernehmen sollte. Leider musste man auf seine Mitwirkung verzichten. Er war von dem Besuch bei seiner unpässlichen Nichte Aurore de Neuenstein in einem Zustand heimgekehrt, der einem Schlagfluss ähnelte. So musste den Vorsitz des Tribunals der aus dem Schlaf gerüttelte Dr. Halbundhalb übernehmen. Als er in gespensterhafter Blässe zur dienstlichen Misshandlung der Wahrheit antrat, richtete Herr Anton Cajetan diese Rede an ihn: "Willibald! Dass Du ein Esel bist, hab ich immer gewusst. Aber so deutlich wie in diesen Tagen hast Du es noch nie bewiesen. Ich möchte weinen über die Arbeit, die Du fabriziert hast. Dass Du die Ehrlichen als Verbrecher erkennst und die Lumpen für Apostel der Wahrheit nimmst, das ist noch lange nicht die übelste von Deinen Schädigungen des Staates. Du wirkst wie ein Fäulniskeim. Ina allen Redlichen erschütterst Du den Glauben an die Gerechtigkeit, und den geheiligten Richterstand machst Du verächtlich vor allen Subjekten. Mais, que Dieu nous soit en aide, die böse Stunde lässt Dich unentbehrlich erscheinen - ich habe kein Rechtskamel, das kleiner ist. Setze Dich hinauf, lass die andern amten, suche würdevoll auszusehen und halte das Maul! Besser kannst Du mir nicht dienen." Als Beisitzer gab ihm Herr Anton Cajetan vier Kapitelherren, die beiden Chorkapläne und fünf Domizellaren. Graf Tige war nicht aufzufinden.

Die Moidi von Unterstein, die man zuerst verhaftet hatte, wurde auch zuerst verhört. Als Graf Saur die Frage an sie richtete: "Was glaubst Du?", öffnete sie das Mieder, zeigte die schwärenden Male der Faustschläge und sagte: "Ich glaub, dass es Gottes Willen nit ist, ein Menschenkind so zuzurichten." Die Herren waren ein bisschen betreten, und der Richter mit den verriegelten Zähnen klappte wie eine Eule die Augendeckel zu, weil der unsittliche Anblick seinen Prinzipien zuwiderlief. Dabei ließ er sich zu zwei verbotenen Worten hinreißen: "Du Schwein!" In Zorn antwortete das Mädel: "Auf den Hintern haben mich die Soldaten Gottes nit gehauen. Sonst hätt ich Euch den gezeigt. Und mir hätt's weniger weh getan." Graf Saur beruhigte die Empörte. Dann wurde sie drei Stunden lag über alle Glaubenssätze vernommen.

Als Zweiten wollte man den Fürsager von Unterstein citieren. Da polterte ein Ungerufener in die Amtsstube: Der Mälzmeister Raurisser. Er hatte die von seiner Frau versperrte Haustür in Fetzen geschlagen, um sich als evangelisch zu bekennen. Unter allem, was er Zähne knirschend vor sich hin biss, hatten nur die Worte Verstand, die er über die 'unchristliche Peinigung' seines Sohnes sagte, doch sein Glaubensbekenntnis war so verworren, dass man mit Sicherheit nicht unterschieden konnte, ob der alte Raurisser schon evangelisch oder noch gutkatholisch wäre. Dieses Dilemma wurde von Graf Saur durch die salomonischen Worte entschieden: "Mein lieber Mälzmeister! Geh er wieder heim, glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine so bekömmliche Biersorte wie bisher."

Nun wurde der Alte von Unterstein vor gerufen. Sein Verhör entwickelte sich für die beiden Chorkapläne zu einem erbitterten Wortgefecht. Der Greis ins einer unerschütterlichen Ruhe, in seiner graden und schlichten Einfalt, blieb ihnen keine Antwort schuldig und übertraf an Bibelfestigkeit die zwei Theologen bei weitem. Sie hätten seine Nierenprüfung ausgedehnt bis in die Nacht, wenn Graf Saur nicht festgestellt hätte, dass mit drei Verhören fünf kostbare Stunden vertrödelt wurden. "Protokollieren wir so weiter, dann müssen wir ein halbes Jahr lang durch Tag und Nacht verhören und sind im Herbst, wenn schon die Hirsche röhren, noch immer nicht fertig." Es war dringend notwendig, die Tribunalpraxis in ein summarisches Verfahren zu verwandeln. Es wurden sechs Tische aufgestellt. An jedem zwei Schreiber. Und nun wanderten die endlosen Reihen der Bekenner an den sich immer länger füllenden Listen vorüber. Man schrieb nur Namen, Alter, Lehen und Gnotschaft auf. Dann weiter um eine Nummer. Erst gegen die zweite Morgenstunde wurden die Stiftshöfe leer. Und als man an den Tischen des Ketzertribunals summierte, ergab sich die erschreckende Ziffer 2714.

Schon früh am Morgen begann die Zuwanderung der Bekenner aufs neue. Am Abend standen 4372 Namen verzeichnet. In der Dämmerung des dritten Abends waren es 5816, und als in den Nachmittagsstunden des folgenden Mittwochs der Strom der Subjekte, die sich als evangelisch bekannten, endlich versiegte, konnte die Regierung ihre Hände über der Ziffer 6394 zusammengeschlagen. Mehr als zwei Drittel der gesamten Einwohnerzahl des gefürsteten Landes von Berchtesgaden! Herr Anton Cajetan stand ratlos und erschüttert vor dieser ungeahnten Katastrophe. Er hatte schlaflose Nächte, Herr von Grusdorf entsetzliche Tage. Der Kanzler fühlte die Last der Verantwortung, wagte sich nimmer ins Stift und maskierte seine chronische Absenz durch einen schweren Anfall von Podagra. Auch jeden Besuch bei der Allergnädigsten unterließ er. Wurde ihr Name vor ihm genannt, so bekam er einen Gallenkrampf.

In Jesunder waren Zeichen einer Melancholie zu entdecken, die in Geisterstörung überzugehen drohte. Er zankte sich ununterbrochen mit seiner verehrten Frau Mutter, versagte bei jedem Bekehrungsversuch und konnte durch tag und Finsternis an nichts anderes denken, als nur an das ungelöste Rätsel der Armeseelenkammer. Immer hängte sich sein ganzes Sinnen und Grübeln an diesen einen Veracht: Der Pfarrer Ludwig! Um dem Chorkaplan diese aberwitzige Vorstellung aus dem Gehirn heraus zu beweisen, verschwendete Dr. Willibald alle schärfe seines Geistes. Zu Dutzendmalen sagte er: "Aber Bester! Endlich muss man sich doch von einer notorischen Wahrheit überzeugen lassen!" Im Bewusstsein, etwas justiziarisch Zweckloses zu unternehmen, nur, um den gequälten Jesunder von dieser Wahnvorstellung abzubringen, überraschte er den Pfarrer durch einen inquisitorischen Besuch. Der Verdächtige war jetzt wirklich krank, litt an einem Schnupfen von gewalttätigen Symptomen. Weil die Sache unbestreitbar war, begann der Landrichter an ihr zu zweifeln und sagte zu Jesunder: "Nun erkenne ich, dass Ihr nicht völlig unrecht habt." Er musste die infizierte Nase putzen. "Der Pfarrer simuliert."

Während solche Gedankenblitze unter den gepuderten Rosshaarwicklen des Landrichters wetterleuchteten, ging ein hoffnungsvolles Aufatmen durch das berchtesgadnische Land. In allen Häusern und Hütten der Bekenner war's wie ein stiller, schöner Ostermorgen der Wahrheit. Die Freude glänzte in den Augen der Evangelischen. Doch nirgends hörte man lauten Jubel, nie ein übermütiges Wort. Diese Sechstausend schienen wie erneut in ihrem Leben, wie erhoben und geläutert an allen Kräften ihres Herzens. Am Tag gingen sie fleißig ihrer Arbeit nach. Am Abend versammelten sie sich zur Fürsage und hörten das Wort Gottes. Und im ganzen Ländl erwies es sich, dass es für die Bekenner verschiedenen Glaubens kein Ding der Unmöglichkeit ist, verträglich Seite an Seite zu leben. In den Gutgläubigen, die treu an ihrem alten Himmel hingen, zitterte wohl der Schreck und die Trauer. Auch der Zorn. Aber in diesem gesunden, prächtigen Volksschlag gab es viele Verständige, die sich gut darauf verstanden, den Nebenmenschen nicht nach der Kittelfarbe einzuschätzen, sondern nach Herz und Leben. Auch waren die Unterschiede in den Glaubenssätzen nicht so beträchtlich, dass ein nachbarliches Brückenschlagen nicht möglich gewesen wäre für Menschen, die sich nicht leiten ließen von blindem Hass. Es standen auf katholischer Seite viel Männer und Frauen, die wesensverwandt mit dem Pfarrer Ludwig und der tapferen Frau Agnes waren, jeden aufbrennenden Hader besänftigten und immer sagten: "Ist unser Erlöser nit der gleiche? Sind wir nit geboren auf gleichem Boden? Sind wir nit deutsche Leut, die zusammengehören in Freud und Pein?"

Auch in den Häusern, in denen ein 'tiefer Graben' ausgeschaufelt war zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, begann es friedsamer zu werden, seit man nimmer zu besorgen hatte, dass man auseinander gerissen würde. Zwei Drittel der Einwohner eines Landes kann man nicht um Dach und Heimat bringen und über die Grenze jagen. Die Herren müssen zur Einsicht kommen, sie haben schon den Anfang gemacht, haben den Leupolt nach der vierten Stund am roten Balken begnadigt, haben keinen Bekenner ins Eisen geschmissen, werden sich verständigen mit den Evangelischen, wie's der Westfälische Frieden allen Deutschen vermeint hat, und müssen den Leuten ein ruhsames Nebeneinanderhausen vergönnen. Not und Elend ist aus dem Ländl hinaus geblasen, alles Böse wird linder sein, und die 'gute Zeit' wird kommen, auf die man in Schmerzen gewartet hat sein hundert Jahren und länger. Wie eine feste, heiße und schöne Freude war dieser Glaube in allen.

Der Fürsager von Unterstein schickte an die verschwundene, drüben im Bayerischen versteckte Hasenknopfin die Botschaft: "Komm wieder heim mit Deinem Mädel! Im Ländl ist lieber Gottsfrieden." Die Hasenknopfin konnte ihr Misstrauen nicht überwinden, wollte die Heimkehr ihres Mannes aus dem Preußischen außerhalb der Grenze abwarten, blieb unsichtbar für die berchtesgadnische Regierung und fühlte sich wohl auf bayerischem Boden.

Sie war eine weise Frau.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.